und in dem südlichen Hafen Koreas, in Fusan, fand ich eine große
Kolonie von Japanern, die sich fast ausschließlich mit dem Haifischfang
beschäftigten. Die zuckenden Leichname der vielen getöteten Haifische
boten keineswegs einen appetitlichen Anblick, denn die kleinen flinken
Japaner sprangen zwischen ihnen umher und hieben den noch lebenden
Tieren die Flossen und den Schwanz ab. Das chinesische Kochbuch giebt
folgende Zubereitung von Haifischflossen an:
„Lege sie in einen Kochtopf, füge Holzasche bei und koche sie mehrmals
ab. Dann kratze sorgfältig die Haut ab. Entfernt sie sich nicht
leicht, koche abermals und kratze wieder. Koche nochmals, schabe das
Fleisch ab und behalte die Floßfedern. Koche diese nochmals und thue
sie hierauf in Quellwasser, das du mehrmals wechseln mußt, damit der
kalkige Geschmack verschwinde. Dann thue die Floßfedern in die Suppe,
lasse sie mehrmals aufkochen, bis sie weich sind. Dann füge der Suppe
Krebsfleisch und ein wenig Schinken bei und esse.”
Die Schilderung ist so deutlich, daß jede Köchin danach Haifischsuppe
zubereiten kann. Die beste Bezugsquelle für Haifischflossen ist Cheng
Ming & Co. in Canton.
Einfacher als die Speisen der Chinesen, von denen hier nur die
gebräuchlichsten und merkwürdigsten angeführt wurden, sind ihre
Getränke. Wasser trinken sie nur wenig; an seine Stelle tritt
überall der Thee, aber ohne Zucker und Milch, da sie Milch ebenso
wie Butter verschmähen. Nur in der Mandschurei wird schmutzige,
schlechtschmeckende Butter und Käse bereitet, auch zuweilen Milch
getrunken.
Geistigen Getränken huldigt der Chinese nur wenig; nie habe ich in
China einen Betrunkenen gesehen. Wohl haben sie viele und schmackhafte
Weinreben, allein die Zubereitung von Wein ist ihnen nicht bekannt.
Dafür machen sie Soki, eine Art Reisbranntwein, und bei keinem
Festmahl fehlt Samschui, das ist warmer Reiswein. Bei den Mandarinen
hat neuestens sogar in den Inlandstädten ein ihnen früher unbekanntes
Getränk Eingang gefunden, dem sie recht gerne zusprechen, und das
chinesisch Hsiang-pin, d. h. wohlriechender Trank für Gäste, heißt. Wir
in Europa haben dafür einen anderen Namen. Er lautet: Champagner.
[Illustration]
Shanghai.
Wer von Hongkong nach dem großen Handelsemporium des Jangtsekiang,
nach Shanghai will, thut gut daran, zu dem Zwecke einen der großen
Palastdampfer des Norddeutschen Lloyds zu benützen, denn je
schneller er die Reise ausführt, desto besser ist es für ihn, und
die Lloydschiffe nehmen gewöhnlich in keinem der fünf offenen Häfen
zwischen Hongkong und Shanghai Aufenthalt, sondern fahren direkt nach
dem letztgenannten Reiseziele. Wohl befindet sich unter den fünf
Vertragshäfen, die man passiert, Futschau, eine der großen Städte
Chinas mit einer Million Einwohnern, aber wer Canton gesehen hat, dem
wird Futschau, ausgenommen die herrlichen Landschaften am Minfluß und
die weitere hochmalerische Umgebung, nur wenig Interessantes bieten.
Die südlich von Futschau gelegenen zwei Vertragshäfen Swatow und Amoy
sind des Besuches kaum wert. Beide werden selbst von den Chinesen
als sehr schmutzige Städte angesehen, auch ist die Bevölkerung den
Europäern durchaus nicht besonders freundlich gesinnt, was seinen
triftigen Grund hat: bald nach der Eröffnung dieser Häfen gaben sich
die Europäer, welche sich dort ansiedelten, einem schmachvollen
Kulihandel hin, ähnlich wie es früher die Portugiesen in Macao thaten.
In den letzten Jahren hat die Feindseligkeit der Chinesen wohl etwas
nachgelassen, aber die Zahl der in den beiden Städten residierenden
Europäer hat doch nicht in ähnlichem Maße zugenommen wie in den
anderen Häfen und dürfte zusammen etwa 350 betragen, die zahlreichen
chinesischen Zollbeamten und Missionäre mit eingeschlossen.
