unternahm, wunderte ich mich, warum der Vicekönig, der in einem
bescheidenen Yamen seine Residenz aufgeschlagen hat, für die
Ausbesserung der Stadtmauern so viel Geld ausgegeben haben konnte. Wo
war denn eigentlich das vielgerühmte Nanking? Ich war innerhalb der
Stadtmauern, aber die Stadt selbst suchte ich stundenlang auf- und
niederreitend vergeblich. Reis-, Gerste- und Roggenfelder bedeckten
weite Flächen, andere waren von wüstem Sumpfland eingenommen, wieder
andere bedeckte dicht wucherndes Gestrüpp und Wald. Hie und da zwischen
den Feldern erhoben sich elende Strohhütten, in welchen armselige
Weiber ihren Hausrat besorgten, während die Männer die Wasserbüffel
bewachten, die in den Feldern den Pflug zogen. Weiterhin führte
mich mein Weg durch Trümmerfelder von Quadratkilometern Ausdehnung,
bedeckt mit Steintrümmern und Schutthaufen, zwischen denen das Unkraut
üppig emporschoß. Wohl hatte ich von den furchtbaren Verwüstungen
gehört, die der große Taipingkrieg in den sechziger Jahren in seinem
Gefolge hatte, allein so entsetzlich, wie ich sie nun in Wirklichkeit
fand, hätte ich dieselben nicht für möglich gehalten. Sollte denn
von all den Tausenden von Palästen, Tempeln, öffentlichen Gebäuden,
Pagoden, welche die Millionenstadt in früherer Zeit besessen hat,
wirklich nichts mehr übrig geblieben sein? Wo war die Purpurstadt,
wo der Kaiserpalast, in dem die Kaiser der Mingdynastie residiert
haben, wo der Palast des letzten Taipingkaisers? Ich ließ mir die
Tatarenstadt zeigen, die, von einer eigenen Ringmauer umschlossen,
im östlichen Teil von Nanking gelegen ist. Auch dort nichts als
Steintrümmer, ähnlich jenen des Dschebel Mokattam in Kairo oder denen
von Karthago, wo ich vor Jahren umhergewandert, nur noch trostloser,
weil sie frischer waren, aus der neuesten Zeit stammten. Ich hatte
wenigstens Ruinen erwartet, wie sie Paris in seinen Tuilerien, seinem
Staatsratsgebäude, seinem Hôtel de ville besessen hat, und als ich
auf dem weißen Steingeröll umherreitend endlich meinen Begleiter nach
dem Kaiserpalast fragte, antwortete er mir, ich befände mich eben auf
der Stelle, wo er sich vor der Taipingrevolution befunden hätte. Und
die Ruinen? Das Steingeröll, über das mein Pferd einherstolperte!
Nicht ein Stein liegt dort auf dem anderen. Nanking ist nicht mehr. Es
wurde während der Revolution einfach zu Staub zermalmt, vom Erdboden
weggewischt, wie man Staub vom Spiegel wischt. Kein Erdbeben, kein
Brand, keine Ueberschwemmung hätte hier schlimmere Verwüstungen
anrichten können als die Hand von Menschen während der Revolution. Ich
befand mich in Tokio, als ein Erdbeben viertausend Häuser zerstörte
oder beschädigte. Ich habe Chicago bald nach dem großen Brande gesehen,
der es großenteils vernichtete, und St. Cloud in Minnesota nach dem
furchtbaren Tornado, der es in Trümmer geblasen hat. Nirgends war die
Vernichtung auch nur annähernd so vollständig wie hier, wo nichts
als weiße Trümmerfelder die Stelle anzeigen, wo noch Mitte dieses
Jahrhunderts eine der größten, ältesten und volkreichsten Städte
unseres Erdballes gestanden hat. Innerhalb der Mauern von Nanking
hat sich in der That eines der merkwürdigsten, leider nur zu wenig
bekannten Ereignisse der Weltgeschichte abgespielt. Hier war es, wo der
berüchtigte Hong-Sin-Tsien, ursprünglich ein armer Schullehrer, durch
seine Ueberzeugung und Thatkraft sich zu einem gewaltigen Heerführer
emporgeschwungen und schließlich während elf Jahren als Kaiser über
die Hälfte des chinesischen Reiches herrschend, der Dynastie in Peking
so starren Widerstand entgegengesetzt hat. Seine Armeen waren überall
erfolgreich, überall wurden die kaiserlichen Heere durch die Taiping
geschlagen, und eine Zeit lang glaubten die Chinesen selbst an die
Intervention des Himmels zu Gunsten des Friedenskaisers in Nanking.
