Zwischen beiden Hügeln sahen wir das Häusermeer von Tschinkiang in

buntem, malerischem Flaggenschmuck prangen. Jedes Haus, jeder Tempel,

die Masten der Tausende von Frachtbooten, welche sich im großen Kanal

und an den Ufern des Jangtsekiang zusammendrängten, sogar die Bäume

zeigten rote und weiße Flaggen; die ganze Bevölkerung schien auf den

Beinen zu sein, und von der breiten, dem Jangtseufer entlang laufenden

Bundstraße drang entsetzliches Lärmen und Schreien zu uns herüber. Der

Comprador unseres Dampfers, selbst ein langbezopfter Chinese, klärte

mich auf meine Frage darüber auf. Heute wäre gerade das Tiu-Tiufest,

zu welchem gewöhnlich viele Tausende aus dem Innern des Landes

hier zusammenzuströmen pflegten, und es sei an solchen Tagen nicht

rätlich, sich zu weit in die Stadt hineinzuwagen. Allein gerade dieses

heidnische Fest reizte meine Neugierde. Der Ingenieur des Dampfers

erklärte sich bereit, mich zu begleiten, wir schlangen die Feldstecher

um die Schultern, steckten Revolver ein und machten uns auf den Weg.

Wegen der Unterwaschung der Flußufer, wie sie auf dem ganzen unteren

Jangtsekiang vorkommen, können die Dampfer auch hier nicht direkt

an dieselben anlegen, sondern an eigene Hulks, alte abgetakelte

Schiffskörper, die in der Nähe des Ufers fest verankert und mit

dem letzteren durch Brücken verbunden sind. Jede der drei großen

Dampfergesellschaften des Jangtse hat ihren eigenen Hulk, und der ganze

Uferraum zwischen denselben ist mit zahllosen Dschunken, Segelbooten,

Sampans, Frachtschiffen und Kanonenbooten dicht gefüllt. Tschinkiang

ist ja nicht nur ein großer Verkehrshafen und Handelsplatz des

Jangtsethales, es liegt auch im Mittelpunkte eines Netzes von Kanälen,

deren größter, der Kaiserkanal, gerade hier den Jangtse kreuzt. An

diesem Kreuzungspunkte der beiden wichtigsten Wasserstraßen von China

mußte eine große und reiche Stadt entstehen, trotz der schweren

Katastrophen, welche sie während des letzten halben Jahrhunderts zu

überstehen hatte. Im Jahre 1842 wurde sie nach langer Verteidigung

von den Engländern gestürmt und eingenommen, aber die rothaarigen

Barbaren fanden innerhalb der Ringmauern zu ihrem Entsetzen nichts als

Leichen vor. Die Verteidiger, größtenteils Mandschuren, hatten zuerst

alle Weiber und Kinder, dann sich selbst getötet, um ja nicht in die

Hände des von ihnen so sehr gehaßten Feindes zu fallen. Dreizehn Jahre

später hatte die Stadt durch Zuwanderer wieder sehr gewonnen, als die

furchtbaren Horden der Taiping sie einnahmen und teilweise zerstörten,

und weitere vier Jahre später, im Jahre 1859, fiel sie in die Hände

der kaiserlichen Truppen, die hier ebenso wütend hausten, wie in dem

benachbarten Nanking. Die ganze Bevölkerung wurde niedergemetzelt,

die Stadt bis auf die Ringmauern und einige Straßen dem Erdboden

gleichgemacht. Noch im Jahre 1894 sah ich dort Ruinen, welche aus jener

Zeit herrührten.

