Es ist erstaunlich, welche Mengen an Maulbeerblättern die neu

ausgekrochenen Würmchen vertilgen können. Sie sind kaum ein viertel

Centimeter lang und von der Dicke eines Menschenhaares, aber dabei

fressen sie sich in die saftigen grünen Blättchen hinein, daß es eine

wahre Freude ist. Ursprünglich sind sie von schwarzer Farbe; während

der zweiunddreißig Tage ihres Raupendaseins werden sie aber immer

heller, bis sie schließlich eine schmutzigweiße Farbe zeigen und die

Länge eines kleinen Fingers erreicht haben. Ihre einzige Lebensaufgabe

scheint es zu sein, möglichst viel zu fressen, und die Chinesen

behaupten, daß sie in einem Tage zwanzigmal ihr eigenes Gewicht an

Maulbeerblättern verzehren. Alle fünf Tage setzen sie mit ihrem Fraß

aus und geben sich dem Schlafe hin, während dessen sie sich häuten. Am

zweiunddreißigsten Tage werden in den Raupenhäusern lose Strohbündel

aufgehängt und auf jedes derselben sechzig bis siebzig Raupen gesetzt.

Die Strohhalme geben ihnen den Halt, um sich einzuspinnen, und nach

fünf Tagen haben sie sich aus den zartesten Seidenfäden ihren Sarkophag

gesponnen. Ließe man sie darin ruhig schlafen, so würden sie am zehnten

Tage als Schmetterlinge ihre Auferstehung feiern.

[Illustration: Landbewohner.]

Dies ist natürlich keineswegs die Absicht der Seidenzüchter. Kaum

sind die Cocons fertig gesponnen, so werden sie von den Strohhalmen

abgelöst, auf Bambusmatten gelegt und der Hitze von Holzkohlenfeuern

ausgesetzt, welche die Puppen tötet. Nun werden die Cocons in heißes

Wasser gelegt, um die Seide zu lockern, und die Fäden mittels

primitiver Mittel abgewickelt. Nur in Shanghai, Macao, Canton und

Tschifu haben bisher europäische Filaturmaschinen zum Aufwinden der

Coconfäden Anwendung gefunden. Wären diese in China ebenso allgemein

eingeführt wie in Europa oder in Japan, das auch hierin die Europäer

nachgeahmt hat, so würde die chinesische Seide noch viel mehr begehrt

werden und größeren Wert besitzen, als jetzt, aber wem gelänge es, die

Chinesen dazu zu bringen? Sie sind all diesen, von den europäischen

Barbaren stammenden Neuerungen abhold, und wie ihre Großväter und

Väter, so arbeiten auch sie heute noch in der althergebrachten

Weise. Ich habe Bauernhäuser besucht, deren Inwohner nicht nur die

Maulbeerbäume auf ihrem Grund und Boden pflegten und Seidenwürmer

großzogen, die Weiber wickelten auch die Seide von den Cocons, spannen

die Fäden und webten die Stoffe auf den ursprünglichen Webstühlen, die

vielleicht seit Jahrhunderten schon in ihren Familien sich von einer

Generation auf die andere vererbt haben.

Dabei sind die Stoffe fester, dauerhafter als jene, die auf

europäischen Maschinen angefertigt werden, allein die letzteren

sehen hübscher und gefälliger aus, und deshalb wetteifern sie mit

chinesischen Stoffen in China selbst. Es giebt in dem ganzen großen

Vaterlande der Seide heute noch keine einzige von Chinesen geleitete

Seidenfabrik nach europäischem Muster. Selbst die kaiserliche

Seidenfabrik in Nanking, die ich auf meiner Fahrt den Jangtsekiang

aufwärts besuchte, hat noch keinen Dampfbetrieb, und die schweren

herrlichen Brokate für die kaiserliche Familie, welche in Peking das

Entzücken der europäischen Gesandten erwecken, werden auf den plumpen

chinesischen Webstühlen gerade so wie um Christi Geburt hergestellt.

