Der Pflichterfüller.«

Scheinbar beruhigt war der Baron von Anna hinweggegangen, in seinem

Innern aber saß die Erinnerung an das, was er mit dem alten Johann

erlebt hatte. Und diese Erinnerung war wie ein gärender Keim in seinem

Blute, sie ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen.

Es erging ihm, wie es dem Menschen geht, wenn er sich mit einem andern

gestritten hat. Im Augenblick, da uns der Gegner seine Behauptung ins

Gesicht wirft und wir sie ihm leidenschaftlich zurückschleudern, sind

wir darüber hinweg -- nachher, wenn die Leidenschaft verraucht

ist, kommt das Wort uns wieder, leise, schleichend und in seiner

Geräuschlosigkeit eindringlicher als vorher, und nun kommt das Grübeln,

ob das Wort nicht vielleicht doch recht gehabt haben könnte.

»Ich weiß, wie es mit gnädigem Herrn steht« -- immer wieder war es da,

das Wort, immerfort und immerfort, wie der Wassertropfen, der unablässig

auf den Kopf des Gefolterten fällt. Und indem es in seinem Ohre

nachklang, war ihm, als käme das Ungetüm wieder herangeschwommen, von

dem er Anna erzählt hatte, als höbe es die gräßlichen grünen Augen

wieder auf, und das, was aus diesen Augen sprach, war ja nichts andres

als das: »Ich weiß, wie es mit dir steht.«

Und, war es denn etwa so ganz unberechtigt? War nicht in ihm

selbst etwas gewesen, das ihn mit Schauder erfüllte, wenn er daran

zurückdachte? Immer wieder hörte er eine fürchterliche Stimme, die das

Zimmer durchtönte, und das war seine Stimme; der Mensch, der so gebrüllt

hatte, war er selbst gewesen. Immer wieder empfand er den Krampf,

der plötzlich in seinem Rückenmark losgebrochen war, seine Glieder

durchschüttelt, seinen Arm erhoben und seine Fäuste geballt hatte. Es

ließ ihn gar nicht los; immer und immer wieder mußte er sich bis ins

einzelne vergegenwärtigen, wie das gekommen, wie ihm dabei zu Mute

gewesen war. Wie wenn etwas von außen über ihn herfiele, so war es

gewesen, wie wenn ihn etwas anspränge, sich seiner bemächtigte, eine

fremde, furchtbare Gewalt, beinahe wie ein wildes Tier, das jählings

in ihn eingedrungen war und aus ihm hervortobte. Dazu diese plötzliche,

unbegreifliche Kraft, die er in den Armen gefühlt hatte. Wenn er jetzt

den schweren gepolsterten Sessel anschaute, begriff er gar nicht, wie es

ihm möglich gewesen war, ihn wie eine Keule emporzuschwingen. Und in

dem Augenblick war es doch so gewesen, und in dem Augenblick war ihm

das mächtige Ding so federleicht erschienen. Unwillkürlich schloß er die

Augen. Hatte er nicht gehört und gelesen, daß Menschen in der Tollwut

eiserne Stangen zerbrechen? Was war das gewesen, was ihm die Muskeln so

schrecklich gestählt hatte? Brütend saß er in seinem Zimmer und wagte

sich nicht Antwort auf das zu geben, was in ihm fragte.

So also stand es mit ihm? Und wie viel hatte gefehlt, so hätte er seinen

alten Johann niedergeschlagen und totgeschlagen. -- Freilich, der Alte

hatte ihn gereizt; aber wußte er denn nicht, wie er an ihm hing, treu

wie ein Hund? Und er hätte ihn beinahe umgebracht!

Und wie hatte der Alte von Anna gesagt? »Wenn ein Fräulein kommt und den

gnädigen Herrn heiraten will, weil sie reich werden möchte --«

Hier aber sprang er auf. Das war falsch und gelogen, das wußte er, so

weit war er noch vernünftig. Das waren die Gedanken, wie sie in einer

Knechtsseele sich zusammenkleistern! Er wußte ja doch, daß er zu ihr

gekommen war, nicht sie zu ihm. Mit den Armen griff er in die Luft. Daß

sie nur da gewesen wäre in diesem Augenblick, daß er sie an sich hätte

pressen können! Denn mächtiger und bestimmter als je zuvor empfand er in

diesem Augenblick, daß es nur ein Ziel und eine Rettung für ihn gab, und

das war sie, an die er dachte, nach der er verlangte, Anna, Anna, Anna!

Wie eine Todesangst erfaßte ihn der Gedanke, daß sie ihm doch noch

entgehen könnte, und mit krampfhafter Ungeduld sah er dem Tage entgegen,

da sie Hochzeit machen würden, da sie ihm ganz gehören, immer und

allerorts bei ihm und mit ihm sein würde.

Das nächste, was er darum zu thun beschloß, war, daß er seine Braut zu

seinem Schlosse hinausführte. Sie sollte den Ort kennen lernen, wo sie

mit ihm zusammen sein würde, die künftige Heimat.

Man befand sich zu Anfang April; der Winter war überstanden, aber noch

nicht überwunden, er kämpfte noch mit dem nahenden Frühling. Trotzdem

wollte der Baron nicht länger warten. Es mußte etwas geschehen, wodurch

Anna körperlich mit dem neuen Dasein verknüpft würde, und sie selbst

hatte Lust dazu. Auch in ihr war ein Bedürfnis, die Umgebung des

künftigen Lebens kennen zu lernen; daneben regte sich die Neugier, das

schlesische Paradies endlich einmal mit Augen zu sehen.

So wurde der Besuch denn für einen der nächsten Tage beschlossen.

Mit seinem alten Diener hatte der Baron seit jenem verhängnisvollen

Vormittage kein Wort mehr gesprochen; schweigend waren sie umeinander

hergegangen; es war wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen.

Als er damals seine Wohnung verließ, um zu Anna zu gehen, hatte Eberhard

von Fahrenwald ernsthaft erwogen, ob er den Alten nicht fortschicken

sollte. Es war das erste Mal, daß ihm der Gedanke kam.

Er hatte ihn von seinem Vater ererbt und es bisher wie eine Art von

Naturnotwendigkeit empfunden, ihn fortwährend um sich zu haben. An

dem Tage zum erstenmal erhob sich eine Stimme in ihm, die ihm zurief:

»Schick' ihn fort!« Er würde ihm natürlich eine für seine alten Tage

ausreichende, ja eine glänzende Pension zahlen, aber er wollte ihn los

sein.

