In Europa herrscht immer noch ziemlich allgemein die Ansicht, daß

schwarzer und grüner Thee aus zwei verschiedenen Pflanzen hergestellt

wird und daß besonders Indien und Ceylon die Heimat des schwarzen,

China und Japan die Heimat des grünen Thees seien. Das ist ein Irrtum.

Beide Sorten werden aus demselben Thee hergestellt. Grüner Thee wird

einfach weniger gebrannt als schwarzer.

Aus den Händen der chinesischen Theehändler gelangt der Thee in die

Hongs der europäischen Kaufleute in den großen Hafenorten, wo er für

den Transport nochmals getrocknet und in Kisten, die mit Blei gefüttert

sind, verpackt wird. Von den hundertzwanzig Millionen Kilo Thee, welche

in der letzten Zeit jährlich aus China ausgeführt wurden, stammen etwa

dreieinhalb Millionen Kilo aus Kiukiang am Jangtsekiang, gegen je zwei

Millionen aus Ningpo und Tamsui, dem Haupthafen von Formosa, je eine

halbe Million aus Lappa und Canton, eine Viertelmillion aus Amoy, aber

der große Haupthafen des chinesischen Thees, ja die Metropole des Thees

überhaupt ist immer noch Hankau, von wo jährlich über hundert Millionen

Kilo nach aller Welt verschifft werden.

Den wenigsten ist Hankau, eine der wichtigsten und größten Städte

des Reiches der Mitte, auch nur dem Namen nach bekannt. Es liegt

tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China,

im Mittelpunkte des größten Theedistriktes und hat wohl mit den es

umlagernden Städten eine Bevölkerung von anderthalb Millionen.

Als ich meine Reise von Shanghai den gewaltigen Strom aufwärts

unternahm, waren meine Mitpassagiere durchwegs nach Hankau gebucht.

Die Warenballen, die auf den Docks in Shanghai verladen wurden,

gingen nach Hankau, alles sprach nur von Hankau. Was Shanghai für das

ganze chinesische Reich ist, das ist Hankau für das Innere desselben;