Aber als die Kaiserlichen endlich die Europäer um Hilfe anriefen,
war es mit der sagenhaften Unüberwindlichkeit vorbei. Unter ihren
Heerführern waren überdies Zwistigkeiten ausgebrochen; viele kämpften
auf eigene Faust, etliche fielen in den Schlachten, andere gingen mit
ihren Mannschaften zu den Kaiserlichen über. Müde von den Bedrückungen,
dem Sengen, Rauben und Morden der umherziehenden Taipingbanden fielen
ganze Provinzen von dem Rebellenkaiser ab, und diesem blieb schließlich
von seinem großen Reiche nichts weiter als seine Residenzstadt
Nanking. Lange Zeit hielt er sich dort, hauptsächlich geschützt
durch die gewaltigen Ringmauern. Am 30. Juni 1864 gelang es endlich
der Artillerie des kaiserlichen Belagerungsheeres, in diese Mauern
eine Bresche zu schießen, und damit war der weitere Widerstand der
Rebellen ein erfolgloses Bemühen. Aber die letzteren ahnten wohl, welch
schreckliches Schicksal ihnen schließlich bevorstand, und deshalb
entschlossen sie sich, lieber auszuharren, als sich zu ergeben. Nur
der Rebellenkaiser selbst verlor den Mut. Schon lange war sein Geist
durch die rasch aufeinanderfolgenden Schläge getrübt worden, und als er
noch die Nachricht von dem Fall der großen Ringmauer erhielt, nahm er
sich durch Gift das Leben. Seine Generale riefen nun seinen Sohn zum
Kaiser aus, und der sechzehnjährige Jüngling übernahm den Befehl über
die Verteidigungstruppen. Achtzehn Tage hielten sich die Rebellen noch
gegen die Kaiserlichen. Am 19. Juli 1864 aber drangen die letzteren
durch die Bresche in die Stadt. Ein treuer Diener von Hong-Siu-Tsien
rettete den jungen Rebellenkaiser dadurch, daß er ihm sein eigenes
Pferd gab, allein ebenso wie sein Retter, fiel schließlich auch der
Kaiser in die Hände der siegreichen Belagerer und wurde enthauptet.
Beim Lesen des offiziellen Berichts über die Einnahme von Nanking
stehen einem vor Entsetzen die Haare zu Berge. Nicht weniger als
hunderttausend Menschen wurden innerhalb dreier Tage niedergemetzelt,
viele Tausende starben in der durch so viele verwesende Leichname
verpesteten Stadt. Alles wurde zerstört und verwüstet, die ganze Stadt
mit unbeschreiblicher Wut dem Erdboden gleichgemacht. Selbst der
Leichnam des verstorbenen Hong-Siu-Tsien wurde nicht verschont. Die
Kaiserlichen fanden sein Grab; sie rissen der verwesenden Leiche die
Haut vom Körper, warfen seine Gliedmaßen den Hunden vor und ließen
seinen Kopf auf einer Stange steckend durch die aufrührerischen
Provinzen tragen. So endete die Rebellion der Tschang-Mao, vielleicht
die schrecklichste und blutigste aller Zeiten. Nankings Ruinen sind
nicht die einzigen. Im ganzen Jangtsekiangthale und in den südlich
davon gelegenen Provinzen blieb wohl keine Stadt verschont. Jahrzehnte
werden noch vergehen, ehe sich die Bevölkerung der verwüsteten
Provinzen, über hundertfünfzig Millionen, von den furchtbaren
Verheerungen der Taiping erholt haben wird, Nanking aber ist wohl
auf Jahrhunderte hinaus gebrochen. Die Regierung ließ allerdings aus
den umliegenden Provinzen Ansiedler kommen, sie unterstützte die
Wiederaufnahme der einst so berühmten Industrien, der Seidenspinnerei,
der Fabrikation des unter dem Namen Nanking bekannten Baumwollstoffes,
der Porzellanmanufaktur; sie ließ außerhalb der Mauer ein Arsenal
errichten, und die Stadt soll heute chinesischen Berichten zufolge
wieder eine Viertelmillion Einwohner haben. Ich glaube es nicht.
