An verschiedenen Stellen ist der Fluß von den Chinesen zur Verteidigung

gegen die Franzosen und Engländer gesperrt worden. Sie trieben in

kleinen Abständen starke Pfähle in den Grund quer über den Fluß und

ließen nur schmale, leicht zu verteidigende Durchfahrten für die

Schiffe frei. Diese schwarzen, über die Wasserfläche hervorlugenden

Pfähle sind für den Fischfang wie geschaffen; die Angriffe der weißen

Barbaren waren doch für etwas gut. Ungeheure kohlschwarze Netze

hängen an diesen Pfählen, und während die letzteren den Schiffen den

Durchzug versperren, thun die ersteren dies in Bezug auf die Fische.

Stromabwärts schaukeln sich, durch Seite an die Pfähle befestigt,

zahllose aneinandergekettete Sampans, plumpe offene Boote, mit den

Fischern darin. Diese haben ihren Opfern, den Fischen, die Art der

Fortbewegung im Wasser abgelauscht, denn statt Ruder nach unserer Art

zu benützen, hängt ein einziges großes Ruder über den Hinterteil des

Bootes ins Wasser und wird durch die Bootsleute hin und her bewegt,

ähnlich wie der Fisch seine Schwanzflossen braucht. Hunderte anderer

Boote liegen in den Buchten verankert, die schwarzen Netze zum Trocknen

auf den Masten aufgehängt.

Nächst zahlreich sind auf dem Perlfluß die kuriosen chinesischen

schwimmenden Wohnhäuser, die, aus der Ferne gesehen, das Aussehen

schwimmender Pantoffel haben und auch Pantoffelboote genannt werden.

