Mit Shanghai erging es bei seiner Gründung nicht viel besser wie mit

dem letztern. Am 17. November 1843 als offener Hafen erklärt, bedurfte

es mehrerer Jahre, um die Sümpfe trocken zu legen und die Flußläufe

zu regulieren. Während der ersten zwei Jahre wurden nur fünf Häuser

gebaut, und 1849, sechs Jahre nach der Eröffnung, hatten sich in

Shanghai erst 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern, darunter

sieben Frauen; Futschou, 1842 eröffnet, brauchte sogar zehn Jahre, bis

es einigen Handel bekam. Zur Zeit meines ersten Besuches war Tsingtau

freilich noch ein ganz merkwürdiger Ort. An fünftausend deutsche Männer

wohnten hier, aber keine einzige deutsche Frau, und seit Monaten hatten

diese fünftausend ein weibliches Wesen ihrer Rasse überhaupt gar

nicht gesehen. Keiner der fünftausend war über fünfzig, keiner unter

zwanzig Jahre alt, es gab keine Greise, keine Kinder. In den Straßen

war niemals ein Wagen gefahren, in den Ansiedelungen hat niemals ein

Hotel oder eine Wirtschaft unserer Art bestanden. Bürgermeister,

Richter, Militärkommandant, Landrat, alles war der Gouverneur in eigner

Person, und Zivilbeamte gab es noch keinen einzigen. Niemals hat es

unter so viel Männern so viel Ordnung, Gemeinsinn, Arbeitseifer und

dabei so wenig Erwerbssinn und Eigennutz gegeben. Ich habe auf meinen

Reisen, hauptsächlich in den jungen Minenstädten der Felsengebirge,

Ansiedelungen gesehen mit einer Bevölkerung, die auch nur aus Männern

bestand. Aber wie anders waren die Verhältnisse hier und dort!

[Illustration: Chinese mit Schubkarren in Tsingtau.]

Das regierte Element bilden hier die Chinesen. Als die rotbärtigen

Teufel mit ihren blinkenden Waffen landeten, gab es in Tsingtau nur

einige hundert Einwohner, vier Monate später waren ihrer ebensoviele

tausend, und die Einwohnerschaft hat sich seither wohl verzehnfacht.

Ein Winter hatte schon genügt, um dieser armen elenden Bevölkerung

verhältnismäßigen Wohlstand zu geben, und so viel Geld wie jetzt haben

sie in ihrem Leben gar nicht gesehen. Früher erhielten sie dreißig bis

vierzig Cash, das heißt sechs bis acht Pfennige am Tage, heute wohl

das sechsfache. Es hat sich in der ganzen Gegend herumgesprochen, daß

die Deutschen nicht stehlen und bedrücken, wie es die chinesischen

Soldaten gethan haben, sondern daß sie alles bar bezahlen. Arbeit gab

es sofort in Hülle und Fülle, und täglich kamen Dschunken mit Waren,

täglich lange Züge von Schubkarren. Diese letzteren sind die Equipagen,

Lastwagen, Karren, das wichtigste Beförderungsmittel der ganzen

Provinz. Für diesen Zuzug mußten Quartiere gebaut werden, überall

entstanden neue Häuser, überall wurde gemauert, gezimmert, gehämmert.

Und diese Thätigkeit wurde seit meinem Besuche, man könnte sagen,

von Tag zu Tag immer lebhafter. Jedes Schiff brachte neue Ansiedler,

Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Missionare; dazu massenhaft Waren,