Nach meiner Schätzung können die wenigen Straßen, die hier und dort
auf dem weiten Trümmerfelde wieder entstanden sind, kaum mehr als
hunderttausend Menschen enthalten. Sie wohnen in ärmlichen Häusern,
zum größten Teil aus den Trümmern der zerstörten Stadt erbaut, und
Handel und Wandel sind nur ein Schatten dessen, was er früher, und
wie er heute in benachbarten Städten, in Shanghai, Tschingkiang, Wuhu
herrscht. Armut und Aberglaube überall. In den elenden Kaufläden
hängen lange Schnüre von Shoes, d. h. Silberbarren, aber aus
Silberpapier angefertigt, welche die Chinesen an den Gräbern ihrer
Verstorbenen oder in den Tempeln ihren Götzen opfern. Vor den Thoren
der wenigen besseren Häuser stehen kurze hohe Wände mit allerhand
Fratzen bemalt, um die bösen Geister zu bannen. Als ich nach meinem
ersten Spazierritt in die Marineschule zurückkehrte, fiel mir auf,
daß das Hauptthor nicht in derselben Linie mit der Umfassungsmauer
war, sondern schief stand. Als ich die Professoren, meine Gastfreunde,
darüber befragte, erklärten sie mir, daß auch beim Bau dieses
europäischen Hauses, wie bei jenem der chinesischen Häuser, Gelehrte
und Wahrsager zu Rate gezogen wurden, um die günstigste Lage gegenüber
den guten und bösen Geistern zu bestimmen. Sie erklärten, das Thor
müsse genau nach Süden gerichtet sein, und deshalb die schiefe Lage
desselben. Nun vergingen sich die europäischen Professoren beim Bau
des Hauses insofern, als sie es ein Stockwerk hoch aufführen ließen.
Darob großes Geschrei unter den Chinesen, die es nicht zugeben wollten,
daß dieses Haus höher sein sollte als jenes des obersten Leiters der
Schule, eines chinesischen Generals. Glücklicherweise stand dasselbe
aber auf einem Hügel. Die Professoren erklärten nun ihrerseits, sie
hätten alle Rücksichten für ihren Vorgesetzten beobachtet, denn das
Dach ihres neuen Hauses wäre thatsächlich tiefer gelegen als jenes
des chinesischen Generalshauses. Die Gelehrten überzeugten sich durch
Augenschein von der Richtigkeit dieser Behauptung, und das Haus blieb
stehen. Sonst hätte gewiß das erste Stockwerk wieder abgetragen werden
müssen.
