und Errichtung von Agenturen als irgend eine andere offene Stadt
Chinas, Shanghai und vielleicht Tientsin ausgenommen. Die Fahrt von
Shanghai nach Hankau auf prächtigen Flußdampfern erfordert vier Tage,
und fast täglich kommen und gehen Dampfer, so daß die Verbindung mit
der Außenwelt und mit Europa sehr günstig ist. Das Leben in Hankau
ist ganz ansprechend, das Klima ähnlich dem unserigen, nur ist es im
Sommer während einiger Wochen heißer und feuchter. An Vergnügungen ist
dort eher zu viel als zu wenig vorhanden; es bestehen zwei Klubs mit
vielen Zeitungen, Billards und Spielsälen, Cricket, Lawntennis, Jagden,
Ruder-, Yacht- und sonstige Sportvereine. Im Winter werden Bälle, im
Frühjahr Pferderennen und Football matches veranstaltet. Es fehlt nicht
an Aerzten, an Kaufläden für den nötigen Hausbedarf, und die beiden
katholischen Missionen haben eigene Hospitäler, von denen eins eine
Abteilung für Europäer besitzt.
Die chinesische Bevölkerung wird zuweilen ein wenig unangenehm, und es
ist schon zu ziemlich ernsten Unruhen und Aufständen gegen die Europäer
gekommen, doch pflegt im Strome vor den europäischen Ansiedelungen
irgend ein englisches, deutsches oder sonstiges Kriegsschiff zu
liegen, das im Notfalle die ganze fremde Bevölkerung leicht aufnehmen
kann. Ueberdies wissen die Europäer sich sehr gut zu verteidigen. Sie
haben zu diesem Zweck ein eigenes, mit Gewehren, Kanonen, Hieb- und
Stichwaffen versehenes Arsenal, dazu spanische Reiter zur Absperrung
der Zugänge. Gelegentlich der Unruhen im Jahre 1891 erließ der
englische Konsul am 19. Juni an die Europäer Hankaus eine Proklamation,
die zur Charakterisierung der dortigen Zustände und als Kuriosum hier
wörtlich wiedergegeben werden mag, denn ein ähnliches Schriftstück ist
wohl in der Geschichte selten vorgekommen.
I. Das Verteidigungskomitee von Hankau hat die Hongs (d. h.
Warenhäuser) der Herren Moltschanoff, Petschatnoff u. Cie. und der
Herren Jardine, Matheson u. Cie. als die beiden Zufluchtsstätten
bestimmt, wohin im Falle von Alarmierung alle Frauen und Kinder sofort
gebracht werden sollen. Dies soll von den Familienvätern persönlich
besorgt werden.
Alarmsignale. Bei Tage: drei rasch aufeinanderfolgende Kanonenschüsse.
Bei Nacht: außerdem Raketen und blaue Signalfeuer.
II. Der unterzeichnete Konsul hat keine Nachricht, der zufolge in
absehbarer Zeit ein Angriff auf die Europäer beabsichtigt wird. Wir
haben im Strome zwei Kanonenboote liegen, die uns beschützen würden.
Der Unterzeichnete hat volles Vertrauen in den Willen und in die
Macht der (chinesischen) Behörden, Aufstände zu unterdrücken. Dem
Unterzeichneten ist es aus seiner dreißigjährigen Erfahrung in China
bekannt, daß geheime Gesellschaften hier immer bestanden haben, allein
sie sind seiner Ansicht nach heute weniger gefährlich als früher, und
auch in den Gesinnungen der chinesischen Beamten gegen uns ist eine
Wendung zum Bessern bemerkbar.
Der Unterzeichnete unterstützt alle von den Europäern unternommenen
Vorkehrungen zur Verteidigung;... er besitzt in Bezug auf das Verhalten
des chinesischen Pöbels gewisse Erfahrungen; Aufstände des letzteren
können durch einige resolute Männer, welche gemeinsam und unter
einheitlicher Leitung sofort auftreten, leicht unterdrückt werden.
