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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1900 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Umlaute in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung dargestellt
(Ae, Oe und Ue). Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen
Kapitels verschoben.
Ausdrücke in chinesischer und japanischer Sprache wurden in einer
Transliteration in lateinischer Schrift wiedergegeben. Diese
Übertraung wurde vom Verfasser nicht immer konsistent durchgeführt,
dennoch wurden abweichende Schreibweisen wie im Original
beibehalten.
In der Buchversion wurde für den Begriff ‚et cetera‘ die tironische
Note für ‚et‘ verwendet, welche allerdings mit vielen Schriftarten
nicht dargestellt werden kann. Aus diesem Grund wurde in der
elektronischen Version von der Abkürzung ‚etc.‘ Gebrauch gemacht.
Einige Seitenzahlen des Inhaltsverzeichnisses wurden vom Bearbeiter
richtiggestellt. In mehreren Bildunterschriften finden sich
Angaben zur natürlichen Größe der abgebildeten Gegenstände. Diese
beziehen sich ausschließlich auf die gedruckte Originalversion,
da Bildgrößen auf unterschiedlichen Wiedergabegeräten zum Teil
stark variieren können. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen
Kapitels verschoben.
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den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
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Antiqua: ~Tilden~
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China und Japan.
China und Japan
Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
von
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage.
Mit 61 Vollbildern, 212 in den
Text gedruckten Abbildungen und
einer Generalkarte von Ostasien.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig. 1900.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort zur ersten Auflage.
Ein Buch, das „China und Japan” betitelt ist, bedarf eigentlich keines
Vorwortes. Der Titel allein besagt, daß es sich um eine wenig bekannte,
in jeder Hinsicht eigenartige Welt handelt, die erst in neuester Zeit
der Allgemeinheit erschlossen werden soll. Je mehr man von ihr erfährt,
in desto höherem Maße interessiert man sich für sie, mit desto größerer
Aufmerksamkeit wird jedes neue Buch darüber gelesen.
Leider ist die deutsche Litteratur in Bezug auf die beiden großen
Reiche Ostasiens keineswegs reich zu nennen. Sie besitzt darüber
bedeutende umfangreiche Quellenwerke, aber der Preis derselben oder
die Art der Darstellung ist nicht für die Allgemeinheit geschaffen.
Auch sind in den letzten Jahrzehnten eine Anzahl Reisewerke erschienen,
mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse und Einzelheiten, die
nur beschränkte Kreise zu befriedigen vermögen; an leicht faßlichen,
charakteristischen Darstellungen der ostasiatischen Monarchien mit
ihren Städten und Naturwundern, ihren Bewohnern und deren Kultur fehlt
es aber, und doch werden solche Bücher von den Gebildeten aller Stände
gerade +jetzt+ gesucht, wo sich die Beziehungen mit Ostasien in
jeder Hinsicht immer inniger gestalten. Mehr als je zuvor hegt man den
Wunsch, die Wahrheit zu erfahren über das Wesen der ostasiatischen
Kultur und über die Gefahren, mit welcher das ostasiatische Gespenst
nach der Meinung vieler unsere christliche Welt bedrohen soll.
„Völker Europas, hütet eure heiligsten Güter!” So lautet der Mahnruf,
der vor kurzer Zeit von höchster Seite erlassen wurde, und die Völker
Europas suchen die Begründung dieses Mahnrufs in dem Erwachen und
Erstarken der Völker Ostasiens.
Wird die Erschließung von China und Japan dem europäischen Handel, der
Industrie, dem allgemeinen Wohlstand Vorteile bringen, oder wird sie
einen schrecklichen Wettbewerb zur Folge haben, verderbenbringend für
unsere christliche Welt?
Mit diesen Fragen vor Augen habe ich auf meiner jüngsten Reise
um die Welt in den Monarchien Ostasiens länger als beabsichtigt
verweilt und zu ihrer Beantwortung nach Material gesucht. Ich gebe
in dem vorliegenden Werke nicht nur meine eigenen Erfahrungen
und Anschauungen, sondern faßte auch jene zahlreicher anderer
Persönlichkeiten zusammen, die seit vielen Jahren in den
verschiedensten Berufszweigen in Ostasien thätig sind, aber nicht die
Zeit, den Wunsch oder das Vermögen haben, ihre reichen Erfahrungen in
einheitlichen, abgerundeten Darstellungen zu Papier zu bringen. Frühere
große Weltreisen und ihre Schilderung haben mir vielleicht zu größerer
Fertigkeit, geübterem, schärferem Blick für das verholfen, was dem
europäischen Leser von besonderem Interesse ist. Nur wer die Kultur
anderer Länder und Weltteile kennen und aus sich selbst herauszugehen
gelernt hat, kann überall den richtigen Maßstab anlegen. Andere
werden gewöhnlich einseitig nach der von ihrer Jugend an gewöhnten
Elle messen, vieles minderwertig, verzwickt und verrückt halten, was
nicht nach dieser heimatlichen Elle paßt. Und weil die Kultur der
Ostasiaten von der unsrigen so sehr abweicht und so selten einsichtige,
unabhängige Schilderer fand, ist der Begriff „Chinesisch” bei uns zur
landläufigen Bezeichnung für alles Groteske geworden. Daher kommt auch
das allgemeine Aufsehen, um nicht zu sagen Erschrecken, als in neuester
Zeit solch unabhängige Schilderungen über die wahre Kultur, den wahren
Charakter, das wahre Können der Ostasiaten erschienen sind.
Gestützt auf das in Ostasien gesammelte Material habe ich in den
letzten zwei Jahren manche der nachstehenden Kapitel in verschiedenen
großen Zeitschriften veröffentlicht, und die Thatsache, daß diese
Arbeiten von zahlreichen, mitunter von Hunderten anderer Blätter
Deutschlands nachgedruckt und in fremde Sprachen übersetzt worden sind,
liefert den Beweis, daß sie gerade das enthalten, was man in Europa zu
erfahren wünscht. Dieser Erfolg hat mich ermutigt, den eingeschlagenen
Weg weiter zu verfolgen und China und Japan in allgemein faßlichen
charakteristischen Darstellungen zu schildern, soweit es dem Einzelnen
überhaupt möglich ist. Das Ergebnis ist das vorliegende Buch.
1897.
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Mehr noch als im Jahre des Erscheinens der ersten Auflage hat das in
den vorstehenden Zeilen Gesagte seine Richtigkeit. Ostasien tritt immer
mehr in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit, immer mehr
kommt man in Europa zur Erkenntnis der gegenwärtigen Bedeutung der
ostasiatischen Reiche, die sich noch mit jedem Jahre steigern wird.
