zur einbrechenden Dunkelheit. Nachtleben giebt es in chinesischen
Städten keines, die Thore, ja selbst einzelne Stadtviertel und
Straßen werden für jeden Verkehr abgesperrt, und die chinesischen
Theaterbesucher könnten gar nicht nach Hause gelangen. Eine Ausnahme
machen freilich die Theater in den großen, den Fremden geöffneten
Hafenstädten. Dort sind die Sing Song, d. h. in chinesischem Patois
Theater, ebenso abends geöffnet wie die englischen Sing Song. Ebenso
habe ich sie auch in San Francisco, Singapore abends geöffnet gefunden.
Es ist aber ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, daß die chinesischen
Theaterstücke, wie es vielfach von flüchtigen Globe trotters
dargestellt wurde, tage- und wochenlang ohne Unterbrechung dauern. Die
Chinesen haben ebenso ihre ein- und mehraktigen Stücke wie wir, nur ist
bei ihnen der Vorhang und demnach das Fallen des Vorhangs unbekannt,
ein Stück folgt fast ohne Unterbrechung auf das andere, und will sich
irgend ein reicher Herr unter den Zusehern ein bestimmtes Theaterstück
vorspielen lassen, so braucht er es nur zu verlangen und dafür einige
Taels zu bezahlen.
Fast alle Theaterstücke der Chinesen werden durch Musik begleitet, fast
in allen kommen Gesänge vor. So sehr ich mir während vieler Besuche
in den verschiedensten Theatern Mühe gab, in dem furchtbaren Lärm,
den die auf der Bühne selbst kauernden Gongschläger, Lautenbläser und
Violinenkratzer unausgesetzt machten, irgend eine Methode, Rhythmus,
Melodie zu finden, ist es mir doch niemals gelungen, und als ich
einmal in Shanghai einen der englischen Sprache mächtigen Chinesen
darüber befragte, so antwortete er mir lächelnd, es sei ihm mit der
europäischen Musik, die er gehört, gerade so gegangen. Wir können uns
Gesang nicht ohne Melodie denken, und wenn wir sprechen, geschieht es
in der gleichen Tonart. Die Chinesen sprechen, indem sie jedem Worte
einen anderen Ton geben, also nach unseren Begriffen in singender
Weise, dafür sind aber ihre Gesänge monoton. Wir können die letzteren
mit unseren Musikzeichen nur annähernd wiedergeben, denn statt acht
Töne enthält die chinesische Musik nur sieben. Dabei kennen sie kein
Piano, keine der Modulationen, welche unserer Musik den großen Reiz
verleihen; sie singen mit näselnder Stimme, gewöhnlich so laut, wie
sie nur können, und doch sagt Confucius von der Musik, sie sei die
„Essence der Harmonie, welche zwischen Himmel, Erde und den Menschen
herrscht”. Die Chinesen lieben die Musik über alle Maßen; sie haben
ihre Musikgesellschaften, ihre Musikkorps, und keine Festlichkeit,
keine Prozession, kein Gottesdienst, kein Hochzeitszug oder Begräbnis
ist ohne Musik. Sie sind darin die Deutschen des Orients. Ein großer
Prozentsatz der Chinesen beiderlei Geschlechts kann irgend ein
Instrument spielen; sie haben die Musik schon vor nahezu fünftausend
Jahren, zur Zeit des Kaisers Fu-hsi gekannt und sind auch die
eigentlichen Erfinder der Orgel, auf chinesisch Scheng; sie besitzen
eine große Zahl der verschiedensten Instrumente, darunter sogar
solche aus Stein. Bei einer solchen Leidenschaft für die Musik ist es
begreiflich, daß dieselbe auch im Theater nicht fehlen darf, ja ein
großer Teil der Besucher kommt nur ihretwegen, denn vom gesprochenen
Text ist bei den mit voller Kraft geschrieenen Fisteltönen, deren sich
die chinesischen Schauspieler befleißigen, doch nur wenig zu verstehen.
