Am Tage der Ehe wird sie von einem Freunde ihres Gatten abgeholt,

in eine rote Sänfte eingesperrt und so nach ihrem zukünftigen Heim

getragen. Aber ihre Stellung bleibt nach wie vor die gleiche, denn sie

erhält keinen eigenen Hausstand. Als Mädchen war sie die unterwürfige

Dienerin ihrer Eltern und älteren Brüder, als Frau ist sie die Dienerin

ihrer Schwiegereltern und ihres Gatten. Der Verkehr mit dem Elternhause

hört auf, die Eltern ihres Gatten sind nun ihre Eltern, und selbst

wenn ihr Gatte sterben sollte, so bleibt sie in der Familie desselben

und darf zu ihren eigenen Eltern nicht zurückkehren. Dies ist sogar

der Fall, wenn der Tod ihres Verlobten vor der Heirat erfolgen sollte.

Ein derartiges Los ist gewiß nicht beneidenswert. Sie gelangt mitten

unter Fremde, die ihr nicht immer mit Liebe begegnen, ohne Murren muß

sie die Befehle ihrer neuen Mutter, der Herrin des Hauses, ausführen,

sie selbst hat nichts zu sagen, ja sie findet mit Beschwerden bei

ihrem Manne kaum irgendwelche Unterstützung, denn als erstes Gebot im

chinesischen Familienleben gilt die Unterwerfung gegenüber den Eltern.

Zeigt die junge Frau Unwillen oder Trotz, so kann sie von ihrem Manne

geschlagen werden. Hilfe findet sie nirgends. Nur durch sklavische

Befolgung ihrer Pflichten, durch Demut und Unterwürfigkeit kann sie

sich allmählich die Neigung ihrer neuen Verwandten erwerben; wird

ihr aber ein Sohn geboren, so ist ihre Stellung gesichert, sie wird

fortan mit Achtung und Liebe behandelt. Während des ersten Monats nach

der Geburt ihres Kindes ist sie das Opfer einer Menge eigentümlicher

Gebräuche. Mutter, Vater, ja ihr eigener Gatte meidet das Gemach, in

dem die Kranke liegt. Niemand als ihre Dienerin darf es betreten,

und ein großer Strauß von Immergrün, über der Thür aufgehängt, warnt

alle Besucher vor dem Eintritt. Ja die letzteren dürfen sogar ihre

großen roten Visitenkarten nicht abgeben. Alle Personen, die mit ihr

in demselben Hause wohnen, selbst Fremde, die das Haus während dieses

ersten Monats betreten sollten, werden unrein und dürfen beispielsweise

bis nach Ablauf des Monats keinen Tempel betreten. Stirbt die

unglückliche Mutter während dieser Zeit, so hat sie im Fegefeuer

bestimmte Strafen auszustehen, bis sie aus demselben durch besonders

vorgeschriebene Tempelopfer befreit wird.

Ist das junge Wesen, dem sie das Leben gegeben hat, ein Mädchen, so

wird die Stellung der jungen Frau womöglich noch ungünstiger, denn

nicht nur, daß sie in der Achtung ihrer Eltern und Verwandten sinkt,

ihr Gatte wird sich auch bald, wenn es seine Mittel erlauben, nach

einer zweiten Gattin, oder vielmehr nach einer Konkubine umsehen. Die

chinesischen Gesetze erkennen freilich nur eine Frau, und zwar die

erste, als die rechtmäßige an, allein sie gestatten es dem Manne,

so viele Konkubinen in sein Haus aufzunehmen, als er ernähren kann

oder will. Diese Art der Vielweiberei kommt hauptsächlich bei den

wohlhabenden Kaufleuten und Mandarinen vor, in den ärmeren Klassen

nur selten. Dennoch sind mir auch hier derartige Fälle vorgekommen.