Baumaterial, Maschinen, Bestandteile für industrielle Unternehmungen

aller Art. Unter vorzüglicher Leitung wurde in kürzester Zeit ein

praktischer Stadtplan entworfen und seine Ausführung sofort in

Angriff genommen. Hunderte von Chinesen arbeiteten an dem Unterbau

der breiten Prinz-Heinrichstraße, welche von dem Haupttempel parallel

mit der Meeresküste nach dem Brückenlager führt, und an der dieser

entlang laufenden Kaiser-Wilhelmstraße; zusehends entstanden die

Bismarck-, Tirpitzstraße mit zweckmäßigen Kanalanlagen; es wurde

eine Wasserleitung angelegt, der Bau eines Wellenbrechers im Hafen,

von Regierungsgebäuden und Beamtenwohnungen begonnen; das Material

dazu gewann man aus Steinbrüchen, nach welchen Eisenbahngeleise

gelegt wurden. Neben der Bauthätigkeit der Regierung entwickelte

sich auch jene von Privatunternehmern mit gleicher Lebhaftigkeit,

und heute, drei Jahre nach der Besitzergreifung Tsingtaus, steht an

Stelle des elenden Chinesendorfes eine freundliche, anspruchsvolle

geschäftige deutsche Stadt mit Hotels, Banken, großen Warenhäusern,

Fabriken und industriellen Anlagen der verschiedensten Art; dazu junge

Gartenanlagen, Privathäuser, Villen, im ganzen ein Gemeinwesen, wie es

in solcher Raschheit und verhältnismäßiger Vollkommenheit in China noch

niemals geschaffen worden ist. Das geht auch aus dem Jahresberichte der

kaiserlich-chinesischen Zollbehörde vom Jahre 1899 hervor, in welchem

gesagt wird: „Die neue Hafenstadt Tsingtau, früher ein ärmliches

Fischerdorf, welches auf dem Wasser- wie Landwege sehr viel weiter als

die andern Dschunkenhäfen der Bucht von den Hauptmärkten des Inlandes

entfernt, keinerlei kommerzielle Bedeutung besaß, ist auf dem besten

Wege, in baldigster Zeit eine in vielen Beziehungen mit den schönsten

Städten des Ostens rivalisierende moderne Stadt zu werden. Ausgedehnte

Kanalisations- und breite Straßenanlagen werden aus dem Felsen

gesprengt; elektrisches Licht und Telephonanlagen, Wasserwerke und

Anforstungen werden schnell gefördert, bequeme Wohnungen, komfortable

Hotels, Bureaus und Werkstätten sind überall im Entstehen. Die früheren

chinesischen Häuser sind aufgekauft und die Bewohner in eine gefällig

angelegte Musterstadt verpflanzt worden in der Nähe des nördlichen

Innenhafens. Auf diese Weise, getrennt von einer unter gesunden

Bedingungen untergebrachten chinesischen Bevölkerung, mit vorzüglichen

sanitären Anlagen, dazu beglückt mit einem herrlichen Klima, milder

als Tschifu im Winter und ebenso kühl im Sommer, mit vortrefflichen

Seebädern und luftigen Bergzügen, wie geschaffen für Sommerfrischen, in

unmittelbarer Nähe, bietet Tsingtau die beste Gewähr, sich zu einem der

ersten klimatischen Erholungsorte des Ostens zu entwickeln.

[Illustration: Flottmachen eines chinesischen Bootes in Schatzekau.]

Als Handelshafen erscheint die Zukunft des Hafens von Tsingtau in

gleicher Weise vielversprechend. Seine augenblicklichen Nachteile,

ungeschützte Ankerplätze und das Fehlen von Quais, ein Umstand,

der Umladen in Leichter, Zeitverlust und Unkosten für Schiffe wie

Ladung verursacht, sowie das Fehlen guter ins Hinterland führender

Straßen, werden bald der Vergangenheit angehören. Die neuen Häfen mit

Anlegestellen für die Schiffe, Geleisen, Güterspeichern und allen

modernen Einrichtungen sind schon im Bau begriffen; der kleinere, für

Küstenfahrer geeignet, wird voraussichtlich Ende 1900 fertiggestellt

sein, während der andere, für die größten Schiffe zugänglich, noch

mehrere Jahre bis zu seiner Vollendung bedarf. Die gleichfalls in

der Ausführung stehende Eisenbahn wird Tsingtau zum Ausgangspunkte

nehmen und den Hafen mit Kiautschou und den andern bedeutenden Städten

der reichen und nordwestlichen Distrikte der Provinz in Verbindung

bringen und die Haupt-Kohlen-, Seiden- und Strohgeflecht-Distrikte

durchschneiden.”

