vorhanden ist, wird es von unseren modernen Globe-trotters gemieden,
und die Mutigsten unter ihnen widmen ihm höchstens einen Tag. Von den
Hunderten Touristen, die es jährlich besuchen, bleiben nicht zehn
Prozent länger als einen, nicht zwei Prozent länger als zwei Tage. Und
doch ist Canton eine Stadt, die selbst bei monatelangem Aufenthalte
immer etwas Neues bietet, denn nirgends ist das Volksleben anregender,
interessanter, merkwürdiger, seltsamer. Nirgends kann man einen
tieferen Einblick bekommen in das fremdartige Wesen der mongolischen
Welt, die heute noch größer als die kaukasische und dabei so total
verschieden von dieser ist, daß die beiden nichts miteinander gemein
haben als die Geburt, das Leben, das Sterben. China liegt nur in einem
anderen Kontinent, es scheint, als läge es auf einem anderen Planeten.
Schon an der Brücke, die von Shameen nach Canton führt, zeigt sich
diese fremde Welt. Chinesische Soldaten kauern hier rauchend oder
Opium schmauchend auf den Strohmatten in ihrer Wachtstube. Vor
dieser sind große, mit bunten Fratzen bemalte Schilder aufgestellt,
im Innern stehen dreispitzige Lanzen, lange, nur mit zwei Händen zu
gebrauchende Schwerter, Büchsen mit trichterförmiger Mündung, Gewehre
mit Feuersteinschlössern, kurze doppelte Säbel in einer Scheide, rote
und weiße Fahnen mit fremdartigen chinesischen Schriftzeichen. Die
Soldaten tragen keine besondere Uniform, nur ist ihr blaues Hemd mit
roten Borten besetzt, und auf einem weißen runden Schilde auf der Brust
zeigen sich in schwarzer Schrift Nummer und Gattung ihres Regiments.
Auf ihren langbezopften Schädeln tragen sie einen tellerförmigen, spitz
auslaufenden Hut, an den Füßen Sandalen. Bei jeder Wachtablösung wird
an einer großen alten Kesseltrommel ein Heidenlärm gemacht, und vier
Chinesen bringen aus den etwa zwei Meter langen Tuben langgezogene
einförmige Klagetöne hervor. Europäer werden durch das Brückengitter
eingelassen, Chinesen nicht.
[Illustration: Firmentafel vor einem Schuhladen.]
Die schönen, wohlgepflegten Wege Shameens hören mit einem Male auf,
sobald man das jenseitige Kanalufer erreicht, und binnen wenigen
Minuten ist man mitten in dem seltsamen Gewirr schmaler Gäßchen,
welche Canton bilden. Unter den tausenden Gäßchen giebt es nur wenige,
in welchen man mit ausgestreckten Armen nicht beide Seiten berühren
könnte. Stundenlang durchirrte ich dieses Labyrinth, ohne irgend ein
System in dasselbe bringen zu können, ohne zu wissen, wo ich mich
befand, wohin mich wenden. Die Gassen sind alle geradlinig, manche
über ein Kilometer lang, mit unzähligen Seitengassen, gerade so weit,
gerade so aussehend wie die andern, ohne irgend welchen Anhaltspunkt,
um sich zurechtzufinden. Offene Plätze, Boulevards, Kanäle, Gärten
giebt es keine. Ebenso fehlt es an irgendwelchen auffälligen Gebäuden.
Die Hunderttausende von Häusern, die hier dicht aneinander gedrängt
stehen, sind alle gleich gebaut und annähernd von gleicher Größe.
Graue, harte Ziegel sind bei allen das Material; die Ecksteine an den
Eingängen sind Granit, die Dächer überall mit gebrannten Hohlziegeln
bedeckt, die durch Mörtel fest miteinander verbunden sind. Schornsteine
und Kamine sind nirgends zu sehen. Die Mehrzahl der Häuser besitzt
nur ein Stockwerk, und dieses ist ganz von einem einzigen Raume
erfüllt, der sich nach der Straße hin öffnet und von dieser Luft und
Licht empfängt. Fenster giebt es keine. Die Häuser im Innern der
Stadt tragen noch ein zweites, viel niedrigeres Stockwerk, durch eine
steile Leiter oder ebensolche Holztreppe mit dem unteren verbunden.