Aber alles das waren nur zeitweilige Hindernisse für den Aufschwung von

Tschinkiang, das heute wieder an zweihunderttausend Einwohner zählt

und innerhalb des von den Ringmauern umschlossenen Vierecks gar keinen

Platz mehr hat. Es hat sich über die Stadtmauern ausgedehnt, und gerade

in den westlich entstandenen Vorstädten ist der Sitz des Handels,

des hauptsächlichsten Verkehrs und Reichtums der Stadt, während der

östliche Teil ganz dem großartigen Leben und Verkehr auf dem Yunhokanal

untergeordnet ist. An die westliche Vorstadt stoßen gegen die Landseite

zu ärmere Quartiere, die sich bis zu den sanften von Festungswerken

gekrönten Höhen hinter der Stadt hinanziehen und in weit ausgedehnten

Friedhöfen mit kleinen, konischen, grünen Grabhügeln endigen.

Die Fremdenkonzession liegt dicht an den Ufern des Jangtsekiang.

Obschon in derselben alles in allem genommen nur siebzig Europäer

wohnen, haben sie doch einen hübschen mit steinernen Warenhäusern

und schmucken Villen besetzten Bund (d. h. Uferstraße) geschaffen,

der ebenso wie die nächstliegenden Seitenstraßen wohl gepflastert,

beleuchtet und mit üppigen schattenspendenden Bäumen besetzt ist.

Von dem chinesischen Ueberfall im Jahre 1889, bei welchem die Hälfte

aller Häuser der Konzession zerstört wurde, ist keine Spur mehr

wahrzunehmen. Die Handvoll Europäer, welche hier neben und mitten

unter zweihunderttausend Chinesen wohnen, haben ihre eigene städtische

Verwaltung, ihre Feuerwehr, Polizei, zwei Kirchen und einen Klub. Es

fehlt ihnen nur noch eine tägliche Zeitung, aber auch sie wird kommen.

Wir fanden die Mehrzahl der europäischen Bewohner von Tschinkiang im

Garten des Zollkommissärs versammelt. Die gegen den Bund gelegene

Ecke der hohen festen Gartenmauer war mit Erde zu einer Art Terrasse

angefüllt worden, und von dieser beobachteten die europäischen

Damen des Orts (etwa ein halbes Dutzend) in völliger Sicherheit die

Vorgänge auf der Straße, zumal eine Reihe von Polizisten mit langen

mehrzackigen Lanzen, Säbeln und ballschlägerartigen, rot gestrichenen

Holzkeulen hier Wache standen. Der mich begleitende Schiffsingenieur

und ich waren die einzigen Europäer in den Straßen.

War schon auf dem Bund das Brüllen und Stoßen, Lärmen, Schreien,

Gestikulieren, Tamtamschlagen und Musizieren der Chinesen zum

Davonlaufen, so wurde es in der eigentlichen Chinesenstadt noch weitaus

überboten, denn alle Augenblicke fuhren uns auch noch die massenhaft

zum Knallen gebrachten Feuerfrösche (Fire-Crackers) zwischen die Beine,

die Mehrzahl der sich drängenden und umherstoßenden Chinesen trugen

brennende Joßkerzen, rasselten mit langen auf die Erde fallenden Ketten

oder schlugen mit eisernen Pilgerstöcken heftig auf den Boden. Jedes

einzelne Haus, fast ohne irgend welche Ausnahme, war mit rotweißen

Fahnen bunt ausstaffiert, vor jedem Hause, selbst dem ärmlichsten, war

ein Altar errichtet, oder doch wenigstens ein mit einem Tuch bedeckter

Tisch aufgestellt. In der Mitte des Altars oder Tisches standen überall

Sandbüchsen mit glimmenden Räucherkerzchen, und zu beiden Seiten

derselben steckten brennende Kerzen aus rotgefärbtem Wachs in zinnernen

Leuchtern. In den Straßen gewahrte ich nur Männer und Knaben, keine

Frauen. Ihnen blieben die Häuser überlassen, und sie nutzten diese

Gelegenheit, das seltsame Schauspiel zu betrachten, auch gehörig aus.