Die Mehrzahl der chinesischen Dramen sind übrigens den Zuhörern
bekannt; sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, behandeln die
militärischen Großthaten, die Feldzüge, Schlachten, Hofereignisse,
aber nur bis zur Erhebung der jetzt herrschenden Kaiserdynastie auf
den Thron; seitherige Ereignisse dürfen nicht auf der Bühne behandelt
werden, und da die Schauspieler ihre Rollen nicht aus Büchern, sondern
der Tradition nach von Generation zu Generation lernen, gewähren ihre
Darbietungen einen tiefen, höchst interessanten Einblick in Leben
und Sitten der Chinesen in früheren Jahrhunderten. Von der Gegenwart
darf nur das bürgerliche und Familienleben behandelt werden, nach Art
unserer Volksstücke, und ich habe gerade aus diesen durch aufmerksames
Beobachten und durch die Erklärungen des Dolmetschers sehr viele Züge
aus dem Leben dieses merkwürdigen Volkes gelernt, die mir sonst gewiß
entgangen wären.
Die Bühneneinrichtung der chinesischen Theater ist etwa von derselben
lächerlichen Einfachheit, wie unsere Bühnen sie zur Zeit Shakespeares
zeigten. Im Hintergrund befindet sich irgend eine bemalte Leinwand,
durch welche zwei Thüren nach dem Schauspielerzimmer führen; aus
diesem stürzen die Mimen mit grotesk bemalten Gesichtern und in ebenso
grotesken Anzügen heraus, schreien ihre Rolle herunter und verschwinden
wieder in den Thüren; dabei lärmt und tobt die Musik ununterbrochen.
Die Musiker sitzen auf einer Seite der Bühne im Hintergrunde,
und anscheinend besteht zwischen ihrem Getöse und dem Gesang der
Schauspieler gar kein Zusammenhang. Ein paar Stühle, Kisten und Kasten,
auf der Bühne aufgestellt, vervollständigen die Einrichtung, und je
nach Bedarf werden diese szenischen Hilfsmittel während der Handlung
von den Angestellten umhergetragen, aufeinandergetürmt. Es wird dabei
vorausgesetzt, daß diese letzteren dem Publikum unsichtbar sind.
Ueberhaupt wird die Phantasie der Zuschauer in etwas übermäßiger Weise
in Anspruch genommen. Ich entsinne mich, in Canton eine Schauspielerin,
d. h. einen als Dame verkleideten Schauspieler gesehen zu haben, der
mühselig eine aus Stühlen und Kisten gebildete Pyramide erklomm. Sie
sollte einen Berg darstellen, und die Handbewegungen und Wendungen der
Dame zeigten an, daß sie sich durch einen Wald den Weg bahnte. Bei
einer anderen Gelegenheit legten sich sechs Kerle übereinander auf
die Mitte der Bühne. Von zwei Seiten stürzten phantastisch vermummte
Krieger aufeinander, eine Partei rollte die daliegenden Kerle beiseite
und wurde dann mit der anderen handgemein. Mein Dolmetscher erklärte
mir, die sechs Kerle hätten eine Festungsmauer dargestellt. Ein anderes
Mal sprang ein Krieger, indem er die Bewegung des Reitens machte, quer
über die Bühne von einer Seite zur anderen und schien dort an eine
unsichtbare Person einen Brief abzugeben. Wie ich erfuhr, war dies
ein reitender Bote, der von einer handelnden Person im Stücke nach
der Mongolei gesandt wurde. Damit aber das Publikum die Sache auch
verstände, erklärte der Bote, als er mit seinem Briefe auf der Seite
der Bühne dastand, er sei nun in der Mongolei angekommen und erfülle
gerade seine Mission. Gewöhnlich erscheinen mit den handelnden Personen
auch die guten und bösen Geister, denn ohne Geister geschieht bei
diesem abergläubigen Volke überhaupt nichts. Statt aus der Hinterthür
kommen diese aber ihrem überirdischen Charakter entsprechend aus
Versenkungen. Einmal bemerkte ich, während drei groteske Gestalten ihre
Szene darstellten, den Kopf eines solchen Geistes aus einer Versenkung
erscheinen. Aber weiter schien er trotz aller Anstrengungen nicht
emporkommen zu können. Deshalb schrie er den Schauspielern zu, sie
möchten ihm doch helfen. Sofort sprangen sie auf ihn zu und zerrten ihn
aus seinem Loche. Kaum war er auf den Beinen, so stellte er sich in
Positur, und die Schauspieler machten alle Zeichen des Erschreckens.