Als er dann aber zu Anna gekommen war, und diese für den Alten gebeten

hatte, war sein Entschluß wieder schwankend geworden. Er war sich nun

wieder bewußt geworden, daß er gegen den ausdrücklichen letzten Willen

seines Vaters handeln würde, wenn er so thäte, und er sagte sich, daß

er es doch gewesen war, der durch seine Heftigkeit den widerwärtigen

Auftritt verschuldet hatte. Kampf mit sich selbst, das war ja nun

einmal die Aufgabe, die ihm vom Schicksal auferlegt worden war, und dazu

gehörte, daß er auch den Widerwillen, den unheimlichen, niederkämpfte,

der sich in ihm gegen den Alten zu regen begann.

Also schwieg er; der alte Johann schwieg auch, und äußerlich schien es,

als wäre alles, wie es früher und immer gewesen war.

Jetzt, am Tage, bevor er mit Anna hinauszufahren beschlossen hatte,

befahl der Baron dem Alten, vorauszufahren und das Schloß einigermaßen

zum Empfange vorzubereiten. Die Zimmer sollten gelüftet, in den Oefen

und Kaminen sollten Feuer angezündet werden. In den Wegen des Parks,

die vom Tauwetter jedenfalls aufgeweicht sein würden, hieß er ihn Sand

aufschütten und an besonders morastigen Stellen Bretter legen. Endlich

sollte für ein Frühstück gesorgt werden.

Alle diese Weisungen erteilte der Baron in kurzem, bestimmtem Tone; der

alte Johann nahm sie mit schweigender Unterwürfigkeit entgegen; er war

in diesem Augenblick nichts weiter, als der demütige, gehorsame Knecht.

Ein grauer, nasser Himmel lag über der Erde, als der Baron am nächsten

Morgen mit seinem Wagen bei Anna von Glassner vorfuhr, um sie zum

Bahnhofe abzuholen.

Als er bei ihr eintrat, stand sie schon reisefertig in ihrem grauen

Reisemantel da. Lächelnd wickelte er einen Gegenstand, den er in Händen

trug, aus dem umhüllenden Papier; es war ein Paar nagelneuer, mit Pelz

gefütterter Gummischuhe.

»Das ist kein Schmuck,« sagte er, »das darfst du annehmen, und im Park

draußen wird es feucht sein.«

Sie sah ihm dankbar ins Gesicht.

»Auch an so etwas denkst du?«

Sie setzte sich, um die Gummischuhe anzulegen, und dabei konnte sie

nicht verhindern, daß er sich auf ein Knie vor ihr niederließ, um ihr

beim Anziehen behilflich zu sein.

Zärtlich drückte er ihre kleinen Füße.

»Aber Eberhard!« mahnte sie.

Er sprang auf, schloß sie in seine Arme und küßte sie auf den Mund.

»Komm,« sagte er, »heute fährst du als Anna von Glassner hinaus; das

nächste Mal als Anna von Fahrenwald.«

Nach einer Eisenbahnfahrt von etwa einer Stunde kamen sie an der kleinen

Station an, von der man zum Gute des Barons gelangte. Als der Zug

einlief, stand bereits ein grauhaariger Mann mit abgezogenem Hute und

gebeugtem Rücken auf dem Bahnsteige; es war der alte Johann.

»Sieh, wie pünktlich und aufmerksam er ist,« flüsterte Anna, mit dem

Kopfe nach dem Alten deutend, dem Bräutigam zu. Dieser erwiderte nichts,

und als Johann hinzutrat, um dem Fräulein beim Aussteigen behilflich zu

sein, verhinderte er, daß er sie berührte.

»Ist der Wagen da?« fragte er kurz.

Der Wagen war da.

Indem sie dahin gingen, drückte sie mit leisem Vorwurfe den Arm des

Bräutigams; er war so freundlich und gut, nur dem alten Diener gegenüber

erschien er ihr so barsch.

Der Wagen war zugedeckt, weil es vorher geregnet hatte; jetzt aber hatte

der Regen aufgehört.

»Möchtest du ihn lieber offen haben?« fragte der Baron.

»O ja,« bat sie. Es war ja eine neue Welt, in die sie kam, und die

will man doch gern ordentlich sehen können. Also wurde das Verdeck

zurückgeschlagen; im Wagen befanden sich Fußsäcke und Decken; zwei

prächtige Rappen stampften an der Deichsel. Der Ueberfluß kam ihr

entgegen und breitete beide Arme aus.

Nachdem er sie in eine Wagenecke gepackt und sorgfältig in die Decken

gewickelt hatte, setzte er sich neben sie; die Pferde zogen an und der

Wagen rollte auf die Landstraße hinaus. Wege und Stege trieften von

Nässe, in den Feldern rechts und links standen breite Wasserlachen, so

daß sie wie Sümpfe aussahen; am Himmel, der kalt und grau wie Stahl war,

taumelten die Wolken, vom Aprilwinde gejagt, in dicken schwärzlichen

Ballen dahin. Alles in allem war es kein freundlicher Empfang, den die

neue Welt dem jungen Mädchen bereitete.

Der Baron sah sie von der Seite an und sah, wie ihr Stumpfnäschen keck

und vergnügt aus Hüllen und Decken in die graue Luft ragte.

»Ist dir kalt?« fragte er.

»Nicht im geringsten!« erwiderte sie.

»Aber schön ist es nicht?«

»Himmlisch,« gab sie zur Antwort. »Was denkst du denn? So eine

Stadtpflanze, wie ich; das ist ja die reine Wonne, so über Land zu

fahren!«

Er war ganz glücklich und legte den Arm um sie; durch die Decken und

Tücher, mit denen er sie umwickelt hatte, war sie aber ganz unförmlich

geworden, so daß sein Arm nicht um sie herumreichte. Sie kicherte vor

Vergnügen.

»Siehst du,« sagte sie, »wenn du mich so weiter verwöhnst, werde ich

noch so dick werden, daß du mich gar nicht mehr umarmen kannst -- es

fängt schon an damit.«

Er hörte ihrem Geplauder zu. Wie ihn das beglückte, daß sie so zufrieden

war! Wie wenig sie brauchte, um zufrieden zu sein!

Der Wagen war inzwischen von der Landstraße abgebogen und quer

durchs Land gefahren. Jetzt tauchten in einiger Entfernung die kahlen

Baumkronen eines weit ausgedehnten Parkes vor ihnen auf.

Plötzlich kam Annas Hand unter den Decken hervorgekrochen und erfaßte

die Hand des Barons.

»Eberhard,« fragte sie leise, indem sie sich zu ihm hinüberbog, »ist es

das?«

Er sah ihr ins Gesicht.

»Das ist es,« erwiderte er.

Sie verstummte; ihre Augen wurden groß und ernst.

»Gefällt es dir?« fragte er nach einiger Zeit.

»Es scheint ganz wundervoll,« gab sie flüsternd zurück. Dann zeigte sie

mit dem Finger nach vorn.

»Und das da -- das ist das Schloß?«

Ueber den Wipfeln des Parks stiegen die Mauern eines großen Gebäudes

finster empor.

»Das ist das Schloß,« versetzte er.

