eigentümliche Lage dieser winzigen Kolonie wahrnehmen. Sie erinnerte
mich lebhaft an Gibraltar, das den Spaniern gerade so auf der Nase
sitzt wie Macao den Chinesen, nur daß die Anhöhen des letzteren sich
nicht entfernt mit dem Felsen des Dschebel al Tarik vergleichen lassen.
Auch Macao liegt auf einer langen, nach Süden laufenden Halbinsel,
die nur durch einen flachen, sandigen Landstreifen von fünfundsiebzig
Meter Breite mit dem chinesischen Hinterlande zusammenhängt. Jenseits
davon gewahrte ich die Mauern der chinesischen Stadt Tschingan, das
die Portugiesen in Casabranca umgetauft haben. Wie groß aber der
portugiesische Landbesitz in Wirklichkeit ist, können sie selbst nicht
sagen. Sie haben wohl vor lauter Sklavenverkäufen und Spielen in den
chinesischen Spielhöllen während der dreiundeinhalb Jahrhunderte
ihres Hierseins noch keine Zeit dazu gefunden. Sie behaupten, ihre
Kolonie sei einunddreißig Quadratkilometer groß, ein Zehntel von
Schaumburg-Lippe, aber die Chinesen geben ihnen nicht einmal das, ja
bis zum Jahre 1887 ließen die bezopften Söhne des Himmels überhaupt
keine Ansprüche der Portugiesen zu. Ich erkundigte mich über die
eigentlichen Besitzverhältnisse in dem monumentalen Regierungsgebäude
auf der Praya. Der überaus höfliche Secretario geral do Governo e
Secretario de Legaçao (die Portugiesen lieben lange Titel) widersprach
den Angaben der meisten Reisewerke, daß Macao gar keine portugiesische
Kolonie sei. Bis 1887 hätten die Portugiesen allerdings dem Kaiser
von China eine jährliche Miete von 500 Taëls für die Halbinsel
gezahlt. In dem Vertrage des genannten Jahres aber wurde der wirkliche
Besitz den Portugiesen zuerkannt. Sie haben, um das zu erreichen,
dreihundertfünfzig Jahre gebraucht. Kann man sich da über den Rückgang
ihres einstigen Weltreiches wundern?
Die heute noch in Macao lebenden Portugiesen, etwa 5000, sind, wie
bemerkt, mit wenigen Ausnahmen Mischlinge, denen man die chinesische
oder malayische Mutter an den Schlitzaugen und der dunkeln Hautfarbe
sofort ansieht. Keine andere Nation Europas hat ein so erstaunliches
Anpassungsvermögen, was mit anderen Worten heißt, keine hat sich für
die weibliche Hälfte der dunkelhäutigen Menschenrassen so empfänglich
gezeigt, so wenig kaukasischen Rassenstolz entwickelt. Ich habe diese
Wahrnehmung in Afrika, in Indien, auf den Sundainseln, in Malakka etc.
gemacht und sah sie nun auch in China bestätigt.
Wovon die Portugiesen in Macao leben, ist schwer zu sagen. Während
in Hongkong und Canton der denkbar regste Handel und Verkehr
herrscht, ist es in Macao still, und das ganze noch vorhandene
Geschäftsleben liegt in den Händen der 60000 Chinesen, welche das
weitaus bedeutendste, lebenskräftigste und wohlhabendste Element in
dieser europäischen Kolonie bilden. Das Streben jedes Portugiesen
in Macao scheint es zu sein, in irgend einem andern Hafen Ostasiens
Unterkunft und Beschäftigung zu finden, oder in Macao selbst irgend
eine Regierungsstelle zu ergattern. Es ist gar nicht zu glauben,
welches Beamtenheer hier erforderlich ist, um die einunddreißig
Quadratkilometer Landes zu verwalten. Das Sprichwort „Viele Köche
versalzen die Suppe” hat sich hier glänzend bewährt.