Aehnliches kann auch von den beiden nördlich von Futschau gelegenen
Vertragshäfen Wentschou und Ningpo gesagt werden; beide Häfen leiden
unter der erdrückenden Nachbarschaft von Shanghai, und der europäische
Handel will nicht recht vorwärts; vielleicht teilweise auch deshalb,
weil die Schiffahrt in diesen Gewässern bis hinauf nach Shanghai recht
gefährlich ist.
[Illustration: Pagode in Shanghai.]
Spät am Abend kam ich in Shanghai an und fuhr durch die glänzend
erleuchteten, mit modernen Palästen besetzten Straßen nach dem Astor
House, einem neuen eleganten Hotel ersten Ranges. Dort überreichte
man mir eine Einladung zu der St. Georges Celebration, die gerade
heute Abend um neun Uhr in Chang-Su-Ho’s Garten stattfinden sollte.
Die Einladung war auf schönes Papier mit Goldbuchstaben gedruckt und
mit bekannten, geachteten Namen unterzeichnet. Rasch warf ich mich
in Toilette und war ein halbes Stündchen später an der Pforte eines
Gartens, an der eine Reihe glänzender Equipagen ihre Insassen entlud.
Damen in reichen Abendtoiletten, begleitet von tadellos gekleideten
Gentlemen, eilten scherzend und schäkernd dem Inneren des Gartens
zu, von wo Tausende von Lampions und Lichtern mir entgegenstrahlten.
Triumphbogen aus tropischen Gewächsen und unbekannten Blumen wölbten
sich über dem wohlgepflegten Wege; aus allen Bäumen und Bosketts
glühten verschiedenfarbige Lichter, und in der Mitte einer weiten
Rasenfläche erhob sich ein großer Tempel, ganz aus chinesischen
Laternen zusammengesetzt, ein feenhafter Anblick. Ein schöner dunkler
See mit einer dreißig Meter hohen Pagode in der Mitte trennte diesen
Tempel von einer Reihe von Gebäuden, Tribünen, Schaubuden und Cafés,
die, in ein Lichtmeer getaucht, Tausende von Menschen beherbergten,
Menschen, wie ich sie bei den großen Gartenfesten von London und Paris
zu sehen gewohnt war, alle in großer Toilette, alle von weltmännischen,
ungezwungenen Manieren, alle einander kennend und begrüßend. Nur
ich war fremd und kannte nicht eine Seele. Ueberrascht von diesem
seltsamen und unerwarteten Anblick mengte ich mich in das Gewühl und
beobachtete die einzelnen Gruppen. Niemals und nirgends habe ich auf
einem so kleinen Raum innerhalb weniger Minuten so viele Sprachen
sprechen hören. Zwischen dem Anzünden und Fertigrauchen einer Cigarette
vernahm ich in den einzelnen Gruppen Englisch, Deutsch, Französisch,
Italienisch, Spanisch, Dänisch, Portugiesisch, am meisten aber Englisch
und Deutsch, gutes Hamburger Deutsch. Vermengten sich diese Gruppen
untereinander, dann sprangen die Sprechenden von einer zur andern
Sprache über, mit einer Leichtigkeit, die einfach überraschte. Wo war
ich denn? War der Garten, in dem ich mich eben befand und der mit
Entzücken das Band, das mich an die Heimat fesselt, wieder strammer
anzog, war dies China? Wo waren denn die Chinesen? Im Schatten der
Bäume und der Bosketts, hinter den Häusern huschten sie umher als
dienende Geister, brennende Lampions zu löschen, verlöschende Lichter
durch neue zu ersetzen, Stühle zu tragen, Paletots und seidene zarte
Damenmäntel zu halten. War dies China, das Reich der Mitte, den
Europäern versperrt, beherrscht von einem Kaiser, welcher der Sohn des
Himmels ist, und verwaltet von zugeknöpften, mißtrauischen, finsteren
Mandarinen?
In den Cafés und Schaubuden ging es gar lustig her. Allerhand Allotria
standen auf dem ellenlangen Programm, und die in knisternde Seide
gehüllte, juwelengeschmückte Damenwelt eilte von einer Bude zur
andern, um Konzerte und Dramen und Ballett- und Zaubervorstellungen
mitzumachen, alles das veranstaltet durch Gentlemen-Amateurs. Und als
diese Produktionen im Freien zu Ende waren, strömte alles in einen
großen, säulengeschmückten, glänzend erleuchteten Tanzsaal, wo ein
ausgezeichnetes Orchester lustige Weisen spielte und sich die eleganten
Pärchen im Kreise drehten und über den glatten Parkettboden flogen. War
das China?
