Noch zarter und künstlerischer sind die herrlichen Stickereien. Viele

Tausende von Männern und Frauen sind in Canton mit Stickarbeiten

beschäftigt, die auch in großen Mengen nach Europa ausgeführt werden

und hier willige Abnehmer finden. Monatelang wird manchmal an einem

Stück gearbeitet; die Blumen, Vögel, Schmetterlinge werden ihnen

nicht vorgezeichnet; sie arbeiten direkt nach dem Muster auf der

Seide und führen bestimmte Stickereien auf beiden Seiten derselben

aus, wobei sie die Enden der Fäden so geschickt verarbeiten und

verstecken, daß man sie nicht entdecken kann. Die schönsten Muster

werden in Seidenstoffe auf ganz einfachen Webstühlen eingewebt. Mit

den Geheimnissen der Färberei sind sie, obwohl sie von der Chemie als

Wissenschaft keine Ahnung haben, wohl vertraut, und die von ihnen

gefärbten Stoffe halten die Farben besser als diejenigen, die sie

von Europa geliefert bekommen. In der Zartheit und Genauigkeit von

Holz-, Elfenbein- und Steinskulpturen stehen sie unerreicht da. Mit

großer Findigkeit benutzen sie z. B. in geädertem Marmor die dunklen

Adern, in Astholz die Astknoten für die Zwecke ihrer Arbeit; aus einer

knorrigen Wurzel schneiden sie im Handumdrehen einen langbärtigen

Götzen, aus einem vielkantigen Speckstein einen grotesken Alten, wobei

ihnen die Auswüchse und Vorsprünge des Materials eher förderlich als

hinderlich sind. An Häuserfronten, Thüren, Wänden, Möbeln bringen sie

derlei Skulpturen an, wo sich nur Platz bietet, schneiden, polieren,

vergolden und bemalen sie mit großer Kunst, aber sie verstehen es

nicht, den Figuren die richtigen Verhältnisse, landschaftlichen

Darstellungen die Perspektive zu geben. Das zeigt sich auch bei ihren

Malereien. In Canton fand ich Tausende mit dem Bemalen des sogenannten

Reispapiers beschäftigt, eine Eigenart der chinesischen Industrie.

Dieses vermeintliche Reispapier, zart, blendend weiß, sehr gebrechlich

und federleicht, ist keineswegs Papier, sondern das Mark einer Abart

des Brotfruchtbaumes, das sehr sorgfältig abgelöst und dann mit dünnen,

breiten Messern in ganz dünne Scheiben geschnitten wird. Auf diese

Scheiben malen die Chinesen mit Wasserfarben alle möglichen Bildchen

aus dem Volks- und Familienleben, Porträts, Landschaften, aber sie

haben es nicht gelernt, den Bildern Schatten zu geben, ja in einem

Porträt wird beispielsweise die Schattierung als Fehler angesehen; bei

Darstellungen von Landschaften denken sie sich dieselben nicht von

einem einzigen Standort aus gesehen, sondern sie verändern denselben

jeweilig und malen also eine entfernt stehende Person ebensogroß und

mit ganz denselben Einzelheiten, wie eine nahestehende, nur stellen sie

die letztere tiefer, die entfernt stehende höher im Bilde.

In der Mehrzahl der Städte, selbst der kleinsten, werden Seidenstoffe

gewebt, aber nirgends befindet sich eine Fabrik in unserem Sinne

des Wortes; die Seide wird in einzelnen Familien verarbeitet, deren

wertvollste Habe ihr unförmiger Webstuhl bildet. Und doch verstehen

diese armen, unwissenden Mongolen bessere Seidenstoffe zu machen als

wir. Die Worte Seide (Setum), Satin, Senshaw, die heute in der ganzen

Welt eingebürgert sind, stammen aus dem Chinesischen, wo sie Sse,

Ssetum und Ss’inscha heißen. In Nanking ließ ich mich in die berühmte

kaiserliche Seidenfabrik führen, wo die Seide für den kaiserlichen

Hof in Peking, sowie für die Ahnen- und Götzenopfer angefertigt wird,

gewaltige Mengen, denn in Peking werden für Opferzwecke jährlich

dreißigtausend Stück Seide allein verbrannt. Statt einer Fabrik fand

ich dort eine Reihe schmutzstarrender dunkler Räume und in jedem

einen plumpen, vorsündflutlichen Webstuhl; aber auf diesen entstanden

allmählich unter meinen Augen die herrlichsten Damastbrokate, welche am

chinesischen Kaiserhofe die Bewunderung der Gesandten in so hohem Grade

erregen.