An die europäische Stadt schließt sich jene der Chinesen an, eben
so schmutzig, lärmend, belebt wie das Chinesenviertel in Hongkong,
aber die Elemente, die sich hier zusammengefunden haben, sind
zum Teil noch verlotterter als dort. In früheren Jahrzehnten
steckten die chinesischen Kaufleute hier unter einer Decke mit den
portugiesischen in Bezug auf den schmachvollen Menschenhandel, der hier
getrieben wurde. Harmlose Chinesen wurden unter allerhand falschen
Vorspiegelungen angeworben, auch durch Piraten gewaltsam abgefaßt
und als Sklaven nach Peru, Kalifornien oder Mexiko verkauft. Eine
halbe Million Seelen fielen den Portugiesen so zum Opfer, bevor die
chinesische Regierung die Einstellung dieses Kulihandels erwirken
konnte. Damit ging die leichteste und ergiebigste Einnahmequelle
den Portugiesen verloren, und so warfen sie sich denn im Verein mit
ihren chinesischen Freunden auf das Lotteriewesen, das bei einem so
spiellustigen Volke, wie die Chinesen, günstigen Boden finden mußte.
Wie früher durch den Kulihandel, so wurden nun durch die Lotterie im
wahren Sinne des Wortes spielend ungeheure Vermögen erworben, und
auch die portugiesische Regierung gewann durch die Abgaben jährlich
Millionen. Um das Geld im Lande zu erhalten, hob die chinesische
Regierung das Lotterieverbot in China auf, die in Macao befindlichen
Lotteriegesellschaften fanden in neugegründeten Anstalten dieser Art
in Canton gewaltige Konkurrenten, und damit versiegte auch diese
unlautere Einnahmequelle. Statt der früheren Millionen giebt sie
heute der Regierung nur etwa 200000 Mark jährlich. Nun warfen sich
die guten Bewohner von Macao, dieser Freistätte des Lasters, auf den
Opiumschmuggel. Die Chinesen konnten demselben nicht anders beikommen
als durch die Gründung einer neuen Zollstation auf der benachbarten
Insel Lappa, und so blieben den Portugiesen nur jene Geschäftchen,
welche in Macao selbst betrieben werden können, wo sie die Hand der
chinesischen Regierung nicht erreichen kann: die Spielhöllen mit
Baccarat und dem chinesischen Fan-Tanspiel, das der portugiesischen
Regierung immer noch eine jährliche Einnahme von etwa 600000 Mark
abwirft. Während die Kaufleute anderer europäischer Nationen in China
ihr Augenmerk auf die kommerziellen Bedürfnisse der Chinesen richten,
spekulieren die Portugiesen, wie man sieht, hauptsächlich auf deren
Laster und Leidenschaften; kein Wunder, daß sie sich unter Chinesen wie
Europäern in Asien keiner besonderen Achtung erfreuen.
In den beiden vorzüglichen Hotels von Macao, dem „Boa vista” und dem
auf der Praya Grande (der Strandpromenade) gelegenen Hingkeehotel
findet der Besucher immer Führer, welche ihn auf seinen Spaziergängen
durch die Chinesenstadt begleiten und die hauptsächlichsten Spielhöllen
zeigen. So elegant und einladend, wie jene des europäischen Macao,
Monte Carlo, sind sie keineswegs, aber dennoch trifft man in
ihnen neben Chinesen auch viele Europäer, Portugiesen wie junge
englische Clerks, welche auf den „Gambling Steamers” von Hongkong
herüberkommen, um ihr Glück zu versuchen. Aus Neugierde setzte ich
selbst auch einigemale auf Fan-Tan und -- gewann. Die Einrichtung
des Fan-Tantisches ist sehr einfach. Die Spieler setzen sich an
die mit 1, 2, 3, 4 bezeichneten Seiten des Tisches und legen ihren
Einsatz auf eine derselben. In der Mitte wird ein Haufe von kleinen
Münzen oder auch Bohnen, Steinchen etc. zusammengeworfen und mit
einer Metallschüssel bedeckt. Sind die Einsätze gemacht, so hebt der
Bankhalter die Schüssel ab und zählt den Münzen- (oder Bohnen-)haufen,
indem er immer vier und vier davon abstreift. Bleiben eine, zwei oder
drei Münzen übrig, so haben jene Einsätze gewonnen, welche auf die mit
1, 2 oder 3 bezeichnete Tischseite gelegt wurden. Bleibt kein Stück
übrig, war also die Münzenmenge durch vier teilbar, so streicht der
Bankhalter alle Einsätze ein. Es kann aber auch auf alle vier Seiten
gesetzt werden, und der Bankhalter zieht einen Teil des Gewinstes für
sich ein.