So lächerlich diese Dinge mir auch vorkamen, die Tausende, die um mich
herum saßen und ihre Kürbiskerne kauten, die gewöhnliche Beschäftigung
der Theaterbesucher, behielten ihren ruhigen Ernst und folgten mit
Spannung der Handlung. Bei besonders packenden Szenen drückten sie
ihre Bewunderung nicht durch Händeklatschen aus, sondern durch laute
Rufe, wie: Hau Hau, Ei, Hai, Wau, Buh, Jah und dergleichen. Die
reine Menagerie. Uebrigens sollen sich die chinesischen Dramen auch
nach unseren Begriffen durch schöne Sprache und geradezu klassischen
Aufbau auszeichnen, und Sir John Davis, vielleicht der beste Kenner
des chinesischen Theaters, äußert sich voll Entzücken über einzelne
Tragödien, die er auch ins Englische übersetzt hat. Was wenigstens mir
und wohl allen Besuchern Chinas große Bewunderung einflößte, war die
vollkommene Art, wie die Schauspieler sich als Frauen verkleideten
und die weiblichen Bewegungen und Sprache wiedergaben, sowie die ganz
erstaunliche Pracht der Kostüme. Selbst Schmiertruppen in Dörfern
haben deren eine beträchtliche Zahl, und es muß eine gewaltige Summe
Geldes in diesen kostbaren Helmen, Federn, Waffen, Goldbrokaten und
Seidenstickereien stecken.
Die Schauspieler sehen es gar nicht ungern, wenn man ihnen in ihren
Ankleidezimmern einen Besuch abstattet, und sie zeigten mir mit
Befriedigung und Stolz auf ihren Gesichtern alle ihre Kostbarkeiten.
Sie rekrutieren sich der Mehrzahl nach aus den ärmsten Volksklassen.
Kinder werden zu Theaterdirektoren in die Lehre gegeben, viele werden
von armen Eltern sogar an sie verkauft. Während der ersten drei Jahre
müssen sie Handlangerdienste versehen und Rollen lernen, indem sie den
älteren Schauspielern zuhören und von diesen auch Unterricht empfangen.
Aus Büchern lernen sie, wie bemerkt, nicht, und so kommt es auch, daß
durch die Willkürlichkeiten und Extempora der Schauspieler dieselben
Stücke von den verschiedenen Truppen verschieden gegeben werden. Die
einmal erlernten Rollen vergessen sie niemals wieder. Jedes der zwanzig
bis dreißig Stücke, die eine Theatertruppe in ihrem Repertoire haben
dürfte, kann ohne Probe zu jeder Zeit gespielt werden. Souffleure,
Inspizienten, Regisseure sind auf der chinesischen Bühne unbekannte
Pflanzen.
Die chinesischen Schauspieler bilden eine eigene Zunft und haben gerade
so ihre lokalen Vereinigungen wie ihre europäischen Kollegen; ihren
Direktoren gegenüber besitzen sie aber viel größere Unabhängigkeit und
Gewalt als die letzteren. Sie haben sogar ihren eigenen Schutzgott,
einen fratzenhaft aussehenden Götzen, dem sie Opfer darbringen und
den sie in jedem Jahre durch große Festlichkeiten günstig zu stimmen
suchen, eine Art chinesischer Generalintendant.
[Illustration: Zuseher beim Theater.]
[Illustration: Theesortierer.]
Chinesischer Thee und seine Metropole.
Von den vielen Millionen Menschen, welche täglich mit Wohlbehagen ihren
Thee schlürfen, haben wohl noch die wenigsten darüber nachgedacht,
woher die kleinen braunen Blättchen am Grunde ihrer Theekanne
eigentlich stammen. Ob aus Indien oder Ceylon oder China, ob er Oolong
oder Pekko oder Souchong heißt, ist der großen Mehrzahl der Theetrinker
ziemlich gleich. In Hotels oder Kaffeehäusern wird einfach eine Portion
Thee verlangt, bei den vornehmen Five o’clock teas erhält man die
Schälchen mit dem mehr oder minder köstlichen Naß vorgesetzt, ohne daß
man sich weiter darum kümmern würde. Wenn nur die rechte Menge Zucker
und Sahne dabei ist! Ohne diese beiden Dinge kein Thee.
