Die Hitze, der ~odeur chinois~, der in dem Raume herrschte, der

warme Wein, die Gerüche der Speisen hatten den Aufenthalt für uns

zwei Kaukasier geradezu unerträglich gemacht, und wir ermunterten

uns gegenseitig durch Zeichen, den Tisch für einige Augenblick zu

verlassen. Der Gastherr schien diese Zeichen zu verstehen, denn er

selbst stand nun auf und sprach unter einer Verbeugung gegen mich

einige Worte, auf welche die ganze Gesellschaft sich von den Sitzen

erhob. Endlich! Erleichtert sprangen wir auf unter dem Eindruck, die

Sache wäre beendigt. Zeremoniös kam aber der Dolmetscher auf mich zu,

um mir zu sagen, der Hausherr wünsche uns Gelegenheit zu geben, die

jungen Damen, ausgezeichnete Sängerinnen Cantons, zu hören und ein paar

Pfeifen Tobak zu rauchen; dann würden wir das Diner fortsetzen. Welcher

Schrecken! Es stand uns also noch eine zweite Auflage Knoblauch und

Zwiebel, Oel und Fett bevor! Wir begaben uns in den anstoßenden Raum,

wo die Dienerinnen der Dämchen uns die eigentümlichen Wasserpfeifen

der Chinesen zu rauchen gaben und langbezopfte Aufwärter schön

servierten. Jeder von uns erhielt ein kleines Theetäßchen ohne Henkel,

aber wie eben in China alles verkehrt ist, so stand auch das Täßchen

nicht auf der Untertasse, sondern die letztere lag umgekehrt auf dem

Täßchen und deckte dasselbe zu. Die Aufwärter hoben diesen Deckel auf,

schütteten einige graue Theeblätter in das Täßchen, gossen kochendes

Wasser darüber und legten die Untertasse wieder auf. Wollten die

Gäste den Thee trinken, so faßten sie die heiße Tasse so, daß sie

mit den Fingern gleichzeitig die obenliegende Untertasse ganz wenig

zurückschoben und so festhielten. Durch den offenen Spalt wurde der

Thee mit einem Male ausgeschlürft, während die Theeblätter durch den

Deckel zurückgehalten wurden. Sahne und Zucker werden in China zum Thee

nicht verwendet, bei der vorzüglichen Qualität der Theeblätter durchaus

kein Nachteil.