Ein anderes Spiel, das die portugiesische Regierung als Monopol
einer Gesellschaft abgetreten hat und aus dem sie eine Einnahme von
etwa zweihunderttausend Mark jährlich bezieht, ist das Pak-kap-piu.
Die ersten achtzig Schriftzeichen, welche in dem Schulbuche der
Chinesen „Die tausend Schriftzeichen Klassiker” enthalten sind,
befinden sich auf Papierstreifen aufgedruckt, welche unter die Spieler
verteilt werden. Der Bankhalter verkauft nun Karten, welche, auf
die Papierstreifen aufgelegt, gerade zehn der achtzig verschiedenen
Schriftzeichen bedecken. Bei dem Spiele, an welchem ich in einer der
Spielhöllen teilnahm, kostete jede Karte hundert Reis (Macao besitzt
die portugiesische Goldwährung). Ich legte meine Karte auf die ersten
zehn Schriftzeichen. Der Bankhalter zog nun aus einer verdeckten
Schüssel zwanzig Täfelchen und legte sie vor sich auf den Tisch, so
daß alle Mitspielenden sie sehen konnten. Jedes Täfelchen enthielt
ein Zeichen. Mein Führer hob nun meine Karte auf und sah nach, welche
dieser zwanzig gewinnenden Zeichen unter meiner Karte waren. Er zählte
deren drei. Ich hatte meinen Einsatz verloren. Hätte meine Karte deren
sechs bedeckt, so wäre mir ein Gewinst von hundert Reis zugefallen; bei
sieben Schriftzeichen zweihundert, bei allen zehn etwa zehntausend.
Diese beiden Spiele waren in den Spielhöllen, die ich besuchte, die
beliebtesten. Aber es wurden deren noch Dutzende andere gespielt,
mit Würfeln, Dominos, Bambusstäbchen und den fingerlangen kleinen
chinesischen Spielkarten, deren es zwei verschiedene Arten giebt. Ein
Spiel mit Dominopunkten auf den Karten zählt deren 32, ein anderes,
Ngau-pai genannt und schon seit Jahrtausenden bekannt, besitzt in jedem
Päckchen 36 Karten und dürfte wohl das älteste Kartenspiel der Welt
sein.
Indessen, weder in Macao noch sonst irgendwo in dem großen Reiche der
Mitte beschränken die Chinesen ihre außerordentliche Spielwut auf die
Spielhöllen allein. Alt und jung, Männer wie Frauen, reich und arm bis
zu dem elendesten Kuli, alles ist von frühester Jugend an dem Spiel
ergeben. Man sieht die Chinesen in den Häusern, in den Kaufläden, in
Theehäusern, ja selbst in den Vorhöfen ihrer Götzentempel, auf Schiffen
und in den Straßen spielen. Jede Gelegenheit wird dazu benützt. Bei
meiner Wanderung durch den ungemein reichhaltigen Fruchtmarkt von Macao
bemerkte ich ein halbes Dutzend langbezopfter Söhne des Himmels um
einen Fruchthändler versammelt, der unter spannender Aufmerksamkeit
seiner Zuseher eine Apfelsine schälte. Sorgfältig zerteilte er sie und
zählte dann die in ihr befindlichen Samenkörner. Als er das Resultat
laut ausrief, wechselten die sechs zusehenden Chinesen Geldmünzen
untereinander. Ich konnte mir den Grund nicht erklären. Mein Führer
erzählte nun, die sechs Chinesen hätten untereinander auf die Zahl der
Samenkörner in der ersten besten Orange gewettet.