Am nächsten Morgen an das Fenster meines Hotelzimmers tretend, hatte
ich einen überraschenden Anblick: ein mächtiger Strom, wohl eine
halbe englische Meile breit und bedeckt mit Dutzenden von großen
Ozeandampfern, Kriegsschiffen, Leichtern und Booten. Die auf den
Masken lustig flatternden Flaggen zeigten alle Farben in allen
möglichen Zusammenstellungen: Engländer, Oesterreicher, Belgier,
Franzosen, Dänen, Spanier, dazwischen die blaue Flagge der englischen
Naval Reserve, der rote Ball in weißem Felde der Japaner, der
chinesische blaue Drache auf gelbem Felde, aber am zahlreichsten
das Schwarz-Weiß-Rot der deutschen Handelsflotte. Die größten und
stolzesten Schiffe, die hier auf dem breiten gelben Strom vor Anker
lagen, waren deutsche, darunter der gewaltige Koloß „Preußen” des
Norddeutschen Lloyds, mit dem ich selbst von Süden heraufgekommen
war. Ein schöner Park mit wohlgepflegten Blumenbeeten und schattigen
Baumgruppen zog sich von meinem Hotel dem linken Stromufer entlang
südwärts, auf der Landseite eingefaßt von großen Steinpalästen mit
Balkonen und Arkaden, mit Gittern und monumentalen Thorbogen davor. Von
den Dächern erwiderten Flaggen aller Nationen die Grüße der fremden
Schiffe; soweit ich nur sehen konnte, boten sich mir Bilder großartigen
Lebens und Verkehrs, wie sie nur noch in den Handelsemporien unseres
eignen alten Kontinents zu finden sind, und dieses Leben und dieser
Verkehr trugen dabei auch das Gepräge unserer eigenen Kultur. War das
China?
Diese europäische Großstadt an der Pforte des Jangtsekiang, des
mächtigsten Stromes von Asien und der Hauptverkehrsader des
chinesischen Reiches, ist eine der merkwürdigsten Schöpfungen unseres
Zeitalters. Rings umgeben von mongolischer Kultur, Tausende von
Meilen östlich von Europa, ebensoviele Tausende von Meilen westlich
von Amerika ist es der entlegenste Außenposten unseres die Welt
beherrschenden Handels, unserer Industrien, nicht etwa eine künstlich
genährte und gehegte Kolonie, sondern eine Hochburg, welche die
furchtlosen Kaufherren der letzten Generation selbst dem Mongolenkoloß
abgezwungen, groß und stark gemacht haben. Man hat Shanghai das „Paris
von Ostasien” genannt, und ein solches ist es in der That.
[Illustration: Das europäische Viertel und der Hafen von Shanghai.]
Im Vergleich zu Shanghai treten alle anderen europäischen Städte
Ostasiens in den Hintergrund, Singapore, Penang, Hongkong, Batavia,
Manila, Yokohama, Kobe, Nagasaki. Manche darunter sind schöner,
größer, behaglicher, keine aber hat einen ähnlich entwickelten
Handels- und Schiffsverkehr, eine so aufgeweckte liberale, energische,
vergnügungslustige Bevölkerung.
Es sind freilich weder architektonische Wunder noch großartige
Schöpfungen nach unseren Begriffen, die man hier zu sehen bekommt, denn
man darf ja nicht vergessen, daß Shanghai in China liegt. Aber die
Menschen, die aus allen Ländern und Weltteilen hierher in das flache,
sumpfige, ungesunde Tiefland an der Mündung des Jangtse verschlagen
wurden, haben sich ihre neue Heimat, dieses europäisch-chinesische
Babel, überraschend schön und behaglich und zweckmäßig eingerichtet.
Ueberraschend, das ist das rechte Wort. Ich hatte mir die
Handelsmetropole Chinas als eine lebhafte, lärmende Geschäftsstadt
mit großen Warenlagern und Quais und Schiffsbureaus, mit chinesischen
Arbeitern und chinesischem Schmutz vorgestellt, etwa so wie Hongkong.