Das große China wird endlich aus seiner mehrtausendjährigen Erstarrung
aufgerüttelt und der Erschließung durch Europa entgegengeführt; Japan
hat einen weiteren Schritt vorwärts gethan in seiner hochinteressanten
Umwandlung zu einem modernen Reich mit abendländischer Kultur und droht
ein gefahrvoller Rivale auf den ostasiatischen Märkten zu werden;
Rußland tritt durch die Besiedelung Ostsibiriens und den Bau der
transsibirischen Eisenbahn als neue gebietende Macht in Ostasien auf;
das alte ohnmächtige Korea wird wie ein Spielball zwischen den drei
Großmächten umhergeworfen. Durch diese Umwälzungen im fernen Osten
werden auch die Beziehungen Europas mit jenen Ländern in andere Bahnen
gelenkt, der europäischen Industrie werden neue, trotz des japanischen
Wettbewerbs sich immer mehr erweiternde Absatzgebiete erschlossen,
dem europäischen Handel wie dem Touristenverkehr winkt ein gewaltiger
Aufschwung in naher Zeit.
Ueberzeugt von der Wichtigkeit des chinesischen Marktes und von dem
Ringen unter den Industriestaaten des Erdballs, das in Bälde um
diesen Markt platzgreifen wird, habe ich seit Jahren getrachtet,
die Aufmerksamkeit aller Kreise im Deutschen Reich durch zahlreiche
Aufsätze und öffentliche Vorträge auf Ostasien zu lenken und ein
kräftiges Eintreten zur Wahrung der großen und berechtigten deutschen
Interessen dort herbeizuführen. Dieses Streben ist auch an vielen
Stellen der ersten Auflage des vorliegenden Werkes zum Ausdruck
gebracht worden, mit gleichzeitiger Betonung der Wichtigkeit
eines eigenen deutschen Hafens in China und der Absendung eigener
Handelsexpeditionen zum Studium der Märkte.
Früher als allgemein erwartet wurde, sind diese Wünsche zur Erfüllung
gekommen. Deutschland hat sich eine Eingangspforte in das chinesische
Reich, einen Stützpunkt für die Entwickelung seiner kommerziellen und
politischen Interessen in Ostasien geschaffen, mit einem Hafen, auf
welchen ich bereits in der ersten Auflage dieses Werkes, lange vor der
Besitzergreifung, hingewiesen habe.
Um diesen Hafen und sein Hinterland näher kennen zu lernen und zu
schildern, unternahm ich unmittelbar nach der Besetzung Kiautschous
eine neue Reise in das deutsche Gebiet und von dort kreuz und quer
durch Schantung und die angrenzenden Provinzen nach Peking. Die
Ergebnisse dieser Reise, welche ursprünglich in dem 1900 erschienenen
Werke „Schantung und Deutsch-China” (Leipzig, J. J. Webers Verlag,
Preis 14 Mark) niedergelegt wurden, sind kurz zusammengefaßt mit in
die vorliegende Auflage aufgenommen und bis auf die Gegenwart ergänzt
worden. Aber auch sonst hat das vorliegende Werk vielfache Aenderungen
und Ergänzungen erfahren, wie schon aus der +Vermehrung des Inhalts
um hundert Textseiten, 17 Vollbilder und 90 in den Text gedruckten
Abbildungen+ hervorgeht.
Während der genannten Reise von 1898, sowie auf einer darauffolgenden,
im Jahre 1900 unternommenen Reise war ich überall bedacht, alles
Wissenswerte über das hochinteressante Leben, Thun und Treiben der
Bevölkerung, über die Regierung, Kaufleute und Industrielle zu
erfahren, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft, Bergbau, Landesprodukte,
sowie auch die landschaftlichen Schönheiten und kulturellen
Merkwürdigkeiten der geschilderten Länder im touristischen Sinne
kennen zu lernen, so daß ich hoffe, daß „China und Japan” auch in der
vorliegenden Auflage zur allgemeinen Belehrung und Unterhaltung, dem
Geschäftsmann zum Nutzen, dem Touristen zur Führung dienen wird.
1900.
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Inhaltsverzeichnis.
Erster Teil: China.
Seite
Hongkong 3
Macao 14
Auf dem Perlfluß 21
Canton 30
Die sibirische Beulenpest 41
Gerichtspflege 47
Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln 58
Wie die chinesischen Jungen das ABC lernen 69
Meine erste chinesische Mahlzeit 78
Speisen und Getränke der Chinesen 87
Shanghai 94
Europäische Republiken in China 102
Chinesische Seide und ihre Metropole 106
Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen 115
Der Haarzopf der Chinesen 134
Tschinkiang 138
Nanking 143
Wie die Chinesen Theater spielen 153
Chinesischer Thee und seine Metropole 159
Hankau als Handelsstadt 170
Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte 176
Tsingtau und Deutsch-China 188
Quer durch Schantung 203
Der Kaiserkanal 219
Tientsin 231
Die Hauptstadt des chinesischen Reiches 241
Kwang-Su, der Kaiser von China 255
Hofhaltung beim Kaiser von China 263
Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe 271
Die Umgebung von Peking 278
Die Große chinesische Mauer 285
Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen 292
Wie die Chinesen Verdienste ehren 302
Die Mandarine 306
Litterarische Wettprüfungen 315
Die geheimen Gesellschaften Chinas 322
Chinesisches Zeitungswesen 332
Geld- und Bankwesen 341
Wie die Chinesen ihre Briefe befördern 355
Chinesisches Militär 364
Die christlichen Missionsanstalten in China 377
Verkehrswege im Innern von China 388
Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel 396
Zweiter Teil: Japan.
Nagasaki 409
Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe 418
Yokohama 423
Die Hauptstadt des Mikadoreiches 430
Der Kaiser von Japan und sein Hof 440
Die vornehme Gesellschaft 457
Die Japanerin 466
Japanische Frauentoilette 474
Japanische Jugend 481
Hymens Fesseln bei den Japanern 491
Eine Erdbebenkatastrophe 497
Modernes Theaterwesen in Japan 500
Danjuro, der Salvini von Japan 509
Litteratur und Zeitungswesen in Japan 515
Das Heerwesen der Japaner 522
Straßenleben in Tokio 531
Spazierfahrten im mittleren Japan 541
Kioto, die alte Hauptstadt von Japan 549
Daimondschi, das japanische Totenfest 557
Japanische Musmis 563
Die Geishamädchen 568
Japanische Ringkämpfer 579
Wie die Japaner in ihrem Lande reisen 584
Ein Birmingham des fernen Ostens 592
Auf dem Gipfel des Fudschiyama 601
Ikao, ein japanisches Karlsbad 609
Nikko, eine japanische Tempelstadt 617
Japanische Blumenfeste 625
Formosa 632
Japan als Industriestaat 640
Dschiudschutsu 647
Erster Teil:
China.