[Illustration: Blumenboot.]
Auf dem Perlfluß.
Giebt es auf dem Erdball einen Fluß, auf welchem sich ebenso
interessantes, reges, malerisches Leben zeigt wie auf dem Perlfluß?
Ich kenne ihn nicht. Man könnte die Themse erwähnen und den Hudson bei
Neuyork, aber die breiten Rücken dieser Ströme tragen hauptsächlich
gewaltige Ozean- und Flußdampfer, Dampffähren, Schleppschiffe und
moderne Segler. Sie sind nur Wasserstraßen, dem Verkehr gewidmet,
nicht dem Leben. Leben zeigen wohl der Ganges, Nil, Irawaddi und der
Menam, allein lange nicht in dem gleichen Maße wie der Perlfluß,
besonders auf der achtzig Seemeilen langen Strecke zwischen dem größten
Handelsemporium und der größten Stadt des himmlischen Reiches, zwischen
Hongkong und Canton. Dort +lebt+ ein großer Teil der Bevölkerung
geradezu auf dem Wasser, und während die modernen Dampfer, welche die
Europäer auch auf diesem urchinesischen Fluß verkehren lassen, nur
dem Transport von Waren und Passagieren dienen, +wohnen+ auf dem
Perlfluß Hunderttausende von Menschen. Auf der breiten Wasserfläche
dieses trüben, schlammigen, reißenden Flusses werden sie geboren,
verbringen sie ihr Leben und sterben; aus seinen Fluten ziehen sie ihre
Nahrung, ihren Lebensunterhalt. Sie sind menschliche Amphibien, denen
das Leben auf dem trockenen Festlande kaum erträglich scheint, und die
sich nur auf ihren Sampans, Fischerbooten und schwimmenden Häusern
wohlbefinden.
Man mag in dem ungeheuren chinesischen Reiche reisen, wohin man will,
nirgends wird sich die chinesische Eigenart malerischer zeigen als auf
dem Cantonflusse und auf dem Wege dahin. In letzter Zeit wird viel von
einer Eisenbahn zwischen Hongkong und Canton gesprochen, vielleicht
wird man schon in wenigen Jahren das Dampfroß durch die gesegneten
Reisgefilde am Kwantung eilen sehen. Aber wer immer in Zukunft Canton
besucht, möge die Flußfahrt dahin unternehmen, wenn er das alte China
kennen lernen will. Prächtige große Dampfer von mehreren tausend Tonnen
Gehalt vermitteln den Verkehr zwischen den beiden so wichtigen Städten.
Als ich eines Morgens nach einer raschen Fahrt in der Jinrickishaw
durch das schmutzige Chinesenviertel in Hongkong den Dampfer Hankau
bestieg, der mich nach Canton bringen sollte, glaubte ich mich auf
einem der schwimmenden Passagierpaläste des Hudson zu befinden,
so groß und prächtig sind die Dampfer der Hongkong-Canton- und
Macao-Dampfergesellschaft. Auch die Einrichtung dieser blendend weißen
Schiffe mit ihren geräumigen, eleganten Salons, ihrem Hurricandeck und
ihren schönen Kabinen erinnerte mich an die Hudsondampfer. Nur besitzen
sie eine bedenkliche Zuthat, die den amerikanischen Flußdampfern fehlt.
In einem an den Salon grenzenden Raume prangte ein kleines Arsenal von
Schieß-, Stich- und Hiebwaffen, zum Zugreifen bereit, und als mich ein
chinesischer Steward mit lang herabhängendem Zopfe in meine Kabine
führte, bemerkte ich in dieser, unmittelbar über meinem Bett, einen
haarscharf geschliffenen Säbel und einen geladenen Revolver. Vor den
zum Zwischendeck führenden Thüren hielten bewaffnete Matrosen Wache
und ließen keinen der tausend oder noch mehr chinesischen Passagiere,
welche dort unten zusammengepfercht waren, auf das Oberdeck.