Zehntausende dieser Boote bedecken den Fluß, andere Zehntausende

liegen in Canton an den Ufern verankert, mit einer Bevölkerung, die

nach Hunderttausenden zählt. Jedes dieser Boote beherbergt eine,

mitunter auch mehrere Familien. Der hintere Teil des Pantoffelbootes

ist offen und dient für die Ruderer. Unter ihnen sind die Vorratsräume

für Lebensmittel, Getränke, allerhand Hausrat, lebende Schweine,

Enten, Gänse und gar häufig auch Kinder. Sind die Eltern an der

Arbeit, oder werden Passagiere mit dem Boote befördert, so wird die

kleine unangenehme, störende Gesellschaft einfach in diese dunkeln

Vorratsräume gesteckt. Das Vorderteil des Bootes ist durch ein

tonnenartiges, nach hinten offenes Gewölbe eingedeckt, aus Reifen

bestehend, die mit Brettern oder Leinwand überzogen sind. Unter dem

Gewölbe befinden sich lange Bänke, welche der Bootsfamilie tagsüber

als Sitze, zur Nachtzeit als Betten dienen. Der Fluß ist die Welt,

in welcher diese Leute leben. Unaufhörlich kreuzen sie mit ihren

Fahrzeugen hin und her, vollständig unbekümmert um die großen Dschunken

und europäischen Dampfer, welchen sie häufig den Weg versperren. Die

Steuerleute müssen die Dampfpfeife unaufhörlich ertönen lassen, um

diese Boote zu warnen, und an den Flußsperren, wo sich Hunderte von

Booten an den kaum vierzig Meter breiten Durchlässen zusammendrängen,

werden gar häufig einzelne umgerannt. Sie scheinen aber geradezu

mit Absicht das Fahrwasser der Dampfer aufzusuchen und fahren auf

zwei, drei Schritte Entfernung vor dem scharfen Bug vorbei, in

beständiger Lebensgefahr. Wie mir der Kapitän des „Hankau” erzählte,

betrachten sie dieses Passieren des Dampferbuges in ihrem Aberglauben

als glückbringend. Was mir gelegentlich meiner ersten Fahrt auf

dem Perlflusse auffiel, waren die roten Leinwandlappen und roten

Papierstreifen, welche jedes einzelne Boot, jede Dschunke auf den

Masten, am Bug und an den Seiten zeigte. Vorn auf der Spitze jedes

Schiffes brannten außerdem Joß-sticks (Räucherkerzen) in großen Mengen,

und wer immer ein Gong besaß, schlug wie besessen unaufhörlich darauf

los. Durch diese abergläubischen Mittel wollten die Bootsinsassen die

bösen Geister bannen. In Canton und den umliegenden Ortschaften wütete

gerade die sibirische Beulenpest. Tausende fielen dieser schrecklichen

Plage täglich zum Opfer, und die Chinesen kennen kein anderes Mittel,

ihr entgegenzutreten, als daß sie die bösen Pestgeister auf die

genannte Art verscheuchen.

Zwischen den Sampans und Fischerbooten schwimmen Hunderte von Dschunken

den Fluß auf und ab, große plumpe Kästen mit hohem Bug und noch viel

höherem Stern, mit bunten Farben überschmiert und an den Seiten mit

grotesken Fratzen bemalt. Die Seitenwände dieser Fahrzeuge laufen

gegen das Steuer zu nicht zusammen wie bei unseren Schiffen, sondern

verlängern sich geradlinig um etwa einen Meter oder noch mehr über das

Steuer hinaus. In diesem so gebildeten Schlitz steckt das Steuerruder

mit einer Reihe vertikaler Einschnitte, durch welche beim Steuern

das Wasser durchschießt. Auf dem plumpen, bunt bewimpelten Mast

sitzt gewöhnlich nur ein großes Segel, nicht aus Stoff, sondern aus

einer Binsenmatte bestehend, die mit fächerartigen Rippen versehen

ist. Wird das Segel entfaltet, so öffnet es sich mit divergierenden

Rippen ähnlich wie ein Fächer, dem der Knopf abgeschnitten wurde.

Die zahlreichen Löcher und aufgesetzten Flecke zeugen nicht nur von

dem Alter dieser Mattensegel, sondern auch von den Stürmen, welche

die Boote in den chinesischen Gewässern, besonders zur Teifunzeit,

zu überstehen haben. Der Bug mancher Dschunke zeigt eine grotesk

geschnitzte scheußliche Fratze, bei allen Dschunken aber sitzen nahe

dem Bug zwei ungeheure runde Fischaugen, welche den Schiffskörpern das

Aussehen scheußlicher Seeungetüme verleihen. Als ich einen Chinesen in

Canton über den Zweck dieser aufgemalten Augen befragte, meinte er in

der merkwürdigen Verkehrssprache zwischen Europäern und Chinesen im

fernen Osten, dem Pidgen-English: „~No got eye, no can see; no can

see, no can go~” (hat kein Auge, kann nicht sehen; kann nicht sehen,

kann nicht gehen).

Viele von den Dschunken, in chinesischer Sprache Tschuank genannt,

sind für den Passagierverkehr zwischen Canton und den Küstenstädten,

sowie Formosa, Hainan, ja Singapore und den Sundainseln bestimmt;

andere liegen nur dem Frachtenverkehr oder dem hier in großartigem

Maßstabe betriebenen Schmuggel ob. Zu seiner Verhinderung besitzt

die Zollbehörde eine Anzahl von Kanonenbooten, welche sich durch

besondere Schnelligkeit auszeichnen und deren Befehlshaber Europäer

sind. Aber auch die Chinesen haben auf dem Perlflusse eine Menge von

Kanonenbooten, hauptsächlich gegen die Seeräuber bestimmt, auf die

sie nach Thunlichkeit Jagd machen. Diese Kanonenboote sind nichts

weiter als gewöhnliche Dschunken mit einer Kanone auf dem Stern und

einer Bemannung von etwa einem Dutzend Soldaten. Die großen rotweißen

Flaggen auf der Mastspitze künden den Schmugglern schon von weitem die

chinesische Hermandad an, so daß sie beizeiten Reißaus nehmen können.