[Illustration: Kartogr. Anst. C. Starke, Leipzig sc.]
Hongkong.
Als wir, von dem sonnigen heißen Hinterindien kommend, nach mehrtägiger
Seefahrt in den Hafen von Hongkong dampften, war der erste Eindruck
dieses vielgerühmten englischen Emporiums von Ostasien keineswegs
ein angenehmer. Der Morgen war feucht und kalt, die See unruhig,
ein dichter Wolkenschleier verhüllte die Spitzen der zweitausend
bis viertausend Fuß hohen Berge, welche die Bucht von Hongkong
einschließen, und wir sahen davon nichts weiter als die massigen,
mehrere Stockwerke hohen Granitpaläste, die sich amphitheatralisch
die steilen Anhöhen emporziehen, und die weite windgepeitschte
Wasserfläche, auf welcher sich unzählige Ozeandampfer, Dschunken und
Sampans schaukelten. Etwa einen halben Kilometer von den Ufern gingen
wir vor Anker, und sofort war unser Schiff von einer Menge von kleinen
chinesischen Booten umschwärmt, deren halbnackte Insassen uns laut
schreiend und lärmend ihre Dienste anboten. Wären sie nicht gewesen,
wir hätten uns ebensogut in Portsmouth oder Plymouth glauben können,
so durchaus englisch erschien uns Hongkong an diesem nebeligen Morgen.
Während wir noch unschlüssig waren, uns bei so bewegter See den
kleinen Chinesenbooten anzuvertrauen, und uns über den recht fühlbaren
Mangel von Anlegebrücken in einem so großen Welthafen wunderten, kam
glücklicherweise für uns wenige Passagiere eine kleine Dampfbarkasse
angefahren, die uns nach viertelstündiger Fahrt ans Land brachte.
Hier, rings um Peddar Street Wharf, erschien uns Hongkong noch viel
englischer, als vom Wasser gesehen. Vor uns eine gerade Straße, zu
beiden Seiten von hohen englischen Geschäftshäusern eingefaßt, links
an der Ecke ein riesiges englisches Hotel, das uns aufnehmen sollte,
rechts eine englische Postoffice, in der Mitte, am Kreuzungspunkt
einer zweiten, natürlich Queens Street genannten Straße, ein plumper,
englischer Glockenturm; über den Kaufläden nur englische Aufschriften:
English Pharmacy, English Book Store, Public House, Drinking Bar, Gin,
Brandy, England for ever!
Brr! Welche Enttäuschung! Wir hatten auf den Sundainseln, in
Malakka, Siam, Kambodscha, in der malerischen fremdartigen Pracht
der Malayenwelt geschwelgt, wir hatten uns schon so sehr auf China
gefreut und von Pagoden und Buddhatempeln geträumt. Statt dessen wurden
wir durch diese englische Provinzstadt in die nüchterne, schmutzige
Alltagswelt zurückversetzt. Im Hongkonghotel gab es schlechte
englische Küche, in den weiten Korridoren liefen die Ratten umher,
und die Mehrzahl der Zimmer war unbewohnt. Nicht viel besser war der
Eindruck, den wir auf unsern ersten Gängen zu jenen Geschäftshäusern
erhielten, an welche wir Empfehlungsbriefe abzugeben hatten, englische
und deutsche. Im Gegensatz zu dem herzlichen, gastfreien Empfang in
Singapore, Colombo, Bangkok, Batavia etc. war die Aufnahme durch die
deutschen Kaufherren von Hongkong frostig, von Einladungen, Einführung
im Klub u. dergl. gar nicht zu sprechen. Aber die Briefe mußten doch
abgegeben werden. Wir waren nun frei und konnten uns nach Herzenslust
das, was Hongkong an Interessantem bietet, ansehen.
Da fanden wir denn doch, daß in Hongkong geradezu alles interessant
ist. Hongkong ist die Eingangspforte in das gewaltige chinesische
Reich, die englisch geschriebene Vorrede zu jenem mit sieben Siegeln
verschlossenen Buche, China geheißen, und die beste Einführung in
dasselbe. Gleichzeitig ist es aber eine der großartigsten Schöpfungen
englischen Unternehmungsgeistes, der hier auf dieser kahlen Granitinsel
binnen fünf Jahrzehnten einen der wichtigsten Handelshäfen der Welt
geschaffen hat. Noch leben hier chinesische Fischer, welche sich des
Tages erinnern, als das erste englische Schiff an ihrer einsamen,
gottvergessenen Felseninsel anlegte. Das war im Jahre 1845. Heute ist
diese Insel ein wahres Paradies, und an ihrer Nordseite zieht sich
in einer Länge von etwa sechs Kilometern eine Großstadt von 300000
Einwohnern hin, während das zwanzig Quadratkilometer große Wasserbecken
vor ihr in jedem Jahre 20000 Schiffe mit acht bis neun Millionen Tonnen
Gehalt beherbergt. Täglich kommen fünfzig Schiffe, täglich verlassen
ebensoviele den Hafen, nach allen Ländern der Alten und Neuen Welt
bestimmt, und der Handel, der in dieser kleinsten aller englischen
Kolonien getrieben wird, erreicht in jedem Jahre beinahe tausend
Millionen Mark!
[Illustration: Das Hongkonghotel und der Klub in Hongkong.]
Man kommt in Hongkong aus der Verwunderung nicht heraus, teils über die
unglaublichen Leistungen der Handvoll Engländer, welche hier ansässig
sind, teils über die fremdartige chinesische Kulturwelt, die sie rings
umgiebt und durch ihre Masse anscheinend zu erdrücken droht, während
sie thatsächlich mit Leichtigkeit durch diese Handvoll Engländer
gelenkt und beherrscht wird. Nur auf dem kleinen, eingangs erwähnten
Teil von Hongkong, rings um Peddar Street, tritt der englische
Provinzialstadtcharakter so unangenehm auf. Die schwere, massige
Bauart der Häuser, der Gegensatz zu den luftigen, verandenumgebenen
Bungalows von Singapore oder Colombo, hat seine Begründung. Hongkong
liegt leider mitten im schlimmsten Taifungebiet, und diese furchtbaren
Stürme würden leichtere Häuser, Veranden, Dächer und dergleichen
spielend fortreißen. Die Stadt hat das schon mehrfach erfahren. Im
Jahre 1874 wurden durch einen Taifun während einer halben Stunde
über tausend Häuser vollständig zerstört, und Tausende von Menschen
verloren dabei ihr Leben. Deshalb diese steinernen Arkaden an Stelle
der luftigen Veranden, deshalb die schweren eisernen oder hölzernen
Läden an den Fenstern, die sofort geschlossen werden, wenn von dem
Taifunobservatorium auf der gegenüberliegenden Halbinsel Kowloon als
Warnungssignal die drei gefürchteten Kanonenschüsse ertönen.
