es nämlich lange nicht abgethan. Denn auf dieses erste Lehrbuch folgt
ein zweites mit ähnlichem Inhalt und tausend Wortzeichen, von denen
nicht zwei in Aussprache oder Bedeutung einander gleich sind. Das Buch
stammt aus dem Jahre 550 nach Christi Geburt, also aus der Zeit der
Langobardenzüge über die Alpen. Und haben die chinesischen Jungen auch
dieses von Anfang bis zu Ende auswendig gelernt, so müssen sie dasselbe
mit den vier Büchern und fünf Klassikern thun, welche die großen
Schätze der chinesischen Litteratur enthalten.
Der dritte Band der fünf Klassiker, Lun-yü, enthält die wichtigsten
Gespräche von Confucius und darunter auch das in Deutschland so viel
gebrauchte Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir thut, das thue
auch den anderen nicht”.
In diesen sogenannten neun heiligen Büchern befinden sich 4601
verschiedene Wortzeichen, von denen manche, wie gesagt, bis zu dreißig
verschieden gestellte Striche, Punkte, Keile enthalten, wobei
die falsche Stellung eines einzigen den Sinn des ganzen Zeichens
ändert. Die chinesische Schriftsprache enthält im ganzen gegen
200000 verschiedene Wortzeichen, von denen jedoch die größte Zahl
veraltet ist. Das große Wörterbuch von Kang-hyi enthält 44449 der
gebräuchlichsten.
Erst wenn die Jungen eines dieser Bücher nach dem anderen auswendig
gelernt haben, erfolgt die Erklärung des Sinnes durch den Lehrer, wobei
gewöhnlich die Kommentare von Tschu-fu-tze benützt werden, welche zur
Zeit der Kreuzzüge geschrieben wurden. Das ist das Um und Auf des
Wissens, welches der chinesischen Jugend beigebracht wird. Mathematik,
Geographie, Geschichte, Religion, ihre eigene Umgangssprache, irgend
welche praktische Wissenschaften sind dem chinesischen Lehrplan absolut
unbekannt, und selbst Leute, welche von den Chinesen als die größten
Gelehrten angesehen werden, haben häufig nicht die leiseste Ahnung von
der Lage der Kontinente, geschweige denn der einzelnen Länder. Alles,
was jenseits der Grenzen des himmlischen Reichs liegt, heißt einfach
Barbarei, und nur die Mandarine, welche in den offenen Häfen Dienst
thun, kennen die Bedeutung, wenn auch nicht die Lage von Deutschland,
England, Rußland. In all diesen Dingen, welche bei uns jedem
Schuljungen der ABC-Klassen geläufig sind, herrscht eine ebensolche
Unkenntnis wie etwa bei unseren ABC-Schülern über Confucius. In China
giebt es keinen staatlichen Unterricht, keine Staats- oder städtischen
Schulen, Schulzwang, Schulklassen, Diplome, Schulferien und Prüfungen,
ausgenommen die allgemeinen Wettprüfungen für die Beamtenstellen.
Aber dennoch hat jede Stadt, jedes Dorf eine bestimmte Anzahl von
Privatschulen, welche gewöhnlich von durchgefallenen Prüfungskandidaten
für Beamtenposten unterhalten werden. Sie erheben von den Schülern ein
jährliches Schulgeld von zwei bis fünf Taels (etwa sechs bis fünfzehn
Mark), was ihnen bei einer Schülerzahl von zwanzig bis vierzig ein
spärliches Jahreseinkommen von hundert bis hundertundfünfzig Taels,
oft auch weniger, gewährt, also ein ähnliches Schullehrerelend wie in
Ländern, die uns näher liegen. In größeren Städten kommt es häufig vor,
daß die wohlhabenderen Einwohner einer Straße oder eines Stadtviertels
sich zusammenthun und einen eigenen Lehrer zum Unterricht für ihre
Kinder nehmen, zuweilen geschieht dies auch von einzelnen reichen
Familien allein, oder von kaufmännischen Zünften, welche gewöhnlich
einen Raum ihres Zunfthauses oder Klubs für Schulzwecke einrichten.