Aus dem Perlfluß verkehren gegen sechzig verschiedene Arten von

Dschunken. Viele von ihnen, besonders die Privatfahrzeuge reicher

Chinesen, sind mit prachtvollen Schnitzereien und Vergoldungen

geschnitzt und sehr rein gehalten. Nichts kann malerischer sein als

diese kurios geschwungenen, stets wie zu einer Hochzeit mit Wimpeln

und bunten Flaggen geschmückten großen Schiffe, die nirgends als

nur in China zu sehen sind und eine der größten Merkwürdigkeiten

dieses Landes bilden. Für den Passagierverkehr zwischen Hongkong und

Canton, auch weiter stromaufwärts bis Shaoking, dienen unter anderen

eigentümliche Fahrzeuge, welche die Europäer spottweise „chinesische

Dampfer” nennen. Eben kam uns eines derselben entgegengefahren, und

es hätte nicht viel gefehlt, so wären wir mit ihm zusammengestoßen.

Der Form nach war dieses Schiff den europäischen Dampfern ähnlich, nur

besaß es statt der Schaufelräder an den Seiten ein einziges Schaufelrad

auf dem Stern, ähnlich den berüchtigten Stern-wheelers auf dem Ohio

und Mississippi, die ich auf meinen amerikanischen Reisen so häufig

zu benutzen gezwungen war. Aber statt durch eine Dampfmaschine, wurde

dieses Schaufelrad durch Menschenarbeit in Drehung versetzt. Vor dem

Schaufelrad befand sich nämlich unter dem Verdeck ein großes Tretrad,

und auf diesem steigen unaufhörlich, in Schweiß gebadet, etwa zwei

Dutzend halbnackter Kulis einher. In früheren Jahren führten manche

dieser „Dampfer”, um die Täuschung für die chinesischen Passagiere noch

vollständiger zu machen, mittdecks einen hohen schwarzen Schornstein,

unter dem ein Feuer aus feuchtem Holz unterhalten wurde, damit der aus

dem Schornstein qualmende Rauch recht weit sichtbar war. In neuerer

Zeit sind die Schornsteine verschwunden, aber die Treträder sind

geblieben, fürwahr eine billige Triebkraft, denn jeder Passagier,

der sich dazu hergiebt, das Rad zu treten, hat freie Fahrt. Dabei

melden sich stets doppelt und dreifach so viele Passagiere, als der

Schiffseigentümer zur Fortbewegung des Schiffes braucht.

Die einzige Station, bei der wir auf dem Wege nach Canton anhielten,

war das alte Whampoa, früher der Handelshafen der Riesenstadt Canton,

denn bis hierher konnten die großen Seeschiffe vordringen. Auf den

benachbarten Anhöhen erheben sich zwei alte, vierstöckige Pagoden,

die sich in der herrlichen Umgebung dieses einstigen Welthafens sehr

malerisch ausnehmen und die Wahrzeichen Whampoas bilden. Aber Glanz

und Reichtum sind längst dahin, und an Stelle der einstigen reichen

Hafenstadt befindet sich ein elendes chinesisches Fischerdorf, von

den Zollbeamten spottweise die „Bambusstadt” genannt. Die einstigen

Docks und Reparaturwerkstätten der Europäern wurden an die chinesische

Regierung verkauft, welche sie zur Ausbesserung und Ausrüstung ihrer

Kanonen- und Torpedoboote eingerichtet hat. Auch eine Marineschule

befindet sich hier.

Während unser Dampfer in der Mitte des Stromes anhielt und einige

Boote den Passagierwechsel bewerkstelligten, wurde mein Augenmerk

durch ein höchst malerisches Schauspiel gefesselt. Von Canton her

kam auf dem Flusse eine Flottille von etwa einem Dutzend Booten

herabgeschwommen; war es denn chinesische Fastnacht? Aus der Ferne

betrachtet, erschienen mir diese Boote wie aus einem kölnischen

Karnevalsumzug herausgerissen. In phantastischen Farben prangend,

über und über mit Fahnen, dreieckigen und viereckigen Bannern,

bunten Wimpeln und roten Papierstreifen geschmückt, zeigte jedes

Boot eine andere mehr oder minder verzwickte Form. Am glänzendsten

und reichsten erschien das erste Boot, auf dessen Mast die gelbe

kaiserliche Fahne mit dem blauen Drachen wehte. Unter seltsamen

Musikklängen und lärmenden Gongschlägen zog es an uns vorüber.