Als die Sängerinnen ihre monotonen, fortwährend zwischen Dur und

Moll einherschwebenden Gesänge unter Guitarrebegleitung abgeleiert

hatten, ließ der Gastherr einen chinesischen Taschenspieler seine

in der That merkwürdigen Kunststückchen ausführen. Die Abwechselung

war uns sehr willkommen, denn das ~pehng, pehng, pit, pit, pit~

des Guitarregezupfes war nicht länger zu ertragen. Gern hätten wir

uns nach den Vorführungen des Taschenspielers verabschiedet, um dem

zweiten Teil des Diners zu entgehen, aber der Gastherr ließ uns durch

den Dolmetscher sagen, er hätte gerade für dieses zweite Diner einige

chinesische Delikatessen, Schwalbennestsuppe und Haifischflossen,

zubereiten lassen, und so folgten wir denn wieder der bezopften

Gesellschaft in den Speisesaal. Es war zehn Uhr, und während der

ganzen folgenden Stunde wurden uns wieder ein Dutzend Gänge der

verschiedensten Art vorgesetzt: Entenzungen, Schweinsmaul, Garnelen

mit Knoblauch und Zucker zubereitet, kleine Fischchen mit eingemachten

Fichtenzäpfchen, geröstete Lilienwurzeln, Fischhirn mit Pilzen und

anderes. Wo das Englisch meines Dolmetschers zur Erklärung der Speisen

nicht ausreichte, zeichnete er mir die betreffenden Dinger auf eine

Papierserviette. Eine fade schmeckende Speise, die wie Kalbskopf nach

Schildkrötenart zubereitet aussah, wurde mir endlich als die berühmten

Schwalbennester bezeichnet; beim nächsten Gang bekamen wir in kleinen

Schälchen eine schwärzliche Gallerte vorgesetzt, in welcher dunkelrote

Eidotter staken; die Gallerte, von der ich ein Stück mit einem Stäbchen

aufspießte, schmeckte uns doch so sehr nach Schwefelwasserstoffgas, daß

ich mich desselben sofort wieder entledigte; mein Nachbar zog erstaunt

die Augenbrauen in die Höhe, der Dolmetscher machte ein wichtiges

Gesicht und meinte: „~vely good, that vely old egg~” „sehr gut,

das sehr altes Ei” (ich schreibe ~vely~ und nicht ~very~,

weil der Chinese das ~r~ nicht aussprechen kann und statt ~r~

stets ~l~ anwendet). Sehr altes Ei! Ich erfuhr die Zubereitung

dieser Eier aus einem chinesischen Kochbuch. Vielleicht ist sie unseren

Köchinnen von Nutzen: Aus Holzasche, Kalk, Salz, Wasser und einigen

aromatischen Kräutern wird ein dicker Brei bereitet, in welchen die

frisch gelegten Eier gelegt und darin unter hermetischem Verschluß

vierzig Tage lang aufbewahrt werden. Dann sind sie schon genießbar,

aber je länger sie liegen bleiben, desto besser werden sie nach

chinesischen Begriffen, gerade so wie unsere Weine, und ein mehrere

Jahre altes Ei ist das Nonplusultra einer Delikatesse. Solche Eier

waren es, die wir vorgesetzt bekamen!

[Illustration]

Indessen, es ist doch alles Geschmacksache auf unserer Erde.

Ich forderte meinen Dolmetscher auf, mir die Bemerkungen meines

Gastfreundes mitzuteilen, und er antwortete, der letztere hätte

gehört, die Europäer äßen Käse aus Milch von Kühen, Eseln und Schafen

zubereitet. Sie ließen diese Käse auch so lange liegen, bis sie

schimmlig würden und noch viel schlimmer stänken als diese Eier; wie es

denn käme, daß wir gerade die alten Eier schlecht fänden. Ich mußte ihm

darauf meine Antwort schuldig bleiben.

Nach einigen Suppen, mit wohlriechenden Oelen versetzt und gekochten

Nudeln darin, kam eine Speise, die aus dünnen, weichen Knorpeln

zubereitet schien und gar nicht so schlimm mundete. Das waren die

berühmten Haifischflossen, von denen nicht etwa das Fleisch, sondern

nur die weichgekochten Gräten gegessen werden. Die Pausen zwischen den

einzelnen Gängen stillten die anscheinend noch immer hungrigen Gäste

damit aus, daß sie fortwährend getrocknete Melonenkerne knabberten,

die in kleinen Schüsselchen vor ihnen standen, ebenso wie man bei

englischen Mahlzeiten mit Salz gebrannte Mandeln knabbert. Eine Speise,

die bei großen Banketten in China gewöhnlich auf den Tisch kommt, Fisch

in Ricinusöl gebacken, fehlte glücklicherweise diesmal, daß sie aber

thatsächlich serviert wird, geht aus den übereinstimmenden Mitteilungen

der Chinareisenden hervor. Ich habe vier Jahre später in Tsiho, an der

Südgrenze von Petschili, am Hoangho, auch Kuchen vorgesetzt bekommen,

die in Ricinusöl gebacken waren[1].

Auch bei diesem Diner bewahrheitete sich das Sprichwort: „Das Letzte

ist das Beste”. Es kam in Gestalt einer dampfenden Schüssel gekochten

Reises, der uns vorzüglich mundete. Damit war die Mahlzeit beendet.

Es war elf Uhr geworden, und wir verabschiedeten uns mit herzlichem

„Tschin-Tschin” (Heil, Heil!) von unserem Gastgeber und den übrigen

Anwesenden. In unser Hotel zurückgekehrt, ließen wir uns noch eine

Flasche Bier und ein Stück Roquefortkäse gut munden, denselben Käse,

den die Chinesen so sehr verschmähen, und der bei uns als Delikatesse

gilt. Andere Länder, andere Sitten.

Wie ich nachher auch in anderen Städten erfuhr, spielen sich die

Festmahlzeiten der Chinesen, auch jene der Regierungsmandarine in

Peking, in ähnlicher Weise ab wie das geschilderte. Speisen sie allein

oder doch nur in Gesellschaft näherer Freunde, so sind die Mahlzeiten

selbstverständlich viel einfacher, ja, es giebt selbst in Ostasien kaum

eine Nation, die genügsamer und einfacher wäre wie eben die Chinesen.