Welche Künstler die Chinesen in Bezug auf das Porzellan sind, ist ja

bekannt; von China kam die Porzellanfabrikation auch nach Korea und von

dort nach Japan, wo man heute vielleicht noch zarteres Porzellan macht

wie in dem eigentlichen Mutterlande desselben.

[Illustration: Handwerker.]

Ob es wohl bekannt ist, daß der Name Porzellan nicht aus diesem

letzteren, sondern aus dem Portugiesischen stammt? Als die Portugiesen

vor drei Jahrhunderten die zarten durchscheinenden gebrechlichen

Theetassen zum erstenmal sahen, hielten sie das Material für

geschliffene Perlmuttermuscheln, im Portugiesischen Porcellana genannt,

und dieser Name blieb dem Porzellan in den meisten Ländern und Sprachen

bis auf den heutigen Tag.

Papier war ihnen schon im ersten Jahrhundert vor Christo bekannt, aber

gerade so wie damals machen sie es heute noch aus Bambusfasern, die

sie in einem großen Mörser zerstampfen und mit etwas Baumwollfaser

mischen. Sie selbst betrachten das koreanische Papier als das beste,

und bis auf die jüngste Zeit bestand ein Teil des Tributs, welchen

Korea an den Kaiser von China zu zahlen hatte, in Papier. Aus

derselben Zeit stammt die Erfindung der Tusche, die sie immer noch

aus denselben Stoffen, Oel-, Kohlen- und Fichtenholzruß (also nicht

etwa aus dem Tintenfisch, wie es in Europa vielfach angenommen wird),

erzeugen. Vielfach wurde von seiten der Europäer in China versucht,

besonders bei Artikeln, welche nach Europa ausgeführt werden, den

Chinesen billigere Erzeugungsmethoden beizubringen, aber sie bleiben

mit rührender Beharrlichkeit bei ihren althergebrachten Methoden, wie

sie möglicherweise schon zur Zeit des Confucius gebräuchlich waren.

Fast könnte man daran verzweifeln, daß sie sich in ihren Industrien

überhaupt aufrütteln lassen, wenn nicht die wohlfeilen europäischen

Produkte die chinesischen unterbieten und deshalb immer mehr und mehr

Eingang finden würden.

Der Chinese ist viel zu sehr Rechenmeister und Handelsmann, um sich

auch dann auf seine Ueberlieferungen zu steifen, wenn es ihm an den

Geldbeutel geht; einzelne Artikel hat er schon aufgegeben, um sie durch

europäische zu ersetzen, andere europäische hat er selbst zu erzeugen

begonnen. So z. B. machen die Chinesen wohl schon seit langer Zeit

Nähnadeln, aber jede einzelne wird mit der Hand gefeilt und gebohrt

und ist deshalb nicht nur kostspielig, sondern auch so plump, daß sie

sich mit unseren spottbilligen Nadeln gar nicht vergleichen lassen.

Bekanntlich werden unsere Nadeln in kleine schwarze Paketchen gepackt.