Die verhältnismäßige Neuheit der Häuser in den über die ungeheure
Fläche zerstreuten Stadtteilen läßt diese auch reinlicher erscheinen
als andere chinesische Städte; die Leute, großenteils im Dienste der
Provinzialregierung stehend, die hier ihren Sitz hat, und überdies
durch die vielen christlichen Missionen beeinflußt, sehen auch
reinlicher und besser gekleidet aus; die Straßen sind breiter, und vor
den zahlreichen ärmlichen Kaufläden befinden sich, durch Holzgitter
eingefaßt, kleine Vorplätze mit Sitzbänken, welche den Inhabern und
Käufern tagsüber als Aufenthalt dienen. Die großen Entfernungen
erschweren natürlich den Verkehr; an Stelle der Schubkarren, welche
in Shanghai, Tschinkiang, Tschifu und anderen Städten des Nordens zur
Beförderung von Menschen und Lasten dienen und von kräftigen Kulis
geschoben werden, verwenden die Bewohner Nankings größtenteils Esel,
die im Vergleich zu den elenden, mageren Tieren, die man in Italien
und der Levante sieht, viel kräftiger und besser genährt sind. Kein
Wunder! Befinden sich doch innerhalb der Ringmauern dieser merkwürdigen
Stadt ganze Quadratmeilen von Feldern und futterreichen Wiesen, die
vielleicht vier Fünftel des ganzen Raumes einnehmen. Nur auf einem
Fünftel erheben sich die Anfänge der neuen Stadt. Die christlichen
Missionshäuser sind hier zahlreicher als die Götzentempel, deren es in
dieser alten Kaiserstadt nur drei giebt. Auch sie wurden erst nach dem
Taipingkriege neu erbaut. Der schönste ist wohl der aus mehreren Höfen
und Hallen bestehende Confuciustempel, der friedlich zwischen jenen
der Buddhisten und Taoisten in der Nähe der französischen katholischen
Mission gelegen ist. Kein Priester oder fanatischer Anbeter des großen
chinesischen Weltweisen verwehrt dem europäischen Besucher den Eingang,
und mit Muße kann man die mit schöngeschwungenen Schiffsschnabeldächern
gedeckten Hallen durchwandern. Während in dem Taoistentempel
scheußliche langbärtige Götzenbilder aufgestellt sind, prangt hier nur
eine große Tafel mit dem Namen des unsterblichen Confucius in goldenen
Lettern, umgeben von ähnlichen Tafeln mit den Namen seiner Apostel.
Auf einem Hügel im Mittelpunkte Nankings erhebt sich eine hölzerne
Pagode mit einer ungeheuren Bronzeglocke, die ähnlich wie die
japanischen durch einen horizontal schwingenden Holzbalken, der sich
außerhalb befindet, geläutet wird. Als ich zu diesem von allen Teilen
der Stadt sichtbaren Glockenturm emporritt, warfen sich mir eine
Menge Bettler entgegen. Schon in der Ferne sanken sie mitten in der
Straße auf ihre Knie und schlugen mit ihrer Stirne auf den Boden, so
daß ich Mühe hatte, mein Pferd zwischen ihnen hindurchzulenken. Nahe
der Pagode gewahrte ich mehrere Missionsanstalten und auch die Mauern
eines chinesischen Militärforts mit zahlreichen Schießscharten, aus
denen die Mündungen gewaltiger Kanonen hervorlugten. Als ich diese
näher betrachtete, sah ich erst, daß die Schießscharten sowohl wie
die Kanonenrohre auf die Mauern gemalt waren! Im Innern des Forts
exerzierten chinesische Truppen mit Bogen und Pfeilen, sowie langen
dreieckigen Lanzen. Nur wenige Abteilungen waren mit Schießgewehren
bewaffnet, und diese Soldaten wurden einige Monate später den
japanischen Heeren mit ihren modernen Hinterladern entgegengestellt!
