Im ganzen großen Weltreiche herrscht eine merkwürdige Gleichheit der

Frauentracht, wie sie sonst in so ausgesprochener Weise nirgends

vorkommt. Von der Mandschurei bis Tonkin, von Tibet bis ans Gelbe

Meer zeigt der Schnitt der Kleider bei hoch und niedrig nur geringe

Unterschiede. Am einfachsten sind wohl die armen Frauen jener

Hunderttausende gekleidet, welche in Canton auf dem Perlflusse leben.

Ihre Armut, ihr Elend gestattet ihnen keine anderen Kleidungsstücke

als ein blaues bis über die Knie reichendes Oberhemd, an der Seite

zugeknöpft, und ein Paar blaue Beinkleider aus Baumwollstoff, die

bis nahe an die Knöchel reichen. Sie kennen keine regelrechte

Kopfbekleidung, und ihre Füße sind nackt. Ebensowenig kennen sie

Unterwäsche. Die einzige Koketterie, die sie entfalten, betrifft die

gewöhnlich sorgfältige Haarfrisur, welche sie noch mit natürlichen

Blumen schmücken; aber die Chinesin flicht ihre Haare nicht in Zöpfe,

sondern kämmt sie glatt von der Stirn nach hinten und steckt sie

dort, bandartig zusammengeklebt und verschlungen, mit einer langen

Stecknadel fest. Jede trägt überdies Ohrgehänge aus milchgrünem

Nephritstein (Jade), und jene, welche sich durch Arbeit mühsam einige

Mark zusammensparen, legen diese gewöhnlich noch in einem ebensolchen

Armring aus einem Stück an. Reichen ihre Mittel nicht dafür aus, so

kaufen sie sich wenigstens Ohr- und Armringe aus grünlich-milchigem

Glas.

Andere Kleidungsstücke als das Baumwollhemd und die Beinkleider

kennen die Frauen und Mädchen der niederen Stände nicht; auch die

Feldarbeiterinnen der südlichen Provinzen tragen sie Tag und Nacht. Bei

brennender Sonnenhitze schützen sie ihren Kopf durch große Strohhüte,

und dann sind sie aus einiger Entfernung von den Männern kaum zu

unterscheiden, besonders wenn diese ihren langen Zopf nicht über den

Rücken fallend, sondern um den Kopf gewunden tragen. In China, diesem

Lande der verkehrten Welt, wo unsere Kultur auf den Kopf gestellt ist,

tragen die Männer Zöpfe, nicht die Frauen.

Je höher man in der gesellschaftlichen Rangstufe der Chinesen aufwärts

steigt, desto zahlreicher werden die Kleidungsstücke der Frauen.

Jene, denen man in den Straßen Cantons, Swataus, Futschaus begegnet,

tragen Sandalen oder Schuhe. Ihre Füße und Knöchel sind mit weißen

Baumwollstreifen umwunden, welche zuweilen das untere Ende der

Beinkleider umfassen. An ihren großen oder vielmehr natürlichen Füßen

erkennt man, daß sie umherziehende Tagelöhnerinnen sind, die sich ihren

Verdienst heute hier, morgen dort durch saure Arbeit erwerben. Die

nächst höhere Stufe, die Frauen der Handwerker und kleinen Händler,

sind durch reichlichere Kleidungsstücke und bessere Schuhe erkenntlich,

die bei den Chinesen beider Geschlechter niemals aus Leder, sondern

stets aus Stoff mit dicken Filzsohlen ohne Absätze bestehen. Gewöhnlich

ist die Farbe der Schuhe schwarz. Sind sie blau, so befindet sich ihr

Träger in leichter Trauer, sind die Schuhe und mit ihnen auch die

Kleidungsstücke weiß, so befindet sich ihr Träger in tiefer Trauer. Nur

die Unterkleider sind unter gewöhnlichen Verhältnissen weiß, und der

Besitzer derselben zeigt dadurch allein schon, daß er dem Mittelstande

angehört. Eine Frau aus diesen Ständen läßt sich schon aus der Ferne

als solche durch ihren beschwerlichen, unbeholfenen Gang erkennen, der

sich ausnimmt, als ginge sie auf kurzen Stelzen einher. Nähert man sich

ihr, so gewahrt man auch die Ursache dieses eigentümlichen Ganges, denn

die Füße zeigen sich wie schmale Ponyhufe, mit weißen Baumwollstreifen

umwunden und in winzigen Schuhen steckend, die, kaum eine Spanne lang,

mit bunten Zieraten und Stickereien versehen sind.