Shanghai liegt am Anfang, Hankau am Ende des Dampferverkehrs auf dem

chinesischen Riesenstrom. Wohl gehen heute deutsche Dampfer noch

einige hundert Kilometer weiter aufwärts nach Itschang, allein für die

großen transozeanischen Dampfer, die Kriegsschiffe und die zahlreichen

Passagierdampfer des Jangtsekiang ist Hankau die Endstation. Die Stadt

liegt am linken Ufer des großen Hanflusses, der, aus dem Hochlande

von Schansi kommend, sich hier in den Jangtsekiang ergießt. Jenseits

Hankau, am rechten Hanufer, liegt die alte Chinesenstadt Hanyang, und

beiden gegenüber, am Südufer des Jangtsekiang, liegt die befestigte

Hauptstadt der Provinz Hupei, Wutschang. Sie erinnerten mich in Bezug

auf ihre Lage lebhaft an die Metropole der neuen Welt, an Neuyork

mit seinen Schwesterstädten Brooklyn und Jersey City. Aber während

dort eine gewaltige Brücke und Dampffähren den Verkehr herstellen,

während Tausende von Dampfern und Segelschiffen den breiten Strom

durchfurchen und der Verkehr ein betäubender, alles überwältigender

ist, bekümmert sich in dem Städtetrio des Jangtsekiang keine Stadt um

die andere. Jenseits des ungeheuren, meilenbreiten Stromes zeigen sich

von Wutschang nur die Festungsmauern, hinter denen die Stadt selbst

liegt, und ähnlich scheint auch der Unternehmungsgeist der Chinesen

mit einer hohen, unbezwingbaren Mauer umgeben zu sein. Hanyang, einst

viel bedeutender als Hankau, ist ein elendes, schmutziges Nest, in

dem einige hunderttausend Zopfträger ihr freudloses Dasein fristen

und das nichts von Interesse für den Fremden bietet, es sei denn der

pagodengekrönte Hügel, der sich hinter der Stadt mit ihren geraden,

meilenlangen Straßen auf etwa hundert Meter über den Fluß erhebt. Von

dort genießt man eine herrliche Aussicht auf die beiden Ströme und die

drei Städte an ihrem Zusammenfluß. Das Häusermeer von Hankau mit seinen

niedrigen, unendlich einförmigen Ziegeldächern zeigt ebenfalls nur

geringe Abwechselungen. Gegen Norden schließt es eine hohe Mauer von

den Reisfeldern der Umgegend ab, und in der Mitte erheben sich einige

citronengelbe Porzellandächer, die der Residenz des Taotais oder

Distriktsgouverneurs angehören. An den Ufern der mächtigen, gelben,

trüben Wasserfläche des Jangtsekiang wird das trostlose Stadtbild

Hankaus von einem langgestreckten Park mit hohen Bäumen begrenzt,

zwischen deren Kronen ein paar größere Häuser hervorlugen. Dort ist die

europäische Konzession, die Residenz der Handvoll Europäer, die Hankau

zu dem gemacht haben, was es heute ist, zur Metropole des Theehandels.

[Illustration: Typisches Geschäftshaus in Hankau.]

Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man

von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind

geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im

Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen

von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen

trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen

Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen

für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und

Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer

erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer

vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei

Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und

daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche

die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der

Rennplatz ist eigentlich der Boden der französischen Konzession,

während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer

und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher

aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das

französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt

erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das

schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist

Hankau.

Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden

die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang

zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis,

auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen

europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler

und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai;

täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne

Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau

fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten,

Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter),

Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher

Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt,

während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni.

Dann wird es wieder still in Hankau.

Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer

Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und

die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise,

die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß

aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist

die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des

Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende

von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe

und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe

entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.

Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen,

Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen

still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die

Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden

die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen

des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren

beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne

in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung.

Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun

prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert

Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche

Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!

Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen

Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über

Shanghai nach Europa, teilweise auch über den Stillen Ozean

und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork

auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen

Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen

Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch

die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des

Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der

wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.

Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare

Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in

Hankau oder Shanghai.

Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des

Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern

zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig

gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des

Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in

Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den

beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden

in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt,

sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung

angenommen.

In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken

stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen,

welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden.

Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen

Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses

gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit

kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in

große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt

werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den

dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt

sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden.

Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus

Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein

langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt;

nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform

genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt,

so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere

Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich

noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder

gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein

anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa

von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu

schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind

nun zum Transport durch die Karawane fertig.

In Europa wird ziemlich allgemein angenommen, daß der Karawanenthee

wirklich auf Kamelrücken den viele tausend Kilometer weiten Weg

nach Rußland zurücklegt. Das ist aber ein Irrtum. Von der ganzen

ungeheuren Strecke wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich

auf Kamelrücken zurückgelegt. Der gesamte produzierte Ziegelthee wird

zunächst den Jangtsekiang abwärts nach Shanghai verschifft. Von dort

geht ein kleiner Teil zu Schiff nach Tientsin und Peking, wird dort auf

Kamele verladen und von diesen karawanenweise quer durch die Mongolei

nach Kiachta in Sibirien gebracht. Von dort gehen die Ladungen zu

Wasser nach Irkutsk am Baikalsee. Die größte Menge des Karawanenthees

wird von Shanghai nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur in das

Ochotskische Meer verschifft und dort auf die Amurdampfer verladen,

unter denen sich auch einige deutsche Dampfer befinden. Diese bringen

den Thee den Amur und Schilka aufwärts nach Strjetensk. Von hier aus

übernehmen Karawanen den weiteren Transport landeinwärts über Tschita

nach Werchne-Udinsk am Selengafluß, von wo wieder Dampferverbindung

mit Irkutsk jenseits des Baikalsees besteht. Erst hier beginnt der

eigentliche Karawanentransport quer durch Sibirien nach Tomsk. Dort

wird der Thee wieder auf Dampfer verladen, die ihn über Tobolsk nach

Tjumen führen, von wo die Eisenbahnlinie über Jekaterinenburg nach Perm

benützt wird. Dann geht er in Dampfern die Kama abwärts, die Wolga

aufwärts nach Nischni-Nowgorod und von da mittels Eisenbahn endlich

nach Moskau.

