die Bureaus der Sekretäre enthalten, während das Mittelgebäude von dem
großen Empfangssaal des Mandarins eingenommen wird. Die Wände sind mit
schönen Ebenholzschnitzereien, Zeichnungen und Inschriften bedeckt,
von der Decke hängen Lampions herab, und an der hinteren Saalwand
liegt eine etwa zwei Fuß hohe Estrade mit einem kleinen Theetischchen
und einigen roten Kissen, der gewöhnliche Sitz für den Mandarin
und seine Besucher; an den Seitenwänden stehen abwechselnd kleine
geschnitzte Tscha-ki (Theetischchen) und ebensolche Armstühle. Durch
zwei Seitenthüren steht diese Empfangshalle mit den Privatgemächern
des Mandarins in Verbindung, die sich in den um einen dritten Hof
angeordneten Gebäuden befinden.
[Illustration: Allee zum Grabe des Confucius in Kin-fu.]
Die Yamenbeamten sind nur die Vertreter der kaiserlichen Regierung,
von dieser bestellt, nicht etwa städtische Beamte. Die Stadtverwaltung
wird ähnlich wie bei uns von der Bürgerschaft gewählt, und nur das
Tatarenviertel der einzelnen Städte untersteht direkt den kaiserlichen
Behörden. Je nach der Größe der einzelnen Städte sind diese in
eine verschiedene Zahl von Stadtvierteln eingeteilt, deren jedes
etwa sechzig bis hundert Familien umfaßt. Man darf sich aber diese
Familien nicht etwa so vorstellen wie bei uns. Häufig gehören mehrere
hundert Personen zu einer Familie und wohnen in eigenen ummauerten
Häusergruppen beisammen: Großeltern, Eltern, Kinder und Kindeskinder,
vielleicht zwanzig bis vierzig Familien derselben Abstammung. Die
Aeltesten jeder dieser Familiengruppen, chinesisch Kia-tschang,
bilden eine Art Stadtrat und wählen unter sich einen Aeltesten oder
Pao-tsching. Dieser ernennt die verschiedenen Beamten seines Viertels
und hat die Bestimmungen des Stadtrates bezüglich der Reinigung,
Aufsicht und Sicherheit in seinem Gebiet auszuführen. Für die
gemeinschaftlichen Interessen aller Stadtviertel wählen die Stadträte
der letzteren eigene Vertreter, und über diesen steht endlich der
Regierungsmandarin oder Taotai.
[Illustration: Mandarinsstiefel im Stadtthor von Kiautschou.]
Man darf nicht etwa glauben, daß diese Mandarine überall mit ihren
Erpressungen und Bedrückungen leichtes Spiel haben. Ganz wie ich es
in den koreanischen Städten gefunden habe, so geht es auch in China
zu, das ja doch nichts weiter als ein großes Korea ist. Treiben es die
Mandarine zu arg, so werden sie von der Stadtbevölkerung einfach vor
die Thüre gesetzt, ohne daß der Provinzgouverneur oder gar die Pekinger
Regierung dagegen Einspruch erheben würde. Ist die Stadtbevölkerung
dagegen mit der Verwaltung des Taotai zufrieden, so wird die
Dankbarkeit ihm gegenüber auf recht eigentümliche Weise zum Ausdruck
gebracht. Am Ende seiner Dienstzeit begeben sich die Mitglieder des
Stadtrats nach dem Yamen und bitten den Mandarin in ihrer blumenreichen
Sprache, der Stadt doch ein Paar seiner Stiefel zu schenken. Gewährt er
diese ihn besonders ehrende Bitte, so werden die Stiefel in feierlicher
Prozession mit Musik und Fahnen nach dem südlichen Stadtthor getragen
und dort an der Decke aufgehängt, wo sie bleiben, bis sie in Stücke
fallen.
Aber nicht nur der Stadtrat, auch das niedere Volk versammelt sich
häufig, um über öffentliche Angelegenheiten zu beraten, und als
Versammlungsort dienen in den Städten eigene Beratungshallen mit großen
Höfen, wo auch die wandernden Theatertruppen ihre Buden aufzuschlagen
pflegen, Hahnen- und Wachtelkämpfe stattfinden. Die unteren, ungemein
abergläubischen Volksklassen sind von Agitatoren leicht aufzuwiegeln,
besonders wenn irgendwo in einer Stadt das Feng-schui verletzt wurde.