Viele Reisende, die auf ihrer Jagd um den Erdenglobus flüchtig

durch Canton oder Shanghai wanderten, berichten, die Unsitte der

Verkrüppelung der Füße sei im Abnehmen begriffen. Sie haben eben nur

Frauen der untersten Stände gesehen, bei welchen die Fußverkrüppelung

überhaupt nicht vorkommt. Aber bei den Frauen der mittleren und

höheren Stände findet sie heute gerade so statt wie vor Jahrhunderten.

Ja auf meinen Reisen durch die nördlichen Provinzen, vornehmlich in

Schantung, habe ich selbst auf den Feldern, in den ärmsten Dörfern

keine einzige Frau, kein Mädchen von über zwölf Jahren gesehen, deren

Füße nicht verkrüppelt gewesen wären. Je höher die gesellschaftliche

Stufe, welcher die Frau angehört, desto mehr werden auch ihre Füße von

früher Jugend auf eingezwängt, desto kleiner erscheinen die Füßchen,

ja ich habe in China neue sowohl wie getragene Schuhe erworben, die

neun bis zwölf Centimeter lang sind. Als ich in einem Schuhladen in

Hongkong zum erstenmale derlei Schuhe erblickte, hielt ich sie für

solche von zwei- oder dreijährigen Kindern, bis ich erwachsene Frauen

mit solchen Schuhen einhertrippeln sah. Hätte man mir dergleichen in

Europa erzählt, ich hätte es für unglaublich gehalten. Die winzigen

schmalen Füßchen in den hübschen, bunten Seidenschuhen nehmen sich

ungemein zierlich und kokett aus, besonders wenn die Damen sitzen oder

stehen. Gehen sie, so kann man sich der Gedanken an die Qualen, die

sie ausstehen müssen, nicht erwehren, aber hat man Gelegenheit, einen

nackten derartigen Fuß zu sehen, dann wird man von Entsetzen erfaßt. Im

chinesischen Hospitale von Hongkong zeigte mir der (europäische) Arzt

vom Dienste die Füße einer kranken Frau. Die vier kleineren Zehen waren

unter der Fußsohle eingebogen, und ihre Nägel erschienen in die Sohle

eingewachsen. Die Ferse war nach vorn gezwängt, derart, daß der Abstand

zwischen dem fleischlosen Fersenknochen und der Spitze der großen Zehe

kaum zwölf Centimeter betrug; und die Wadenknochen waren vollständig

fleischlos, nur mit der runzeligen, roten Haut bedeckt.

Das ist chinesische Frauenschönheit, auf welche die Männer den größten

Wert legen; das sind Reize, welche die chinesische Braut besitzen muß,

wenn sie überhaupt einen Mann finden will. Von einer Abnahme dieses

entsetzlichen Gebrauches in China habe ich nirgends etwas vernommen,

auf dem Lande wie in der Stadt sind die Kin-lien, d. h. goldenen Lilien

(so heißen die verkrüppelten Füße bei den Chinesen), nach wie vor ein

Schönheitszeichen, und nur in Hangtschou habe ich erfahren, daß viele

dortige Männer in ihren Heiratskontrakten die goldenen Lilien nicht

mehr erwähnen, daß sie also die verkrüppelten Füße der Braut nicht mehr

vorschreiben. Ich habe mit vielen Chinesen über diese entsetzlichen

Martern, welche die armen Frauen ausstehen müssen, gesprochen, aber die

meisten lächelten und meinten statt jeder weiteren Antwort, es wäre

eben Sitte. Ein aufgeklärter Kaufmann in Shanghai stellte statt aller

Antwort die Gegenfrage auf: „Verkrüppeln denn Ihre europäischen Damen

nicht auch ihre Füße, verkrüppeln sie nicht ihre Körper, indem sie

dieselben ebenso zusammenzwängen wie unsere Frauen ihre Füße?”

[Illustration: Schantung-Damenschuh.]