Wie kann sich denn der verwickelte Transport von so wohlfeilen

Theesorten über so ungeheure Strecken überhaupt lohnen? Warum werden

gerade die besseren Theesorten durch Dampfer von Hankau direkt nach

Odessa gesandt und nicht die wohlfeileren? Der Seetransport von

Hankau nach Odessa ist ja unverhältnismäßig billiger als der Landweg

nach Sibirien. Der Grund liegt in den russischen Einfuhrzöllen. In

Odessa beträgt er gerade das Doppelte von jenem an der Amurmündung,

und so kommt es, daß der Thee trotz der größeren Transportkosten auf

dem Landweg in Moskau selbst immer noch billiger ist, als würde er

über Odessa kommen. Auf dem letzteren Wege kommt das Kilogramm Thee

einschließlich Transport und Zoll auf etwa drei Mark, auf dem Land-

oder Karawanenwege nur auf zweieinhalb Mark zu stehen. Darin liegt

der eigentliche Grund des Karawanentransportes, und die herrschenden

Ansichten über die Güte des Karawanenthees, eben weil er zu Land

befördert wurde, gehören in das Reich der Fabel. Nur ein kleiner Teil

der besten Theesorten wird durch Karawanen nach Rußland befördert. Die

Hauptmenge kommt zu Wasser nach Europa.

[Illustration: Wutschang.]

Hankau als Handelsstadt.

Hankau ist unzweifelhaft der wichtigste Handelsmittelpunkt im Innern

von China, eine der größten Städte des Reiches der Mitte, an der

größten Verkehrsstraße des letzteren, an dem Jangtsekiang gelegen.

Etwa tausend Kilometer von der Mündung dieses mächtigen Stromes

aufwärts mündet der von Norden herkommende Hanfluß in den Jangtsekiang,

und rings um diese Mündung liegen die schon im vorigen Kapitel

erwähnten drei Städte, welche irrtümlicherweise zu dem Begriff Hankau

zusammengefaßt werden. Stellt man sich den Zusammenlauf der Flüsse etwa

wie ein umgekehrtes ~T~ (⟂) vor, so bildet der Horizontalstrich

den Jangtsekiang, der Vertikalstrich den Hanfluß. In der linken Ecke

liegt die Stadt Hanyang, in der rechten Hankau, und beiden gegenüber

auf dem südlichen Ufer des Jangtsekiang, also auf der unteren Seite

des Horizontalstriches, die große Stadt Wutschang, die Hauptstadt

der Provinz Hupei und bis vor kurzem Residenz des aufgeklärten und

europäerfreundlichen Vicekönigs Tschang-tschi-Tung. An Einwohnerzahl

ist Wutschang die größte des Städtetrios, aber der Handelsverkehr steht

nicht im Einklang mit dieser Größe, was teilweise auf die steilen, für

Hafenanlagen und dergleichen ungünstigen Ufer und die festen hohen

Mauern zurückzuführen ist, welche Wutschang umgeben und direkt von den

Ufern emporsteigen, ähnlich wie es auch in Nanking der Fall ist. Diese

Mauern verbergen auch die Stadt fast vollständig, und man sieht von ihr

vom Flusse aus nur einige Pagoden, darunter die berühmte Hoang holin,

d. h. die Pagode vom gelben Kranich, eine der bemerkenswertesten und

seltsamsten von ganz China, weshalb ihre Abbildung in geographischen

Werken auch häufig zu sehen ist und auch auf den Briefmarken des

europäischen Postamtes in Hankau vorkommt. Wutschang ist hauptsächlich

Militärstadt und Festung. Von Europäern wohnen innerhalb ihrer Mauern

nur einige Missionare; der Handel mit europäischen Waren für Wutschang

sowohl wie für das angrenzende Gebiet gegen Süden zu liegt in den

Händen von chinesischen Kaufleuten, und der lokale Flußverkehr zwischen

Wutschang und den am gegenüberliegenden Ufer des Jangtsekiang gelegenen

Städten Hankau und Hanyang ist sehr gering. Ebenso gering ist auch

jener über den Hanfluß zwischen den beiden letztgenannten Städten,

obschon alle drei zusammen eine Einwohnerzahl von etwa anderthalb

Millionen Seelen besitzen dürften. Anderswo wären bei einer so großen

Menschenansammlung gewiß längst Dampffähren für den Lokalverkehr

eingerichtet worden, und es ist zu verwundern, daß Tschang-tschi-Tung

diese nicht auf eigene Rechnung laufen läßt. Nächst dem Vicekönig von

Tschili, Li-Hung-Tschang, ist der frühere Vicekönig von Hupei der

unternehmendste aller Provinzgouverneure. Er hat in Wutschang selbst

große Baumwollspinnereien und Eisenwerke anlegen und zu den etwas

weiter flußabwärts befindlichen Eisengruben eine Eisenbahn bauen

lassen. Bis zum Jahre 1894 lag die Leitung dieser Unternehmungen in den

Händen eines deutschen Ingenieurs.