Aber es giebt doch eine Stadt in dem großen Reiche, wo man wirklich

von einer großartigen, ausgebreiteten Seidenindustrie sprechen kann,

wo gegen hunderttausend Menschen jahraus jahrein Stoffe weben,

während in der Umgebung dieser Stadt noch eine gleich große Zahl von

Arbeitern ihren Lebensunterhalt durch die Seidenweberei verdienen.

Es ist Hangtschou. Obschon nur zwei Tagereisen von Ningpo, einem

der großen Vertragshäfen Chinas entfernt, und leicht zu erreichen,

wird es von Europäern nur selten besucht. Und das mit Unrecht, denn

Hangtschou, die Hauptstadt der Provinz Tschekiang, ist eine der

bedeutendsten und interessantesten Städte des Reiches der Mitte, bei

den Chinesen hochberühmt seit undenklichen Zeiten. Sogar in Europa

erlangte Hangtschou während einiger Zeit eine gewisse Berühmtheit,

die es den überschwänglichen Schilderungen des großen Weltfahrers

Marco Polo verdankte. „Sie hat hundert Meilen in der Runde”, so

schreibt er, „und hundertsechzigtausend Häuser; dazu dreitausend

Bäder, zwölftausend steinerne Brücken, jede einzelne bewacht von

zehn Soldaten, und so hoch, um ganze Flotten durchzulassen; jede

der zwölf Handwerksgesellschaften besitzt zwölftausend Häuser.”

Nirgends hat Marco Polo etwas gesehen, wie diese „edelste der Städte,

die großartigste und schönste der Welt”. Aber auch andere spätere

Reisende, darunter der arabische Ahasverus Ibn Batuta, schwärmen von

Hangtschou in ähnlicher Ueberschwänglichkeit. Die Chinesen sagen: „Um

glücklich zu sein, muß man in Sutschou geboren sein und in Hangtschou

leben”, und ein ähnliches Sprichwort der Zopfträger lautet: „Der Himmel

über uns, Sutschou und Hangtschou auf Erden”.

Thatsächlich war Hangtschou schon zu Beginn der christlichen

Zeitrechnung eine große Stadt und von 1127 bis 1278 die Hauptstadt des

chinesischen Reiches mit zwei Millionen Einwohnern. Heute entspricht

es freilich weder seiner eigenen Vergangenheit, noch den begeisterten

Schilderungen der früheren Reisenden, aber es ist dennoch eine der

sehenswertesten Städte von China. Wer es besucht, darf allerdings auf

Dampferfahrten, Hotels und andere europäische Bequemlichkeiten, wie

sie heute sogar schon tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im

Herzen von China zu treffen sind, keinen Anspruch machen. Er muß von

Ningpo aus in einem chinesischen Kanalboot die Reise unternehmen, will

er nicht auf kantigen Maultierrücken und elenden holperigen Wegen

landeinwärts reiten und in einem chinesischen Hotel übernachten, was

auch nicht gerade zu den Annehmlichkeiten des Lebens zählt. Hangtschou

liegt am Nordufer des breiten Tsientangflusses, nahe seiner Mündung

in die Bucht von Hangtschou. Der Fluß wird auf Fährbooten übersetzt,

welche jedermann, vom Mandarin erster Klasse bis zum letzten Bettler,

zur freien Verfügung stehen. Diese Fährboote sind eine Eigentümlichkeit

Hangtschous, ein Beispiel chinesischer Wohlthätigkeit. Bei dem

ungeheuren Verkehr zwischen der immer noch eine Viertelmillion

Einwohner zählenden Provinzialhauptstadt und ihrem großen Seehafen

Ningpo würde eine geringe Abgabe den Inhabern der Fährboote, ob nun

Regierung oder Privatunternehmer, reiche Einnahmen verschaffen,

Hunderttausende von Taels jährlich. Allein die vornehmen Herren von

Hangtschou, die Gilden und reichen Kaufleute dieser Stadt, sowie von

Ningpo schossen ein beträchtliches Kapital zusammen, aus dessen Zinsen

etwa dreißig Dschunken unterhalten und zur kostenfreien Verfügung der

Reisenden gestellt werden.

