Europäisch im wahren Sinne des Wortes. Denn die Chinesen mit ihrer
Viertelmillion Seelen leben für sich und vermengen sich, ausgenommen
durch die dienende Klasse, niemals mit den Europäern. Ist es nicht
wunderbar, daß diese letzteren, so verschiedenen Rassen, Nationen,
Gesellschaftsklassen und Berufsarten angehörend, eine so große,
schöne Stadt gründen konnten und so einträchtig darin leben? Man
wird gewiß fragen, wie viele europäische Einwohner Shanghai besitze.
Die Antwort wird vielleicht mehr Staunen erregen als alles andere:
nicht mehr und nicht weniger als irgendeine unserer hauptstädtischen
großen Infanteriekasernen: sechstausend, das ist alles. Am stärksten
sind, wie überall, die Engländer vertreten, und ihnen zunächst kommen
nicht nur an Zahl, sondern auch an Einfluß, Wohlstand, Handel und in
gesellschaftlicher Hinsicht die Deutschen.
Dabei geht es in geschäftlicher Hinsicht in Shanghai mit
Riesenschritten vorwärts. Die Stadt entwickelt sich zusehends, sowohl
was die europäische wie die chinesische Bevölkerung anbetrifft.
Zwischen 1870 und 1880 nahm die europäische Einwohnerzahl ab, während
sie in den fünf auf 1880 folgenden Jahren um fünfzig Prozent wieder
zunahm und sich seit 1885 sogar verdoppelte und heute, wie gesagt,
sechstausend Seelen erreicht hat. Unter diesen sind über 2000
Engländer, 450 Deutsche, 380 Amerikaner und nur 300 Franzosen, dann
800 sogenannte Portugiesen, größtenteils Mischlinge aus Macao. Der
Dampferverkehr erreicht jährlich etwa 6000 Schiffe mit acht Millionen
Tonnen, der Wert des Handels tausend Millionen Mark.
Auch in industrieller Hinsicht wächst Shanghai seit dem Frieden von
Shimonoseki, hauptsächlich deshalb, weil den Chinesen die freie Einfuhr
von Maschinen in die Vertragshäfen abgezwungen wurde. Im Jahre 1896
allein entstanden in Shanghai vierundzwanzig neue Seidenfilaturen,
an denen sich auch Chinesen mit bedeutendem Kapital beteiligten. Die
Erschließung des Stromgebietes des oberen Jangtsekiang, der nicht
mehr zu hemmende Handelsverkehr mit den Provinzen des Innern sichern
Shanghai einen glänzenden Aufschwung, der durch Kriege und Unruhen nur
zeitweise unterbrochen werden kann.
Europäische Republiken in China.
Seit einigen Jahren ist auch das Deutsche Reich Besitzer kleiner
Landstrecken in den Vertragshäfen Hankau und Tientsin geworden.
Deutschland folgte mit dieser Landerwerbung dem Beispiel Englands,
Frankreichs, Nordamerikas und Portugals, welche Staaten schon seit
Jahrzehnten in verschiedenen Teilen Chinas, hauptsächlich in der Nähe
der offenen Häfen Konzessionen, d. h. Gebietsabtretungen von seiten
Chinas erlangt haben, deren älteste an der Mündung des Cantonflusses
gelegen sind: Hongkong und Macao. Freilich zählt die ganze Insel
Hongkong mit ihrer Hauptstadt Victoria nur achtzig Quadratkilometer,
Macao nur zwölf Quadratkilometer Grundfläche, eine Messerspitze voll
im Vergleich zu den elf Millionen Quadratkilometern des chinesischen
Landbesitzes; allein diese beiden Gebiete wurden England und Portugal
unbedingt abgetreten und bilden eigene, von China vollständig
unabhängige Kolonien unter europäischer Verwaltung.
