kurz zuvor ein Verbrecher gefoltert worden war, und daneben lag ein
mit einer kleinen Strohmatte bedeckter Gegenstand. Als der Führer
diese Matte wegzog, zeigte sich meinen entsetzten Blicken ein blutiger
Menschenkopf, der von einer Hinrichtung herrührte. Nahebei lag ein
etwa fußhoher, mit Blutspuren und zahlreichen tiefen Einschnitten
versehener Holzklotz. Weil die zum Tode Verurteilten freiknieend
enthauptet werden, so konnte ich mir die Bestimmung des Holzklotzes
nicht erklären. Da erwähnte der Führer nur das Wort Lei-tschei und
machte mit der Rechten die Bewegung des Zerhackens. Nun entsann ich
mich, in Hongkong auf einer grauenvollen Photographie denselben
Holzklotz bemerkt zu haben. Lei-tschei ist die gesetzliche Todesart für
Elternmörder und besteht darin, daß der Verurteilte, wie die Vorschrift
lautet, vor der Enthauptung in tausend Stücke zerhackt wird. Die
Scharfrichter beginnen mit dem Abhauen der Weichteile ... doch, man
möge mir die Schilderung dieser entsetzlichen Grausamkeit ersparen.
Genug, das Lei-tschei wird jetzt noch alljährlich in Dutzenden von
Fällen angewendet.
[Illustration: Hinrichtung.]
Die drei genannten Todesarten, das Erdrosseln, Köpfen und Zerstückeln,
sind noch nicht die schlimmsten. Sind sie auch die allein gesetzlichen,
so giebt es noch viel grausamere, wenn auch nicht so blutige. In
der großen Stadt Futschau wird der ausländische Stadtteil durch die
berühmte Wan-schan-Kian, die Brücke der zehntausend Alter, mit dem
chinesischen Stadtteil verbunden. Mitten unter den vielen Kramladen und
Kaufständen, welche die Ränder der Brücke einnehmen, und über welchen
häufig genug auf langen Stangen die Köpfe enthaupteter Verbrecher
prangen, sieht der Spaziergänger zuweilen einen Käfig aus Bambusstäben,
in welchem irgend ein Verbrecher unter den glühendsten Sonnenstrahlen
schmachtet. Zwei den Hals umschließende Querbretter halten den Kopf so
hoch, daß die Fußspitzen des aufrecht stehenden Unglücklichen kaum den
Boden berühren. Papierstreifen, auf den Käfig geklebt, verkünden den
Vorübergehenden sein Verbrechen. So bleibt er tagelang ausgestellt,
bis endlich der Tod ihn von dieser langsamen Folter befreit.
Aehnliche Käfige sah ich nachher bei meinen Reisen durch das Innere
von China beinahe in allen Städten, gewöhnlich auf den belebtesten
Verkehrspunkten, an Brücken, vor den Yamen der Mandarine und vor den
Stadtthoren.
[Illustration: Hinrichtung von Seeräubern.]
Aber noch mehr. Als in den siebziger Jahren die furchtbarste Hungersnot
in den nördlichen Provinzen herrschte, blieb Tausenden der darbenden
Landleute nichts übrig als der Kannibalismus, und die Feder sträubt
sich, die entsetzlichen Vorkommnisse niederzuschreiben, die der
Geschichte angehören. Wurden derlei Unmenschen auf der That ertappt, so
wurden sie in Tientsin in Käfigen an den Pranger gestellt und mußten
verhungern; andere wurden lebendig an die Stadtmauern gepflöckt, und
eine Anzahl Frauen, welche des Kannibalismus an ihren eigenen Kindern
überwiesen wurden, ließen die Mandarine lebendig begraben.
In Kowloon, der Hongkong auf dem Festlande gegenüberliegenden
Chinesenstadt, wurde mir die Stelle gezeigt, wo vor einigen Jahren
fünfzehn Piraten, welche ein europäisches Schiff überfallen und die
Mannschaft getötet hatten, summarisch geköpft wurden. Vertreter der
europäischen Konsulate in Hongkong waren dabei zugegen, und ich erwarb
in Hongkong Photographien dieser Exekution, welche die letztere in
verschiedenen Momenten darstellen.