[Illustration: Partie aus dem Lauschan.]

Die Umgegend von Tsingtau ist weitaus nicht so reizlos, wie sie sich

vom Schiffe aus zeigt und wie sie vielfach geschildert wird. Zwischen

den einzelnen Küstendörfern ist jedes irgendwie verwendbare Stückchen

Land sorgfältig von den fleißigen Chinesen geackert und bebaut, rings

um die Dörfer und in diesen selbst erheben sich zahlreiche Obstbäume;

über den kegelartigen Erdhügeln der Toten stehen Föhren und Pinien, und

der Baumwuchs würde noch stattlicher sein, wenn es den Bewohnern nicht

vollständig an Brennmaterial fehlen würde. Die Chinesen lieben die

Natur, sie umgeben ihre Heimstätten und die Heimstätten ihrer Toten mit

Baum- und Blütenschmuck, aber der Selbsterhaltungstrieb ist stärker.

Um die Bäume zu schützen, brennen sie trockene Gräser, die sie mit

den Wurzeln ausreißen, sie fällen nicht die Föhren, sondern schneiden

die grünen Nadeläste ab, und jeder abgestorbene Baum wird durch die

Pflanzung eines neuen ersetzt. Dabei liegen reiche Kohlenschätze nur

hundertfünfzig Kilometer nördlich von ihnen. Die Eisenbahn, welche

jetzt schon von deutschen Ingenieuren gebaut wird, wird auch in dieser

Hinsicht segenbringend sein.

[Illustration: Gesamtansicht von Tsingtau.

1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde.

2. Gegenwärtiger Handelshafen.

3. Gegenwärtige Landungsbrücke.

4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).

5. Der Truppelberg.

6. Das obere Dorf.

]

Draußen im deutschen Gebiete und auf den entlegenen Außenposten an

den Grenzen von Deutsch-China halten junge Offiziere mit kleinen

Abteilungen Ruhe und Ordnung aufrecht. Sie wohnen in den mehr als

bescheidenen Bauernhäusern der Chinesen, kaum viel besser als die

Chinesen selbst, auf Stunden in der Runde nur von solchen umgeben.

