Sie gab keine Antwort und weinte immer heftiger.
Mitten im Zimmer lag einer von ihren kleinen seidenen Schuhen, der ihr
vorhin, als er sie vom Boden emporgehoben hatte, vom Fuße geflogen war.
In seiner Ratlosigkeit hob der Baron ihn auf, als er sich aber zu Anna
niederbeugte, um ihr den Schuh wieder anzuziehen, riß sie denselben aus
seiner Hand und verbarg ihren Fuß unter dem Kleide.
»Nein!« rief sie, »faß mich nicht an! Du sollst mich nicht mehr
anfassen! Ich weiß gar nicht, wie du bist!«
Sie sprach aus, was sie empfand; sie konnte sich in der That die Art des
Mannes nicht erklären. Das war ja gewesen, als wenn ein wildes Tier sich
über sie gestürzt hätte.
Bei der zornigen Bewegung, mit der sie ihm den Schuh entrissen hatte,
war er einen Schritt zurückgewichen; jetzt stand er wie zerschmettert
da.
»Aber Anna,« fing er wieder an, »bist du mir denn böse, daß ich dich so
liebe?«
Sie warf den Leib herum und heftete die verweinten Augen auf ihn.
»Liebe?« sagte sie zornig, »ist das Liebe, wenn man jemand so anfaßt? so
behandelt? Faßt man eine Frau so an?«
Sie blickte an sich herab und strich mit bebender Hand das zerknitterte
und zerdrückte Kleid glatt, dann schlüpfte sie wieder in den Schuh, und
als sie den Fuß aufsetzte, stampfte sie beinah auf.
»Du hast keine Achtung vor mir,« fuhr sie fort, »du denkst, weil du mir
all die schönen Sachen geschenkt hast, die ich da trage, ich gehöre dir,
und du kannst mit mir machen, was dir beliebt! Und darum gehst du so
mit mir um -- und behandelst mich wie -- wie --« sie wollte von neuem in
Thränen ausbrechen, aber sie kam nicht dazu. Indem sie die letzten
Worte dem Baron ins Gesicht schleuderte, sah sie, wie seine Gestalt
zusammenzuckte, als wenn ein Stich ihm mitten durch den Leib gegangen
wäre.
»Anna --« sagte er schweren Tones, »das kannst du von mir denken?«
Er war langsam in die Kniee gesunken, seine Augen waren den ihrigen nah
gegenüber, und indem sie das namenlose Leid in seinen Augen gewahrte,
fühlte sie, daß sie dem Manne mit häßlichen Gedanken ein häßliches
Unrecht angethan hatte.
»Nein, Eberhard,« sagte sie, »was ich da eben gesagt habe, das war nicht
recht; ich fühl's, das war häßlich; und ich bitte dich um Vergebung
dafür.«
Nun legte er auch seinerseits die Arme um sie, aber so leise, als
fürchtete er, sie zu zerbrechen, und ihr Köpfchen lag wieder an seinem
Halse.
»Aber siehst du,« fuhr sie zagend fort, »wenn du so bist, wie vorhin, so
wild, so -- ich weiß gar nicht, wie ich's nennen soll -- dann verstehe
ich dich nicht, und dann -- siehst du -- muß ich mich ja vor dir
fürchten.«
Sie hatte das letzte ganz leise, wie eine Beichte, ihm ins Ohr
geflüstert, und wie eine solche nahm er es auf. Aber nicht ihre Schuld
war es, die sie ihm beichtete, es war die seine, seine Schuld, der
er nicht geachtet hatte auf die Scham, auf die Angst des lieben,
vertrauenden Geschöpfes, der er nahe daran gewesen war, das Wesen,
das ihm Leben und Seligkeit bedeutete, in seinen wahnwitzigen Armen
zu zertrümmern, wie ein Knabe, der eine unersetzliche Kostbarkeit mit
thörichten Händen zerstört.
Von dem allen hatte er nichts gefühlt -- das alles kam ihm jetzt zum
Bewußtsein.
Ein peinvoller Gram lagerte sich auf seinen Zügen, mit leiser Hand schob
er Anna von sich hinweg.
»Armer Engel,« sagte er dumpf und schwer.
Dann erhob er sich, trat von ihr hinweg, und mitten im Zimmer, den Kopf
nachdenklich gesenkt, blieb er stehen.
Eine schweigende Pause trat ein, und als sich Anna nach ihm umwandte,
sah sie ihn noch immer, in düsteres Sinnen verloren, an seinem Platze.
Ein Schatten überwölkte sein Gesicht; man sah ihm an, wie er mit den
finsteren Gewalten Zwiesprache hielt, die in seinem Innern emporstiegen.
»Eberhard,« rief sie ihn an, »warum gehst du von mir fort?«
Es war, als wenn er aus seinem Brüten erwachte. Langsam kam er zu ihr
zurück. Er schob einen Sessel neben den Stuhl, auf dem sie saß, ließ
sich nieder und verharrte dann abermals, den Blick zu Boden gesenkt,
in langem Schweigen. Endlich rückte er sich dichter an ihre Seite, aber
ohne aufzusehen, ohne sie zu berühren.
»Anna,« sagte er, »ich muß dir etwas anvertrauen.«
Wieder stockte er -- das Bekenntnis wurde ihm schwer. Er nahm ihre Hand
in seine Hand.
»Anna -- ich hatte bis heute noch nie eine Frau berührt -- heute war es
das erste Mal -- und du bist die erste gewesen, die ich geküßt habe.«
Sie drückte leise seine Hand.
»Aber du hattest mich doch schon vorher geküßt.« --
»Ja,« versetzte er, und eine dunkle Röte färbte sein Gesicht, »aber es
war mir noch nie so zu Mute gewesen, wie heute. Damals, siehst du, war
es noch weit bis zu unsrer Hochzeit, und jetzt steht es nahe vor der
Thür, daß wir heiraten. Und darum -- siehst du -- als ich vorhin zu dir
hereintrat, war mir doch in dem Augenblick, als wäre es schon so weit
und wir wären schon Mann und Frau. Und wie ich dich nun so stehen sah --
siehst du -- da überkam mich etwas --«
Er verstummte, sein Oberleib bog sich vornüber, als läge eine
Centnerlast auf seinem Rücken, langsam glitt er vom Stuhle, ihr zu
Füßen, und seiner Gewohnheit nach drückte er das Gesicht in ihren Schoß.
»Ich kann's dir ja nicht beschreiben,« murmelte er, »was es war; und ich
kann dich ja nur anflehen, daß du mir verzeihst; und wenn du jetzt
den Fuß aufhöbest und mich trätest, so geschähe mir ja nur recht; aber
siehst du, ich konnte nicht anders, und es war etwas so Wundervolles, so
rasend göttlich Herrliches, Himmlisches --«
Er hatte beide Arme um ihre Kniee geschlungen und preßte ihre Kniee
aneinander, als wollte er sie zermalmen.
»Bleib ruhig,« flüsterte Anna.
Sie fühlte, wie die verzehrende Glut wieder in ihm aufstieg.
Ein wundersames Gemisch von Grauen und Lust schwoll ihr zum Herzen,
indem sie schweigend auf ihn hinabsah, auf den riesenstarken Mann, der
sich gebrochen zu ihren Füßen wand.
Kein Weib hatte er noch berührt -- sie war die erste, und sie war die
Brandfackel, die ihn verzehrte.
Vernunft und Gewissen sagten ihr, daß sie aufstehen, ihn wecken mußte
aus seiner Phantasie -- aber stärker als Vernunft und Gewissen war
in diesem Augenblicke das Weib, das mit heimlicher, beinahe lüsterner
Neugier zu erfahren begehrte, was für einen Eindruck sie auf den Mann zu
machen vermocht hatte.
Sollte sie immer nur Arzt sein? Immer nur Wärterin? War sie nicht auch
ein Weib? Mit jungem, blühendem Fleisch und Blut? Stand nicht auch
sie zum erstenmal vor der dunklen, geheimnisvollen Flut, in die
alle Geschöpfe der Erde hinein müssen, sei es zum Leben, sei es zum
Ertrinken, die man die Liebe nennt? War nicht die warme Welle des
großen Wassers auch zu ihr schon herangerollt und hatte ihr den Saum des
Kleides und die nackten Füße genetzt, leise winkend und rufend: »Komm
herab -- steig herab!«
Von der Stirn herab, über Wangen und Hals und bis tief in die Brust,
die schwer atmend aus der seidenen Umhüllung des Kleides hervorstrebte,
senkte sich purpurne Glut, als sie sich über den Mann zu ihren Füßen
herbeugte, die Lippen an sein Ohr andrückend.
»Sag mir,« hauchte sie, »was du gefühlt hast, als du mich sahst?«
Er beugte sich zurück, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Warum
fragte sie? Als er jedoch ihr glutübergossenes Gesicht gewahrte, merkte
er, daß der Dämon auch in ihrem Blute zu wühlen begann. Rasch war er
vom Boden empor, auf seinem Stuhle, und nun saßen sie, wie zwei
Schuldgenossen, die sich gegenseitig ein Geheimnis anvertrauen.
»Siehst du,« hob er leise an, indem er mit dem Kopfe nach dem Fenster
deutete, »es ist doch heut ein grauer Tag, und nun denk dir, wie
merkwürdig: im Augenblick, als ich die Thür aufmachte und dich stehen
sah -- aber du mußt nicht denken, daß ich übertreibe oder in Bildern
rede -- war mir's, als wäre hier im Zimmer heller Sonnenschein.
Richtiger Sonnenschein, siehst du, war es eigentlich nicht, sondern es
war wie eine Feuersbrunst, wie wenn das Licht, das im Zimmer war, von
Flammen herrührte. Und mitten in den Flammen standest du drin. Aber
es war, als wenn sie dir nicht weh thäten, denn es sah mir in dem
Augenblick so aus, als ob du mich ansähest und die Arme nach mir
ausstrecktest und riefest: Komm herein.«
»Aber, Eberhard,« unterbrach sie ihn, »ich drehte dir doch den Rücken zu
und habe kein Wort gesagt?«
»Das weiß ich ja,« erwiderte er hastig, »das weiß ich ja, ich sage dir
ja nur, wie es mir in dem Augenblick erschien. Und als ich das sah,
siehst du, da mußte ich hinzuspringen und dich in die Arme schließen,
und nun war mir's, als stände auch ich in der Flamme, und das Feuer
schlug in mich hinein, daß ich fühlte, wie es in mir hinaufstieg, in die
Brust, in die Augen, ins Gehirn, daß ich nichts mehr sah, nichts mehr
hörte und nur noch fühlte, daß ich etwas in den Armen trug, etwas
Köstliches, Göttliches, Unbeschreibliches, wie ich es nie im ganzen
Leben noch gefühlt hatte, etwas Warmes und Weiches, und wie ich das so
an meinem Leibe fühlte, da überkam mich ein Verlangen --«
Er brach plötzlich ab.
Anna wartete, daß er fortfahren sollte, aber er schwieg.
»Also --« forschte sie leise, »da kam dir ein Verlangen --«
Er wandte das Haupt zur Seite.
»Nein, nein,« sagte er, wie in Angst, »frage danach nicht.«
Sie blickte ihn von der Seite an; sie faßte seine Hand und drückte
sie; dann schob sie ihre heiße Wange an seine Wange; die Neugier war zu
mächtig in ihr geworden, sie mußte erfahren, was für ein geheimnisvolles
Verlangen das gewesen war.
»Sag's mir doch,« hauchte sie, »sag's mir, ich bitte dich.«
Er wandte den Kopf zurück und drückte ihn an ihre Schulter, als wollte
er sich verbergen, zugleich aber fühlte sie, wie seine Hände sich an
ihren Leib preßten.
»Da überkam mich ein Verlangen,« sagte er dumpf, »dieses, was ich in
den Armen trug, dies Köstliche, dies Warme, Weiche in meinen Armen zu
zerdrücken, zu ersticken, zu zermalmen --«
Seine Stimme, anfänglich dumpf und schwer, war immer lauter geworden;
sein Atem flog, und als er jetzt die flackernden Augen auf Anna
richtete, sah es aus, als würde er sich von neuem über sie herstürzen,
wie er vorhin gethan hatte. Von Annas Gesicht war die Röte jählings
gewichen, unwillkürlich streckte sie, wie abwehrend, die Hände gegen ihn
aus.
»Eberhard --« preßte sie hervor.
Im Augenblick, als er ihre erschrockene Stimme vernahm, ließ der Taumel
von ihm ab; sein Körper sank kraftlos in sich zusammen. Er ließ die Arme
an ihr niedergleiten, drehte sich im Sessel herum und legte das Gesicht
auf die Stuhllehne.
»Warum fragtest du auch?« stöhnte er dumpf.
Anna stand vor ihm; sie fühlte sich so schuldig. Begütigend streichelte
sie über sein Haar.
»Eberhard,« sagte sie, »sei doch nicht so außer dir; es war ja alles nur
eine Einbildung.«
Er gab keine Antwort, aber er schüttelte das Haupt, daß es aussah,
wie ein trostloses »Nein«. Dann sprang er auf, und beide Hände an die
Schläfen gedrückt, ging er im Zimmer auf und ab.
Endlich blieb er stehen, plötzlich und wie mit einem Ruck. Sein Körper
richtete sich straff empor, beide Arme streckte er vor sich hin,
wagerecht und mit geballten Fäusten.
»Nein!« sagte er laut, »nein! nein!«
Es sah aus, als spräche er mit irgend einem Unsichtbaren. Anna blickte
sprachlos zu ihm hinüber, sie wagte nicht zu fragen, mit wem er sich
unterhielt.
Er ließ die Arme sinken und wandte sich um. Als er ihren entsetzten
Blick gewahrte, kam er auf sie zu.
»Aengstige dich nicht,« sagte er, »ich habe es in der Gewohnheit,
manchmal laut zu denken.«
Er war völlig beruhigt, seine Stimme klang sicher und fest.
Sie schöpfte wieder Mut.
»Was dachtest du denn?« fragte sie, zärtlich an ihn geschmiegt.
»Ich habe mir das Versprechen gegeben,« erwiderte er, »daß mir das nie
wieder begegnen soll. Das, was ich dir vorhin erzählt habe, ist in mir
gewesen, ja. Aber es ist gewesen, verstehst du, und nun ist es nicht
mehr da. Nun kommt es nicht wieder, das verspreche ich mir, das
verspreche ich dir! Niemals!«
Er hatte den Arm um sie gelegt, er stand neben ihr, stark und gesund,
wie einer, der Herr seiner selbst ist, wie ein ganzer Mann.
»Siehst du,« fuhr er fort, »ich habe dir kein Hehl gemacht über meine
Schwäche, darum darfst du mir glauben, was ich dir jetzt sage: ich liebe
dich, Anna. Ich liebe dich so unsäglich, daß der Gedanke, es könnte dir
ein Leid geschehen, mich umbringt und vernichtet. Glaubst du mir das?«
Er blickte auf sie nieder; ein Strom von tiefem, warmem Gefühl floß
über sie hin; aus allen Schatten und Wolken, die unverständlich,
unbegreiflich und unberechenbar in dieses Menschen Seele wogten, tauchte
immer wieder das edle, herrliche Herz wie ein leuchtender Stern empor.
»Ja, Eberhard,« versetzte sie, »das glaube ich dir so sicher, daß ich es
weiß.«
Sie legte die Arme um ihn und drückte die Lippen auf seine Brust.
»Wo solch ein Herz ist,« sagte sie, »da ist ja alles andre ganz
gleichgültig. Darum glaube auch du mir, was ich dir sage: ich fürchte
mich nicht vor dir, Eberhard, gar nicht. Ich liebe dich, Eberhard, wie
nur eine Frau einen Mann lieben kann.«
Er küßte sie auf den Scheitel, und die Berührung seiner Lippen war
wie ein Hauch. Man fühlte, wie er nur seiner Seele noch Zutritt zur
Geliebten gestatten wollte und seinen Sinnen Einhalt gebot. Und so kam
nach der Erregung, die vorangegangen war, eine Stunde so tiefer Ruhe für
die beiden Menschen, wie sie sie kaum je zuvor genossen hatten.
Als er dann aber von ihr ging und die Thür hinter sich geschlossen
hatte, so daß Anna ihn nicht mehr sah, schwellte ein Seufzer seine Brust
-- der schwere Seufzer der Entsagung.