Auch die in China sehr ausgebreitete Wohlthätigkeit hat viele Schulen
geschaffen, aber der Unterricht ist in allen derselbe. Auch in den
höheren Schulen, welche in manchen Großstädten, wie z. B. in Canton,
Shanghai, Tientsin, in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, giebt
es keine anderen Lehrbücher; die wichtigste Fertigkeit, die dort
gelehrt wird, ist der elegante Stil, die Dichtkunst und Korrespondenz;
bei der letzteren kommt es aber nicht darauf an, eigene Gedanken
leicht und klar niederzuschreiben, sondern die größtmögliche Zahl
stereotyper Wendungen und Floskeln auswendig zu lernen, in welchen der
Schreiber sich und seine Familie möglichst herabzusetzen, die Person
des Adressaten in den übertriebensten Ausdrücken herauszustreichen
sucht. Auch die neugegründeten Hochschulen und Universitäten in
Peking, Tientsin, Nanking sind keineswegs als solche aufzufassen,
doch gehen sie weiter als die gewöhnlichen chinesischen Schulen und
zeigen Mathematik, Geographie, Geschichte und vor allem moderne
Sprachen unter ihren Lehrfächern. Soll ein Junge in Arithmetik, in
verschiedenen Künsten und Fertigkeiten ausgebildet werden, so wird er
nach mehrjährigem Besuch einer der oben geschilderten Schulen zu einem
Handelsmann oder Gewerbetreibenden in die Lehre gegeben. Was er ins
Leben an Kenntnissen mitbringt, sind Lesen und Schreiben, aber auch
das nur in beschränktem Maße, das desto größer wird, eine je größere
Zahl von Jahren er in einer Schule Unterricht genossen hat. Die unteren
Stände begnügen sich damit, ihre Jungen zwei, drei Jahre in die Schule
zu schicken, Gärtner, Bootsleute, Kulis, Lastträger thun auch das
nicht. Im allgemeinen kann man annehmen, daß etwa dreißig Prozent
mindestens ihren Namen schreiben und die einfachsten Aufschriften,
Firmenschilder und dergleichen lesen können, etwa zehn bis zwanzig
Prozent, je nach der Provinz, können einfache Briefe schreiben, und
nur vielleicht fünf Prozent beherrschen die Sprache und Litteratur
einigermaßen. Sie genießen dafür aber auch bei ihren Mitbürgern das
größte Ansehen.
Nach dem Buch der Gebräuche, das seit vielen Jahrhunderten von den
Chinesen nach Thunlichkeit befolgt wird, soll der Knabe im siebenten
Lebensjahr die Kardinalpunkte des Wissens und das Zählen lernen; aber
es darf ihm nicht gestattet werden, auf derselben Matte (mit den
Eltern) zu sitzen, oder an demselben Tische zu essen; im achten Jahre
muß ihm gelehrt werden, Näherstehende zu bedienen und anderen vor
sich selbst den Vorrang zu lassen; mit zehn Jahren muß der Knabe zu
Privatlehrern in die Schule geschickt werden und dort Tag und Nacht
bleiben, um Arithmetik und Schreiben zu lernen; er muß dort einfache
Kleider tragen und sich anständig, aufrichtig und zweckentsprechend
benehmen. Mit dreizehn Jahren soll der Knabe sich mit Musik und
Dichtkunst befassen; mit fünfzehn Bogenschießen und militärische Künste
lernen. Dann ist er mit zwanzig Jahren so weit, um als Mann ins Leben
zu treten und noch mehr Anstandsregeln zu lernen, sowie seinen Kindes-
und Geschwisterpflichten treu nachzukommen; mit dreißig Jahren soll er
heiraten und die Leitung von Geschäften übernehmen; mit vierzig Jahren
kann er in den Staatsdienst eintreten, und wenn der Landesfürst seine
Regierungspflichten mit Weisheit erfüllt, soll er ihm treu dienen,
sonst nicht. Mit fünfzig Jahren kann er zum Rang eines Ministers
erhoben werden, und mit siebzig Jahren muß er sich ins Privatleben
zurückziehen.
Diese Vorschriften lesen sich sehr schön, aber mit ihrer Ausführung
kann es natürlich nicht sehr genau genommen werden. Immerhin steht der
Lebenslauf der Chinesen trotz der einseitigen Schulbildung auf einer
viel höheren Stufe, als es gewöhnlich angenommen wird. Dank ihrer guten
und strengen häuslichen Erziehung und ihrer Beobachtungsgabe lernen
sie zu Hause von praktischen Dingen vielleicht ebensoviel wie in den
Schulen von den alten Klassikern, und das Auswendiglernen der letzteren
stärkt ihr Gedächtnis in hervorragender Weise. Welch große Fähigkeiten
in der jungen Welt Chinas schlummern und nur geweckt zu werden
brauchen, zeigt der überraschende Erfolg und das rasche Vorwärtskommen
jener, welche in den vielen christlichen Missionsschulen Chinas, in den
von Europäern geleiteten Schulen in den offenen Vertragshäfen, dann
in jenen der ostasiatischen Kolonien erzogen werden. Ich habe deren
in Shanghai, Hongkong, Batavia und vor allem in Singapore besucht,
und die Lehrer waren des Lobes voll über die Lernbegierde und das
verhältnismäßig rasche Auffassungsvermögen der chinesischen Schüler.