Feng-schui heißt wörtlich Wind-Wasser, bedeutet aber den Schutz gegen
die bösen Geister, die in China überall in der Luft wie im Innern der
Erde herumziehen und fortwährend bestrebt sind, den Chinesen Unheil
anzuthun. Die glückliche Seite ist die südliche, und deshalb stehen
auch alle offiziellen Gebäude in China mit den Hauptfronten nach
Süden; vor den Thoren zu Privathäusern werden eigene freistehende
Mauern errichtet, um die bösen Geister abzuhalten. Kein Gebäude darf
höher sein als das andere, es sei denn eine Pagode oder ein Tempel,
und die Fremden, besonders die Missionare, müssen bei dem Bau ihrer
Häuser alle möglichen Finten anwenden, um die Chinesen zu beruhigen.
Selbst Flaggenmaste und Telegraphenstangen zerstören das Feng-schui.
Die Mehrzahl der Unruhen und Aufstände gegen die Missionare hat
diesen einfältigen Aberglauben zur Ursache. In Ningpo bestand der
amerikanische Konsul darauf, einen hohen Flaggenmast vor seiner Wohnung
zu errichten, und da er seinen Willen, gestützt auf die Kriegsschiffe,
durchsetzte, errichteten die Chinesen nahebei einen noch höheren Mast,
auf den sie als Gegenwirkung eine kleine teuflische Fratze setzten.
Lange, gerade Kanäle findet man in chinesischen Städten selten, denn in
solch breiten Avenuen könnten die bösen Geister zu leicht verkehren; wo
solche Kanäle sind, werden sie durch künstliche Inseln durchbrochen,
oder durch zahlreiche, verschieden hohe Brücken überspannt. Die geraden
Straßen der Stadt würden den bösen Geistern auch ungehinderten Durchzug
gewähren, deshalb werden die Firmentafeln vor die Häuser in die Straße
gehängt, wodurch die Teufelchen natürlich abgelenkt werden.
Ebensowenig wie Wasserleitung und Kanalisierung giebt es in den
chinesischen Städten Straßenbeleuchtung. Bis neun oder zehn Uhr abends
geht es in den Geschäftsstraßen recht lebhaft zu, und die kleinen
Oellämpchen in den weit geöffneten Kaufbuden werfen auch auf die
Straßen hinreichend Licht. Aber dann werden die Thore geschlossen,
die hölzernen Läden der Kaufbuden geräuschvoll zugeschlagen, die
Lampen ausgelöscht, und es herrscht überall Dunkelheit und Ruhe. Nur
hier und dort an Straßenkreuzungen oder an Brückenaufgängen flackern
armselige Lichter, die entweder durch gemeinschaftliche Beiträge der
Straßenbewohner oder durch die Freigebigkeit einzelner unterhalten
werden. Verspätete Passanten, die nach Hause eilen, tragen stets
Handlaternen, um auf den elenden Wegen nicht zu stolpern oder in Löcher
zu stürzen. Gegen Mitternacht hört alles Leben in den Straßen auf, man
hört nur den Schritt der Wachen und das Aufstoßen ihres Bambus- oder
Eisenstabes auf das Pflaster; alle zwei Minuten schlagen sie auch noch
kräftig auf einen Gong, um zu zeigen, daß sie wachen. Nichts konnte
mich zur Nachtzeit mehr ärgern als diese dumpfen, feierlichen Schläge,
die mich jedesmal aus dem Schlafe weckten. Schreitet ein einsamer
Wanderer durch die Straßen, erweckt er zufällig einen Hund, so bellen
bald Hunderte oder gar Tausende dieser Bestien und machen während einer
halben Stunde einen derartigen Heidenlärm, daß von Schlafen keine Rede
sein kann.
Gegen Diebe und Einbrecher gewähren die Wachleute natürlich keinen
Schutz, weil sie ja ihr Nahen selbst durch ihre lärmenden Schritte
und Stockschläge verkünden. Häufig folgen ihnen aber ein paar hundert
Schritte hinderdrein andere, ruhig einherschleichende Wachleute,
und diesen gelingt es nicht selten, Einbrecher auf frischer That zu
ertappen.