Die größte Sehenswürdigkeit Nankings befindet sich im Osten der
Stadt, außerhalb der Ringmauer: das Mausoleum der berühmten Kaiser
der Mingdynastie. Eines Morgens ritt ich, begleitet von Professor
Hearson der Marineschule, dort hinaus. Da der Weg uns durch Sümpfe und
Reisfelder geführt hätte, galoppierten wir auf der oberen Fläche der
ungeheuren Stadtmauer bis zum Taipingthor, etwa zehn Kilometer weit
von unserer Wohnung gelegen, und gelangten durch dieses ins Freie. In
dem kühlen, dunkeln Thortunnel kauerten Hunderte von Chinesen an den
Wänden und rauchten oder spielten Domino, geschützt gegen die brennende
Sonnenhitze. Draußen vor dem Thore breitete sich ein großer, sumpfiger
See aus, und jenseits desselben auf einer kahlen, hügeligen Fläche
gewahrte ich die ungeheuren Steinfiguren, welche gerade so wie bei den
Kaisergräbern von Peking zu den Minggräbern führen. Die Anlage dieser
Gräber ist sehr merkwürdig. Angelehnt an die Bergketten im Norden,
erhebt sich ein etwa sechzig Meter hoher, dicht bewaldeter Hügel, und
vor diesem liegt ein Tempel, von einer hohen Mauer aus rotgebrannten
Ziegeln eingeschlossen. Die Tempeldecke wird durch eine Säule getragen,
die auf einer ungeheuren steinernen Schildkröte, etwa vier Meter lang
und drei Meter breit, steht. Von diesem Grabtempel führt in südlicher
Richtung eine etwa fünfhundert Meter breite Avenue bis zu zwei hohen
Steinsäulen, wo sie sich im rechten Winkel nach Osten wendet und bei
einer auf einem Hügel stehenden offenen Tempelhalle, etwa ein Kilometer
von den Steinsäulen entfernt, endet. Der erste, nach Süden gerichtete
Teil der Avenue ist zu beiden Seiten mit ungeheuren Steinfiguren
alter Kaiser besetzt, der nach Osten gerichtete Teil dagegen enthält
ebenso ungeheure Tierfiguren, durchwegs aus Steinmonolithen gemeißelt,
deren Größe mich an jene von Oberägypten und Nubien erinnerte. Diese
Tierfiguren stehen mit den Köpfen einander zugewendet an den Seiten
der etwa zehn Meter breiten Straße in Abständen von etwa dreißig Meter
voneinander. Das erste, den Steinsäulen zunächst stehende Tierpaar
sind, wenigstens dem Aussehen nach, zwei ungeheure aufrechtstehende
Tapire, das nächste Paar sind ebenfalls Tapire, jedoch in liegender
Stellung; ihnen folgen zwei aufrechtstehende, dann zwei liegende
Löwen; dann aufrechte und liegende Elefanten; an sie schließen sich
ebensolche Doppelpaare von Kamelen, Pferden und dergleichen bis an die
Tempelhalle. Die Figuren sind ziemlich gut ausgeführt, etwa vier Meter
hoch und von entsprechender Länge, nur haben die chinesischen Bildhauer
es mit der Anatomie der Tiere nicht besonders genau genommen. So z. B.
sind die Vorderfüße der liegenden Elefanten mit den Knieen nicht nach
vorwärts, wie bei den Pferden, angefertigt, sondern mit den Knieen nach
rückwärts, so daß die Füße dieselbe Stellung zeigen wie bei liegenden
Löwen. Auf den Rücken der aufrechten Elefanten bemerkte ich eine Menge
kleiner Steinchen, was wieder mit einem abergläubischen Gebrauch der
Chinesen zusammenhängt. Professor Hearson erklärte mir, Zopfträger,
welche im Begriff stehen, zu heiraten, pilgern zuvor zu einem dieser
Elefanten und werfen ein Steinchen auf seinen Rücken. Bleibt dasselbe
oben liegen, so wird die Ehe innerhalb eines Jahres durch einen Sohn
gesegnet werden. Fällt aber das Steinchen herab, so wird der Zopfträger
Vater einer Tochter. Um dieses Unglück in den Augen der Chinesen zu
verhindern, wird die Ehe mitunter auf ein Jahr hinausgeschoben, oder
findet sie doch statt, so macht der Ehemann von seinen Rechten bis zum
folgenden Jahre keinen Gebrauch und wiederholt dann seine Anfrage bei
dem Elefantenorakel. Vielleicht wird dann durch einen Zauberer oder
Wahrsager künstlich nachgeholfen, um das gewünschte Ziel zu erreichen.
[Illustration: Stadtthor von Nanking.]
Wie die Chinesen Theater spielen.