In dieser Hinsicht sind die Frauen der Tataren und Mandschuren viel

besser daran. Die Fußverkrüppelung kommt bei ihnen nicht vor, es genügt

ihnen, ihre an und für sich sehr kleinen, wohlgeformten Füßchen in

zierliche Pantöffelchen zu stecken, und sie finden doch ihren Mann. Da

die herrschende Kaiserdynastie einem Mandschurengeschlechte entstammt,

so besitzt auch die Kaiserin von China keine verkrüppelten Füße, und am

ganzen Kaiserhof ist diese Unsitte unbekannt.

Bei den Chinesen ist sie einfach Modesache, deren Entstehung noch von

niemand erklärt worden ist. Uebrigens können sich viele fashionable

Damen Chinas trotz ihrer Hemmschuhe erstaunlich gut fortbewegen.

Freilich sah ich einmal in Nanking eine Dame, die vor ihrem Hause von

einer Dienerin aus der Sänfte gehoben und auf ihrem Rücken in das

Innere getragen wurde, gerade so wie die Fellachenweiber ihre Kinder

auf dem Rücken tragen. In Chinkiang sah ich mehrere Sklavinnen, die

ihre reich geputzten Herrinnen in derselben Weise über die Straße in

ein Freundeshaus trugen. Die Damen hatten ihre Arme um den Nacken

der Trägerinnen geschlungen, und die letzteren hielten ihre Lasten

wieder dadurch, daß sie, mit ihren Händen nach rückwärts greifend, die

Schenkel der Damen unterstützten. Die goldenen Lilien waren unter den

Kleidern auf beiden Seiten der Sklavinnen sichtbar. Gesprächsweise

erwähnte ich dies einem im Innern von China wirkenden Missionar

gegenüber. Dieser, seit einer Reihe von Jahren dort thätig und mit

dem Leben der Chinesen eng vertraut, erzählte mir seinerseits, er

habe schon viele Chinesinnen kennen gelernt, die ungeachtet ihrer

verkrüppelten Füße ohne Schmerz beträchtliche Strecken weit gehen

konnten. Eine derselben war jeden Sonntag von ihrer mehrere Kilometer

weiten Wohnung zum Gottesdienst in die Kirche gekommen und wieder

zu Fuß heimgekehrt. Viele Hausfrauen haben bei ihren häuslichen

Verrichtungen in den zumeist sehr geräumigen Homes mit ausgedehnten

Gärten und Höfen täglich recht viel zu gehen, so daß der Einwand,

die verkrüppelten Füße hinderten am Gehen, keineswegs richtig ist.

Auf meinen späteren Inlandreisen sah ich Chinesinnen, mit ihren

verkrüppelten Füßchen in Seidenschuhen steckend, auf den Feldern

arbeiten; ja, als ich den heiligen Berg Taischan, sechstausend Fuß

hoch, bestieg, thaten Dutzende von Frauen, darunter Greisinnen, das

gleiche mit ihren winzigen Krüppelfüßchen.

[Illustration: Chinesische Frauenfüße.]

Die Toilette der vornehmen Chinesinnen ist in Schnitt und Farbe

jener der niederen Stände ähnlich, aber mit farbigem Besatz und den

prächtigsten Stickereien reich verziert. Die Aermel sind weiter und

länger, so daß bei herabfallenden Armen sogar die Hand davon bedeckt

wird. Ein steifes Nackenband mit Stickereien hält den Faltenwurf in

Ordnung, und auf der Brust sind dieselben Stickereien von Bären,

Drachen, Reihern, Pfauen und dergleichen zu sehen, welche ihr Gatte

je nach seinem Mandarinsrange tragen darf. Ueber dem Beinkleid tragen

die vornehmen Damen Chinas noch einen langen blauen Rock, der bis an

die Füße reicht und an den Hüften festgehalten wird. Das gestickte

blaue Oberhemd fällt über diesen Rock bis nahe an das Knie herab. Jede

Seite des Unterrockes zeigt sechs senkrechte Doppelfalten, und auf

die Vorder- und Rückseite sind viereckige Stücke aus den schwersten

Seidenstoffen aufgenäht, welche die herrlichsten und zartesten

Stickereien tragen, Arbeiten, die unsere Damen in helles Entzücken

versetzen würden. Sie, sowie der Kopfputz und die Füße bilden den Stolz

der chinesischen Frauenwelt. Auf Schmucksachen, ausgenommen Ohrgehänge

und Armspangen aus Halbedelsteinen, Perlen oder Edelmetall, wird kein

besonderer Wert gelegt. Hüte sind auch bei vornehmen Damen unbekannt;