Aber der Aufenthalt auf dem Lande entbehrt nicht eines gewissen Reizes,

besonders wenn der nahende Frühling alles verklärt, wo die Sonne wärmer

scheint und wo auch schon wie traute Grüße aus der fernen Heimat die

lieblichen Veilchen zu blühen beginnen. Ich habe das ganze große Gebiet

kreuz und quer durchzogen und war dabei nicht so sehr überrascht von

der Sorgfalt, mit welcher Obstgärten und Felder gepflegt und gehütet

werden, denn ich kannte den Fleiß des chinesischen Landmannes von

früheren Reisen. Was meine Verwunderung in viel höherem Grade erregte,

war die Dichtigkeit der Bevölkerung, die große Zahl von Dörfern, die

innerhalb Deutsch-Chinas liegen und die zusammen wohl an siebzigtausend

Einwohner zählen mögen. Es ist keineswegs ein wertloses Stück Land, das

deutsche Missionare ihrem Vaterlande mit ihrem Blute erkauft haben,

denn es kann diese ganze Bevölkerung nähren. Auf den elenden Fußwegen

zwischen den Feldern, an ausgewaschenen Flußläufen und gefahrvollen

Schluchten entlang reitend, gewahrte ich überall junge Gerste, Bohnen,

Erdnüsse, süße Kartoffeln; in den Obstgärten stehen in langen Reihen

Birnbäume, sorgfältig beschnitten und mit abgeschälter Rinde, um die

Bäume gegen Insekten zu schützen; in den Dörfern sah ich über die

steinernen Umfassungsmauern der Häuser mitunter Bambusstauden, Myrten

und Lorberbäume, Pinien, ja sogar große blühende Kamelienbäume. Am

Eingang jedes Dorfes erhebt sich ein Götzentempel, gewöhnlich von

alten, hohen Bäumen überschattet; in den Straßen wurde überall fleißig

gearbeitet, an Stelle der Mistjauchen unserer Dörfer liegt der Dünger,

mit zerkleinerten Bauziegeln vermischt, im Hinterhause und wird mit

rührender Sorgfalt und Sparsamkeit auf die Felder verteilt. An freien

Stellen befinden sich in jedem Dorfe Mahlmühlen, aus großen flachen

Steinen bestehend, auf denen sich eine schwere Steinwalze, gewöhnlich

durch Eselchen gezogen, im Kreise wälzt. Frauen bringen die schweren

Säcke herbei, verteilen die Körner auf der Mühle, treiben das Eselchen

an und verbringen die Zwischenzeit noch mit Nähen und Flicken. Bei

der Annäherung eines Europäers wenden sie ihr Gesicht ab oder laufen

davon, so schnell ihre winzigen Füßchen sie nur tragen können. Ich war

überrascht, wie sehr die Qual der Fußverkrüppelung in diesem Gebiete

verbreitet ist. Unter den Tausenden von Frauen, die ich zu Gesicht

bekam, besaß keine einzige ihre natürlichen Füße. Selbst wenn sie auf

den Feldern arbeiteten, oder Lasten trugen, steckten ihre Füßchen in

den kaum spannenlangen gestickten Seidenschuhchen. Sonst ist ihre

Kleidung jener der Männer ähnlich, nur daß sie an Stelle der blauen

oder weißen Beinkleider solche von knallroter Farbe tragen. Die Knaben

tragen schon von etwa zehn Jahren an den langen Zopf, der mit Hilfe von

eingeflochtenen Schnüren bis nahe an den Boden herabbaumelt; die Frauen

stecken ihre prächtigen, rabenschwarzen Haare mit Silbernadeln auf dem

Kopfe fest.

Auch an landschaftlichen Schönheiten ist das deutsche Gebiet reich;

auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen kleine

und große Inseln; die letzteren, mit Dörfern und Tempeln bedeckt,

sind gut bebaut, vor allem Potato-Island und die Tschiposaninsel.

Etwa in der Mitte des Gebietes erhebt sich der mächtige schwarze

Woschan, mit seinem östlichen malerischen Ausläufer, dem bewaldeten

Prinz-Heinrichberg. Die Grenze gegen das chinesische Gebiet aber bildet

der lange scharfgezackte Gebirgszug des Lauschan, dem einer meiner

letzten Ausflüge galt. Aus dem ungemein lieblichen, wohlbebauten

Connythale mit seinen Dörfern, Tempeln und Friedhöfen erhebt sich

seine gewaltige Masse, überragt von himmelanstrebenden Felsnadeln

und Spitzen. Die Besteigung dieses mit ungeheuren Trümmern besäten,

vollständig vegetationslosen Gebirgszuges war nicht gerade ein Genuß,

aber wir wurden doch belohnt durch den Anblick des reizenden Thales

von Jia-kung-tiën, mit dem gleichnamigen Kloster, das zwischen

Bambusstauden, Myrten- und Lorberbäumen halb verborgen daliegt. Die

freundlichen Taoistenmönche zeigen als ihren größten Stolz einen

wunderbaren Kamelienbaum von etwa sechs Metern Höhe und anderthalb

Metern Stammesumfang.

Je mehr ich von dem neuesten und gleichzeitig entferntesten Besitz des

Deutschen Reiches zu sehen bekam, desto mehr stieg meine Dankbarkeit

für diejenigen, die ihn dem deutschen Volke gegeben haben, denn ich bin

überzeugt, daß er mit jedem Jahre an Wert gewinnen und dem deutschen

Handel, wie der deutschen Industrie Segen bringen wird.

[Illustration]

[Illustration: Der Niam-Niamtempel (der „heiligen Mutter”) in

Kiautschou.]

Quer durch Schantung[2].

Mit Tsingtau hat das Deutsche Reich nur eine Pforte zu dem großen

unbekannten Hinterlande erreicht, und dieses, nicht Tsingtau, ist für

den deutschen Handel in China von der größten Wichtigkeit. Von diesem

Hinterlande und seiner Eröffnung wird es abhängen, ob der neue Hafen

an der chinesischen Küste eine Bedeutung erlangen wird, die über jene

einer Kohlenstation und eines Stützpunktes für die deutsche Flotte

hinausgeht, und die Errichtung von Faktoreien, größeren Hafenanlagen,

Leuchttürmen, Befestigungen rechtfertigt.