Die Köpfe waren mit erstaunlicher Sicherheit von den Körpern getrennt
worden; kein einziger der letzteren zeigte die geringste Verletzung.
Wie mir Chinesen erzählten, wird die Enthauptung selten vom
Scharfrichter selbst, sondern gewöhnlich von einem Sträfling vollzogen,
der sich vorher an Gurken für sein schauerliches Amt einübt. Er ist
wohl zu derartigen Vorstudien gezwungen, denn trennt er das Haupt nicht
auf den ersten Strich, so darf er keinen zweiten ausführen, sondern muß
die Trennung durch Sägen vollenden.
Hat der chinesische Provinzmandarin auch nicht das Recht über Leben
und Tod der Verbrecher, so hat er auf andere Weise die Mittel hierzu
doch in seiner Hand. In China besteht nämlich heute noch die
gesetzliche Folter. Kein Verbrecher darf verurteilt werden, ohne daß
er sein Verbrechen selbst eingestanden hat, selbst wenn die Beweise
erdrückend wären. Erst wenn er sein Geständnis selbst unterschrieben
hat, und häufig genug unterschreibt auch der Unschuldige ein solches,
um der Tortur zu entgehen, wird ihm die Strafe zugemessen. Die Foltern
selbst, obschon grausam genug, sind lange nicht so entsetzlich wie
jene, welche in früheren Zeiten in Europa gebräuchlich waren, und von
denen in manchen unserer alten Burgen und in den Museen heute noch die
Folterwerkzeuge Zeugnis ablegen.
[Illustration: Enthauptete Seeräuber.]
Die gebräuchlichsten Foltern in China sind eine Art von Hand- und
Fußschrauben, Knien auf Ketten, auf Glassplittern gemischt mit Salz
und andere. Das Entsetzliche der Sache liegt hauptsächlich darin,
daß nicht nur der Angeklagte, sondern auch Kläger und Zeugen häufig
der Folter unterworfen werden, um weitere Geständnisse von ihnen
zu erpressen. Ist der Drang der Geschäfte zu groß, so werden die
Beschuldigten mit den Zeugen zusammen ins Gefängnis geworfen, bis der
Mandarin Zeit hat, den Fall zu prüfen; und das allein erklärt schon
die heilige Scheu der Chinesen vor dem Gesetz. Stirbt jemand an den
Folgen dieser entsetzlichen Behandlung, so wird die Sache möglichst
vertuscht; auch lassen die Mandarine mit sich reden, und gewöhnlich
bekommt von zwei streitenden Parteien diejenige recht, welche den
Mandarin durch Schmieren beeinflußt hat. Diese Bestechlichkeit der
Richter ist in China geradezu sprichwörtlich und erklärt auch die
bedeutenden Einkünfte derselben, sowie das Streben der chinesischen
Litteraten, Beamtenposten zu ergattern. Freilich wird der Willkür
der Mandarine teils durch die Furcht vor ihren Vorgesetzten, teils
durch die öffentliche Meinung ein wirksamer Hemmschuh angelegt. Wird
das Treiben eines Mandarins der Bevölkerung zu bunt, so wird er,
besonders häufig in den Inlandstädten, von den Stadtältesten höflich
eingeladen, die Stadt zu verlassen. Man stellt ihm die Sänfte vor die
Thür, veranlaßt ihn sie zu besteigen und trägt ihn vor die Stadtthore.
In solchen Fällen behält die Bevölkerung gewöhnlich recht, und der
Provinzgouverneur oder die Zentralregierung ernennt einen anderen
Mandarin auf den freigewordenen Posten.
[Illustration: Bestrafung von Kupplerinnen.]