Meine Bootsfrau in Canton, ein energisches, sparsames, flinkes Wesen,

erzählte mir selbst, daß ihr Gatte sich eine Konkubine im Hause hielte,

und beklagte nur das schwere von ihr sauer erworbene Geld, welches

er ihr für diesen Zweck abpreßte. Ruderte sie mich mit ihren starken

Armen auf dem breiten Strom umher, dann kam ihr Gespräch immer wieder

auf ihren verlumpten Mann zurück und auf seine zweite Frau, die sie

im Hause dulden mußte. Aus jedem Worte sprach ihre Eifersucht. Sind

die Chinesinnen denn keine Frauen? Mein Dolmetscher in Canton besaß

drei Frauen, jener in Chinkiang zwei. Durch Zufall begegneten wir

diesen letzteren in der Straße, häßliche, ärmlich gekleidete Wesen:

die eine war in einer Seidenzucht beschäftigt, die andere verkaufte

den chinesischen Bootsleuten im Hafen Eßwaren. Wie ich mir nachher

von einem Zollbeamten sagen ließ, hatte der gute Lin Tun Fung seine

zweite Frau nur ins Haus genommen, weil er durch ihre Thätigkeit seine

Einnahmen vermehrte.

So gefügig und duldsam die chinesische Frau auch sein mag, eine

Nebenbuhlerin im Hause muß ihr doch arge Seelenschmerzen bereiten, denn

nicht selten kommt es vor, daß sie durch allerhand kleine Mittelchen

trachtet, ihre Schwester oder sonst eine Anverwandte ihrer eigenen

Familie mit ihrem Manne zusammenzubringen, damit er sie als Konkubine

wähle. Mehrere Konkubinen sind weniger schlimm als eine einzige. Um die

Ruhe seines Hausstandes zu sichern, weist der Gatte der zweiten Gattin

gewöhnlich eine eigene Haushaltung an, denn ein chinesisches Sprichwort

sagt: „Ein Schlüssel macht keinen Lärm, zwei Schlüssel verursachen

Gerassel”. Auch wenn die erste Frau ihm Söhne geboren haben sollte,

nimmt der Chinese gerne noch eine zweite Frau; besonders Schiffer,

Boots- und Handelsleute, die viel auf Reisen gehen, und wohlhabendere

Beamte, welche die Bäder besuchen wollen. Seine erste Frau kann er

nicht mitnehmen, weil ihr die Leitung der Hausgeschäfte obliegt, als

Reisefrau nimmt er die zweite mit.

Der Ausdruck zweite oder dritte Frau ist nicht in diesem Sinne zu

verstehen, denn nur die erste ist wirklich seine legitime Frau, und

bei ihren Lebzeiten darf er keine zweite heiraten, er darf auch keine

solche an die Stelle der ersten setzen, also ihre Stellungen in

seinem Haushalte vertauschen. Die Nebenfrauen sind nur Konkubinen und

unterstehen der wirklichen Gattin; sie werden auch nicht mit demselben

Ceremoniell wie die letztere geheiratet, sondern einfach ihren Eltern

abgekauft, und dabei kann der Gatte wenigstens dem Zuge seines Herzens

folgen, lieben und in sein Haus aufnehmen, wen er will.

Die Nebenfrauen eines Chinesen sind, wie bemerkt, der Autorität der

ersten Frau unterworfen. Diese allein hat im Hause zu befehlen, und das

ist vielleicht die einzige Genugthuung, die ihr nach ihrer Demütigung

durch den Gatten bleibt. Mädchen der besseren Stände werden auch für

Nebenfrauen nicht hergegeben; gewöhnlich entstammen sie den armen

Volksklassen, sind möglicherweise Sklavinnen oder sogar Dienerinnen aus

dem eigenen Hausstande. Ihre Kinder müssen sie aber der ersten Frau

abtreten, welche die Mutter aller Kinder ihres Gatten wird und mit

diesem allein über ihre Eheschließung und alle andern Verhältnisse zu

verfügen hat. Die wirklichen Mütter dürfen keine Einsprache erheben.

[Illustration: Ehrenpforte bei Tsingtschou-fu.]