ebensowenig tragen sie Kopftücher oder Schleier. Der Kopf ist stets

unbedeckt und unverhüllt. Nur wenn Mandarinsfrauen zu Festlichkeiten an

den Kaiserhof befohlen werden, erfordert die ungemein strenge Etikette,

daß sie dieselben Hüte mit denselben Rangabzeichen tragen wie ihre

Männer.

Viele Damen finden Gefallen daran, die Fingernägel des dritten und

vierten, zuweilen auch des kleinen Fingers der linken Hand ein paar

Centimeter lang wachsen zu lassen. Im Hause werden die Nägel durch

zierlich ornamentierte Fingerhüte aus Gold oder Silber geschützt, die

nach unten zu offen sind. Es blieb mir unverständlich, auf welche Weise

die chinesischen Damen Hände und Gesicht waschen konnten, auf welche

Weise sie auch ihre Zeit verbrachten, denn Handarbeiten mit derartigen

Krallen sind ausgeschlossen, und mit dem Romanlesen ist es im Reich der

Mitte schlimm bestellt.

[Illustration: Verkrüppelter Fuß einer Chinesin.]

Die kostbaren Juwelen werden von den Damen im Haar getragen. Ueberhaupt

gefiel mir an ihnen der Kopfputz am besten, denn die Gesichter sind

gewöhnlich mit einer dicken Schicht Puder bedeckt, über welche die

Damen noch eine ebenso dicke Schicht von Rot legen, das bis an die

Augenbrauen reicht. Sie suchen diese Malerei auch keineswegs zu

verbergen, sie ist ehrlich, offen und dick aufgetragen, und gewiß kann

sich niemand rühmen, eine chinesische Dame jemals zum Erröten gebracht

zu haben. Die Augenbrauen werden zuweilen ausgezupft oder abrasiert,

stets aber mit Holzkohle derart nachgezeichnet, daß sie etwa die Form

des Mondes an den ersten Tagen nach Neumond besitzen. Was Wunder, daß

mir unter solchen Umständen das Haar am besten gefiel? Auch hier werden

falsche Haare zu Hilfe genommen, ganz so, wie es bei Damen, die unseren

Rassen näher stehen, zuweilen auch der Fall sein soll. Nur ist es den

Chinesinnen leichter, die Haarfarbe des Chignons zu treffen, denn

sie sind durchweg rabenschwarz. Eine blonde oder rote Chinesin würde

vielleicht größeres Aufsehen erregen als die siamesischen Zwillinge.

Junge Mädchen tragen das Haar lang herabfallend. Frauen verleihen ihrem

gewöhnlich sehr üppigen Haarwuchs erhöhten Glanz dadurch, daß sie es in

harzigen Flüssigkeiten baden und sorgfältig kämmen. Haarbürsten sind

den orientalischen Völkern unbekannt.

Durch Zufall sah ich einmal mit Hilfe des Feldstechers der Haartoilette

einer Dame zu, eine gewiß verzeihliche Indiskretion, wenn man bedenkt,

daß ich sie nur in ethnographischem Interesse, und um die Europäerinnen

vielleicht etwas Neues zu lehren, beging. Die blatternarbige Schöne saß

auf ihren Fersen auf dem Boden. Sie kämmte ihr reiches Haar von der

Stirne glatt zurück und hob es etwas vom Kopfe dadurch, daß sie einen

Finger darunter hielt. Dann wurde der flache Haarstrang am Scheitel

nach vorn umgebogen, so daß er eine Schleife bildete, und mit einer

Nadel festgesteckt. In ähnlicher Weise bildete sie mit dem Seitenhaar

Schleifen, die weit vom Kopfe abstanden, und steckte sie am Scheitel

mit Nadeln fest. Dann schmückte sie das Haar mit Juwelen und Blumen,

von denen die hübscheste in ein kleines schmales Gefäß gesteckt wurde,

das sie in dem Haar verbarg.