Als ich aber meine erste Promenade auf dem Bund von Shanghai machte,
fühlte ich mich eher in einem europäischen Badeort, etwa einem
nordischen Nizza, so elegant, so vornehm und durchaus europäisch
zeigt sich Shanghai von der Flußseite her. Auf etwa zwei Kilometer
zieht sich dieser Bund dem Ufer entlang, eine von hohen Laubbäumen
beschattete, vorzüglich gehaltene Straße mit schönen Fahrwegen auf
beiden Seiten. Der Raum zwischen dieser Straße und dem Flußufer wird
durch weite Rasenflächen, Baumgruppen und den vorerwähnten Stadtpark
eingenommen, während auf der anderen Seite, die Fronten gegen den
Fluß gewendet, die Paläste des Handels sich erheben. Würden nicht
an den Thoren auf kleinen Schildern die Namen solcher Weltfirmen
wie Butterfield & Swire, Jardine Matthison & Co., Siemssen & Co.,
Melchers & Co., Sassoon & Co., Deutsch-asiatische Bank, Hongkong- und
Shanghaibank und andere zu lesen sein, man würde in jedem einzelnen
dieser langen Reihe von Palästen viel eher vornehme Privatresidenzen
vermuten, so schön und behaglich erscheinen sie, so wohlgepflegt sind
die kleinen ihnen vorgelagerten Gärtchen, so absolut gar nichts sieht
man von den wenig ansprechenden Einzelheiten des Großhandels. Ich bin
während meines ersten vierzehntägigen Aufenthaltes in Shanghai den
Bund mehrmals täglich auf- und abgewandert, aber niemals sah ich auch
nur einen Warenballen, einen Dockarbeiter, einen Frachtwagen in dieser
merkwürdigen Straße. Und doch wechseln hier im Jahre Hunderttausende
von Tonnen Waren die Hände, werden von hier in jeder Woche zahlreiche
Dampfer nach Indien, Japan, den Philippinen und Sundainseln, nach
Europa und Amerika, nach dem nördlichen China, Korea, Ostsibirien und
den Jangtse aufwärts tausend Meilen weit bis nahe nach Tibet expediert.
Alles geht hier merkwürdig still und glatt vor sich; in den großen
Geschäftsbureaus herrscht ein vornehmer Ton, eine gewisse weltmännische
Eleganz, grundverschieden von den Verhältnissen, an die man zu Hause
gewöhnt wurde. Im Verkehr mit den Geschäftsleuten erhält man den
Eindruck, als hätte man es mit lauter wohlhabenden, wohlsituierten
Gentlemen zu thun, welche das Geschäft eben nur als Sport betreiben.
Obschon Shanghai nicht nur der Waren-, sondern auch Geldmittelpunkt von
China ist, und eine stattliche Zahl von Banken hier ihren Sitz haben,
giebt es doch keine Börse. Der ganze Börsenverkehr wird einfach beim
Mittagscocktail an der Bar des Shanghaiklubs abgewickelt. Vor zehn Uhr
morgens sind nur wenige Geschäftsbureaus geöffnet; mittags erscheinen
vor den meisten elegante Equipagen, welche die Herren Prinzipale nach
Hause oder in einen der Klubs bringen; nachmittags wird wieder zwei bis
drei Stunden gearbeitet, und das Tagwerk ist vollbracht, wenigstens was
das Geschäft betrifft. Ich hatte gehofft, den Kleinhandel und etwas
von dem großen Warenverkehr Shanghais in den vom Bund landeinwärts
führenden Seitenstraßen zu sehen, aber auch dort ist wenig davon
zu merken. Diese Seitenstraßen sind auf über hundert Meter nur
Fortsetzungen des Bunds, und darüber hinaus beginnt der chinesische
Stadtteil, jedoch keineswegs mit dem ekelerregenden Hongkonger Schmutz.
Die Straßen behalten auch im chinesischen Viertel ihre beträchtliche
Breite und auffällige Reinlichkeit, und hat man das Chinesenviertel
durchfahren, so gelangt man wieder in hübsche, wohlgepflegte, schattige
Avenuen, wo halb verborgen in großen schattigen Gärten hübsche moderne
Villen stehen. Nur in der eigentlichen, mit einer Ringmauer umgebenen
Chinesenstadt und teilweise auch in der französischen Konzession
sieht man die engen und schmutzigen Gäßchen, welche jede Stadt Chinas
kennzeichnen. Wer das chinesische Shanghai sehen will, muß sich dort
hinein bemühen, denn in der europäischen Stadt ist davon fast gar
nichts vorhanden. Chinesen sieht man hier nur als Kutscher, Rickshaw
Boys und als Angestellte oder Diener in den Handlungshäusern. Die
japanische Rickshaw, eigentlich Jinrickshaw, hat sich auch in Shanghai
eingebürgert, und ich glaube, es sind davon nicht weniger als tausend
vorhanden, kleine zweiräderige, einsitzige Wägelchen, zwischen
deren Deichseln statt Pferden kräftige, dickwadige Chinesen laufen.