Abgesehen von Hongkong und Macao sind jedoch in der Mehrzahl der
drei Dutzend den Europäern geöffneten Häfen europäische Settlements,
d. h. Ansiedelungen, zu finden, deren Grund und Boden entweder
von der chinesischen Regierung an die eine oder andere auswärtige
Macht bedingungslos abgetreten, oder gegen Zahlung einer Miete für
neunundneunzig Jahre verpachtet wurde; in einigen Häfen verständigten
sich die europäischen Ansiedler mit den chinesischen Ortsbehörden
bezüglich der käuflichen Erwerbung einer Landstrecke für ihre Wohnungen
und Geschäftshäuser, in anderen Häfen, wie z. B. in Futschau, giebt es
überhaupt kein eigenes europäisches Settlement, sondern die Europäer
wohnen zerstreut mitten unter den Chinesen.
Praktisch, wie die Engländer in allen Kolonialsachen sind, und
eingedenk der Thatsache, daß fünfundsechzig Prozent des ganzen
chinesischen Außenhandels in ihren Händen liegen, waren sie auch
diejenigen, welche sich gleich zu Anbeginn die weitestgehenden Vorteile
zu sichern wußten, und die weitaus große Mehrzahl der fremdländischen
Ansiedelungen in China befinden sich auf englischen Konzessionen. Ihnen
zunächst kommen die Franzosen mit ihren Konzessionen in Shanghai,
Canton, Hankau, Tientsin. Allein die Franzosen haben es nicht
verstanden, ihre durch blutige Kriege in China erworbenen Vorteile
auszunützen. Die fremden Kaufleute verschiedener Nationen, vor allem
die Deutschen, zogen es vor, sich in den englischen Konzessionen
anzusiedeln, und selbst die Mehrzahl der französischen Kaufleute entzog
sich der Willkür und dem Absolutismus ihrer eigenen Behörden, so daß
beispielsweise von den in Shanghai ansässigen Franzosen die größere
Zahl in der englischen, nicht in der französischen Konzession wohnt.
In Hankau wohnt auf der dortigen französischen Konzession überhaupt
nur der Konsul, und in Tientsin hat sich der französische Konsul als
Leiter der dortigen Konzession seines Landes durch Eigenmächtigkeiten
aller Art so unliebsam gemacht, daß gerade sie und die fortwährenden
Reibungen mit den Engländern und Deutschen die Hauptveranlassung zu der
Errichtung einer eigenen deutschen Konzession waren.
In den Verträgen der europäischen Mächte mit China ist von diesen
Landschenkungen nicht die Rede; die Mächte haben sich nur das Recht der
unbehinderten Ansiedlung und des freien Handels ihrer Unterthanen in
den offenen Häfen, sowie das Recht der freien Religionsübung und des
Reisens durch alle Gebiete Chinas gesichert. Reisende in China bedürfen
nur eines von ihrem Konsul ausgestellten und von den chinesischen
Behörden visierten Reisepasses; auf etwa vierzig Kilometer rings um
die offenen Häfen und für die Dauer von fünf Tagen sind Reisepässe
nicht erforderlich; die Chinesen sind also in dieser Hinsicht viel
liberaler, als es die Japaner bis 1898 waren, in deren Land Europäer
nur mit gebundener Marschroute reisen durften. Die größte Zahl der
offenen Häfen Chinas verdanken wir England; fünf weitere wurden durch
die Verträge mit Frankreich dem europäischen Verkehr eröffnet, und in
dem Vertrag zwischen Preußen und China vom Jahre 1861 erscheinen die
wichtigen Häfen Hankau, Tschin-kiang und Kiu-kiang als offene Häfen.
Während aber England und Frankreich als Folge dieser Verträge von den
Chinesen territoriale Konzessionen erwarben, wurde dies von Preußen
in den drei letztgenannten Häfen unterlassen, und die Landerwerbung
Deutschlands in Tientsin war überhaupt seine erste in China.
Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß die Konzessionen der
verschiedenen Mächte in den Vertragshäfen nicht ausschließlich nur
den eigenen Unterthanen als Wohnort dienen; ja diese ein bis drei
Quadratkilometer großen Gebiete sind nicht einmal den Konsularbehörden
dieser Mächte unterstellt, sondern bilden sozusagen kleine Republiken,
die gegebenenfalls unter dem Schutze aller Mächte stehen. Aehnlich
lagen die Verhältnisse bis 1898 auch in den fünf Vertragshäfen Japans,
und diese Republiken sind eine Eigenart Ostasiens, wie sie sonst auf
dem Erdball nicht wieder vorkommt. In Ostasien hören die Engländer
oder Deutschen dem Chinesen oder Japaner gegenüber auf, Engländer oder
Deutsche zu sein; sie, sowie die Amerikaner, Franzosen und Angehörige
anderer Nationen, sind glücklicherweise einfach Kaukasier, oder, wie
sie von den Chinesen genannt werden, Barbaren. Freilich hat sich
England im Vertrag von Tientsin 1858 ausdrücklich ausbedungen, daß
kein englischer Beamter oder Unterthan mit dem Worte Barbar bezeichnet
werden dürfe, indessen wird dieses Wort doch noch immer, und zwar
täglich, von den Chinesen gebraucht.
Das hervorragendste Beispiel dieser europäischen Republiken in China
ist Shanghai; dort besaßen ursprünglich die Engländer, Amerikaner
und Franzosen eigene streng abgegrenzte Konzessionen, allein die
Bevölkerung dieser Fremdenstadt ist so international, und die
Interessen sind dabei so gemeinsam, daß die Amerikaner und Engländer
ihre Hoheitsrechte aufgaben und die ganze Verwaltung der Bevölkerung
selbst überließen, diese gleichzeitig unter den Schutz aller in Peking
vertretenen Mächte, d. h. deren Gesandten, stellend. Nur die Franzosen
beteiligten sich nicht daran, sondern behielten ihre eigene, unter dem
Generalkonsul stehende Verwaltung, obschon, wie gesagt, der größte Teil
der französischen Kaufleute außerhalb der französischen Konzession
wohnt. Jeder Kaufmann, der eine bestimmte jährliche Steuer zahlt, ist
in dieser Republik Shanghai stimm- und wahlberechtigt. In jedem Jahre
wird eine öffentliche Versammlung einberufen, welche die Mitglieder
des Stadtrats zu erwählen hat. Dieser aus neun Räten und einem
Sekretär bestehende Stadtrat ist die oberste, und man könnte beinahe
sagen, souveräne Behörde der Republik. Da die Engländer und Deutschen
in Shanghai am zahlreichsten sind, so sind sie auch im Stadtrat am
stärksten vertreten, obschon es ebensogut vorkommen könnte, daß dort
die Franzosen oder Portugiesen die Majorität besäßen. Es handelt sich
glücklicherweise in Shanghai nicht um Nationalitäten, ebensowenig
giebt es Parteiwesen und Opposition; die tüchtigsten und angesehensten
Bürger werden gewählt und wiedergewählt, solange sie ihre Schuldigkeit
thun. Unter dem Stadtrat (Municipal Council) stehen die Steuerbeamten,
das Ingenieur- und Vermessungsamt, die Sanitäts- und Polizeibehörden,
die Feuerwehr und das Freiwilligenkorps. Die einzelnen Komitees
des Stadtrats überwachen diese Einrichtungen und legen jährlich in
einer allgemeinen öffentlichen Versammlung den Bürgern der Republik
Rechenschaft ab, ähnlich wie es in einzelnen Kantonen der Schweiz,
z. B. in Unterwalden und Appenzell, der Fall ist.