Inzwischen war es Mai geworden, und der Frühling hielt seinen
siegprangenden Einzug.
Eines Tages, als der Baron vom Schlosse draußen hereinkam, brachte er
Anna die Kunde mit, daß auch im Fahrenwalder Parke der Lenz eingekehrt
sei, daß die Kastanien blühten und der Flieder.
»Auch in deinen Zimmern im Schlosse selbst,« sagte er, »ist es Frühling
geworden; sie sehen aus, wie zwei junge fröhliche Augen in einem alten
Gesicht -- die Einrichtung ist fertig -- wenn du nun willst, so ist die
Zeit gekommen, daß Frau von Fahrenwald ihr Reich betritt -- willst du?«
Sie wollte.
Er hatte ihr seine Mitteilungen leise und beinahe feierlich gemacht,
wie jemand, der an eine große Entscheidung herantritt. In derselben Art
hatte Anna sie hingenommen. Die Vorbereitungen zum neuen Dasein waren
vollbracht, nun kam das neue Dasein selbst; durch dunkle und helle
Stunden war sie hindurchgegangen, nun sollte es sich entscheiden, ob
ihr Leben fortan ein großes Licht oder ein großes Dunkel sein würde.
Ein Schauer ging über ihr Herz -- aber ihr Entschluß war gefaßt, sie
wollte. --
In verborgenster Stille, beinahe verschwiegen, fand die Hochzeit statt.
Der standesamtlichen Trauung folgte eine kirchliche Einsegnung im Hause,
wo Anna bei dem Onkel und der Tante gewohnt hatte. Anna fühlte kein
Bedürfnis, sich in einer Kirche öffentlich zur Schau zu stellen und die
klatschsüchtige Neugier zu Gast dazu zu laden.
Ihr Gesicht war kaum minder weiß, als das weiße Brautkleid, in dem sie
erschien; als sie, mit dem Myrtenkranze im Haare, vor dem Geistlichen
kniete und ihre Hand in die Hand des Bräutigams legte, mochte mancher
von den wenigen Trauzeugen für sich denken: »Ein Opfer, das zum Altar
geführt wird.«
Blaß, schweigsam, mit einem Ausdruck unergründlichen Ernstes in den
Zügen, stand Eberhard von Fahrenwald an ihrer Seite.
Ein leises Mittagsmahl, dem nur wenige Gäste anwohnten, schloß die
Feierlichkeit ab. Reden wurden nicht gehalten; es lag wie ein Gewölk
über der Versammlung. Bei jeder Hochzeit steht man wie vor einem
geschlossenen Vorhang. Hier aber war der Vorhang von dunkler Farbe und
geheimnisvolle Zeichen waren in ihn verwebt.
Nachdem die Tafel aufgehoben war, kehrte Anna zum letztenmal dahin
zurück, wo sie als Mädchen gewohnt hatte. In aller Stille wollten sie
beide am Nachmittage nach Fahrenwald hinaus fahren. Koffer und Kisten
waren schon am Tage vorher vorausgegangen.
Nachdem sie den Brautstaat abgelegt und das Reisekleid angethan
hatte, erschien ihr Gemahl, um sie abzuholen. Bald darauf saßen sie im
Eisenbahnwagen, und wieder einige Zeit darauf stampften die Rosse vor
dem Wagen, der sie zum Schlosse hinaustragen sollte -- heute für immer.
Wie anders, wie viel schöner sah sich heut alles an, als damals, da sie
zum erstenmal diesen Weg gefahren war. Der reiche Ackerboden, der so
lange unter Schnee und Regen begraben gelegen hatte, kochte förmlich
von Fruchtbarkeit; die jungen Saaten schossen empor, daß es aussah, als
wollte ein Feld das andre im Wachstum überbieten; die Sonne, die sich
zum Untergange neigte, warf lange, warme, rotgoldene Lichter über das
junge samtartige Grün.
Heute brauchte man keine Fußsäcke und keine Decken. Schweigend, Hand
in Hand, saßen Anna und der Baron in ihrem Wagen, mit stillen Augen
hinausblickend in das stille Land, die Wangen von der linden Abendluft
umspielt, den Duft einatmend, der aus der frühlingsfeuchten Erde
emporstieg.
Die Dorfbewohnerschaft hatte das junge Paar mit schmetternder
Festlichkeit empfangen wollen; der Baron hatte alles abgelehnt
und, damit die Leute nicht um ihre Freude kämen, sich durch reiche
Geldspenden von dem geplanten Empfange losgekauft. Damit hatte er ganz
in Annas Sinn gehandelt. Auch ihr war nicht nach rauschendem Jubel
zu Mute; Arm in Arm mit ihm, wie sie es am ersten Tage gemacht hatte,
wollte sie auch heute durch den Park zum Schlosse gehen.
An der bewußten Stelle, wo die Parkwege sich mit der Fahrstraße
vereinigten, hielt darum auch heute der Wagen an und beide Fahrenwalds
stiegen aus.
Da lag er wieder vor ihr, der Park, an den sie so oft in stillen Stunden
gedacht, nach dem sie sich gesehnt, den sie so lieb gewonnen hatte, der
ihr wie ein Vermittler zwischen dem bisherigen und dem zukünftigen Leben
erschien; da lag er, und wenn die Bezeichnung, die er trug, jemals auf
ihn gepaßt hatte, so war es heute der Fall: »das Schlesische Paradies«.
An der Kreuzung der Wege blieb Anna stehen, beide Arme in kindlicher
Wonne ausbreitend.
»O Eberhard!« seufzte sie aus tiefster Brust, »wie herrlich! wie schön!«
Am Eingang des Parks, wie ein Grenzpfahl, stand ein mächtiger Eichbaum.
Am knorrigen Stamme, einige Fuß über dem Erdboden, war ein Kranz
aufgehängt, von bunten Bändern umflattert, in dessen Mitte sich eine
Tafel mit einer Inschrift befand.
»Was ist denn das?« fragte Anna.
Sie trat heran und las:
»Tritt gern herein, in Freuden bleib,
Und sei mein Leben und mein Weib.«
Sie wandte sich um.
»Von wem ist denn das?«
Eberhard von Fahrenwald stand ganz verlegen da.
Jauchzend flog sie ihm um den Hals.
»Eberhard, du? Du hast das gedichtet?«
Er hielt lächelnd ihr Haupt in seinen Händen.
»Gedichtet?« erwiderte er, »nun -- jedenfalls siehst du, ein großer
Dichter bin ich nicht.«
Sie blickte ihm in die Augen.
»Ach, siehst du, das ist nun wirklich ein ganz entzückender Gedanke
von dir! Auf so etwas, siehst du, kann wirklich nur ein so guter Mensch
kommen, wie du es bist! Nun aber mußt du mir den Kranz herunterholen,
damit ich ihn bei mir aufhängen kann.«
»Aufhängen willst du ihn? Bei dir?«
»Ja!« erklärte sie. »Den hänge ich in meinem Zimmer, womöglich in meinem
Schlafzimmer auf, und alle Abend, wenn ich zu Bette gehe, und jeden
Morgen, wenn ich aufstehe, lese ich, was du geschrieben hast.«
»Gut,« versetzte er, »heute bekomme ich ihn nicht herunter, dazu braucht
es eine Leiter, aber morgen soll er in deinem Zimmer sein.«
Den Weg, den sie das erste Mal gegangen waren, die Buchenallee,
wandelten sie nun entlang. Heute war kein Aufruhr in der Natur wie
damals; das magere junge Laub hing still zu ihren Häupten; heute
brauchte sie sich nicht an ihn zu drängen in ängstlicher Beklommenheit;
alles war so friedlich, so ruhig, auch er, an dessen Arm sie ging. Ja --
er war so ruhig, daß es beinahe wie eine leise Schwermut aussah.
In den Seitenweg bogen sie alsdann ein, und nun war es wirklich ein
Meer von wogenden grünen Wipfeln, das ihr entgegenrauschte. Die weißen
Kastanien hatten schon abgeblüht, aber wie versprengte Rubinen flammten
hie und da die Blüten der roten im Blätterdickicht auf. Am Himmel lag
purpurner Wiederschein der gesunkenen Sonne, und alles war so groß, so
wunderbar und schön, daß Annas Herz in tiefer, wonnevoller Seligkeit
überschwoll.
»O Eberhard,« flüsterte sie, »freust du dich denn auch so wie ich?«
Er blickte zärtlich auf sie nieder und drückte schweigend ihren Arm. Sie
befanden sich gerade an der Stelle, wo er ihr damals gesagt hatte, daß
sie seine Sonne sein sollte und daß er die Erde wäre, die sich um die
Sonne dreht.
Wie wild hatte er sie damals umfaßt -- wie sanft und ruhig war er heute.
Hatte sich etwas in ihm verändert seitdem? Nun -- jedenfalls war es
besser so, wie es heute war. Jetzt kamen sie in die Nähe des Schlosses,
und wieder blieb Anna mit einem Ausrufe der Ueberraschung stehen;
von oben bis unten war das mächtige alte Gebäude mit frischem hellen
Farbenanstrich versehen.
Eberhard lächelte.
»Es war eigentlich noch zu früh im Jahre zum Anstreichen,« sagte er,
»aber ich wollte, daß dir das Haus ein freundlicheres Gesicht zeigen
sollte, als das erste Mal.«
Sie neigte das Haupt in stummen Gedanken. Jeder ihrer Wünsche war in
seinem Gedächtnis niedergelegt, wie ein Wertstück in den Händen eines
treuen Verwalters.
Durch die Halle mit den Jagdtrophäen schritten sie hindurch, welche
heute abend durch zwei große, in den Ecken aufgestellte Kandelaber
erhellt wurde, und eben solche Kandelaber standen im Flure am Fuße
der großen Treppe. Große, schwere, altertümliche Leuchter, mit steif
gestreckten Armen von Messing, mit dicken Wachskerzen besteckt.
Auf jedem Treppenabsatze stand ein solcher Kandelaber und in gleicher
Weise waren Flur und Gänge beleuchtet. Ein stilles, schweres, goldiges
Licht.
»Heut gehen wir nicht durch die Bibliothek, sondern gleich in dein
Zimmer,« sagte der Baron, als sie die Treppe erstiegen hatten. Er führte
sie den Gang entlang, der auf den Flur stieß, dann that er eine Thür
auf, die sich von links auf den Gang öffnete, und nun schlug Anna,
geradezu entzückt, beide Hände ineinander. Sie waren in ihren Gemächern
angelangt, die Fenster standen offen, und durch sie hinaus blickte man
in den Park und über den Park hinaus in die weite grünende Landschaft.
Im Kamin, den Fenstern gegenüber, flackerte ein lustiges Feuer von
Fichtenscheiten; der harzige Duft des brennenden Holzes vermengte
sich mit der einströmenden Frühlingsluft zu einem feinen, köstlichen
Wohlgeruch. An den Wänden, die mit einer hellfarbigen, mit blaugoldenen
Mustern geschmückten Tapete bedeckt waren, hingen Landschaftsbilder, die
aus den nebenanliegenden Gemächern hierhergeschafft worden waren; ein
Schreibtisch in allerliebstem Schnörkelstile in einer Fensterecke,
Stühle mit silberdamastenen Polstern, und ein Ruhebett von dem gleichen
Stoffe; zwischen den Fenstern ein hoher Wandspiegel, in schwerem
goldbronzenen Rahmen, und das Ganze überflutet vom sanften Lichte eines
zierlichen, von der Decke herabhängenden Kronleuchters, und mehrerer,
in den Ecken verteilter Lampen, deren Glocken mit roter Seide umhüllt
waren. Ein Aufenthalt, wie für eine Fee, hergerichtet von einem guten
Geiste.
Der Baron öffnete die Thür zum Nebenzimmer, wo eine große Glasglocke,
blau verschleiert, von der Decke schwebte und ein trauliches Licht
verbreitete. An der gegenüberliegenden Wand, unter einem Zelte von
mattblauer Seide, stand ein Bett, kostbar und reich im Gestell,
schneeweiß leuchtend mit seinen Kissen und Linnen vom feinsten Gespinst.
Sprachlos, von Dankbarkeit überwältigt, hing Anna am Halse ihres Gatten;
so viel hatte sie von ihm empfangen, dies aber war doch das Höchste. So
beschenkt nur ein Mensch, dessen Seele uns nachgeht, ununterbrochen und
überall.
»Ich denke,« sagte der Baron, »wir rufen jetzt deine Jungfer, damit du
die Reisekleidung abthust und es dir bequem machst!«
Er ließ den Blick umhergehen; auf Stühlen und Sofas des Schlafzimmers
lagen Annas eben ausgepackte Kleidungsstücke verstreut; eine Haus-
und Morgentoilette von rosarotem Wollenstoff lag obenan, zum Gebrauche
bereit.
»Ich gehe unterdes zu mir hinauf,« fuhr er fort, »und wenn ich
wiederkomme, abendbroten wir, und wenn es dir recht ist, lassen wir hier
in deinem Zimmer anrichten, hier ist es gemütlicher, als da drüben.«
»Zu mir hinauf,« hatte er gesagt -- sie sah ihn fragend an.
»Wo wohnst denn du eigentlich?«
»O -- ziemlich weit von hier,« gab er zur Antwort, »da oben im zweiten
Stock.«
Er sah die Ueberraschung auf ihrem Gesicht; aber es war, als wollte er
weitere Fragen abschneiden. Er nahm ihren Kopf zwischen die Hände, küßte
sie auf den Scheitel und mit einem »auf Wiedersehen« ging er hinaus.
Von der Thür aus hatte er ihr lächelnd zugenickt. Bildete sie es sich
nur ein, oder war in seinem Lächeln etwas Gezwungenes gewesen?
Sie begab sich in ihr Schlafgemach, wo die Jungfer bereits auf sie
wartete. Es war ein Mädchen vom Dorfe, nicht übermäßig geübt in den
Künsten feinerer Bedienung. Schweigend, und nicht ohne Verlegenheit
wartete sie ihres Amtes. Kaum weniger verlegen aber war die Gebieterin
selbst. Es war das erste Mal, daß Anna sich beim Aus- und Ankleiden
bedienen ließ; mit innerlichem Lächeln gestand sie sich, daß das
Prinzessinsein gelernt sein wollte.
Als sie in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, stand inmitten desselben der
Tisch mit dem Abendbrote bereits angerichtet. Eberhard war noch nicht
wiedergekommen, sie war allein. Sie trat an eines der beiden Fenster,
kniete auf einen Stuhl und lehnte sich auf das Fensterbrett, in die
weiche dunkle Luft hinausträumend.
Nachdem sie ein Weilchen so gelegen, fuhr sie auf und sah sich um -- und
richtig, da stand er hinter ihr in der Thür. Sie hatte ein Gefühl, als
hätte er sie schon längere Zeit schweigend betrachtet.
Er stand so regungslos -- in seiner aufgereckten Gestalt war eine Art
von lautloser Spannung, in seinen Gesichtszügen eine Art von Starrheit,
als hätte ein Kampf getobt, der zur Ruhe gezwungen worden war.
Indem Anna sich aufrichtete, glitt ihr eines der braunsamtnen
Pantöffelchen, die sie trug, vom Fuße; jählings neigte er sich herab und
küßte sie auf die Fußsohle, die nur noch vom seidenen Strumpfe bedeckt
war.
Ebenso rasch richtete er sich wieder auf.
»Verzeih!« sagte er. In Verwirrung trat er zurück.
Lachend warf sie sich an seine Brust.
»Aber was soll ich dir denn verzeihen?«
In seinen Augen flackerte es auf, um gleich darauf wieder zu erlöschen.
Er küßte sie, beinah wie abwehrend, auf die Stirn.
»Ja, ja,« sagte er heiser, »nichts, nichts!«
Dann rückte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich mit ihr an den
Tisch.
Das Abendessen zu zweien verlief in glücklicher Gemütlichkeit, man aß,
man trank und plauderte. Als sie abgespeist hatten, sah Anna mit
einer gewissen Aengstlichkeit nach der Thür. Würde nun der alte Johann
erscheinen, um abzuräumen?
Eberhard schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Der Johann wartet nicht mehr bei Tische auf,« beruhigte er sie. »Ich
denke, wir lassen alles, wie es ist. Wozu sollen wir uns stören lassen?«
Damit war sie einverstanden. Sie ließ sich von ihm Champagner
einschenken.