Wie anders ist es im wahren Heimatslande des letzteren, in China! Es
würde dort, wo für Hunderte von Millionen Menschen der Thee nicht nur
das wichtigste, sondern man könnte füglich sagen, das einzige Getränk
bildet, niemandem einfallen, auch nur ein einziges Stückchen Zucker
beizufügen, die Sahne aber ist dem Chinesen ganz unbekannt. Sie trinken
überhaupt keine Milch, und die Kühe werden nicht gemolken. Nur in Tibet
wird dem Thee Grütze und Mehl zugesetzt und so eine Art dicke Suppe
bereitet.
In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in China konnte ich mich an den
nach chinesischer Art zubereiteten Thee gar nicht gewöhnen. Machte ich
bei Chinesen Besuche oder besorgte ich Einkäufe, so wurde mir stets ein
Täßchen Thee vorgesetzt. Ein bezopfter, mandeläugiger Mongole brachte
die Täßchen herbei, legte einige Theeblätter hinein, goß kochendes
Wasser darauf und deckte dann jedes Täßchen mit der umgekehrten
Untertasse zu. Nach einigen Minuten nahm mein Gastgeber gewöhnlich
seine Tasse in die Rechte, schob mit dem Zeigefinger derselben Hand
die Untertasse ein wenig zurück, um beim Trinken die Theeblätter
nicht in den Mund zu bekommen, und schlürfte dann mit Wohlbehagen
die gelblich-grüne klare Flüssigkeit. Bei meinem ersten ungeschickten
Versuche entschlüpfte die Untertasse meinen Fingern und zerbrach, ich
verbrannte mir die Hand und Zunge und fand den Thee dazu auch noch
abscheulich. Bei den folgenden Versuchen ging es schon besser, und
nach einer Woche begriff ich vollkommen, daß man Thee nach Chinesenart
trinken muß. Dann ist er ein wahres Labsal. Wenn die Chinesen so
wenig geistige Getränke genießen und unseren Wein, unser Bier gar
nicht kennen, so mag dies großenteils den erquickenden, belebenden
Eigenschaften ihres ausgezeichneten Thees zuzuschreiben sein. Dasselbe
kann von den Indiern und Japanern gesagt werden. Beide Völker
übernahmen den Thee von den Chinesen und sind auch in Bezug auf den
Theebau ihre größten Wettbewerber geworden. Ungeheure Mengen indischen
und japanischen Thees gelangen heute auf den Weltmarkt, in England
und seinen Kolonieen trinkt man fast ausschließlich nur indischen, in
Amerika großenteils japanischen Thee, aber der beste bleibt doch der
chinesische.
In der Umgebung von Canton bekam ich keine Theepflanzung zu sehen, denn
Thee wird in China erst weiter nördlich, hauptsächlich im Stromgebiet
des Jangtsekiang gebaut. Bei Ningpo, einem der den Europäern geöffneten
Häfen, gedeiht er am besten, und dort war es auch eine meiner ersten
Unternehmungen, die Theepflanzungen der Umgebung zu besuchen. Es war
Anfang Mai, und wie bei uns, so ist auch dieser Monat in China der
schönste. In den Reisfeldern unten am Flusse prangten die kleinen
Pflänzlein im herrlichsten Grün; weiter oben am Fuß der Berghänge stand
das Getreide schon kniehoch, vermengt mit Mohnblumen und rotblühendem
Klee; und die Berge bis hinauf zu den Gipfeln zeigten den wunderbarsten
Azalienschmuck. Hier und da, in der Umgebung der weitverstreuten
kleinen Bauernhöfe, erhoben sich Gruppen mächtiger Weiden- und
Kampferbäume mit ihren dunkelgrünen buschigen Kronen. Dickstämmige
Wistarias, diese schönsten und beharrlichsten aller Schlingpflanzen,
wanden sich an den Baumstämmen empor, ihre Zweige umklammerten
die Zweige der Bäume, und zwischen deren Laub prangten ihre lila
Blütentrauben in ungezählten, erdrückenden Massen.