Soldaten mit blauen Kitteln und roten Kreisen auf Brust und Rücken

standen auf dem Verdeck, und unter einem bunten Baldachin saß rauchend

ein hoher Mandarin. Dieses offizielle Mandarinboot wurde von einer

Anzahl Kanonenboote und Dschunken begleitet, die alle ähnlichen

Flaggenschmuck zeigten. Wie mir der chinesische Comprador unseres

Dampfers mitteilte, war der Mandarin der auf einer Inspektionsreise

begriffene Provinzbefehlshaber. Aber selbst diese phantastischen Züge

werden zu gewissen Zeiten weitaus übertroffen, wenn in den größern

Städten und vor allem in Canton das Fest der Drachenboote abgehalten

wird, eine Art Wasserkarneval, der aus dem dritten Jahrhundert vor

Christo stammt und sich seit zwei Jahrtausenden alljährlich wiederholt.

Gerade während meines Aufenthaltes in Canton wurde zur Verscheuchung

der sibirischen Pest von dem Provinzstatthalter ein solches Fest

anbefohlen. Die phantastische Ausschmückung dieser zwanzig bis dreißig

Meter langen, in Drachenform gebauten Boote spottet jeder Beschreibung.

Unter dem furchtbarsten Lärmen, Gongschlagen, Schreien und Singen,

mit Feuerwerk und bengalischen Lichtern schießen diese von fünfzig

bis sechzig Rudern fortbewegten Boote zwischen den Tausenden von

Sampans und Pantoffelbooten, die ebenfalls mit Laternen bedeckt sind,

auf und nieder, und häufig kommt es bei den Wettfahrten zu ernsten

Unglücksfällen.

Bald nachdem wir Whampoa verlassen hatten, passierten wir die

letzte Strombarriere, unter fortwährender Gefahr, einige der immer

zahlreicher werdenden Boote umzurennen, und endlich gewahrte ich in

der Ferne zwischen den zahllosen Masten dieses belebtesten Flusses

der Erde das Häusermeer der Zweimillionenstadt Canton, überragt von

dem höchsten Gebäude derselben, von der katholischen Kathedrale

mit ihren zwei Türmen. Unwillkürlich wurden meine Blicke von dem

aufregenden, malerischen Flußschauspiele abgezogen, und staunend mußte

ich immer wieder diese Wahrzeichen des Christentums betrachten, welche

inmitten dieser fremden, heidnischen Welt uns so packend an die ferne

christliche Kultur gemahnten.

[Illustration: Straße in Canton.]

Canton.

Zu den beiden Seiten des ungemein belebten Flusses erhebt sich die

Riesenstadt; ihr Häusermeer dehnt sich von den Ufern viele Kilometer

in die Ebene aus, zieht sich an den Bergwänden im Westen empor und

schwindet endlich zwischen den Bäumen des ungemein fruchtbaren, reich

bebauten Landes. Aber vergeblich sucht unser Auge nach hervorragenden

architektonischen Werken, nach Tempeln und Palästen und Türmen;

chinesische Städte kennen diesen Schmuck nicht. Vereinzelt hebt

sich eine mehrstöckige alte Pagode über das Meer der einförmigen,

grauen, gleichhohen Hausdächer; hie und da ragen feste viereckige

Türme, aus Grauziegeln gebaut, empor, wie die Türme von Ritterburgen,

aber sie sind nichts weiter als Pfandhäuser, die in China eine gar

wichtige Rolle spielen; das einzige wirklich bemerkenswerte Gebäude

dieser urchinesischen Millionenstadt, das wir schon auf viele Meilen

Entfernung wahrgenommen hatten, geradezu das Wahrzeichen Cantons

bildend, ist die schon erwähnte gotische Kirche mit zwei hohen Türmen,

die Kirche des katholischen Bischofs von Canton.