Nur die Wohlhabenden und die Mandarine gestatten sich zuweilen den

Luxus eines derartig großartigen Banketts, dessen Speisen unter

gewöhnlichen Verhältnissen hinreichen würden, das Menü für einen ganzen

Monat zu füllen.

[Illustration: Eßstäbchen.]

[1] Siehe Hesse-Wartegg, „Schantung und Deutsch-China”, Leipzig, J. J.

Webers Verlag, 1900.

Speisen und Getränke der Chinesen.

Wem kämen beim Lesen der vorstehenden Ueberschrift nicht Ratten, Mäuse,

Katzen und Regenwürmer in den Sinn? Wer hat nicht schon gehört, daß

diese und andere Dinge zu den Leibspeisen der bezopften Söhne des

Reiches der Mitte zählten? Als ich zuerst meinen Fuß auf chinesischen

Boden setzte, graute mir vor den verschiedenen Leckerbissen, die ich

im Laufe meiner Reisen möglicherweise vorgesetzt bekommen würde, und

ich nahm mir fest vor, kein Ragout, keine Fleischspeise mit kleinen

Knochen, und wenn sie noch so lecker aussähe, zu genießen. Als ich

China verließ, war mein Widerwille gegen die Küche der Chinesen

verschwunden, nicht etwa, weil ich mich an die Regenwurm- und

Rattenragouts gewöhnt hatte, sondern einfach deshalb, weil ich selbst

in den Hütten der Landleute statt der genannten ekelhaften Dinge ganz

schmackhafte Mahlzeiten zu genießen bekam.

Freilich ist es nicht zu leugnen, daß der zerlumpte Pöbel in den

chinesischen Großstädten, besonders in Canton und Swatow, nicht nur

Ratten und Hunde, sondern auch noch andere, viel unappetitlichere

Tiere mit Wohlgefallen verzehrt, aber man möge ja nicht glauben, daß

dieselben etwa auf den Mittagstisch der besseren Stände oder gar der

Mandarine kämen. Was wird in unsern europäischen Großstädten nicht

alles verzehrt! Haben wir nicht auch Gasthäuser, in denen Pferdefleisch

und, unter wohlgewürzter Wildbretsauce verborgen, schmackhafte

Katzenragouts verkauft werden? Essen wir etwa nicht auch Schnecken,

Austern, Seespinnen, Tintenfische, faulen Käse, Aale und Krebse

geradezu als Delikatessen? Wer mit solchen Genüssen einverstanden

ist, den sollte es gar nicht wunder nehmen, daß der weniger verwöhnte

Gaumen der Chinesen auch an Schlangen, fettgemästeten Hunden und

mürbegebackenen Seidenwürmern Gefallen findet.

Der Chinese verzehrt eben alles, was da kreucht und fleugt, und in

dieser Hinsicht steht das vielgerühmte Kulturvolk der Japaner auch

nicht viel über ihm. Ich erinnere mich, auf dem Wege von Nikko nach

Chuzendschi im Innern von Japan in einem Gasthause eingekehrt zu sein,

an dessen Balkendecke seltsame Dinge, Cigarrenbündeln nicht unähnlich,

herabhingen. Als ich eines dieser Bündel zur Hand nahm, bemerkte ich,

daß es braungeschmorte Eidechsen waren. Gegessen habe ich sie freilich

nicht, aber sie können ebenso schmackhaft sein wie Schnecken. Daß auch

die Chinesen Eidechsen essen, habe ich nicht erfahren, dafür haben

sie in ihren Mahlzeiten aber doch mehr Abwechselung als irgend ein

anderes Volk der Erde. Würden sie zur Bereitung ihrer Speisen nicht

so viel schlechtes Oel, zuweilen sogar Ricinusöl, dann große Mengen

von Zwiebel und Knoblauch verwenden, so könnte sich der Europäer mit

der chinesischen Küche, wenigstens bei den besseren Klassen, ganz

einverstanden erklären. Die Chinesen sind geborene Köche, selbst

der geringste Landarbeiter ist im stande, schmackhafte Speisen

zuzubereiten, und die Küche ist keineswegs ausschließlich in den Händen

der Frauen.