Dann ergriff er ihre Hand, die langsam niedergesunken war. »Gefällt dir

das auch?«

Sie nickte gedankenvoll mit dem Haupte. Nachdem sie dann ein Weilchen

geschwiegen, schmiegte sie sich an ihn.

»Eberhard,« bat sie leise, »könnten wir nicht am Park aussteigen und

durch den Park zum Schlosse geh'n?«

»Wäre dir das lieber?« fragte er.

Sie nickte wieder; sie hätte kaum sagen können, warum, aber es war

ihr wirklich lieber. Vielleicht, daß ihr das große düstere Gebäude

unwillkürlich einen Schreck einflößte.

Der Park öffnete sich in das umgebende Gelände; weder Mauer noch Zaun

schloß ihn ab.

Als jetzt der Wagen die Stelle erreicht hatte, wo die Parkwege sich mit

der Fahrstraße kreuzten, befahl der Baron, anzuhalten.

»Also komm,« sagte er zu Anna, »wir wollen aussteigen und zu Fuße

gehen.«

Rasch entledigte sie sich ihrer Umhüllungen, und auf seine Hand

gestützt, sprang sie hinab.

Während der Wagen zum Schlosse weiterfuhr, schritten die beiden, Arm in

Arm, in den Park hinein.

Ihr Weg führte sie eine Allee entlang, die von hochstämmigen, uralten

Buchen gebildet wurde. In den blätterlosen Wipfeln brauste der Wind, der

immer stärker angeschwollen und jetzt beinahe zum Sturm geworden war.

Die Bäume neigten und beugten sich, die kahlen Aeste schlugen klatschend

aneinander, ein Chor von tausend seltsamen Lauten, ein Krachen, Pfeifen

und Heulen erfüllte die Luft.

Unwillkürlich schloß Anna sich dichter an ihren Begleiter. Zum erstenmal

setzte sie den Fuß auf Fahrenwaldschen Grund und Boden, und es war,

als wenn die Geister und Dämonen, welche dieses Gebiet bewohnten, sie

begrüßten.

Der Baron fühlte ihre ängstliche Bewegung; er sagte sich, daß er sie

nun da hatte, wo er sie haben wollte, haben mußte, aber es war wie ein

Gefühl des Unrechts in ihm. Er kam sich vor, wie ein Jäger, der in einem

fremden Erdteile ein Wild gefangen und es in seine Heimat geschleppt

hat. Wird das fremde Geschöpf sich an die Luft der neuen Umgebung

gewöhnen?

In Gedanken verloren, waren sie schweigend fürbaß geschritten. Dann fing

Anna an.

»Siehst du,« sagte sie, »nun begreif' ich, warum sie deinen Park das

schlesische Paradies nennen; das find' ich so schön, daß der Garten so

offen ist; da können die armen, müden Leute, wenn sie von den Feldern

draußen kommen, hereintreten und sich unter den schönen schattigen

Bäumen erholen.«

»Gefällt es dir?« fragte er zurück, »das freut mich. Früher, verstehst

du, war ein Gitter rings um den Park herum; ich habe es wegnehmen

lassen.«

»Das hast du gethan?«

»Ja,« sagte er einfach.

Sie ruckte an seinem Arm; beide blieben stehen.

»Eberhard,« sagte sie leise, indem sie ihm in die Augen sah, »weißt du,

was ich glaube? Daß du der beste, gütigste Mensch bist, den es auf Erden

gibt.«

Er wandte das Haupt zur Seite, als wolle er ihrem Blicke ausweichen.

Es gibt Menschen, die es nicht vertragen, daß man sich mit ihnen

beschäftigt; vielleicht auch, daß er an den Vormittag zurückdachte, da

er nahe daran gewesen war, den alten Johann zu erschlagen, und daß

ihr Lob ihm darum ungerechtfertigt erschien -- er erwiderte nichts und

drückte nur hastig ihre Hände. Dann schlang er ihren Arm wieder in den

seinen und setzte den Weg mit ihr fort.

Von der Allee bogen sie in einen Seitenweg ab, und indem sich nun der

Park tief wie ein Wald vor ihr aufthat, sah und empfand Anna erst, wie

schön und herrlich er war.

»O Eberhard,« fuhr sie bewundernd heraus, »wie muß das alles herrlich

sein, wenn es erst Frühling wird und alles in Laub und Blättern steht!«

Nun warf er den Arm um sie her; sie fühlte seinen leidenschaftlichen

Druck.

»Meinst du, daß es schön sein wird? Glaubst du, daß es dir gefallen

wird? daß du glücklich sein wirst? Glaubst du's?«

»Ja doch, ja gewiß,« erwiderte sie, indem sie sich bemühte, ihn

den Schreck nicht fühlen zu lassen, den seine plötzliche

Leidenschaftlichkeit ihr eingejagt hatte.

»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr er fort, indem er sie eng an sich

preßte, »sprich nie von mir! Hörst du? Sag nie, daß ich gut bin! Von

mir, siehst du, muß nie die Rede sein; das ist mir gerade recht, ist mir

das allerliebste! Nur du bist da, und du sollst glücklich und zufrieden

sein. Siehst du, ich will mal ein Bild brauchen, damit du's verstehst:

du bist für mich wie die Sonne, und ich bin wie die Erde. Und wenn die

Sonne scheint, siehst du, dann ist die Erde glücklich, daß sie sich um

die Sonne drehen kann. Und mehr will ich nicht und brauch' ich nicht.

Und darum gibt's für die Sonne nur eine Verpflichtung: nämlich, daß sie

da ist und leuchtet, weiter gar nichts. Und nun sag' mir, wirst du

daran denken? Und da sein für mich und leuchten? Wirst du's? Versprichst

du's?«

Was blieb ihr anders übrig, als es zu versprechen? Aber während sie es

that, fühlte sie beklommenen Herzens, daß es nicht immer leicht sein

mochte, nichts weiter als »Sonne« zu sein und immerdar zu leuchten.

Indem sie dem Schlosse näher kamen, lichtete sich der Park, das

Baumdickicht blieb hinter ihnen und der Weg führte an Rasenflächen und

Blumenbeeten vorüber.

Anna riß sich vom Arme des Bräutigams los und schlug in die Hände.

»O herrlich!« rief sie, »hier beginnt mein Reich!«

Sie lief einige Schritte voraus und achtete nicht darauf, daß ihre

Füße in dem aufgeweichten Boden beinahe bis an die Knöchel einsanken.

Zwischen den kahlen Blumenbeeten ging sie auf und ab.

»O Eberhard,« rief sie, »Eberhard, wie sieht das hier aus! Da bekomme

ich Arbeit! Da bekomme ich Arbeit!«

Der Baron war hinter ihr stehen geblieben.