In den mittleren Provinzen Chinas wird das Haar von rückwärts nach

aufwärts gekämmt und in einem hohen, vom Kopfe abstehenden Bogen nach

vorn geführt, wo es festgesteckt wird. Ein chinesischer Poet besingt

eine Schöne mit folgenden Worten: „Wangen wie die Mandelblüte, Lippen

wie die Pfirsischblüte, den Leib wie ein Weidenblatt, Augen, so

munter wie in der Sonne glitzerndes Wassergekräusel, und Füße wie die

Lotosblume.”

[Illustration: Frau in eleganter Kleidung.]

Würden unsere Damen die Lage ihrer Schwestern bei den anderen

Völkerrassen aus eigener Anschauung kennen lernen, so würden sie uns

wahrscheinlich größeren Dank wissen für die gewiß beneidenswerte

Stellung, welche wir ihnen, wir wollen es zugeben, auch mit vollem

Rechte eingeräumt haben. Die Chinesen vergleichen beispielsweise die

Stellung der Frau zum Manne wie jene der Erde zum Himmel, wobei der

letztere selbstverständlich durch das starke Geschlecht dargestellt

wird. Die Geschlechter sind in dem uralten Reiche der Mitte keineswegs

gleichberechtigt wie bei uns. Der Chinese huldigt der Frauenschönheit

und Frauentugend nicht wie wir, er besingt und umschwärmt sie

nicht, Frauenwünsche und Frauenlaunen sind ihm nicht Befehle, die

Ritterlichkeit und Höflichkeit, mit welcher unseren Damen, wie sie

meinen, noch viel zu wenig begegnet wird, ist den Chinesen vollständig

unbekannt. Der Mann herrscht dort, die Frau dient, dem Manne allein

gehört das öffentliche Leben, die Frau bleibt im Hause, der Mann

genießt vollständige Freiheit, die Frau ist dem Willen des Mannes

unterworfen. Sie tritt überhaupt nicht an die Oeffentlichkeit und

wird im großen ganzen als ein geringeres Wesen angesehen. Die Geburt

eines Sohnes ist ein Freudenfest im Hause und in der ganzen Familie

des Chinesen; die Geburt einer Tochter wird kaum berücksichtigt. Fragt

man einen Chinesen, ob er Kinder besitze, so wird er das nur auf

die Söhne beziehen und die Töchter gar nicht mit nennen, ja, es ist

Thatsache, daß Tausende von neugeborenen Mädchen jährlich ermordet

werden. Armut und übergroßer Kindersegen sind die Hauptursachen dieses

verbrecherischen Gebrauchs. Von den Eltern selbst wird der Kindermord

selten begangen; das Kind wird gewöhnlich der Hebamme übergeben oder

vielleicht an einer Polizeistation oder an dem Kreuzungspunkt von

Straßen weggelegt. Wird es gefunden, bevor es dem Hunger oder den

Unbilden der Witterung unterlegen ist, so wird es einem der vielen in

den Städten bestehenden Waisenhäuser übergeben und dort großgezogen.

Die Regierung hat den Kindermord in mehreren kaiserlichen Edikten

verdammt und mit Strafe belegt; er ist auch in den meisten Gegenden

nicht so häufig, wie es angenommen wird, nur in Schantung und Honan

scheint er überhand genommen zu haben. Uneheliche Kinder werden stets

beseitigt. Auch bei Knaben kommt es zuweilen vor, besonders wenn sie

mit Gebrechen behaftet sind, oder wenn die abergläubigen Eltern der

Meinung sind, daß das Kind von bösen Geistern besessen ist. So wurde

mir in Tsining am Kaiserkanal erzählt, daß kürzlich ein Knäblein in das

dortige Waisenhaus gebracht wurde, das auf der Brust von Raben ganz

zerhackt war. Ein christlicher Chinese soll es vor den Stadtmauern

gefunden haben. In Tsining und Tsautschou-fu kommt das Weglegen von

neugeborenen Töchtern besonders in Zeiten von Hungersnot sehr häufig

vor. Gewöhnlich werden die armen Wesen schon im Elternhause getötet,

die Leichen aber über die Stadtmauer geworfen, wo sie von Hunden und

Raben gefressen werden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: ~Igo guinia

pango örr~, d. h. „eine Tochter ein halber Sohn”, und wenn in einer

Familie der Reihe nach mehrere Töchter geboren werden, so wird häufig

auch in den besseren Ständen eine Tochter geopfert, in der Hoffnung,

daß bei der Seelenwanderung ihre Seele doch in den Körper eines Knaben

kommen dürfte.