In den Fenstern, auf Balkonen, Hausdächern und Gartenmauern standen

oder saßen sie in ihren kostbarsten Festkleidern, hauptsächlich von

blauer Farbe, seltener grün, schwarz oder weiß, aber keine einzige von

den Tausenden, die ich sah, war rot oder gelb gekleidet. Ihre mitunter

recht hübschen Gesichter waren mit Puder- oder Schminkeschichten

überzogen, in der äußerst sorgfältigen Haarfrisur steckte allerhand

Schmuck, vom billigsten Flittergold und Papierrosen bei den Armen bis

zu kostbaren Perlschnüren und großen Jade(Nephrit-)steinen bei den

Reichen. Die letzteren waren überdies durch ihre winzigen, nicht viel

mehr als daumengroßen Füßchen kenntlich, die sie kokett zwischen den

Balkongittern hervorstreckten.

Was das Gewimmel und das Getöse in den Straßen zu bedeuten hatte,

war mir nicht recht klar. Jeder schien den Festtag des heidnischen

Schutzpatrons von Tschinkiang in seiner eignen Weise feiern zu wollen.

Die reichen Kaufleute der Stadt hatten große Summen dazu beigesteuert,

und aus der Provinz waren viele Tausende, darunter das schlimmste

Gesindel, hierhergekommen, um sich einen guten Tag zu machen. Sie

wurden noch durch Tausende von Bootsleuten von der Flotte des großen

Kanals verstärkt.

In langen malerischen Prozessionen zogen sie durch das enge

Straßengewirre der Stadt. Viele von ihnen waren in phantastischer

Vermummung, in langen hellroten Talaren mit hohen zuckerhutförmigen

Hüten, von denen lange Fasanenfedern wagerecht abstanden; andere mit

goldenem und silbernem Flitterwerk bedeckt, wieder andere hatten den

Oberkörper ganz unbekleidet, und ihre Köpfe steckten in scheußlichen

Tierfratzen; alle aber trugen groteske Waffen, Dreizack, flammende

Schwerter, Morgensterne, Lanzen oder Pilgerstäbe mit rasselnden Ketten

umwickelt.

Hier und da wurden den Prozessionen bunt aufgeputzte Kinder

vorangetragen, die auf drei bis vier Meter hohen Stangen saßen und auf

die Papierrosen in ihren Haaren und ihre glänzende Goldflitterkleidung

nicht wenig stolz schienen. In jeder Prozession wurden prachtvolle

Sänften umhergetragen, mit Vergoldungen und Schnitzereien bedeckt,

manche sogar aus getriebenem Silber. Durch die Glasfenster gewahrte

ich im Inneren aus Holz geschnitzte, langbärtige Fratzen. Die

zahlreichen Fahnen, Sonnenschirme und Inschriftentafeln, die wie

ein wandelnder Wald jeder Prozession vorangetragen wurden, zeigten

die Namen der einzelnen Zünfte und Gilden der Stadt. Zwischen den

einzelnen Umzügen wogte zerlumptes halbnacktes Gesindel auf und nieder,

von den berittenen Soldaten mühsam in Ordnung gehalten. Zahlreiche

Bettler, die Stirnen seltsamerweise mit weißem Papier verklebt, warfen

sich uns auf den Knien entgegen, so daß wir kaum vorwärts kommen

konnten. Gleichzeitig kam von einer Seitenstraße ein phantastischer

Karnevalszug des Wegs, lärmend, heulend und waffenschwingend, als

wären sie alle eben dem Tollhaus entwichen. Zwischen ihnen befanden

sich einzelne Reiter. Wir konnten weder vor- noch rückwärts. Der Zug,

mehrere hundert Menschen umfassend, hatte uns bald umringt, ich wurde

von meinem Gefährten getrennt, und als ich den Versuch machte, ihm

nachzueilen, versperrten mir die Reiter durch die Pferdekruppen den

Weg. Gleichzeitig begann ein wilder Geselle mit langem zerzausten Haar

und Kettenstäben in den Händen auf mich loszuschreien und schien die

übrigen auf mich zu hetzen, denn ich bemerkte, wie sich die Gesichter

verfinsterten und drohend überall die bewaffneten Hände erhoben.