Schon an dem seiner wilden Springfluten wegen berüchtigten Fluß

zeigt sich Hangtschou viel großartiger als so manche andere noch

volkreichere Chinesenstadt. Mächtige Mauern und Wälle mit hohen

kanonengespickten Thoren umgeben die Stadt, und über diese ragen

zahlreiche Pagoden und Tempel empor, schöner, prächtiger, höher als

irgendwo in China. Sie sind die einzigen Ueberreste aus der nunmehr

viele Jahrhunderte zurückliegenden Glanzzeit der Stadt. Damals lagen

sie in der Mitte derselben, heute aber erheben sich viele in den

Reisfeldern und Maulbeerpflanzungen der Umgebung, weit außerhalb der

jetzigen Ringmauern. Wie die früheren, weit ausgedehnteren Ringmauern,

so sind auch viele Tausende von Häusern und Palästen der Zeit zum

Opfer gefallen. Die Chinesen bauen aber nicht wie die Griechen, die

Römer und Aegypter es gethan, aus Stein, sondern aus Lehm, und nur

für die wenigsten Bauten, hauptsächlich Pagoden und Ehrenpforten,

verwenden sie Quadern. Welch herrliche alte Städte würde China sonst

besitzen! Was könnte es im Reiche der Mitte für Roms und Athens geben!

Am verderblichsten war für die Größe und Blüte von Hangtschou der

furchtbare Aufstand der Taipings um die Mitte des Jahrhunderts, und

heute noch sind die trostlosen Spuren dieses verderblichsten aller

Bürgerkriege selbst in der inneren Stadt nicht verwischt.

[Illustration: Pagode von Hangtschau.]

Die Chinesen errichten beim Häuserbau eben nur die Grundmauern bis auf

etwa einen Meter über dem Erdboden aus Ziegeln oder Stein. Der Rest der

Mauern wird aus gestampftem Lehm oder Erde errichtet und darüber aus

Balken der Dachstuhl gebaut. Solche Mauern können heftigen Regengüssen

und sonstigen Witterungseinflüssen natürlich nicht lange standhalten.

Aehnlich wurden auch die Stadtmauern hergestellt. So dräuend sie auch

aussehen mögen, sie sind aus Lehm aufgeworfen und nur äußerlich mit

einer Lage von Steinen bekleidet, die aber nicht mit Mörtel aneinander

gefügt werden. Die zahlreichen alten Tempel, Pagoden, Kaiserpaläste,

Lusthäuser und Befestigungstürme, die heute im Umkreis von mehreren

Kilometern um die jetzige Stadt in Feldern und Sümpfen liegen,

liefern wie gesagt den Beweis, daß Hangtschou einstens vielleicht die

überschwänglichen Lobpreisungen Marco Polos und des Ibn Batuta verdient

hat. Auf den Inseln des großen Sees Si-Hu im Westen der Stadt erheben

sich inmitten üppiger Vegetation derartige verfallene Bauten, deren

leichte, elegante Architektur noch heute erkennbar ist. An den Ufern

des Tsientangflusses steht die mächtige aus dem zwölften Jahrhundert

stammende Pagode der sechs Harmonien, und an der Nordseite des Si-Hu

die schlanke, vor nahezu einem Jahrtausend gebaute Pao-Schupagode.

Der gewaltigste Bau ist jedoch wohl die ganz aus gebrannten Ziegeln

hergestellte Lui-Fung-Ta, d. h. die Pagode des donnernden Felsens,

gegen siebzig Meter hoch und aus dem zehnten Jahrhundert stammend.

Indessen Hangtschou geht dank seiner Seidenindustrie neuer Blüte

entgegen und hat sich in den letzten Jahrzehnten abermals weit über

seine jetzigen Ringmauern ausgedehnt, so daß zwischen den Stadtthoren

und dem Tsientangfluß eine neue volkreiche Vorstadt entstanden ist.