Während die inneren Angelegenheiten dieser Republik, wie diejenigen
von Hankau, Canton, Tientsin, in den Händen der Bürger selbst liegen,
werden die äußeren Angelegenheiten, vornehmlich der Verkehr mit den
Chinesen, durch die Konsuln vermittelt. Die chinesischen Behörden
haben innerhalb der europäischen, genau abgegrenzten Ansiedelungen
keine Rechte; sie dürfen sie nicht militärisch besetzen lassen, auch
von den dortigen Einwohnern, selbst wenn sie Chinesen wären, keine
Steuer erheben. Deshalb dienen die Settlements auch zahlreichen
Chinesen als Asyl, wo sie, unbelästigt von den Mandarinen, in Frieden
leben und schaffen können. So wohnen innerhalb der Grenzen des
europäischen Settlements in Shanghai (abgesehen von der französischen
Konzession) allein 260000 Chinesen, im Vergleich zu 75000 im Jahre
1870. Sie stehen in allen Dingen unter der europäischen Verwaltung
der Settlements, und nur die Rechtspflege über sie wird von einem
chinesischen Mandarin gehandhabt, dem aber abwechselnd ein Assessor
des europäischen Konsulargerichts zur Seite steht, der thatsächlich
der Richter ist. Die europäischen und amerikanischen Bewohner der
Settlements sind exterritorial, gerade so, wie es die fremdländischen
Gesandten in unseren Staaten sind; in Bezug auf die Rechtspflege stehen
sie unter ihren Konsuln, denen Gerichtsassessoren beigegeben sind. Die
Europäer können aber auch außerhalb der Konzessionen irgendwo in den
Städten oder auf dem Lande Grund und Boden erwerben oder ihrem Beruf
nachgehen und bleiben dennoch unter der Gerichtsbarkeit ihrer Konsuln.
Chinesische Behörden dürfen sie nicht aburteilen, sondern müssen sie
den betreffenden Konsuln abliefern. Bei Rechtsstreitigkeiten zwischen
Europäern und Chinesen treten gemischte Gerichte in Thätigkeit.
[Illustration: Ein Thee- und Konzerthaus in Shanghai.]
Die Konzessionen sind nicht etwa für ewige Zeiten auf den ursprünglich
bestimmten Flächenraum beschränkt. Sind die vorhandenen Bauplätze
vergeben, so daß neue Ankömmlinge keinen Grund und Boden mehr
finden, sollen Gärten, Spielplätze, Fabrikanlagen geschaffen werden,
so erwerben die Betreffenden durch Kauf die ihnen passenden, an
die Konzession grenzenden Strecken, die Kaufbriefe werden von
den chinesischen und europäischen Behörden bestätigt und in dem
betreffenden Konsulate aufbewahrt. Das erworbene Land aber wird in die
Fremdenkonzession einverleibt. Die Zentralregierung in Peking, selbst
die Provinzbehörden haben damit nichts zu thun; in den meisten Fällen
genügt die Bestätigung durch die Ortsbehörden.
Auch in Häfen, wo nur englische Konzessionen bestehen, bilden die dort
lebenden Europäer der verschiedensten Nationen eine kleine Republik für
sich, nur daß die Maßnahmen des Municipal Council, wie Steuerauflagen,
Wege- und Hafeneinrichtungen, polizeiliche Anordnungen, der Bestätigung
des Konsuls bedürfen. Ähnlich sind auch die neuen German Settlements in
Tientsin und Hankau eingerichtet worden.
[Illustration: Vor Taingan-fu.]
Chinesische Seide und ihre Metropole.
Man braucht im Reiche der Mitte gar nicht weit zu wandern, um zur
Erkenntnis zu kommen, daß neben Thee die Seidenzucht die wichtigste
Industrie und die einträglichste Erwerbsquelle der Zopfträger bildet.