Noch ein anderes merkwürdiges Vehikel verirrt sich zuweilen aus der
Chinesenstadt auf den Bund: ein Schubkarren mit einem großen Rad und
Sitzen auf beiden Seiten desselben. Für wenige Pfennige gönnen sich die
Chinesen auf derlei Schubkarren das Vergnügen des Fahrens. Sie setzen
sich auf eine der beiden Sitzbänke, und der kräftige Kuli schiebt sie
rasch, wie eine Ladung Steine, nach ihrem Bestimmungsort. Zuweilen
werden diese Schubkarren auch von zwei Passagieren, gewöhnlich Frauen,
gleichzeitig benutzt, und man muß über die Kraft der Kulis staunen.
Hat ein chinesischer Diener irgend ein Gepäckstück zu befördern, ein
Bauer ein Schwein auf den Markt zu führen, eine Mutter ihr krankes Kind
nach dem Hospital zu bringen, flugs wird ein Schubkarren requiriert,
Gepäckstück, Schwein oder Kind auf die eine Seite angebunden, auf der
andern Seite selbst Platz genommen und fort geht es im Laufschritt
nach dem Ziele. Von Europäern werden diese Schubkarren niemals
benutzt, und selbst die in Japan so beliebte Jinrickshaw scheint bei
der eleganten Welt Shanghais etwas verpönt zu sein. Damen benutzen
sie selten, dagegen sind die Rickshaws bei den Chinesinnen beliebt.
Eines Tages sah ich zwei derselben in einer Rickshaw sitzen, und sie
näher betrachtend, gewahrte ich zu meiner Ueberraschung an ihnen
blondes, in langen Zöpfen herabfallendes Haar, blaue Augen, kaukasische
Gesichtszüge. Blonde Chinesinnen! Aber das ethnologische Wunder wurde
mir bald erklärt. Die Fräuleins der schwedisch-protestantischen Mission
halten es für ihre Zwecke entsprechender, sich in chinesische Gewänder
zu kleiden. Ich sah deren später noch andere in den Uferstädten des
Jangtsekiang. Auch die Missionare tragen fast ausschließlich die
chinesische Tracht.
In den Banken, Geschäftsbureaus, in den Haushaltungen, Gärten, in der
Küche und Kinderstube besteht die dienende Welt nur aus Chinesen,
und ich glaube nicht, daß in ganz Shanghai ein halbes Dutzend weißer
Diener, wenn überhaupt so viele, zu finden sind. Die Kaukasier sind
dort nur Gentlemen und Ladies, die Chinesen im Verkehr mit ihnen nur
Untergeordnete, treu, zuverlässig, ehrlich, aufmerksam, still und
emsig, so daß den Europäern dank ihnen das Leben in Shanghai wirklich
leicht gemacht ist. Häusliche Verrichtungen kennen sie gar nicht. Von
den Einkäufen für die Küche bis zum Hausreinigen und Stiefelputzen
wird alles in der glattesten Weise durch die Chinesen besorgt,
welche Kassierer, Stubenmädchen, Köchinnen, Hausdiener, Kutscher,
mit einem Worte alles sind. Die Europäer haben deshalb sehr viel
Zeit und überdies alle erdenklichen Gelegenheiten, diese Zeit in der
angenehmsten Weise totzuschlagen. Selbst in europäischen Großstädten
dürfte es nicht mehr Klubs, Gesellschaften, Vergnügungen aller Art
geben, und man kommt im Winter und Frühjahr aus diesem Taumel fast
gar nicht heraus. Shanghai hat davon vielleicht sogar ein bißchen zu
viel, und es würde den jungen Herren besser bekommen, wenn sie von
ihren in neuerer Zeit durchaus nicht mehr übermäßig hohen Bezügen etwas
zurücklegen würden, statt sie auf Equipagen, Reitpferde, Klubs und
Jagden zu verwenden.