»Aber du trinkst ja gar nicht!« unterbrach sie sich.
»Doch, doch,« erwiderte er, und hastig leerte er sein Glas.
Sie hatte aber ganz recht gesehen; er trank nur sehr wenig. Er saß vom
Tische etwas abgerückt, und sah seine junge Frau an und sah, wie der
Wein ihr Blut zu erwärmen begann, so daß ihr Gesicht sich leise
rötete und der junge Leib aus dem zarten rosafarbenen Morgenkleide
hervorzuatmen und herauszublühen schien.
Einen starren, beinah stieren Ausdruck nahmen seine Augen dabei an,
bis daß er, wie plötzlich zu sich kommend, den Blick von ihr hinweg zur
Seite wandte.
Anna merkte nichts davon. Sie erzählte von ihren Blumen, mit denen
sie gleich morgen anfangen wollte; daneben plante sie einen großen
Gemüsegarten, der natürlich auch unter ihrer Obhut stehen sollte. Sie
war ganz vertieft in ihre Entwürfe und glücklich wie ein Kind.
Unterdessen saß der bleiche Mann schweigend ihr zur Seite. Ob er hörte,
was sie sprach? Ob er acht darauf gab? Es sah nicht so aus. Seine Seele
schien mit den dunklen Gewalten beschäftigt, die wieder übermächtig über
ihn wurden.
Es war spät geworden; die Stutzuhr auf dem Kaminsimse schlug elf Uhr.
Zeit zum Zubettegehen.
Anna wurde still, der Baron blieb stumm wie bisher -- es trat das
verlegene Schweigen ein, wenn zwei Menschen dasselbe denken und keiner
von beiden zu sprechen anfängt.
Annas Gesicht erglühte immer tiefer, ihre Hände spielten mit den Quasten
der Schnur, mit der ihr Kleid gegürtet war; sie senkte die Augen in den
Schoß und blickte verstohlen zu ihm auf. Jetzt erst bemerkte sie, wie
verschattet sein Antlitz war.
Noch eine Weile peinlichen Schweigens, dann erhob er sich. Seine
Bewegung hatte etwas Unsicheres, wie die eines Menschen, der nicht recht
weiß, was er thun soll.
Langsam war auch Anna aufgestanden; nun stand sie mitten im Zimmer,
Nacken und Haupt schamhaft geneigt.
Sein unstäter Blick ging rund im Zimmer umher, dann blieb er an ihr
haften, und der Ausdruck flackerte wieder darin auf, wie an dem Tage in
Breslau.
Wie sie vor ihm stand! Unbewußt in keuscher Hingabe, wie eine demütige
Magd! Wie sie lieblich war, wie sie reizend, schön und entzückend war!
Ein dumpfer Laut rang sich aus seiner Brust; wie damals, als sie vor
dem Spiegel stand, umschlang er sie und riß sie an sich; mit dem Munde
drückte er ihr Haupt nach hintenüber und dann wühlten sich seine Lippen
auf ihren Mund, in ihr Gesicht, in ihren Hals.
Halb erstickt hing sie in seinen Armen; ihr Gesicht war ganz blaß
geworden, ihre Augen geschlossen, unwillkürlich, wie damals, stemmte sie
die Hände gegen ihn.
»Eberhard,« ächzte sie.
Und nun geschah, was an jenem Tage geschehen war: jählings ließ er von
ihr ab, stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihre Kniee.
»Verzeih mir,« stöhnte er, »verzeih mir und schlaf wohl, schlaf wohl,
schlaf wohl!«
Mit einem Sprunge war er auf den Füßen, an der Thür, und ohne sich
umzusehen, wie ein Gejagter, Verfolgter, zur Thür hinaus.
So rasch war dieses alles geschehen, daß Anna nicht Zeit gefunden
hatte, ihm nachzurufen. Einsam blieb sie zurück, in völliger dumpfer
Ratlosigkeit.
Sollte sie ihm nachgehen? Durch das fremde, dunkle Haus? Wo sie nicht
einmal seine Gemächer kannte? Es grauete ihr. Auch hätte sie sich
schämen müssen.
Was also blieb zu thun? Zu Bette gehen.
Seufzend ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Jungfer, die ihr beim
Entkleiden behülflich sein wollte, schickte sie hinaus; in der Stimmung,
in der sie war, brauchte sie keine fremden Augen, die ihr zusahen. Das
Bett mit dem schön verzierten Untergestell, das seidene Zelt darüber --
wie prachtvoll alles. Aber in all dieser Pracht, welche Einsamkeit!
Die frischen Linnen des Betts berührten sie mit fröstelnder Kühle; sie
huschte tief in die Decken und unter Thränen schlief sie zum erstenmal
auf Schloß Fahrenwald ein.
Aber während sie schlief, war droben im zweiten Stock einer, der nicht
schlief, das war ihr Mann, der Baron Eberhard von Fahrenwald, der in
sein Zimmer gelangt war, die Thür verriegelt hatte und nun in seinem
Zimmer auf und nieder ging, ohne Aufhören und ohne Rast, wie ein wildes
Tier hinter den Stäben des Käfigs.
Die Ruhe, die er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwungen hatte, war
dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die
Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobald der
Vulkan da drunten lebendig wird. All die dunklen Gewalten, die in den
Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefangen, all die wilden
Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlamme, vergraben
lagen, reckten plötzlich die Häupter; sie wollten sich nicht mehr
bändigen lassen, wollten nicht mehr dem befehlshaberischen »nein«
gehorchen, mit dem er sie damals für einen Augenblick niedergezwungen
hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schüttelten sie
ihn, daß ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geißeln
peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib
da unten, das junge, blühende Weib, zu dem es ihn hinriß. Jeden
ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr
Schlafgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz
deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stück nach Stück sank die
Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweißen Arme nach ihm, und
jetzt geschah etwas -- mitten im Zimmer blieb er jählings stehen, die
Hände an die Schläfen gedrückt, die Augen weit offen, wie fest gebannt
von einer furchtbaren Vision. War das er, den er da sah, der sich wie
ein reißendes Tier über das hüllenlose Weib herstürzte: Ja, ja, ja!
Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heiratete, würde er jemanden
umbringen. So hatte der Alte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten
gesagt. Also mußte es so sein, und so war es ja auch, und nun wußte er
ja auch, wer das war, den er umbringen würde! Und also kam der Wahnsinn
doch! Und all das Kämpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war
vergeblich gewesen, alles, alles?
An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fäusten griff er
sich ins Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen,
beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle.
»Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!«
Dann ließ der Sturm nach; gebrochen blieb er am Boden liegen, und nach
einer Stunde dumpfen kraftlosen Vorsichhinstarrens raffte er sich auf
und schleppte sich nach seinem Lager.
Während sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand
wach. Das war der alte Johann.
Er schlief nicht. Nein. Er wußte ja, daß er von jetzt an überhaupt nie
mehr schlafen durfte. Seit heute war die »Einbrecherin« im Schloß. Das
Unheil war eingezogen, jetzt hieß es, Wache halten! Das war sein Amt,
seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalten! Nicht mehr
schlafen! Nie mehr schlafen!
Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute nachmittag
mit seiner jungen Frau ankommen würde.
Natürlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam
sind sie auch. Und sie haben Zähne!
Er hatte auch ganz recht gehabt, der Herr Baron, daß er ihn
fortschickte, daß er »die Person« in Sicherheit vor ihm brachte, ganz
recht, ganz recht, ganz recht.
In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und mehr war er
ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hände reibend,
immerfort das eine Wort murmelnd »ganz recht, ganz recht, ganz recht«.
»Ganz recht, daß du mich nicht an sie heranläßt -- denn wenn ich ihr zu
Leibe könnte --« Bei diesem »wenn« knirschten seine Zähne, seine Fäuste
streckten sich in die Luft.
Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehört, wie jemand mit
hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flüchtete, die Treppe
draußen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehört, wie die
Thür zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann
von innen verriegelt wurde.
Aha -- also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron,
den er da hatte kommen hören, der jetzt da drüben in seinem Zimmer saß,
wie die Maus im Loch, wie die dumme Maus, der man Speck gestreut hat und
die genascht hat und jetzt dahinter kam, daß der Speck vergiftet gewesen
war! Er grinste übers ganze Gesicht, er mußte an sich halten, daß er
nicht laut herauslachte, laut, daß man's durchs ganze Haus hörte.
Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lächerlich!
Dann war er über den Flur geschlichen, an die Thür seines Herrn, hatte
sich mit dem Ohr an das Schlüsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er
da drinnen das Hin- und Hergehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen
hörte, hatte er grinsend mit dem Kopfe genickt: »Siehst du, siehst du,
siehst du wohl?«
Die ganze Nacht hätte er so stehen können und horchen, denn es
verursachte ihm ein namenloses Vergnügen, zu hören, wie sein Herr da
drinnen litt. Das hatte er nun davon, der unglückselige, verrückte
Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glück nur, daß wenigstens ein
Vernünftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die
verfahrene Geschichte wieder herausreißen konnte. Und das war er, der
alte Johann; und er würde sie wieder herausreißen, ja, das würde er!
Noch wußte er nicht genau wie, aber fertig bringen würde er es, das
wußte er, das sagte er sich, indem er jetzt über den Flur zu seinem
Zimmer zurückging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern
hocherhobenen Hauptes. Denn ein Stolz erfüllte seine Brust, daß er sich
vorkam, als wäre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als hätte er zu
befehlen und kein andrer sonst.
Er konnte sich noch gar nicht entschließen, in seine Kammer
zurückzukehren; es war ein Gefühl in ihm, als müßte er noch irgend etwas
thun, etwas vollbringen; ein solches Kraftgefühl, daß er am liebsten
laut gebrüllt hätte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und
wandelte durch alle Gänge des Hauses, alles im Dunkeln, ohne Licht,
wozu brauchte er denn Licht? Er fand sich ja auch im Dunkeln zurecht in
seinem Hause. Sein Haus -- er drückte sich mit den Fingern die Lippen
zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelächter ward. Als er endlich
zu seinem Zimmer zurückkehrte und über die Schwelle trat, bückte
er sich. Er wußte, daß er plötzlich gewachsen war. Ja, ja, es war
merkwürdig, aber wahr, er war gewachsen, mindestens um einen Kopf, darum
mußte er sich in acht nehmen, sonst wäre er mit dem Kopfe oben an die
Thür gestoßen. --
* * * * *
Der Frühling that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Löchern des
Schlosses Fahrenwald schickte er am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen
hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeweide
hineinleuchten und wärmen.
Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte,
sah er, daß andre schon früher aufgestanden waren als er. Einen Strohhut
auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschürzt, wandelte im Blumengarten
unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab, bald rechts sich
niederbeugend, bald links, so daß der breitkrämpige Hut bedächtig auf
und nieder schwankte. Es war seine junge Frau.
Die Sonne hatte sie früh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette
gelassen.
Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als sänke die Nacht und alles,
was in der Nacht gewesen war, wie ein Spuk hinter ihm nieder, in eine
endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, riß er das Fenster auf und »Anna!«
rief er laut hinunter.
Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als
sie ihn erblickte, hob sie die Hände an den Mund und warf ihm Kußfinger
zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Fülle und
Jugend, sah aus wie eine Sonnenblume.
»Komm herunter Eberhard,« rief sie zu ihm hinauf, »hier unten ist's
wundervoll.«
Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben
war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhaftig
verkörpert in dem geliebten Geschöpf.
Er lehnte sich weit über die Fensterbrüstung hinaus. »Gleich komm' ich,
gleich,« sagte er; aber während er das sagte, blieb er ruhig im Fenster
liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.
Sie stand und lächelte ihm zu und nickte; er nickte zurück. Dann zog
sie ihr weißes Taschentuch hervor und wie mit einem Fähnchen winkte sie
hinauf.
»Komm doch,« rief sie wieder, »komm doch endlich.«
Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst spürte er, wie
schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das
kalte Brunnenwasser, mit dem er sich überströmte, brachte ihn wieder
zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, vergaß er seine
Schwäche und alle Leiden. Blaß war er freilich, aber das war sie ja an
ihm gewöhnt; sie hüpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf,
und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fühlte, die wie ein Strom
aus diesem Herzen über sie dahinging, vergaß auch sie, daß sie gestern
abend in Thränen eingeschlafen war.
Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und schön bis zum Ende. Aber weil
er so schön war, wurde er für Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna
nahm ihn vollständig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum
Abend im Park umher. Kaum daß sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergönnte.
Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher
hatte sie ihn nur im allgemeinen kennen gelernt, nun sollte Eberhard ihr
alle Winkelchen und Eckchen zeigen. Sie war in der Stadt groß geworden;
die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war für sie wie ein
Märchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlägt. Jeder kleinste
Vorgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter
jedem Baume, in dem eine Nachtigall saß, mußte Eberhard mit ihr stehen
bleiben und dem Gesange lauschen; wenn ein Buchfink über den Weg
vor ihnen herhüpfte, hielt sie ihren Begleiter am Arme fest, mit
ausgestrecktem Finger zeigend: »Sieh doch nur, sieh! was für ein
reizendes Tierchen!« Sie war vollständig zum Kinde geworden; sie
brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glücklich.
Der gestrige Abend mit seiner schwülen Erregung, seiner dumpfen
Niedergeschlagenheit war in ihr ausgelöscht. Sie hatte ja ihren
Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch
Erfahrung gelernt, daß man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen,
ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht.
Eine sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren
sogar dagewesen, wo ihr Blut heißer wurde -- aber für gewöhnlich war
ihr das Verlangen der Sinne fremd, und es bereitete ihr keine
Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie
zwei gute Freunde nebeneinander hergingen.
Und sie begann sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, daß ihr
beiderseitiges Verhältnis fortan in dieser Art weitergehen würde.
Ob der Mann, der müden Schrittes hinter ihr drein kam, diese Gedanken in
ihrer Seele las? Vielleicht.
Er war etwas hinter ihr zurückgeblieben, denn weil er ihr zu langsam
ging, hatte sie sich von seinem Arme losgerissen. Nun sah er sie
vor sich dahintrippeln mit hastigen, fröhlichen Bewegungen, den grün
übersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihr Licht
in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit
Edelsteinen übersäend.
Wie glücklich sie war! Und wie ihr Glück ihm die tiefste Seele erwärmte!
Aber wie harmlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in
ihr regte von dem, was gestern abend in ihm vorgegangen war, von all dem
Dunklen, Entsetzlichen!
War es nicht gut, daß es also war? Freilich war es gut. Aber warum
seufzte er trotzdem innerlich auf?
Er fühlte, daß er dieses alles vor ihr verstecken mußte. Den einen
Menschen, der in ihm war, den gütigen, liebevollen, edlen Menschen, den
durfte er ihr zeigen, -- den andern mußte die Nacht bedecken und das
Dunkel, daß sie nie in sein Gesicht sah -- denn wenn sie es gesehen
hätte -- Und also mußte er stark sein und immer stark, und allein für
sich tragen und schweigen.
Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte
gebadet, sie selbst wie ein verkörperter Sonnenstrahl, kam er sich vor
wie das dunkle Gewölk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen
Schoß das Ungewitter brütet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer
war vorhanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, daß das
Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr
und sollte ihr Beschützer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbare
Anforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder
Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte,
überlief es ihn wie ein Grausen.
Würde er Kraft behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust,
beinahe wie eine Todesangst.
Und dieses Angstgefühl verließ ihn nicht mehr; es wurde zu einer
bleibenden, körperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr
der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er fürchtete
sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau ins Schloß
zurückgekehrt war, ließ er alles, was an Lampen aufzutreiben war,
anzünden, damit Licht würde, damit er sich das Tageslicht einbilden
könnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dämon keine Gewalt
über ihn. Nur hatte er dabei vergessen, daß in dem Lichte, das jetzt,
aus allen Spiegeln widerstrahlend, die Gemächer füllte, auch die Gestalt
des Weibes um so leuchtender hervortreten mußte. Und gerade vor ihr
fürchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit
ihm den Park durchtändelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mädchen,
wie ein Kind erschienen, dem gegenüber die Sinne schweigen -- jetzt, da
die Nacht kam, wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder
wuchs in seiner Phantasie zu einer verstrickenden Umarmung, jedes
Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethörenden Lockruf.