Der Gesang von Drosseln erfüllte die Luft ganz so wie bei uns, und die
warme Frühlingssonne beschien ein so herrliches Landschaftsbild, wie
ich es in China gar nicht erwartet hätte. Ihre Strahlen spiegelten
sich tausendfach in den scharf umgrenzten Wasserflächen der Reisfelder
wieder und glitzerten in dem Flusse, dessen Ufer die üppigste
Vegetation zeigte. In den kleinen, von wohlgepflegten Gemüsegärten
umgebenen Dörfchen und Höfen, die ich auf meiner Wanderung passierte,
zeigten sich nur wenige Menschen. Die ganze Bevölkerung war draußen auf
den Feldern bei der Arbeit.
[Illustration: Pagode in Wutschang im Jangtsethale.]
Nach etwa zweistündigem Marsche erreichte ich ein größeres Dorf,
und jenseits desselben zogen sich auf weite Strecken die ersten
Theepflanzungen hin, durchwegs kleine Felder mit den eigentümlichen,
hagedornartigen Theesträuchern bedeckt. Man war eben an der ersten
Ernte, und auf dem Wege hinauf begegnete ich zahlreichen Landleuten,
welche, meinen Gruß mit freundlichem Tschin-tschin erwidernd, die
frischgepflückten Blättchen in großen Körben heimtrugen, Männer, Frauen
und Kinder, alle gleich gekleidet. Sie trugen ein dunkelblaues, loses
Baumwollhemd mit weiten Aermeln und ebensolche Beinkleider, die bis
etwas unter die Knie reichten. Die Männer hatten auf ihren mehrfach
gewundenen Haarzöpfen große Strohhüte sitzen, Frauen und Mädchen
aber trugen ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig gekämmt und mit
frischen Blumen geschmückt. Hier war es auch, wo ich zum erstenmale
wirklich hübsche schlankgewachsene Chinesinnen sah. Ihre Gesichter
waren gebräunt und nicht wie jene ihrer Schwestern in den Städten
bepudert und bemalt; ihre unteren Gliedmaßen und ihre nackten Unterarme
zeigten runde pralle Formen. Paarweise trippelten sie einher, auf
ihren Schultern Bambusstäbe tragend, von denen die schweren Körbe,
mit Theeblättern gefüllt, herabhingen. Kamen sie an mir vorbei, so
schlugen sie verschämt die Augen nieder und wandten ihre Gesichter
mit verlegenem Lächeln ab. In den Pflanzungen selbst ließen sie sich
durch mein Kommen nicht in ihrer Arbeit stören. Emsig streiften sie
mit ihren kleinen Händchen die Blätter von den Zweigen und warfen sie
in die Körbe auf ihrem Rücken. Hunderte von Mädchen, ja selbst Kinder
von fünf oder sechs Jahren, waren so mit dem Einheimsen der Blätter
beschäftigt, denn in einer Woche mußte die Ernte beendigt sein. Sie
ist ja die beste und kostbarste der drei oder höchstens vier Ernten,
welche der Theestrauch jährlich liefert. Die Blättchen sind Ende April
und Anfang Mai fleischiger, wohlriechender als die nachfolgenden und
zeigen eine zarte weiße Behaarung, welche wahrscheinlich der Grund war,
warum man in Europa den Thee dieser Ernte irrtümlich als Blütenthee
bezeichnet. Die Blüten selbst werden nicht zur Theebereitung verwendet.
Sie sitzen auf den Spitzen der buschigen, etwa meterhohen Sträucher und
sind weißlich, geschmack- und geruchlos. Im Herbst entwickelt sich die
Frucht, eine Kapsel mit drei kleinen Bohnen, aus welchen die Sträucher
gezogen werden.