Am meisten Gelegenheit, dies zu beobachten, bietet wohl das großartig
angelegte, reich ausgestattete Raffle’s Institute in Singapore, wo
ich selbst mehrere Tage in den verschiedenen Klassen unter mehreren
Hunderten chinesischer Schüler zubrachte. Junge Chinesen, welche in
europäischen oder amerikanischen Lehranstalten ausgebildet wurden,
haben ihre Lehrer in Erstaunen gesetzt und bei den Prüfungen die besten
Studenten der kaukasischen Rasse in mancher Hinsicht übertroffen.
[Illustration]
Meine erste chinesische Mahlzeit.
In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Canton machte ich die
Bekanntschaft eines der reichsten und vornehmsten Kaufherren der
chinesischen Millionenstadt und stattete ihm in seinem aus Dutzenden
von Hallen und Häusern bestehenden Heim meinen Besuch ab. Kaum war ich
wieder in mein Hotel, auf der Insel Shameen gelegen, zurückgekehrt,
so fand sich auch schon ein langbezopfter Bote mit einem großen roten
Papierblatt bei mir ein, auf welchem einige chinesische Hieroglyphen
verzeichnet waren. Mein Dragoman las: „Am sechsten Tage des Mai wird
ein bescheidenes Fest das Licht deiner Gunst erwarten. Grüße von T.
T.” -- also eine Dinereinladung, wie ich sie gewünscht hatte. Nur war
die Stunde nicht angegeben. Mein Dolmetscher erklärte mir, diese würde
später mitgeteilt werden. Am Morgen des sechsten Mai erschien in der
That wieder ein Diener mit einer zweiten roten Karte, auf welcher die
Speisestunde, sieben Uhr abends, angegeben war.
[Illustration: Chinesische Theetasse.]
Als ich eine halbe Stunde früher im Begriff stand, meine Sänfte
zu besteigen, erschien ein Abgesandter meines Gastgebers, um mich
nach dessen Haus zu geleiten. Am Eingange zu seiner mit einer hohen
grauen Ziegelmauer umschlossenen Wohnung empfing mich der Wirt in
eigener Person mit einer tiefen Verbeugung, indem er gleichzeitig die
zusammengeballten Hände zur Stirn erhob. Er war in einen langen Talar
von schwerer Seide gekleidet und trug auf seinem bezopften Haupte den
schildförmigen Tatarenhut mit langer roter Seidenquaste. In seinem
Empfangssalon, geschmückt mit herrlichen Ebenholzschnitzereien,
Lampions und Vasen mit künstlichen Blumen, befanden sich bereits
einige chinesische Gäste, sowie ein junger Engländer, der mit mir
auf demselben Schiffe nach Canton gekommen war. Wir wurden allen
Anwesenden vorgestellt, und diese beeilten sich, die gewöhnliche
Frage an uns zu richten, welches denn unser „ehrenwertes” Alter wäre.
Vor mir, dem Vierziger, machten die Zopfträger tiefere Verbeugungen
als vor dem viel jüngeren Engländer. Natürlich mußten auch wir uns
nach dem ehrenwerten Alter der Chinesen erkundigen. Mr. Clark, mein
Engländer, schien überrascht, als unser Gastherr ihm sein Alter als
Sechziger nannte, und auf die Frage nach der Ursache seines Staunens
ließ Clark ihm sagen, er sähe viel jünger aus, er hätte ihn nicht für
so alt gehalten. Konsternation auf allen Gesichtern. Diese europäische
Höflichkeitsäußerung zog hier entschieden nicht, Clark hätte besser
gethan, ihm zu sagen, daß er ihn für einen Achtziger hielte. Während
es in Ländern, die uns Europäern näher liegen, Sitte sein soll, daß
besonders die Damen von ihrem Alter einige Jährchen abzwacken, hören es
die Chinesen sehr gern, wenn man ihnen ein paar Jahre mehr giebt.