Schließlich spie der wilde Geselle mich an und trachtete mich über

den Haufen zu werfen. Da war guter Rat teuer. Ich war allein inmitten

vieler Tausende fanatischer Chinesen, deren leichte Erregbarkeit durch

die Aufstände und Abschlachtungen in früheren Jahren hinreichend

bekannt war, und ein Nachgeben, einen Augenblick des Zögerns hätte ich

möglicherweise mit meinem Leben bezahlen müssen. Rasch entschlossen

griff ich nach meinem Revolver, den ich in der rechten Rocktasche trug.

Auf dem Wege dahin streifte meine Hand das Etui mit meinem Fernglase;

ich weiß nicht wie es kam, einer plötzlichen Eingebung gehorchend,

zog ich statt des Revolvers mein Fernglas hervor und hielt es an mein

Auge. Verwunderung malte sich auf den Gesichtern der Umstehenden, das

Geschrei und Geheul verstummte, und derselbe wilde Hallunke, der mich

eben zuvor hatte niederschlagen wollen, riß mir das Glas aus der Hand.

Kaum hatte er es an sein Auge gesetzt, so begann er zu lachen und die

ihn Umgebenden der Reihe nach zu betrachten. Sein Erstaunen mußte die

Neugierde der anderen in hohem Grade erwecken, denn ein Reiter entriß

nun ihm mein Glas, und kaum hatte er lachend durch dasselbe geblickt,

so wanderte es zu seinem Nachbar. Seine Ausrufungen versetzten die

Zopfträger in große Heiterkeit. Alle lachten, und ich glaubte am besten

zu thun, indem ich mitlachte. Mein Glas war nun in den Händen eines

Mannes, der an der Ecke eines seitwärts führenden engen Gäßchens stand.

Ich zwängte mich zu ihm durch, nahm ihm lachend das Glas aus der Hand,

und ohne mich umzublicken, verschwand ich in dem Gäßchen, das gerade

weit genug war, um einen Menschen durchzulassen. Durch dasselbe hatte

sich auch mein Begleiter geflüchtet, und zu meiner Freude erwartete er

mich am anderen Ende dieses finsteren Durchgangs.