Häufiger noch als die Bastonnade kommt in China die Strafe des
Kangtragens zur Anwendung. Auf meinen Wanderungen in chinesischen
Städten fand ich fast überall derartige unglückliche Kangträger,
besonders zahlreich in den Gefängnissen selbst. Der Kang besteht ans
zwei Brettern, welche, an den Innenseiten mit Ausschnitten für den Hals
versehen, dem Verurteilten als eine Art Halskrause angelegt und durch
Ketten oder Riegel miteinander verbunden werden. Diese Halsbretter,
etwa sechzig bis achtzig Centimeter im Geviert und bis zu zwei Finger
dick, bleiben dem Sträfling während der ganzen Strafdauer, von ein
bis drei Monaten. Sie wären an und für sich, obschon bis zu fünfzehn
oder zwanzig Kilogramm wiegend, gar nicht so schrecklich. Die Schwere
der Strafe kann man sich erst vorstellen, wenn man erfährt, daß der
Kang Tag und Nacht auf dem Nacken des Unglücklichen ruht, daß er sich
also niemals niederlegen kann, sondern stehend oder sitzend schlafen
muß. Ebensowenig kann er seine Hände zum Kopfe führen oder Nahrung zu
sich nehmen und muß also durch mitleidige Vorübergehende oder Freunde
gefüttert werden. Auf die Bretter geklebte Papierstreifen enthalten
seinen Namen, das Verbrechen und die Dauer der Strafe.
In manchen Werken über China wird behauptet, daß Frauen zum Tragen
des Kangs niemals verurteilt würden. Ich habe aber selbst weibliche
Kangträger gesehen und auch Photographien erworben, welche nicht nur
einzelne, sondern auch drei Frauen zusammen in einem Kang mit drei
Halslöchern steckend darstellen. Wie stark das weibliche Geschlecht
unter den Gefangenen oder sonstigen Verurteilten in China vertreten
ist, konnte ich trotz eifriger Nachfragen ebensowenig erfahren, wie
die Zahl der letzteren überhaupt. Ja in den Gefängnissen der größten
Städte konnte man mir nicht einmal die Zahl der Gefangenen während
eines Jahres angeben. Mit der Statistik ist es in China schlecht
bestellt, aber doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Zahl
der Gerichtsfälle in dem Reiche der Mitte verhältnismäßig bedeutend
geringer ist, ja vielleicht kaum die Hälfte jener in zivilisierten
Ländern beträgt. Der Wunsch des Kaisers Kang-Hi in Bezug auf die
Rechtspflege in China ist also in Erfüllung gegangen.
[Illustration: Verbrecher im Kang.]
[Illustration: Schuhflicker.]
Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln.
An den Sehenswürdigkeiten chinesischer Städte, an Tempeln, Pagoden
und Ehrenpforten, hat sich der Europäer gewöhnlich bald satt gesehen,
denn der großen Mehrzahl nach sind sie von einem ewigen Einerlei.
Kam ich im Reiche der Mitte in eine mir noch unbekannte Stadt, so
bangte mir gewöhnlich schon vor dem Confuciustempel oder der Pagode,
die ich besichtigen sollte. Was wirklich interessant wäre, wie die
Kaiserpaläste und Ahnentempel in Peking, ist nicht zugänglich, und
wo diese Kaiserpaläste und Tempel wirklich zugänglich wären, wie in
Nangking, sind nur noch traurige Ruinen davon übrig.
Weit interessanter als diese Bauten in den chinesischen Städten ist das
Leben und Treiben ihrer Einwohner, darunter vor allem die chinesische
Industrie. Gewöhnlich ließ ich mich von einem Dolmetscher zuerst
in die Geschäftsstraßen führen, wenn die engen, dunklen, feuchten
Gäßchen der meisten Städte den Namen Geschäftsstraßen überhaupt
verdienten. Allerdings war ich selbst dort viel mehr der Gegenstand
der Neugierde, als es die Chinesen für mich waren. Solange ich mich
mitten durch das rege Gewühl und Gedränge fortbewegte, beschränkte sich
mein neugieriges Gefolge gewöhnlich auf etwa ein Dutzend Personen;
blieb ich irgendwo stehen, so verdoppelte sich der mich umdrängende
Menschenhaufe, und begann ich gar durch meinen Dolmetscher zu fragen
oder zu feilschen, dann schrieen die bezopften Straßenjungen vor lauter
Verwunderung und lockten noch die Menschen aus den Seitengäßchen
herbei. In der ersten Zeit war mir diese schmutzige, zerlumpte
Gesellschaft in hohem Grade lästig, aber später gewöhnte ich mich
daran. Bei solchen Gelegenheiten kam mir immer der erste Chinese in
den Sinn, den ich als kleiner Junge in Europa gesehen habe. War ich
ihm dort etwa nicht ebenfalls nachgelaufen? Wurde er nicht durch böse
Gassenjungen geneckt und beim Zopfe gezupft und ausgelacht? Jetzt
zahlten seine Landsleute mir diese Neugierde zurück.