Die Chinesen lieben das Theater gerade so sehr, wenn nicht sogar
mehr, als Europäer. Auf meinen Reisen im Reiche der Mitte habe ich
in allen Städten, ja in vielen Dörfern Theater angetroffen, und der
Besuch derselben würde den Neid jedes europäischen Theaterdirektors
erweckt haben. Alle waren stets zum Erdrücken gefüllt, und geschlossene
Theater, oder solche mit schlechtem Besuch sind in China unbekannt.
Die dortigen Theater sind eben etwas anders eingerichtet als die
unsrigen, und nur ihr Ursprung dürfte derselbe sein. Seltsamerweise
hatten die Chinesen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
noch keine Theater. Seltsamerweise deshalb, weil ja sonst die meisten
Einrichtungen der Zopfträger in die Zeit vor Christi Geburt, einzelne
sogar in die Zeit vor der Erbauung der Pyramiden zurückgreifen.
Musik war ihnen wohlbekannt, das Theater aber wurde ihnen erst durch
die von Westen in China einfallenden Völkerschaften von unseren
gemeinschaftlichen Lehrmeistern des Theaterspiels, den Griechen,
überbracht. Die erste glaubwürdige Nachricht über das Theater in
China stammt aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts. Damals regierte
über das große Reich ein sehr vergnügungslustiger Herr, der Kaiser
Tang Ming Huang. Er fand Gefallen an der Musik und an der von den
westlichen Völkern ausgeübten Schauspielerei und suchte sie in seinem
Lande dadurch zu verbreiten, daß er an seinem Hofe eine eigene
Musik- und Theaterschule errichtete. Die Hunderte junger Mädchen,
die er in dieser Schule ausbilden ließ, erregten begreiflicherweise
sein Wohlgefallen; er schuf für sie ein eigenes ~Pensionat des
demoiselles~, das in einem großen Obstgarten mit Birnbäumen
stand, und die jungen, chinesischen Misses führten deshalb unter den
dem Gebrauch von Beinamen sehr ergebenen Chinesen die Bezeichnung
„Die Birnbaumschülerinnen Seiner Majestät”. Noch heute heißen die
chinesischen Schauspieler die Brüder aus dem Birnbaumgarten. Schwestern
giebt es leider keine mehr, und damit haben die chinesischen Theater,
wenigstens nach unserm Geschmack, ihren größten Reiz verloren. Eine
Bühne ohne Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen wäre bei uns
wohl undenkbar. Die Chinesen würden diese angenehmen Persönlichkeiten
gewiß auch sehr gerne wieder auf den Brettern, welche die chinesische
Welt bedeuten, sehen und bewundern, aber sie dürfen nicht. Ein
kaiserliches Edikt hat es ihnen verboten. Die Theaterdamen waren in
China wahrscheinlich ebenso verführerisch wie anderswo. Eine derselben
hatte dem Kaiser Yung Tsching, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts
das Szepter führte, den Kopf so verdreht, daß er ihr sogar Herz und
Hand anbot und sie unter jene nach Tausenden zählende Damengesellschaft
aufnahm, welche mit ihm auf dem vielsitzigen chinesischen
Herrscherthron saßen. Die Frucht war ein Sohn, der im Jahre 1736 unter
dem Namen Kien Lung seinem Vater als Kaiser des Reiches der Mitte
folgte, einer der weisesten und gerechtesten, welche die chinesische
Geschichte kennt. Im ersten Jahre seiner sechzigjährigen Regierung
veranlaßte ihn seine Mutter, um an ihren einstigen Beruf nicht
mehr erinnert zu werden, das Auftreten von Frauen auf der Bühne zu
verbieten. Er willfahrte nicht nur ihrem Wunsche, sondern ging sogar
noch weiter. Die Gefahren kennend, welche auch mitunter von seiten
männlicher Bühnenmitglieder zarten Frauenherzen drohen, verbot er
auch Männern die Mitwirkung auf der Bühne, und seither befindet sich
der Schauspielerstand ausschließlich in den Händen der Eunuchen.