In den meisten Großstädten befinden sich eigene Kindertürme, gemauerte

Behälter, in welche die Leichen neugeborener Kinder geworfen werden, um

die Beerdigungskosten zu ersparen. Aber es ist unrichtig, daß sie zur

Aufnahme lebender weggelegter Kinder dienen.

In vielen Familien gleicht das Leben der Mädchen und Frauen, natürlich

nur nach europäischen Begriffen, einem langsamen Hinsterben, denn

sie sind an das Haus gefesselt, keine Frau darf es ohne Bewilligung

ihres Gatten verlassen, und thut sie es, so kann der Mann sie einem

anderen Manne als Konkubine verkaufen. Man hat mir von vielen Frauen

erzählt, welche das Haus jahrelang nicht verlassen haben. Freilich

darf man sich unter den Häusern der Reicheren nicht etwa solche

wie die unserigen vorstellen. In China wohnen ganze Familien, oder

vielmehr Familiengruppen, mit zahlreichen Männern, Frauen, Kindern

und Sklavinnen in einem ausgedehnten Häuserkomplex mit Gärten und

Lotosteichen, Lusthäuschen, Hallen und Tempelchen, alles von einer

hohen Mauer umschlossen, aber über diese Mauer hinaus gelangen die

Frauen nur selten. Sie haben ihre eigenen Häuser und Gemächer,

und schon als Kinder von sechs bis sieben Jahren werden sie von

ihren Brüdern und Vettern, mit einem Worte, von den Männern so

viel als möglich abgesondert. Selbst in den Räumen der ärmeren

Klassen dürfen Knaben und Mädchen nicht auf denselben Matten sitzen

oder gemeinschaftlich ihre Mahlzeiten einnehmen. Ja, einem alten

chinesischen Gebrauch zufolge sollen Frauenkleider mit jenen der

Männer nicht auf denselben Nagel gehängt werden; Frauen sollen nicht

an denselben Stellen baden, an welchen sich Männer zu baden pflegen;

die Frau darf auch nicht mit dem Manne essen. Zuerst stillt er seinen

Hunger, dann kommt die Frau. In den untersten Volksschichten können

diese Gebote natürlich nicht eingehalten werden, aber in den höheren

Ständen werden sie streng beachtet.

Erreicht das Mädchen ein Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren, so

wird sie von den Eltern verlobt, ja sehr häufig findet diese Verlobung

schon statt, wenn die Kinder kaum das fünfte oder sechste Jahr erreicht

haben. Von einer selbständigen Wahl ihrer Gatten ist natürlich niemals

die Rede. Nur in seltenen Fällen hat das Mädchen der besseren Stände

Gelegenheit, andere Männer wenigstens flüchtig zu sehen, aber selbst

wenn zwei junge Leutchen auf solche Art Zuneigung zu einander fassen

sollten, müssen die Eltern ihre Zustimmung geben. Ein chinesisches

Sprichwort sagt darüber: ~T’schü t’schi yu ho, pi ku fu mo~,

d. h. „will man ein Weib freien, so muß man sich an die Eltern wenden”.

Die Eltern sind die unumschränkten Gebieter über ihre Kinder; diese

werden niemals zu Rate gezogen, und nur von Seite der Männer darf

eine Heiratsaufforderung ergehen, niemals von den Mädchen. Papa und

Mama des zukünftigen Ehemannes, selbst wenn er erst acht oder zehn

Jahre alt sein sollte, lassen durch eigene Heiratsvermittler in den

verschiedenen, ihnen im Range annähernd gleichen Familien nach einem

passenden Mädchen Umschau halten. Ohne Heiratsvermittler giebt es in

China keine Heirat. Der Chinese sagt: ~Tien schang wu yün pu hsia yü,

ti hsia wu mei pu t’scheng t’schin~, „wie der Himmel ohne Wolken

keinen Regen spenden kann, so kann auch keine Heirat stattfinden ohne

Heiratsvermittler”, wobei diese Vermittler meistens pfiffige, alte

Weiber sind.