[Illustration: Im Kaufladen.]
In Canton kümmern sie sich um die Europäer wenig mehr. Canton, diese
größte Stadt des Reiches der Mitte, ist an Europäer schon seit
dreihundert Jahren gewöhnt, man sieht ihrer dort viel mehr als in
anderen Städten Chinas, und das Gefolge beschränkt sich gewöhnlich nur
auf ein halbes Dutzend Menschen, die man sich hier auch leichter vom
Leibe halten kann. Dazu ist Canton das Paris, oder ich möchte lieber
sagen das Neuyork von China, Peking ist sein Washington. Canton ist der
Hauptsitz der chinesischen Industrie; Hunderttausende sind dort mit
der Anfertigung von Waren beschäftigt, die auf zahllosen Dschunken und
Kanalbooten, auf dem Rücken von Mauleseln oder Lastträgern durch das
ganze Reich geführt werden; in Canton sind die geschicktesten Arbeiter,
die reichsten Kaufleute, die schönsten Läden, und wohin ich auch kam,
nach Städten in Nord und Süd, in den Industrievierteln fand ich mit
geringen Abweichungen doch nur den Abklatsch des industriellen Lebens
von Canton. Es ist in dieser Hinsicht die erste Hauptstadt Chinas,
alles andere Provinz.
Gerade wie es in vielen Städten Europas der Fall ist, so sind auch
in den chinesischen Städten die einzelnen Industrien gewöhnlich in
bestimmten Quartieren zu finden; hier eine Gasse, vielleicht ein
bis zwei Kilometer lang, gefüllt mit Goldarbeiterläden, die sich
dicht aneinander reihen, so daß ich oft gar nicht wußte, ob ein
Schaukasten zu dem einen oder dem anderen Laden gehörte; bog ich
um eine Straßenecke, so befand ich mich vielleicht im Viertel der
Fächerfabrikanten, in der nächsten Straße in jenem der Möbeltischler,
und so ging es weiter.
Ein Haus gleicht dort dem andern: das untere Stockwerk wird ganz von
dem Geschäft eingenommen, das von der einen Hauswand zur anderen
offen steht, um das in den düsteren Gäßchen an und für sich spärliche
Licht einzulassen; im oberen Stockwerk sind die Wohnungen, und vor
jedem Hause baumeln die roten, gelben, goldenen oder schwarzen langen
Schilder herab, ein Wald von Schildern, der jeden Ausblick verhindert,
das Sonnenlicht ausschließt und die Gäßchen selbst in ewige Dämmerung
hüllt, während die Schilder darüber glitzern und glänzen. Man denke
sich nur sämtliche Firmentafeln des Wiener Grabens oder der Berliner
Friedrichstraße, statt an den Häusern befestigt, vor denselben von
Stangen der Länge nach herunterbaumeln! Unten in den Gäßchen ein ewiges
Gewoge und Getriebe, ein Lärmen, Schreien, Stoßen und Drängen, ein
Hin- und Herzerren, Schieben und Drücken von Zehntausenden bartloser,
langbezopfter, halbnackter Gestalten, alle auf der Jagd nach Erwerb,
alle im Kampf ums Dasein. Rechts und links in den kleinen finsteren
Gewölben aber wird gehämmert und geklopft, gesägt und gefeilt, ohne
Unterlaß vom Morgengrauen bis zur anbrechenden Dunkelheit. Ueberall
wird so emsig gearbeitet, als gälte es, Bestellungen auszuführen,
die unbedingt am Abend fertig sein müssen. Welcher Fleiß! Welche
Unermüdlichkeit des Schaffens!