Nur einige chinesische Speisehäuser, Theater und Gasthöfe sind größer,
höher, geräumiger, aber auch sie haben keine Fenster und Thüren. Die
Thüröffnung nach der Straße hin hat die ganze Breite des Hauses, und
soll sie zur Nachtzeit geschlossen werden, so werden vertikale starke
Pfosten, eine Art Gitter bildend, in die Thüröffnung eingesetzt und
durch Querbalken festgehalten. Nur Privathäuser besitzen Thüren nach
unserer Art. In den Geschäftsstraßen der inneren Stadt giebt es nur
wenige solche; je weiter man aber hinauskommt, desto häufiger werden
die Privathäuser, desto stiller demgemäß auch die Straßen. Die Thüren,
zu denen gewöhnlich einige Stufen emporführen, stehen offen, doch
erhebt sich auf etwa ein Meter Entfernung hinter ihnen eine Holzwand,
welche das Innere des Hauses den Blicken der Vorübergehenden entzieht.
Auf diesen Holzwänden prangen gewöhnlich in bunten Farben die grotesken
Bilder zweier Götzen, der Schutzpatrone des Hauses, auf den Steinstufen
der Thüre kauern ein paar Weiber, auf der Bank vor der Bretterwand
ruhen ein paar chinesische Diener. Trat ich, ungehindert durch diese
Pförtner, in den Hofraum, so fand ich in den meisten Häusern neben
der Thür eine Anzahl alter dreispitziger Lanzen, Schwerter und alter
Feuerstein- oder Luntengewehre aufgestellt. Von dem Hofraum aus
öffnen sich die Thüren nach dem Labyrinth der Wohnungen, Pavillons,
Ahnenhallen, Tempel, Gärtchen und Bassins, welche die Wohnung der
reichen Chinesen und ihrer Familien bilden. Nach außen sind diese
großen Räume von einer hohen grauen, fensterlosen Mauer umschlossen,
eine Art Stadt und Festung für sich. Unmittelbar daranstoßend sind
wieder die labyrinthartigen Gäßchen, in denen jedes Haus ein Kaufladen
ist, dessen entlegenste Winkel man von außen sehen könnte, wäre
hinreichend Licht vorhanden. Aber hier herrscht ewige Dämmerung. Ueber
die Hausdächer sind quer über die Straße Matten und Bretter gelegt, und
von diesen hängen Tausende der eigentümlichen chinesischen Firmentafeln
und Schilder herab, so tief, daß man sie mit erhobener Hand anfassen
könnte. Drei bis fünf Meter lang, prangen sie in den buntesten Farben
und sind mit den eigentümlichen malerischen Schriftzeichen in Gold
oder Schwarz oder anderen Farben bedeckt. Horizontale Firmenschilder
kennt man in China einfach deshalb wenig, weil nicht in horizontaler,
sondern in vertikaler Richtung geschrieben wird. Jeder der lose
herabbaumelnden Tafeln entspricht nur der +eine+ Kaufladen, der
sich in je einem Hause befindet und immer das ganze untere Stockwerk
desselben einnimmt. In Canton giebt es Hunderte von Straßen, in
welchen jedes Haus einen Kaufladen besitzt, und zwar einer dem andern
so dicht sich anschließend, daß nur das Mauerwerk sie voneinander
trennt. Gewöhnlich haben sich bestimmte Industrien in bestimmten Gassen
angesiedelt, die dann auch entsprechend benannt sind. Die Geldwechsler,
Goldarbeiter, Kuriositätenhändler, Schuh-, Kleider-, Schnittwaren-
und Papierhändler, die Fächerarbeiter, Holzschnitzer, Möbeltischler,
Messingarbeiter etc. haben alle ihre eigenen Gäßchen, in denen sie
nicht nur ihre fertigen Waren zur Schau gestellt haben, sondern auch
vor den Augen der Passanten an neuen Waren arbeiten. Die elegantesten
Kaufläden, in verhältnismäßig etwas weiteren Gassen gelegen, zeigen
den einzigen in ganz Canton wahrnehmbaren Luxus, ja diese Kaufläden
mit ihrer Ausstattung würden auch in europäischen Städten Aufsehen
erregen. Herrliche Holzschnitzereien, geschichtliche Ereignisse
darstellend, oder vorzügliche Nachahmungen verschiedener Blumen, Bäume
und Schlingpflanzen, reich vergoldet, schmücken den Eingang; sie
hängen an den Seiten des inneren Raumes und bilden im Hintergrunde