Die guten chinesischen Damen stießen sich anfänglich an der schwarzen

Unglücksfarbe des Packpapiers und meinten, wenn die Nadeln in rotes

Papier gepackt wären, würden sie sie doch versuchen. Natürlich beeilten

sich die Birminghamer, ihre zarten Produkte für den chinesischen Markt

in schönes rotes Papier zu hüllen, und jetzt haben sich die Chinesen so

sehr an die billigen europäischen Nadeln gewöhnt, daß sie auch schwarze

Packungen annehmen. Der chinesischen Nadelindustrie aber ist der Garaus

gemacht. In den entfernten Provinzen des Innern schmieden sich die

Bauern ihre Nadeln freilich noch immer selbst. Auch den Nutzen von Glas

haben sie einsehen gelernt, das sie bis zum Verkehr mit den Europäern

gar nicht gekannt haben. Ihre Fensterscheiben waren Papierbogen,

ihre Spiegel aus Metall. Allmählich lernten sie das Schmelzen des

Glases, und Tausende von Tonnen Glasscherben und alten Flaschen wurden

jährlich nach China exportiert; jetzt verstehen sie es schon, den Kies

selbst zu schmelzen und Glasscheiben zu erzeugen, so daß die Ausfuhr

von Glasscheiben nach China vollständig aufgehört hat. Aber Spiegel

können sie noch immer nicht erzeugen, dafür schleifen sie ihre runden

Metallspiegel so glänzend, daß dieselben wirklich Ersatz für die

Glasspiegel bilden.

Auch Brillen fanden bei den Zopfträgern willigen Eingang, aber während

sie viele aus Europa einführen lassen, machen sie die Linsen und

Horneinfassungen auch schon selbst; je größer die Linsen, je dicker

die Rahmen, desto besser, denn es gehört in China zum guten Ton, große

Brillen zu tragen. Die Mandarine, Beamten, wohlhabenden Geschäftsleute

und die Compradores (Zahlmeister) der europäischen Kaufleute tragen

gewöhnlich unförmig große Augengläser mit Krystallscheiben darin,

welche ihr halbes Gesicht bedecken. Unsere europäischen Linsen können

sie nicht gebrauchen, weil diese ihrer Ansicht nach viel zu klein sind.

Deshalb bestehen in China einige Schleifereien solcher Linsen, und da

ihr Glas zu unrein ist, verwenden sie nur Krystall und schleifen die

Linsen so lange, bis sie den betreffenden Augen entsprechen. Auf meiner

Reise den Jangtsekiang aufwärts legte unser Schiff auch in Wuhu an.

Während eines Spazierganges dort begegneten wir einem meinem Begleiter

bekannten Chinesen, der eben zum Sekretär des Tao-Tais (Präfekten)

ernannt worden war. Durch unseren Dolmetscher ließ er uns mitteilen, er

wäre eben im Begriff, zum Optikus zu gehen, um sich Brillen für seine

schwachen Augen schleifen zu lassen. Offenbar schämte er sich vor uns,

als Beamter noch keine Brille zu tragen. Thatsächlich sahen wir ihn bei

einem Brillenmacher halten, und als wir zwei Stunden später zufällig

wieder vorbeikamen, rief er uns lächelnd zu, die Linsen wären nun für

sein Auge passend geschliffen. Der Neugierde halber blickte ich durch

diese riesigen kreisrunden Gläser; sie waren flach wie Fensterscheiben.

Aus dem ganzen industriellen Leben der Chinesen konnte ich erkennen,

daß sie mit Zähigkeit an ihren althergebrachten Werkzeugen und

Herstellungsarten festhalten und ungemein schwer dazu gebracht

werden können, sich die unsrigen anzueignen. Selbst im Auslande,

wie z. B. in Kalifornien, wo sie doch mitten unter den Amerikanern

leben und arbeiten, haben sie ihre altchinesischen Handwerksmethoden

beibehalten; sie lassen sich ihren ganzen Bedarf an Kleidern,

Gerätschaften, Werkzeugen aus China bringen, statt die praktischen,

billigen amerikanischen Artikel anzuschaffen. Nur Artikel, die sie vor

der Berührung mit den Europäern nicht besaßen, nehmen sie willig an,

vorausgesetzt, daß ihnen deren Nützlichkeit einleuchtet. So war es gar

nicht schwer, den Gebrauch von Petroleum und damit auch Petroleumlampen

bei ihnen einzuführen, aber die letzteren machen sie jetzt in Canton

schon selbst und verschicken sie jährlich nach vielen Tausenden ins

Innere. Ebenso unbekannt war ihnen unsere Eisenindustrie mit ihren

großen Gießereien, ihren gewaltigen Stahlwerken, Maschinen aller Art.

Es dauerte gar nicht lange, so besaß die Regierung an verschiedenen

Orten Arsenale und Maschinenwerkstätten, geleitet von Europäern, die

sie aber allmählich durch eingeborene Ingenieure und Mechaniker zu

ersetzen bestrebt sind. Augenblicklich sind sie daran, den Eisenbahnbau

von Europäern zu studieren, um seinerzeit ihre Eisenbahnen selber bauen

zu können.