»Geh nicht zu weit,« warnte er scherzend, »du ertrinkst mir am Ende

noch, bevor du an deine Arbeit kommst.«

Jauchzend flog sie zu ihm zurück. Blumen gab es also auch hier in

dem verwunschenen Hause, und da wo Blumen sind, ist ja auch Licht!

Im Augenblick aber, da sie ihm in die Arme fallen wollte, blieb sie

jählings stehen. Jetzt erst bemerkte sie, was sie vorhin nicht gesehen

hatte, daß sie unmittelbar vor dem Schloß standen.

Auf einem Unterbau von mächtigen Granitquadern, der nur von wenigen,

engen, vergitterten Fenstern durchbrochen war, erhoben sich zwei

Stockwerke, deren jedes zwölf Fenster zeigte. Himmelhoch sah es von hier

unten aus, die Mauern ganz grau, beinahe schwärzlich, wie angeblakt vom

schweren Atem der Jahrhunderte; wie ein Gebirge lag es da, und obschon

keine Sonne am Himmel stand, war es, als wenn es einen schweren Schatten

über die Menschen würfe, die schweigend zu ihm aufblickten.

»Du mußt nicht erschrecken,« sagte der Baron, als er in Annas Zügen den

Eindruck wahrnahm, den die düstere Behausung in ihr hervorrief, »es

ist ein altes Komtureigebäude, daher ist es so alt und sieht so finster

aus.«

»Aber weißt du,« erwiderte sie, indem sie sich in seinen dargebotenen

Arm hing, »wenn du es mit frischer Farbe anstreichen ließest, würde es

gewiß viel freundlicher aussehen.«

Er nickte zufrieden.

»Siehst du,« sagte er, »das ist gleich ein vortrefflicher Gedanke. Ich

merke schon, es kommt mit dir ein neuer Geist ins alte Haus.«

Er führte sie darauf durch eine Halle, die vom Garten nach dem Hofe

hindurchging, und als Anna, mit offenem Munde, stehen bleiben und

den großen, seltsam ausgeschmückten Raum bewundern wollte, zog er sie

weiter.

»Komm,« mahnte er, »es ist kalt hier drin.«

In dem schwachen Lichte, das durch enge Fenster hereinfiel, hatte

sie nur soviel sehen können, daß die Wände von oben bis unten

mit Jagdtrophäen und Jagdgeräten behangen waren. Hirschgeweihe,

Wildschweinsköpfe und Köpfe von Elentieren, mit lang herabhängenden

Schnauzen, ragten aus den Mauern hervor; das Jagdgerät und die Waffen

schienen uralt zu sein; ein riesiger Kamin, in dem kein Feuer brannte,

befand sich in der einen Wand.

Sie traten auf den Hof hinaus, den auf der einen Seite das Schloß, auf

der andern ein Wirtschaftsgebäude umgab, und hier öffnete sich das Thor,

das zu den oberen Räumen führte.

Durch einen Vorflur, dessen Boden mit Steinfliesen belegt war, und wo

rechts und links zwei alte große Bilder an den Wänden hingen, Pferde

in Lebensgröße darstellend, die von Stallknechten in der Kleidung des

siebzehnten Jahrhunderts geführt wurden, gelangte man an die Treppe.

Es war eine Stiege von altem dunklen Eichenholz, mit so flachen Stufen,

daß man das Steigen kaum gewahr wurde. Schwere Geländer liefen zu beiden

Seiten hinauf.

Anna wußte kaum, wie ihr zu Mute war, als sie in diese wuchtige, von

Jahrhunderten gesammelte und aufgespeicherte Pracht hineinschritt; die

Erinnerung an den Abend kam ihr zurück, als sie zum erstenmal in seinem

Wagen nach Hause gefahren war.

Der Mann an ihrer Seite aber preßte ihren Arm und ließ ihr keine Zeit

zum Besinnen.

»Hast du gehört,« fragte er, indem er sie die Stufen hinaufzog, »wie die

alte Treppe geknackt hat? Das ist eine gute Vorbedeutung; sie hat die

neue Herrin erkannt und sie begrüßt.«

Stumm drückte sie ihm die Hand. Sie hätte so gerne etwas Fröhliches

erwidert, aber das fremdartige Neue, das sie umgab, lastete auf ihrer

Brust.

Es war ein altertümlich gebautes und verbautes Haus mit lichtlosen

Räumen. Die Treppe mündete in einen Flur, der keine Fenster hatte,

sondern nur durch eine hoch oben im Dache angebrachte Glasscheibe so

viel Helligkeit empfing, daß man die Gegenstände ringsumher erkennen

konnte. Eine schmalere Treppe leitete vom ersten zum zweiten Stockwerke

hinauf; der Haupttreppe gegenüber öffnete sich ein Gang, an dessen

rechter, nach dem Hofe gelegener Seite sich eine Reihe kleiner, winklig

ineinander geschobener Gemächer befand; die eigentlichen Wohn- und

Staatszimmer lagen vom Eintretenden links, durch eine Glasthür vom Flure

getrennt.

Als der Baron mit Anna die Treppe bis zum ersten Stock hinaufgestiegen

war, öffnete sich die Glasthür und es erschien eine Gestalt, die Anna,

in dem Dämmer, der sie umgab, kaum zu erkennen vermochte. Es war der

alte Johann, der lautlos daran ging, seinem Herrn und dessen Begleiterin

die Mäntel abzunehmen.

Hinter der Glasthür war noch ein Vorraum, und hier herrschte eine so

völlige Dunkelheit, daß Anna nur tappend weiter zu schreiten vermochte.

Plötzlich aber brach Licht herein. Der Baron hatte eine Thür geöffnet,

die Anna nicht gesehen hatte; an der Hand zog er sie über die Schwelle,

und mit einem unwillkürlichen »Ah« -- des Staunens und der Bewunderung

stand sie mitten im Zimmer.

Der Raum, der sie umgab, war ein großer, viereckiger Saal, dessen Decke

in gotischen Spitzbogen gewölbt war und dessen Wände von großen, vom

Fußboden bis an die Decke reichenden Bücherschränken eingenommen

wurden. Die Schränke waren durch dicke, rotbraune Holzsäulen voneinander

getrennt, die kunstvoll, in Gestalt von Palmbaumstämmen ausgeschnitzt

waren. In den Schränken drängte sich eine Masse von Büchern; vom Knaufe

der Decke, in dem die Spitzbogen des Gewölbes zusammenliefen, hing ein

schwerer, altertümlicher Kronleuchter herab und unter dem Kronleuchter,

inmitten des Raumes, stand ein Frühstückstisch für zwei Menschen

zugerichtet.

Der Baron trat an den Tisch.

»Du mußt hungrig geworden sein,« sagte er, »wollen wir gleich

frühstücken?«

Anna aber stand in Staunen befangen und erstarrt.