Der Ruf unserer Dampfpfeife hatte Hunderte von Sampans in unsere

Fahrbahn gelockt, nur mit schwerer Mühe war es möglich, den Dampfer

zwischen ihnen hindurch an die Werft zu führen. Wir hatten mehrere

hundert chinesische Reisende an Bord, und die Lenker der Sampans

umdrängten in mehrfachen Reihen das Schiff, um Passagiere zu ergattern.

Unter diesem Getümmel und Geschrei ans Land gehen zu wollen, wäre

eitles Bemühen für uns Europäer gewesen; so sahen wir denn eine Stunde

lang dem tollen Treiben zu unseren Füßen zu. Die Mehrzahl der Sampans

waren von Frauen und Mädchen gelenkt. In blauen, weiten, bis an die

halben Waden reichenden Beinkleidern, ein dunkelblaues Hemd mit weiten

Aermeln darübergeworfen, ohne Kopfbedeckung und ohne Schuhe, führten

sie mit kräftigem Arm das Ruder der schweren Boote. Diese sind ihre

Wohnung und gleichzeitig ihr einziges Erwerbsmittel. Die Boote selbst

sind vorne und hinten mit einem Deck versehen, auf welchem die Ruderer

stehen und sich zwischen den anderen Booten geschickt hindurchzwängen,

indem sie Ruder, Kenterstangen und ihre Hände benutzen. In der Mitte

jedes Bootes befinden sich ein Paar Bänke, durch ein rundes Holzdach

gegen Sonne und Regen geschützt. Dies ist der Sitz für die Passagiere

und zur Nachtzeit die Schlafstätte der Bootsleute. Vorne auf dem Bug

wird gewaschen und gearbeitet, hinten gekocht und gegessen. Tagsüber

rudern sie auf dem breiten, gelben Perlstrom umher auf der Suche nach

Arbeit, am Abend ankern sie irgendwo an den Ufern zwischen Tausenden

anderen ähnlichen Booten und pflegen der Ruhe. So geht es Tag für

Tag, Jahr für Jahr von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tode. Selten, wenn

überhaupt, kommen sie über die Stadtmauern von Canton hinaus.

Die Ankunft der großen Hongkongdampfer giebt ihnen mehr Arbeit, als sie

sonst finden würden; deshalb der Zudrang dieser Hunderte von Booten,

deshalb dieses Schreien und Stoßen und Drängen und Hasten, daß uns

angst und bange wurde. Endlich, nach langem Warten, war der letzte

Chinese, das letzte seiner Gepäckstücke, Kopfkissen und Strohmatten

(denn auch solche nimmt der Chinese stets mit auf die Reise) in den

Sampans untergebracht, und es kam nun die Reihe an uns. Schon längst

hatte sich eines der Bootsweiber uns angeschlossen, ein strammes,

einäugiges Weib, das gar nicht übel englisch sprach und uns die

Karte des Shameenhotels überbrachte. Der Kapitän des Schiffes, ein

Mann, der seit dreißig Jahren in China weilt, hatte sie als durchaus

zuverlässig empfohlen; Susan, so lautet ihr Spitzname, hat wohl den

größten Teil der europäischen Touristen seit vielen Jahren in ihrem

Sampan nach dem Hotel gebracht. In ihrem Buche hatten die meisten

ihren Namen eingetragen, darunter berühmte Persönlichkeiten; sie

kannte jedermann in Canton, und jeder kannte sie. Ihr Mann faulenzte

in der Stadt und schmauchte Opium, sie arbeitete Tag und Nacht und

hatte sich trotz der Lumperei ihres Gatten ein Vermögen von mehreren

tausend Dollars zusammengescharrt. Mit kräftigen Armen hob sie unsere

schweren Koffer auf die Schulter und beförderte sie behutsam auf ihren

Sampan. Dann führte sie uns über die schmalen schwankenden Bretter in

das Boot und ruderte uns zwischen Tausenden von Booten in den Kanal zur

Landungstreppe des Shameenhotels. Ueberall sahen wir, daß diese Sampans

nur von Weibern gelenkt und bedient wurden; selbst kleine Mädchen, kaum

mehr als sechs bis acht Jahre alt, ruderten schon fleißig und machten

sich auf den kleinen schwankenden Booten nützlich.