desselben einen altarartigen Aufbau, dessen Mittelstück gewöhnlich
ein bunt gemaltes, groteskes Bild des Kriegsgottes in goldenem Rahmen
bildet. Vor diesem Götzen brennen Oellampen und sind einige Sträuße
von Papierblumen aufgehängt. Unter dem Altar oder an den Seiten des
Kaufladens im Hintergrunde sitzt der Eigentümer an einem kleinen,
mit Holzschnitzereien gezierten Tischchen, auf dem sich gewöhnlich
die Geschäftsbücher, dann eine Wage zum Abwägen des Geldes und ein
Rechenbrett befinden. Ohne Wage würde der Händler betrogen werden, denn
in Canton herrscht in Bezug auf das Bargeld eine ähnliche Sitte wie in
England mit den Banknoten. Dort werden die letzteren von den jeweiligen
Eigentümern unterschrieben, in Canton erhält jeder Silberdollar von
dem jeweiligen Besitzer seinen Stempel aufgeprägt. Deshalb bekommen
die meisten Dollars, die man in Canton erhält, durch das Abstempeln
die Form kleiner, halbrunder Schalen, ja vielen fehlt sogar der Boden;
ich habe zahlreiche Dollars gesehen, die nur aus dem äußeren Kranz
bestanden. Der ganze mittlere Teil war herausgeschlagen und lag in
kleinen und größeren Stücken in den Geldschüsseln der Kaufleute.
Wird einem Kaufmanne als Bezahlung für die gekaufte Ware ein Dollar
dargereicht, so prüft er ihn gewöhnlich zuerst nach dem Metallklange,
dann nach seinem Gewicht, und das Fehlende muß von dem Käufer ersetzt
werden.
[Illustration: Bettlertypus.]
Das Rechenbrett ist jedem chinesischen Kaufmann oder Händler geradezu
unentbehrlich, die allereinfachsten Zählungen werden an den schwarzen
Kugeln des Rechenbrettes ausgeführt, und beim Durchschreiten der
Gäßchen hört man fortwährend ihr Geklapper. Europäische Kaufleute
in China gewöhnen sich auch bald an ihren Gebrauch, bis sie ihnen
schließlich unentbehrlich werden. Wo immer der Chinese sich ansiedelt,
verwendet er auch sein Rechenbrett. Ich fand es in den Chinesenvierteln
in San Francisco, Lima, Batavia, Portland, Singapore bei jedem
einzelnen chinesischen Kaufmann. Alle Kaufläden stehen nach der Straße
zu weit offen; jedermann kann nach Belieben eintreten, kaufen oder
nicht kaufen. Der Chinese wird jedem Besucher seine Waren mit großer
Geduld vorlegen und ebenso geduldig an dem Preise festhalten, obschon
er schließlich doch gerade so nachgiebig wird, wie die Korallenhändler
von Neapel. Die Kaufläden scheinen gewissermaßen Teile der Gäßchen
selbst zu bilden. Bei dem ungemein regen Verkehr, der sich tagsüber
in diesen bewegt, würden sich Menschen, Tragstühle, Lasten aller
Art binnen wenigen Minuten ineinander festkeilen, wenn nicht die
Kaufläden den Menschen Gelegenheit gäben, einzutreten und auszuweichen;
freilich wird dadurch so mancher Laden besudelt; der Inhalt manches
Unratgefäßes, manches Tragkorbes, deren zwei gewöhnlich mittels langer
Stangen auf den Schultern der Träger befördert werden, ergießt sich
in den schönen Juwelier- oder Modeladen, aber die Menschen sind daran
gewöhnt. Die Ladenbesitzer haben von den Bettlern viel zu leiden;
diese ziehen nicht mit offener Hand bittend von Laden zu Laden,
sondern führen allerhand Ohrenmartern mit sich, um dadurch eine Gabe
zu erzwingen. Hier läutet eine Frau, ein Kind auf dem Rücken, eine
große Glocke mit schrillem, durchdringendem Klange, sie tritt in einen
Laden und läutet dem Besitzer so lange die Ohren voll, bis er sich zu
einer Gabe entschließt, dann zieht sie zu seinem Nachbar. Ein strammer
junger Bursche, der aus weiß Gott welchem Grunde Bettler geworden,
geht von Laden zu Laden und schlägt in jedem zwei harte, glatte
Hölzer aneinander, wie riesige Castagnetten, ein Dritter klappert mit
Eisenstücken, ein Vierter schlägt zwei Porzellanscherben aneinander;
denn +ohne+ Lärm scheint es kein Betteln zu geben.