In diesen Industrievierteln Cantons wie anderer chinesischer Städte
sah ich niemals die Menschen rasten und ruhen, ausgenommen, sie lagen
still und tot unter dem weißen Leinentuche, aufgebahrt in denselben
Läden, in denen sie ihr ganzes Leben in Arbeit verbracht hatten. Aber
in den Läden ringsum wurde dabei doch rastlos geschafft, obschon
niemand wußte, ob nicht die Arbeit unter seinen Händen die letzte war,
ob nicht der tückische Tod sich ihn als nächstes Opfer ausersehen
hatte. Wanderte ich durch diese Straßen, Kampfer im Munde und ein mit
Kampfergeist getränktes Taschentuch vor der Nase, so vergaß ich über
dieser Emsigkeit des Schaffens selbst die furchtbaren Verhältnisse,
die eben in Canton herrschten. Ich war der einzige Spaziergänger, der
einzige Müßiggänger unter all diesen Zehntausenden und hätte mich
selbst hinsetzen mögen, um mitzuthun. Betrachte ich heute die Dutzende
von Sachen, die ich auf meinen Spaziergängen in den chinesischen
Städten erworben habe, dann sehe ich im Geiste auch die Arbeiter vor
mir, die sie verfertigten, diese halbnackten, schweißtriefenden,
emsigen Gestalten, wie sie stumm, ihrer Arbeit vollständig hingegeben,
auf dem feuchten Boden kauern, und der höchst eigentümliche Geruch, der
all den Industriestädten Chinas eigen ist, haftet auch meinen Fächern
und Stickereien, Stoffen und Gerätschaften noch heute an. Entfalte
ich eine der herrlichen Stickereien, so ist bald mein ganzes Zimmer
mit diesem berauschenden modrigen Duft geschwängert, ein Gemenge von
Opium-, von Sandelholz- und Theegeruch. Er ist unangenehm, bedrückend,
ich möchte sagen furchteinflößend. Er erinnert an Grüfte. Es sind ja
in der That Grüfte, in denen die großen Massen der Chinesen arbeiten,
und auch ihre Arbeit ist furchteinflößend. Wie, wenn diese Hunderte von
Millionen fleißiger Menschen ihre althergebrachten Werkzeuge fortwürfen
und zu unseren modernen Arbeitswaffen, zu unseren Maschinen, griffen?
Wie, wenn ein industrieller Li-Hung-Tschang den rastlosen Fleiß, die
Fertigkeit dieser größten Arbeiterarmee der Welt gegen die unserige,
europäische, ins Feld führte und in China Hunderte von Fabriken, von
Hochöfen und Gießereien schaffen sollte? Was würde dann aus uns?
Dieses Gedankens konnte ich mich niemals erwehren, wenn ich die
Chinesen bei der Arbeit sah, und als Europäer, als Weißer, dankte
ich im stillen der Vorsehung, daß sie den Chinesen wohl Fleiß,
Enthaltsamkeit, Kraft, Geschicklichkeit, aber keinen Fortschrittsgeist
gegeben hat. Wie vor Tausenden von Jahren, so arbeiten sie heute
noch mit den gleichen rohen Werkzeugen, und ich kaufte mir in China
dieselben Fläschchen, die man unter den Pyramiden in den Gräbern
der alten Aegypter gefunden hat, Artikel, welche die Chinesen
damals in alle Welt versandten, bis andere Völker, andere Kulturen
des Abendlandes als ihre Konkurrenten auftraten und sie vom Markt
verdrängten. Aber droht die mongolische Flut nicht von neuem über das
Abendland hereinzubrechen?