Wenige Städte Chinas zeigen in ihren geraden, verhältnismäßig breiten

Straßen so lebhaften Verkehr; die Kaufläden, die nach den verschiedenen

Industrien und Warengattungen beisammen liegen, sind schöner, größer,

reichhaltiger, die Menschen sind besser gekleidet, und über der ganzen

Stadt liegt ein Anstrich von Wohlstand, denn Hangtschou wird von

vielen reichgewordenen Mandarinen und Kaufleuten, von Litteraten und

Industriellen bewohnt. Ganze Quartiere werden von den Seidenwebern und

Spinnern eingenommen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung ihrem Gewerbe

nachkommen und sich nur an acht oder zehn Tagen im Jahre, während

des Neujahrsfestes, Ruhe gönnen. Gerade so wie in Canton werden auch

hier in den kleinen Häusern Pongeeseide, Kopftücher, Stückseide und

Brokate in vorzüglichen Gattungen hergestellt, aber während Canton sehr

viel für die Ausfuhr nach Europa arbeitet, wird der größte Teil der

Erzeugnisse von Hangtschou im Inlande abgesetzt, und die ganze Ausfuhr

der Provinz Tschekiang beläuft sich nur auf etwa 400 Pikuls (25000

Kilogramm) im Werte von einer Viertelmillion Taels.

Am meisten Seide wird aus Hankou, im Herzen Chinas am Jangtsekiang

gelegen, ausgeführt und ihr Wert erreicht jährlich gegen vierundzwanzig

Millionen Mark; beiläufig ebensoviel exportiert Canton; dann folgen der

Reihe nach Tschifu und Itschang. Im Jahre 1891 erreichte die Ausfuhr

chinesischer Seide nach Europa zweihunderttausend Pikuls, im Jahre 1893

belief sich der Wert der Seidenausfuhr aus siebenunddreißig Millionen

Taels oder etwa hundertundvierzig Millionen Mark.

In den nördlichen Provinzen, sowie in der Mandschurei werden die

Seidenwürmer nicht allein mit Maulbeerblättern, sondern auch mit

Eichenlaub großgezogen. Man läßt die Würmer auf den Bäumen, wo sie sich

selbst nähren, und sie bleiben ohne Pflege und ohne Schutz, bis sie

sich eingesponnen haben. Die Frühjahrscocons werden nicht eingeheimst;

man läßt die die Falter auskriechen, und erst die Herbstcocons bilden

die Ernte. In diesen nördlichen Provinzen ebenso wie im Stromgebiete

des Jangtsekiang sind die Krankheiten der Seidenraupen, welche in

Frankreich und Italien so große Verheerungen unter ihnen anrichten,

unbekannt, dagegen sind sie in Tschekiang schon aufgetreten.

Trotzdem liefert China unzweifelhaft auch heute noch die beste

Rohseide, und sollten die Chinesen endlich die bewährten europäischen

Erzeugungsmethoden annehmen, so würde es ihnen leicht werden, den

japanischen Wettbewerb aus dem Felde zu schlagen und ihre jetzt schon

so großen Einnahmen zu verdoppeln.

Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen.

Am ersten Tage meines Aufenthaltes in Canton gewahrte ich in dem

Straßengewirr dieser größten Stadt des Reiches der Mitte an einer

Straßenbiegung eine junge Chinesin, ihrer Kleidung nach zu schließen,

den besseren Ständen angehörig. Auf ihren winzigen Füßchen trippelte

sie unbeholfen, auf einen Schirm gestützt, einher, ein seltsames Wesen

mit bemaltem Gesicht und üppigem schwarzen Haar, in welchem einige

natürliche Blumen steckten.

[Illustration: Frau aus dem Volke.]

Die Chinesen, die ihr begegneten, blickten sie spöttisch an, einige

riefen ihr mir unverständliche Worte zu, andere verhöhnten sie durch

Gebärden. Die Chinesin aber ließ alle Vorübergehenden unbeachtet.