[Illustration: Im Herrensalon.]
Sieben Uhr. Schon hatten wir auf Damengesellschaft verzichtet, als
plötzlich aus dem benachbarten Raum sechs höchst elegant gekleidete
junge Damen trippelten, mit Füßchen kaum so lang wie mein Zeigefinger,
mit Perlenschnüren und Schmetterlingen in dem glattgekämmten, glänzend
pomadisierten Haar, weißgeschminkten Gesichtern und brennroten
Lippen, reizende kleine Wesen, deren Erscheinen sofort alle Gesichter
aufheiterte. Hinter ihnen schritten ebensoviele noch jüngere Mädchen in
einfacherer Kleidung einher, die an der Thür stehen blieben. Jede hielt
eine Wasserpfeife und eine glimmende Lunte in der Hand. Sie waren die
Dienerinnen der Damen.
Der Ausdruck Dame ist hier nicht recht gewählt, denn die Frauen
der Chinesen sind bei den Mahlzeiten, an denen andere Männer, ob
Chinesen oder Europäer, teilnehmen, niemals zugegen. Da aber die
Bewohner des Reiches der Mitte sich bei solchen Festlichkeiten auch
gern unterhalten, so ziehen sie an Stelle ihrer Frauen öffentliche
Sängerinnen bei, von jener Sorte, die nach unseren Anschauungen den
Namen Dame nicht verdienen. Nicht etwa, daß sich die anwesenden
Chinesinnen irgend welche Freiheiten in der Toilette oder im Benehmen
gestattet hätten. Beileibe nicht. Ihre langen, blauseidenen Gewänder,
über und über mit den köstlichsten Stickereien bedeckt, reichten
vom Halse bis an die Knöchel, und niemals würde sich bei solchen
Gelegenheiten auch die Schlimmste dieser „Blumen” nur halb so viel
Toilettefreiheiten erlauben wie unsere Damen der Gesellschaft. Die
sechs Blumen unserer Tafelrunde gebärdeten sich sittsam und bescheiden,
und als endlich der Gastherr uns einlud, den Speisesaal zu betreten,
trippelten sie alle zusammen uns Männern nach. In China würde es für
Verrücktheit oder gar Unverschämtheit angesehen, wollte man einer Dame
den Arm reichen, um sie zu Tisch zu führen.
Der Speisesaal war ein geräumiges, hohes Gemach, dessen eine Wand ganz
aus kuriosen, durchbrochenen Ebenholzschnitzereien bestand, mit runden,
weiten Oeffnungen, durch die wir den schönen Garten und Lotosteich des
Gastherrn sehen konnten. Die Tafel stand der gegenüberliegenden Seite
etwas näher und war zickzackförmig angeordnet; die Sitze befanden
sich aber nur an der äußeren Langseite, sowie an den Stirnen, während
die innere Langseite frei blieb. Den chinesischen Gastmahlzeiten
pflegen nämlich Vorstellungen von Sängerinnen, Zauberkünstlern und
dergleichen zu folgen, und eine vollständige Besetzung der Tafel würde
den Ausblick auf dieselben verhindern. Große farbige Laternen hingen an
Seidenschnüren von der Decke; die Wände bedeckten lange Papierstreifen
mit Inschriften und Sinnsprüchen, und rings um den Saal waren kleine
Ebenholztischchen aufgestellt mit ebensolchen, schön geschnitzten
Stühlen zu beiden Seiten. Auf einem dieser Tischchen stand ein großer
Kohlenbehälter mit einem Kessel darüber für den Wein, ein anderer
größerer Tisch diente als Serviertisch, dicht besetzt mit Schalen,
Schüsseln und Täßchen.
[Illustration: Opiumkneipe in Nanking.]