Der kgl. großbritannische Konsul: C. T. Gardner, ~m. p.~
Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte.
Aehnlich wie die jüngsten Städte der Neuen Welt, so zeigen auch die
uralten Städte des chinesischen Reiches in ihrem Aussehen wie in ihrer
Anlage große Einförmigkeit. Was von den ersteren gilt, kann auch von
den letzteren gelten: hat man eine gesehen, so hat man alle gesehen.
[Illustration: Spaziergänger mit Singvögeln.]
Wer in China erwartet, ähnliche Sehenswürdigkeiten zu finden, wie
die Städte Europas sie in ihren Kirchen, Palästen, Museen, Gärten,
Theatern, Denkmälern, Fabrikanlagen besitzen, würde in ärgster Weise
enttäuscht werden. Die erste Chinesenstadt, welche der Europäer
besucht, sei es Canton oder Tientsin oder Tschifu, wird ihn durch die
eigenartige Bauart der Häuser, die alten Ringmauern und Thore, die
hohen Pagoden und vor allem durch das seltsame bewegte Volksleben
fesseln, das sich in den bunten, kuriosen Straßen abspielt. Aber in der
nächsten Stadt, die er berühren sollte, wird er dieselben Ringmauern,
dieselben Pagoden, dieselben Häuser und Straßen wiederfinden, und so
wiederholt sich dies in dem ganzen Reiche mit geringen Abwechslungen.
Selbst die beiden berühmten Hauptstädte Chinas, Peking und Nanking,
bilden keine Ausnahmen. Es ist wie bei einem Regiment Soldaten: die
Individuen sind verschieden, die Uniform ist dieselbe. Und dabei ist
diese Uniform, das Aeußere der chinesischen Städte, bei weitem nicht so
malerisch, so fesselnd, so altertümlich, wie beispielsweise irgend eine
Stadt unserer schönen, sonnigen Mittelmeerküsten.
[Illustration: Jischang am Jangtsekiang.]
Wer eine chinesische Inlandstadt besuchen will, die nicht gerade an
dem mächtigen Jangtsekiang liegt, der muß entweder ein plumpes, von
Chinesen geleitetes Boot mieten, oder den Weg dahin auf Maultierrücken
zurücklegen, denn mit Ausnahme des genannten Stromes herrscht auf
keinem Fluß Chinas für größere Strecken Dampferverkehr; Eisenbahnen
sind vorläufig unbekannt, und da es in China nur sehr wenige
fahrbare Straßen giebt, ist auch der Reisewagen als Transportmittel
ausgeschlossen. Wo er vorhanden ist, wie etwa zwischen Tientsin und
Peking, wird es sich der Reisende wohl dreimal überlegen, ehe er sich
zu einem derartigen Marterkasten entschließt. Weder die Unsicherheit,
noch die Unkenntnis der ungemein schwierigen Sprache, noch die Kosten
bilden so bedeutende Hindernisse für Reisen in China, wie der Mangel
an Verkehrswegen. Die Unsicherheit ist nicht so groß, als man bei uns
annimmt, keineswegs größer, als in vielen anderen von Europäern gern
bereisten Ländern; die Schwierigkeit der Verständigung mit den Chinesen
wird durch die Anwerbung eines Dolmetschers umgangen, ja ein solcher
ist geradezu eine unbedingte Notwendigkeit; und was die Reisekosten
betrifft, so sind sie sehr gering, kaum die Hälfte, unter Umständen
sogar ein Viertel jener, an welche man in Europa gewöhnt ist.