Im Vergleich mit den Europäern genießen die Chinesen viel weniger

Fleisch; während Gemüse bei uns die Beilagen zu den Fleischspeisen

bilden, sind bei den Chinesen die Gemüse die Hauptgerichte, und

Fleisch oder Fische bilden nur die Beilagen. Das weitaus wichtigste

Lebensmittel im Reiche der Mitte gerade so wie in Japan und in anderen

Ländern Ostasiens ist der Reis, derart, daß „eine Mahlzeit einnehmen”

im Chinesischen Tschi fan, Reis essen, heißt. Begegnen zwei Chinesen

einander, so sind die einleitenden Worte ihrer Unterhaltung „tschi kno

fan”, d. h. „haben Sie Reis gegessen?” Ebenso wie wir uns gegenseitig

mit „Wie geht es Ihnen?” und „Haben Sie gut geruht?” begrüßen. Auch

bei den Mahlzeiten der Mandarine oder bei Festbanketten ist Reis

die ~pièce de résistance~ und wird stets am Ende der oft aus

dreißig bis vierzig Gängen bestehenden Mahlzeit aufgetragen. So viel

andere Dinge die Teilnehmer von den Schwalbennestern an bis zu den

Haifischflossen und Bambussprossen heruntergewürgt haben, niemals

verschmähen sie diese letzte Speise, den Reis.

Der Reis wird in Ostasien in vorzüglicher Weise zubereitet, und

die Europäer gewöhnen sich so leicht an ihn, daß er in den meisten

Häusern und auf den Ostasiendampfern täglich auf den Tisch kommt. Die

Zubereitung ist von der in Europa gebräuchlichen verschieden. Um die

Hülsen der Reiskörner zu brechen, werden sie im Innern Chinas mittels

hölzerner Hämmer in ebensolchen großen Mörsern gestampft; dann werden

sie in einer irdenen Schüssel mit rauhem Boden umhergerieben, um die

noch anhaftenden Hülsenteile zu entfernen. Ist der Reis gereinigt, so

wird er nicht wie bei uns in Wasser gekocht, sondern in ein Sieb aus

Bambusgeflecht gethan, das auf einen halb mit Wasser gefüllten Topf

gestellt wird. Der Dampf des kochenden Wassers erweicht die Körner,

kocht sie aber nicht zu einem Brei, wie es bei uns häufig geschieht.

Gewöhnlich wird in demselben Wasser gleichzeitig auch Fleisch

gekocht, während auf das erste Sieb ein zweites mit Gemüsen, ein

drittes mit Nudeln, vielleicht auch ein viertes mit Popos, das heißt

Fleischklößchen, getürmt wird. Der Dampf durchzieht die Siebe und kocht

alle Speisen der Mahlzeit gleichzeitig. Der Reis ersetzt auch das Brot,

das der Chinese nicht kennt. Wohl bereitet er aus Mehl und Wasser Teig,

aber er läßt diesen nicht backen, sondern in Form unserer Knödel oder

Dampfnudeln abdampfen. Buchweizen, Mais und Gerste werden wohl zu Mehl

zerrieben, aber auch in Körnerform gekocht zu verschiedenen Speisen

verarbeitet.

[Illustration: Chinesische Fischer.]

Neben Reis genießen die Chinesen unzählige andere Feldfrüchte, Gemüse,

Bambussprossen, selbst den gewöhnlichen Seetang, von welchen ungeheure

Quantitäten, besonders zwischen den japanischen Inseln und der

koreanischen Küste, aus dem Wasser gefischt und nach China gebracht

werden. Ich begegnete in den chinesischen Gewässern mehrfach ganzen

Dschunkenflottillen, die mit Seetang gefüllt waren. Wichtiger noch als

dieses sind die Bohnen, besonders im nördlichen China, dann Erbsen, die

in allen möglichen Arten gezogen und zubereitet werden. Alle unsere

Gemüse, von Kohl und Salat bis zu Sellerie und Spinat, leider auch

Zwiebeln und Knoblauch, sind in ganz China zu finden und sind an Größe

und Geschmack mit den unserigen gar nicht zu vergleichen. Im Norden

Chinas kommen auch Kartoffeln vor, im Süden tritt an ihre Stelle die

süße Kartoffel. Unzählige andere Vegetabilien, Wasserpflanzen, Wurzeln,

Blätter, Stengel, manche von absonderlichem Aussehen und Geschmack,

finden sich auf den Märkten von Canton, Swatow und Tientsin, ja, man

kann ruhig sagen, daß der Chinese, wenn er wolle, jeden Tag im Jahre

ein anderes Gemüse auf seinem Tisch haben könnte.