Die beiden Familien erkundigen sich eingehend nach den beiderseitigen

Verhältnissen, und sind diese befriedigend, so wird die Summe

festgestellt, welche die Eltern des angehenden Ehemannes den Eltern

der Braut zu zahlen haben, denn die Ehe in China ist im Grunde nichts

weiter als der Ankauf einer Frau. Unrichtige Angaben dürfen dabei

nicht gemacht werden, sonst erhält der schuldige Papa vom Gerichte

hundert Stockstreiche verabreicht, und die Geschenke, welche der Braut

beim Abschluß der Verlobung gemacht werden, müssen zurückgeschickt

werden. Auch darf kein Zwang eintreten. Sollte es sich herausstellen,

daß jemand die Tochter eines freien Mannes zur Ehe mit seinem Sohne

oder einem sonstigen Anverwandten gegen den Willen ihrer Eltern oder

Vormünder veranlaßt hat, so wird er gerichtlich erdrosselt. Die Tochter

wird aber niemals nach ihren Wünschen gefragt, obschon die chinesischen

Mädchen doch auch Herzen haben. Ihre Pflicht ist es, den Eltern zu

folgen und sich fürs Leben an jenen zu ketten, den die Eltern für sie

angenommen haben, mag auch das Herz dabei zu Grunde gehen. Deshalb

kommen auch in China Liebestragödien gar nicht selten vor. Will die

junge Braut sich der Ehe mit einem ihr verhaßten Manne entziehen, so

bleibt ihr nichts übrig, als Selbstmord zu begehen.

Sind die Erkundigungen, wie gesagt, befriedigend ausgefallen und die

Verträge unterzeichnet, so sendet der Bräutigam seiner ihm gänzlich

unbekannten Braut Verlobungsgeschenke, unter denen sich als wichtigstes

häufig dieses nützliche, aber keineswegs besonders angesehene Haustier,

eine Gans befindet. Die Gans gilt in China wie in Korea als das Symbol

der ehelichen Treue. Mit der Annahme der Gans ist das Mädchen verlobt,

obschon sie je nach ihrem Alter häufig noch Jahre warten muß, ehe

ihr das zweifelhafte Glück zu teil wird, Frau zu werden. Was immer

in manchen Werken über China behauptet werden mag, es kommt doch nur

selten vor, daß Männer unter zwanzig Jahren, Mädchen unter fünfzehn

Jahren wirklich heiraten.

Man kann sich die Gefühle eines solchen eben aufblühenden jungen

Mädchens vorstellen, wenn sie den chinesischen Verlobungsring, die

Gans, erhält. Sie hat keine Ahnung von dem Aussehen und Charakter des

Menschen, mit dem sie für ihr ganzes Leben verbunden werden soll. Von

ihren Eltern und Brüdern oder gar von Bekannten kann sie darüber wenig

erfahren; denn vom Tage ihrer Verlobung an wird sie noch strenger

gehalten als zuvor. Sie darf mit Fremden gar nicht verkehren, und

sollten ihre Eltern Besuche erhalten, so muß sie sich aus dem Raume

entfernen.

Wie ihre kleinen Füßchen, die goldenen Lilien, so werden auch ihre

Gefühle, ihr ganzes inneres Wesen und Sein absichtlich verkrüppelt, und

es wäre unverständlich, wie chinesische Mädchen unter solchen Umständen

noch fröhlich sein, lachen und scherzen können, wüßten wir nicht, daß

sie eben keine Ahnung von den glücklichen Verhältnissen haben, unter

denen ihre kaukasischen Schwestern in Europa und Nordamerika leben.

Ihr Horizont reicht nicht weiter als die Mauern ihres Heims, ihre

Urteilsfähigkeit ist eingedämmt durch die althergebrachten Formen und

Sitten, ihre Lektüre, wenn sie lesen gelernt haben, beschränkt sich auf

langweilige Klassiker, Theaterstücke und chinesische Erzählungen, denn

Bücher über Länderkunde, Geschichte und dergleichen giebt es nur wenige.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 13 / 71 段