Von meinen Fenstern im fünften Stock des Hongkonghotels zeigte sich
am Morgen nach meiner Ankunft Hongkong, seinem Rufe entsprechend,
in viel freundlicherer, großartigerer Weise. Die helle, warme Sonne
überstrahlte die weite Bucht, die mit Tausenden von Schiffen aller
Art, von den winzigen Pantoffelbooten bis zu den größten Ozeandampfern
besäet war und sich belebter zeigte als irgend einer der Welthäfen,
die ich auf meinen fünfundzwanzigjährigen Reisen durch alle Kontinente
gesehen habe. Gegen Norden, jenseit der etwa zwei Seemeilen breiten
Bucht, auf dem chinesischen Festlande, leuchteten in einer langen
Linie die weißen Warenhäuser, Kasernen und Hongs von Kowloon, umgeben
von einem Kranz üppiger Gärten, und über diese erheben sich kahle,
steile, zerklüftete Höhen von eigentümlicher roter Färbung, schon zu
China gehörig. Zu meinen Füßen lag die Stadt Hongkong oder, wie sie
eigentlich heißt, Viktoria. Der 600 Meter hohe, steile Berg, an dessen
Fuß sie liegt, hat ihr nicht viel Platz zur Ausbreitung gelassen,
und so ziehen sich nur zwei oder drei lange Straßen dem Meeresufer,
hier Praya genannt, entlang, zu beiden Seiten mit mehrstöckigen
Granithäusern besetzt, die im untersten Stockwerk Arkaden für die
Fußgänger besitzen. Zahlreiche Querstraßen führen von der Praya den
Berg hinan und verlieren sich dort in dem Grün prachtvoller Gärten
mit subtropischer Vegetation. Palmen mit schön geschwungenen Wedeln,
Bananen mit ihren mächtigen Blättern, hohe Araukarien, Kakteen und
Agaven der verschiedensten Art zeigen sich dort, und inmitten dieser
zaubervollen Flora erheben sich stattliche Villen und Paläste,
Kirchen mit hohen Türmen. Ganz oben an der Spitze des Peak grüßt von
einem hohen Mastbaum die stolze britische Flagge herab. Fürwahr,
wenige Häfen der Erde können sich an Schönheit und Großartigkeit mit
Hongkong messen, vielleicht Rio de Janeiro, San Francisco, Neapel
allein. In seiner Anlage erinnerte mich Hongkong ein wenig an Genua,
der Hafen mit seinem stolzen Peak dagegen an Gibraltar; Kowloon ist
sein Algeciras. Und ist nicht Hongkong in der That das Gibraltar von
China? Wie der Dschebel al Tarik, so ist auch der Peak, der mit
seinen Vorbergen und kleinen vorgelagerten Inselchen die Einfahrt nach
dem Süden des chinesischen Reiches beherrscht, mit kanonengespickten
Festungswerken versehen, und überdies steht eine eigene Flotte im
Dienste von Hongkong, während in den drei großen Kasernen einige
tausend Mann englischer Linientruppen untergebracht sind. Welch hohen
Wert England auf diesen äußersten gegen Osten vorgeschobenen Posten
seines Weltreiches legt, geht aus der Thatsache hervor, daß es gegen
zwanzig Millionen Mark zu seiner Befestigung verwendet hat; überdies
trägt die aus wenigen tausend Europäern bestehende Kolonie jährlich
über drei Millionen Mark zu Verteidigungszwecken bei. Unter dem
Schutze der Kanonen und Bajonette von Hongkong hat sich nicht nur der
englische Handel, sondern auch jener der andern europäischen Staaten,
vor allem der deutsche, so mächtig entwickelt, und wir müssen England
dafür dankbar sein; denn ohne Hongkong hätte sich dieser deutsche
Handel, der hier jenem Englands an Umfang zunächst steht, niemals so
ausbreiten können. Die englische Flagge hat auch den deutschen Kaufmann
beschützt. Die Engländer haben nicht nur für sich, sondern auch für die
andern Nationen die Kastanien aus dem chinesischen Feuer geholt. Ja
mehr noch, die Chinesen selbst sind ihnen dankbar; denn nahe an 300000
bezopfte Söhne des Reiches der Mitte haben hier auf dem winzigen Stück
englischen Bodens Zuflucht, Sicherheit, Rechtsschutz, Lebensunterhalt,
ja Reichtum gefunden. Der großen Mehrzahl nach sind sie loyale
Unterthanen der Königin Viktoria geworden, und der Geburtstag dieser
Herrscherin wird von den Chinesen in Hongkong ebenso festlich gefeiert
wie von den Engländern.
Die Chinesen bilden auch den weitaus größten und merkwürdigsten Teil
der Bevölkerung der Kolonie, die sonst auch zahlreiche Angehörige
aller Nationen Europas, dann Amerikaner, Malayen, Japaner, Indier,
Araber etc. aufweist. Alle die asiatischen Bürger von Hongkong haben
dabei ihre eigentümlichen malerischen Trachten beibehalten, so daß
man bei einem Spaziergang durch die Hauptstraße, die Queen Street,
sozusagen eine lebende Völkerkarte studieren kann. Nur die Peddar
Street ist spezifisch englisch; verläßt man aber das Hongkonghotel
durch den nach der Queen Street führenden Ausgang, so ist man sofort
in dem denkbar internationalsten Verkehr: Parsis mit ihren schwarzen
gestickten Cereviskäppchen, Malayen mit ihren schürzenartigen Sarongs,
Araber im weißen Burnus, Japaner in ihren Kimonoschlafröcken, Indier
mit mächtigen Turbanen. Ein Teil der Polizisten von Hongkong besteht
aus baumlangen Indiern, und die europäischen Kolonisten der Stadt
unterhalten zu ihrem persönlichen Schutz ein Regiment von Sikhs, die
wohl englische Uniform tragen, aber die hohe, brennrote Zuckerhutmütze
beibehalten haben; dazwischen englische Soldaten und schottische
Hochländer mit nackten Knieen und karrierten Jacken, Matrosen von den
Kriegsschiffen aller möglichen Nationen. Man hört die verschiedensten
Sprachen sprechen, sieht die verschiedensten Begrüßungsarten, aber der
äußere Rahmen, die Straßen, Häuser, städtischen Einrichtungen sind
durchaus englisch, was die Seltsamkeit des Eindrucks noch erhöht.