»Ich ziehe mir meinen Morgenrock an,« hatte Anna gesagt, als sie ins
Schloß zurückkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu
sagen, »thu's nicht!«
Aber er sagte es nicht. Was hätte sie denken müssen? Wie hätte sie es
verstehen können? Sollte er sagen, daß er wahnsinnig sei? Er selbst? Er
lächelte.
»Freilich, freilich; wir gehen wohl heute früh zu Bett? Du wirst dich
müde gelaufen haben?«
Als er zu ihr zurückkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe
hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurückgefallen,
der volle weiße Arm kam bis über den Ellbogen hervor. Alles vergessend,
wollte er mit einem Sprunge sich über sie stürzen -- da wandte sie sich
lächelnd um. Ein harmloses, ahnungsloses Kinderlächeln. Alles war für
den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe
ab.
Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die
Uhr auf dem Kamin elf schlug.
»Du bist müde?« fragte er.
Sie nickte ihm mit traumverschleierten Augen zu.
In einem Armstuhl saß sie da, behaglich hintenüber gelehnt, die Füße
weit ausgestreckt und übereinander gelegt.
»Die Frühlingsluft macht so müde,« sagte sie mit dämmernder Stimme, »und
es ist so schön, einzuschlafen, während man die Nachtigallen singen hört
-- horch doch nur, wie das klingt -- entzückend.«
Er war an das geöffnete Fenster getreten -- sie hatte recht. Wie
die Stimme des Frühlings drang der süße Ton der Nachtigallen aus dem
nachtdunklen Parke herauf. Liebe war es, die ihren Gesang erweckte, und
es war, als riefen sie allen Geschöpfen der Erde zu »liebt euch, jetzt
ist die Zeit der Liebe«. Und da stand er und durfte nicht lieben. Die
Qual, die er empfand, war so groß, daß er lange Zeit lautlos am offenen
Fenster stehen bleiben mußte. Dann trat er zu ihr.
»Nun gute Nacht,« sagte er. Er stand über sie gebeugt; sie blickte
lieblich zu ihm auf.
Plötzlich griff er mit der Hand hinunter und riß ihr den einen Schuh vom
Fuße.
Sie erschrak beinah.
»Aber Eberhard.«
Sie wollte nach ihrem Schuh greifen, aber er hielt ihn fest.
»Ein Andenken,« rief er, »ein Andenken,« er lachte dabei laut, beinahe
gellend, und dann, indem er den Schuh, in dem noch die ganze Wärme
ihres Fußes war, an die Lippen drückte, schoß er auf die Thür zu und war
hinaus. Kopfschüttelnd saß Anna und sah ihm nach; dann erhob sie sich,
und den einen Fuß im Schuh, den andern im Strumpfe, wanderte sie in ihr
Schlafgemach.
Eine Reihe von Tagen folgte, alle diesem Tage gleich. Luft und Himmel
voll Sonnenschein, das Laubgezelt des Parks immer dichter anschwellend
zum grünen, rauschenden Wald, von Düften durchflutet, von Vogelstimmen
durchtönt, und durch die grünende Wildnis dahinwandelnd die rosige
blühende Frau und der bleiche hohläugige Mann.
Immer größer wurde der Abstand, in dem sie gingen; immer weiter flog sie
ihm voran, immer müder blieb er zurück, und es kam auch schon vor,
daß er sich auf eine Bank niedersetzte und sie allein auf Entdeckungen
ausziehen ließ.
Die schlaflosen Nächte griffen ihn zu furchtbar an. Seine Nerven waren
des Morgens wie aufgeweicht, um sich dann im Laufe des Tages allmählich
aufzustraffen, bis daß sie am Abende wieder angespannt waren, wie die
Saiten eines Streichinstrumentes, jeden Augenblick zum Springen bereit.
Jeden Abend dann wieder das Aufsteigen des wütenden Verlangens und das
Niederkämpfen desselben, so daß sein Inneres einem Schlachtfelde glich,
und jeden Abend die Wiederkehr einer Erscheinung, die er sich nicht zu
erklären vermochte, und die trotzdem vorhanden war, die er empfand, mit
Grauen empfand:
Jeden Abend, wenn er in sein Zimmer gekommen war, hatte er ein Gefühl,
als stände etwas hinter ihm, irgend etwas, er hätte nicht sagen können,
was. Etwas Fürchterliches, das unablässig auf ihn hinblickte, mit grünen
Augen, mit einem wartenden Blick. So deutlich empfand er die Anwesenheit
dieses schrecklichen, unsichtbaren Etwas, daß ihm manchmal geradezu
war, als hörte er ein leises, keuchendes Atemholen, so daß er die Lampe
aufnahm und Winkel und Ecken seiner Zimmer durchstöberte, bis daß er die
Lampe wieder niedersetzte und sich sagte, daß niemand da war und nichts,
daß alles nur in ihm selbst war, ein Spukgebilde seiner Seele, der
Wahnsinn, der Wahnsinn.
Eines freilich sah er bei diesen Gelegenheiten nicht: wenn er mit der
Lampe in der Hand durch seine Zimmer stöberte und der Thür nahe kam,
die zum Flur ging, dann sah er nicht, wie sich draußen an der Thür eine
hagere Gestalt aufrichtete, die bis dahin lauernd zum Schlüsselloch
gebeugt, mit leise keuchendem Atemholen gestanden hatte und nun, wenn
sie seine Schritte nahen hörte, über den Flur hinweg huschte und sich
in den Schatten des großen Schrankes drückte, der an der Wand des Flurs,
neben der Thür stand.
Anna hatte in den letzten Tagen sein übles Aussehen bemerkt und ihn
zärtlich besorgt gefragt, ob ihm etwas fehle. Aber er hatte hastig und
entschieden verneint, »Gar nichts fehlte ihm, er war vollkommen wohl!«
Und um sie zu beruhigen, hatte er sogleich einen weiten Spaziergang mit
ihr durch den Park gemacht.
Mit aller Gewalt hatte er sich zusammengenommen und zusammengerafft;
liebenswürdig und freundlich war er gewesen, wie nur je zuvor.
»Daß nur sie nichts merkte! Um Gottes willen, nur nicht sie!«
Aber diese letzte gewaltsame Anspannung gab ihm den Rest.
Da er sich heute, seiner Versicherung nach, so wohl fühlte, hatte Anna
ihn wieder durch den ganzen Park mit sich genommen, herauf und herab,
die Kreuz und die Quer. Mehrere Vogelnester hatte sie entdeckt, die
noch im Bau begriffen waren, und das Treiben der Vögel dabei war doch zu
reizend, jedes einzelne mußte sie ihm zeigen. Und nachdem das erledigt
war, hatte er ihr dahin folgen müssen, wo sie ihren Gemüsegarten
anzulegen gedachte; sie hatte ihm die einzelnen Felder schon gezeigt,
wo Salat gebaut werden sollte, und Bohnen, Rüben und Tomaten, und was es
alles gab.
Am Abend war sie daher schläfrig geworden wie ein Kind, das sich
tagsüber müde gespielt hat.
»Heute werde ich aber gehörig schlafen,« sagte sie, als sie sich erhob,
um ihm gute Nacht zu wünschen.
Er war heut so besonders liebenswürdig gewesen, dafür war sie ihm Dank
schuldig. Zärtlich hing sie sich um seinen Hals, um ihn zu küssen. Wie
es jetzt in seiner Gewohnheit lag, richtete er den Oberleib steif auf,
als wollte er ihren Lippen ausweichen, aber sie hatte es sich in den
Kopf gesetzt, heute sollte er einmal seinen Kuß bekommen. Lachend
versuchte sie, mit ihrem Munde an den seinen zu gelangen, und weil ihre
Körperlänge dazu nicht ausreichte, stieg sie mit den Füßen auf seine
Füße. Indem sie sich auf den Spitzen erhob, reichte sie ihm bis an den
Mund, und nun erhielt er einen langen, warmen, liebevollen Kuß.
Ihre Lippen lagen auf den seinen, ihr junger Leib drängte sich an ihn,
auf seinen Füßen empfand er ihre warmen weichen Füßchen.
In dem Augenblick war ihm zu Mute, als risse etwas in ihm, beinah, als
spränge eine Saite, so daß er das Nachsummen des Schlags in seinen Ohren
zu vernehmen meinte.
Er schob sie von sich.
»Gehst du jetzt zu Bett?« fragte er; der Ton seiner Stimme war lallend.
»Freilich geh' ich zu Bett.«
An der Thür des Schlafzimmers blieb sie noch einmal stehen und warf ihm,
traumselig nickend, Kußfinger zu.
Kaum daß sie dann ihr Lager erreicht hatte, war sie schon eingeschlafen.
Einige Zeit später, sie hätte kaum sagen können, ob Stunden oder nur
Minuten, wurde sie durch ein Geräusch geweckt, und als sie blinzelnd die
verschlafenen Augen öffnete, bemerkte sie, daß ein Lichtschein im
Zimmer war. Wie kam das? Sie hatte doch vor dem Einschlafen alles Licht
gelöscht?
Indem sie sich allmählich ermunterte, sah sie, daß das Licht von der
Thür herkam, und durch den blauseidenen Bettvorhang hindurch gewahrte
sie eine dunkle Gestalt, die in der Thür stand. Genau zu erkennen
vermochte sie nicht, wer es war.
»Bist du's, Eberhard?« fragte sie schläfrig.
Es erfolgte keine Antwort. Die Gestalt rührte sich nicht. Sie richtete
sich auf den Ellenbogen auf.
»Eberhard, bist du's?« fragte sie noch einmal.
Jetzt kam die Gestalt mit einem Schritt heran, bis an das Fußende ihres
Bettes, schlug den Vorhang zurück -- ein Licht in Händen, stand ihr
Gatte vor ihr, Eberhard von Fahrenwald.
Er gab keinen Laut von sich, seine Augen ruhten auf ihr, mit stierendem,
beinahe gläsernem Blick.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte, verwirrt schaute sie ihn an.
Dann streckte sie den Arm nach ihm aus.
»Aber Eberhard -- was machst du denn?«
In dem Augenblick hatte er das Licht auf den Nachttisch gesetzt und
ihren Arm mit beiden Händen ergriffen. Als wäre ihr Arm in einen
Schraubstock gespannt -- so war es. Es wurde ihr unheimlich.
»Aber -- so sprich doch nur ein Wort,« bat sie leise.
Er sprach nicht; es war, als hörte er sie überhaupt nicht. Plötzlich
ließ er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Händen an den Schultern
und drückte sie in die Kissen zurück. Sie lag wie gefesselt unter seinen
Händen, unfähig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in
sein Gesicht empor, das mit steinernem, rätselhaftem Ausdruck über sie
gebeugt war.
»Was thust du denn?« stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und
her und versuchte, sich seinem Griffe zu entwinden.
Als er die windenden Bewegungen ihres Körpers fühlte, bog er plötzlich
den Oberleib zurück, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines
wilden Tieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt.
Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand
sie, zu ihm hinüberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand.
In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen, vermochte sie nicht, weil er
zwischen Bett und Thür war.
Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf sie zu, stieß
sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Füßen,
nur im Hemd, rannte sie durch die Thür, durch die er gekommen und die
hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos
vor Angst drückte sie sich hinter dem Ruhebett nieder, das an der
gegenüberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging -- dann erschien
der Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach
ihr suchend.
Jetzt hatte er sie entdeckt -- und wieder sprang sie auf und flüchtete
weiter, in das nächste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen
Sprüngen. Aus dem zweiten Zimmer ging es in das dritte, in das vierte
und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galerie
entlang, bis daß sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der
Zimmerflucht angelangt war und sich bewußt wurde, daß es nun nicht
weiter ging, daß sie gefangen war, verloren war. -- Mitten im Saale, die
entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte
sie in die Höhe, -- ein verzweifeltes Geschrei -- und jählings, mit
schwerem Fall schlug sie auf den Fußboden nieder, ohnmächtig, wie eine
Leiche anzusehen.
Als dies geschah, als er den Schrei vernahm und die weiße Gestalt
zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick
wie verwundert um. Es sah aus, als müßte er seine Erinnerung sammeln.
Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit vorsichtigen Schritten da
heran, wo das da am Boden lag, das Weiße. Er senkte das Licht und
leuchtete über die regungslose Gestalt hin, richtete sich wieder auf und
trat einen Schritt zurück. Er setzte das Licht auf den Tisch, und auf
die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen,
nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen, richtete sie dumpf
brütend den Fenstern zu, hinter denen die schwarze Nacht hing, und nun
war es, als käme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fern
erst, ganz klein, aber näher kommend, immer näher, bis daß es sein
Gesicht erreicht hatte, bis daß es in seine Augen gestiegen war. Und
nun begannen die Augen, die bis dahin gläsern gestiert hatten, wieder zu
sehen, die Züge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurück,
und nun war es wieder Eberhard von Fahrenwald, der dort am Tische stand.
Mit einem Ruck, daß die Gelenke in seinem Leibe krachten, richtete er
sich plötzlich in die Höhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran
-- im nämlichen Augenblick aber flog er rückwärts, als wenn ein Stoß ihn
zurückgeworfen hätte. Auf dem glatten Parkett des Fußbodens schlug er
der Länge lang hin, mit dem Gesicht am Boden, beide Hände in den Mund
stopfend, mit den Zähnen in die Hände beißend, daß das Blut herabtroff.
Ein gurgelndes Röcheln, ein ersticktes Heulen wühlte sich aus ihm heraus
und in den Fußboden hinein; dann kroch er bis zu dem nächsten Stuhle,
arbeitete sich mühselig an dem Stuhle auf, bis daß er auf den Füßen
stand, und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr gehen kann, dem das
Rückgrat gebrochen ist, schleppte er sich, die Augen immerfort auf
die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an die Thür, die aus dem
Bibliotheksaale auf den Flur führte. An der Thürklinke hielt er sich
mit beiden Händen aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine
dicke Feuchtigkeit -- war es Schweiß, war es Blut, waren es Thränen --
rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er
vermochte es nicht -- als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte
es nicht -- nur ein Aechzen wurde vernehmbar: »Anna -- Anna -- Anna« und
diesen Namen wiederholend und fortwährend, sinnlos wiederholend, schob
er sich zur Thür hinaus. Sobald er aber die Thür hinter sich hatte,
fühlte er sich von einem eisernen Arm umschlungen und aufrecht gehalten.
Der Mann war da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, und dem
er nun wieder gehörte, der alte Johann.
»Kommen Sie nur, gnädiger Herr,« sagte er mit starker, harter Stimme,
»kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder
geben.«
Er führte den gebrochenen Mann, der hülflos, willenlos in seinem Arme
schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett,
wie ein Kind; er deckte ihn zu.
»Nun schlafen Sie,« sagte er laut, beinah befehlend; dann sah er sich
noch einmal in den Zimmern um: kein Messer da? Keine Schere? Kein
Werkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hände; so stolz
war er! so vergnügt! An den Fenstern machte er sich noch zu schaffen,
und es dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen
Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; sämtliche Fenster in den
Zimmern des Barons schraubte er zu -- für alle Fälle -- man konnte ja
nicht wissen. -- Dann riegelte er die Räume seines Herrn von außen
ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn da drin, nun hatte er ihn
sicher. Als er auf dem Flur draußen stand, reckte er sich lang auf. »Ah«
-- sagte er laut vor sich hin und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang
mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter,
zuletzt brüllend. Mit den flachen Händen schlug er sich auf die Lenden;
»wer hatte nun recht behalten?«
Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen
hatte und hinuntergegangen war, hatte er ja alles mit angehört.
»Jetzt kommt's,« hatte er sich gesagt, indem er im Dunkel hinter
ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach
vernommen, das Jagen und Laufen durch die Zimmer, endlich den letzten
Schrei und das Fallen des Körpers im Bibliotheksaale.
»Jetzt hat er sie totgeschlagen,« hatte er sich gesagt, und er hatte an
sich halten müssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In
dem Augenblick war er ja noch Diener gewesen, da hätte es sich nicht
geschickt.
Aber jetzt -- jetzt blieb nur noch zu thun, daß er sich danach umsah, wo
der Leichnam lag. Zu dem Zwecke ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal.
Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der
andern Hand. Warum er den Stock mitnahm? Er hatte so ein Gefühl, als
könnte sich möglicherweise eine Gelegenheit bieten, -- er wünschte
sich eine Gelegenheit -- er hatte so ein Bedürfnis, auf irgend etwas
loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern, irgend etwas, am liebsten
aber menschliche Glieder und einen menschlichen Körper. Er hieb mit dem
Stock auf das Treppengeländer, daß es krachte. Ah -- wie ihm das wohl
that! Wenn »sie« so vor ihm gelegen hätte! Wenn er so auf »sie« hätte
loshauen können, daß ihre Glieder unter seinen Streichen zerflogen wären
wie Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon vorgearbeitet. Jetzt war
er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht haben, wie er »sie«
zugerichtet haben würde. Mit der lüsternen Begier der blutdürstigen
Natur, die dem Anblick von irgend etwas Gräßlichem entgegengeht, trat er
in den Bibliotheksaal ein, sah sich um -- und blieb enttäuscht stehen.
Der Saal war ja leer?
Die Jungfer, die Thür an Thür mit ihrer Gebieterin schlief, war von
dem dumpfen Rumoren in Annas Schlafzimmer aufgewacht. Anfangs nur halb
ermuntert, war sie ganz wach geworden, als sie den gellenden Schrei
nebenan vernahm.
Rasch war sie aufgestanden, hatte Licht angezündet und war eingetreten.
Nun sah sie Annas zerstörtes Bett, von dem die Decken heruntergeworfen
waren, in dem die Kissen wüst und wild durcheinander lagen. Sie sah
die Thür zum Nebenzimmer offen, und in dem Augenblick vernahm sie von
drüben, aus der Ferne, Annas verzweifelten Schrei. Im ersten Augenblick
hatte sie in ihr Zimmer zurücklaufen und den Kopf unter die Bettdecke
stecken wollen. Aber dann hatte sie sich gesagt, daß das nicht recht
wäre, daß der Frau Baronin etwas zugestoßen sein müßte, der armen jungen
Frau Baronin, die so gut zu ihr war, von der sie nie ein böses Wort zu
hören bekam, und daß es ihre Pflicht sei, zuzusehen, was geschehen war.
Darum hatte sie sich rasch in die notdürftigste Kleidung gesteckt, und
zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie die Zimmerflucht entlang
bis nach dem Bibliotheksaale gegangen.
Wie sah es hier aus! Ein Leuchter lag am Fußboden; das Licht war nicht
erloschen, die Flamme hatte schon angefangen, ein glimmendes Loch in
das Parkett zu brennen, und einige Schritte weiter war noch etwas, etwas
lang Hingestrecktes, Weißes, das sich jetzt stöhnend zu regen begann,
die junge Frau Baronin, die nur mit dem Hemde bedeckt, mit aufgelöstem
Haare ohnmächtig am Boden lag.
Bei dem Anblick brachen dem Mädchen die Thränen aus den Augen. Sie hob
das schwälende Licht auf, kniete zu ihrer Gebieterin nieder und nahm
ihren Kopf in ihren Schooß.
»Gnädige Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, Frau Baronin!«
Anna schlug die Augen auf, und als sie die Jungfer erkannte, klammerte
sie sich um ihren Hals.
»Hilf mir!« seufzte sie, »hilf mir!«
Das Mädchen riß den Mantel ab, den sie um die Schultern geworfen hatte,
und verhüllte damit die schutzlosen Glieder ihrer Gebieterin, dann
umfaßte sie sie unter den Achseln und half ihr aufstehen. Aengstlich
aneinandergeschmiegt wanderten die beiden Frauen nach Annas Schlafgemach
zurück.
Hier sank Anna auf einen Stuhl, wie in Betäubung vor sich
niederstarrend. Das Mädchen holte ihre Kleidungsstücke heran und begann
sie anzuziehen; eine Ahnung sagte ihr, daß man sich auf weiteres gefaßt
zu machen hatte und daß man sich rüsten müsse. Anna ließ sie schweigend
gewähren.
»Wo ist denn mein Mann?« fragte sie nach einiger Zeit.
»Der Herr Baron? Ich weiß nicht,« versetzte das Mädchen. »Soll ich
einmal nach ihm seh'n?«
»Ja, ja,« sagte Anna.
Das Mädchen schlüpfte hinaus, auf den Flur, die Treppe zum oberen
Stockwerk hinauf. Sie kam gerade zurecht, um zu sehen, wie der alte
Johann die Thür des Barons von außen verriegelte, wie er dann in sein
Zimmer ging und mit der Laterne in der einen, dem Stock in der andern
Hand wieder herauskam; unhörbar glitt sie die Treppe hinab, dann kam sie
zu Anna zurückgelaufen.
»Gnädige Frau Baronin -- eben hab' ich's geseh'n -- der Johann hat den
gnädigen Herrn eingesperrt -- und ich glaube jetzt kommt der Johann
herunter -- und einen dicken Stock hat er mit sich -- und er sieht aus,
wie ich's gar nicht sagen kann -- gar so fürchterlich -- o Herr Jeses
ne, Herr Jeses ne!«
Sie war ganz außer sich, ihr Atem flog, zu Annas Füßen niedergekauert,
umschlang sie sie mit den Armen. Hülflos, ratlos drückten sich die
beiden Frauen aneinander.
Nach einiger Zeit vernahmen sie ein dumpfes Geräusch; schwere Schritte
stampften vom Bibliotheksaale heran. Dazwischen hörten sie eine Stimme;
es sprach jemand ganz laut.
Das Mädchen beugte lauschend den Kopf vor.
»Das ist der Johann,« flüsterte sie.
Anna saß, wie in Eis gebadet.
»Mit wem spricht er denn nur?«
Das Mädchen zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
Jetzt konnte man schon einzelnes von dem verstehen, was er sagte: »Aber
tot muß sie sein! Muß sie sein! Lebendig aus'm Haus lass' ich sie nicht!
Lass' ich sie nicht!«
Dann plötzlich blieb er stehen, und im nächsten Augenblick gab es einen
fürchterlichen Krach; mit dem dicken Knotenstock hatte er in einen der
hohen Spiegel hineingehauen, die vorn in den Zimmern hingen.
»Siehste du!« kreischte er, und während das klirrende Glas zu Boden
rauschte, stieß er ein Gelächter aus, daß den beiden Frauen die Haare zu
Berge stiegen.
Weiter gingen die Schritte, Stühle flogen beiseite, Tische schmetterten
zu Boden, wie wenn ein Ungeheuer durch die Zimmer stapfte und alles
hinwegschleuderte, was ihm in den Weg kam. Im nächsten Zimmer war wieder
ein Spiegel zwischen den Fenstern -- klirr -- ging der Knüppel hinein
und -- klirr -- kam das splitternde Glas herunter. Wieder kam das
»siehste du!« wieder das gellende Lachen und das wahnwitzige Schwatzen:
»Tot muß sie sein! tot muß sie sein! muß sie sein!«
Jetzt war kein Zweifel mehr, auf das Schlafzimmer kam er zu.
»Frau Baronin!« sagte das Mädchen, indem es, kreideweiß im Gesicht, auf
die Füße sprang.
Anna saß wie leblos.
»Frau Baronin!« sie schüttelte sie an den Schultern, »um Jesus und aller
Heiligen willen, kommen Sie fort!«
Mit einem Griff packte sie Anna um den Leib, riß sie vom Stuhle auf und
zog sie aus dem Schlafzimmer in ihre nebenanstoßende Kammer, deren Thür
sie hastig von innen verriegelte.
Es war höchste Zeit gewesen.
Im Augenblick, als sie sich hinter die Thür gebracht hatten, erdröhnten
die Schritte in Annas Wohnzimmer, und im nächsten Augenblicke erschien
auf der Schwelle des Schlafgemachs eine grauenvolle Gestalt, die Gestalt
eines Wahnsinnigen, Tobsüchtigen, des alten Johann.
In der Linken hielt er die Laterne hoch, dann hörten die Frauen, die
sich draußen zähneklappernd an die Thür drängten, seine Stimme, die
jetzt pfeifend, in schneidenden Fisteltönen herauskam: »Siehste du,
Kurnallje! Itze hab' ich dich!«
Dann ein Sausen durch die Luft und ein schwerer schmetternder Streich;
sein Stock hatte mit aller Gewalt in Annas Bett hineingeschlagen. Die
gepolsterte Rolle die unter Annas Kopfkissen gelegen hatte, war
während des Kampfes verschoben worden und lag jetzt mitten im Bett. Die
längliche runde Gestalt des Polsters täuschte seinen wahnsinnumnachteten
Sinnen vor, daß die junge Frau selber vor ihm läge; auf sie hatte er
eingehauen.
Ein wütendes Lachen folgte dem Streiche.
»Hat's gut gethan? Hat's gut gethan?«
Dann wurde seine Stimme undeutlich und verworren, als hätte er einen
Brei im Munde, den er nicht mehr zu Worten zu zerkauen vermochte, wie
die Stimme eines bösen Hundes, den die Wut so übermannt hat, daß er
nicht mehr bellen kann.
»Noch leben willst de? Noch mucken willst de? Tot mußt de sein! Tot mußt
de sein! mußt de sein!«
Und »krach«, »krach« und »krach« wie eine schaudervolle Begleitung
zu den schaudervollen Worten schmetterte der Stock wieder, wieder und
wieder in das Bett hinein.
Nun schien er befriedigt.
Ein langgezogenes »so -- siehste itze war's recht«, dann noch ein
wortloses unverständliches Wühlen und Rumoren, und dann vernahmen
die Frauen, wie er stampfenden Schrittes, so wie er gekommen war, das
Schlafzimmer wieder verließ.
Was that er jetzt? Wo ging er hin? Den Finger auf den Mund gelegt,
bedeutete das Mädchen Anna, daß sie sich ruhig verhalten, daß sie
zurückbleiben sollte, dann öffnete sie leise, leise, die Thür, streifte
die Schuhe ab und schlich barfuß dem Alten im Dunkel nach. Nach längerer
Zeit erst kam sie zurück.
»Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, kommen Sie schnell, seh'n Sie,
was er jetzt angibt.«
Sie warf Anna einen Mantel um, dann ergriff sie sie an der Hand und riß
sie durch die dunklen Räume des Schlosses, über eine Hintertreppe in den
Garten hinunter.
In einiger Entfernung vor ihnen schritt der Alte, die Laterne in der
einen, statt des Stocks jetzt einen Spaten in der andern Hand. Im linken
Arme trug er die weiße Kopfrolle aus Annas Bett, die infolge seiner
Streiche mitten durchgeknickt war und in zwei bammelnden Enden über
seinen Arm hing.
»Er glaubt, das sind Frau Baronin, die er da trägt,« stammelte das
Mädchen Anna ins Ohr.
Anna blickte starr.
Das Mädchen zog sie am Arme und bedeutete sie, weiterzugehen; »aber
leise,« mahnte sie, »leise!«
Mit angehaltenem Atem schlichen sie hinter dem Alten her, so weit
entfernt, daß sie seine von der Laterne beleuchtete Gestalt gerade noch
zu erkennen vermochten.
Jetzt sahen sie, wie er vom Wege in das Gebüsch abbog, und nachdem er
sich einige Schritte weit hineingearbeitet hatte, blieb er stehen. An
der Stelle, wo er sich befand, war eine kleine Lichtung im Dickicht,
einige Fuß im Geviert. Er hing die Laterne an einen Ast, warf das
Polster zur Erde, spuckte sich in die Hände und mit einem »nu jetzt
aber 'mal« stieß er den Spaten in die Erde und fing an, eine Grube
auszuwerfen.
Die beiden Frauen hatten sich bis an den äußeren Rand des Gebüsches
herangemacht; sie verfolgten jede seiner Bewegungen.
Er arbeitete mit grimmiger Verbissenheit; ein dumpfes Grunzen begleitete
jeden Spatenwurf. Dann richtete er sich auf, so daß das Licht der
Laterne sich in seinen blutunterlaufenen, gräßlichen Augen spiegelte. Er
raffte das Polster vom Erdboden auf, hob es mit beiden Armen empor und
dann mit aller Gewalt schleuderte er es in das gähnende schwarze Loch,
so daß man den dumpfen Puff vernahm, mit dem es unten aufschlug.
Er stierte in die Grube hinunter.
»Da gehste nein,« sagte er, »da bleibste und kommst all dein Lebtag
nicht wieder heraus!«
Dann griff er wieder zum Spaten und schaufelte das Loch zu.
»Frau Baronin, kommen Sie fort,« flüsterte das Mädchen. Der Alte hatte
sein Werk vollbracht, gleich würde er jetzt zurückkommen, auf die Stelle
zu, wo die beiden standen. Sie wichen einige Schritte in dem dunklen
Laubgang zurück. Durch das Dickicht brach er sich hindurch und an ihnen
vorbei trottete er nach dem Schloß zurück.
»Jetzt meint er, hat er Frau Baronin begraben,« sagte das Mädchen.
Anna konnte nichts erwidern.
Die gutgemeinte aber plumpe Art, mit der ihre Begleiterin ihr all
das Schreckliche, was sie erlebte und sah, noch einmal wiederholte,
steigerte die Entsetzensqual, die auf ihr lastete, bis zum
Unerträglichen; der Atem versagte ihr, sie schluckte, schluckte und
schluckte noch einmal, dann taumelte sie und wäre ohnmächtig zur Erde
gefallen, wenn sie nicht mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gesunken
wäre, und wenn nicht das Mädchen mit beiden Händen zugegriffen und sie
aufrecht gehalten hätte.
Erst allmählich hob sich der Druck, der ihr wie ein eiserner Reif die
Brust umspannte. Endlich vermochte sie tief Atem zu holen, und nun brach
sie in einen endlosen Thränenstrom aus.
»Was soll ich jetzt machen?« schluchzte sie, »ins Schloß kann ich doch
nicht mehr zurück!«
Vom Jammer überwältigt, kniete das Mädchen vor ihr nieder und umfing sie
mit den Armen.
»Frau Baronin,« sagte sie flehend, »liebe, gutte, gnädige Frau Baronin,
weinen Se och nich so! Gott is gutt, Gott wird Sie nicht verlassen! Ins
Schloß dürfen Frau Baronin nicht zurück, das is ja klar; also will ich
Frau Baronin etwas sagen: Frau Baronin gehen mit mir, zu meinen Eltern
ins Dorf« -- in ihrer Erregung hatte sie all ihr Hochdeutsch vergessen
und war wieder ganz das schlesische Landmädchen geworden --, »meine
Eltern haben halt nur a paar kleene Stiebchen, aber 's sind gutte Leite,
gutte Leite! Frau Baronin können ganz gutt a paar Tage bei ihnen wohnen.
A Bett für Frau Baronin find't sich schon und a Brinkel zum essen auch,
und murne is wieder a Tag, und da werden wir schon weiter seh'n, schon
weiter seh'n.«
Mit diesen Worten hatte sie Anna unter den Arm gefaßt und führte sie,
die willenlos alles mit sich geschehen ließ, durch den Park auf das
freie Feld hinaus und dann im weiten Bogen in das Dorf, zum Hause ihrer
Eltern, wo sie in tiefer nächtlicher Stunde an die Fensterläden klopfte
und die alten Leute aus dem Schlaf pochte.
Eine halbe Stunde später lag Anna im Bette der alten Tagelöhnersfrau,
während diese und ihr Mann sich mit ihrer Tochter, der Franzel, nebenan
in die Küche setzten und mit offenem Mund und Augen die fürchterlichen
Dinge anhörten, die sich droben auf dem Schlosse begeben hatten.
* * * * *
Am nächsten Morgen saß Eberhard von Fahrenwald oben in seinem Zimmer, in
einen Armstuhl geschmiegt, die Kniee mit einer wollenen Decke umhüllt,
müde, gebrochen, wie ein plötzlich alt gewordener Mann.
Die Thür that sich auf, und der alte Johann erschien, eine Platte in
Händen, auf der er ein Frühstück trug. Er setzte sie auf den Tisch neben
seinen Herrn.
»Frühstücken Herr Baron jetzt!« befahl er.
Seine ehemalige demütige Haltung war nicht mehr; er stand neben seinem
einstigen Herrn wie ein Aufseher bei einem Gefangenen.
Der Baron senkte die Augen, es sah aus, als fürchtete er sich vor seinem
Diener.