Zwei oder drei Stunden nach Mitternacht beginnen die zahlreichen
Hähne zu krähen, endlich bricht die Dämmerung an, und bald erwacht
die Stadt aus ihrem Schlafe; das Gepolter mit Thüren und Fensterläden
ertönt von neuem; die niedrigen Schornsteine beginnen zu rauchen, die
Einwohner kochen ihren Morgenreis und bereiten sich zu neuem Tagewerk
vor. So viele Arme es in den chinesischen Städten auch geben mag, ihre
Mahlzeiten, Reis, Gemüse, Fische haben auch die Bettler, ausgenommen
zur Zeit von Hungersnot. Die Glücksgüter sind in China lange nicht so
ungleich verteilt wie bei uns, und herrscht in dem Reiche der Mitte
auch nicht so protziger Reichtum und Luxus, so giebt es dafür auch
nicht so viel offenes und verstecktes Elend.
[Illustration]
Tsingtau und Deutsch-China.
[Illustration]
Schon in der im Jahre 1896 verfaßten ersten Auflage dieses Buches habe
ich auf den Hafen von Kiautschou verwiesen und im Kapitel über die
europäischen Handelshäfen in China bemerkt: „Die Zahl, das Ansehen
und der Handel der Deutschen in Ostasien sind so groß, daß auch in
anderen Häfen deutsche Landerwerbungen sehr wünschenswert wären, wenn
man sich nicht entschließt, einen eigenen Hafen von der chinesischen
Zentralregierung zu erwerben. Niemals war die Gelegenheit dazu
günstiger als jetzt.” -- Ich ahnte damals nicht, daß dieser gewiß
allgemein geteilte Wunsch so bald in Erfüllung gehen sollte. Wenige
Monate nach der Besitzergreifung Tsingtaus durch das Deutsche Reich
traf ich dort ein, um den Hafen und das Hinterland, das bis dahin von
keinem Europäer in allen seinen Teilen bereist worden war, kennen zu
lernen.
Als wir zwischen den kleinen Felseninseln, die Kiautschou vorgelagert
sind, gewissermaßen den Portierlogen des neuen Deutsch-China,
hindurchfuhren, wies der Kapitän unseres Schiffes auf ein langes
felsiges Vorgebirge, das von Süden her weit vorspringt und das er mit
Kap Evelyne bezeichnete. Diesem gegenüber, aber weit landeinwärts,
verläuft eine zweite langgestreckte Halbinsel im Meere, gegen Osten an
eine Gruppe von mächtigen, schwarzen Bergen anschließend, von denen bis
zur Besetzung des Gebietes durch die Deutschen nur der höchste, der
bis auf elfhundert Meter in die Wolken ragende Lauschan, einen Namen
besaß. Seither sind auch die anderen Berge mit Namen belegt worden. Dem
Lauschan zunächst liegt der Prinz-Heinrichberg mit feinen an die Mythen
bei Schwyz gemahnenden Spitzen; dann folgt der Kaiserstuhl, und noch
näher an die Einfahrt zur Kiautschoubucht der Diederichsberg, dann als
Wahrzeichen und Signalpunkt der Bucht der teilweise bewaldete Kegel
des Truppelberges, genannt nach dem wackeren damaligen Kommandanten in
Kiautschou, Kapitän Truppel.
Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick dieses Hafens besonders
fesselte. Die Berge, und selbst die zwischen ihnen liegenden Thäler,
zeigten nur wenige Spuren von Grün, auf dem zackigen Grat des
schwarzen, düsteren Lauschangebirges lag Schnee, und von Besiedlung,
von Dörfern, Städten und Gärten war nicht das geringste zu sehen. Und
doch ist Schantung eine der reichsten, fruchtbarsten, am dichtesten
besiedelten Provinzen Chinas.
Erst als wir der Küste der nördlichen Halbinsel ganz nahe waren und
die Ankerkette rasselnd in dem hellgrünen Seewasser verschwand, lenkte
der Kapitän unser Augenmerk auf eine Anzahl niedriger Lehmmauern,
die sich von der graugelben Umgebung kaum abhoben und nur durch die
schwarzen Dächer kenntlicher gemacht wurden. Das ist der Sitz der
deutschen Regierung, das ist Tsingtau, der Hafen von Kiautschou. Ich
richtete mein Fernglas auf diese öde Häuserguppe. Nahe dem sandigen
Meeresstrande breitete sie sich aus, rings umgeben von Militärlagern,
über denen schwarz-weiß-rote Flaggen wehten. Das nächste Lager oder
Fort, wenn man will, liegt unmittelbar am Meere, und von dort streckt
sich eine lange, eiserne Brücke in die See, der Landungsplatz von
Tsingtau.