An der Spitze der Gesellschaft stehen die Konsularvertreter und
Gerichtsbeamten der europäischen Mächte, da ja die europäischen
Bewohner Shanghais den chinesischen Gerichten selbstverständlich nicht
unterstehen, sondern ihre eigenen Konsulargerichte haben. Die Konsulate
Deutschlands, Englands und Frankreichs sind in wahren Palästen
untergebracht, und die betreffenden Vertreter üben die Repräsentation
mit sehr viel Takt und Eleganz. Die Generalkonsuln Englands und
Frankreichs sind gleichzeitig die obersten Behörden Shanghais. England
wie Frankreich erhielten nämlich vor einigen Jahrzehnten die Handvoll
chinesischer Erde, auf welcher Shanghai steht, als Konzession. Auch die
Vereinigten Staaten ergatterten sich eine solche; sie ist aber längst
mit der englischen Konzession vereinigt und hat keine selbständige
Munizipalität mehr wie diese oder die französische. Ein kleiner Kanal
bildet die geographische Grenze zwischen beiden, eine gesellschaftliche
giebt es aber längst nicht mehr, denn viele französische Ansiedler,
müde der Nörgeleien ihres konsularischen Diktators, sind nach der
englischen Konzession ausgewandert, kleinere englische Kaufleute
traten auf französischen Boden über, und die ganze Fremdengesellschaft
bildet in Shanghai eine einzige Happy Family, wo von Rassenhaß und
Nationalitätenhader nichts zu sehen ist. Wohl giebt es einen deutschen,
englischen und französischen Klub, der erstere einer der schönsten
und gastfreiesten Ostasiens, allein bei Festlichkeiten, Soireen,
Musikabenden und dergleichen wird die Gesellschaft geladen ohne
Unterschied der Nationen. Kurz vor meiner Ankunft in Shanghai fanden
auf dem herrlichen Rennplatz zur Seite des Bubbling Well Road große
Wettrennen statt, an denen sich ganz Shanghai beteiligte. Wenige Tage
später veranstaltete die ~Société dramatique française~ in dem
hübschen kleinen Lyceumtheater ganz reizende Amateurvorstellungen in
französischer Sprache, zu denen die Deutschen ebensogut geladen waren
wie die Engländer; und in Erwiderung des englischen St. George- und
des französischen Thalia-Abends gaben wieder einige Tage später die
Deutschen eine glänzende Soiree zu Ehren einer eben durchreisenden
Künstlerin von Weltruf, bei welcher die großen Säle des Konkordiaklubs
mit einer ähnlich internationalen Gesellschaft dicht gefüllt waren und
Champagner in Strömen floß. So geht es auch auf den Jagden, Konzerten,
auf dem Lawntennisboden, wie bei den Regatten auf dem Wusungstrome zu.
Es ist ein wahres Glück, daß sich die Menschen hier so gut vertragen,
denn Organisation auf staatlicher Grundlage ist keine vorhanden, und
kein Mensch kann sagen, wem Shanghai eigentlich gehört. Das Zollwesen
ist chinesisch, die Munizipien sind englisch und französisch, und
an Postämtern giebt es ein deutsches, französisches, englisches,
japanisches, chinesisches und Shanghaipostamt für den Lokalverkehr,
sechs verschiedene Postämter, jedes mit seinen eigenen Postbeamten und
Postwertzeichen. Die Chinesen haben in Shanghai ihr eigenes Militär
und nahe der Stadt auch ein großes, vortreffliches Arsenal. Die
Polizei des europäischen Stadtteils ist größtenteils auch chinesisch,
untersteht aber den Munizipien und hat mit den chinesischen Behörden
nichts zu thun. Neben den etwa dreihundert chinesischen Polizisten
giebt es aber auch fünfzig europäische und fünfzig indische. Dieses
seltsame Gemengsel hält die Ordnung in Shanghai in ausgezeichneter
Weise aufrecht, und kommen größere Unruhen vor, bedrohen Rebellen die
Stadt, wie es vor einem Vierteljahrhundert geschah, so lassen die
Bewohner Shanghais ihre eigene Armee aufmarschieren. Diese besteht
aus drei europäischen Freiwilligenkorps, nämlich einer Schwadron
Kavallerie, einer Feldbatterie und drei Kompagnien Infanterie, durchweg
von Bürgern Shanghais gebildet. Verschiedene Telegraphengesellschaften
verbinden diese Stadt mit der Außenwelt, und die Kaufleute lesen
morgens beim Frühstückstisch in den vortrefflichen englischen
Zeitungen Drahtberichte aus London, Paris, Berlin, Neuyork. Shanghai
hat vier englische Tageszeitungen, von denen die North China Daily
News die beste ist, dann mehrere Wochenblätter, unter denen der
deutsche, vorzüglich redigierte Ostasiatische Lloyd besonders rühmend
hervorgehoben zu werden verdient.