Wir hatten nun genug von den Festlichkeiten der Provinzheiligen und

wanderten aus der Stadt hinaus, die sanfte Anhöhe empor, die von

einem Fort mit merkwürdigen Pagodendächern gekrönt wird. Auf den

Umfassungsmauern steckten Hunderte von kleinen dreieckigen Fahnen in

Rot und Weiß. Der Weg führte durch eine ausgedehnte Nekropole mit

Tausenden und Abertausenden von kleinen Grabhügeln, hier und dort

unterbrochen von kleinen Rasenflächen und Baumgruppen. Unter einer der

letzteren gewahrten wir auf einer Steinbank sitzend vier Chinesinnen,

die in den Anblick des wunderbar schönen Jangtsekiangthales versunken

schienen, das sich zu unseren Füßen auf viele Meilen stromauf- und

-abwärts ausdehnte. Als wir ihnen näher kamen, bemerkten wir erst,

daß diese vermeintlichen Chinesinnen hellblonde Haare und blaue

Augen hatten, dabei so große Füße, wie sie eine Tochter des Reiches

der Mitte noch niemals besessen haben mag. Die vier Damen waren

Angestellte irgend einer schwedischen Mission, die hier oben unter dem

Schutz des Forts ein Missionshaus besaß. Neben diesem, und auch auf

dem jenseitigen Abhang der Anhöhe im Freien zerstreut, liegen noch

einige andere Missionshäuser, hauptsächlich amerikanischen Sekten

angehörend. Die Missionäre leben hier mit ihren Frauen recht lauschig

und behaglich und geben den Chinesen die verschiedenen Arten und Wege

an, auf welchen sie als Christen selig werden können. Da giebt es

eine Amerikan-Baptist-Mission, Amerikan-Methodist-Episkopal-Mission,

Amerikan-Southern-Presbyterian-Mission, China-Inland-Mission, aber sie

alle zusammengenommen mit ihren Dutzenden von Missionären und deren

Frauen und ihren reichen Mitteln haben nicht ein Viertel des Erfolges

aufzuweisen, den die beiden katholischen Padres französischer Nation

hier mit ihren bescheidenen Mitteln erzielt haben. Wenn diese vielen

amerikanischen Missionäre wenigstens für die Europäer von irgend

welchem Nutzen wären! Wie wünschenswert wäre es z. B., wenn in den

Spitälern der Missionen kranke Europäer Aufnahme fänden. Leider ist

dies nicht der Fall; Europäer werden abgewiesen und nur kranke Chinesen

aufgenommen.

Das Fort auf der Anhöhe schien mir von den Hunden besser bewacht

als von den Soldaten. Während die ersteren bei unserem Kommen Lärm

schlugen, blieben die letzteren, große Damenstrohhüte auf den

bezopften Köpfen, ruhig auf dem grünen Rasen liegen und schielten

nur mit halboffenen Augen zu uns herüber. Als ich Miene machte, das

Thor zu durchschreiten, sprang einer der Soldaten auf und verwehrte

uns den Eintritt. Nur wenn wir einen Erlaubnisschein vom Mandarin

besäßen, dürften wir in das Innere des Forts. Indessen wir wurden

durch die wunderbare Aussicht auf den Jangtsekiang reichlich für diese

Enttäuschung entschädigt. Von hier oben konnten wir deutlich die

früheren Ufer des ewig wechselnden Stromes verfolgen. Bald reißt er

von einem Ufer ganze Morgen, ja Quadratkilometer Landes ab, um sie am

jenseitigen anzusetzen, bald bricht er sich eine neue Laufbahn durch

die üppigen Gersten- und Roggenfelder, bald läßt er Inseln aus seinem

Bett verschwinden, bald weiter abwärts neue entstehen. Mit dem Fernglas

musterten wir das jenseitige Ufer des gewaltigen Gelben Stromes, wo

sich noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts die große Stadt Koatschen

befunden hat, eines der wichtigsten Salzdepots von ganz China, und

zeitweilig waren zu ihren Füßen im Fluß gegen zweitausend Salzboote

und Dschunken verankert. Wir konnten davon nichts mehr wahrnehmen als

einzelne elende Hütten, mitten im Morast steckend. Der Jangtsekiang

hat die Stadt verschlungen. Auch das einst so berühmte Jangtschau hat

seine frühere Bedeutung gänzlich eingebüßt. Jangtschau liegt nur einige

zwanzig Kilometer von Tschinkiang an der Nordseite des Jangtsekiang und

war in früheren Zeiten die Hauptstadt des Jangreiches. Vor sechshundert

Jahren, lange bevor irgend ein Europäer den Fuß auf chinesischen Boden

setzte, besaß Jangtschau einen europäischen Gouverneur, keinen anderen

als Marco Polo, der drei Jahre hier residierte.

Aus jener Zeit ist wohl weder dort, noch in Tschinkiang etwas übrig,

nicht einmal die alten Pagoden der Goldenen Insel dürften dieses Alter

besitzen. Als wir von unserem Ausflug zurückgekehrt waren, ließen wir

uns nach diesem Heiligtum der Buddhistenwelt rudern, wo kolossale

Buddhastatuen, umgeben von solchen seiner Apostel und Gelehrten, der

Anbetung durch die andächtigen Zopfträger harren, aber das Leben

und Treiben auf dem Bund, der Hauptstraße der Fremdenansiedelung.

interessierte uns mehr, und stundenlang hätte ich dem Treiben in den

offenen Eßbuden, rings um die ambulanten Küchen, bei den Spieltischen,

Frucht- und Eierhändlern zusehen können, wenn nicht der furchtbare,

ohrenbetäubende Lärm gewesen wäre. Die Chinesen scheinen nichts

thun zu können, ohne dabei aus vollem Halse zu schreien; selbst die

Lastenträger schreien bei jedem Schritt ihr ha-ho desto kräftiger, je

größer die Last, die sie zu tragen haben, als ob sie die Arbeit mit

Geschrei allein verrichten könnten. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch

der Nacht aus Tausenden von Kehlen ohne Unterbrechung ha-ho schreien

zu hören ist begreiflicherweise kein Vergnügen für die europäischen

Bewohner der Konzession. Vor einigen Jahren wandten sie sich deshalb an

den Taotai von Tschinkiang mit dem Ersuchen, das Schreien zu verbieten.