In Arbeit, Erziehung der Kinder und Verwaltung des Hausstandes vergehen

die Jahre, und je älter sie wird, desto mehr steigt ihr Ansehen. War

ihr Gatte der älteste Sohn der Familie, und sterben seine Eltern, so

hat sie die höchste Stellung in der Familie erreicht, ist umgeben

und hochgeachtet von den Frauen der jüngeren Brüder, ihren Kindern

und Enkeln, die alle unter ihrer Leitung in demselben Häuserkomplex

wohnen. Stirbt ihr Gatte aber noch bei Lebzeiten seiner Eltern, und

solange sie jung ist, so gilt es nicht für anständig, wenn sie sich

einen zweiten Gatten nimmt, und die Fälle einer Wiederverheiratung

kommen bei Witwen von Beamten niemals, bei solchen der höheren Stände

nur selten vor. Aber ein chinesisches Sprichwort sagt: ~t’ieu yan

hsia, niang yan tschia, wu fa k’o tschy~, d. h. will der Himmel

regnen und deine Mutter wieder heiraten, so kann sie nichts daran

verhindern. Um die althergebrachten Sitten zu wahren und angesehenen

Familien die Schande zu ersparen, eine Witwe ihres Hauses in ein

anderes Haus übertreten zu sehen, werden standhafte Witwen in China

auf eigentümliche Weise belohnt. Ich habe in chinesischen Städten

und Dörfern häufig freistehende Thorbogen aus Stein, mit Inschriften

bedeckt, wahrgenommen. Ursprünglich dachte ich, sie wären Triumphbogen,

zum Andenken an kriegerische Thaten oder tapfere Generale aufgeführt.

Aber diese tapferen Generale sind in diesem Falle gewöhnlich standhafte

Witwen oder besonders brave Töchter gewesen. Ich kann mit meinem

bescheidenen Europäerverstand freilich nicht begreifen, wie es bei

einer Witwe besonderer Standhaftigkeit bedarf, nach den gewöhnlich

sehr traurigen Erfahrungen der ersten Ehe dem Ansturm neuer Freier zu

widerstehen. Aber in China scheint die Sache doch anders aufgefaßt

zu werden, denn dieser tapfere Widerstand wird dem Distriktstaotai

gemeldet, dieser macht einen Bericht an den Provinzgouverneur, und der

letztere sendet ihn sogar an den Kaiser in Peking. Ich fand zuweilen in

der Pekinger Staatszeitung Edikte, mit welchen Seine Majestät anordnet,

daß der Witwe X. X. oder der braven Tochter Y. Y. in ihrem Heimatsorte

ein Triumphbogen zu errichten sei. Wieder die verkehrte Welt. Bei uns

sind es große Staatsmänner und Kriegshelden, welchen solche Ehren

erwiesen werden, in China Mädchen und Witwen.

Stirbt die gesetzliche Frau eines Mannes, so darf er sich wieder

verheiraten oder eine seiner Konkubinen zur ersten Frau erheben,

die mit zunehmendem Alter endlich die Herrschaft über den ganzen

Familienclan erhält. Ja, sollte sie in dieser höchsten Familienstellung

ihren Gatten verlieren, so tritt nicht etwa der älteste Sohn an

dessen Stelle als Leiter der Familie, sondern die Mutter bleibt es

in unumschränkter Weise bis zu ihrem Tode. Der Chinese sagt, seine

legitime Frau sei wie der Mond, die Konkubinen wie die Sterne, und alle

drehen sich in ihrem Laufe um die Sonne, den Mann.

Die chinesischen Ehen sind nicht etwa unauflöslich. Die Gesetze nennen

sieben Gründe für die Ehescheidung, welche die gesellschaftlichen

Verhältnisse des Reiches der Mitte grell beleuchten. Sie sind:

Ehebruch, Unfruchtbarkeit, Eifersucht, Ungehorsam, Diebstahl, Aussatz

und Geschwätzigkeit. Auch kann die Scheidung auf gegenseitiges

Einverständnis erfolgen. Sollte der Mann bei Ehebruch seiner Frau

die Scheidung nicht verlangen, so setzt er sich der Bestrafung durch

Stockstreiche aus; sollte sie während seiner Abwesenheit eine neue

Ehe eingehen, so wird sie erdrosselt; nur wenn diese Abwesenheit drei

Jahre dauert, kann sie nach Anmeldung bei den Gerichten ihre Freiheit

erlangen.