Gerade wie es bei uns im Mittelalter der Fall war, ist die weitaus
größte Zahl der chinesischen Städte mit festen Ringmauern umgeben,
deren Thore bei einbrechender Dunkelheit gesperrt und erst nach
Sonnenaufgang wieder geöffnet werden. Ist die Sonne hinter dem
Horizont verschwunden, so wird in der Regel von den Militärwachen an
den Stadtthoren eine rote Kerze entzündet, und ist der letzte Rest
derselben verbrannt und die Flamme erloschen, so werden die mächtigen,
mit Eisen beschlagenen Thorflügel geschlossen, ein gewaltiger
Querbalken durch die an den Flügeln und in den Mauern angebrachten
eisernen Lager geschoben und ein schweres Schloß vorgehängt. In vielen
Städten, besonders zur Zeit von Krieg oder Unruhen, werden die Thore
unter keinen Umständen zur Nachtzeit geöffnet, selbst nicht für irgend
einen Mandarin mit dreiäugiger Pfauenfeder. Sollte ein kaiserlicher
Postläufer, an seinem gelben Fähnchen und dem Schellengeklingel
kenntlich, verspätet eintreffen, so wird er vielleicht in einem
herabgelassenen Korbe längs der Stadtmauer emporgezogen. Der Reisende
muß sich also darauf gefaßt machen, inmitten von allerlei Gesindel vor
den Stadtthoren im Freien zu übernachten, will er nicht in irgend einer
der elenden, schmutzstarrenden, übelriechenden Spelunken einkehren,
deren es gewöhnlich vor den Thoren mehrere giebt. In Söul entging ich
der Sache dadurch, daß ich einfach an einer schadhaften Stelle über
die hohe Mauer hinwegkletterte, eine Turnübung, der sich dort schon
sehr oft auch die Gesandten fremder Mächte unterziehen mußten. Einen
chinesischen Paß wird wohl jeder Reisende mit sich führen, obwohl er
nur selten abverlangt wird. Man ist in dieser Hinsicht in China viel
weniger streng als in manchem Lande Europas.
In den meisten chinesischen Städten bildet die Ringmauer das
bedeutendste und interessanteste Bauwerk. Zehn bis fünfzehn Meter
hoch, umgiebt diese mit Granitquadern bekleidete Mauer die ganze
Stadt, und nur die wenigen Pagoden ragen darüber empor, die einzigen
Gebäude, welcher man bei der Annäherung an die Stadt gewahr wird.
Den oberen Rand der Mauer entlang zieht sich eine Parapetmauer mit
Schießscharten, aus denen möglicherweise die Mündungen von alten
eisernen Geschützen hervorlugen. Vor der Mauer befinden sich gewöhnlich
tiefe, breite Gräben, stellenweise mit stagnierendem Wasser oder
übelriechenden Abfällen angefüllt; denn die Chinesen haben in ihren
Städten noch keine Kanalisierung oder Rieselfelder nach europäischem
Muster, sondern lassen den Unrat ihrer Häuser von Kulis in Bottichen
vor die Stadtmauern tragen, falls sie ihn nicht anderweitig verwerten.
In Peking beispielsweise dient dieser Unrat zum Besprengen und
Niederschlagen des Staubes in den Straßen.
Am stärksten und dräuendsten erscheinen die Stadtmauern in der Nähe
der Thore, ansehnlicher als wohl in irgend einer Festung Europas,
vielleicht die alten Sarazenenmauern im südlichen Spanien ausgenommen.