Selbst die Chinesen wohnen in mehrstöckigen Häusern. Man braucht in
der Queen Street von dem Glockenturm nur wenige hundert Schritt nach
Osten oder nach Westen zu gehen, um mitten in die Chinesenviertel
zu kommen. In dem englischen Teil dieser interessanten Völkerstraße
sieht man die Chinesen nur als Compradores (Angestellte) in den
verschiedenen Geschäftshäusern, hie und da auch einen vornehmen Laden,
von Chinesen gehalten, und seine Insassen zeigen durch ihre seidene
Kleidung, gute Beschuhung und die unfehlbare Brille auf der Nase, daß
sie den wohlhabendern Ständen angehören. Sonst sieht man hier nur
Kulis im Dienste der Weißen, Lastträger, Straßenkehrer, Rickshaw Boys
und Sänftenträger. Wagenverkehr ist in den steil ansteigenden Straßen
Hongkongs unmöglich; ebenso unmöglich wäre er in den wenigen ebenen
Straßen wegen des unglaublichen Völkergetümmels, das dort tagsüber
herrscht. Er wird durch die japanische Rickshaw, den zweiräderigen,
von einem Kuli gezogenen Handwagen ersetzt; an den Straßenecken stehen
deren immer eine Anzahl in langen Reihen. Kaum zeigt sich ein Europäer
vor seiner Hausthür, so wird er sofort von den wild aussehenden, im
Sommer halbnackten Rickshaw-Kulis umringt, die ihre Dienste anbieten,
fünf Cents, etwa zwölf Pfennig, für die halbe Stunde. Vertraut man
sich wirklich einem dieser menschlichen Zugtiere an und hat ihm die
Bestimmung zugerufen, so saust es auch schon pfeilschnell mit dem
kleinen Handwagen von dannen. Es fährt seinen Passagier straßenauf
straßenab und bleibt endlich vor irgend einem beliebigen Hause stehen,
das möglicherweise von dem gewünschten Ziel eine Stunde weit entfernt
ist. Die Hongkong besuchenden Fremden wissen eben nicht, daß die
meisten dieser Kulis nicht ein Wörtchen Englisch verstehen und daran
gewöhnt sind, daß man sie mit dem Spazierstöckchen rechts oder links
berührend, in stummer Weise etwa ähnlich zu lenken pflegt wie Pferde
durch die Zügel. Man kann sich auch dadurch helfen, daß man in irgend
einen Kaufladen tritt und den Inhaber bittet, dem Rickshaw-Kuli auf
Chinesisch das Ziel zu nennen. Wird dies unterlassen, so fährt der Kuli
seinen Passagier planlos oft stundenlang spazieren.
[Illustration: Der Gouverneurspalast in Hongkong.]
Besser sind die Tragstühle, welche von den Europäern Hongkongs mit
Vorliebe benutzt werden; jede Familie, jedes Handlungshaus oder Hotel
besitzt einen eigenen „Marstall” von Kulis und mehrere Tragstühle,
die mitunter sehr kostbar ausgestattet sind. Die Kulis tragen eigene
Uniformen; bald sind es blaue Hemden und Beinkleider mit weißen
Rändern, bald weiße mit roten Rändern, bald verschiedene Ornamente,
Kreise, Quadrate, Monogramme, welche die Tragstuhleigentümer auf Brust
und Rücken der Kuli-Uniformen aufnähen lassen. Je wohlhabender oder
angesehener die Bürger, desto größer ist die Zahl ihrer Chairkulis;
gewöhnlich aber werden die Stühle von zwei bis vier Kulis getragen.
Die an den Straßenecken zum beliebigen Vermieten stehenden Stühle
werden von zwei Kulis bedient. Die Europäer von Hongkong haben diese
Art der Fortbewegung wohl den Chinesen abgesehen. In Canton und allen
anderen Städten bedienen sich die Civilmandarine und wohlhabenderen
Chinesen, besonders die Frauen, stets eigentümlicher verschlossener
Sänften, die auf drei bis vier Meter langen Bambusstangen ruhen. An
Stelle der geschlossenen Sänften treten in Hongkong offene Armstühle
aus Rattangeflecht, mit einer kleinen an Seilen hängenden Fußbank
darunter. Man setzt sich in den Stuhl, die Kulis heben die Tragstangen
auf ihre Schultern, und fort geht es in leichtem, raschem Schritt,
für 20 Cents (etwa 45 Pfennig) die Stunde. Die Menschen sind hier
billiger als die Tiere. Sie erleichtern den Verkehr ungemein, denn in
den heißen Sommermonaten ist das Gehen, überhaupt jede Körperbewegung
mit großer Anstrengung und Schweißerguß verbunden. Dieser Hitze
entsprechend ist auch die Kleidung der Europäer, Herren wie Damen,
von Ende Mai bis Mitte September durchweg schneeweiß, und nur im
Winter, der zuweilen recht empfindlich kalt sein kann, werden dunkele
Kleider getragen. Im Jahre 1892 beispielsweise waren die Abhänge des,
wie bemerkt, etwa 600 Meter hohen Peak bis auf die Hälfte herab mit
Schnee und Eis bedeckt, dagegen gewährt das breite Plateau auf seinem
Gipfel im Sommer stets kühlen, frischen Aufenthalt, und es ist auch
dort oben und an den Abhängen eine ganze Stadt prächtiger Villen
und Hotels mit Gärten entstanden, welche von dem hier herrschenden
Wohlstand und der Leichtigkeit des Erwerbs Zeugnis ablegen. Eine
Drahtseilbahn nach schweizerischem Muster verbindet die Geschäftsstadt
unten mit diesen Residential Suburbs, in welchen die Familien der
Geschäftsleute, hohen Beamten und Offiziere wohnen. Täglich fuhr ich
mit dieser durch die schönsten Parkanlagen führenden Bahn hinauf, um
der Einladung eines englischen Kaufherrn oder des kommandierenden
Generals Folge zu leisten, bis wir schließlich in das reizende Haus des
Chefs der größten Handelsfirma von China, Messrs. Butterfield & Swire,
übersiedelten. Von dort oben genießt man einen Rundblick über Land und
Meer, einzig in seiner Art, und das Bild, welches der mit Tausenden
von hellerleuchteten Schiffen und Booten bedeckte Hafen tief unter
mir, sowie die Straßen der Stadt mit ihren langen Reihen vielfarbiger
riesiger Lampions darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben.
Welche Großstadt von 300000 Einwohnern besäße auch auf der einen Seite
einen solchen Hafen, auf der andern einen so gewaltigen Berg?