Das zarte Geschöpf interessierte mich, denn ihr unschuldsvoller

Gesichtsausdruck und ihre Scheu sagten mir, daß sie unmöglich eine

Jüngerin Aphrodites sein könne. Mein Dolmetscher, den ich darüber

befragte, bestätigte meine Vermutung. „So geht es den Frauen immer”,

fügte er hinzu, „wenn sie sich ohne Begleitung auf die Straße wagen.

Anständige Frauen sollen bei uns das Haus nicht verlassen, und thun sie

es, so lassen sie sich in geschlossenen Sänften tragen, oder sie nehmen

Begleiterinnen mit.”

„Aber die vielen Frauen, die wir hier in den Straßen sehen”, frug ich

weiter, „bleiben doch unbeachtet? Kein Mensch scheint sich um sie zu

kümmern.”

„Weil sie arm sind, nur Arbeiterinnen und Frauen aus dem Volke. Aber

Damen dürfen sich so nicht sehen lassen: das ist gegen die Sitte.”

Thatsächlich fand ich während meiner folgenden Reisen und Aufenthalte

in größeren Städten diese Bemerkungen bestätigt. Der Gegenstand war so

interessant, daß ich überall trachtete, so viel als möglich darüber

zu erfahren. Auf vielen früheren Reisen hatte ich beobachtet, daß

nichts so richtig auf den Kulturzustand eines Volkes schließen läßt,

als die Stellung der Frau. In China ist diese Stellung nicht so tief,

als es den Anschein hat. Die Mißachtung der Frau ist nur äußerlich und

durch althergebrachte Formen eingeimpft. In Wirklichkeit spielt sie

vielleicht eine ebenso wichtige, wenn nicht wichtigere Rolle und ist

geachteter und einflußreicher als bei so manchem anderen Volke, dessen

Kulturzustand für höher angesehen wird als jener der Chinesen. Der

Fremde, der länger in China weilt, wundert sich in der ersten Zeit,

den Chinesen niemals in der Gesellschaft ihrer Frauen und Töchter zu

begegnen. Empfängt der Chinese zu Hause, so bleiben die weiblichen

Mitglieder seiner Familie unsichtbar; giebt er Diners, so nehmen nur

Männer, zuweilen auch Courtisanen daran teil, niemals die Frauen;

besucht er das Theater, so werden die Frauen in einer abgesonderten,

den Männern unzugänglichen Galerie Platz nehmen; fährt er an einem

besonderen Festtage spazieren, so geschieht dies ausschließlich nur in

Gesellschaft von Männern; die Frauen fahren in einem anderen Wagen und

zu anderer Zeit aus. Bei Familienfesten, Hochzeiten und dergleichen

bewirtet der Hausvater die Männer, seine Gattin die Frauen. Ja, es

ist unter den Chinesen sogar ein Verstoß gegen die gute Sitte, nach

dem Befinden der Frau überhaupt nur zu fragen, geschweige denn ihr

einen Besuch abzustatten oder die (stets rote) Visitenkarte bei ihr

zu hinterlassen. Im gesellschaftlichen Verkehr werden die Frauen

vollständig ignoriert, als wären sie gar nicht vorhanden, obschon die

Chinesen unter sich ein sehr ceremoniöses, höfliches Volk sind. Das

einzige weibliche Wesen, das im Gespräch unter Bekannten beachtet wird,

ist die Mutter. In einem fremden Hause erkundigt sich der Besucher

nach dem Alter und dem Befinden aller männlichen Bewohner. Er fragt

nicht: „Wie geht es Deinem Vater?” sondern in wörtlicher Uebersetzung:

„Ausgezeichneter Bejahrter, welches ehrenwerte Alter?” d. h. „wie alt

ist Dein Vater?” Der Vater des Hausherrn wird von Besuchern als der

ausgezeichnete Ehrenwerte oder der ehrwürdige große Fürst bezeichnet;

der Sohn nennt seinen Vater Majestät der Familie oder Fürst der

Familie; der verstorbene Vater heißt der frühere Fürst. Will aber ein

Gast der Mutter des Hausherrn (niemals der Frau) seine Aufmerksamkeit

bezeugen, so sagt er: „Ausgezeichnete Langlebigkeit Halle bezeuge für

mich Wunsch Ruhe”. Die drei ersten Worte deuten die Wohnung der Mutter

an. Spricht ein Chinese mit einem näheren Bekannten von dessen Frau, so

nennt er sie die ehrenwerte Dame oder Deine Bevorzugte; spricht er aber

von seiner eigenen Frau, so bezeichnet er sie mit den Worten „tsien

nui”, d. h. die Geringe der inneren Gemächer oder auch die Närrische

der Familie. Selten dringt ein Fremder bis in die Frauengemächer seines

Gastfreundes.

Unter solchen Umständen ist es ungemein schwierig, aus eigener

Anschauung etwas über das Leben und die Stellung der Frauen in der

besseren Gesellschaft der Chinesen zu erfahren; der Fremde wird sie

im Theater, im Wagen oder in der Sänfte, dann bei festlichen Aufzügen

oder in Tempeln sehen können, aber er kann nicht mit ihnen sprechen;

die einzigen Auskünfte über sie kann er nur von Dolmetschern, von

katholischen Missionären, welche vermöge ihres Berufes in das

Familienleben der Chinesen näheren Einblick erhalten, und endlich von

aufgeklärten, an den Umgang mit Europäern gewöhnten Chinesen selbst

erhalten, wie es deren in den Hafenstädten, besonders in Shanghai,

viele giebt. Ich habe diese Quellen nach Thunlichkeit benutzt und mir

überdies die bezüglichen Stellen des in ganz China anerkannten Buchs

der Gebräuche übersetzen lassen; einen tiefen Einblick in das Frauen-

und Familienleben gewährt überdies ein äußerst interessantes Buch eines

neueren chinesischen Schriftstellers, Luhtschau, genannt der weibliche

Lehrmeister. In seiner Vorrede sagt er von den Frauen:

[Illustration: Chinesische Mädchentypen.]

„Im Gespräch soll eine Frau nicht dreist und geschwätzig sein, sondern

streng sich danach halten, was recht ist; ob sie ihrem Gatten einen

Rat erteilt, oder ihm Vorwürfe macht, oder ihre Kinder unterrichtet,

sie muß immer die Etikette beobachten, ihre Erfahrungen unterwürfig

vorbringen.... Das Betragen der Frau soll streng, ernst und nüchtern

sein, sich aber doch den verschiedenen Gelegenheiten anpassen, z. B.

im Bedienen ihrer Eltern, im Empfangen oder Begrüßen ihres Gatten,

beim Aufstehen oder Niedersetzen. Wenn in gesegneten Umständen oder in

Trauer, oder bei der Flucht vor dem Kriege, soll sie durchaus anständig

sein. Die wichtigsten Beschäftigungen eines Weibes sind die Zucht

des Seidenwurmes und das Weben von Stoffen; die Zubereitung und das

Austeilen der Speisen für die Haushaltung, dann das Vorbereiten der

Opfergegenstände; danach können Studien und Lektüre die Zeit ausfüllen.”

Dieser Abschnitt aus dem Werke Luhtschaus sagt in wenigen Worten

sehr viel, und was die Hauptsache ist, seine Vorschriften werden von

der großen Menge der Frauen Chinas streng eingehalten. Es kann kaum

sittsamere, keuschere und tugendhaftere Frauen geben, als es die

Chinesinnen sind, sittsam im Betragen wie in der Kleidung. Im Gegensatz

zu den Japanerinnen zeigt sich die Chinesin unter allen Verhältnissen

stets vollkommen bekleidet, von der Fußspitze bis zum Halse; selbst

unter den untersten Ständen, unter den Bootsleuten Cantons oder den

Theearbeiterinnen Hankaus, bleiben höchstens die Füße und Unterarme

unbekleidet.