Das geschah auch, aber am folgenden Tage schrieen die Kulis ihr ha-ho

vielleicht nur noch kräftiger, und dabei ist es bis heute geblieben.

[Illustration: Sommeraufenthalt auf einem Felskegel bei Tschingkiang.]

[Illustration: Steinerne Tierfiguren bei den Kaisergräbern in Nanking.]

Nanking.

Eine Stunde nach Mitternacht hielt der große, nach Hankau bestimmte

Jangtsekiangdampfer mitten auf dem breiten Strom, und der langbezopfte

chinesische Steward bedeutete mir, ich wäre in Nanking angekommen. Vom

Verdeck aus sah ich von dieser Weltstadt, deren Bevölkerung Millionen

zählte, dieser einstigen Hauptstadt des größten Reiches der Erde,

nichts weiter als eine gewaltige Ringmauer. Der Vollmond beschien

die einsamen Ufer des Stromes. Kein Schiff, nicht einmal eines der

vielen chinesischen Kanonenboote, welche auf dem Jangtsekiang den

Polizeidienst versehen, deutete die Einfahrt in den Hafen an; nur zwei

niedrige ärmliche Gebäude standen dort dicht am Stromufer, und von

diesem stieß eben ein kleiner, von ein paar Kulis gelenkter Sampan ab,

um mich abzuholen. Ein paar Minuten später saß ich darin, und während

meine chinesischen Bootsleute mit kräftiger Hand durch die Fluten des

hier reißenden Stromes dem Lande zuruderten, verschwand der große

Dampfer in der Richtung gegen Hankau.

Es war ein Glück, daß die englischen Professoren der Marineschule in

Nanking von meinem Kommen unterrichtet waren und mir eine Sänfte mit

vier Trägern entgegengesandt hatten, sonst hätte ich wohl im Freien

außerhalb der Stadtmauern übernachten müssen. Raschen Schrittes trugen

mich die Kulis durch die elende Hüttenstadt, welche den Hafen von

Nanking bildet. An dem Kanal angelangt, welcher dieses verkommene

Nest mitten durchschneidet, mußten die Bootsleute der Fähre durch

kräftige Hiebe aus dem Schlaf geweckt werden. Was sind die Chinesen

doch für ausgezeichnete Schläfer! Der Kanal war über und über mit

Pantoffelbooten bedeckt, deren jedes einer Familie als Wohnung dient.

Obschon nun Hunderte von Hunden bei unserem Kommen wütenden Lärm

schlugen, ließ sich doch niemand aus dem Schlafe wecken. Nur aus

einem der Boote drangen leise Gongschläge zu mir herüber. Einer der

Insassen mochte wohl im Sterben liegen, und die aufmerksamen Verwandten

trachteten durch diese Gongmusik die bösen Geister zu vertreiben.

Jenseits des Kanals trugen mich die schweißtriefenden, stinkenden Kulis

abermals eine Viertelstunde lang durch eine öde, verlassene Gegend,

ehe wir an die ungeheuren Stadtmauern von Nanking gelangten. In dem

bleichen Mondlichte zeigten sich diese noch viel gewaltiger, als sie

wirklich sind. Auf viele Meilen zogen sie sich zu beiden Seiten unseres

Weges in die Ferne, aus großen Quadern bestehend und vortrefflich

erhalten, noch immer eines der größten Werke, welche Menschenhände

geschaffen haben. Sie umgeben die alte Kaiserstadt in einem Umkreise

von vierunddreißig Kilometern und erreichen bei einer Stärke von

acht bis vierzehn Metern eine Höhe von fünfzehn bis dreißig Metern.