Interessant ist es auch zuweilen, auf den gut gepflegten Wegen zu Fuß
nach Hongkong herabzusteigen, an Palästen vorüber, welche die Europäer
mit chinesischem Gelde sich hier errichtet haben, und durch üppige
Gärten, von denen jene des Gouverneurs und des Militärbefehlshabers
wohl die schönsten sind. In ihrer Mitte erheben sich die durch Pracht
und Eleganz gleich ausgezeichneten Residenzen dieser beiden Beamten,
das Government House und das Headquarter House. Anschließend an sie
breitet sich auf einer Terrasse der entzückende Botanical Garden aus,
eine öffentliche Parkanlage, wie geschaffen für den Sammelplatz der
vornehmen Welt. An ihrer Statt begegnete ich auf meinen Spaziergängen
gewöhnlich nur Fremden, welche sich diesen aus dem nackten Granitboden
gezauberten Feengarten ansehen wollten. Sonst bleiben diese von
chinesischen Gärtnern mit Liebe und peinlichster Sorgfalt gepflegten
Anlagen nur blassen, schwachen Kindern von Weißen oder Mischlingen
überlassen, die unter der Obhut chinesischer oder indischer Wärterinnen
hier mit Steinchen oder Federball spielten. Höchstens daß zuweilen
chinesische Damen der bessern Stände mit ihren verkrüppelten,
Ziegenhufen nicht unähnlichen Füßchen hier im Schatten herrlicher
Koniferen mühsam einherhumpeln. Die „Fashionables” der Kolonie aber
meiden den Botanischen Garten und versammeln sich dafür an bestimmten
Tagen auf den neben der City Hall, dem anspruchsvollen Rathause,
gelegenen Cricket Grounds, um unter den Klängen einer Militärmusik den
Cricketmatch anzusehen. Von den Deutschen behauptet man, daß, wenn
ihrer zwei irgendwo in Afrika oder Asien zusammenkommen, sie sofort
einen Gesangverein gründen. Dasselbe kann man von den Engländern
in Bezug auf Cricket sagen. Auf dem Hongkonger Cricket Ground, dem
einzigen ebenen Platz der Stadt, wird von den merkantilen Gentlemen
der Kolonie im Verein mit den Offizieren Cricket mit einem Eifer
gespielt, als wären sie auf den Grounds von St. John’s Wood oder im
Hurlingham Club. Unter großen Feldschirmen sitzen die Damen in den
elegantesten Toiletten und sehen stundenlang dem Spiele zu oder nehmen
in dem reizenden Pavillon der Grounds Erfrischungen, ein Bild, das man
wohl in London zu sehen gewohnt ist, das aber hier in China geradezu
befremdet. Beliebte Ausflüge der fashionablen Welt sind auch die mit
ungeheuren Kosten aus den Granitfelsen gesprengten und mit Koniferen
beschatteten Wege, die nach dem Happy Valley mit seinen Friedhöfen und
dem Pferderennplatz führen. Dort hinauf, auf den Kennedy Road oder
Bowen Road, lassen sich die Damen nachmittags in ihren eleganten, in
der kühleren Jahreszeit mit Pelzen und Teppichen bedeckten Chairs
tragen; dort, in den reizenden Parkanlagen, bringen sie Stunden mit
Lektüre oder Geplauder zu, während ihre uniformierten Kulis in der
Nähe auf dem Rasen lagern. Am Ende dieser beiden Roads liegt das
breiteste Thal der Insel, das Happy Valley, wohl in Erinnerung an die
geflügelten Worte so benannt, welche Solon an den Krösus richtete:
~Nemo ante mortem beatus~. Fürwahr, die Friedhöfe von Hongkong
sind die schönsten Plätzchen der ganzen Insel, die schönsten auch, die
ich in China gesehen habe. Bambushecken, mit Stämmen, die bis über
fünfundzwanzig Meter emporschießen, umgeben diese Ruhestätten der
Toten. Jede Religion besitzt hier ihren eigenen Friedhof. Der erste
ist jener der Mohammedaner, dann folgt der mit besonderer Sorgfalt
gepflegte der Katholiken, prachtvolle Monumente enthaltend, dann
jener der Protestanten, der größte von allen; in einiger Entfernung
schließt sich daran der Friedhof der Parsen, dann jener der Hindu,
und schließlich der jüdische, während der Friedhof der Chinesen
auf der entgegengesetzten Seite sich die Anhöhe hinaufzieht. Mit
Ausnahme des letztgenannten zeigen sich diese Ruhestätten eher wie
wohlgepflegte, schattige Parks, eine Fortsetzung der Palmenhaine des
vor ihnen gelegenen Rennplatzes, auf dem zur Zeit der Wettrennen (mit
chinesischen Ponies) ein ähnliches großstädtisches Leben herrscht wie
in unseren europäischen Hauptstädten.
[Illustration: Der Peak in Hongkong mit einem Teil der Stadt.]
Eine breite Fahrstraße führt von dort längs des Hafens nach Hongkong
zurück, auf der Landseite mit Fabriken, Maschinenwerkstätten und
Kasernen besetzt. Hier liegt das Militärspital, umgeben von einem
Garten, anschließend daran das Marinearsenal, weiter der große,
palastartige Bau, welcher die Offizierswohnungen enthält. Jedes
irgendwie verfügbare Plätzchen ist von stattlichen Bauten eingenommen,
die auch einer europäischen Großstadt Ehre machen würden. Da sich
aber Hongkong von Jahr zu Jahr mit Riesenschritten weiter entwickelt,
so ist man eben daran, dem Hafen längs des ganzen Ufers von Hongkong
einen breiten Landstreifen abzugewinnen. Vor dem Hongkonghotel ist dies
bereits geschehen, und dort erhebt sich eine große Statue zu Ehren der
Königin Viktoria, für die man sonst gar kein Plätzchen mehr gefunden
hätte.
Ja, die guten Europäer, die auf diesem Stück chinesischen Bodens eine
neue Heimat gefunden haben, verstehen es zu leben und das, was ihnen
durch die große Entfernung von ihrem europäischen Mutterlande abgeht,
durch eigene Schöpfungen reichlich zu ersetzen. Ihre Einkünfte sind
groß und werden leicht verdient. Die Geschäftsstunden beginnen spät
am Tage und sind um fünf Uhr abends wieder vorüber; nur an „Steamer
Days”, d. h. an den Tagen der ein- und auslaufenden Postdampfer ist
die Arbeit anhaltender. Die Europäer sind die Herren der Insel. Alle
körperlichen Verrichtungen werden ihnen durch Kulis, Diener, Aufwärter
chinesischer Rasse abgenommen, und selbst dem ärmsten Irländer würde es
hier nicht im Traum einfallen, irgend eine Dienerstelle zu bekleiden,
wäre es auch beim Gouverneur. Die Europäer haben ihre Klubs, ihre
Vereine, Gesellschaften, Konzerthallen und Theater, in welchem zuweilen
Wandertruppen ihre Vorstellungen geben, und in den unteren Räumen des
Rathauses haben sie sogar ein reichhaltiges Museum von chinesischen
Merkwürdigkeiten gegründet.