Die armen Frauen der höheren Stände haben es kaum viel besser als

jene der indischen Zenanas oder der arabischen Harems, und beinahe

könnte man sagen, daß die Frauen der untersten Stände Chinas ein

günstigeres Los haben, als ihre reichgekleideten, geputzten und

geschmückten Schwestern. Sie sind wenigstens nicht an das Haus

gefesselt, sie genießen einigermaßen Freiheit. Besonders in Canton und

den südlichen Provinzen sah ich sie allen möglichen Berufen nachgehen.

Schneiderinnen kauern an den Straßenecken, um Kleider zu flicken;

Dienerinnen durchwandern die Gäßchen, um Einkäufe oder Besorgungen

für ihre Herrin zu machen; auf dem Flusse und im Hafen verkehren die

Frauen ungezwungen, durch keine gesellschaftlichen Formen eingeengt,

mit den chinesischen oder fremden Männern. Die ärmsten der Frauen

ziehen durch das Gewirre von Gäßchen der Städte, um allerhand Abfälle

und Unrat für ihre Schweine zu sammeln. Draußen auf dem Lande sind

sie in den Seidenzüchtereien oder auf den Reisfeldern thätig; sie

schneiden Gras oder suchen auf den Bergabfällen nach Wurzeln, Zweigen

und sonstigem Brennmaterial; Hunderte pflücken Theeblätter an den sich

meilenweit hinziehenden kleinen Stauden; überall sind es kräftige,

gut gebaute Gestalten, weit größer und stärker als ihre Schwestern

in Japan oder Hinterindien. Weiter gegen Norden, in der Umgegend von

Swatau oder Amoy, sind sie schon viel seltener; auch am Jangtsekiang

und Kaiserkanal genießen sie lange nicht die gleichen Freiheiten wie in

Canton.

[Illustration: Mandschurenfrau.]

Der Haarzopf der Chinesen.

[Illustration: Mein Photographengehilfe.]

Das auffälligste Merkmal eines Chinesen ist wohl sein Haarzopf. Ohne

Zopf kein Chinese; er ist ihr größter Stolz und der hervorragendste

Gegenstand ihrer Eitelkeit, sowie das Streben jedes Chinesenjungen,

dem der Zopf erst in seinem zwölften bis vierzehnten Jahre zu

tragen gestattet ist. Der Kaiser trägt ihn ebensogut wie der letzte

Lastenträger, der tapfere Reitergeneral ebensogut wie der Apotheker,

und nur eine Berufsklasse ist davon ausgenommen: die Priester, deren

Schädel spiegelglatt rasiert sind. Diese Rattenschwänze entlocken den

Europäern unwillkürlich ein Lächeln, aber sie bedenken nicht, daß

unsere eigenen europäischen Feldtruppen bis zu Anfang des vorigen

Jahrhunderts, die englischen Seeleute sogar noch bis zur letzten

Generation, ebenfalls Haarzöpfe getragen haben. Allerdings waren die

letzteren nicht so lang wie bei den Chinesen, dafür aber waren sie weiß

gepudert und erhielten sich gerade beim Militär am längsten, während in

China nahezu die ganze männliche Bevölkerung diese bis unter das Knie

herabfallenden Haarzöpfe trägt. Die Mädchen haben in China nur bis zu

ihrer Verlobung einen über den Rücken fallenden Haarzopf. Bis gegen die

Mitte des siebzehnten Jahrhunderts trugen die Chinesen ihr Haar ähnlich

wie wir, und erst von der Vertreibung der angestammten Mingdynastie

durch die Mandschuren stammt die Sitte, das Scheitelhaar zu einem Zopf

zu flechten. Die Mandschuren waren Zopfträger, und kaum hatten sie

die Herrschaft über das gewaltige Chinesenreich an sich gerissen, so

machten sie den Zopf zum Zeichen der Unterwerfung. Jeder Chinese mußte

sich seinen Schädel mit Ausnahme des Scheitelhaares kahl rasieren und

das letztere in einen Zopf flechten lassen. Die Barbiere im ganzen

weiten Reiche wurden mit der Ausführung dieser kaiserlichen Verordnung

betraut. Mit dem Rasiermesser in der einen und dem Schwert in der

andern Hand durchzogen sie ihre Distrikte, und den Chinesen blieb die

Wahl, ihr Kopfhaar oder ihren ganzen Kopf zu opfern. Die große Mehrzahl

entschloß sich natürlich zu der weniger schmerzlichen Operation.