Warum diese Sicherheitsmaßregeln? Sie scheinen heute vielleicht
überflüssig, aber in früheren Jahren kam es häufig vor, daß sich
chinesische Seeräuber als Passagiere auf die Dampfer einschmuggelten
und, sobald diese das Insellabyrinth vor der Mündung des Perlflusses
erreicht hatten, den Kapitän, die europäischen Offiziere und Passagiere
überfielen, um sie auszurauben. Noch vor einigen Jahren ereignete sich
dies auf einem solchen Dampfer, und bald nachdem ich Canton wieder
verlassen hatte, berichteten die Tagesblätter aus Hongkong von dem
Ueberfall eines chinesischen Schiffes durch Piraten in jenen Gewässern.
Sie ermordeten die ganze Schiffsmannschaft und führten das Schiff
nach einer unbewohnten Insel, wo sie den Anstrich desselben änderten
und es für weitere Piratenzüge benützten. In völliger Sicherheit ist
man auch heute noch nicht, trotz der englischen Kriegsfahrzeuge und
der kuriosen chinesischen Kanonenboote, welche den Patrouillendienst
auf dem Perlfluß versehen. Deshalb wird der Wachtdienst auf den
Passagierschiffen sehr streng gehandhabt; eine Anzahl Matrosen mit
Revolvern und Säbeln sind stets in Bereitschaft, und neben diesen
Waffen giebt es noch andere, nicht minder gefährliche. Der Ingenieur
unseres Dampfers zeigte mir gerade gegenüber der Eisenthüre, welche
zum Zwischendeck führt, die Mündung eines Schlauches, der mit dem
Dampfkessel in Verbindung steht. Im Falle von Meuterei braucht der
wachthabende Matrose nur einen Hahn zu öffnen, um die ganze bezopfte
Gesellschaft mit heißem Dampf abzubrühen.
Während wir, den herrlichen Hafen von Hongkong verlassend, in
das Labyrinth kahler, brauner Felseninseln steuerten, welche der
eigentlichen Mündung des Perlflusses, der Boca Tigris, vorgelagert
sind, besah ich mir die Einrichtung des Dampfers. In den Räumen der
ersten Kajüte gleicht alles, wie gesagt, den Hudsondampfern. Eine
Eisenthür führt nach der auf demselben Verdeck befindlichen zweiten
Kajüte, welche für die Chinesen der besseren Stände bestimmt ist, und
an diese schließt sich eine Kajüte für die chinesischen Damen. In der
vornehmen Welt Chinas herrscht in Bezug auf das weibliche Geschlecht
eine ähnliche Abschließung wie bei den Mohammedanern, nur daß sich die
Chinesinnen niemals verschleiern.
Das Zwischendeck ist für die Chinesen der untern Stände bestimmt.
Der ganze verfügbare Raum war mit Zopfträgern angefüllt, die auf
mitgebrachten Decken oder Strohmatten lagen oder auf ihren Kisten
und Kasten und Kleiderbündeln hockten, denn das Zwischendeck der
chinesischen Dampfer besitzt keine Einrichtungsstücke, und jeder
Passagier muß für seine Bequemlichkeit so gut als möglich selbst Sorge
tragen. Die meisten hatten ihre Tabaks- oder Opiumpfeife im Munde
und gaben sich Karten- oder Dominospiel hin; selbst die bettelarmen,
halbnackten Kulis, die vielleicht nichts ihr Eigen nannten als das
zerlumpte, bis zu den Knieen reichende Beinkleid, ihr einziges
Kleidungsstück, und ein paar Sapeken (Kupfermünzen im Wert von einem
viertel Pfennig), kauerten gruppenweise auf den kahlen Dielen und
frönten dem Spiel. Verkäufer von allerhand Eßwaren, gekochtem Reis,
kleinen getrockneten Fischen, Seegras, übelriechenden Eiern und
sonstigen abschreckend aussehenden Dingen zogen von Gruppe zu Gruppe,
andere verkauften kochendes Wasser für die Theebereitung; hier ließen
sich blinde Musiker mit ihren Gesängen, Pfeifen und Gongschlägen hören,
dort lauschten Gruppen von Kulis den Märchen und Räubergeschichten