Nicht so bald! Der konservative Zug der Chinesen, die Achtung vor dem
Althergebrachten schützt uns noch für lange Zeit vor ihnen. Kennen
sie doch die Europäer schon seit Jahrhunderten und ihre Werkzeuge,
ihre Maschinen, ihre praktischen Arbeitseinrichtungen schon seit
Jahrzehnten. Die weißen Barbaren brachten ihnen bequeme Arbeitswaffen,
einfach, leicht, der doppelten Leistung fähig, aber die Mongolen
ließen sie unbeachtet und arbeiteten mit den alten plumpen, schweren
Werkzeugen weiter, dabei möglicherweise besser, sorgfältiger als wir
mit unserer praktischen Schulung und unseren praktischen Werkzeugen.
Man sehe sich nur ihre Bronzen, ihre Holzschnitzereien, ihre Lackwaren,
Porzellane, Möbel an! Jeder Artikel ist das Werk einer einzigen
Familie, vielleicht eines einzigen Arbeiters, denn Arbeitsteilung
kennt der Chinese nicht. Sang Ting oder Han Tschang hat möglicherweise
die Form für seine Bronze selbst modelliert, die Metallmischung und
den Guß vorgenommen; er hat selbst mit dem Stichel die einzelnen
Figuren ciseliert und emailliert, vergoldet und vollendet. Sang Ching
macht nicht etwa nur die Holzarbeit eines Möbels. Er webt die Stoffe,
macht die Stoffmuster, das Gerippe des Möbels, schnitzt kunstvolle
Verzierungen, lackiert und tapeziert selbst. Mag man über die bizarren
Formen dieser uns fremdartig berührenden Erzeugnisse lächeln, jedes
Stück hat doch einen gewissen Charakter und zeigt etwas Individuelles.
Maschinen wurden schon vor fünfzig Jahren eingeführt, und die Engländer
boten alles Erdenkliche auf, sie unter die Leute zu bringen, aber die
Chinesen nahmen nur solche an, welche kraftspendend waren, andere
jedoch, welche die Handarbeit selbst übernehmen und vollkommener
verrichten, wie z. B. die Nähmaschinen, wiesen sie zurück. Tausend
Fächer, einander so gleich wie ein Ei dem anderen, werden Stück
für Stück, Blatt für Blatt von einem einzigen Arbeiter geschnitzt,
gebunden, gemalt und verkauft. Reichen bei größeren Arbeiten die
Hände nicht aus, so werden die Füße, die Zehen zu Hilfe genommen,
und mancher Chinese leistet mit seinen Zehen Besseres als mancher
Weiße mit seinen Händen. Sie haben ein erstaunliches Geschick; jeder
einzelne ist ein Meister Hämmerlein. In manchen chinesischen Dörfern
fand ich keinerlei Kaufläden, und als ich mich erkundigte, wo denn die
Menschen ihre Stoffe, Schuhe, Gerätschaften hernähmen, hieß es, sie
verfertigten sie selbst. In Bauernhäusern fand ich uralte Webstühle,
vor den Häusern saßen Frauen, die Kleider nähten, hockten Männer, die
Sandalen flochten. Ist etwas zu besorgen, wozu ihnen die Werkzeuge
fehlen, so rufen sie irgend einen der wandernden Handwerker. Schmiede,
Flickschneider, Schuster, Barbiere, Gewerbtreibende aller Art wandern
von Ort zu Ort, gerade so, wie ich es auch in Korea getroffen habe und
wie es bei uns die Scherenschleifer thun. Wo sie Arbeit finden, wird
Halt gemacht, das Ränzlein ausgepackt und gearbeitet. Auf dem Wege von
Zikawei nach Sutschan begegnete ich einem Schmied, der eben im Begriffe
war, seine ambulante Schmiede einzurichten, um einige Flickarbeiten
zu besorgen. Statt wie bei uns die Ränzchen auf dem Rücken zu tragen,
oder einen Handwagen mit sich zu führen, schieben die chinesischen
Handwerker ihre Siebensachen auf einem unförmlichen Schubkarren vor
sich her, oder sie verteilen sie in zwei flache Körbe und hängen
diese an die beiden Enden eines mannslangen, armdicken Bambusrohres,
das sie auf den Schultern oder auf dem Nacken tragen. So befördern
sie meilenweit Lasten, welche wir nicht hundert Schritte weit tragen
würden, ohne erschöpft zu sein. Mein guter Schmied hatte an dem einen
Ende des Bambusrohres einen Blasbalg hängen, an dem ein unförmiges
Stück Eisen, sein Amboß, festgebunden war. Am anderen Ende hing ein
schwerer Korb mit alten Eisenstücken, Werkzeugen und einem Kohlensack.