Millionen der chinesischen Landbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder,
beschäftigen sich hauptsächlich mit der Zucht der Seidenraupen,
Millionen mit Spinnen und Weben der Seidenstoffe, und wollte man
die Geldsummen nennen, welche die fleißigen Bauern der mittleren
Provinzen im Laufe des letzten Jahrhunderts allein durch diese kleinen
unscheinbaren weißen Würmer verdient haben, man müßte zu Milliarden
greifen. Werden doch alljährlich allein nach Europa und Amerika
Seide und Seidenwaren im Werte von etwa zweihundert Millionen Mark
ausgeführt, und diese bilden nur einen Bruchteil der Unmassen Seide,
welche die Chinesen für Kleidung und Opferzwecke jährlich selbst
verbrauchen. In Peking allein werden von dem Sohne des Himmels und den
kaiserlichen Prinzen jährlich Tausende von Stücken der kostbarsten
Seidenstoffe im Werte von Hunderttausenden verbrannt, um den Göttern
und den eigenen Ahnen wohlgefällig zu sein. Quadratmeilen Landes
könnten mit den von fleißigen Händen angefertigten Seidenstoffen
bedeckt werden, und alle diese Massen rühren von der kleinen
Seidenraupe her. Kein Wunder, daß die Chinesen diesen Tierchen die
größte Sorgfalt, die aufmerksamste Pflege angedeihen lassen und sie
mit solcher Auszeichnung, ja Ehrfurcht behandeln, als wären es lauter
Mandarine mit roten Hutknöpfen. Gerade so wie die Mandarine ihre
eigenen strengumschlossenen und bewachten Yamen (Amtslokale) haben,
so besitzen auch die Seidenraupen ihre eigenen Häuser, fern von jedem
Straßenverkehr, von jedem Lärm gelegen, geschützt gegen Zug und Wind,
gegen Kälte und übergroßes Licht. Die Chinesen, die sie zu pflegen
haben, essen keinen Knoblauch und keine Zwiebel, weil den Tierchen
der Geruch unangenehm sein soll; sie kleiden sich viel reinlicher und
waschen sich vor dem Eintritt in das Raupenhaus die Hände; innerhalb
des Hauses aber ist Singen, Pfeifen, lautes Sprechen streng verboten.
Wenn überhaupt gesprochen wird, so darf dies nur im Flüsterton
geschehen. Wie beneidete ich häufig die Seidenraupen um ihre köstliche
Nachtruhe! Was herrschte in den chinesischen Städten, die ich besuchte,
für ein Höllenlärm! Schreien, Schießen, Gongschlagen, Trompeten die
ganze Nacht hindurch! Wir Menschen mußten leiden, und diese kleinen
Dingerchen, die ja nur unsertwegen überhaupt gezüchtet werden, können
ruhig schlafen! Was wurde ich bei meinen Wanderungen durch die
Chinesenstädte von zerlumpten, aussätzigen, verkrüppelten Bettlern
belästigt, und ich mußte es geduldig ertragen. Wehe aber diesen
Bettlern, wenn sie sich einem Raupenhause auch nur nähern sollten! Mit
Stöcken werden sie davongejagt. Selbst kerngesunde Menschen dürfen
ein derartiges Heiligtum nur betreten, wenn sie sich mit Wasser, in
dem Maulbeerblätter liegen, besprenkelt haben. Wo das Wasser fehlen
sollte, müssen sie vor dem Eintritt Sand auf ihr Haupt streuen, ähnlich
den Mohammedanern, denen es auch gestattet ist, ihre Waschungen vor
dem Gebet statt mit Wasser mit Sand vorzunehmen. Man könnte glauben,
die Seidenraupe sei der Gott der Chinesen. In ihren Tempeln verkehren
sie mit derselben Gleichgültigkeit wie auf der Straße; sie wickeln
sogar Geschäfte dort ab und spielen in den Tempelhöfen Theater.
Die Raupenhäuser aber sind geheiligt; niemand darf sie während der
Trauerzeit um einen Anverwandten betreten, und auch Frauen, die einen
Zuwachs in ihrer Familie erwarten, sind von dem Besuche ausgeschlossen.
Diese Gebräuche sind durch Jahrtausende geheiligt, wie so viele andere
in dem blumigen Reiche der Mitte. China ist ja die eigentliche Heimat
der Seidenraupe, von wo sie ihren Weg nach anderen Ländern Ostasiens
und nach Europa genommen hat. Die Gattin des Kaisers Huang-Li war es,
die im 26. Jahrhundert vor Christi Geburt als erste die Seidenraupe
nährte und mit ihren zarten Fingern die Seidenfäden von den Cocons
haspelte. Sie wird darum auch in ganz China unter dem Namen Yuen-fi als
Göttin der Seide hoch verehrt.