Aehnlich bunt ist die Liste der Fleischspeisen, die aber, wie gesagt,

nicht den Hauptbestandteil, sondern, namentlich bei der ärmeren

Klasse, eine Zugabe der Mahlzeit bilden. Während bei uns das Rind die

wichtigsten Fleischspeisen liefert, ist dieses in China am seltensten

und wird für Nahrungszwecke überhaupt gar nicht gezüchtet. Rinder

ebenso wie Büffel sind zu nützliche Tiere, um geschlachtet zu werden,

auch mag die buddhistische Religionslehre, welche sich dagegen wendet,

mit in Betracht kommen. Wenigstens kommt es bei Ueberschwemmungen und

Trockenheit häufig vor, daß von seiten der Behörden das Schlachten

dieser Tiere gänzlich verboten wird, um die zürnenden Götter zu

versöhnen. Auch Ziegen- und Hammelfleisch wird von den Chinesen selten

gegessen, obschon in der Mongolei ausgezeichnete Fettschwanzhammel

gezogen werden. Pferdefleisch, im Norden auch Kamelfleisch, kommt

auf den Märkten häufiger vor, aber die in ganz China und Tibet bis

nach der Mandschurei beliebteste Fleischspeise liefert das Schwein.

In manchen Sprachen des südlichen China wird sogar unter dem Worte

Fleisch überhaupt nur Schweinefleisch verstanden. „Schwein” heißt im

Chinesischen geradeso wie „Herr”, nämlich Tschu, womit aber keinerlei

Anspielung gemacht werden soll. Selbst die ärmsten Familien halten

wenigstens eines dieser Tiere. Auf dem Perlfluß habe ich Dschunken und

Flöße gesehen, auf denen Schweine gehalten wurden, die frei herumliefen

und von den Abfällen der schwimmenden Haushaltung gefüttert wurden. In

den Märkten der großen Städte fand ich sie braunglänzend, fettstrotzend

in Reihen von Hunderten aufgehängt; oder sie waren schon zerlegt, und

ihre kleinen wohlschmeckenden Schinken, über den Fleischhandlungen

oder an den Bambusstangen wandernder Händler aufgehängt, wurden

zum Kauf aufgeboten. Seltsamer war es schon, wenn ich auf meinen

Spaziergängen in Canton Händlern begegnete, die in ihren an

Bambusstangen aufgehängten Holzkäfigen junge Katzen oder junge, fette

Möpse einhertrugen. Zuweilen blieb ein Käufer davor stehen, nahm ein

Hündchen heraus und befühlte und bezwickte die heulenden Tiere gerade

so, wie es unsere Köchinnen mit den Gänsen thun, wenn sie sich von

der Fleischmenge überzeugen wollen. Diese wohlschmeckenden Möpschen

werden, wie die Straßburger Gänse, eigens gefüttert, nur daß neben Mais

vornehmlich Reis dabei die wichtigste Rolle spielt. Ich besuchte in

Canton ein Hunde- und Katzenrestaurant, fand dort aber nur Gäste aus

den ärmsten Volksklassen. Ueber der Thüre hängen neben den genannten

schon geschlachteten Tieren auch ganze Stränge von getrockneten oder

braungeräucherten fetten Ratten, die aber auch nur von den Aermsten

der Armen gegessen werden und keineswegs, wie man in Europa glaubt, zu

den beliebtesten Lebensmitteln der Chinesen gehören. Sprach ich mit

Mandarinen oder wohlhabenden Kaufleuten darüber, so schienen sie von

dem Gedanken, Ratten oder Mäuse zu essen, gerade so angewidert wie wir

Europäer. Mit „~Tête de chien à la vinaigrette~” oder „~dogs

tail soup~” schienen sie sich eher befreunden zu können. Warum auch

nicht? Die zarten, mit Reis gemästeten Hündchen müssen mindestens so

schmackhaft sein wie die von ekelhaftem Futter lebenden Schweine.