Darüber thronte eine Pfanne und ein irdener Topf. Während ich meinen
Tiffin (Gabelfrühstück) einnahm und ein wenig ruhte, beobachtete ich
seine Thätigkcit. Er legte den Amboß auf einen Stein, den er zuvor mit
etwas feuchter Erde bedeckt hatte, holte die Pfanne hervor, die er mit
Kohlen füllte, fügte durch eine Oeffnung in der ersteren den Blasbalg
ein und begann das Feuer anzufachen. Dann füllte er den Topf in dem
nahen Kanal mit Wasser, und nun sah ich erst, daß er im Begriff war,
zuerst seine Mahlzeit zu kochen, denn er warf eine Handvoll gepreßtes
Seegras in den Topf, dazu eine Menge gekochten Reis. Mit einem Appetit,
als wäre es Trüffelragout, verschlang er dann dieses Gemengsel, und
derselbe Topf diente ihm später zum Abkühlen der Eisenstücke und
Gerätschaften, die ihm von den Einwohnern zur Ausbesserung gebracht
wurden.
In den Städten halten sich diese wandernden Künstler länger auf;
sie bleiben stunden-, auch tagelang an irgend einer Mauer hocken
und warten auf Kundschaft. In Tschinkiang am Jangtsekiang wohnte
ich einer ergötzlichen Szene bei. Es war gerade großer Festtag, die
Feier irgend eines Provinzheiligen, und in der Stadt drängten sich
viele Tausende von Landleuten aus der ganzen Provinz. Ein zerlumpter,
struppiger Mongole kam durch die Hauptstraße gewandert und kauerte
vor einem an der Schattenseite im Freien thätigen Barbier nieder.
Bevor er sich seinen Schädel kahl rasieren ließ, zog er seine blaue
Aermeljacke aus und warf sie einer wandernden Flickschneiderin zu, die
vor seinen Augen mitten auf der Straße die Schäden ausbesserte. Da
kam ein Flickschuster mit seinem Schnappsack herbeigelaufen, und wie
in England die Bootblack- (d. h. Stiefelwichs-) Jungen, so wies auch
dieser mongolische Crispinusjünger beharrlich auf die Schäden an den
Filzschuhen des Chinesen. Nach längerem Geschrei und Geplapper schienen
die beiden handelseinig; der Schuster zog dem Chinesen die Schuhe ab,
setzte sich neben das Flickweib und begann nun seinerseits, Lederflecke
auf die Löcher der Fußbekleidung zu setzen.
Leder findet in China bei weitem nicht die ausgebreitete Verwendung wie
bei anderen Völkern. Lederschuhe sieht man fast gar nicht, denn die
Fußbekleidung der ärmeren Klassen besteht aus Strohsandalen, jene der
bemittelteren aus Seide, mit Filzsohlen.
In gar manchen Industrien sind uns die Chinesen wie gesagt trotz
ihrer primitiven Werkzeuge ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ihre
Silberarbeiten sind bewundernswert; einzelne Arbeiter modellieren,
schmieden und vergolden die herrlichsten Vasen, Prunkbecher,
Blumenhalter mit Hunderten von getriebenen Figürchen, kaum ein oder
zwei Centimeter groß, aber so zart gearbeitet, daß man die Gesichtszüge
und den Faltenwurf der Gewänder daran unterscheiden kann; dann werden
diese Arbeiten von denselben Künstlern noch ciseliert.