Das Shameenhotel liegt auf der kleinen flachen Insel im Cantonfluß,

welche die Chinesen den Engländern und Franzosen als Niederlassung

für ihre Kaufleute und Konsulate vor etwa zwei Jahrzehnten abgetreten

haben. Tausende von Jahren bis zu dieser Abtretung war die Insel

nichts weiter als eine wüste Sandbank im Herzen der chinesischen

Millionenstadt. Zwei Jahrzehnte hatten genügt, um darauf eine der

schönsten und reinlichsten Europäerstädte Asiens hervorzuzaubern. In

ihrer Art ist sie vielleicht ebenso merkwürdig wie Canton selbst. In

dem elenden, schmutzigen, aller Beschreibung spottenden Straßengewirr

der Chinesenstadt ist es natürlicherweise Europäern geradezu unmöglich,

zu wohnen; dafür bauten sie sich auf Shameen schöne einstöckige

Häuser, die sich mit jenen unserer modernen europäischen Villenviertel

vergleichen lassen. In langen Reihen stehen sie da, umgeben von kleinen

wohlgepflegten Gärten, manche von ihnen überhöht von Masten, auf

welchen die Flaggen der verschiedenen Konsulate flattern. Unter den

mehreren hundert Einwohnern sind die meisten europäischen Nationen

vertreten. Am zahlreichsten findet man Engländer und Deutsche, die

hier große Ausfuhrgeschäfte besitzen. Die Stadt untersteht weder

den Chinesen noch irgend einer europäischen Nation, sie ist eine

Republik für sich, und zwar eine der internationalsten Art und im

vollsten Sinne des Wortes unabhängig. Sie hat ihr Theater, ihren

Klub, ihren philharmonischen Verein, ihre Parks, ihre Gärten, ihren

Lawn-Tennis-Ground, aber keinen einzigen Kaufladen nach europäischer

Art, sie hat auch keine Straße. Ein Stadtrat, aus Mitgliedern der

verschiedenen Nationen gewählt, besorgt die Verwaltung. Shameen hat

seine eigene Polizei, Wasserleitung, Feuerwehr, alles in vortrefflicher

Verfassung, ein Muster für das benachbarte Canton, das heute noch

regiert wird und so aussieht wie vor tausend Jahren. Die Bewohner

Shameens, mitten in dem Mongolenreiche lebend, abgeschnitten von der

Außenwelt, sind dabei doch ganz vergnügt; ihren Bedarf an Lebensmitteln

etc. beziehen sie teils aus Canton, teils aus einem Warenlager, das

nach Art der Konsumvereine eingerichtet ist, und Straßen brauchen

sie nicht, weil man im ganzen südlichen China keine Wagen kennt. Das

einzige Verkehrsmittel in Shameen, ebenso wie in Canton sind Tragstühle.

[Illustration: Kanal in Canton.]

Die Insel ist wie eine Festung gegen die Chinesenstadt abgesperrt.

Auf der einen Seite bespült sie der breite Cantonstrom, wo gewöhnlich

ein paar europäische Dampfer, darunter häufig solche mit deutscher

Flagge, vor Anker liegen, auf der anderen Seite trennt sie ein Kanal

mit senkrechten Steinufern von Canton. Die beiden darüber führenden

Brücken sind durch starke Eisengitter abgesperrt und von dem Shameener

Polizeikorps, wie von chinesischen Soldaten bewacht, als würde man

jeden Augenblick einen Ueberfall von seiten der Mongolen befürchten.