Ohne Lärm giebt es auch keine Straße in Canton. In den dämmerigen
engen Gäßchen, so eng, wie man bei uns nicht einmal Hauseingänge
macht, herrscht tagsüber ein furchtbares Lärmen, Schreien, Klopfen,
Trommeln, kurz alle erdenklichen Geräusche. Nur die vielen Hunde,
diese Abfallräumer von Canton, sind stumm. Die Gäßchen sind alle
wohlgepflastert, aber mit schrecklichem Schmutz und fürchterlichen
Gerüchen erfüllt, zumal man in Canton keine Kloaken und keine
Wasserleitung kennt; schmutziges Gesindel, Bettler, Aussätzige
durchwandern die Gäßchen; Lasten aller Art, Flüssigkeiten, Warenballen,
Düngerkörbe, Möbel, alles Erdenkliche wird auf den Schultern der
Kulis durch dieses dämmerige Labyrinth hindurchgezwängt, so daß der
Fußgänger kaum jemals ohne Beschmutzung und Besudelung seiner Kleider
nach Hause zurückkehrt. Ich trug in Canton stets Leinenanzüge, die
ich nach jedesmaligem Gebrauch zweimal waschen ließ. Die Chinesen der
besseren Stände, Mandarinen, Offiziere, Frauen, zeigen sich niemals in
diesen, dreiviertel von Canton bildenden Stadtteilen. Haben sie dort zu
thun, so lassen sie sich in geschlossenen, mit schwarzer Wachsleinwand
überzogenen Tragstühlen auf dem Rücken von zwei, drei oder vier Kulis
tragen. Nun können sich diese nur durch Geschrei den Weg bahnen; ebenso
schreien die ambulanten Gemüse-, Fisch-, Fleisch- und Fruchthändler,
die Lastenträger; die Bettler machen mit ihren Bettelwerkzeugen einen
furchtbaren Lärm; in den Läden wird geklopft, gesägt, gehämmert, oder
als merkwürdiger Zeitvertreib das Gong geschlagen, die Kesseltrommel
gerührt, kurz es herrscht der furchtbarste Lärm, das regste
Menschengewühl. Alles Erdenkliche geschieht auf offener Straße oder in
den Kaufläden vor den Augen der Vorübergehenden. Geheimnisse können
in den Geschäftsvierteln Cantons nicht gehütet werden. Jeder Einzelne
kann sehen, wie und was der andere ißt, wie er sich an- und auskleidet,
wie er schläft und wie er sich wäscht, wenn er dies bei dem häufig
höchst empfindlichen Wassermangel überhaupt thut. In den Kaufläden
sitzen oder liegen die Menschen gewöhnlich nur mit kurzen dunkelblauen
Hosen bekleidet; viele tragen allerdings eine Art dunkelblaues Hemd,
bei ebensovielen aber ist der Oberkörper bis zu den Lenden nackt; es
war mir überraschend, bei den meisten eine ähnlich weiße Hautfarbe
zu finden, wie bei den anglo-sächsischen Rassen in Europa. Die gelbe
Hautfarbe der Mongolen scheint hier bloße Mythe zu sein; war sie bei
den Kulis überhaupt vorhanden, so war sie nur eine Wirkung der Sonne,
denn die Schenkel und andere, gewöhnlich durch Kleidungsstücke bedeckte
Körperteile waren weiß. Ihre ganze Sorgfalt verwenden sie nicht auf
die Kleidung, sondern auf ihren Haarschmuck. In jedem Gäßchen sah ich
gewiß stets zwei oder drei ambulante Barbiere, welche die Schädel
bis zu dem Scheitelzopfe kahl rasierten, Nasen und Ohren ausputzten
und mit kleinen Zangen die Härchen abklippten. Am Morgen besteht der
gewöhnliche Zeitvertreib der Chinesen darin, daß sie sich gegenseitig
ihre mitunter bis an die Hüften reichenden langen rabenschwarzen