Immerhin kam es zu vielen Aufständen gegen diese drakonische Maßregel,

zumal die Barbiere damals wie bis auf die jüngste Zeit den geächteten

Ständen angehörten und nicht gut kaiserliche Beamte sein konnten.

Deshalb kam der erste Mandschukaiser, einer der größten Herrscher,

die China jemals gehabt hat, auf einen anderen, friedlicheren Ausweg:

er verordnete, daß Verbrecher, Sträflinge und die Angehörigen der

geächteten Volksklassen keinen Haarzopf tragen dürfen. Dadurch machte

er den Zopf zum Wahrzeichen der Ehrbarkeit und des guten Bürgertums,

der Widerstand hörte auf, und bald konnte man sich keinen Chinesen mehr

ohne Zopf denken.

[Illustration: Barbier.]

Uebrigens stammt aus jener Zeit ein charakteristisches Barbierzeichen,

das seinen Weg auch durch ganz Nordamerika, zum Teil auch nach Europa

gefunden hat. Den Besuchern der Neuen Welt wird es aufgefallen sein,

daß die dortigen Barbiere vor ihren Läden kurze, dicke, bemalte Stangen

als Abzeichen ihres Berufes errichten, und bis auf den heutigen Tag hat

man vergeblich nach dem Ursprung dieser Sitte geforscht. Für den Kenner

chinesischer Verhältnisse dürfte es indes zweifellos sein, daß dieser

Ursprung in China zu suchen ist. Wie heute, so war auch schon vor

Jahrhunderten das Abzeichen kaiserlicher Beamter eine oder eine Anzahl

hoher Stangen vor ihren Wohnungen. Der Distriktsgouverneur hat deren

z. B. zwei, der Provinzgouverneur vier vor seinem Amte stehen. Nun waren

die Barbiere, als sie mit dem Abrasieren der Chinesenschädel von seiten

der ersten Mandschuregierung betraut wurden, gewissermaßen kaiserliche

Beamte und errichteten vor ihren Häusern den Beamtenpfahl. Diejenigen,

die mit ihren Werkzeugwägelchen oder Schubkarren im Lande umherzogen,

brachten diesen Pfahl, allerdings von geringerer Länge, an den

Fuhrwerken an, und wie ich auf meinen Reisen selbst wahrgenommen habe,

ist dies noch heute in China allgemein Sitte. Als die Chinesen ihre

Wanderung übers Meer nach Amerika antraten und sich dort ansiedelten,

war das Barbierhandwerk dasjenige, dem sich die Einwanderer am liebsten

zuwandten; sie errichteten auch in Amerika ihre Barbierpfähle, und

von ihnen nahmen die meisten Barbiere dieses Abzeichen an, das bald

allgemein wurde. Den Chinesen ist die schönste Zierde des Mannes, der

Bart, vorenthalten; erst im späteren Alter erscheinen um den Mund

und an den Backen vereinzelte struppige Haare, die dann ihr größter

Stolz sind und sorgfältig gepflegt werden. Sonst zeigen sich Haare

nur auf etwaigen Gesichtswarzen, und auch diesen wenden die Chinesen

besondere Pflege zu. Was ihnen die Natur im Gesicht versagt hat,

ersetzte sie durch überreichen Haarwuchs am Hinterkopf, ein Haarwuchs,

der stets tiefschwarz ist. Der kleinen Chinesenbrut wird der Schädel

bis zum Alter von zwölf oder vierzehn Jahren in eigentümlicher Weise

rasiert. Hier und dort, über den Ohren, am Scheitel, am Nacken werden

einzelne kleine Haarbüschel stehen gelassen, so daß diese possierlichen

Jungen aussehen, als würde die Natur ihnen gleich an sechs oder mehr