Es war köstlich anzusehen, unter welchen Verbeugungen und Zeremonien
die Gäste Platz nahmen. Der Hausherr hatte mir den Ehrenplatz zu
seiner Linken angewiesen; die Höflichkeit erfordert es, zu warten, bis
der Gastgeber Platz genommen hat, er aber lud seinerseits wieder die
anderen Teilnehmer zum Sitzen ein, und es vergingen einige Minuten, ehe
die Verbeugungen ihr Ende erreichten. Mir zur Linken hatte eine der
kleinen Dämchen Platz genommen, die fortwährend kicherte und mit ihren
Kolleginnen Bemerkungen austauschte, die wohl uns Fremde betrafen. Der
Tisch war über und über mit Speisen und Blumen bedeckt; große Schüsseln
mit Enten, Schinken, Gemüsen und Früchten, und über jede Schüssel waren
noch Blumen gestreut. Die herrlichen Blumenvasen, Schüsseln, kleinen
Thee- und Weintäßchen, die vor jedem Gaste standen, waren aus
feinstem Porzellan. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß neben meinem
Tellerchen nicht Messer und Gabel, sondern nur Chop Sticks lagen. Weiß
der geneigte Leser, was Chop Sticks sind? Die Chinesen ebenso wie die
Japaner essen nur mit zwei etwa zwanzig Centimeter langen Stäbchen, die
den Netznadeln unserer Damen so ziemlich gleichen. Gewöhnlich sind sie
aus Holz geschnitzt, in diesem Falle waren sie aus Elfenbein und hatten
überdies noch hübsch ciselierte silberne Köpfe. Aber was nützte mir das
kostbare Material, da ich auf ihren Gebrauch noch nicht eingedrillt
war? Die Chinesen nehmen zwei Sticks in eine Hand, derart, daß der
Mittelfinger zwischen ihnen liegt, und handhaben sie so geschickt, daß
sie selbst einzelne Reiskörner damit aufnehmen können. So haben sie
es schon vor Jahrtausenden gethan, während unsere Vorfahren noch im
siebzehnten Jahrhundert mit den Fingern aßen und keine Teller kannten.
Wem kommt nicht die Verordnung der großen Kaiserin Maria Theresia in
den Sinn, in welcher sie den Offizieren verbot, an der Hoftafel mit den
Fingern zu essen, oder sich die Nase am Rockärmel abzuwischen? Und doch
machte ich diesmal den Chinesen im stillen einen Vorwurf daraus, daß
sie noch keine Gabeln besaßen, denn wie sollte ich denn all die guten
Dinge essen? Sollte ich wie Ludwig XIII. von Frankreich auch die Finger
gebrauchen? Die Antwort gab mir mein Gastherr selbst, indem er zu
Beginn der Mahlzeit seinen kleinen Porzellanbecher mit warmem Reiswein,
Samschu, d. h. dreimal gebrannt, zur Hand nahm und erklärte, er hätte
auf meinen Wunsch dieses Gastmahl veranstaltet, um mir Gelegenheit
zu geben, die chinesische Küche kennen zu lernen. Dazu gehörten auch
die Chop Sticks. Er hoffe, ich werde dieselben noch recht häufig in
seinem Hause gebrauchen. Darauf leerte er sein Schälchen Wein, und
sich gegen mich verneigend drehte er das Schälchen in seiner Hand um.
In ähnlicher Weise zeigten mir auch die anderen Gäste ihre geleerten
Samschuschälchen, und ich mußte selbstverständlich das gleiche thun.
Der Geschmack des Weines war wie lauwarmer scharfer Sherry.
Neben meinem winzigen Tellerchen lag glücklicherweise noch ein Löffel
von Porzellan und Silber, in seiner Form einem kleinen Kochlöffel nicht
unähnlich; an Stelle der Serviette hatte jeder Gast einige bedruckte
Papierblättchen, wie sie durch die Japaner auch in Europa bekannt
geworden sind, nur kleiner, denn sie dienen nicht als Serviette,
sondern zum Abwischen der Eßstäbchen, die während der Mahlzeit nicht
gewechselt werden. Die schmutzigen Papierchen werden einfach unter den
Tisch geworfen. Vor jedem Gast stand überdies ein kleines silbernes
Schälchen für Gewürze und ein zweites aus schönem blauen Porzellan für
Soya, eine Gewürzsauce, die bei den wenigsten Mahlzeiten fehlt.
Ich hatte schon gefürchtet, daß die schönen Schinken und Gänse, die
vor uns in so leckerer Weise den Tisch zierten, die Mahlzeit bilden
würden; gefürchtet deshalb, weil ich ja kein Messer zum Zerschneiden
der Speisen hatte. Ich wurde aber eines Besseren belehrt, als die
Diener jedem einzelnen Gaste aus der Küche kommende Speisen, schon
in winzige Stückchen zerschnitten, in kleinen Porzellanschälchen
vorsetzten. Was diese Fleischstückchen wirklich waren, konnte ich wegen
der dicken verschiedenfarbigen Saucen, in denen sie schwammen, nicht
ausfinden. Vergeblich bemühte ich mich, mit Hilfe meiner Stäbchen
einzelne Stückchen herauszufischen, zum höchsten Gaudium der kleinen
Mädchen, bis sich endlich mein Gastgeber erbarmte und ein Stückchen
mit den von ihm benutzten Stäbchen aus seiner Schale nahm und mir in
den Mund schob; er that dies nicht sowohl um mir zu helfen, sondern
weil dies bei den Chinesen auch als besondere Auszeichnung gilt. Es
war nicht gerade appetitlich, aber „~in Rome, one must do as the
Romans do~”. Der Geschmack war süßlich, ölig und so widerwärtig,
daß ich den Ehrenbissen am liebsten wieder von mir gegeben hätte. Aber
wie konnte ich die Gastfreundschaft so verletzen! Also herunter damit.