[Illustration: Der deutsche Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.]
Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen weißen Dampfpinassen,
bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen,
welche die Post für die verschiedenen Schiffe abzuholen hatten. Die
Frachten und Passagiere wurden in einer chinesischen Dschunke an die
Landungsbrücke gebracht, die noch aus der Chinesenzeit stammt, gerade
so wie alle Militärlager und die meisten von der deutschen Regierung
besetzten Gebäude. In den wenigen Wintermonaten, die seit der ersten
Landung der deutschen Truppen verstrichen waren, ist wohl sehr viel
gearbeitet worden, aber ein chinesisches Küstendorf kann nicht so ohne
weiteres in eine deutsche Hafenstadt verwandelt werden. In Deutschland
war der Name Tsingtau bis zu meiner Abreise Anfang Februar 1898 ganz
unbekannt, und Kiautschou war in aller Mund. Nach Kiautschou wurden
die Postkarten aller Kolonialenthusiasten gerichtet, nach Kiautschou
die Briefe von zahlreichen Briefmarkensammlern, die sich chinesische
Briefmarken mit dem Poststempel Kiautschou erbaten. Kiautschou liegt
aber etwa fünfzig Kilometer landeinwärts und ist von der See aus
ganz unzugänglich, ja es ist überhaupt nur ganz vorübergehend von
den deutschen Truppen besetzt worden. Tsingtau ist, wie gesagt, nur
ein kleines Fischerdörfchen, aber es ist für die Schiffahrt und die
künftigen Hafenanlagen so günstig gelegen, daß es von den Behörden
auch zum Sitz der Regierung ausersehen worden ist. Kiautschou hat in
Deutschland den Rahm abgeschöpft und ist ganz unverdienterweise zu
einer Berühmtheit gelangt, die eigentlich Tsingtau zufallen sollte.
[Illustration: Eine Gruppe des schönen Geschlechts in Deutsch-China.]
Von der Landungsbrücke führte ein Fußweg an dem von deutschen Soldaten
besetzten Brückenfort vorüber, dem sandigen Meeresstrande entlang, nach
dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender,
hübsch gebauter Götzentempel präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke
ragen über die mit wunderlichen Steinfiguren geschmückten Dächer der
verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sind auch die
größten des ganzen Ortes, denn zum Namen des Gouverneurs schreitend,
sah ich zu beiden Zeiten der engen Hauptstraße nur kleine niedrige
Chinesenhäuser mit winzigen, papierbekleideten Fensterchen. Glas war
in dieses entlegene Nest von Schantung noch ebensowenig gedrungen wie
Seife. Hunderte von den langbezopften Söhnen des Reiches der Mitte
drängten sich in dieser Straße zwischen den ärmlichen Kaufläden, alle
in der gleichen charakteristischen Kleidung: blaue Baumwolljacken,
blaue Beinkleider. Im Sommer tragen sie nur diese, im Winter werden
Jacken und Beinkleider mit Baumwolle gefüttert. Wird es kälter, so
legen sie darüber noch eine zweite dick wattierte Jacke an und häufig
noch eine dritte und vierte, so daß manche von ihnen aussehen wie
wandelnde Baumwollballen zumal die Aermel wie bei Zwangsjacken um einen
halben Fuß länger sind, als die Arme. Daß von einem Wechsel der Kleider
während des Winters keine Rede sein kann, sah ich auf den ersten Blick,
und auch meine Nase konnte diese Wahrnehmung machen. Zwischen den
Kaufläden kauerten ambulante Händler mit ihren nichtigen Waren, Nägeln,
Streichhölzern, Tabak in Papierbeutelchen, Pfeifen, Erdnüssen, Kuchen.
Hier und da war an der Häuserfront auch ein Kochherd gebaut, mit einem
kleinen Schutzdach darüber, und darauf wurde in riesigen Töpfen der
Tschau-Tschau, das Mittagmahl, zubereitet.
[Illustration: Hauptstraße in Tsingtau.]
Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere
ab, und diese war augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel des
Ortes. Freilich zeigte auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige
Chinesenhäuser mit Steinmauern, Papierfenstern und Strohdächern, aber
der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die
große Reinlichkeit, die überall herrschte, bewiesen, daß hier unmöglich
Chinesen wohnen könnten. In der That trugen zwei der Häuser die Namen
der zwei einzigen deutschen Handelsherren, welche sich bisher hier
angesiedelt hatten: Schwarzkopf & Co. aus Hongkong und Sietas & Co. aus
Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich
Deutsche Post”. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz,
auf welchem sich der Yamen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz
so eingerichtet, wie alle Yamen der chinesischen Mandarine. Dem von
einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine
hohe Schutzwand gegen die bösen Geister, sowie der große Flaggenstock,
auf dem heute die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Ins
Innere des Yamens tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen
Hof, von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem
sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befanden. Hier
sollte auch ich Unterkunft finden, denn von Hotels oder Logierhäusern
war zur Zeit meines Eintreffens, Mitte März, noch keine Spur vorhanden,
und erst später ging man daran, das frühere chinesische Zollhaus
zu einem Absteigequartier für Fremde einzurichten. Ein breiter
Durchgang in dem Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von
chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden
aus geschnitztem Holz eingefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält
die nur aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs, und die
beiden Zimmer, die für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich
eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig
ein, ja es mußten noch die dahinter befindlichen Kasernen der längst
verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden.
[Illustration: Chinesischer Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.]
[Illustration: Hauptstraße von Kaumi.]
Dieses Einrichten der Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der
Straßen und Plätze des Dorfes, die Verbesserung der Wege, Brücken,
Flußläufe, Dämme und dergleichen war die größte Aufgabe, welche die
wackeren deutschen Truppen während der bisher verflossenen kalten
Wintermonate auszuführen hatten. Der chinesische Bauer und der
chinesische Soldat sind keineswegs für ihre Reinlichkeit berühmt, und
andere Bewohner besaß Tsingtau überhaupt nicht. Polnische Dörfer hätten
in Tsingtau vor der deutschen Besetzung als Muster von Reinlichkeit
angesehen werden können, und daß auch die chinesische Regierung
für ihre Unterthanen nur sehr wenig thut, ist sattsam bekannt. Um
diese Mistgrube von Deutsch-China zu reinigen, wurden allerdings die
bezopften Kulis, deren man habhaft werden konnte, in den Dienst
gepreßt, allein die Matrosen von den Kriegsschiffen und die Soldaten
des Marine-Infanteriebataillons mußten fleißig mithelfen. Ihr Fleiß,
ihre Ausdauer, und die Freudigkeit, mit der Offiziere sowohl wie
Mannschaften sich an das ungewohnte, und man kann wohl sagen, unwürdige
Werk machten, verdienen alle Bewunderung. Wohl gab es in Tsingtau
das Gouverneursyamen und die fünf großen mit Lehmmauern umgebenen
Militärlager, in deren ebenerdigen Gebäuden das chinesische Militär
bis zur Besetzung wohnte, ja dieselben waren sogar in einem besseren
Zustande, als ich sie sonst bei früheren Reisen im chinesischen Reiche
angetroffen hatte. General Tschang, der arme Befehlshaber von Tsingtau,
war für chinesische Verhältnisse ein ganz ausgezeichneter Offizier.
Zur Zeit des chinesisch-japanischen Krieges sollte Tsingtau in einen
festen chinesischen Kriegshafen umgewandelt werden, und Tschang hatte
rings um den Ort der ganzen Seeküste entlang Mauern aufführen, die
festen Militärlager anlegen und alles in, allerdings chinesischen,
Verteidigungszustand setzen lassen, so daß die Deutschen bei ihrer
Besetzung des Ortes viel vorgearbeitet fanden. Wollten aber deutsche
Soldaten die chinesischen Kasernen beziehen, so mußten diese doch von
Grund aus neu gereinigt, verbessert, neu eingerichtet werden. Wo die
Maurer, Schlosser, Zimmerleute und dergleichen finden? Da wurde denn
der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker, und statt mit
Gewehr und Säbel, mußten sie mit Kelle und Hobel arbeiten, aber das
Gewehr doch stets zur Seite. Nur der umsichtigen Leitung, der Ordnung,
Disciplin, Anspruchslosigkeit und dem guten Mute, der alle beseelte,
gelang das anscheinend Unmögliche. Nach der harten Tagesarbeit
kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlicherweise
nicht, desgleichen waren keine Oefen zum Wärmen der eisig kalten,
dunklen Räume, keine Glasscheiben für die papierüberklebten Fenster,
keine Küchen vorhanden; die armen Leute mußten in Hängematten
schlafen, Offiziere wohnten zu zweien und dreien in engen, dunklen,
feuchten Räumen, speisten wie im Felde vor dem Feinde, entbehrten
der notwendigsten Bequemlichkeiten und mußten dabei auch noch den
anstrengenden Garnisonsdienst versehen.