Im ganzen genommen, enthalten sie nicht weniger als sieben Millionen

Kubikmeter Mauerwerk und dreißig Millionen Kubikmeter Erde, also das

Sechzehnfache der größten Pyramide Aegyptens. Hunderttausende von

Menschen müssen jahrelang an diesem ungeheuren Werke gearbeitet haben,

und die Mauer hat auch den Jahrhunderten, die seit ihrer Erbauung

verflossen sind, ebenso wie den vielen Kriegen und Belagerungen

getrotzt, deren letzte zur Zeit der Taipingrevolution die furchtbarste

war. Nur nach langer Mühe gelang es den kaiserlichen Truppen im

Jahre 1864, eine Bresche in dieses gewaltige Werk zu schießen.

Sie wurde seither wieder ausgebessert. Der Vizekönig der Provinz

verwendete dafür, sowie für die Erneuerung der Thortürme mit den schön

geschwungenen Dächern eine Million Mark, eine Geldsumme, welche mit

größerem Nutzen in der Stadt selbst hätte verausgabt werden können.

Das ungeheure Thor, durch welches unser Weg in die Stadt führte,

war fest verschlossen. Lange mußten meine Kulis mit den Tragstangen

der Sänfte pochen, ehe die inneren Querbalken losgelöst wurden und

der eine Thorflügel sich so weit öffnete, um uns durchzulassen. Ein

Soldat in Pantoffeln und ohne irgend welche Bewaffnung sah mich mit

schlaftrunkenen Augen an, richtete aber weder eine Frage an meine

Begleiter, noch verlangte er mir meinen Reisepaß ab. Und das zu einer

Zeit, als die Japaner sich mit allen Kräften zu dem großen Kriege

rüsteten, der einige Monate später wirklich ausbrechen sollte.

Jenseits des vielleicht hundert Meter langen gewölbten Thorweges, der

unter den Mauern und Wällen der Stadt in das Innere derselben führte,

mußten meine Kulis noch eine geraume Zeit wandern, ehe wir das Thor

der Marineschule, meiner Behausung, erreichen. Die Straßen waren

wohl mit gutem Pflaster versehen, allein die Häuser zu beiden Seiten

waren nur erbärmliche Lehmhütten, ähnlich wie ich sie in den ärmsten

chinesischen Dörfern gesehen habe. Die einzigen Menschen, denen wir

auf unserem nächtlichen Marsche begegneten, waren Nachtwächter, die

schläfrig durch die einsamen Straßen wanderten und bei jedem Schritt

mit ihrem eisernen Speer auf den Boden schlugen, oder mit Zinken und

Trommeln etwaigen Dieben und Einbrechern ihr Nahen verkündeten. In der

Wachtstube gegenüber der Marineschule lagen zehn Soldaten schlafend

auf ihrem harten Holzlager ausgestreckt. Bei unserem Kommen wurde von

einem dieser Vaterlandsverteidiger kräftig eine Trommel gerührt, in

der ganzen Stadt, nah und fern, antworteten Dutzende von Trommeln.

Trotz dieses laut durch die Nacht hallenden Wachtrufes rührten sich

die schlafenden Soldaten nicht. Wozu auch? Sie sind ja längst an

diesen nächtlichen Lärm gewöhnt. Als ich eine Stunde später selbst

in dem ganz modernen europäischen Hause der Marineschule zur Ruhe

gegangen war, dauerte das Trommeln noch fort. Alle Augenblicke wurde

ich durch Trommeln aus dem Schlafe geweckt; aber mit der Zeit gewöhnte

auch ich mich daran. In allen chinesischen Städten wird zur Nachtzeit

fortwährend getrommelt, Gong geschlagen, Tuba geblasen, und ohne diesen

Lärm müßte es den Hunderten von Millionen schlafender Chinesen ganz

unheimlich vorkommen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 15 / 71 段