Mit dem Abstreifen der frischen grünen Blätter ist die Arbeit des
Theebaues nicht etwa beendet. Freilich erfordert der Theestrauch
keine besondere Düngung oder Bearbeitung des Bodens; lehmiger und
sandhaltiger Boden, dazu Sonnenlicht und eine hinreichende Menge
Regen ist alles, was erforderlich ist. Aber dennoch hat der Theebauer
den größten Teil des Jahres mit seiner Pflanzung zu thun. Aus den
Samenkörnern werden zuerst Sprößlinge gezogen und diese, sobald sie
einige Monate alt sind, in die Pflanzungen selbst versetzt, wo sie in
langen Reihen mit etwa anderthalb Meter breiten Abständen voneinander
stehen. Zwischen sie werden noch allerhand Gemüse gepflanzt. Nach dem
zweiten Jahre pflegt man in manchen Gegenden (der Thee ist in dem
ganzen, zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden Stromgebiet des
Jangtsekiang verbreitet) die Blätter schon zu pflücken, doch ist die
Pflanze erst im sechsten Jahre ausgewachsen und liefert dann bis zu
ihrem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre zwei bis vier Ernten jährlich.
Läßt man die Stauden wachsen, so erreichen sie drei bis fünf Meter
Höhe; sie müssen also jährlich beschnitten werden, um das Pflücken der
Blätter zu erleichtern.
Dieses Pflücken kann nur an warmen, sonnigen Tagen erfolgen, und
deshalb beeilten sich die Mädchen und Kinder so sehr, als ich zwischen
ihnen durch die Pflanzungen wanderte. Wie mir mein Dolmetscher
erzählte, waren sie schon seit Morgengrauen an der Arbeit. Kaum gönnten
sie sich Zeit, um ihren gekochten Reis und ihr Gemüse zu verzehren;
dann arbeiteten sie sich wieder ihre kleinen Händchen blutig und
blickten mitunter ängstlich auf, um zu sehen, ob nicht Wolken im Anzuge
wären, deren Entladung ihre Ernte verderben würde. War ein Korb mit
den glänzenden fleischigen Blättchen gefüllt, dann sprang wohl ein
Mädchen darauf und stampfte die Blätter mit ihren nackten Füßen fester
zusammen, und konnte nichts mehr hineingepreßt werden, so wurde rasch
ein Bambusstock durch die Handhabe gezogen, die Last auf die Schultern
gehoben, und fort gings in raschem Getrippel hinab zum Farmhause.
Unten in den verstreuten Höfen und kleinen Dörfchen sind Männer und
Frauen mit der Zubereitung der Theeblätter beschäftigt, und bricht
die Dämmerung an, dann eilt alles aus den Pflanzungen hinab, um bis
Mitternacht die Blätter zu dörren. Ein paar Stunden Schlaf nur sind den
jungen Arbeiterinnen gegönnt, dann springen sie wieder zurück in die
Pflanzung, und das Tagewerk beginnt von neuem. Ihre einzigen Werkzeuge
sind ihre Hände und Füße. Sobald ein Korb Blätter in die Farmhäuser
gelangt, so machen sich Frauen und Kinder darüber her, um geschickt
die alten und gelben Blätter daraus zu entfernen, die guten Blätter
aber auf luftige Bambusgeflechte zu werfen, wo sie bald welken und
weich werden, so daß sie mit der flachen Hand leicht zu rollen sind.
Diese Arbeit dauert so lange, bis sich an den Blättern rötliche Flecken
zeigen. Das Rollen der Blätter heißt im Chinesischen kung-fu, woraus
die europäischen Handelsleute Kongu oder Kongo machten. Der als Kongo
bezeichnete Thee stammt also nicht etwa vom Kongo, sondern heißt so
viel als gerollter Thee.
Nun werden die Blätter in baumwollene Säckchen gestopft und diese in
durchlöcherte Kisten oder Fässer geworfen. Dann springen die Arbeiter
hinein und treten und kneten die Säckchen, ähnlich wie die Italiener
und Spanier die Weintrauben, so lange, als aus den Oeffnungen noch der
Saft der Blätter, eine klebrige, ölige Flüssigkeit, herausläuft. Auf
diese Weise wird ein großer Teil des bitteren Tanningehaltes entfernt
und das Gewicht der Blätter auf etwa ein Viertel verringert.