»Nachher,« erwiderte sie auf die Einladung des Barons, »erst muß ich mir

das alles ansehen. Das ist ja zu merkwürdig!«

Sie ging von Schrank zu Schrank, sie befühlte mit den Händen die

geschnitzten Säulen und sah erst jetzt, welche Fülle erfinderischer

Kunst dahineingelegt war. An den Palmen kletterten, in Holz geschnitzt,

Affen, Leoparden und andre fremdartige Tiere auf; in den Wipfeln, die

sich unter der Deckenwölbung ausbreiteten, sah man Papageien und andre

Vögel sich wiegen.

»Wie wundervoll,« sprach sie staunend vor sich hin, »wie wundervoll.«

Der Baron verfolgte schweigend ihr Umherwandern.

»Das ist Holzschnitzerei aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts,«

erklärte er.

Aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts -- Anna blieb stehen und

sah zu ihm hinüber. Das war ja ein königliches Besitztum -- und in

dem sollte sie gebieten? Sie, das dürftige Gewächschen des neunzehnten

Jahrhunderts?

Sie trat vor den Kamin, in dem ein Feuer von mächtigen Holzscheiten

prasselte; dann ging sie an die Fenster und bemerkte, daß sie auf den

Park hinausgingen und daß sie sich hier am Ende der Schloßfront befand.

Zu ihrer Rechten war die Thür geöffnet, durch die man in die anstoßenden

Gemächer blickte. Die Thüren all dieser Zimmer standen offen, so daß

sich der Blick in einer schier endlosen Flucht von Räumen verlor, aus

denen ein unbestimmtes Leuchten und Glänzen zu ihr drang. Sie ahnte,

daß in allen diesen Gemächern eine gleiche Pracht wie in diesem ersten

herrschen mochte. Stärker als Hunger und Durst war die Neugier.

»O Eberhard,« sagte sie leise, indem sie die Hände zusammenlegte,

»thu mir's zuliebe, zeig mir das alles erst. Frühstücken können wir ja

nachher.«

Er war bereit, und an seiner Seite ging sie nun über den spiegelglatten

Parkettboden in das nächste Zimmer und von da weiter.

Die Räume waren, wie man das in alten Häusern findet, launenhaft

unsymmetrisch gebaut; bald in Form von langen, schmalen Gängen, bald zu

tiefen Gelassen ausgeweitet.

Allen gemeinsam aber war die reiche Pracht der Ausstattung. Ein

altertümlicher schwerer Prunk herrschte in dem Mobiliar. Tiefrückige

Sofas, mit vergoldeten, in Löwenköpfen auslaufenden Armlehnen;

Lehnstühle von schwarzem Ebenholz; dazwischen, einer jüngeren

Epoche entstammend, kleine Stühle von zartem, vergoldetem Holz und

Rohrgeflecht. Dunkelroter Sammet in dem einen, dunkelblauer Sammet in

dem nächsten Zimmer, dann wieder Polster von goldgepreßtem Seidenstoff.

An den Wänden große Spiegel in massiv goldenen oder silbernen Rahmen und

eine Fülle von Bildern. Unter diesen, die sämtlich von älteren Meistern

herrührten, vielfach hervorragende Werke; wie denn überhaupt die ganze

Ausschmückung der Räume den Eindruck erweckte, daß ein hochentwickelter

Kunst- und Schönheitssinn zur geistigen Erbschaft der Fahrenwalds

gehörte.

Am liebsten wäre Anna vor jedem einzelnen Bilde stehen geblieben; aber

dann hätte sie bis zum Abend stehen können, und heut abend wollten

sie doch wieder in Breslau zurück sein. Darum ließ sie sich von ihrem

Begleiter weiterführen, und nur in einem der Gemächer machte sie

unwillkürlich vor den Gemälden Halt.

Es war dies ein gangartiger Raum, ungefähr wie eine Galerie. Auf

der Tapete von dickem purpurrot gefärbten Leder hing eine Reihe von

Porträts, Männer und Frauen darstellend, offenbar die hauptsächlichen

Vertreter des Geschlechts.

Aus dem sechzehnten Jahrhundert kamen sie hervor und gingen bis in die

Neuzeit, eine gemalte Chronik der wandelnden Tracht und Kultur.

Die Augen des jungen Weibes hafteten an den Kleidungen, daneben

aber beschäftigte es sie, den stark hervortretenden Zug von

Familienähnlichkeit wahrzunehmen, der die Gesichter innerlich verband.

Lauter edle, fein ausgearbeitete Physiognomieen, mit bleichen Zügen und

dunklen, schwermütigen Augen, eine Reihe von Menschen, von denen der

vorhergehende immer dem nachfolgenden die schwere Bürde des Lebens

auf die Schultern zu legen schien, froh, daß er sie nicht länger zu

schleppen brauchte.

Annas Blicke gingen zu Eberhard hinüber, dem letzten Fahrenwald, der mit

offenbarer Ungeduld an der Thür zum nächsten Zimmer ihrer wartete, und

sie stellte fest, daß sein Aeußeres ihn als echten Nachkommen seiner

Vorfahren verkündete.

Als sie seine Ungeduld bemerkte, riß sie sich los, um ihm zu folgen,

an der Thür zum Nebenzimmer aber hing ein Bild, das ihre Schritte wider

ihren Willen bannte.

Ein alter, weißhaariger Mann, in langem schwarzen Rock, über den am

Halse ein breiter, spanischer Spitzenkragen fiel, saß an einem Tische,

auf dem sich Phiolen, Retorten und all die Geräte befanden, wie sie vor

Zeiten die Alchimisten gebraucht hatten.

Das aber, was den Beschauer an das Bild fesselte, waren die Augen des

alten Mannes; diese Augen waren schrecklich. Stier und starr, mit einer

Wut im Ausdruck, die lebendig geblieben zu sein schien, nachdem der

Körper des Mannes längst im Grabe zerfallen war, bohrten sie aus der

Leinwand hervor.

Während Anna sprachlos vor dem Gemälde stand, trat der Baron zu ihr

heran und faßte sie, beinah heftig, am Arm.

»Komm fort,« sagte er. Der Ton seiner Stimme war rauh, wie nie zuvor.

Von dem unheimlichen Anblick gefesselt, stand sie noch immer.

Jetzt wandte er sich nach der Thür, durch welche sie in die Galerie

eingetreten waren.

»Hatte ich dir nicht befohlen, das Bild fortzunehmen?«

Sie drehte den Kopf -- zu wem sprach er?

In der Thür stand der alte Johann, der, wie es schien, lautlos hinter

ihnen drein gekommen war.

Sie sah, wie er langsam den Kopf vorstreckte und die Augen auf den Baron

richtete.

»Gnädiger Herr,« sagte er, »haben nichts davon befohlen.«

In dem Augenblick fühlte Anna, deren Arm in dem des Barons lag, wie

ein Zucken durch dessen Körper ging. Seine Gestalt reckte sich in allen

Gelenken, so daß er Anna um mehr als Kopfeslänge überragte.