Diese Ueberfälle waren in früheren Jahren thatsächlich gar nicht

selten. Noch in den achtziger Jahren drang der tolle Pöbel Cantons

nach Shameen und brannte einen Teil der europäischen Stadt nieder. Die

Konsuln schilderten mir die Bevölkerung Cantons als die gefährlichste

von China: leicht aufbrausend, fanatisch und von Fremdenhaß erfüllt.

Ueberall wurde ich zur Vorsicht gemahnt, selbst in Shameen, obwohl

man dort weniger Furcht vor den Cantonesen hat als anderswo.

Thatsächlich brachte ich Tage auf der Wanderung durch die entlegensten

Viertel Cantons zu, nur begleitet von einem englisch sprechenden

Chinesen, Namens Ah-Kham, aber nirgends begegnete ich der geringsten

Feindseligkeit. Die Leute, von denen manche vielleicht noch niemals

einen Europäer gesehen hatten, betrachteten mich neugierig, aber

sie erwiderten freundlich meinen Gruß. Ich trat, ohne irgendwie

gehindert zu werden, in Buddhatempel und Gefängnisse, in Kaufläden

und Privathäuser, und das Bangen, das ich während der ersten halben

Stunde in dem engen Gäßchenlabyrinth der so übel beleumundeten Stadt

unwillkürlich empfand, wich allmählich dem Gefühl vollständiger

Sicherheit.

Die Chinesen behaupten, die größte Stadt ihres Reiches sei Canton.

Es wird wohl auch so sein, obwohl diese abergläubischen Leute nie

eine Volkszählung gemacht haben. Sie meinen, das wäre schlechtes Joß,

das heißt, es brächte Unglück. Die Angaben, nach einer allgemeinen

Schätzung, schwanken zwischen einer Million und zweieinhalb Millionen.

Es kommt ja auch gar nicht darauf an. Haben sie doch in ihrem

Reiche mehr Einwohner als das ganze große englische Kolonialreich,

Rußland, die Vereinigten Staaten und ein paar europäische Königreiche

zusammengenommen. Manche ihrer Provinzen zählen zwanzig bis dreißig

Millionen, eine ganze Menge von Städten, die man in Europa nicht einmal

dem Namen nach kennt, haben eine bis anderthalb Millionen Einwohner,

Canton aber ist die größte darunter.

Es ist wohl auch die sehenswerteste, nicht etwa wegen architektonischer

Bauten, großstädtischer Anlagen, Schulen, Museen, Fabriken etc. Derlei

Dinge besitzen chinesische Städte überhaupt nicht. Im chinesischen

Reiche giebt es, nicht einmal den Kaiserpalast in Peking ausgenommen,

kein einziges Gebäude, das sich an Größe und Pracht mit irgend einem

unserer modernen Miethäuser messen könnte; die Tempel sind größtenteils

armselige, schmucklose Bauten, in deren Höfen Unkraut wächst. Die

Privathäuser der Reichen sind unscheinbar. Die große Prüfungshalle für

staatliche Beamte in Canton gleicht einer Ruine, Museen existieren

nicht, außer man betrachtet die Städte selbst als solche, Fabriken

kennt man nicht, und in ganz Canton giebt es noch keine Dampfmaschine,

keinen Betrieb durch Wasserkraft, kein Gas, keine Elektrizität. Canton

ist ebenso wie alle anderen Städte Chinas heute noch so, wie es vor

fünfhundert, vor tausend, vor zweitausend und mehr Jahren war, mit

derselben Kultur, denselben Gebräuchen und Sitten und Manufakturen, nur

ist es größer geworden. Es ist gewachsen, nicht fortgeschritten. Vor

viertausend Jahren hatte es schon ähnliche Münzen wie heute, und was es

zur Zeit Christi geschaffen und gethan, schafft und thut es heute noch,

das ewige Einerlei, kein Fortschritt, kein Rückschritt; China blickt

nicht in die Zukunft, es kennt nur seine Gegenwart und besser noch als

diese seine Vergangenheit.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 3 / 71 段