»Frühstücken Sie,« gebot dieser noch einmal, und während Eberhard von
Fahrenwald einige Bissen zum Munde zu führen versuchte, ging er, die
Hände in den Hosentaschen, in den Zimmern auf und ab, die Fenster
und Thüren untersuchend. Dann kam er zurück, um das Frühstück wieder
abzuräumen.
Eberhard sah mit scheuen Blicken an ihm vorbei. Seine Hände zupften an
der wollenen Decke; man merkte ihm an, daß eine Frage auf seiner Seele
lag, die sich nicht über die Lippen getraute. Endlich kam sie heraus:
»Wo -- ist denn -- meine Frau?«
Der Alte zuckte die Achseln, als verlohnte es sich nicht, auf solche
Frage überhaupt zu antworten, und ging auf die Thür zu.
»Wo ist meine Frau?« wiederholte Eberhard mit heiserer Stimme.
Jetzt drehte der Alte die Augen zu ihm herum, die giftigen Augen.
»Denken Herr Baron denn immer noch daran? Wäre abgethan, die Geschichte,
hätt' ich gemeint. Wär' schon am besten, Herr Baron fingen an, an andres
zu denken.«
Eberhard ruckte und zuckte in seinem Stuhl; es sah aus, als ob er
aufstehen wollte, aber der gefährliche Blick des Alten hielt ihn am
Platze fest.
Beide sahen sich eine Zeitlang stumm in die Augen. Dann traten
Schweißtropfen auf die Stirn des Barons; erst nur vereinzelt, dann immer
mehr, immer dicker, so daß ihm der Schweiß plötzlich über das Gesicht
zu laufen begann. Er wollte sprechen, aber es sah aus, als wären seine
Kinnladen verrenkt.
»Aber -- sie ist nicht --«
Er kam mit der Frage nicht zu Ende.
»Ja, versteht sich!« fiel ihm der Alte mit wüster Brutalität ins Wort.
»Was soll sie denn sonst auch sein? Da können Herr Baron warten, eh' die
wiederkommt!«
Eberhard stierte ihn an.
»Fortgegangen?« fragte er tonlos.
Jetzt kam der Alte von der Thür zurück, setzte die Platte wieder auf den
Tisch und sah grinsend auf ihn herab.
»Tot ist sie! Was haben Sie denn auch gedacht?«
Eberhards Kniee zogen sich wie im Krampfe empor, sein Mund ging auf, als
wenn er nach Luft schnappte, er stopfte beide Fäuste in den Mund,
dann fiel sein Oberleib vornüber, so daß seine Brust beinah die Kniee
berührte. Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen Körper.
Wie ein Teufel stand der Alte neben ihm.
»Das alles,« sagte er mit eiserner Stimme, »habe ich Herrn Baron zuvor
gesagt, Herr Baron haben nicht hören wollen.«
Eberhard gab keine Antwort. Er hatte die Hände unter den Kopf gestützt,
er dachte nach. Merkwürdig -- mitten in der Zerrüttung seiner Seele
fühlte er deutlich, daß er ganz klar dachte. Der ganze gestrige Abend
war ihm gegenwärtig, alle Einzelheiten standen vor seiner Seele. Mit
einem Ruck warf er den Kopf auf.
»Aber als ich sie zuletzt sah, war sie nicht tot,« sagte er.
Es war ihm plötzlich in Erinnerung gekommen, daß als er aus dem
Bibliotheksaale ging, Annas lebloser Körper sich zu regen begonnen
hatte.
Der Alte that einen Schritt zurück; seine herabhängenden Hände ballten
sich. Wollte der elende, verrückte Mensch da sich unterstehen, ihm zu
sagen, daß sie nicht tot wäre? Es kam ihm vor, als sollte er um sein
gutes Recht bestohlen werden.
Eberhard hatte sich erhoben.
»Wo ist meine Frau?« fragte er keuchend.
»Tot ist sie!« brüllte ihm der Alte ins Gesicht. »Und das hab' ich Herrn
Baron immer gesagt, und Herr Baron haben nicht hören wollen, und nun
ist es gekommen, wie ich's gesagt habe! Und wenn Herr Baron mir nicht
glauben wollen, dann ziehen Herr Baron sich an und kommen mit hinunter;
will ich Herrn Baron zeigen, allwo daß sie da unten liegt!«
Eberhard drückte beide Hände an den Kopf.
»Gib mir meine Sachen!« sagte er dann, »gib mir meine Sachen!«
In fliegender Hast kleidete er sich an.
»Also jetzt,« sagte er dann, »vorwärts!«
Schwankenden Schritts trat er auf den Flur, am Geländer sich haltend,
wie ein Greis, arbeitete er sich, Stufe nach Stufe, die Treppe hinunter,
und so ging es weiter, bis in den Garten hinab.
Der Alte faßte ihn unter den Arm, weil er seine hülflose Schwäche sah.
Eberhard machte eine Bewegung, als wollte er es nicht dulden, aber die
Zeit war vorüber, da er zu gebieten hatte.
»Kommen Sie,« sagte der Diener barsch. Jetzt hatte der gnädige Herr zu
gehorchen.
Den Laubgang führte er ihn entlang, bis an das Gebüsch, dann brach
er sich durch die Büsche hindurch, und einen Augenblick darauf stand
Eberhard vor dem frisch zugeworfenen Loch.
Als er das sah, fiel er mit einem heulenden Schluchzen nieder,
dann griff er mit den Händen in das Erdreich und begann, die Erde
aufzuwühlen. Mit rauher Gewalt riß der Alte ihn fort.
»Ah, was soll denn so etwas!« sagte er.
Er nahm ihn wieder unter den Arm, noch fester als vorhin, ungefähr wie
ein Polizist, der einen Entsprungenen geleitet. So führte er ihn aus dem
Laubgange auf den Rasenplatz hinaus, in den Sonnenschein, und dort an
eine Bank.
»Setzen Herr Baron sich hier,« gebot er.
Eberhards Widerstandskraft war gebrochen, er ließ sich nieder und
drückte sich in die Ecke der Bank.
Der Alte ging um den Rasen herum und dann, auf der andern Seite des
Platzes, so daß er Eberhard fortwährend unter Augen behielt, auf und
nieder. Mit dem Knüppel, den er jetzt immer bei sich trug, schlug er in
den Erdboden, daß der Kies raschelte. Dann setzte er sich auf eine Bank,
Eberhard gerade gegenüber, und von dort aus stierte er unverwandt auf
diesen hin. Er hätte tagelang so sitzen können, ohne sich zu langweilen.
Die »Einbrecherin« war beseitigt, er war wieder, was ihm von Gottes und
Rechts wegen zukam, der Wärter seines »elenden, verrückten« Herrn -- er
war zufrieden.
Und inzwischen saß der unglückliche Mann, die Augen zu Boden gesenkt,
weil er unablässig den fürchterlichen Beobachterblick auf sich gerichtet
fühlte, erdrückt unter der Last seines Bewußtseins, das ihm jede
Willens- und Widerstandskraft raubte, das ihn zum hülflosen Kinde in
den Händen des grauenvollen Alten da drüben machte. Er war ja ein
Verbrecher, ein Mörder! Was für ein Recht hat ein solcher, sich
aufzulehnen? Er hat zu schweigen und dankbar zu sein, wenn man ihm das
Leben läßt. Und warum ließ man ihm das Leben? Weil man annahm, daß er
verrückt sei. Also -- er war verrückt. Sein Kinn senkte sich auf die
Brust, sein Körper kroch förmlich in sich zusammen.
Und dann kam immer wieder das merkwürdige Bewußtsein, daß er trotzdem
ganz klar dachte. Er sträubte sich beinah dagegen. Kann ein Verrückter
klar denken? Und dennoch war es so, und immer wieder und wieder tauchte
die Erinnerung auf, daß sie sich zu regen begonnen hatte, als er aus
dem Bibliotheksaale ging. Wäre nur der Alte nicht gleich bei der Hand
gewesen, der ihn fortriß, so daß er nicht mehr Zeit behielt, noch einmal
zurückzugehen und sich nach ihr umzusehen!
Und dennoch also war sie tot? So war sie wohl nachher gestorben, nachdem
er den Saal verlassen hatte? Er hatte ja die Grube mit eigenen Augen
gesehen, in der sie lag -- also tot war sie wirklich?
Und während er sich das alles sagte, kam immer und immer wieder ein
Gefühl, als sei alles nicht so, als wäre sie nicht tot, nur irgendwo
versteckt. Von der Bank, auf der er saß, konnte er die Buchenallee
hinuntersehen, durch welche er damals mit ihr in den Park eingetreten
war, bis hinunter an den Eichbaum, an den er damals den Kranz gehängt
hatte. Immerfort gingen seine Augen die Allee entlang, immer war es
ihm, als würde er dort unten am Ende der Allee plötzlich eine Gestalt
erscheinen sehen, von der Sonne umleuchtet, eine ersehnte, geliebte
Gestalt, als würde er auf sie zustürzen und sie ihm entgegenfliegen,
als würde er in ihren Armen aufwachen aus gräßlichem, gräßlichem Traume,
aufwachen als ein glückseliger Mensch zu neuem glückseligen Leben.
So stark war seine Einbildung, daß er unwillkürlich von der Bank
aufstand. Im selben Augenblick aber war schon der Aufpasser an seiner
Seite. Er hatte die Blicke des Barons verfolgt, er sah in die Allee
hinein -- war da etwas? Nichts.
»Kommen Herr Baron,« sagte er, »es wird Zeit, daß Herr Baron etwas
essen.« Er faßte ihn unter den Arm und schleppte ihn ins Schloß.
So kam der Abend heran, und als es dunkel wurde, erfaßte eine qualvolle
Unruhe den gepeinigten Mann. War es denn wirklich wahr, daß sie da
draußen in der finsteren Nacht in dem finsteren tiefen Loche lag? Nein,
nein, nein! Wenn er sich nur hätte überzeugen, nur die Grube aufwühlen
und hineinschauen können, ob sie wirklich da unten war! Aber der Alte
stand hinter ihm; er fühlte, wie er ihn von hinten ansah; seine Blicke
lagen auf ihm wie Keulen. Wenn er den Versuch gemacht hätte, in den
Garten hinauszukommen, würde jener sich wie ein Bullenbeißer auf ihn
geworfen haben. Es schauderte ihn, schweigend kroch er wieder in sich
zusammen.
»Gehen Herr Baron jetzt zu Bett,« sagte der Alte, indem er, mit dem
brennenden Lichte in der Hand, an die Thür des Bibliotheksaales trat.
Eberhard erhob sich, dann aber, mit einem plötzlichen Griff, entriß er
dem Diener das Licht, und ehe dieser es zu hindern vermochte, stürzte er
damit ins Nebenzimmer.
»Anna!« rief er laut und klagend, »Anna! Anna!«
So lief er durch die Galerie und so von Zimmer zu Zimmer, das Licht
emporhebend, im Kreise umherführend, mit den Augen umhersuchend in allen
Ecken, ob er sie nicht irgendwo entdecken würde, irgendwo. Aber sie war
nicht mehr da.
So kam er in ihr Wohnzimmer, wo ihre Möbel standen und ihr Schreibtisch
und ihre Blumen, wo alles noch erfüllt schien vom Dufte ihrer
Persönlichkeit, und so endlich in ihr Schlafgemach. Da stand noch
das Bett, in dem sie gelegen hatte, das einst so zierliche, jetzt so
verwüstete Bett, und nun erfaßte es ihn wirklich wie Raserei, und er
fing an, mit dem Lichte unter die Sofas zu leuchten und unter das
Bett, als müßte sie da irgendwo versteckt sein, als müßte, müßte er sie
finden.
In dem Augenblick aber ertönte hinter ihm die eiserne Stimme: »Was soll
denn so etwas? Herr Baron stecken ja noch das ganze Schloß in Brand.«
Die harte Faust des Alten riß das Licht aus seiner Hand und hielt es
hoch, so daß es ruhig stand, dann zog er ihn vom Boden empor, nahm
seinen Arm unter seinen Arm, und indem er ihn wie in einer Zwinge
gefangen hielt, führte er ihn hinaus, die Treppe hinauf in sein Zimmer.
Er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind, untersuchte noch einmal die
Fenster.
»Nun schlafen Herr Baron,« befahl er; dann riegelte er von außen die
Thür zu.
So verging Tag nach Tag, und so ein Abend nach dem andern. Jeden Tag das
stundenlange Sitzen am Rasenplatze auf der Bank, das stumme Suchen mit
den Augen in der Allee, jeden Abend das wandernde Licht von Zimmer
zu Zimmer, das Suchen und Suchen und Nichtfinden, und bei Tage und
am Abend, immerfort der Alte um ihn, hinter ihm, neben ihm, immer und
immerfort.
Im Dorfe und in der Umgegend verbreitete sich unterdessen die Nachricht,
daß die junge Frau Baronin plötzlich gestorben sei, und dieser Nachricht
folgte ein Gerücht, das man sich nur unter der Hand zuraunte: Der Herr
Baron hatte seine eigene Frau umgebracht.
Er war verrückt geworden, der Baron, und der alte Johann bewachte ihn.
Der brave alte Johann!
Er hatte immer großes Ansehen im Dorfe genossen, jetzt aber war er
geradezu eine imposante Persönlichkeit geworden. Eigentlich war doch er
jetzt der Herr vom Schloß.
Wenn er mit seinem dicken Stock die Dorfstraße entlang kam, flogen
die Mützen und Hüte von den Köpfen; er aber war ein stolzer Mann, er
erwiderte keinen Gruß; wie ein Stier mit vorgestrecktem Kopf ging er
seines Wegs. »Er hat jetzt halt so einen zornigen Blick,« flüsterten
sich die Leute zu, wenn er vorüberging.
Ja, er hatte einen zornigen Blick, und besonders, wenn er bei dem
Taglöhnershause vorbeikam, wo die Eltern des Mädchens, der Franzel,
wohnten.
Die Frau war tot und hin, das wußte er ja, aber das Mädchen, das seit
dem Abende verschwunden war, wo war das Mädchen geblieben?
Jeden Vormittag, bevor er seinen Herrn herausließ, ging er durch das
Dorf und jeden Vormittag trat er bei den alten Leuten ein.
»Wißt ihr's immer noch nicht, wo daß euer Mädchen ist?«
Die alten Leute zitterten am ganzen Leibe.
»Nein, gnädiger Herr Johann, nischte wissen wir.«
Das war die Antwort, die ihnen die Franzel eingelernt hatte, und
währenddem saß diese auf dem Heuboden, unter dem Heu versteckt, zitternd
wie Espenlaub.
Anna war fort. Im Morgengrauen des Tages, der auf die schreckliche
Nacht folgte, war sie, von der Franzel begleitet, zu Fuß nach der
Eisenbahnstation gegangen. In der Tasche ihres Kleides hatte sie ihr
Portemonnaie und in diesem ein paar Groschen Geld gefunden. So war sie
nach Breslau zurückgelangt und hatte bei dem Onkel und der Tante
wieder angeklopft. Wo sollte sie sonst bleiben? Und nun saß sie, eine
verheiratete Frau, da, wo sie als Mädchen gesessen hatte, in wahrhaft
jammervollem Zustande. Wie eine Prinzessin ausgezogen, war sie wie eine
Bettlerin zurückgekommen.
Dem Onkel und der Tante hatte sie erklären müssen, warum sie kam;
schweren Herzens hatte sie es gethan, denn indem sie die Ereignisse
jener Nacht andeutungsweise enthüllte, war ihr, als beginge sie einen
Verrat an dem unglücklichen, trotz allem immer noch tief geliebten
Manne.
Der Onkel hatte nun mit einemmal »von vornherein gewußt und
vorhergesagt, daß die ganze Geschichte Blödsinn sei und schlimm endigen
würde«. Er gab sich kaum die Mühe, Anna zu verheimlichen, wie lästig
ihre Anwesenheit ihm war, die er noch dazu, um nicht ins Gerede der
Leute zu kommen, vor aller Welt verschweigen mußte. Der Zustand wurde
mit der Zeit schier unerträglich. Da eines Tags kam aus Fahrenwald ein
Brief für Anna, mit plumpen Schriftzügen zusammengefügt, ein Brief von
der Franzel.