[Illustration: Der achtzigjährige blinde Abt von Tsingtau.]
Das Ergebnis dieser harten Arbeit zeigte sich schon nach wenigen
Monaten. Die Kasernen, die ganzen Militärlager wurden zu Mustern
von Sauberkeit; ganz Tsingtau wurde gesäubert, die Straßen wurden
beleuchtet, ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis;
die Häuser wurden mit Nummern versehen, an den Straßenecken sah
man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz,
Paroleplatz und andere. Die Wege waren ausgebessert, zwischen dem Yamen
und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrschte
Telephonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau
erhebt, befand sich bereits eine Signalstation, in den Straßen
sah man zwischen dem lebhaften Chinesengedränge schon Polizisten,
überall herrschte Ordnung, und die Grundlage für eine gesicherte
Weiterentwickelung der jungen Hauptstadt von Deutsch-China war
gelegt. Auch die vorläufigen Untersuchungen über den neuen deutschen
Kriegshafen und über das zukünftige Handelsemporium wurden beendet. Die
Offiziere der Kriegsschiffe, welche jenseits der Halbinsel Tsingtau in
der Bucht von Kiautschou ankern, haben die Untersuchungen durchgeführt
und gefunden, daß dieser Hafen längs der Nordküste der Halbinsel von
Tsingtau, an der Bucht von Kiautschou angelegt werden müsse, denn dort
befindet sich ein etwa zehn Kilometer langer, einen Kilometer breiter
Streifen tiefen, sicheren Fahrwassers, der durch die fortschreitende
Anfüllung und Verseichtung der Bucht erst nach Jahrhunderten gefährdet
werden dürfte.
[Illustration: Das Ostlager in Tsingtau.]
Von dem hohen Erdwalle des Höhenlagers, das nahe der Spitze der
Halbinsel Tsingtau liegt, gewann ich den ersten Ueberblick über die
ganze zukünftige Anlage und kam zu der Ueberzeugung, daß die Zeiten
gewiß nicht fern sind, wo an Stelle der sandigen Gerstenfelder,
die sich zwischen dem heutigen Tsingtau und dem Hafen in der Bucht
ausdehnten, eine blühende deutsche Handelsstadt sich erheben wird, mit
allen modernen Einrichtungen, wo elektrische Bahnen zwischen beiden
Küsten verkehren und der Hafen mit Schiffen aller Flaggen gefüllt sein
wird. Vor meinem geistigen Auge sah ich an Stelle der Götzentempel
christliche Kirchen stehen und längs des sandigen Meeresstrandes,
der die Bucht von Kiautschou umfaßt, Eisenbahnzüge laufen, welche
die Schätze der Provinz zum Hafen, die deutschen Industrieprodukte
aber nach der Provinz bringen sollten. Seit Jahren war ich in den
Zeitungen und durch zahlreiche öffentliche Vorträge für diese Erwerbung
eingetreten, und jetzt, da ich sie gesehen, war ich mehr als jemals
überzeugt, daß sie dem deutschen Handel zum Segen gereichen würde.
In Hongkong und Shanghai lagen die Verhältnisse in den Anfangszeiten
viel ungünstiger als in Tsingtau, und es hat Jahre gebraucht, bis auch
nur der Keim zu den Weltstädten von heute gelegt war. Hongkong wurde
im Jahre 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später,
1846, war der Grund für die neu zu bauende Stadt trockengelegt und
überhaupt bewohnbar. Die Verhältnisse waren dort überaus ungünstig,
Malaria und Fieber wüteten so fürchterlich, daß ein Regiment Soldaten
binnen einem Jahre über zweihundert Mann verlor. Ja der erste
Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der englischen Regierung auf
Grundlage mehrjähriger Erfahrungen sogar, die Kolonie ganz aufzugeben.
Und trotz dieser scheinbar kaum zu überwindenden ungünstigen
Verhältnisse ist Hongkong heute ein Welthafen von der größten Bedeutung.
[Illustration: Vor dem Yamen des Gouverneurs.]