Auf den Weltreisenden wird das europäische Hongkong weniger
Anziehungskraft ausüben als das chinesische. Die ganze chinesische
Kultur in allen ihren höchst merkwürdigen Phasen und Einzelheiten
zeigt sich ihm hier, ohne daß er zu reisen oder auf seine europäische
Bequemlichkeit zu verzichten braucht. In den Kaufläden der Queen
Street findet er alle Produkte Chinas in Hülle und Fülle; er
kann die schönsten Porzellane, die kostbarsten Silberarbeiten,
Holzschnitzereien, Stoffe und Stickereien erwerben, er kann das
chinesische Post- und Bankwesen, die Opium- und Spielhöllen, Theater,
Vergnügungen kennen lernen; er wird chinesische Hochzeitszüge,
Prozessionen, Leichenbegängnisse, Festlichkeiten sehen, ohne daß er
sein Hotelfenster zu verlassen braucht. Und wandert er wirklich durch
das Gewirr der engsten, schmutzigsten Gäßchen, die Zufluchtsstätten
des schlimmsten Gesindels, so kann er es in vollkommener Sicherheit
thun; denn überall befinden sich europäische, indische und chinesische
Polizisten, die, bei Tag mit Stöcken, zur Nachtzeit mit Gewehren
bewaffnet, für seine Sicherheit sorgen. Die Chinesen wissen dies wohl
und fügen sich, ja sie werden von den jungen Hongkonger Herrchen
in ihrem Uebermut häufig mit Roheit behandelt, ohne sich darüber
aufzuhalten. Ich habe mehrfach gesehen, wie diese Europäer, darunter
leider auch Deutsche, Chinesen ohne alle Ursache, vielleicht nur weil
sie nicht schnell genug aus dem Wege gingen, mit Püffen, Stockschlägen
und Fußtritten bearbeiteten. Freilich ist Hongkong auch der Sammelplatz
sehr böser Elemente, die Zufluchtsstätte des Gesindels von Canton,
Swatau, Futschau und anderer Häfen. Die chinesischen Wohnungen in den
hohen europäischen Häusern, welche die mitunter kaum zwei Meter breiten
Gäßchen einfassen, starren vor Schmutz; in den Gäßchen selbst ist
übelriechender Unrat aufgehäuft, und die gräßlichste Verkommenheit,
das größte Elend, treten einem entgegen. Die Kolonialregierung hat
dort vieles versäumt und ist viel zu nachsichtig vorgegangen; gerade
während meiner Anwesenheit in Hongkong bildete dieses Chinesenviertel
einen dankbaren Herd für die furchtbare Beulenpest, die, von Canton
ausgehend, sich über das südliche China verbreitete. Aehnlich wie es
in der vornehmen, glänzenden Hauptstadt des englischen Weltreiches,
in London, Stadtteile giebt, die als eine Schmach europäischer Kultur
bezeichnet werden können, ebenso zeigt sich neben dem stolzen,
glänzenden europäischen Hongkong das chinesische als eine wahre
Brutstätte des Lasters, mit Spelunken, Spielhöllen und Orten der
größten Verworfenheit, die leider von den Matrosen der europäischen
Schiffe nur zu häufig aufgesucht werden. Im Jahre 1894 konnte die
Verwaltung der Kolonie der Beulenpest, die in diesem Stadtviertel
wütet, nicht anders Herr werden, als indem sie einen Teil einäschern,
einen anderen vollständig neu umbauen ließ. Aber diese Maßregeln hätten
vorher, nicht nachher ergriffen werden müssen. Durch die Sorglosigkeit
und den Leichtsinn der europäischen Stadtverwaltung hat der Handel
Hongkongs zeitweilig sehr gelitten. Ueber 80000 Chinesen flüchteten
sich während der Epidemie aus der verpesteten Stadt; viele Tausende
wurden dahingerafft. In diesem Chinesenviertel umherwandernd, wunderte
ich mich, wie die Söhne des Reiches der Mitte gerade einem solchen Orte
den Namen „wohlriechendes Wasser” gegeben haben konnten; denn das ist
die Bedeutung des Wortes Hiang Kiang. Der Name Hongkong ist nur der
Cantoner Dialekt dafür, und diesen haben die Europäer angenommen.
[Illustration: Chinesische Spielkarten.]
Macao.
In Hongkong wurde mir der Besuch von Macao von jedem Menschen, mit
dem ich darüber sprach, abgeraten. Macao sei heute ein altes, dem
vollständigen Verfalle rasch entgegeneilendes Nest ohne irgendwelches
Interesse. Was in Macao zu sehen wäre, würde man viel besser in
Hongkong selbst, oder in der berühmten Zweimillionenstadt Canton sehen,
und jeder Tag, den man Macao widme, sei ein verlorener Tag. Hongkong
hatte eine Zeit lang gute Ursache, auf die alte Portugiesenstadt an
der Mündung des Perlflusses eifersüchtig zu sein, damals, als es
selbst noch in den Kinderschuhen steckte, während Macao der größte und
herrschende fremde Hafen von China war. Aber diese Zeiten sind vorüber,
und die guten Hongkonger sollten den von ihrer Größe gefallenen Rivalen
ein freundlicheres Andenken bewahren. Es thut besonders den Chinesen
gegenüber nicht gut, wenn Europäer verschiedener Nationen so schlimm
voneinander sprechen, wie es die Bewohner Hongkongs von jenen Macaos
thun. Dieser Zwiespalt und diese kleinlichen Eifersüchteleien waren
schon vor dreihundert Jahren die Ursache, daß sich die Chinesen die
unangenehme streitsüchtige Gesellschaft verbaten und sich gegen alle
Europäer ohne Unterschied der Nation absperrten. Ohne sie wäre China
vielleicht schon seit Jahrhunderten geöffnet und dem europäischen
Verkehr ergeben.
Ich ließ mich von den Hongkongern nicht abhalten, Macao doch einen
Besuch zu machen, denn Macao ist nicht allein eine Stadt von größtem
historischen Interesse, sondern hat auch heute noch unableugbare
Bedeutung. Wohin mich meine Reisen in Ostasien auch führen mochten, von
Singapore und Batavia bis nach dem nördlichen Japan und Korea, überall
traf ich Portugiesen aus Macao als Geschäftsleute an. Sie waren nicht
immer reine Portugiesen, sondern vielfach vermischt mit chinesischem,
arabischem, malayischem, japanischem Blut, eine merkwürdig
abenteuerliche, unstäte, leidenschaftliche Mischlingsgesellschaft,
aber man nennt sie in Ostasien doch allgemein, wenn auch mit Unrecht,
Portugiesen und giebt Macao als ihre Heimat an.