Stellen Zöpfe wachsen lassen. Erst nachdem die Knaben das genannte

Alter erreicht haben, wird der Schädel ganz glattrasiert und nur das

Scheitelhaar stehen gelassen. Natürlicherweise wird dies erst nach

Jahren lang genug, um daraus einen Zopf zu flechten. Im Mannesalter

reicht das natürliche Scheitelhaar der Chinesen bis auf etwa den halben

Rücken, bei manchen erreicht es sogar eine Länge von einem Meter

und noch mehr, stets aber muß durch künstliche Mittel nachgeholfen

werden, um dem Zopf die erforderliche Länge bis zu den Fußknöcheln

zu geben. In das natürliche Haar wird gewöhnlich noch ein Strang

Menschen- oder Pferdehaar eingeflochten, der am Nacken dicke, fest-

und glattgeflochtene Zopf wird nach abwärts immer dünner, und etwa

in der Nähe des Sitzteils besteht er nur noch aus einem Geflecht von

Seidenschnüren von schwarzer oder roter Farbe mit einer Seidenquaste am

Ende.

Sind die Chinesen in Trauer um ihre Eltern oder nahe Verwandte, so

dürfen sie ihr Kopfhaar während der Dauer von sieben Wochen weder

in Zöpfe flechten noch schneiden lassen, noch dürfen sie es kämmen.

Stirbt der Kaiser, so gilt diese Vorschrift für alle Chinesen während

der Dauer von hundert Tagen, und man kann sich unter solchen Umständen

das wüste Aussehen dieser Millionen von Menschen leicht ausmalen, eine

Nation von Struwelpetern. Die armen Barbiere haben während dieser Zeit

gegen ihren Willen Ferien, und viele nagen am Hungertuche. Gewiß wird

in dem ungeheuern Reiche niemand für Gesundheit und Langlebigkeit des

Landesvaters eifriger beten, als es diese Ritter des Rasiermessers thun.

Ist die erste Zeit der tiefen Trauer verstrichen, so flechten die

Chinesen in ihr hinteres Anhängsel statt der schwarzen Seidenschnüre

weiße, weil Weiß die Farbe ihrer Trauer ist. Leute, die viel zu

reisen oder in den Straßen der Städte zu thun haben, verwenden statt

weißer auch blaue Schnüre, die den Schmutz weniger zeigen. Um das

Beschmutzen möglichst zu verhindern, wird der Haarzopf auch auf Reisen

oder bei schmutzigen Arbeiten, wie auf Flußbooten, beim Lastentragen,

mehrmals um das Hinterhaupt gewickelt und festgesteckt. Bei der

Annäherung von Höhergestellten oder im Verkehr mit diesen muß der

Zopf losgebunden werden, denn ihn auf dem Kopfe zu behalten, wäre ein

ebensogroßes Vergehen gegen die gute Sitte, als würde bei uns jemand

den Hut aufbehalten oder Besucher in Hemdärmeln empfangen. Auf nichts

verwenden die Chinesen bei ihrer Toilette größere Sorgfalt als auf

ihren Zopf, nicht nur in ihrem eigenen Lande, sondern auch in ganz

Ostasien überhaupt, ja selbst in Amerika. Ich habe auf meinen Reisen

Zehntausende Chinesen gesehen, die den ärmeren Volksklassen angehörten

und weder viel Kleidungsstücke, noch Nahrung, noch Wohnung besaßen,

allein der Haarzopf war selbst bei diesen armen Teufeln in schönster

Ordnung. Es kann einem Chinesen keine größere Schmach angethan werden,

als wenn ihm der Zopf abgeschnitten wird. Mit abergläubischer Sorgfalt

behüten sie ihn, und als vor einigen Jahren die Vegetarianersekte

(Geheimbündler, die den Sturz der fremden Mandschudynastie anstreben)