In Peking ist ihr ein innerhalb der verbotenen Kaiserstadt gelegener
Tempel geweiht, und dort werden ihr alljährlich einmal von der ersten
Kaiserin (der Sohn des Himmels hat deren nämlich zwei) und ihrem ganzen
Hofstaate Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begeben sie
sich nach dem Yuen-fi-Tempel. In dem Tempelgarten angelangt, schneiden
sie eigenhändig Blätter von den Maulbeerbäumen, wozu die Kaiserin eine
goldene Schere verwendet, während die Hofdamen solche aus Silber haben.
Mit diesen Blättern füttern sie die Seidenraupen im Innern des Tempels;
dann werden ihnen von den Priestern Cocons dargereicht, von denen die
hohen Damen die Seide abwickeln. Ob es ihnen gelingt, die zarten Fäden
wirklich unversehrt auf die Spule zu bringen, ist zweifelhaft, denn
diese Arbeit erfordert ungemein viel Übung; aber sie geben wenigstens
dem Lande ein gutes Beispiel, das auch überall befolgt wird. Das
Coconfest gehört zu den großen Feiertagen des chinesischen Jahres, und
wie in Peking, so wird es auch in den Provinzen von den Mandarinen und
den Beamten in feierlichster Weise begangen.
Indessen, die gute Yuen-fi und ihre Schützlinge, die Seidenraupen,
werden erst seit ein paar hundert Jahren so sehr verehrt. Als im
Jahre 1260, unter der Yuandynastie, Baumwolle von Indien her in
China eingeführt wurde, verdrängte diese durch ihre Wohlfeilheit die
Seide immer mehr. Die Seidenindustrie verfiel, und zu Beginn des
siebzehnten Jahrhunderts wurde noch gerade so viel Seide erzeugt, als
der kaiserliche Hof für seine Opferfeste und die Mandarine für ihre
Kleidung bedurften. Erst die Europäer waren es, die die Seidenzucht in
China wieder zu Ansehen brachten, denn die europäischen Damen fanden
bekanntlich an den kostbaren, reizenden Seidenstoffen besonderen
Gefallen, und da der Bedarf von den europäischen Seidenzüchtereien
nicht befriedigt werden konnte, so bestellten die europäischen Händler
Seidenstoffe in China.
Die Industrie entwickelte sich immer mehr, die vielen Millionen
Silber, welche die Europäer den Chinesen für ihre Seide bezahlten,
brachten erneuten Wohlstand unter die letzteren, so daß sie sich
bald selbst wieder in kostbare Seidenstoffe kleideten. Statt der
Kaiserin Yuen-fi sollten also die Chinesen eigentlich die europäischen
Damen als Göttinnen verehren und in ihren Tempeln Bildnisse von
Europäerinnen aufstellen, die sich an Liebreiz und Schönheit gewiß
mit der vorsündflutlichen Kaiserin messen können und denen auch von
Rechts wegen der Dank der Zopfträger gebührt. Jetzt wird Seide wieder
in allen Provinzen des eigentlichen Chinas, vornehmlich in Schantung,
ja sogar in der fernen Mandschurei hergestellt, und auf meiner Reise
nach Korea fand ich, daß die Seidenkultur auch dort Eingang gefunden
hat. Die beste chinesische Seide aber wird in der Provinz Tschekiang
hergestellt, und die Hauptstadt derselben, Hangtschou, ist gleichzeitig
das Lyon von China, die Metropole der Seidenindustrie.