»Wenn ich's also wirklich noch nicht befohlen haben sollte,« fuhr er

fort, indem er über sie hinweg sprach, »so befehl' ich es jetzt. Das

Bild kommt fort von der Wand! Gleich auf der Stelle! Jetzt!«

Nun kam der alte Diener, immer den Kopf vorgestreckt, und immer die

Augen auf seinen Herrn gerichtet, zwei Schritte näher.

»Das soll fort? Das Bild von dem alten Herrn?«

»Ja -- hast du mich nicht verstanden?« erwiderte der Baron, und seine

Stimme rollte dumpf empor.

»Wohin -- soll ich's denn bringen?«

Der Baron überlegte einen Augenblick.

»Oben hinauf,« befahl er dann, »in die grüne Kammer.«

In den Augen des alten Dieners zuckte ein grelles Licht auf; es sah aus,

als traute er seinen Ohren nicht.

»Das Bild --« fragte er, beinah drohenden Tons, »von hier fort? in die

grüne Kammer?«

Und jetzt geschah etwas, das Anna mit eisigem Schreck überlief; von dem

Mann an ihrer Seite, von dessen Mund sie bisher nur Töne sanftester Güte

vernommen hatte, kam plötzlich ein unbeschreibbarer Laut.

»Wenn dir das also nicht paßt,« schrie er, »dann also anders: auf den

Boden mit dem Bild!«

Der alte Johann erwiderte nichts, rührte sich aber auch nicht vom Fleck,

nur sein Mund that sich halb auf, daß man die langen Zähne darin sah.

In der Brust des Barons stieg etwas herauf, gurgelnd und rauschend, wie

eine steigende Flut.

»Auf den Boden damit, hast du mich gehört?«

Diesmal schrie er nicht, er brüllte. Anna blickte auf; sein Gesicht war

verzerrt.

Ein furchtbares Entsetzen überkam sie.

»Eberhard!« kreischte sie auf.

Als er den Schrei vernahm, senkte er den Blick zu ihr. Sie stand

leichenblaß, mit schlotternden Gliedern, die Hände wie flehend und

zugleich wie abwehrend zu ihm erhoben. In dem Augenblick war es, als

knickte sein aufgestraffter Körper in sich zusammen, die lodernde Wut in

seinen Augen erlosch, um einem maßlosen Erschrecken zu weichen, und mit

einem dumpfen »o mein Gott« schlang er beide Arme um sie, riß sie an

seine Brust, und so, indem er sie an sich gepreßt hielt, zog er sie

aus der Galerie in das anstoßende Gemach, wo er sie auf das Sofa

niedersinken ließ.

Sobald sie Platz genommen, sank er knieend zu ihren Füßen, das Haupt in

ihren Schoß gedrückt, die Hände um sie gelegt, als fürchtete er, daß

sie aufspringen und entfliehen würde. Daran aber hätte Anna wohl kaum

gedacht, sie fühlte sich von dem eben erlebten Schreck ganz kraftlos

und gebrochen. Sie mußte die Zähne aufeinanderpressen, damit sie nicht

klappernd zusammenschlugen, ihre Glieder zitterten wie im Frost.

Als der Baron das Beben ihres Leibes verspürte, hob er das Gesicht zu

ihr auf.

»Aengstige dich nicht,« flehte er, »ängstige dich nicht.«

Aber er sah ihre Augen mit stummem Grauen auf sich gerichtet.

»Es war ja um deinetwillen, daß ich so heftig wurde,« fuhr er fort,

»weil ich sah, daß das Bild dich erschreckte.«

Und als sie noch immer nicht im stande war, ein Wort zu erwidern,

drückte er das Haupt wieder in ihren Schoß und schüttelte es und faßte

sie fester mit den Händen.

»Geh nicht von mir!« stöhnte er, »verlaß mich nicht!«

Bei diesem Worte wurde ihr wieder weich und warm. Schweigend breitete

sie die Arme um ihn her, senkte das Gesicht auf sein Haupt und ein Strom

von Thränen, der lautlos aus ihren Augen brach, verkündete, daß das Eis

geschmolzen war, das sich für einen Moment um ihre Seele gelegt und sie

von ihm getrennt hatte.

So saßen sie schweigend bei einander, lange Zeit. Das einzige Geräusch,

das man vernahm, war das Knistern des Holzes im Kamin, das in sich

zusammenfiel, um sich in Kohle zu verwandeln und danach zu Asche zu

werden. Sonst regte sich kein Laut, und es war, als hauchten die alten

Möbel, die Bilder an den Wänden die dumpfe Stille aus, die wie eine Last

im Zimmer lag. Es war, als thäten sich geräuschlos in Winkeln und Ecken

und in der Luft umher Augen auf, dunkle, schwermütig forschende Augen,

als blickten sie fragend auf die beiden in sich versunkenen Menschen

dort, und als blinzelten sie sich gegenseitig zu, Gedanken tauschend,

wie die Abgeschiedenen sie verstehen, die Lebenden aber nicht.

Endlich hatte Anna ihre Fassung wieder erlangt.

»Komm weiter,« sagte sie, indem sie sich vom Sofa erhob.

Er stand auf.

»Nun wirst du wohl nichts mehr sehen wollen?« fragte er.

Sie fühlte, daß sie ihm Mut machen müsse.

»O ja, gewiß,« versetzte sie, »du hast es mir versprochen, und

Versprochenes muß man halten.«

Sie hing sich in seinen Arm, sie bemühte sich, einen leichten Ton

anzuschlagen und ihm zu zeigen, daß alles überwunden und vergessen sei.

So führte er sie denn weiter, bis daß sie am andern Ende der

Zimmerflucht in zwei kleinere, freundlichere Gemächer gelangten.

»Siehst du,« sagte er, stehen bleibend, »dies, hatte ich gedacht, sollte

dein Wohnzimmer sein, und dort nebenan solltest du schlafen.«

Anna blickte umher.

»O ja,« meinte sie, »hier könnte es mir gefallen.«

Sie ging ans Fenster.

»Da hab' ich ja gerade meine Blumen vor mir,« sagte sie, indem sie in

den Garten hinunterblickte. »Das macht sich alles ganz vortrefflich.

Nur, weißt du, was ich möchte? Daß das Zimmer vielleicht eine andere

Tapete bekäme.«

Sie trat an die Wand und befühlte den dicken, dunkelbraunen Stoff, mit

dem sie bekleidet war.

»Das ist ja alles ganz prachtvoll,« fuhr sie fort, »und die eingepreßten

Goldmuster geradezu kostbar, aber siehst du, ich bin nun einmal ein

Kind unsrer Zeit und möchte es gern ein bißchen heller haben und

freundlicher.«

Der Baron machte ein Gesicht wie ein vergnügtes Kind.