Wie kleidet sich die Chinesin? Das ist gewiß für europäische Damen

ein sehr interessantes Kapitel, zumal jetzt, wo die Schöpfer der

Damenmoden wohl ihr ganzes Erfindungstalent aufgebraucht haben, wo

die ganze Geschichte der Mode von der Jetztzeit bis zum Altertum

und vom Altertum bis zur Jetztzeit mehrmals durchprobiert, wo alles

bisher Erdachte schon mehrmals hervorgeholt, eingeführt und wieder

abgesetzt wurde, wo nichts mehr übrig bleibt, als zu den Moden der

letzten Jahre zurückzugreifen; denn mit jedem Jahre, mit jeder Saison

wechseln die Damenmoden zum Schrecken aller Gatten und Familienväter.

Wo kann man noch etwas Neues, nicht Dagewesenes hervorholen? Die

Toiletten der Negerinnen und Indianerinnen sind selbstverständlich

ausgeschlossen, die Gewänder der Bewohnerinnen Indiens und Japans

entsprechen nicht dem europäischen Geschmack, also vielleicht China?

Ich glaube nicht, daß unsere Damen an der Tracht der Chinesinnen

besonderen Gefallen finden dürften, ebensowenig wie die letzteren

an unseren Moden Gefallen gefunden haben. Beträgt die Bevölkerung

Chinas wirklich vierhundert Millionen, so giebt es dort beiläufig

zweihundert Millionen Evatöchter, also um vierzig Millionen mehr als

in ganz Europa. Aber unter diesen zweihundert Millionen hat es bisher

keine gegeben, welche die Tracht der europäischen Damen angenommen

hätte, ja, ich habe in China keine einzige Chinesin gesehen, die

auch nur ein Hütchen, ein Stiefelchen, einen Handschuh oder Strümpfe

nach europäischem Muster getragen hätte. Ein ähnliches Beharren

an althergebrachten Trachten, eine ähnliche Standhaftigkeit habe

ich bisher bei keinem Volke angetroffen. Auf meinen Reisen sah ich

zahlreiche Negerinnen, Indianerinnen, Mulattinnen, Frauen der Indier,

Javaner, Malayen, Siamesen, Japaner, Birmaner, selbst der Araber in

europäischen Frauentrachten. Noch zahlreicher waren jene, welche

wenigstens einzelne Kleidungsstücke, vor allem Strümpfe, Schuhe und

Hüte angenommen haben. Nicht daß diese europäischen Kleidungsstücke

ihrem Aussehen zuträglich gewesen wären, im Gegenteile, bei keiner

einzigen von den Tausenden des bunten Völkergemisches, das mir

vorschwebt, hat ein europäisches Kleidungsstück je eine Erhöhung ihrer

weiblichen Reize, eine Verschönerung ihres Aussehens zur Folge gehabt.

Anderseits kann merkwürdigerweise die Europäerin, besonders jene der

germanischen Rassen, die Tracht irgend einer anderen Rasse, ausgenommen

der Negerinnen und Indianerinnen, die, sagen wir, zu geringfügig ist,

anlegen, sie wird dadurch an eigentümlichem Reiz nur gewinnen. Nur

eine Frauentracht macht darin eine Ausnahme: gerade jene der Chinesin,

die unschönste, die ich unter den Frauentrachten der einzelnen fremden

Völker kennen gelernt habe. Von den Chinesinnen werden die Erfinder der

europäischen Damenmoden wohl kaum jemals etwas holen. In einer Hinsicht

ist dies sehr bedauerlich, und diese ist die Beharrlichkeit, mit

welcher die Chinesinnen an der althergebrachten Tracht festhalten. Wie

ihre Urgroßmütter, so kleiden sie sich auch heute noch, und so werden

sich voraussichtlich auch ihre Enkelinnen kleiden. Die Chinesin hat so

wenigstens Gelegenheit, ihre Kleidungsstücke auszutragen, sie braucht

sie nicht nach einjährigem Gebrauch wieder beiseite zu legen. Sie kann

ihren Geist, ihre Mittel, ihre Zeit nützlicheren Dingen zuwenden als

der leidigen Mode.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 12 / 71 段