Scheitelhaare kämmen und zu Zöpfen flechten, deren Ende durch bis
zum Boden reichende Seidenschnüre verlängert wird. Das in den Bazars
verkehrende Volk trägt keine Hüte, nur die Wohlhabenden tragen Schuhe
oder Sandalen, alle aber haben ihren Fächer, den sie, wenn sie ihn
nicht gerade zum Fächeln oder als Sonnenschirm benutzen, in den Nacken
gesteckt tragen.
Vom Frauenleben bekommt man in dem Gassenlabyrinth der inneren
Stadt nichts zu sehen. Alle Industrien, der ganze Handel, der ganze
Verkehr liegt in den Händen der Männer, nur in den Korbflechtereien
fand ich Weiber beschäftigt. Selbst die Fächer und die herrlichen
Cantoner Seidenstickereien, vielleicht die schönsten der Erde, werden
von Männern hergestellt. Dafür haben die Frauen, wie erwähnt, den
ganzen großartigen Bootverkehr in den Händen. Maschinen, mechanische
Betriebe etc. sind in Canton gänzlich unbekannt. Die Industrien sind
ausschließlich Hausindustrien. Es gewährte mir das größte Interesse,
die Chinesen an der Arbeit zu sehen. Mit ungeheurer Geduld, mit
staunenswertem Geschick und mit großer Kraft arbeiteten sie unter
meinen Augen all die schönen Erzeugnisse, für welche Canton in ganz
China und auch im Auslande berühmt ist. Nicht nur Seidenstickereien und
Fächer, Juwelen und getriebene Silberarbeiten, auch Bronzen, Porzellan,
Kleider, Schuhe, Ziselier- und Emailarbeiten gehen unter ihren Händen
ohne Zuhilfenahme unserer Instrumente mit erstaunlicher Präzision
hervor.
Oeffentliche Fisch-, Gemüse- und Fleischmärkte, wie sie unsere
Markthallen bergen, hat Canton nicht; jede Straße besitzt an ihrer
Stelle Kaufläden, und sie sind die Hauptursache der fürchterlichen
Gerüche, welche die Stadt verpesten; die Cantonesen nehmen es mit ihrer
Küche bekanntlich nicht sehr genau.
Die elenden Gerüche verleiden dem Besucher den Aufenthalt in Canton
gar sehr, zumal, wie gesagt, auch nicht ein einziges freies Plätzchen
Erholung gewährt. Ganz Canton besteht aus einem einzigen Labyrinth
winziger Gäßchen, denen man wie mit Absicht Luft und Licht und
Wasser zu entziehen scheint. Selbstverständlich mangelt es abends an
Beleuchtung. Deshalb ist jeder Cantonese gehalten, eine brennende
Laterne mit sich zu führen, wenn er des Abends ausgeht. Uebrigens
verläßt er sein Haus oder seine Straße nur in den dringendsten Fällen,
denn nach Sonnenuntergang wird jede einzelne Straße an beiden Enden
durch eiserne Gitter oder feste Thore abgesperrt, und Nachtwächter, mit
Lanzen versehen, übernehmen den Wachtdienst. Sie tragen Trommeln und
Triangel und machen damit zeitweilig Lärm, um zu erkennen zu geben,
daß sie nicht schlafen. Die Tatarenstadt, in welcher sich die Residenz
des Vizekönigs, des Generals und der Gerichtsbehörden befindet, ist
überdies noch mit einer eigenen Mauer umgeben, und um die ganze Stadt
ziehen sich feste Ringmauern und Wälle, auf denen Hunderte alter,
unbrauchbarer Geschütze stehen. Diese Mauern sind die bedeutendsten
Bauten Cantons, denn was die Stadt an Tempeln, Palästen und Pagoden
aufzuweisen hat, ist im Verhältnis zu ihrer Größe kaum der Rede wert.