Wo immer man auf dem Erdball Umschau halten mag, wird man große

blühende Handelshäfen ausschließlich nur dort finden, wo schiffbare

Wasserstraßen nach einem fruchtbaren, dicht bewohnten Hinterlande

führen, oder wo die Bodenverhältnisse die Anlage von Eisenbahnen,

dieses wichtigsten Ersatzes für Wasserstraßen, möglich machen.

Wie sind nun diese Verhältnisse im Hinterlande von Deutsch-China

bestellt? Was liegt dahinter? Worauf stützt man die Hoffnungen

auf eine gedeihliche Entwickelung des Keimes, den die deutschen

Blaujacken an der fernen Küste von Schantung gepflanzt haben? Wer

kennt dieses Schantung aus eigner Anschauung? Was bisher davon ins

Abendland gedrungen ist, beruht großenteils auf Hörensagen. Seitdem

der große Venetianer Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert das ferne

Cathai bereist und mit seiner wundersamen Mär von dem chinesischen

Riesenreiche die Alte Welt in Erstaunen gesetzt hat, haben nur ein paar

englische Reisende, hauptsächlich Missionare, verschiedene Teile von

Schantung besucht; ein Deutscher ist vor dreißig Jahren ihren Pfaden

gefolgt, allein hauptsächlich mit wissenschaftlichen Zielen vor Augen.

Was sie berichtet haben, und was die in dieser Hinsicht unzuverlässigen

Chinesen über Schantung erzählen, bildete bis zu diesem Jahre die

Grundlage unseres Wissens. Was dort für den Handel zu holen ist, welche

Aussichten sich für einen Hafen an der Küste darbieten, hat uns noch

niemand, gestützt auf eigne Anschauung, erzählt. In dieser Hinsicht,

wie auch in Bezug auf die Geographie und Ethnographie des Landes, ist

Schantung großenteils noch eine ~terra incognita~.

Und doch sind die wenigsten Gebiete des großen asiatischen Kontinents

interessanter und würden eine so ergiebige Ausbeute für den Reisenden

darbieten, als gerade Schantung; denn abgesehen von den mineralischen

Schätzen, die dort unter der Erde schlummern, abgesehen von dem

eigenartigen Thun und Lassen der Bewohner dieses Landes zwischen dem

mächtigen Gelben Strom und dem großen Kaiserkanal, liegt ja dort, am

Südfuße der malerischen Berge des mittleren Schantung, das heilige Land

von China. Dort liegt die Geburtsstätte des großen Religionsstifters

der Chinesen, Confucius, sowie die seiner Apostel Mencius, Tse-Tse und

anderer. Dort liegen heute noch, wohlbehütet von ihren Nachkommen, die

Gräber dieser Weisen; und in einer Großstadt, Yentschou-fu, werden

ihre Lehren studiert, erklärt und über das ganze Land verbreitet;

unweit davon erhebt sich der sagenhafte heilige Berg von China, der

Taishan, mit seinen zahllosen Tempeln, Opferaltären und kaiserlichen

Denkmälern, zu Füßen des Taishan aber liegt das Mekka von China, die

große Pilgerstadt Taingan.

All das bot mir mehr als hinreichende Veranlassung, von dem deutschen

Hafen Tsingtau aus die Reise kreuz und quer durch die Provinz

Schantung, ein Gebiet so groß wie Süddeutschland, einschließlich der

Reichslande, zu unternehmen. Von meinen früheren Reisen in dem großen

Reiche der Mitte wußte ich, daß es galt Abschied zu nehmen von all den

Bequemlichkeiten des modernen Reiselebens und von allem Verkehr mit

der Außenwelt. In China ist der Reisende auf sich selbst und seine

eignen Hilfsmittel angewiesen, und da in Tsingtau der Handelsverkehr

noch ein Ding der Zukunft ist, hatte ich mir den erforderlichen

Reisebedarf, bis herab zu Kochgeschirren und Bettzeug, von Shanghai aus

besorgt.