Geflügel wird von den Chinesen massenhaft gegessen, vornehmlich

Gänse und Enten. Auf der Fahrt von Hongkong nach Canton und weiter

stromaufwärts begegnete ich zahlreichen Booten, deren Insassen sich

ausschließlich mit dem Brüten und Mästen der Gänse befaßten. Diese

guten Gaben Gottes werden in China fast ausschließlich in künstlichen

Brutanstalten ausgebrütet, deren es auch an den Ufern der vielen Arme

des Perlflusses unzählige giebt. Nach etwa vierwöchentlichem Lagern in

den gleichmäßig erwärmten Körben kriechen die jungen Tierchen aus der

Schale, und die Gänseboote fahren nun langsam den Fluß entlang, um die

Tiere an günstigen Stellen der schlammigen Ufer zur Fütterung ans Land

zu lassen. Bei einbrechender Dunkelheit kehren sie regelmäßig wieder

auf die Boote zurück. Im nördlichen China, zum Beispiel in Tientsin und

Peking, werden vornehmlich Enten gezüchtet, die fast die Größe und das

Gewicht der Gänse erreichen und von den Chinesen äußerst schmackhaft

gebraten werden. Auch die meisten anderen Arten unseres Geflügels,

Wildenten, Rebhühner, Wachteln, Schnepfen, Fasane, Reisvögel kommen in

den hochkultivierten Ebenen Chinas massenhaft vor und werden von den

Einwohnern entweder in Netzen gefangen oder mit uralten Büchsen mit

Eisenschrot geschossen.

Wie wir, so essen auch die Chinesen Froschschenkel. Die Tiefebenen

rings um die großen Flüsse strotzen von Fröschen. die auf eigentümliche

Weise gefangen werden. Auf einem Spaziergange gegen Whampoa zu

gewahrte ich einen Chinesen, der in dem schilfigen Uferschlamme

umherwatete und seine Angel nicht ins Wasser, sondern in das Gras

warf. Als ich ihm näher kam, bemerkte ich, daß an dem Ende der Leine

ein winziges munteres Fröschlein zappelte, um dessen Leib die zarte

Leine festgebunden war. Geschickt warf der Fischer das Tierchen in das

dichte saftige Gras der Reispflanzung, dem Lieblingsaufenthalt der

dicken, alten, fettgemästeten Frösche. Kaum wurde das Köderfröschlein

von einem solchen alten Quaker bemerkt, so sprang er mit einem Satze

darauf los und verschlang es. In demselben Momente zog aber auch der

Angler die Angelleine ein, packte den alten Frosch mit einer Hand, das

Ende der Leine mit der anderen und zog langsam den verschlungenen Köder

wieder aus dem Magen des Tieres heraus. Der Frosch wurde in einen Korb

gesteckt, das zappelnde Köderfröschlein aber neuerdings ausgeworfen.

Auf diese Weise verloren in dem Viertelstündchen, während dessen ich

den Fang beobachtete, etwa ein halbes Dutzend fetter Quaker nicht nur

ihr Frühstück, sondern gleichzeitig auch Freiheit und Leben.

Nirgends in der Welt dürften die Flüsse, Seen, Tümpel fischreicher

sein als in China, nirgends dürfte auf Fische und Amphibien aller Art

eifriger Jagd gemacht werden. Die Flüsse sind, mit Ausnahme schmaler

Fahrstraßen für die Schiffe, ganz mit Netzen und Netzstangen bedeckt;

in jedem Tümpel, sogar in den Reisfeldern, werden Fische gezüchtet,

und in den Städten des Südens sah ich sogar in den Straßen Bassins

und Kübel, in welchen Salme oder Karpfen gemästet wurden, Tiere,

zuweilen so dick und fett, daß sie sich in den engen Behältern gar

nicht umwenden konnten. In anderen Bottichen lagen lebende Aale und

Wasserschlangen in allen möglichen Größen und Farben, denn auch

die Wasserschlangen werden von den Chinesen gerne gegessen und

hauptsächlich für die Zubereitung schmackhafter Suppen benützt. In Amoy

werden meterlange braune Schlangen mit ihren Köpfen an Bambusstangen

aufgehängt und so feilgeboten. Das Recht des Fischens ist freigegeben,

und da es die bequemste Art von Erwerb bildet, sind Flüsse und Seen

gewöhnlich mit Fischern übervölkert, die in jeder erdenklichen Weise

auf die Wasserbewohner Jagd machen. Sie stechen sie geschickt mit

Speeren, fangen sie mit Angeln, Netzen, holen sie mit Rechen aus dem

Schlamm, locken sie in Fallen oder lassen sie durch Kormorane fangen.

Diese Art des Fischens ist für den Europäer wohl die interessanteste,

und in China sowohl wie in Japan sah ich den flinken klugen Tieren

mitunter stundenlang zu, wie sie auf das Kommando des Fischers von

den Booten ins Wasser glitten und nach einigen Minuten, zuweilen auch

nach längerer Zeit, wieder auftauchend, auf das Boot zurückkehrten.