»Aber Anna,« rief er, »das ist ja mein Gedanke gewesen von Anfang an!

Alle Zimmer miteinander möchte ich umtapezieren lassen, damit mehr

Licht in die alte Finsternis kommt. Und in Breslau habe ich ein Muster

gesehen, weißen Untergrund mit goldenen und blauen Blumen, etwas reizend

Freundliches, den suchen wir uns, gleich morgen, nicht wahr?«

Sie nickte ihm zu.

»Gleich morgen,« sagte sie.

Er ergriff ihre Hände. Es sah aus, als wolle er sich bei ihr bedanken.

»Und andre Möbel darf ich dir auch hineinstellen? Nicht wahr? Diese

alten, schweren Sessel mit den riesigen Lehnen, diese bauschigen Sofas,

das ist doch alles nichts für dich? Nicht wahr? Etwas recht Zartes,

Luftiges und Duftiges suchen wir uns aus, das erlaubst du mir? Nicht

wahr? Hast du Rosenholz gern?«

Sie sah ihm in die Augen und neigte das Haupt.

»Alles, was dir gefällt, wird auch mir gefallen, und was du mir

schenkst, nehme ich gern.«

Ein Freudenschein zuckte über sein Gesicht. Er machte eine Bewegung,

um sie zu küssen, bevor er aber dazu gelangte, bog er den Kopf wieder

zurück. Der ängstliche Ausdruck, mit dem er sie ansah, verriet, daß er

sich nicht getraute. Er dachte an den Auftritt von vorhin.

Anna schob langsam die Hände an seinen Armen hinauf, bis daß sie auf

seinen Schultern ruhten. Da stand er vor ihr, der Besitzer all dieser

Pracht und Herrlichkeit, der gegenüber sie sich wie eine Bettlerin

erschien, da stand er, der starke Mann, in dessen Armen sie wie Glas

zersplittert wäre, wenn seine Kraft sich gegen sie gewandt hätte -- und

bat sie, demütig wie ein Knabe, ihr all seinen Reichtum zu Füßen legen

zu dürfen, und wie ein Schuldbewußter wagte er nicht, sie zu küssen. Und

worin bestand denn seine Schuld? Ein unaussprechliches Mitleid quoll ihr

im Herzen empor, die Thränen drängten sich ihr in die Augen. Aber sie

wollte ihn keine Thränen sehen lassen, sie zwang sich zum Lächeln, und

so, weil ihr trotz allem Widerstand die Augen dennoch übergingen, hob

sie sich auf den Fußspitzen empor, und unter Thränen und Lächeln

suchte sie mit ihrem Munde seinen Mund. Aufatmend, wie nach tiefer

überstandener Qual, beugte er sich zu ihr herab, und der Kuß, in dem sie

sich zusammenfanden, war wie ein gegenseitiges Versprechen, daß sie nun

ein neues Leben begründen wollten in dem alten, ausgestorbenen Hause.

Raschen Schrittes kehrten sie darauf zu dem Saale zurück, wo das

Frühstück angerichtet stand. Die warmen Speisen waren inzwischen kalt

geworden, aber das störte die Laune nicht. Auch war neben den warmen

Gerichten kalter Braten in genügender Fülle da, um sich daran satt zu

essen. Während der alte Johann die Teller wechselte, schenkte der Baron

ihr Wein ein, und sie trank ein tüchtiges Glas. Sie war nun ganz

heiter, ganz ihrem Berufe als »Sonne« treu, und der Baron, ihre »Erde«,

leuchtete in ihrem Lichte auf.

Das einzige, was sie einigermaßen hätte stören können, war der Anblick

des alten Dieners, der schweigend aufwartete und, während sie aßen und

tranken, hinter dem Stuhle seines Herrn stand.

Unwillkürlich gingen ihre Blicke von Zeit zu Zeit zu ihm hin, und immer

sah sie ihn dann in einer ganz seltsamen Haltung, regungslos, den Kopf

wie in brütendem Sinnen zu Boden gesenkt, an seinem Platze stehen.

Offenbar dachte er immer noch darüber nach, wie furchtbar und eigentlich

grundlos der Baron ihn vorhin angefahren hatte. Das that ihr so leid

um den alten Mann. Sie fühlte das Bedürfnis, ihm irgend eine kleine

Freundlichkeit zu erweisen. Zwischen Herrn und Diener war offenbar eine

Spannung; es wäre ihr so lieb gewesen, wenn sie das Verhältnis zu einem

guten hätte machen können; Menschen, die so einsam leben, wie sie drei

nun bald leben würden, müssen sich doch verstehen, dürfen nicht mit

feindseligen Gedanken umeinander hergehen.

»Aber wissen Sie, Johann,« fing sie möglichst unbefangenen Tones an,

indem sie den Kopf zu ihm erhob, »ich muß Ihnen wirklich mein Kompliment

machen, wie das Schloß im Stande gehalten ist. Da ist ja kein Stäubchen

und kein Fleckchen, und das Feuer in den Kaminen --« Sie brach im Satze

ab.

Der Alte, als er seinen Namen von ihrem Munde hörte, hatte langsam, wie

aus einem Traume zurückkommend, den Kopf erhoben und die Augen auf sie

gerichtet, und als sie seine Augen sah, konnte sie nicht weiter.

Was für Augen waren das! Stierend, bohrend, als wollten sie sich durch

ihre Augen hindurch bis in das Mark ihres Lebens hineinwühlen. Dabei

that sich, wie sie es vorhin schon an ihm wahrgenommen hatte, sein Mund

halb auf, so daß die langen Zähne sichtbar wurden, der Kopf schob sich

nach vorn, und das ganze Gesicht nahm einen Ausdruck an -- ja, was war

es nur für ein Ausdruck? Anna begriff ihn zuerst gar nicht, dann kam ihr

das Bewußtsein: das war ja Haß! Wütender Haß! Sie hing wie gebannt an

diesem Gesicht. -- Was hatte sie ihm gethan? War er so erbittert über

sie, weil sie ahnungslos die Ursache gewesen war, daß sein Herr so

heftig gegen ihn wurde?

Der Baron, der nervös aufgezuckt war, als sie sich an den Alten wandte,

hatte ihr plötzliches Verstummen bemerkt. Jetzt sah er ihr totenblasses

Gesicht und ihre verstörten Augen.

»Ist dir etwas?« fragte er.

Er faßte nach ihrer Hand; ihre Hand war eiskalt.

»Ist dir unwohl?« wiederholte er hastig seine Frage.

Sie schüttelte den Kopf. Von der Stuhllehne, an die sie zurückgesunken

war, richtete sie sich gewaltsam auf. Sie drückte seine Hand, als wollte

sie ihn beruhigen.

»Nein, nein, nein,« erwiderte sie. Ihre Stimme war gepreßt, ihre Augen

gingen zu den Büchern hinüber und von den Büchern in irgend eine Ecke.