An einem kalten, stürmischen, regnerischen Märztage verließ ich,

begleitet von meinen chinesischen Dienern und Photographen, Tsingtau

in einer elenden Dschunke, um über die weite Bucht von Kiautschou nach

der Stadt dieses Namens zu segeln. Eine andere Verbindung besteht

heute mit Kiautschou nicht, wollte ich nicht zu Pferd über Land um

die große Meeresbucht herum nach meinem in wenigen Monaten so berühmt

gewordenen Ziele reiten. Die Stadt war auch schon früher einmal, vor

Jahrhunderten, berühmt, als die Meeresbucht in ihrer nördlichen Hälfte

noch nicht so verschlammt war wie jetzt. Dutzendemale fuhr die kleine,

von fünf blöden Zopfträgern bemannte Dschunke auf den Schlammboden

auf; die einströmende Flut erst führte sie weiter in einen kaum vier

Schritte weiten Kanal, um in der Nähe eines elenden Chinesendorfes,

Tapautau, ganz stecken zu bleiben. Auf meine tags zuvor an den Mandarin

von Kiautschou gerichtete Bitte standen dort drei, mit mageren Gäulen

bespannte zweirädrige Karren bereit, und derartige Karren, mit einem

Reitpferd für mich, bildeten die Transportmittel meiner Karawane

während der ganzen, zwei Monate langen Reise.

[Illustration: Visitenkarte des Präfekten von Kiautschou.]

Die einst so blühende Hafenstadt Kiautschou liegt heute mehrere

Wegstunden von der Meeresbucht entfernt, auf trockenem Lande, und

nichts ist unrichtiger, als in Bezug auf Kiautschou von einer

Hafenstadt zu sprechen. Der Name Kiautschou als Bezeichnung für den

deutschen Besitz in China sollte überhaupt aus allen Zeitungen wie aus

der Leute Mund verbannt und dafür Tsingtau gesetzt werden. Tsingtau ist

ja der deutsche Hafen, von Kiautschou zulande anderthalb Tagereisen

entfernt. Statt Tsingtau Kiautschou zu nennen, ist gerade so, als würde

man in Deutschland statt der deutschen Stadt Emden das holländische

Groningen nennen. Kiautschou steht ja trotz seiner kurzen Besetzung

durch die deutschen Marinesoldaten im Jahre 1897 vollständig unter dem

steinernen Scepter des „Sohnes des Himmels”, und ein bezopfter alter

Mandarin, namens Lo, führt dort in seinem Namen die Regierung. Wohl

liegt Kiautschou in der Zone des sogenannten „deutschen Einflusses”,

und keine wichtigere Regierungsmaßnahme kann dort ohne Einwilligung der

Deutschen getroffen werden, allein Stadt und Gebiet sind unanfechtbar

chinesisch.

Obschon Kiautschou nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein

stattlicher, mit hohen Ringmauern umgebener Marktflecken ist, wird es

von den Chinesen doch noch immer als eine bedeutende Stadt betrachtet,

was schon ihr Name „tschou” besagt. Die Städte erster Größe heißen

in China „fu”, wie z. B. die Hauptstadt von Schantung Tsinanfu heißt,

Städte zweiter Größe heißen „tschou”, wie Kiautschou, Tsinningtschou,

jene dritter Größe, oder Kreisstädte, heißen „hsien”, wie Weihsien,

Poschanhsien. Nicht ohne eine gewisse Erregung ritt ich durch das

Stadtthor ein, auf welchem eine Zeitlang die deutsche Flagge geweht

hat; Abgesandte des Mandarins erwarteten mich hier, um mich durch die

von weiten grünen Feldern und schattigen Friedhöfen unterbrochenen

elenden Vorstädte nach der inneren Stadt zu führen. Bald hatten wir

die mächtige innere Ringmauer erreicht. Jenseits des vollständig

unbewachten Thores gelangten wir in ein Gewirr von engen Gassen,

eingefaßt von ebenerdigen Häuschen. Vor einem derselben wurde Halt

gemacht. Durch die weitgeöffneten Flügelthüren erblickte ich einen

Hof, in dessen Hintergrund sich eine Lehmhütte mit Strohdach erhob.