Der Schnabelkropf war gewöhnlich mit Fischen oder Aalen gefüllt, die

sie hintereinander wieder ausspieen und dafür von dem Fischer mit

einem Stück Fisch belohnt wurden. Damit sie ihre Beute nicht selbst

verschlingen und die Fischer das leere Nachsehen haben, tragen diese

pelikanartigen, häßlichen Vögel ein Hanfseil um den Hals, so eng

geschnürt, daß sie nur kleine Fischchen verschlingen können, nicht

aber größere. Von frühester Jugend an abgerichtet, folgen sie ihrem

Beruf mit größtem Eifer. Die eigentümlichste Art des Fischens ist

wohl in Hankau, am oberen Jangtsekiang. Die (durchwegs chinesischen)

Matrosen der Jangtsedampfer verhelfen sich, wenn sie dort im Hafen

lagern, zu guter Fischkost dadurch, daß sie eine etwa zwei Fuß große

eiserne Kochschüssel, die sonst zum Abkochen von Reis verwendet

wird, an der Innenseite mit Fett beschmieren und das Gefäß dann

horizontal mittels Stricken ins Wasser hinablassen. Ziehen sie die

Schüssel nach einer Stunde wieder heraus, so ist sie bis zur Hälfte

mit kleinen, breitlingartigen Fischchen gefüllt. Das Fett zieht diese

Fische massenhaft an, bis sie sich allmählich in der Schüssel und im

Wasser rings um dieselbe in dichten Schwärmen drängen. Bei dem raschen

Herausziehen der Schüssel können die untersten wegen der über ihnen

befindlichen Fischmengen nicht entschlüpfen und fallen den Matrosen zum

Opfer.

Bei den Apachen und Pueblo-Indianern Arizonas fand ich als

Lieblingsspeise aus gerösteten und gestampften Heuschrecken zubereitete

Kuchen. Diese Speise wird auch von den Chinesen gerne gegessen; viel

lieber haben sie freilich geröstete Seidenwürmer, die in großen Mengen

verspeist werden. Williams behauptet in seinem ausgezeichneten Werke

über China, daß sie auch Regenwürmer äßen. Die Chinesen, bei denen

ich mich hierüber erkundigte, leugneten es entschieden, während sie

von den Seidenwürmern als Leckerbissen sprachen. Zu diesen letzteren

zählen in China vor allem die vielgenannten Schwalbennester, dann

Haifischflossen, Tripang (Seewalze) und Fischmagen, nur sind die

Schwalbennester so kostspielig, daß sie auf den Tisch der Reichen

beschränkt bleiben. Für einen Teller Schwalbennestsuppe bedarf es für

etwa sechs Mark Nester. Es ist bekannt, daß diese Schwalbennester von

den Sundainseln, hauptsächlich von Java stammen, nicht bekannt dürfte

es indessen sein, daß in Canton allein jährlich über acht Millionen

Nester eingeführt werden. Im Innern des Landes wird das Kilogramm

Schwalbennester mit fünfzig bis hundert Mark bezahlt. Der Grund dieser

hohen Preise dürfte weniger darin liegen, daß die Chinesen die Nester

als wohlschmeckende Delikatesse betrachten, sondern vielmehr in dem

Umstande, daß man dem Genuß der seltsamen Speise besonderen Einfluß auf

den Körper zuschreibt. Aus demselben Grunde werden auch die ekelhaften

lederartigen Seewalzen und die Haifischflossen gegessen.

Die chinesischen Schwalbennester sind von der Größe einer kleinen

Damenhand und bestehen der Hauptsache nach aus dem Speichel der

Schwalben, der mit Federn und Seegrasfasern vermengt ist, die

sorgfältig entfernt werden. Ihre Zubereitung fand ich in einem

chinesischen Kochbuch folgendermaßen angegeben:

„Entferne sorgfältig alle Federn. Koche die Nester in Suppe

oder Wasser, bis sie weich und von der Farbe des Nephrytsteines

(gründlichweiß und durchscheinend) sind. Lege sie auf eine Lage

Taubeneier, bedecke sie mit Schinkenschnitten und koche sie nochmals.

Liebst du sie süß, so füge kandierten Zucker bei. Bereite sie

sorgfältig und ohne Oel. Habe acht, daß sie lange kochen, denn ißt du

sie, bevor sie weich sind, so bekommst du Durchfall.”

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 9 / 71 段