von gewerbsmäßigen Erzählern. Auch zahlreiche Frauen befanden sich
unter den Passagieren. Die Chinesen sind ein sehr reiselustiges Volk,
und der Prozentsatz jener, welche sich auf der Wanderschaft befinden,
ist vielleicht größer als bei manchem europäischen Volke. Mütter
mit ihren Kindern, junge Mädchen, arme Bootsfrauen und Kuliweiber
lagen rauchend, spielend oder mit allerhand Arbeiten beschäftigt auf
ihren Binsenmatten. Viele schliefen. Als Kopfkissen dienten ihnen
eigentümliche hohle Porzellankästchen in der Form und Größe unserer
Bauziegel. Die Atmosphäre in diesen Räumen war trotz der weitgeöffneten
Luken geradezu unerträglich. Die kleinen Papierfächer, welche jeder
Chinese mit sich führt, waren unausgesetzt in Bewegung; aber der
Gestank der Lebensmittel, alten Kleider und Matten, die Ausdünstung von
mehr als tausend Menschen, der eigentümliche ~odeur de Chine~,
der jedem Gegenstand in diesem Lande anhaftet, konnten weder von den
Fächern noch von der stark durchziehenden Seeluft verscheucht werden.
Trotz des ungemein interessanten Anblicks, den die bunt
zusammengewürfelte Menge gewährte, eilte ich deshalb bald auf das
Verdeck zurück. Wir waren bei den hohen steilen Felsen der Boca Tigris
angekommen und fuhren zwischen den starken Batterien hindurch, welche
die Chinesen hier zur Verteidigung von Canton durch deutsche Ingenieure
haben anlegen lassen. Auch weiterhin zeigen alle Berge, alle Inseln,
alle den Fluß eindämmenden Felsen Befestigungen, aber nur solche nach
chinesischem Muster. Hohe, blendend weiße Mauern ziehen sich vom
Flusse die Anhöhe hinauf und auf der andern Seite wieder herunter.
Im Innern dieser so umschlossenen weiten kahlen Räume ist nichts zu
sehen als ein oder zwei gemauerte Häuser, welche die Anhöhen krönen,
und Steintreppen, welche vom Flusse zu ihnen emporführen. Kanonen,
Erdwerke, Waffen, Mannschaften schienen diesen chinesischen Festungen
zu fehlen. Die einzigen Anzeichen, daß sich dort Mannschaften befinden
mußten, waren zahllose dreieckige Flaggen, weiß mit roten chinesischen
Schriftzeichen in der Mitte, oder rot mit weißen Schriftzeichen; zu
Hunderten wehten sie auf den Mauern und Gebäuden. Man sagte mir, es
würde heute ein hoher Mandarin zur Untersuchung der Festungswerke
erwartet, und deshalb der Fahnenschmuck. Ja, wenn die Chinesen mit
Flaggen allein Krieg führen könnten!
Weiter stromaufwärts verflachen sich die Ufer, und jedes irgendwie
verwendbare Stückchen Land wurde durch die fleißige Hand der Zopfträger
in Reisfelder verwandelt. Splitternackt, nur mit großen Strohhüten auf
den Köpfen, stehen sie in dem Schlamm und versetzen jedes einzelne
der Hunderttausende von zarten Reispflänzlein in schnurgerade Reihen.
Selbst die Schlammbänke, welche der reißende Strom hie und da mitten in
seinem Bett aufgeworfen hat, zeigen solche Paddy-(Reis-)felder. Wohl
äußert sich die Meeresflut bis hinauf nach Canton und hat dort noch ein
Spiel von über einen Meter, aber das Salzwasser selbst dringt nicht
viel weiter als bis zu der Boca Tigris, und es ist nur die Anstauung
des schlammigen Süßwassers, welche weiter oben das Flutenspiel
mitmacht. Die weiten, sumpfigen Ebenen werden durch Erddämme eingefaßt,
welche mit Lichee und Bananen bepflanzt sind. Nur vereinzelt gewahrt
man in diesen Gegenden Palmen. Wären diese zahlreicher vorhanden,
die Dörfer zu beiden Seiten des Flusses würden mit ihren düstern,
dunklen Schlammmauern an die Fellachendörfer des Nilthales erinnern.