Das war mein „Hotel”, das zur Zeit der deutschen Besatzung auch als

Hauptquartier der Marinetruppen gedient hat. Eine wackelige Thür,

von innen durch hölzerne Querriegel notdürftig verschließbar, führte

in einen dunklen Raum, der als einzige Möbel einen Tisch und zwei

Stühle besaß. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Kabinette mit

Holzpritschen; der Fußboden bestand aus festgestampftem feuchten Lehm,

die kleinen Fensterchen waren mit dünnem zerrissenen Papier überzogen,

von Heizeinrichtungen, Betten, Waschgefäßen und dergleichen keine Spur.

All das muß der Reisende in China, wenn er auf etwas Bequemlichkeit

Anspruch macht, mit sich führen, und meine Diener hatten während

meiner Irrfahrten durch die Provinz mit dem Ein- und Auspacken all der

Gerätschaften täglich vollauf zu thun; denn ebenso wie dieses „Hotel”,

so sind auch alle anderen in Schantung, nur daß die Mehrzahl bei weitem

nicht so reinlich und verhältnismäßig so frei von Ungeziefer waren, wie

dieses historische deutsche Hauptquartier in Kiautschou.

Da ich mit offiziellen Empfehlungsschreiben seitens der chinesischen

Regierung reiste, so meldete sich bald nach meinem Eintreffen ein

Yamenbeamter, der mir die große rote Visitenkarte des Präfekten

überbrachte. Chinesische Etikette erfordert es, daß man die eigne

Visitenkarte, mit Namen und Titeln in chinesischen Schriftzeichen,

durch den Beamten zurücksendet und sich bei dem Stadtmandarin zum

Besuch anmeldet. Der erste Besuch, den ich Seiner Ehren, dem Präfekten

Lo machte, war nicht ohne Interesse. Allein mit Bedauern denke ich

heute an die kostbare Zeit zurück, die in jeder einzelnen der vielen

Städte und Marktflecken in Schantung mit den Besuchen und dem Empfang

der Gegenbesuche seitens der Mandarine verloren ging. Jeden zweiten

oder dritten Tag kam ich in eine Stadt, und statt mich sofort an die

Besichtigung derselben machen zu können, mußte ich die ersten zwei

oder drei Stunden derlei gesellschaftlichen Erfordernissen opfern. Wie

der bezopfte alte Lo, so empfingen mich auch alle anderen Mandarine

in vollem Staatskleide, umgeben von ihren Sekretären, Beamten und

Ehrengarden, in der Haupthalle ihres Yamens. Die drei großen Höfe,

die ich dabei zu durchschreiten hatte, waren gewöhnlich von vielen

Hunderten Neugierigen gefüllt, von denen der größte Teil einen Europäer

überhaupt zum erstenmal erblickte. In der Haupthalle angelangt, führten

die Anwesenden vor mir den Kautau aus, indem sie sich mit vor der Stirn

gefalteten Händen bis nahe dem Boden verbeugten. Dann führte mich der

Mandarin zu einem der beiden im Hintergrund befindlichen Stühle, nahm

aus den Händen eines Dieners eine Tasse Thee und stellte sie auf das

zwischen den Stühlen stehende Tischchen. Dann erst nahm er Platz und

die Unterhaltung begann mit Hilfe meines Dolmetschers. Leider verlangt

es die Höflichkeit, nicht früher aufzubrechen, bis der Mandarin seine

Theetasse zum Munde führt, und das dauerte mitunter sehr lange,

denn ebenso begierig wie ich es war, die Verhältnisse in Schantung

kennen zu lernen, ebenso begierig waren auch die Mandarine, etwas

über Deutschland zu erfahren, das sie ja nur dem Namen nach kennen.

Geographie wird in den chinesischen Schulen nicht gelernt.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 21 / 71 段