Die Wachthäuser sind auf die Thore aufgesetzt und gewähren mit ihren
geschwungenen doppelten Dächern, ihren Schießscharten und Kanonen
einen ungemein malerischen Anblick. Hat man das Thor durchschritten,
so gelangt man in einen kleinen Festungshof, hinter dem sich mitunter
noch ein zweites, ebenso hohes, starkes Thor erhebt. Treppen führen
zur Festungsmauer empor, die oben gewöhnlich mit Steinen gepflastert
ist und eine Breite von drei bis fünf Meter besitzt. Aber so drohend
und unbezwingbar diese chinesischen Ringmauern von außen auf den
ersten Blick aussehen mögen, so verwahrlost und verfallen zeigen
sie sich bei näherer Besichtigung. Die Parapetmauern liegen in den
meisten Städten in Ruinen, die Granitbekleidung der Hauptmauer ist
an vielen Stellen abgefallen und läßt erkennen, daß der gewaltige
Bau nur aus aufgeschütteter Erde besteht. Die Kanonen sind überall
verrostet, vollständig unbrauchbar und liegen vielleicht sogar ohne
Lafetten in dem üppig emporwuchernden Unkraut. Längs der ganzen, über
fünfzig Kilometer langen Stadtmauer von Nanking sah ich überhaupt
kein einziges Geschütz, und von den Hunderten eiserner Kanonen auf
den Mauern Cantons, der größten Stadt des Reiches der Mitte, fand
ich nicht eine, bei welcher ein Schuß nicht größere Gefahren für die
Verteidiger als für die Angreifer mit sich bringen würde. Die dräuenden
Kanonenmündungen über den Stadtthoren von Peking sind überhaupt nur auf
die schwarzen Holzläden der Schießscharten aufgemalt. Ueberall herrscht
Verwahrlosung und Verfall; die Thorwachen, in zerlumpte Uniformen
gehüllt, lungern schläfrig an den Thoren, Lanzen, Flaggen, Schwerter
und Schilde, in den seltsamsten Formen, verrostet und unbrauchbar,
hängen hinter ihnen an der Wand. Dringt die Kunde von irgend welchen
Unruhen in die Stadt, wird ein neuer Gouverneur ernannt oder eine
Inspektion von seiten irgend eines hohen Generals angekündigt, dann
wird über Hals und Kopf alles notdürftig ausgebessert und übertüncht,
und dabei bleibt es bis zu dem nächsten derartigen Anlaß. In einer
Hinsicht sind diese Mauern aber doch von Nutzen für die Städte: sie
sind die beliebtesten, wenn nicht einzigen Spaziergänge für den
besseren Teil der Bevölkerung. An warmen Sommerabenden kann man dort
oben Hunderte lustwandeln sehen, Gelehrte und Litteraten, Kaufleute und
junge Stutzer in ihren langen blauen Gewändern, gewöhnlich mit einem
kleinen Käfig in der Linken, in dem irgend ein Singvogel oder eine
Wachtel umherhüpft. Was die Schoßhündchen bei uns, das sind die Vögel
bei den Chinesen.
Außerhalb der Stadtthore breiten sich bei vielen Städten Vorstädte
aus, in deren elenden Lehmhütten die ärmeren Klassen der Bevölkerung
wohnen und in deren Straßen es gewöhnlich lebhafter zugeht als in der
Stadt selbst. Ein fortwährendes Schreien und Lärmen, Drücken, Stoßen,
Hin- und Herlaufen, Klopfen und Hämmern, Feilschen und Zanken von
zerplumptem, schmutzigem Gesindel, das tagsüber fast ausschließlich
auf der Straße lebt. Selbst die Frauen scheinen es zu verschmähen,
im Innern der schmutzstarrenden Lehmhütten zu verweilen. In manchen
Städten ist um diese Vorstädte noch eine zweite Ringmauer angelegt
worden, und man hat zwei Thore zu durchschreiten, ehe man in die innere
Stadt gelangt. Auch in dieser ist das Leben und Treiben lebhaft,
wenn auch ruhiger und vornehmer als draußen in den Vorstädten. Das
Straßennetz der chinesischen Städte ist im allgemeinen regelmäßiger
angelegt als jenes der alten europäischen; die Straßen schneiden
sich in rechten Winkeln, über Flüsse und Kanäle führen zahlreiche,
gewöhnlich sehr steile Brücken, um den Schiffen die Durchfahrt zu
gestatten, und wäre alles wirklich so, wie es von den Erbauern der