Gerade so wie Wutschang ist auch Hankau mit einer Umfassungsmauer

umgeben, eine der Dutzendstädte des chinesischen Inlandes ohne

besondere Sehenswürdigkeiten, ja man könnte sagen, ohne besondere

Bedeutung, denn die letztere beschränkt sich auf die wenigen Schollen

Landes außerhalb der Chinesenstadt an den Ufern des Jangtsekiang, wo

die Europäer ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Die Engländer und

Franzosen starteten im Wettlauf um den Handel des Jangtsekiangthales

ziemlich gleichzeitig, aber während sich auf der englischen Konzession

schöne Bungalows (Wohnhäuser indischen Stils), Godowns (Warenlager),

Klubs, Kirchen und dergleichen erheben und dem Bund, d. h. der längs

dem Jangtsekiang angelegten Uferstraße, ein so großstädtisches Aussehen

geben, wie es in Ostasien nur der Bund in Shanghai besitzt, ist die

französische Konzession öde und verlassen. Nur der französische Konsul

hat dort, wie bereits bemerkt, seinen Wohnsitz und mag aus lauter

Langeweile seine Fingernägel benagen, denn französische Geschäftsleute

giebt es in Hankau keine. Wären sie vorhanden, so würden sie

wahrscheinlich ebenso wie jene in Shanghai und Canton fürsorglich die

französische Konzession meiden und in der englischen ihre Wohnsitze

aufschlagen.

[Illustration: Pagode in Wutschang.]

Zu der englischen und französischen Konzession ist im Jahre 1895 nun

auch eine deutsche gekommen, allerdings etwas spät, aber sie ist nun

vorhanden, was in Anbetracht der großen Wichtigkeit Hankaus für den

deutschen Handel die Hauptsache ist. Sie hätte schon vor mehr als drei

Jahrzehnten erfolgen sollen, denn es war Preußen, welches sich in

seinem 1861 mit China abgeschlossenen und 1863 ratifizierten Vertrage

die Eröffnung Hankaus für den fremden Handel ausbedungen hat. Leider

ist dieser handelspolitische Erfolg damals nicht weiter ausgebeutet

worden. Die Engländer und nächst ihnen die Franzosen ließen sich bald

nach der Oeffnung des Hafens von der chinesischen Regierung kleine

Landstrecken längs der Ufer des Jangtsekiang in Hankau abtreten, und

die sieben dort ansässigen deutschen Firmen sind seither bei den

Engländern zu Gast. Nun hat Deutschland das Versäumte nachgeholt, und

die deutsche Konzession im Herzen Chinas kann nur auf das freudigste

begrüßt werden. Sie erstreckt sich auf etwas über einen Kilometer längs

der Uferfront und hat den allerdings nicht sehr großen Umfang von etwa

sechsundvierzig Hektar.

Was Shanghai für das ganze Jangtsekiangthal ist, das ist Hankau für den

oberen Teil desselben und für die angrenzenden mittleren Provinzen, ja,

eine beträchtliche Zahl von Seeschiffen berührt den Hafen von Shanghai,

Wusung, kaum, sondern fährt direkt nach Hankau, klariert, nimmt Ladung

und fährt wieder direkt nach Europa, hauptsächlich nach England und

Odessa zurück. Große Kriegsschiffe erscheinen häufig vor Hankau. Der

Jangtsekiang ist aber für größere Dampfer noch um sechshundertvierzig

Kilometer weiter stromaufwärts bis nach Itschang schiffbar, und

kleinere Dampfer können sogar bis nach Tschungking, das noch einmal

soweit stromaufwärts liegt, vordringen.