Nun sind die Blätter für das Feuern reif. Dies geschieht in manchen
Gegenden von den Theebauern selbst, oder sie verkaufen die Blätter,
nachdem diese einige Stunden in Körben einer leichten Gärung
ausgesetzt wurden, den Händlern der großen chinesischen Theekaufleute.
Diese ziehen Ende April und Anfang Mai durch die Theedistrikte und
kaufen den Bauern ihre Ernten ab. Großer Grundbesitz ist in China eine
Seltenheit. Jeder Bauer hat ein kleines Stückchen Land, höchstens
einige Morgen groß, auf dem er seinen Thee, Reis, Getreide, Bohnen
und Gemüse selbst zieht. Den Ueberschuß verkauft er an die Händler.
Diese senden den Thee nach ihren Hongs oder Warenhäusern, und dort
erfolgt die weitere Zubereitung. Die Blätter werden von halbnackten
Chinesen auf heiße Eisenpfannen geworfen und dort unter fortwährendem
Umrühren erhitzt; dann breitet man sie auf große Bambusrohrtische
aus und drückt nochmals durch Kneten mit der Hand die vorhandene
Feuchtigkeit aus. Dieses Erhitzen, Rollen und Trocknen wird mehrmals
wiederholt, bis die Blätter vollständig gedörrt sind und eine dunkle
Farbe angenommen haben. Blätter verschiedener Ernten werden in den
Hongs auch gemischt; dann werden ihnen auch, um verschiedene Theesorten
zu erzeugen, mancherlei wohlriechende Blüten zugesetzt, und der grüne
Thee wird überdies noch einer Behandlung mit Preußischblau und Gipsmehl
unterworfen, um ihm eine schönere Färbung zu geben.
Alles das ist sehr leicht niedergeschrieben, aber wir europäischen
Theetrinker machen uns kaum eine Vorstellung von der unendlichen
Sorgfalt und Zartheit, welche diese Zubereitungen erfordern. Wohl
stehen den Zopfträgern des Reiches der Mitte jahrhundertelange
Erfahrungen zu Gebote, aber doch bleibt die Theeindustrie die
schwierigste aller chinesischen Industrien. Durch Generationen hat sie
sich ohne irgend welche Neuerungen fortvererbt, und gerade so wie die
Urgroßväter, so machen auch die Enkel ihre Theearten nach denselben
Vorschriften. Indier wie Japaner verwenden praktische, vorzüglich
arbeitende Maschinen, größere Länderstrecken sind durch Gesellschaften
oder einzelne zu einem Betrieb vereinigt worden, und der Wettbewerb
dieser beiden Länder bedroht den chinesischen Theemarkt in der
empfindlichsten Weise, allein die Zopfträger sind viel zu konservativ,
um sich dadurch aus ihrem alten Gleise heben zu lassen. Bei ihnen macht
der Schaden nicht klug. Die Preise sind durch die Indier und Japaner
so sehr herabgedrückt worden, daß es sich bei aller Sparsamkeit und
Enthaltsamkeit kaum mehr lohnt, Thee zu bauen. Und hier zeigt sich eine
der Eigentümlichkeiten der Chinesen, ihr negativer Geist. Statt es den
anderen Völkern durch Annahme von Maschinen, durch vereinigten Betrieb,
durch Arbeitsteilung gleichzuthun, leben sie einfach noch enthaltsamer
und widmen ihren Produkten stets dieselbe zeitraubende und kostspielige
Bearbeitung.
Ihr einziger Bundesgenosse im Kampf mit den anderen Theebauern ist
die ausgezeichnete Qualität ihres Thees. Oolong, Souchong und Pekko
beherrschen noch immer den Markt auf dem europäischen Kontinent,
hauptsächlich in Rußland. Die genannten drei Namen sind nicht
etwa solche von Städten oder Theedistrikten. Oolong heißt in der
chinesischen Sprache schwarzer Drache und ist eine Art schwarzen
Thees, Souchong heißt kleine Pflanze und Pekko weißer Flaum nach dem
Flaum, welchen die Blätter der ersten und besten Ernte zeigen.
[Illustration: Hankau.]