Stadt und den Behörden vorgesehen wurde, dann wäre der Aufenthalt
dort gar nicht unangenehm. Aber leider teilen die Chinesen eine
charakteristische Eigenschaft mit den meisten anderen Völkern des
Orients, bis ans Mittelmeer: städtische Anlagen, Häuser, Tempel,
Paläste, einmal hergestellt, werden nur in den seltensten Fällen wieder
ausgebessert und bleiben in der Regel bis zum gänzlichen Zerfall sich
selbst überlassen. Ueberdies verwenden die Chinesen nur für ihre
Pagoden, für kaiserliche Paläste, einzelne Tempel und Ehrenpforten
Stein als Baumaterial, ihre Häuser bauen sie zum größten Teil aus Holz
und Lehm, im besten Fall aus ungebrannten Ziegeln. In Hangtschau,
Sutschau, Ningpo, Tschinkiang und vielen anderen Städten werden wohl
die Grundmauern bis auf etwa einen Meter Höhe über dem Erdboden aus
Stein oder Ziegeln ausgeführt. Dann werden von diesen Mauern aufwärts
vertikale Bretterverschalungen errichtet, so hoch als das höchstens ein
Stockwerk hohe Haus werden soll, und zwischen die beiden Bretterwände
wird nun auf die Grundmauern feuchte Erde und Lehm geschüttet. Dieser
wird fest gestampft, und sobald er trocken ist, werden die Bretterwände
entfernt. Auf die Lehmmauern werden nun die Dachbalken befestigt,
das Dach mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt, und das Haus ist
fertig. Die Fenster werden mit Papier verklebt, doch kann man in den
Städten, besonders längs der Küste, schon sehr viele Fenster mit
Glasscheiben finden. Oefen giebt es keine. Im Süden bedarf es deren
nicht, im Gebiet des Jangtsekiang wärmen sich die Leute im Winter wie
im mohammedanischen Orient an Holzkohlenbecken, und im Norden bis nach
Korea wird der Rauch des Küchenfeuers unter den Fußboden geleitet, der
auf diese Weise erwärmt wird. Besitzt das Haus über dem Erdgeschoß noch
ein Stockwerk, so enthält das obere Stockwerk gewöhnlich die Wohnräume,
zu denen man mittels einer steilen, leiterartigen Holztreppe gelangt.
[Illustration: Markt in Wei-hsien, zwischen Stadt und Vorstadt.]
Daß derartige Häuser den Unbilden der Witterung und der Zeit nicht
lange Widerstand leisten können, ist wohl einleuchtend. Deshalb findet
man in chinesischen Städten so zahlreiche Ruinen und Schutthaufen, und
daher kommt es auch, daß in diesem ältesten Kulturlande der Welt keine
Denkmäler aus früheren Jahrtausenden zu finden sind, wie sie selbst
in jenen Ländern heute noch bestehen, welche längst der Geschichte
angehören: Babylonien, Assyrien, Altgriechenland und Altägypten.
Dort ist die Kultur vergangen, und nur die steinernen Kolossalbauten
legen Zeugenschaft ab von dem einstigen Glanze; hier ist die Kultur
geblieben, aber die steinernen Denkmäler fehlen. Was davon vorhanden
ist, Pagoden aus Stein oder Ziegeln, Ehrenpforten, Festungsmauern
und dergleichen, reicht zum größten Teil nicht weiter zurück als in
das achte oder neunte Jahrhundert und geht sicher dem gänzlichen
Verfall entgegen. Handel und Verkehr konzentrieren sich auf einige
wenige Hauptstraßen, wenn man die engen, drei bis vier Meter breiten
Gäßchen überhaupt mit diesem Namen bezeichnen kann. In den Städten des
Nordens sind die Straßen breiter und für den Wagenverkehr berechnet,
die Kaufläden finden sich zumeist nach den einzelnen Geschäftszweigen
beisammen; hier die Goldschmiede, daneben vielleicht Buch- oder
Papierläden, dort Hutläden, Verkäufer von Kleidern, Fächern, Matten,
Möbeln und dergleichen, ähnlich wie es früher auch in vielen Teilen
Europas der Fall war. In den Seitenstraßen geht es viel ruhiger zu, und
am stillsten ist es in den Bezirken, wo sich die Yamen der Behörden
und die mit hohen Mauern umgebenen Wohnungen der Reichen befinden.