[Illustration: Christliche Chinesen (Schneider).]

Trotz der großen Erfindungen, welche die Geschichte den Chinesen

des Altertums zuschreibt, sind die heutigen Bewohner Chinas kein

erfindungsreiches Volk; dafür ist ihr Nachahmungsvermögen ungewöhnlich

stark ausgeprägt. Haben sie einmal europäische Gegenstände, von deren

Nützlichkeit sie überzeugt sind, und werden sie durch Europäer in die

Geheimnisse ihrer Herstellung eingeweiht, so ist es ihnen ein leichtes,

selbständig zum Nachteil der europäischen Industrien weiter zu schaffen.

In Hongkong, Shanghai, Singapore und anderen Großstädten Ostasiens ist

die Kleinindustrie fast ganz in die Hände der Chinesen übergegangen,

denn der Europäer kann mit ihnen nicht konkurrieren. Der Bedarf

an Kleidern und Schuhwerk für die dort ansässigen Europäer wird

größtenteils von Chinesen geliefert, die sich auch in diesen Sachen als

sehr flinke, verläßliche und äußerst anspruchslose Arbeiter erweisen.

Für neue Kleider, Wäsche oder Schuhe Maß zu nehmen, ist nicht ihre

Sache; aber sobald ich ihnen ein europäisches Kleidungsstück als

Muster mitgab, verfertigten sie danach in der kürzesten Zeit genau das

gleiche Kleidungsstück zu erstaunlich billigen Preisen. Ganze Anzüge

aus guten europäischen Stoffen wurden mir in Shanghai und Singapore für

zehn bis zwölf Silberdollars (nach dem gegenwärtigen Werte zwanzig bis

fünfundzwanzig Mark) binnen vierundzwanzig Stunden geliefert. Nur muß

in kleineren Orten darauf Bedacht genommen werden, diesen bezopften

Kleiderkünstlern nicht etwa geflickte Kleider als Muster mitzugeben,

weil das neue Kleidungsstück dann gewiß den gleichen Flickschaden an

der gleichen Stelle zeigen würde.

[Illustration]

Wie die chinesischen Jungen das A B C lernen.

Wie in den mohammedanischen Ländern, braucht man auch in China die

Kinderschulen nicht lange zu suchen; schon aus der Ferne künden sie

sich durch einen Heidenlärm an, und es ist geradezu erstaunlich,

welches Geschrei die kleinen kahlrasierten sechs- bis achtjährigen

Rangen entwickeln können. Gewöhnlich sitzen ihrer nicht mehr als

zwanzig bis dreißig in einer Schule, aber man könnte glauben, sie wären

von der zehnfachen Zahl, so kräftig sind ihre Lungen. Vom frühen Morgen

bis nach Sonnenuntergang schreien sie sich ihre Kehlen aus, Tag für

Tag, Monat für Monat, ohne sonntägliche Unterbrechung, ohne Ferienzeit,

denn diese schönste Zeit der europäischen Schuljugend ist in China

unbekannt. Zu Neujahr ist Schulanfang, und kurz vor dem nächsten

Neujahr geht der Kursus zu Ende, um nach den Festlichkeiten neuerdings

zu beginnen. So geht es drei, sechs, zehn Jahre lang, je nach der

Schulbildung, welche die chinesischen Eltern ihren Söhnen zukommen

lassen wollen. Ihren Söhnen allein, denn die Töchter sind im Reiche der

Mitte von der Schulbildung ausgeschlossen. Sie gehören in das Haus,

nicht ins Leben, und selten begegnet man einer Chinesin, die geläufig

lesen und schreiben kann.

[Illustration: Dorfjugend am Wege.]