dem von dieser eingeführten Haarzopf den Krieg erklärten, als in

unheimlicher Weise den Chinesen auf der Straße, im Theater, im

Theehause, überall wo nur möglich, die Zöpfe abfielen, da herrschte

die größte Erregung im Lande. Die Behörden befahlen der Bevölkerung,

am Abend das Haus zu hüten, sowie Thüren und Fenster sorgfältig zu

verschließen, ja, manche Stadtbehörden befahlen durch Maueranschläge

allerhand Zaubermittel zur Beschützung des Zopfes. So verordnete

z. B. der Taotai (Bürgermeister) von Peking als unfehlbares Mittel,

in die Zöpfe einen roten und einen gelben Faden einzuflechten. In

Hangtschau fand der Magistrat ein noch viel besseres Mittel. Drei

verschlungene chinesische Schriftzeichen werden mit schwarzer Tinte auf

gelbe Papierschnitzel dreimal niedergeschrieben. Eins der letzteren

wird verbrannt und die Asche mit einer Tasse Thee getrunken, eins

wird in den Haarzopf eingeflochten, und das dritte wird über die

Hausthür geklebt. Bei solchen Gelegenheiten hat gewöhnlich zuerst die

weiße Bevölkerung zu leiden; der Verdacht, mit den bösen Geistern

in Verbindung zu stehen, fällt zunächst auf Missionare, Kaufleute,

Reisende, und der geringste Anlaß, ein unbedachtes Wort, eine

verdächtige Gebärde reicht hin, die Wut des abergläubischen Volkes auf

die Weißen zu lenken. Also Respekt vor dem chinesischen Zopf!

[Illustration: Partie am Jangtsekiang bei Tschinkiang.]

Tschinkiang.

Von den großen volkreichen Handelsstädten, welche an den Ufern des

mächtigen Jangtsekiang liegen, und der Mehrzahl nach dem fremden

Handelsverkehr geöffnet sind, ist Tschinkiang für den Reisenden

am leichtesten erreichbar. Von Shanghai, der Metropole des ganzen

Jangtsethales und wichtigstem Hafen desselben, fahren nahezu täglich

große, bequeme Passagierdampfer stromaufwärts nach Hankau und berühren

auf ihrer durchschnittlich fünf- bis sechstägigen Fahrt alle größeren

Hafenstädte, darunter Tschinkiang.

Wir waren um Mitternacht von Shanghai abgefahren, und am frühen

Nachmittag des folgenden Tages sahen wir in weiter Ferne die

malerischen Wahrzeichen von Tschinkiang aus der vom gelben schlammigen

Strom durchzogenen sumpfigen Ebene hervorragen: die wie eine riesige

Halbkugel von achtzig Meter Höhe geformte Silberinsel mit ihrem

Adjutanten, dem kleineren bewaldeten Federfelsen, beide mit kurios

geformten Tempeln und Pagoden bedeckt. Kaum hatte unser Dampfer sie

umfahren, so sahen wir am südlichen Ufer des Stromes die große Stadt

vor uns liegen, zu beiden Seiten von bebauten Hügeln eingefaßt, die wie

natürliche Wachttürme aus dem tiefen Sumpflande aufsteigen. Beide Hügel

sind von geschichtlichem Interesse. Auf dem einen, uns näherliegenden,

zeigt sich inmitten von grünen Parkanlagen das größte und imposanteste

Gebäude von Tschinkiang, nicht etwa ein Tempel, eine Pagode oder

Ahnenhallen, sondern das im europäischen Stil gebaute englische

Konsulat. Im Jahre 1889 befand sich dasselbe in einem anderen Gebäude,

als der hier stets unruhige, leicht erregbare Pöbel der Stadt ohne

irgend welche Veranlassung einen Angriff auf das Konsulat unternahm

und mit vielen anderen europäischen Häusern auch dieses Gebäude

niederbrannte. Als Genugthuung den Engländern gegenüber mußten die

Chinesen auf dem bewaldeten Hügel ein neues Konsulatsgebäude errichten.

Auch der jenseits der Stadt, stromaufwärts gelegene Uferhügel erinnert

die Chinesen an ihre vielen Kämpfe mit ihren besten Freunden, den

Engländern. Dieser Hügel, die Goldene Insel genannt, lag noch im Jahre

1842 mitten im Fluß, und an der Südseite war die englische Flotte

verankert, während die Landtruppen zu Lande jene Siege erkämpften,

welche zu dem Friedensvertrag von Nanking führten. Diese einstige

Insel ist längst mit dem Festlande innig verwachsen, ja sogar an ihrer

Nordseite haben die Anschwemmungen des Jangtsekiang schon einen breiten

Landstreifen geschaffen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 14 / 71 段