Man darf aber nicht etwa glauben, es gäbe in China große
Maulbeerplantagen, Massenkultur in Seidenraupen, Spinnereien und
Webereien mit Dampfbetrieb. Die chinesische Industrie bewegt sich
in anderen Bahnen. Gerade so, wie zur Zeit der Gattin des Kaisers
Huang-Li, liegt auch heute noch die ganze Seidenzucht in den Händen der
Bauern. Der Arbeitsteilung, Vereinfachung der Arbeit durch Maschinen,
Neuerungen und Verbesserungen ist der Chinese schwer zugänglich.
Wie unsere Bauern ihre eigenen Kartoffeln und gelben Rüben in ihren
Gärtchen pflanzen, so pflanzt auch jeder Bauer in Tschekiang seinen
Reis und Thee und zieht seine Seidenraupen, die letzteren nicht etwa
allein der Seide, sondern auch der Nahrung wegen. Sind nämlich die
Cocons abgebrüht und die Seidenfäden abgewickelt, so werden die Larven
den Cocons entnommen und als Leckerbissen verzehrt.
Da nun für die Raupenzucht Maulbeerbäume unerläßlich sind, so findet
man deren auch auf den meisten kleinen Landgütern, wo immer nur ein
Plätzchen vorhanden ist, auf dem weder Reis noch Thee gepflanzt werden
kann. Es giebt aber auch zahlreiche größere Maulbeerpflanzungen,
in die die jungen Bäumchen gewöhnlich im Dezember in Abständen von
etwa zwei Meter voneinander gepflanzt werden. Man läßt sie nicht zu
Bäumen emporwachsen wie bei uns, sondern schneidet sie bis auf fünfzig
Centimeter Höhe, und dieses fortwährende Beschneiden giebt ihnen ein
Aussehen, wie es beiläufig unsere Weidenbäume zeigen, mit dicken
Knollen am oberen Ende des Stammes, an dem zahlreiche Schößlinge
hervorsprießen. Die Bäume werden fünfzig bis sechzig Jahre alt, und
würde man sie wachsen lassen wie die wilden Maulbeerbäume, so besäßen
sie in diesem Alter eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Meter.
Für die Zucht der Seidenraupe werden natürlicherweise nur die größten
und vollkommensten Cocons verwendet. Schon am ersten Tage, nachdem der
weibliche Falter sich durch die seidene Hülle des Cocons gebohrt und
das Licht der Welt erblickt hat, legt er gewöhnlich mit musterhafter
Pünktlichkeit die Eier. Man setzt ihn für diesen Zweck auf einen
großen Bogen groben Papiers, in den nördlichen, kälteren Provinzen
wohl auch auf ein Stück Stoff, und auf diesem sieht man bald gegen
fünfhundert winzige Eierchen. Diese Papierbogen oder Stoffe werden nun
sorgfältig in reines Wasser getaucht und auf horizontale Bambusstangen
zum Trocknen aufgehängt. Dort bleiben sie den Sommer und Herbst
über bis zum Dezember und werden dann in ein reines, staubfreies,
sonniges Zimmer auf den Boden gelegt. Im Februar werden die Eierbogen
nochmals dadurch gewaschen, daß man sie eine Zeit lang mit lauwarmem
Wasser übergießt; dies geschieht teilweise auch, um ein möglichst
gleichzeitiges Auskriechen der Raupen zu erzielen. In manchen Gegenden
bewahren die Chinesinnen die Eierbogen an ihrem Körper, um den Eiern
die natürliche gleichmäßige Wärme zu teil werden zu lassen, oder sie
legen sie auch zwischen die Untertücher ihrer Betten.
Naht die Zeit des Auskriechens der Würmer, so werden die Papierbogen
auf reine Bambusmatten gelegt und diese in Fächer eingeschoben, die
sich ringsum an den Wänden des Raupenhauses hinziehen. Diese Fächer
sind ebenfalls aus Bambus angefertigt, weil Bambus geruchlos ist und
die Raupen nach der Meinung der Chinesen Gerüche nicht vertragen
können. Wenn nur die guten Zopfträger diese vortreffliche Eigenschaft
ebenfalls besäßen! Das Reisen in China und der Aufenthalt in den
Städten wäre dann unendlich viel angenehmer.