Bei meinen Spaziergängen durch Canton wollte ich auch diese

chinesischen Kinderschulen kennen lernen, allein der Besuch eines

Europäers hätte wohl Lehrer wie Schüler befangen gemacht. So trachtete

ich, Gelegenheit zu erhalten, sie unbemerkt zu beobachten. Gegenüber

einem der vielen gemauerten, mehrstöckigen Pfandhäuser, welche

das Häusermeer der Zweimillionenstadt überragen, befand sich ein

kleines, einstöckiges Häuschen. Das untere Stockwerk wurde von einem

Kastenverfertiger eingenommen, der den ganzen lieben Tag an seinen

Kisten und Kasten hämmerte. Das obere Stockwerk hatte er an einen

Privatlehrer vermietet, der etwa zwanzig schlitzäugige Söhnchen des

Himmels in den Lehren des Confucius unterrichtete. Mein Dolmetscher

hatte von dem Pfandhausbesitzer die Erlaubnis für mich erwirkt, einen

Vormittag im ersten Stock seines festen, turmartigen Gebäudes zubringen

zu dürfen. Ich schloß die schweren Holzläden des der Schule gerade

gegenüberliegenden Fensters und stellte mich an das Guckloch. Das

Schulzimmer war nur etwa ein Meter von mir entfernt, und ich konnte es

ganz übersehen.

Der Mentor war bereits am Werk: ein alter Mann mit ungeheurer Brille

auf der Nase, über welche er beim Lesen hinwegguckte. Alle Lehrer,

die ich später in anderen Städten zu sehen bekam, trugen Brillen,

nicht etwa ihrer schlechten Augen wegen, sondern als Zeichen ihrer

Gelehrsamkeit und größeren Autorität. Neben meinem Lehrer stand ein

kleines Tischchen, auf dem sich ein langes elastisches Bambusröhrchen

befand. Der Zweck desselben ist bekannt. Auch in Europa weiß es jeder

Schuljunge. In einer Ecke der hinteren Wand stand etwa ein Meter hoch

vom Boden ein spannenlanges Holztäfelchen, mit einigen chinesischen

Schriftzügen bedeckt, wie mir mein Dolmetscher erklärte, zu Ehren des

Confucius. In der anderen Ecke bemerkte ich eine scheußliche Fratze

auf Papier gemalt, den Gott der Schulweisheit darstellend. Vor beiden

standen mit Sand gefüllte Töpfe, in denen einige Räucherkerzchen

glimmten. Der Rest der Schulstube wurde von etwa zwei Dutzend kleinen

Tischchen und Stühlen für die Schüler eingenommen; die Jungen standen

in Reihen vor dem Lehrer und schrieen laut die Sätze nach, die er

ihnen aus einem kleinen Buche vorsagte. Dabei schlenkerten sie mit

den Händen und tanzten von einem Fuße auf den andern, daß die langen

Scheitelzöpfchen ihrer sonst kahlrasierten Schädel wie Uhrenpendel

hin- und herbaumelten. In einer Hand trug jeder ein kleines rotes

Zettelchen, mit einigen Schriftzeichen bedeckt, auf welche mitunter

ein Blick geworfen wurde. Von Zeit zu Zeit kehrte die ganze bezopfte

Gesellschaft zu ihren Sitzen zurück, augenscheinlich um das eben vom

Lehrer Gehörte auswendig zu lernen. In sitzender Stellung konnten die

Jungen nicht so gut mit den Beinen strampeln und die Arme bewegen,

dafür schüttelten sie die Köpfe oder wiegten den Oberkörper hin und

her und schrieen dabei nach Leibeskräften ihre Lektion herunter.

Das verhinderte den bebrillten Lehrer aber nicht, allmählich

einzuschlummern. Zuerst schien es, als würde er in dem vor ihm auf

dem Schoße liegenden Büchelchen lesen; dann begann er mit dem Kopfe

zu nicken, wie eine chinesische Porzellanfigur mit beweglichem Kopf,

und endlich schlief er ganz fest, trotz des Gebrülles rings um ihn.