Macao wurde schon im Jahre 1557 von den Portugiesen gegründet, die,
damals auf ihrer kommerziellen Höhe stehend, den Handel nicht nur
mit China, sondern mit der ganzen ostasiatischen Welt beherrschten.
Durch die Schaffung eines festen Stützpunktes in China waren ihnen
die Mittel in die Hand gegeben, diese Herrschaft auch in späteren
Zeiten aufrecht zu erhalten. Aber sie haben es nicht verstanden. In
ihrem Uebermut, in der Leichtigkeit, mit welcher sie damals große
Vermögen erwerben konnten, in dem Bewußtsein ihrer militärischen Kraft
gegenüber den ostasiatischen Völkern ließen sie sich zu unvernünftigen
Bedrückungen, Roheiten und willkürlichen, ungerechten Schritten
verleiten. Als die Holländer und Engländer in Ostasien erschienen,
wurden mit diesen Händel angefangen, statt einig mit ihnen vorzugehen,
wie es heute geschieht, und diese unkluge, abenteuerliche Politik hat
dem europäischen Handel einen Schaden zugefügt, der in seinem Umfang
ganz unberechenbar ist. Ist Macao die Wiege dieses Handels zwischen
Europa und Ostasien, so ist es auch gleichzeitig sein Grab, und die
heutige verfallene Portugiesenstadt im Süden Chinas zeigt in ihren
verlassenen Warenhäusern und vereinsamten Palästen die Grabsteine ihrer
einstigen Größe. Hongkong und Canton haben die Erbschaft angetreten.
Die Tausende von Schiffen, welche jährlich in die weite Bucht des
Perlflusses einlaufen, dampfen an Macao vorüber, um ihre Schätze in
dem englischen Emporium abzuladen, das auf der östlichen Seite dieser
Bucht, Macao gegenüber, liegt. Mit Macao wird nur noch spärlicher
Verkehr unterhalten. Täglich läuft ein kleiner Dampfer von Hongkong
in mehreren Stunden nach der Portugiesenstadt, um am nächsten Tage
nach Hongkong zurückzukehren. Leicht könnte der Ausflug in einem Tage
gemacht werden, wenn nicht zwischen den Schiffskapitänen und den Hotels
von Macao ein zärtliches Einvernehmen bestände, durch welches die
Besucher dieser portugiesischen Kolonie veranlaßt werden, dort eine
Nacht zuzubringen. Aber diese gewährt ihnen dafür Gelegenheit, eine
der interessantesten Eigenheiten Macaos kennen zu lernen, nämlich die
zahlreichen Spielhöllen. Sie haben Macao zu dem Namen „das Monte Carlo
von Ostasien”, dem berüchtigten Baccaratspiel zu dem Namen „Macao”,
den Dampfern zu dem Spitznamen „Gambling Steamers” und, ~last not
least~, der Verwaltung von Macao zu der reichsten Einnahme verholfen.
Wenn man sich nach zuweilen recht stürmischer Fahrt zwischen
zahlreichen Dampfern, chinesischen Dschunken und Fischerbooten hindurch
Macao nähert, so gewährt diese Stadt einen ungemein malerischen, um
nicht zu sagen großartigen Anblick. Amphitheatralisch ziehen sich die
Häuser, überhöht von zahlreichen Kirchen und Türmen, eine sanfte
Anhöhe empor, gegen die Küste zu von einer Palastreihe begrenzt, wie
sie wohl keine andere Stadt Chinas aufzuweisen hat. An beiden Enden
von alten Festungswerken beschützt, zieht sich diese Praya grande
anderthalb Kilometer dem Meeresstrand entlang, das Regierungsgebäude,
das Rathaus und andere öffentliche Gebäude enthaltend. Leider können
die Passagiere größerer Dampfer das herrliche Panorama der Stadt mit
ihrem Kranz grüner Berge dahinter nur aus der Ferne bewundern, denn
der Hafen versandet immer mehr und ist nur kleinen Dampfern, sowie
Dschunken zugänglich. Die großen Ostasiendampfer müssen sechs bis
acht Kilometer weit draußen in der Bucht vor Anker gehen, und mit der
schlechten Verwaltung und der Konkurrenz von Hongkong hat wohl auch
dieser Umstand am meisten zu dem Verfall von Macao beigetragen.
Dieser Verfall zeigt sich dem Besucher der Stadt nicht so sehr in den
Gebäuden, als in der Stille und Geschäftslosigkeit, die in den engen,
durchaus südeuropäischen Gäßchen herrscht. „~La Cidade do Santo Nome
de Deos en China~” heißt die Stadt im Portugiesischen, und sie trägt
auch ganz den portugiesischen Charakter mit ihren vielen Klöstern und
Kirchen, von denen die schönste, im Jahre 1835 durch eine Feuersbrunst
eingeäschert, leider heute nur noch eine traurige Ruine ist. Der Name
„die Stadt des heiligen Namens Gottes in China” hat leider auf die
Bevölkerung keinen besonders günstigen Einfluß gehabt. Ihrem Leben und
Treiben nach zu urteilen, scheint sie vielmehr dem Chinesengötzen Ama
zu huldigen, dessen Standbild früher auf dem Platze stand; aus diesem
Namen Ama, im Verein mit dem chinesischen Kao (Hafen) entstand Ama-Kao,
später verkürzt zu „Macao”. Und doch kann sich dieses verkommene Nest,
der letzte Rest der früheren portugiesischen Weltherrschaft, rühmen,
einen der größten Gotteskämpfer, den kühnsten und eifrigsten Missionar
Asiens, den heiligen Franz Xaver, in seinen Mauern beherbergt zu haben.
Er starb auch hier, auf einer kleinen Insel nahebei, im Jahre 1552, ein
Zeitgenosse des berühmten Dichters der Lusiade, Camoens, der hier in
den Jahren 1550 und 1560 zusammen achtzehn Monate zugebracht hat. Mit
Andacht stand ich vor dem bescheidenen Denkmal, das die Portugiesen
ihrem größten Dichter hier errichtet haben, bei der Grotte, in die
er sich zurückzuziehen pflegte, um seinen Träumen, seinen Dichtungen
nachzuhängen. Was würde er, der in der Machtperiode seines Vaterlandes
gelebt, heute zu Macao sagen, in welchem zu seiner Zeit der Keim
zur Beherrschung von China geschlummert hat! Und wie Portugal China
verloren hat, so hat es auch mit diesem größten Reiche der Erde das
zweitgrößte der Erde, nämlich Indien, verloren. Was Macao in China, das
ist Goa in Indien, auch nur ein Denkmal der Unfähigkeit und Habsucht
der früheren portugiesischen Machthaber.
[Illustration: Villenviertel von Hongkong auf dem Rücken des Peak.]