Im Dorfe war es ruchbar geworden, wie der Baron Tag für Tag stundenlang
am Rasenplatze saß, in die Allee blickend, wie er am Abend mit dem
Lichte in der Hand durch die Zimmer lief und nach seiner Frau suchte und
nach ihr rief. Dies alles berichtete ihr die Franzel.
Als Anna dieses las, als sie erfuhr, wie er nach ihr verlangte, traf es
sie wie ein Vorwurf ins Herz. Sie kam sich wie eine Pflichtvergessene
vor, die von ihrem kranken Manne davongelaufen war, statt bei ihm
auszuharren. Ein Entschluß stand in ihr auf, von dem sie zu niemand
ein Wort sagte -- am nächsten Morgen war sie lautlos aus dem Hause des
Onkels und der Tante verschwunden.
* * * * *
Es war um die Mittagsstunde. Die Sonne stand hoch, und im Sonnenschein
saß Eberhard von Fahrenwald, in Decken gehüllt, auf seiner Bank. Ihm
gegenüber, wie immer, der Alte als Aufpasser. Plötzlich sah dieser, wie
der Baron, die Augen in die Allee gerichtet, aus der einen Ecke der Bank
in die andre rutschte. Er schlug ein paarmal mit dem Stock in die Erde,
als wollte er dem da drüben sagen, »nimm dich in acht, ich passe auf«.
Aber der Baron achtete nicht auf ihn.
Das war doch keine Täuschung, was er da eben gesehen hatte, daß da
hinten eine Gestalt in hellem Kleide hinter den Büschen des Parks
entlang und hinter den Eichbaum geschlüpft war, hinter dem sie sich
jetzt verbarg?
Und diese Gestalt -- war das nicht --?
Und jetzt bog sich ein Hutrand hinter dem Baumstamme vor, ein gelber
Hutrand, und unter dem Hutrande ein Gesicht --
Gerade aufgereckt wie eine Eisenstange stand er von der Bank auf --
in demselben Augenblick trat die Gestalt hinter dem Baume hervor und
breitete beide Arme aus --
»Anna!!« -- Es war Eberhard von Fahrenwald, der den Schrei ausgestoßen
hatte, aber es hatte geklungen, wie wenn zehn Männer aufschrieen.
Jetzt aber kam der Alte in Sprüngen über den Rasenplatz heran. Ein
Blick in die Allee -- ein momentanes Erstarren -- dann ein Geifern und
Knirschen wie von einem tollen Hunde. Die Allee entlang, gerade auf
den Rasenplatz zu kam eine geschritten -- und diese eine war sie --
die Tote! Jählings, bevor Eberhard, der immer noch wie in Erstarrung
dastand, es verhindern konnte, stürmte der Alte, mit gesenktem Haupte,
auf die Allee zu, Anna entgegen. Den Stock hatte er wie zum Schlage hoch
erhoben, ein Gebrüll ertönte aus seinem Munde. Anna war unwillkürlich
stehen geblieben, jetzt wandte sie sich um und fing an, die Allee
zurückzulaufen. Endlich war Eberhard zu sich gekommen und zum Bewußtsein
dessen, was sich begab. Mit einem Ruck schleuderte er den dicken
Ueberzieher ab, den ihm der Diener heute früh angezogen hatte. Dann kam
er gestreckten Laufes hinter dem Alten her.
»Johann!« donnerte er. Seine Stimme hatte wieder den Klang früherer
Tage, es war wieder die Stimme des Herrn.
Für einen Augenblick regte sich in dem Alten wieder der Knecht; sein
Gebrüll verstummte und einen Augenblick schwankte er auf die Seite.
Dann aber brach die Wut von neuem in ihm los.
»Das ist nicht wahr, daß sie lebendig sein will! Tot ist sie! Tot ist
sie! Tot ist sie!«
Und jetzt mit verdoppelter Wut raste er hinter dem flüchtenden Weibe
her.
Annas Kniee wankten und schwankten -- immer näher kamen die dröhnenden
Schritte -- immer deutlicher vernahm sie das heisere Keuchen in ihrem
Rücken, das belfernde Schnappen -- ihre Kräfte verließen sie -- vor
ihren Augen wurde es dunkel -- ein schriller Schrei: »Eberhard --«
Und in dem Augenblick hörte sie hinter sich ein Geräusch, wie sie es
bis dahin nie gehört -- und als sie zusammenbrechend gegen einen Baum
taumelte und sich umsah, erblickte sie Eberhard von Fahrenwald, der sich
in dem Augenblick über den Alten gestürzt, ihn mit beiden Händen an der
Gurgel gepackt hatte und mit einer Gewalt zu Boden schleuderte, daß der
Körper sich um und um rollte und krachend in die Büsche flog.
Mit einem gräßlichen Schrei raffte der Alte sich auf, mit geschwungenem
Stock ging er seinem Herrn zu Leibe, und nun entspann sich zwischen den
beiden Männern ein Kampf wie zwischen zwei Bären.
Den Stock hatte ihm der Baron beim ersten Anprall entrissen, mit
fletschenden Zähnen drang der Alte auf ihn ein, mit beiden Händen hielt
Eberhard ihn am Halse gepackt, um ihn am Beißen zu verhindern. Und
nun straffte der Körper des Barons sich zu einer letzten ungeheuren
Anstrengung auf; mit einer Kraft, als wenn es gälte, einen Baum aus der
Erde zu reißen, schwenkte er den Alten von rechts nach links und von
links nach rechts, so daß er zu taumeln begann und seine Füße den Halt
verloren, dann gab es einen schmetternden Krach, der Länge lang fiel
der Alte zur Erde und im selben Augenblick kniete Eberhard auf seinem
Rücken, ihm die Hände hinter dem Rücken zusammenpressend.
Ein Gebrüll, das nichts Menschliches mehr hatte, ein Geblöck, wie das
eines wütigen Stieres, brach aus der Brust des Alten; mit den Zähnen biß
er in die Erde; bläulicher Schaum stand auf seinen Lippen.
In diesem Augenblick kamen mehrere Männer, die auf den Feldern in der
Nähe beschäftigt gewesen waren und die furchtbaren Töne im Innern des
Parks vernommen hatten, eilend die Allee entlang.
»Hierher, Leute, hierher!« rief Eberhard ihnen entgegen.
Als sie aber den Baron auf dem Johann knieen sahen, wurden sie stutzig
und blieben stehen. Sie glaubten nicht anders, als daß der Wahnsinnige
seinen Wärter überwältigt hatte. Was sollten sie thun?
Jetzt trat Anna auf sie zu.
»Helft dem Herrn Baron, lieben Leute, helft ihm!«
Die Männer prallten zurück -- die Frau Baronin? Aber die Frau Baronin
war ja tot?
Anna begriff ihr Zaudern und Stutzen.
»Es ist nicht wahr, was euch der Johann gesagt hat! Ich bin nicht tot;
der Johann ist wahnsinnig, nicht der Baron, nicht der Baron!«
Noch einen Augenblick standen die Männer wie besinnungslos; ihre
schweren Gehirne konnten einen so völligen Umschwung aller Verhältnisse
nicht so rasch fassen.
Dann aber kamen sie im Sturm heran; im nächsten Augenblick war der Alte
von zehn kräftigen Händen gepackt, weggerissen und unschädlich gemacht.
»Bringt ihn ins Schloß,« gebot Eberhard von Fahrenwald, noch atemlos,
aber mit ruhiger Sicherheit in der Stimme. »In die Stube unten, neben
der Küche, mit den Eisengittern vor dem Fenster. Heute nachmittag fahre
ich selbst mit ihm nach Breslau und bringe ihn ins Irrenhaus.«
»Is gutt, gnädiger Herr Baron, is gutt,« kam es zur Antwort. Wer so
sprechen und befehlen konnte, war vernünftig, das war ihnen klar.
Die Männer zogen mit dem Wahnsinnigen ab; Anna und der Baron blieben
zurück; an der Stätte, die eben von dem furchtbaren Lärm erfüllt gewesen
war, trat eine tiefe Stille ein. Annas Kraft war zu Ende; sie saß am
Rande des Wegs, hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und weinte still in
ihr Tuch hinein.
Ihr gegenüber, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, stand Eberhard
von Fahrenwald. Seine breite Brust arbeitete noch von dem überstandenen
Kampfe; seine Augen ruhten stumm auf seiner Frau.
So verging geraume Zeit. Dann erhob sie langsam das Haupt und wandte es
zu ihm herum. Er that einen Schritt auf sie zu; es sah aus, als wollte
er etwas sagen, aber bevor er noch dazu gelangt war, sprang sie auf,
breitete die Arme aus und mit einem Schrei der Liebe flog sie an seine
Brust.
»Umarme mich,« sagte sie, »ich will, daß die Arme mich umfangen, die
mich vom Tode gerettet haben!«
Als sie das sagte, brachen auch ihm die Thränen aus den Augen,
unaufhaltsam, wie ein Strom. Ja -- er hatte sie zum Leben errettet; und
sie wußte es und hatte es ihm gesagt.
Er drückte sie an sich, nicht mit der wilden Glut und nicht mit der
ängstlichen Scheu der früheren Tage, sondern mit der Sicherheit der
warmen bewußten Liebe.
»Anna,« sagte er leise und innig; und er küßte ihr Gesicht, das
hingegeben zu ihm aufblickte.
Dann legte er die Arme um sie, und sie schlugen den Weg zum Schlosse
ein.
»Siehst du nun,« sagte er, »wie es mir ergangen ist; dreißig Jahre bin
ich alt geworden, und heute ist der erste Tag, da ich lebe. Siehst du,
es ist wunderbar, wie sich einem das ganze Leben in einem Augenblick
zusammendrängen kann: solch ein Augenblick ist es für mich gewesen,
als ich den Alten zu Boden gekriegt hatte und auf ihm kniete. In dem
Augenblick -- ich kann's mir nicht anders erklären -- ist der Bann
gebrochen gewesen, der mich dreißig Jahre lang gehalten hat. Der Alte,
siehst du, war mir gewissermaßen von meinem Vater vermacht; darum ist er
von meiner Kindheit an fortwährend um mich gewesen und ich habe wie an
etwas Unfehlbares an ihn geglaubt. Und weil er sich vom ersten Tage an
eingebildet hat, daß er zum Wärter eines Wahnsinnigen bestellt wäre, so
ist es ihm allmählich zur fixen Idee geworden, daß ich wahnsinnig sei
und nichts andres sein dürfte.«
Von der schrecklichen Vorstellung überwältigt, schwieg er. Dann preßte
er sie leise mit dem Arm.
»Mir ist das alles in dem einen Augenblick klar geworden. Kannst du es
dir vorstellen?«
An seine Schulter gelehnt, mit ihm dahinschreitend, drückte Anna seine
Hand.
»Ja, vollkommen,« erwiderte sie, »das was sich in dir geregt hat,
war die Gesundheit, die sich wider die Krankheit wehrte, die man ihr
aufzwingen wollte. Du warst vernünftig und bist bewacht worden von einem
Wahnsinnigen. Nun aber wollen wir leben!«
Es war, als wenn ein frischer Lebensquell in ihr aufgesprungen wäre; in
der Stunde, da sie auf der Schwelle des Todes gestanden und ihr Gatte
sie ins Leben zurückgerissen hatte, war sie zur Lebensgefährtin ihres
Mannes gereift.
Sie betraten das Schloß.
An den Wänden hingen die zerschmetterten Spiegel, das Glas bedeckte noch
jetzt den Fußboden, Annas Schlafgemach stand noch in der Unordnung, in
der es sich befunden hatte, als sie damals das Schloß verließ -- ein
Bild der Verwahrlosung und Verwüstung.
Anna blieb stehen und faßte ihren Gatten an beiden Händen.
»Eberhard,« sagte sie, »wir müssen zu einem Entschluß kommen. Dein Vater
hat dir den alten Diener vermacht; er hat geglaubt, dir einen Segen
damit zu bereiten -- du hast erfahren, was es gewesen ist. Siehst du,
wie soll ich's dir sagen, ich meine, man kann nur leben, wenn sein Leben
einem gehört; und dein Leben hat dir bis heute nicht gehört. Du hast es
wie ein Erbteil empfunden, das zur Hälfte dir, zur andern Hälfte deinen
Vorfahren gehörte. Komm und laß uns überlegen, wie wir's anfangen, daß
wir nun wirklich unser eigenes Leben leben.«
Er sah sie mit strahlenden Augen an.
»Den Anfang dazu weiß ich,« versetzte er. »Diese Ahnengalerie, die
hier seit Jahrhunderten gehangen hat und jetzt als eine Sammlung
Abgeschiedener immer noch mitten in unsren Wohnräumen hängt, lass' ich
hinaufschaffen in den oberen Stock. Da mögen sie hängen, als das, was
sie sind, als historische Reliquien. Denn die Erinnerung, scheint mir,
ist schließlich doch wie ein Leichnam im lebendigen Dasein, und
darum ist mir immer zu Mute gewesen, als lebte ich fortwährend in der
Gesellschaft von Toten.«
»So ist's recht,« erwiderte sie, »und nun noch eins. Wir können über die
Erinnerung an jenen bewußten bösen Abend nicht so hinweg, und wenn
wir's mit Gewalt versuchen, werden wir wieder krank. Du hast mich einmal
gefragt, ob wir eine Hochzeitreise machen wollten, ich hab's damals
nicht gewollt -- nun schlag' ich dir vor, Eberhard, wir wollen reisen,
und wenn wir wiederkommen, bringen wir die große weite Welt in unsren
Seelen mit und schließen uns nicht mehr, wie bisher, in unsrem Schlosse
ein, sondern denken und sorgen für die Menschen um uns her -- und
wenn man für Menschen zu sorgen hat, behält man keine Zeit, sich vor
Gespenstern zu sorgen.«
In tiefer Freude schloß er seine junge, kluge, mutige Frau in die Arme.
»Heute nachmittag,« sagte er, »fange ich mit meinen Pflichten an, indem
ich den Alten nach Breslau in die Anstalt bringe, und morgen früh reisen
wir in die Welt. Reisen wir ganz allein?«
»Nur eine soll uns begleiten,« erwiderte sie lächelnd, »die gute treue
Franzel.«
Und so geschah es.
Im August reiste der Freiherr von Fahrenwald mit seiner Gattin ab, und
als im Mai des nächsten Jahres der Frühling wieder in das schlesische
Paradies herabstieg, kamen sie zum Schlosse Fahrenwald zurück.
Heute stiegen sie nicht am Parkrande aus, heute fuhren sie durch das
Dorf, heute gingen sie nicht, einsam wie damals, vor der Welt versteckt,
durch den einsamen Park, heute durchschritten sie, Hände schüttelnd,
grüßend und lächelnd, die Bewohnerschaft des Dorfes, die sich festlich
gesammelt hatte und, den Schulzen an der Spitze, die Herrschaft
bewillkommnete.
Der Schritt des Barons war elastisch und frisch, der der jungen
Frau Baronin, die an seinem Arme hing, etwas gehemmt, und auf ihrem
freundlichen Gesichte lag eine leise schamhafte Röte.
»Nu sag mir, Franzel,« sagte am Abende nach der Ankunft die alte
Taglöhnersfrau, die in der Zwischenzeit mit ihrem Manne die Obhut über
das Schloß geführt hatte und jetzt auf ihm als wohlbestallte Verwalterin
eingesetzt war, »nu sag mir. Mit unsrer Frau Baronin -- hm?«
Die Franzel nickte und kicherte, und was die beiden sich mit halben
Worten unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatten, kam im
Juni ans Licht, als in dem Schlafgemache, zu dessen geöffneten Fenstern
die Frühlingsluft hereinströmte und der Sang der Vögel hereintönte,
unter dem blauseidenen Betthimmel ein reizender, rosiger, kleiner
Fahrenwald neben der blassen, glückseligen jungen Mutter lag.
»Daß du doch das Schenken nicht lassen kannst, du Unverbesserlicher,«
sagte sie lächelnd zu dem Manne, der glücküberströmt neben ihr stand
und soeben einen großen köstlichen, mit einem Brillantenbande
zusammengebundenen Blumenstrauß auf ihr Bett gelegt hatte.
»Seit einem Jahr das erste Mal wieder,« entgegnete er, indem er sein
Gesicht auf das ihrige niederbeugte und sie mit tiefer Seligkeit auf
Mund und Stirn und Augen küßte.