Mitten während der Schulstunde trat ein verspäteter Schüler ein,

was die anderen zu noch stärkerem Schreien veranlaßte. Der Lehrer

erwachte. Zornig blickte er auf den kleinen putzigen Nachzügler, der

schüchtern vor das Bild des Weisheitsgottes trat und sich davor auf

die Knie werfend mit der Stirn den Boden berührte; dann bezeigte er

dem Confuciustäfelchen und schließlich auch dem Lehrer die gleiche

Verehrung. Aber dieser nahm den Jungen sehr ungnädig auf. Ihn bei den

Kleidern packend, legte er ihn über seine Knie und drosch mit dem

Bambusrohr recht unbarmherzig auf ihn los. Die anderen Schüler wagten

es gar nicht, aufzublicken. Hatte einer von ihnen seine Lektion

erlernt, so trat er vor den Lehrer, reichte ihm das rote Zettelchen

und plapperte dann den Inhalt herunter, aber nicht mit der Vorderseite

dem Lehrer zugewandt, wie bei uns, sondern mit der Kehrseite. Bei den

Chinesen ist eben alles umgekehrt.

[Illustration: Beim Schreiben und Tuscheanreiben.]

Die letzte Schulstunde wurde dem Schreiben gewidmet. Jeder Schüler

hatte vor sich auf dem Tische ein kleines Schreibheft aus dünnem,

durchscheinendem Papier, eine Tuschschale, ein Stückchen Tusche

und einen Haarpinsel mit Bambusstiel. Der Lehrer verteilte kleine

Schreibunterlagen mit einigen chinesischen Schriftzeichen; diese wurden

unter das letzte Blatt des Heftes geschoben (die Chinesen schreiben

bekanntlich von oben nach unten, von hinten nach vorn), und jeder

Schüler malte nun mit schwarzer Tusche die durch das dünne Papier

sichtbaren Schriftzeichen mit ziemlicher Gewandtheit nach, ohne daß

sie dabei ihren Arm auf den Tisch legten, sondern ganz frei hielten.

War eine Seite damit bedeckt, so wurde die Uebung auf der zweiten von

neuem begonnen, während der Lehrer von Schüler zu Schüler schritt und

die Reihenfolge der einzelnen auszuführenden Striche erklärte. Jedes

der zahllosen Schriftzeichen der chinesischen Sprache besteht nämlich

aus verschiedenen Strichen, viele darunter haben deren sogar dreißig

oder mehr, und die unrichtige Stellung auch nur eines einzigen Striches

würde den Sinn des ganzen Zeichens verändern. Ebenso ist es auch nicht

einerlei, ob man das Zeichen von oben oder unten oder in der Mitte zu

malen beginnt; der unrichtige Anfang erschwert das Malen des ganzen

Zeichens, ähnlich wie es bei unserer Schrift der Fall ist, wenn wir ein

Wort mit einem Buchstaben in der Mitte zu schreiben beginnen würden.

Etwas nach zehn Uhr vormittags wurde der Unterricht für eine Stunde

unterbrochen, die Jungen packten ihre Siebensachen zusammen und gingen

nach Hause, nicht lärmend und schreiend und lachend, wie zuweilen

unsere Schüler, sondern ernst und gravitätisch. Wieder die verkehrte

Welt!

Die Schulstube war nun leer, und mein Dolmetscher führte mich

hinüber. Die Tische und Sitze waren nicht beschmutzt, bekritzelt

und zerschnitten, wie jene unserer Schulen, sondern von makelloser

Reinheit. Auf dem Tische des Lehrers lag das Buch, aus welchem er

seine Weisheit schöpfte, dasselbe Buch, das ich später in Shanghai, in

Nanking und anderen Städten Chinas überall in Verwendung finden sollte

und das den Chinesen seit tausend Jahren unverändert von Generation zu

Generation als Urquell ihres Wissens dient. Ein Zeitgenosse Karls des

Großen war sein Verfasser. Mit einer gewissen Ehrfurcht nahm ich das

Buch zur Hand. In der chinesischen Schrift giebt es bekanntlich keine

Buchstaben, sondern jedes Wort, jeder Begriff hat sein eigenes Zeichen.

Immerhin ist es befremdend, daß die Tausende von Millionen chinesischer

Schulkinder, welche seit dem neunten Jahrhundert nach diesem Lehrbuche

unterrichtet worden sind, als ersten Anfang, unserem ABC entsprechend,

gleich die philosophischen Lehren des Confucius eingetrichtert bekommen

haben. Der erste Satz dieses Sant-tsz-king genannten Lehrbuches lautet

nämlich folgendermaßen:

„~Dschin tschi tsu, sing pun schen

sing siang kin, si siang yeten~”.