Innerhalb dieses Viertels oder anstoßend an dasselbe befindet sich in
den meisten Provinzhauptstädten noch eine eigene mit Mauern umgebene
Stadt, welche die Wohnungen der Mandschukrieger enthält, die sogenannte
Tatarenstadt.
Aehnlich wie die mohammedanischen Städte, so zeichnen sich auch die
chinesischen vor allem durch Schmutz und Unrat aus. Wohl sind in
vielen Kloaken vorhanden, die in der Mitte der Hauptstraßen angelegt
und mit Steinplatten bedeckt worden sind; wohl laufen auch an den
Häusern entlang schmale Abzugsgräben, aber es ist niemand da, der die
Pflasterung, niemand, der die Kloaken in Ordnung hält, und so kommt es,
daß sich beides, Pflaster und Kloaken, längst friedfertig vereinigt
haben, daß man in Kloaken fällt, wenn man auf lockere Steine tritt, und
in den Unratspfützen, in welche man häufig durch den ungemein lebhaften
Verkehr gedrängt wird, über Steine stolpert. Hier und dort haben sich
die Kloaken einen Ausweg nach den Wasserkanälen gesucht, und in diesen
waschen die sorgsamen Hausfrauen am Morgen Reis und Gemüse für ihre
Mahlzeiten. In den Häusern der Reichen geht es wohl besser zu. In den
chinesischen Städten, wo alle Berufszweige zu Zünften vereinigt sind,
selbst die Lastträger, Barbiere und Bettler, giebt es auch eine Zunft
der Kanalräumer. Für geringes Geld holen sie täglich den Unrat aus den
Häusern derjenigen, die sie bezahlen, und tragen ihn in Kübeln, die von
wagerechten Schulterstangen herabhängen, vor die Stadtthore oder auf
offene Plätze neben den Hauptstraßen, um ihn dort in der Sonne trocknen
zu lassen. Welche Gerüche unter solchen Umständen die chinesischen
Städte erfüllen, läßt sich eher ahnen als sagen.
Von passender Unterkunft für europäische Reisende kann natürlich keine
Rede sein; freilich giebt es in allen Städten chinesische Hotels, aber
gewiß würde jeder lieber in unseren Kuhställen die Nacht zubringen
als in diesen elenden, von Schmutz, Unrat und Ungeziefer erfüllten
Löchern, die, gewöhnlich im ersten Stockwerk gelegen, nichts weiter
enthalten als Schlafbretter an den Wänden, ähnlich den Schiffskojen,
die man überdies noch mit chinesischen Reisenden teilen muß. Ueber
diese Bretter sind schmutzige Matten gebreitet, im Winter vielleicht
noch schmutzigere Wolldecken. Von Bequemlichkeiten für die Toilette,
Auskleiden und dergleichen ist nichts vorhanden. Die fensterlosen Räume
sind mit den widerwärtigsten Gerüchen geschwängert, in denen Opiumrauch
den Grundton angiebt; in den unteren Räumen herrscht die Nacht über
Lärmen, Schreien und Gepolter; hat es sich vielleicht zeitweilig
gelegt, dann kommt man wegen des unaufhörlichen Gebells der Hunde oder
dem Geknabber der Ratten nicht zur Ruhe, und steht man bei Tagesanbruch
auf, so ist vielleicht der Reisesack mit Geld und Gut verschwunden.
Glücklicherweise befinden sich heute schon in den meisten Städten
christliche Missionen mit europäischen Missionaren, und dorthin pflegen
sich die Reisenden zunächst zu wenden, um deren Gastfreundschaft in
Anspruch zu nehmen.