Und wieder einige Zeit später, als der Sommer in voller schwerer Wucht
auf der Erde lag, vernahm der Mann, der dort oben in seinem Bette eben
vom Schlaf erwachte, einen Ruf von unten, wie den Ruf der Lerche,
die zum Leben weckt. Aber es war nicht die Lerche und auch nicht die
Nachtigall, und als er ans Fenster stürzte, sah er im Garten dort unten,
zwischen den Blumenbeeten wandelnd, seine Frau, seine Anna, die heute
zum erstenmal ins Freie gekommen war.
Das Kindermädchen ging hinter ihr, den Kleinen im Kissen tragend; und
als am Fenster droben das Gesicht des Vaters erschien, nahm Anna das
Kind in ihre Arme. Nicht mit dem Taschentuche wehte sie heute, heute
winkte sie mit dem Kinde: »Komm herunter, Eberhard, hier unten ist's
wundervoll.«
Und er kam, wie ein Sturmwind kam er hinunter zu Mutter und Kind, und es
war, wie sie gesagt hatte -- wundervoll -- wundervoll.
Ende.
=ENGELHORNS=
~Allgemeine~
~#Romanbibliothek#~.
Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.
Als vor nunmehr zehn Jahren unsre roten Bände ihren ersten Flug in die
Welt wagten, begegneten sie manchen Zweifeln, ob ihr Prinzip #billig und
gut# ihnen Bahn zu brechen im stande sein werde.
Bald aber zeigte es sich, daß der Gedanke, dem deutschen Volke
die besten Erzeugnisse der Romanlitteratur aller Nationen zu einem
beispiellos billigen Preise bei guter und geschmackvoller Ausstattung
und in handlicher Form zu bieten, nicht nur lebensfähig, sondern
geradezu zündend war.
Seither hat sich unser Unternehmen mehr und mehr eingebürgert, und
auf Schritt und Tritt begegnet man den schmucken Bänden, die sowohl am
häuslichen Herd, als auch auf der Reise und im Bade zum unentbehrlichen
Freund und Begleiter geworden sind.
Der bisher erzielte Erfolg ist uns nicht nur ein Sporn geworden, sondern
macht es uns auch möglich, nicht stillzustehen, vielmehr rüstig auf der
betretenen Bahn weiterzuschreiten. Mit wachsamem Auge verfolgen wir die
Romanproduktion, und kein Opfer soll uns zu groß sein, wenn es gilt, ein
hervorragendes Werk für unsre Sammlung zu erwerben.
Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten
Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von
#50 Pf.# für den broschierten und #75 Pf.# für den gebundenen Band
bezogen werden.
Erster Jahrgang.
#Der Hüttenbesitzer.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französ. 2 Bände.
#Aus Nacht zum Licht.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.
#Zéro.# Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. ^Praed^. Aus dem
Englischen.
#Wassilissa.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Vornehme Gesellschaft.# Von ^H. Aïdé^. Aus dem Englischen.
#Gräfin Sarah.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Unter der roten Fahne.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus d. Englischen.
#Abbé Constantin.# Von ^L. Halévy^. Aus dem Französischen.
#Ihr Gatte.# Von ^G. Verga^. Aus dem Italienischen.
#Ein gefährliches Geheimnis.# Von ^Charles Reade^. Aus d. Engl.
2 Bde.
#Gérards Heirat.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
#Dosia.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
#Ein heroisches Weib.# Von ^J. I. Kraszewski^. Aus dem Polnischen.
#Eheglück.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Schiffer Worse.# Von ^Alex. Kielland^. Aus dem Norwegischen.
#Ein Ideal.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus dem Italienischen.
#Dunkle Tage.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.
#Novellen# von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. _Glitzer-Brita._ -- _Einer,
der seinen Namen verlor._ Deutsch von _Friedrich Spielhagen_. --
_Ein Ritter vom Danebrog._ Aus dem Englischen.
#Die Heimkehr der Prinzessin.# Von ^Jacques Vincent^. Aus d.
Französ.
#Ein Mutterherz.# Von ^A. Delpit^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
Zweiter Jahrgang.
#Der Steinbruch.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Helene Jung.# Von ^Paul Lindau^.
#Maruja.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
#Die Sozialisten.# Aus dem Englischen.
#Criquette.# Von ^L. Halévy^. Aus dem Französischen.
#Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.# Von ^Adolf Wilbrandt^.
#Die Illusionen des Doktor Faustino.# Von ^Valera^. Aus d. Span.
#Zu fein gesponnen.# Von ^B. L. Farjeon^. Aus dem Englischen.
2 Bände.
#Gift.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
#Fortuna.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
#Lise Fleuron.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.# Von
^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen.
#Auf der Woge des Glücks.# Von ^Bernhard Frey^. (_M. Bernhard._)
#Die hübsche Miß Neville.# Von ^B. M. Croker^. Aus dem Engl. 2 Bde.
#Die Verstorbene.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französischen.
#Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.# Von ^Hans Hopfen^.
#Ihr ärgster Feind.# Von Mrs. ^Alexander^. Aus d. Englischen. 2 Bde.
#Ein Fürstensohn. -- Zerline.# Von ^Claire von Glümer^.
#Von der Grenze.# Novellen von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
#Eine Familiengeschichte.# Von ^Hugh Conway^. Aus d. Englischen.
2 Bde.
Dritter Jahrgang.
#Die Versaillerin.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
#In Acht und Bann.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus dem Englischen.
#Die Tochter des Meeres.# Von ^Johanne Schjörring^. Aus dem
Dänischen.
#Lieutenant Bonnet.# Von ^Hector Malot^. Aus d. Französ. 2 Bände.
#Pariser Ehen.# Von ^E. About^. Aus dem Französischen.
#Hanna Warners Herz.# Von ^Florence Marryat^. Aus d. Englischen.
#Eine Tochter der Philister.# Von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. Aus dem
Englischen. 2 Bände.
#Savelis Büßung.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
#Die Damen von Croix-Mort.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französ.
2 Bände.
#Die Glocken von Plurs.# Von ^Ernst Pasqué^.
#Fromont junior und Risler senior.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem
Französischen. 2 Bände.
#Der Genius und sein Erbe.# Von ^Hans Hopfen^.
#Ein einfach Herz.# Von ^Charles Reade^. Aus dem Englischen.
#Baccarat.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Mein Freund Jim.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen.
#Hanna.# Von ^Heinr. Sienkiewicz^. Aus dem Polnischen.
#Das beste Teil.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem Französischen.
#Lebend oder tot.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Die Familie Monach.# Von ^Robert de Bonnières^. Aus dem Französ.
Vierter Jahrgang.
#Eine neue Judith.# Von ^H. Rider Haggard^. Aus d. Englischen.
2 Bde.
#Schwarz und Rosig.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen.
#Das Tagebuch einer Frau.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französ.
#Jahre des Gärens.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
#Gute Kameraden.# Von ^H. Lafontaine^. Aus dem Französischen.
#Die Töchter des Commandeurs.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norweg.
#Zita.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Die Erbschaft Xenias.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
#Kinder des Südens.# Von ^Rich. Voß^.
#Daniele Cortis.# Von ^A. Fogazzaro^. Aus dem Italienischen.
2 Bände.
#Die Herz-Neune.# Von ^B. L. Farjeon^. Aus dem Englischen.
#Sie will.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Die Kinder der Excellenz.# Von ^Ernst v. Wolzogen^.
#Um den Glanz des Ruhmes.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Ital.
#Der Nabob.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen. 3 Bände.
#Der kleine Lord.# Von ^F. H. Burnett^. Aus dem Englischen.
#Der Prozeß Froideville.# Von ^André Theuriet^. Aus d.
Französischen.
#Stella.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
Fünfter Jahrgang.
#Robert Leichtfuß.# Von ^Hans Hopfen^. 2 Bände.
#Der Unsterbliche.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen.
#Lady Dorotheas Gäste.# Von ^Ouida^. Aus dem Englischen.
#Marchesa d'Arcello.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
#Was der heilige Joseph vermag.# Aus dem Französischen.
#Alessa. -- Keine Illusionen.# Von ^Claire von Glümer^.
#Wie in einem Spiegel.# Von ^F. C. Philips^. Aus d. Englischen.
2 Bände.
#Schnee.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
#Jean Mornas.# Von ^Jules Claretie^. Aus dem Französischen.
#Auf der Fährte.# Von ^H. F. Wood^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.# Von
^Alexander Baron von Roberts^.
#Die Scheinheilige.# Von ^Karoline Gravière^. Aus dem Französischen.
#Doktor Rameau.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französ. 2 Bände.
#Frau Regine.# Von ^Emil Peschkau^.
#Zwei Brüder.# Von ^Guy de Maupassant^. Aus dem Französischen.
#Mein Sohn.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
#Dosias Tochter.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
#Der Lotse und sein Weib.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norwegischen.
#Numa Roumestan.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen.
2 Bände.
Sechster Jahrgang.
#Die tolle Komteß.# Von ^Ernst v. Wolzogen^. 2 Bände.
#Eine Sirene.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem Französischen.
#Jack und seine drei Flammen.# Von ^F. C. Philips^. Aus dem
Englischen.
#Mr. Barnes von New-York.# Von ^A. C. Gunter^. Aus d. Engl. 2 Bde.
#Gertruds Geheimnis.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
#Wunderbare Gaben# und andere Geschichten. Von ^Hugh Conway^. Aus
dem Englischen.
#Letzte Liebe.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.# Von
^Richard Voß^.
#Mia.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen.
#Diana Barrington.# Von ^B. M. Croker^. Aus d. Englischen. 2 Bände.
#Der reine Thor.# Von ^Karl v. Heigel^.
#Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.# Von ^H. Pontoppidan^. Aus dem
Dänischen.
#Die Könige im Exil.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus d. Französ.
2 Bände.
#Die verhängnisvolle Phryne.# Von ^F. C. Philips^ u. ^C. J. Wils^.
Aus dem Englischen.
#Sergius Panin.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französischen. 2 Bände.
#Achtung Schildwache!# und andere Geschichten. Von ^Mathilde Serao^.
Aus dem Italienischen.
#Salonidylle.# Von ^H. Rabusson^. Aus dem Französischen.
#Mr. Potter aus Texas.# Von ^A. C. Gunter^. Aus dem Engl. 2 Bände.
#Ein gefährliches Werkzeug.# Von ^D. C.^ u. ^H. Muray^. Aus d. Engl.
Siebenter Jahrgang.
#Preisgekrönt.# Von ^Alexander Baron von Roberts^. 2 Bände.
#Die Seele Pierres.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen.
#Zum Kinderparadies.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
#Imogen.# Von ^Hamilton Aïdé^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Port Tarascon.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Fanzösischen.
#Ein Mann von Bedeutung.# Von ^Anthony Hope^. Aus d. Englischen.
#Ohne Liebe.# Von ^Fürst Galitzin^. Aus dem Russischen. 2 Bände.
#Die Erbin.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen.
#Die kühle Blonde.# Von ^Ernst v. Wolzogen^. 2 Bände.
#Mein Pfarrer u. mein Onkel.# Von ^Jean de la Brète^. Aus d.
Französ.
#Der Mönch von Berchtesgaden# und andere Erzählungen. Von ^Rich.
Voß^.
#Oberst Quaritch.# Von ^H. Rider Haggard^. Aus dem Engl. 2 Bände.
#Noras Roman.# Von ^Emil Peschkau^.
#Auf Vorposten# und andere Geschichten. Von ^F. de Renzis^. Aus dem
Italienischen.
#Versiegelte Lippen.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus d. Französ.
2 Bände.
#Aus den Papieren eines Wanderers.# Von ^Jeffery C. Jeffery^. Aus
dem Englischen.
#Mein Onkel Scipio.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
#Wie's im Leben geht.# Von ^A. Delpit^. Aus dem Französischen.
2 Bde.
#Verhängnis.# Von ^F. de Renzis^. Aus dem Italienischen.
Achter Jahrgang.
#Irgend ein Anderer.# Von ^B. M. Croker^. Aus d. Englischen.
2 Bände.
#Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.# Von ^Julien Gordon^. Aus
dem Englischen.
#Künstlerehre.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französischen.
#In frischem Wasser.# Von ^Helene Böhlau^. 2 Bände.
#Die geprellten Verschwörer.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem
Englischen.
#Daphne.# Nach =A Diplomat's Diary= von ^Julien Gordon^, deutsch
bearb. von _Friedrich Spielhagen_.
#Ein Genie der That.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
#Mischa.# Von ^Maguerite Poradowska^. Aus dem Französischen.
#Der Thronfolger.# Von ^Ernst von Wolzogen^. 2 Bände.
#Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus d. Ital.
#Eine Künstlerin.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
#Miß Niemand.# Von ^A. C. Gunter^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Marienkind.# Von ^Paul Heyse^.
#Schwarzwaldgeschichten.# Von ^Hermine Villinger^.
#Jack.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen. 3 Bände.
#Der schwarze Koffer.# Aus dem Engl.
#Der Affenmaler.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
#Schwer geprüft.# Von ^J. Masterman^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
Neunter Jahrgang.
#Im Schuldbuch des Hasses.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französ.
2 Bände.
#Meine offizielle Frau.# Von ^Col. Richard Henry Savage^. Aus d.
Engl.
#Sein Genius.# Von ^Claus Zehren^.
#Ein Zugvogel.# Von ^B. M. Croker^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
#Violette Merian.# Von ^Augustin Filon^. Aus dem Französischen.
#Fräulein Kapitän.# Eine Eismeergeschichte von ^Max Lay^.
#Ein puritanischer Heide.# Von ^Julien Gordon^. 2 Bde. Aus d. Engl.
#Das Stück Brot und andere Geschichten.# Von ^François Coppée^. Aus
dem Französischen.
#In der Prairie verlassen.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
#Zwischen Lipp' und Kelchesrand.# Von ^Charles de Berkeley^. Aus dem
Französischen. 2 Bände.
#Mein erster Klient und andere Geschichten.# Von ^Hugh Conway^. Aus
dem Englischen.
#Auf steinigen Pfaden.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem
Französischen.
#Heimatlos.# Von ^Hector Malot^. 3 Bände. Aus dem Französischen.
#Baronin Müller.# Von ^Karl von Heigel^.
#In guter Hut.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
#Das Kind.# Von ^Ernst Eckstein^.
#Das Haus am Moor.# Von ^Florence Warden^. Aus d. Englischen. 2 Bde.
#Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.# Von ^Mathilde Serao^.
Aus dem Italienischen.
#Des Seemanns Tagebuch.# Von ^Gustave Toudouze^. Aus d. Französ.
Zehnter Jahrgang.
#Das Geheimnis des Hauslehrers.# Von ^Victor Cherbuliez^. 2 Bände.
Ein wirklich herzerfreuendes Buch ist es, das der beliebte Erzähler
hier darbietet; ein Kunstwerk, bezaubernd in Form und Inhalt. Zwei
reizvolle Vertreterinnen der heutigen Jugend hat er erwählt, und mit
Geist und Grazie weiß er sie zu schildern.
#Das wandernde Licht.# Von ^Ernst v. Wildenbruch^.
Diese Novelle des berühmten Dichters ist das durchaus ungewöhnliche
Werk eines selbständigen Geistes, voll Leben und dramatischer Kraft.
Die nachstehenden Romane sind auch in einer #zu Geschenken ganz
besonders geeigneten#
=Salon-Ausgabe=
auf #feines, extra starkes Papier# gedruckt und in #elegantem
Liebhaber-Einband# zum Preise von #M. 2.-- für den einfachen und M. 3.--
für den doppelten Band# erschienen.
Einfache Bände:
^Burnett^, #Der kleine Lord#.
^Feuillet^, #Das Tagebuch einer Frau#.
^Paul Lindau^, #Helene Jung#.
^Voß^, #Kinder des Südens#.
#Was der heilige Joseph vermag#.
^v. Wolzogen^, #Die Kinder der Excellenz#.
Doppel-Bände:
^Conway^, #Eine Familiengeschichte#.
^Croker^, #Die hübsche Miß Neville#.
^Hopfen^, #Robert Leichtfuß#.
^Ohnet^, #Der Hüttenbesitzer#.
^v. Wolzogen^, #Der Thronfolger#.
" #Die tolle Komteß#.
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