An Stelle der Minarets treten hier die eigentümlichen vielstöckigen
Pagoden, an Stelle der Moscheen nicht etwa Buddhatempel, sondern
die festen viereckigen Steintürme der Pfandhäuser, deren es wohl in
jedem Dorfe eins oder mehrere giebt. Sie sind nächst den Pagoden die
höchsten und solidesten Bauten in China. Auffällig ist es, daß auch in
den Dörfern alle Häuser mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt sind,
und daß die Dörfer durchweg parallel zu der Flußrichtung stehen;
die abergläubischen Chinesen thun dies aus Furcht vor den bösen
Geistern, welche, unsichtbar für sie, in der Richtung des Flusses
durch die Lüfte jagen und ihrer Meinung nach durch quergestellte
Dächer aufgehalten würden. Im Gegensatz zu der Armseligkeit der
Dörfer steht die ungemein sorgfältige Bebauung der sie umgebenden
Ländereien. Sie verraten die Jahrtausende alte Kultur, der sie
durch die arbeitsamen Chinesen unterworfen wurden. Jede irgendwie
verwendbare Erdscholle ist bebaut; neben den Reisfeldern gewahrt man
Gemüsegärten, Orangen- und Obstpflanzungen, hie und da erheben sich
gewaltige Schattenbäume, und zwischen ihnen hindurch sieht man noch
in weiter Ferne Segelboote dahinziehen, wie in Holland. Der Fluß ist
in viele Seitenarme gespalten, und je nach ihrer Bestimmung stromauf-
oder -abwärts benutzen die chinesischen Fahrzeuge die Flutströmungen
im Hauptfluß oder in kleinen Nebenarmen. Ja, diese chinesischen
Schiffe! Jedes einzelne verdient in Europa in irgend einem Museum
aufgestellt zu werden. Gewiß waren es nicht die Phönizier, sondern
die Chinesen, welche die Segelschiffahrt erfunden haben, denn schon
vor Jahrtausenden war dieselbe sehr entwickelt. Chinesische Fahrzeuge
besuchten die verschiedenen Länder der ostasiatischen und australischen
Welt, und wenn sie auch im Laufe der Zeit erheblich verbessert worden
sind, so heimeln sie den Reisenden, der ihnen hier auf dem Perlfluß
begegnet, doch an, wie die kuriosen Fahrzeuge der alten Portugiesen
und Holländer aus der Zeit der großen Entdeckungsreisen. Gegen sie
erscheinen die Karavellen des Kolumbus noch modern. Und dabei haben
sie sich in China vielleicht in demselben Verhältnis vermehrt wie die
riesige Bevölkerung, denn die zahlreichen Flüsse, Seen und Kanäle des
großen Landes, wo immer man auch hinkommen mag, sind mit ihnen bedeckt,
zu Tausenden und Abertausenden drängen sie sich in den Häfen, an den
Kanalschleusen, in den Marktstädten zusammen, zu Tausenden schwimmen
sie auch hier auf dem Perlfluß.
[Illustration: Dschunken.]
Am zahlreichsten sind wohl die Fischerboote, dem ungeheuren
Fischreichtum dieses merkwürdigen Flusses entsprechend. Fischerboote
überall, in der Mitte des Stromes verankert, in den zahlreichen Buchten
oder längs der schlammigen, schilfbedeckten Ufer, mit Netzen, Angeln
und Kormoranen, diesen eigentümlichen Vögeln, welche sich die Chinesen
ganz unterthan gemacht haben und die mit unendlicher Geduld den lieben
Tag lang die Fische aus den Fluten für ihre Herren hervorholen.