Da stand es in den eigentümlichen, verzwickten Hieroglyphen, jedes

Zeichen eine Art Rösselsprung mit Strichlein und Punkten, dick

und dünn, keilförmig oder gebogen, mit Quadrätchen und Dreiecken

dazwischen, ohne irgendwelche Anleitung zur Erforschung des Rätsels,

ein Dutzend Rösselsprungfiguren in vertikalen Reihen untereinander.

Mein Dolmetscher sagte mir den Inhalt her, ohne die Zeichen auch nur

anzusehen, denn ebenso wie jeder andere Chinese, vom Kaiser bis zum

letzten Handwerker, hatte auch er als Kind dieses ABC des chinesischen

Unterrichtswesens auswendig lernen müssen. Die Uebersetzung lautete:

„Menschen sind bei ihrer Geburt von Natur aus gut,

Im praktischen Leben weichen sie weit voneinander ab”.

Dann folgen gelehrte, tiefsinnige Sätze über die Notwendigkeit der

Kindererziehung und die Art, wie sie erfolgen soll, endlich einige

Fundamentallehren, z. B.:

„Es giebt drei Mächte -- Himmel, Erde, Mensch.

Es giebt drei Lichter -- Sonne, Mond und Sterne.

Es giebt drei Bande -- zwischen Fürst und Beamten: Gerechtigkeit,

zwischen Sohn und Vater: Liebe -- zwischen Mann und Weib: Eintracht.

Menschlichkeit, Gerechtigkeit, -- Anstand, Weisheit, Wahrheit:

diese fünf Kardinaltugenden muß man beachten.

Reis, Hirse, Hülsenfrüchte, Weizen, Roggen und Gerste --

sind sechs Lebensmittel, mit denen die Menschen sich ernähren.

[Illustration: Das chinesische ABC.]

Gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn, Eintracht zwischen Mann

und Weib, vom älteren Bruder Güte, vom jüngeren Bruder Achtung;

Ordnung zwischen älteren und jüngeren Leuten, Freundschaft zwischen

Gefährten, vom Fürsten Rücksicht und vom Minister Treue:

diese Pflichten sind allen Menschen auferlegt”.

Dieser Art sind die Sätze, welche alle chinesischen Jungen auswendig

zu lernen haben, ohne auch nur ein Wort davon wirklich zu verstehen,

denn sie sind in der alten klassischen Sprache der Chinesen verfaßt,

die von den vielen Dialekten, wie sie heute in dem ungeheuren Lande

gesprochen werden, mitunter ebenso verschieden ist, wie etwa Lateinisch

vom Deutschen. Der Unterricht der Chinesen beginnt also etwa ebenso,

als würde man unseren des ABC unkundigen Schülern einen lateinischen

Klassiker, etwa Cicero, in die Hände geben und z. B. mit dem Satz

beginnen:

~Homo sum; humani nihil a me alienum puto --~,

wobei man ihnen sagt, wie die einzelnen Wörter ausgesprochen werden.

Aehnlich hat es ja wirklich der Dichter des Verlorenen Paradieses,

der blinde Milton gethan, der sich von seinen Töchtern lateinisch

vorlesen ließ, ohne daß sie selbst ein Wort davon verstanden; aber sie

kannten doch zum mindesten die Buchstaben und ihre Zusammensetzung zu

Wörtern; nach der chinesischen Lehrmethode aber müssen die Kinder das

Wort nicht nach den einzelnen Schriftzeichen, aus denen es besteht,

sondern nach seinem allgemeinen Aussehen erkennen und die Aussprache

wissen, ohne auch nur von einem den Sinn, die Bedeutung zu verstehen.

Wie geplagt müßte ein europäischer Schriftsetzer sein, der, ohne jemals

ein chinesisches Schriftzeichen gesehen zu haben, ein chinesisches

Buch in Typen setzen sollte! Aber er wäre noch glücklich zu preisen

im Vergleich zu den jugendlichen Söhnen des Reiches der Mitte, welche

außerdem noch die Aussprache jedes dieser Tausende und Abertausende von

Schriftzeichen kennen müssen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 7 / 71 段