Canton ist die größte Stadt Chinas; viel eher könnte sie das größte
Dorf des himmlischen Reiches genannt werden.
[Illustration: Siegel des Verfassers (altchinesische Zeichen).]
Die sibirische Beulenpest.
Während meines ersten Aufenthaltes in Hongkong waren Gerüchte von
dem Ausbruch einer pestartigen Krankheit in der größten Stadt des
himmlischen Reiches aufgetaucht, und bei meiner Ankunft in Canton fand
ich diese Gerüchte leider nur zu sehr bestätigt. Seit einem halben
Jahre hatte es dort fast gar nicht geregnet; Schmutz und Unrat, diese
sprichwörtlichen Merkmale chinesischer Städte, hatten sich in dem
engen scheußlichen Straßengewirre während dieser Zeit angesammelt und
verpesteten die Luft derart, daß man sich über die vielen Menschenopfer
kaum zu wundern brauchte.
Schon die plumpen, schweren chinesischen Dschunken und die kleineren
Sampans, die den Strom bevölkern, zeigten, daß sich in Canton etwas
Außergewöhnliches abspielen müsse; statt der zwei kleinen roten
Joßpapierchen, welche die Chinesen zur Beschwörung der bösen Geister
gewöhnlich an den Stern ihrer Schiffe kleben, prangten dort ein halbes
Dutzend oder noch mehr; rote Papierstreifen mit allerhand Inschriften
in Gold und Schwarz klebten auch auf den aus zusammengenähten Matten
bestehenden Segeln, am Bug und an den Seiten. Joßstäbchen brannten
dutzendweise auf den Schiffen und sandten kleine leichte Rauchwölkchen
empor; wie Kleingewehrfeuer knatterten die vielen Fire-Cracker, die auf
dem Flusse und an den Ufern verpufft wurden, und mehr als sonst fuhren
Sampans und Ruderboote, von Chinesenfrauen gelenkt, dicht vor dem Bug
unseres Dampfers vorbei.
Mehr als die zahlreichen burgartigen Pfandhäuser und Tempeldächer der
Riesenstadt verriet die drückende stinkende Atmosphäre, daß wir uns
Canton näherten. Stoßweise führte sie uns der Wind als Grüße aus der
Peststadt entgegen. Die ersten dieser Nasenstüber jagten uns Schrecken
ein, allein nun war nicht mehr zu helfen.
In dem recht gut gehaltenen Shameenhotel wurde mir die tröstliche
Auskunft zu teil, daß in der europäischen „Konzession” noch kein
Pestfall vorgekommen sei und daß Europäer von der tückischen Krankheit
überhaupt nicht viel zu befürchten hätten, indessen man riet mir doch
zur größten Vorsicht. Mit Mühe überredete ich einen die englische
Sprache radebrechenden Chinesen, Ah-Kam, mich in das enge, schwüle,
düstere Straßengewirr zu begleiten, das sich jenseits des Kanals auf
der weiten Ebene des Perlflusses ausbreitet. Schon nachdem wir ein
Viertelstündchen durch das Labyrinth Cantons gewandert waren, konnte
ich das Wüten der Epidemie wohl verstehen.
Nicht nur die verpestete Luft, die Anhäufung faulender organischer
Stoffe und der Genuß schlechten Wassers waren die Ursachen der Pest.