Hätte ich nur ein Gläschen Wasser gehabt! Mit Verlangen blickte ich auf
die schönen Orangen und Leitschis und Mangos, die vor mir aufgetürmt
waren, dabei war ich hungrig wie ein Wolf und konnte es doch nicht
über mich bringen, einen zweiten Bissen hinunterzuwürgen. Vielleicht
brachte der nächste Gang, der uns etwa vorgesetzt wurde, etwas
Besseres. Abermals Fleischstückchen, abermals Sauce, aber so sehr mit
Knoblauch versetzt, daß ich mich mit einem geschickt erwischten Bissen
begnügte. Ich hoffte über diesen zweiten Gang dadurch hinwegzukommen,
daß ich recht lange mit meinen Stäbchen herumfischte. Ja, wenn nur
meine holde Nachbarin nicht gewesen wäre! Kichernd beobachtete sie
meine Versuche, dann erbarmte sie sich meiner, der ich dieses Erbarmen
gar nicht wollte. Sie nahm ein Stückchen aus ihrer Schale und schob es
mir in den Mund. So wurde ich auch während der folgenden Gänge bald
von rechts, bald von links gefüttert, mein Schälchen Reiswein wurde
immer wieder halbgeleert weggenommen und durch ein neues, gefülltes
ersetzt. Nun bemerkte ich erst, auf welche Weise dies geschah: Auf
einem Seitentischchen standen zwei Weingefäße in heißer Kohlenasche.
Die halbgeleerten Schalen wurden bei jedem Gange vom Tische genommen
und die Reste in das eine Gefäß zusammengegossen; dann wurden die
Schalen aus dem anderen wieder gefüllt. War dieses leer geschöpft, so
holte sich der Mundschenk den Wein aus dem anderen Gefäß, in welchem
die zusammengeschütteten Reste mittlerweile wieder warm geworden waren.
Neun Uhr. Immer noch wurden neue Gerichte aufgetragen, es mochte wohl
der zwölfte oder vierzehnte Gang dieses Banketts sein, und gar keine
Aussicht auf ein baldiges Ende. Die Geschichte war recht langweilig.
Mein Nachbar zur Rechten schob mir unter höflichen Verneigungen immer
neue Bissen in den Mund, meine Nachbarin zur Linken kicherte fröhlich
weiter und trank mir zu. Die anderen Gäste begannen ihre Befriedigung
über die gebotenen Leckerbissen in einer Sprache zum Ausdruck zu
bringen, zu der man keine chinesische Grammatik braucht, biedere,
kräftige Naturlaute, die so recht von Herzen zu kommen schienen.
Es war aber auch gar nicht anders möglich auf die vielen Zwiebeln,
Knoblauch, die verschiedenen Oele, Fette, Wurzeln, Gemüse, Kräuter,
Suppen, Leckereien, Präserven, Saucen, Fleisch- und Fischstückchen
und den warmen Wein. Meine Odaliske bestand fest darauf, mit mir zu
konversieren. Sie fragte mich die allermerkwürdigsten Dinge, die von
ihrem Nachbar zur Linken, meinem Dolmetscher, in erbärmliches Englisch
übertragen wurden. Ich suchte meine Antworten durch Kopfnicken und
Zeichen aller Art auszudrücken, um nicht meinen Dolmetscher durch
englische Antworten in Verlegenheit zu bringen. Sprach ich wirklich mit
ihm, so lachten die Dämchen alle laut auf und schrieen ~yes, yes~,
was es nur Platz hatte. Clark benutzte fortwährend das Taschentuch,
um die in seinen Mund geschobenen Bissen auf unmerkliche Weise zu
beseitigen. Sein ganzes Diner mußte unter dem Tische liegen.
[Illustration: Hausmusik.]