Nächst den mehrstöckigen Pagoden und Buddhatempeln sind in den
verschiedenen Provinzstädten wohl die Yamen der Regierungsbehörden die
anspruchsvollsten Bauten. Den Yamen des obersten Mandarins, gewöhnlich
vom Range eines Taotai, kennzeichnen zwei hohe Flaggenmasten vor dem
Haupteingange; residiert in der Stadt ein Provinzgouverneur, so stehen
vor seinem Yamen vier derartige Flaggenstangen, und die Dächer seiner
Wohnung sind mit gelben Glasurziegeln bekleidet, ähnlich wie der
Kaiserpalast in Peking. Auch in Bezug auf die Yamen herrscht in China
große Einförmigkeit. Wer jemals einen dieser Häuserkomplexe betreten
hat, der findet sich ohne Führer in allen zurecht. Während in den alten
Städten Europas häufig genug die Aemter in verschiedenen, voneinander
recht weit entfernten Gebäuden untergebracht sind, liegen sie in
den chinesischen Städten alle innerhalb der Yamenmauer beisammen:
Stadtwache, Gefängnis, Gerichtssaal, Polizei, Kasse und endlich die
Wohnungen der Beamten. Die einzelnen Gebäude sind rechtwinkelig zu
einander angelegt und umschließen mehrere viereckige Höfe, deren
innerster gewöhnlich die Privatwohnung des Taotai selbst enthält.
[Illustration: Ein Tempelbau.]
Der Vorhof der Yamen dient den ärmeren Volksklassen zum Aufenthalt, den
Kindern zum Spielplatz. Obwohl die Chinesen vor dem Regierungsvertreter
einen Heidenrespekt haben, trocknen sie doch in dem Vorhof seines
Palastes ihren Reis oder ihre schmutzige Wäsche oder geben sich
verschiedenen Arbeiten hin. Von diesem Platze führen drei, stets
nach Süden gerichtete Pforten in das Innere. Die mittlere, größte
Pforte wird nur bei besonders festlichen Anlässen geöffnet; auf ihre
schweren, schwarzen Thorflügel sind zwei riesengroße Fratzen gemalt,
welche die bösen Geister abwehren sollen. Die Pforte zur Linken ist
ebenfalls geschlossen und öffnet sich nur, um die zum Tode verurteilten
Verbrecher hinauszulassen. Die Pforte zur Rechten ist die gewöhnliche
Eingangspforte. Ueber alle drei erhebt sich ein kleines Ziegeldach, an
dem große Holztafeln mit den Würden und Titeln des höchsten Mandarins
in Goldlettern befestigt sind. An der Innenseite des Eingangs hängt
eine große Trommel, für jene bestimmt, die den Mandarin um Schutz
und Recht anrufen wollen. Sobald der Mandarin die Trommel hört, ist
er verpflichtet, die Hilfesuchenden sofort zu vernehmen und ihnen
Genugthuung zu gewähren. Ich fand diese Trommeln auch im Norden Chinas
und selbst in den Städten Koreas. Allein gewiß werden sich nur sehr
wenige rühmen können, den Klang der Trommeln jemals gehört zu haben,
nicht etwa, weil sich in China niemand über Unrecht zu beschweren
hätte, sondern vielmehr deshalb, weil die Chinesen dank der Willkür
und Habsucht der Mandarine stets trachten, ihre Differenzen auf
irgendwelche andere Art auszutragen, ehe sie sich den Mandarinen in die
Hände geben.
Von den ebenerdigen Gebäuden mit vorspringenden Ziegeldächern, die
den ersten Hof umschließen, ist jenes zur Linken das Gefängnis, jenes
zur Rechten das Wachthaus, auf dessen Wand gewöhnlich eine ganze
antike Waffensammlung prangt: zweischneidige oder doppelte Schwerter
von verschiedenen Formen, Lanzen, Dreizacke, Schilde, Fahnen und
dergleichen, selten Feuerwaffen. Das der Pforte gegenüberliegende
Gebäude ist eine Art Säulenhalle mit einer nach dem zweiten Hof
führenden, gewöhnlich verschlossenen Pforte. Hier werden die
Gerichtssitzungen abgehalten; an dem in einer Ecke aufgehängten Gong
schlagen die Wachen zur Nachtzeit die Stunden an.