1887 liefen in Itschang 24 englische und 31 chinesische Dampfer, von

Hankau kommend, ein. 1896 war diese Zahl auf 46 englische und 43

chinesische gestiegen, und der Tonnengehalt erreichte 63000 Tonnen.

Der Wert der Waren betrug, soweit er überhaupt bekannt wurde, etwa 50

Millionen Mark, dürfte aber in Wirklichkeit viel höher gewesen sein.

Davon waren mehr als die Hälfte für Tschungking bestimmt. Indessen

sind Tschungking sowohl wie Itschang ausschließlich nur Dependenzen

von Hankau. Welchen Handelsverkehr die etwa hundert dort angesiedelten

Europäer zu bewältigen haben, geht aus den großen, stets steigenden

Ein- und Ausfuhrwerten hervor. 1887 beliefen sich die Einfuhrwerte

zusammen auf 120 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte auf 92 Millionen; im

Jahre 1896 hatten die Einfuhrwerte den englischen Konsularberichten

zufolge etwa 140 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte über 70 Millionen

Mark erreicht, zusammen also 210 Millionen Mark, während der Gesamtwert

des Handels nach mir vorliegenden Privatnachrichten 300 Millionen

Mark überstiegen haben dürfte. Diese Zahlen beweisen die Wichtigkeit

Hankaus für den deutschen Handel und die Notwendigkeit, diesem Emporium

des Jangtsekiang noch größere Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher.

Die Einrichtung eines deutschen Settlements wird dazu wohl das Ihrige

beitragen. An den deutschen Industriellen und Exporteuren liegt es,

auch ihrerseits mehr Unternehmungsgeist zu zeigen und womöglich eigene

erfahrene Leute zum Studium des chinesischen Inlandmarktes nach Hankau

zu senden, wie es mehrere französische Handelskammern gethan haben.

Die Regierung hat die Bresche geschaffen, den Weg geebnet; jetzt liegt

es an den Interessenten selbst, das Weitere zu thun. Der Norddeutsche

Lloyd unterhält einen zweiwöchentlichen Dampferverkehr mit Shanghai,

und im Anschluss an diese Prachtdampfer laufen nunmehr auch deutsche

Dampfer auf dem Jangtse.

Die wichtigsten Ausfuhren Hankaus sind in erster Linie Thee im Werte

von nahezu 100 Millionen Mark. Ein deutscher Theehändler, Herr Theodor

aus London, hat im Jahre 1894 allein für etwa 4 Millionen Mark Thee

aufgekauft und nach Europa verschifft. Nächst Thee kommen Tabak, Seide,

Medizinalwaren, Baumöl, Hanf, Häute, Wachs, Galläpfel und Reis. Die

wichtigsten Einfuhren Hankaus sind:

Baumwollwaren (Schirtings und Baumwollgarne)

im Werte von etwa 30 Mill. Mark

Wollwaren im Werte von 4 „ „

Metallwaren „ „ „ 3 „ „

Opium „ „ „ 7 „ „

Zucker „ „ „ 7 „ „

Petroleum „ „ „ 5 „ „

Farbwaren „ „ „ 1½ „ „

ferner Fensterglas, Nadeln, Schirme und dergleichen.

Dieser große Warenverkehr bewegte sich bisher hauptsächlich auf

englischen Schiffen; denn von der gesamten Schiffahrtsbewegung Hankaus

im Jahre 1896, etwa 1400 Schiffe mit 1½ Millionen Tonnen, waren über

1000 englische, 400 chinesische, etwa 38 norwegische und nur 10

deutsche. Frankreich ist an dem Handel von Hankau, wo es, wie gesagt,

ein eigenes Settlement besitzt, gar nicht beteiligt.

Diese Verhältnisse werden sich nunmehr gewiß bald zu Gunsten

Deutschlands ändern, und man möge ja rechtzeitig die erforderlichen

Schritte thun, damit ein noch größerer Anteil an dem Handel gesichert

werden kann; denn Hankau ist dazu ausersehen, der Mittelpunkt des

chinesischen Eisenbahnnetzes zu werden. Die einleitenden Schritte

zur Erbauung der chinesischen Zentralbahn Peking-Hankau sind bereits

geschehen, und die Weiterführung derselben von Hankau nach Canton steht

nicht mehr in weiter Ferne.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 18 / 71 段