Eine Publikation des Gouverneurs von Canton ließ noch auf eine andere
Ursache schließen: den Genuß verseuchter Tiere. Ich ließ mir aus den
chinesischen Tagesblättern Cantons folgende Notiz übersetzen: „Da die
Ratten die ersten Opfer der Seuche waren, so ließ der Mandarin des
Distrikts des westlichen Thors, Lo Ching, zehn Cash (etwa zwei Pfennig)
als Prämie für jede ihm vorgelegte tote Ratte ausschreiben. In den
ersten vier Tagen wurden ihm 2600 tote Ratten gebracht, von denen 1400
in der To-postraße allein aufgelesen wurden. Der Mandarin ließ sie
zusammen vergraben”.
Ebenso ließ der Stadtpräfekt in einer Proklamation Ende April das
Schlachten von Schweinen verbieten, und am Tage meiner ersten Wanderung
durch Canton wurde eine zweite Proklamation an die Straßenecken
geklebt, derzufolge der Fischfang in Zukunft verboten wurde. Es geschah
dies hauptsächlich, um das Verkaufen verseuchter oder toter Schweine
und Fische zu verhindern.
Wer mit chinesischen Sitten und Gebräuchen nicht vertraut ist, konnte
indessen beim Durchwandern der Stadt nicht viel von der herrschenden
Epidemie wahrnehmen; zunächst ist das Bild der Gäßchen mit ihren
zahllosen Kaufläden, mit ihrer eigentümlichen Bevölkerung, mit
den fremdartigen Sitten und Gebräuchen etc. so ungemein fesselnd
und interessant, wenn auch abstoßend, daß ihr Besucher geradezu
überwältigt wird. Freilich sah er möglicherweise manchen Leichenzug
an sich vorbeikommen, oder er erblickte in diesem oder jenem Hause
durch die weitoffenen Thüren einen Leichnam mit weißem Laken bedeckt,
heulende Trauerweiber auf den Matten zu seinen Füßen kauernd. Aber der
Straßenverkehr zeigte sich im großen ganzen ebenso wie zu normalen
Zeiten. Indessen die Pest nahm immer mehr überhand, die Bevölkerung
wurde immer ängstlicher, denn es starben an manchem Tage an tausend
Menschen, es fehlte an Särgen, und ich sah selbst viele Leichen, die,
nur mit einem Tuche bedeckt, auf Matten nach den Friedhöfen außerhalb
der Stadt getragen wurden. Die meisten waren innerhalb weniger Stunden
oder doch innerhalb eines Tages gestorben. Zuerst fühlten sie heftiges
Fieber mit hoher Körpertemperatur, Kopfschmerz und Durst; dann stellte
sich Bewußtlosigkeit ein, und gleichzeitig mit dieser entstanden am
Halse, in den Achselhöhlen und an den Lenden große, harte, schmerzhafte
Beulen von schwarzer Färbung, schließlich färbte sich der ganze Körper
schwarz. Der Tod trat dann längstens binnen einem Tage ein. In einer
verhältnismäßig geringen Zahl von Fällen zieht sich die Krankheit
mehrere Tage hin, und dann ist Hoffnung auf Genesung vorhanden.
Doch erfuhr ich im Hospitale der achtzehnten Straße in Canton von
den chinesischen Aerzten, daß durchschnittlich von je drei Fällen
zwei tödlich verlaufen. Sie versicherten, die Beulenpest sei nicht
ansteckend und trete nur bei Menschen auf, die unter ähnlich elenden
sanitären Umständen lebten. Das beruhigte mich so weit, daß ich meine
Wanderungen durch Canton mehrere Tage lang fortsetzte. Indessen fand
ich nach meiner Rückkehr nach Hongkong in der dortigen „Preß” eine
Korrespondenz aus Canton, worin es heißt: „Die Pest ist nicht nur jenen
gefährlich, welche in der Stadt wohnen, sondern auch fremden Besuchern.
Wir vernehmen von Chinesen, daß mehrere Fremde starben, während sie
im Tragsessel durch die Stadt getragen wurden”. Gut, daß ich dies in
Canton selbst nicht erfahren hatte.