Aber glücklicherweise nur bei Hof. Die Schauspieler, aus welchen
sich die wandernden Truppen von China zusammensetzen, erfreuen sich,
wenigstens der Form nach, der vollen Mannbarkeit, selbst wenn sie in
Frauenkleidern stecken und weibliche Rollen spielen.
Ständige Theatergesellschaften giebt es in China nur bei Hofe; alle
anderen sind umherziehende Banden, die bald hier bald dort ihre
Vorstellungen geben, je nachdem in den Ortschaften Märkte, religiöse
oder weltliche Feste abgehalten werden. Ebensowenig giebt es in China
Theatergebäude nach europäischem Muster. Allerdings bestehen solche
in Hongkong und Shanghai; auch in Canton und einigen anderen Städten
hat man die Zweckmäßigkeit derselben eingesehen, und Kapitalisten
haben Theater erbaut, die sie an wandernde Truppen vermieten. Allein
im Innern des ungeheuren Landes fehlen sie vollständig. Kommt eine
Gesellschaft mit ihren Kisten und Kasten in eine Ortschaft, so wird
von einer eigenen Klasse von Handwerkern in aller Eile ein Theater
gebaut. Binnen ein, zwei Tagen ist es fertig. Hohe starke Bambusstangen
bilden das Gerippe; Bühne, Dach und Ankleidezimmer werden durch Bretter
hergestellt, die mit Rattanseilen (einer Art spanischem Rohr) an die
Bambusstangen festgebunden werden. Nägel kommen selten zur Verwendung.
Dann wird ein ähnliches Flugdach vor der Bühne errichtet, unter dem
sich die Stühle für die besser zahlenden Zuschauer befinden, der Rest
der Zuschauer steht rings um die Bühne unter freiem Himmel. Zieht die
Truppe nach einigen Tagen oder Wochen wieder ab, so wird das Theater
wieder auseinandergebunden und für die nächste Gesellschaft aufbewahrt.
Ich habe derlei Theater auch in großen Städten gesehen, selbst in der
größten, in Canton. Dort wollten gerade die Priester ein religiöses
Fest begehen, und um die Götter zu ehren und sie versöhnlich
zu stimmen, wurden auch Theatervorstellungen auf das Programm
genommen. Die Priester sammelten unter den wohlhabenden Einwohnern
freiwillige Beiträge, die sie dadurch öffentlich quittierten, daß
sie die Beträge der Spenden und die Namen der Geber auf rote Zettel
schrieben und diese dann an die Tempelwände klebten. Sobald die
erforderliche Summe beisammen war, ließen sie eine Truppe anwerben
und im inneren Tempelhofe ein Theater bauen, mit der Bühne dem Tempel
zugewendet, damit die bemalten und vergoldeten Götterfiguren, die
grimassenschneidend auf ihren Altären hockten, doch auch die Vorgänge
auf der Bühne wirklich sehen konnten, und während mehrerer Tage wurde
unter kolossalem Andrang des Publikums Theater gespielt. Um ihre
Einnahmen noch zu vermehren, vermieteten die Priester den übrigen
freien Raum der Tempelhöfe für Garküchen, Spielhöllen und noch viel
schlimmere Zwecke, ~ad maiorem dei gloriam~. Der Zweck heiligt die
Mittel.
Die Gesellschaften werden aber auch von reichen Privatleuten häufig
angeworben, um in ihren Häusern vor der weiblichen Welt, deren
Erscheinen in öffentlichen Theatern gegen die gute Sitte verstoßen
würde, Vorstellungen zu geben. Auch Hochzeiten, Geburtstage und
dergleichen werden mit Theatervorstellungen gefeiert, wobei aber
die Gastgeber Sorge tragen, daß kein zu vertraulicher Verkehr mit
den Schauspielern stattfindet, denn diese gehören in China zu den
geächteten Ständen und sind mit ihren Nachkommen bis ins dritte Glied
von allen Beamtenposten ausgeschlossen.