Es war, als flüchteten sie sich, als wüßten sie nicht mehr, wo sie

hinblicken sollten. Aufzuschauen wagte sie nicht, denn da stand ja der

Alte; den Baron anzuschauen vermochte sie auch nicht, denn sie spürte,

wie die wilde Unruhe in sein Gesicht zurückkehrte. Der seltsame Raum, in

dem sie sich befand, die fremdartigen Tiergestalten in den geschnitzten

Palmen -- es war, als wenn das alles zu einem lautlosen, unheimlichen,

gespenstischen Leben erwachte, als wenn es wirklich ein verwunschenes

und verzaubertes Haus sei, in das sie sich tollkühn hineingewagt hatte,

und aus dem es nun kein Entrinnen mehr gab. Eine betäubende Angst legte

sich auf sie, es war ihr zu Mute, als würde ihr eine schwere bleierne

Haube über den Kopf gezogen.

Jählings stand sie auf.

»Ach, weißt du,« sagte sie mit taumelnder Stimme, »ich glaube, wir

möchten nach Haus fahren -- ich glaube, es wird Zeit.«

Mit einem Sprunge war er neben ihr; er hatte gesehen, wie sie wankte;

er schlang den Arm um sie; mit lastender Wucht lehnte sie an seiner

Schulter.

»Der Wagen soll vorfahren!« herrschte er dem Alten zu.

Sobald dieser hinaus war, beugte er sich zu ihr.

»Was ist dir?« forschte er voller Besorgnis, »ist dir etwas geschehen?

Hat dir jemand etwas gethan?«

Sie suchte mit den Augen umher -- der Alte war fort. Ihre Lippen

bewegten sich lallend.

»Er -- ich weiß nicht, was ich ihm gethan habe -- hat mich so

schrecklich angesehen.«

»Der Johann?«

Sie drückte das Gesicht an seine Brust.

»Um Gottes willen bleib ruhig,« bat sie. Schon hörte sie, wie die

steigende Flut in seiner Brust wieder zu rauschen begann; schon fühlte

sie, wie der Griff seiner Hand, mit der er sie umschlungen hielt, wieder

eisern wurde.

»Ich schicke ihn fort!« knirschte er.

»Nein,« flehte sie, »nicht um meinetwillen!«

»Ich jage ihn fort!« wiederholte er drohend.

Sie waren, indem er das sagte, auf den Flur hinausgetreten; er hatte so

laut gesprochen, daß seine Worte durch den ganzen Treppenraum hallten.

Am Fuße der Treppe stand der alte Johann; er hatte hören müssen, was der

Baron eben gesagt hatte. Und nun begab sich etwas Unerhörtes.

Indem der Baron mit Anna die Treppe hinabzusteigen begann, knickte der

Alte da unten in die Kniee und fiel zu Boden, beide Hände nach oben

ausgestreckt. Das Haar hing ihm wirr übers Gesicht, seine Augen waren

ganz rot; seine Brust arbeitete und sein Mund war weit offen. Aber er

brachte nichts hervor, als ein dumpfes Keuchen; mit plattem Leibe warf

er sich auf die Treppe, so daß sein grauer Kopf auf den Stufen lag.

»Jesus, Gottes Sohn --« stammelte Anna, indem sie, von Grausen gepackt,

den Arm ihres Begleiters umklammerte und ihn zum Stillstehen zwang.

Jetzt fing der Alte mit dumpfer, heulender Stimme an: »Gnädiger Herr

wollen mich fortjagen -- und ich habe gnädigen Herrn auf den Armen

getragen -- und ich bin immer mit gnädigem Herrn gewesen -- und habe

immer nichts andres gedacht, als was gnädigem Herrn gut wäre und gesund

-- und gnädiger Herr wollen mich fortjagen --«

Annas Hand krallte sich in den Arm ihres Bräutigams, sie wußte

kaum mehr, was sie that; sie fühlte, wie die Ohnmacht ihre Augen zu

verdunkeln begann.

»Sag ihm, daß du ihn behältst,« raunte sie mit fliegendem Atem; »wenn du

mich lieb hast, sag ihm, daß du ihn behältst!«

Der Baron strich mit leiser Hand über ihr glatt gescheiteltes Haar; die

Ruhe war ihm zurückgekehrt.

»Steh auf, Johann,« sagte er, »du sollst bleiben, ich jage dich nicht

fort.«

Schwerfällig raffte sich der alte Mann auf und trat an den Fuß der

Treppe zurück. Er blickte nicht auf, seine Arme hingen herab, mit der

rechten Hand wischte er den Treppenstaub von seinem Rock.

»Und hier, bei dem gnädigen Fräulein bedanke dich,« fuhr der Baron fort,

indem er mit Anna bei ihm vorüberschritt, »küß ihr die Hand, sie hat für

dich gebeten.«

Knechtisch gebeugten Hauptes trat der Alte auf Anna zu, um ihr die Hand

zu küssen. Solcher Bezeigungen ungewohnt, wollte Anna es nicht dulden.

Der Baron stieß sie heimlich an.

»Thu's,« flüsterte er ihr zu, »es muß sein!«

Nun überließ sie ihm ihre Hand, die der Diener, ohne die Augen zu

erheben, an den Mund führte.

Indem sie die gebrochene Gestalt vor sich sah, überkam sie ein wahres

Jammergefühl. Unwillkürlich drückte sie seine Hand.

»Das alles wird vorübergehen,« sagte sie mit wohlwollendem Trost, »ich

weiß ja, wie treu Sie dem Herrn Baron immer gewesen sind, und das sollen

Sie auch in Zukunft bleiben, und dann werden wir ganz gewiß gute Freunde

werden, ganz gewiß.«

Sie vermochte nicht zu erkennen, welche Wirkung ihre Worte auf den Alten

hervorbrachten; ohne aufzublicken, zog er sich zurück, und gebeugten

Hauptes blieb er stehen, bis Anna mit ihrem Begleiter auf den Hof

hinausgetreten war. Sie stiegen ein; der Wagen rollte ab, und als das

Schloß hinter ihnen lag, fühlte Anna es wie eine Erleichterung. Aus dem

Bereiche der Gespenster und Dämonen kehrte sie zu den Menschen zurück.

Von den Aufregungen erschöpft, die sie durchlebt hatte, lehnte sie blaß

und schweigend in der Wagenecke; der Baron saß gleichfalls mit seinen

Gedanken beschäftigt; so kamen sie auf der Bahnstation an, und als der

Abend einbrach, waren sie wieder in Breslau.

In seinem Coupé brachte er sie zu ihrer Wohnung; im Hausflur nahmen sie

Abschied voneinander.

»Du siehst so müde aus,« sagte er, indem er sie in die Arme nahm. »Wirst

du auch gut schlafen?«

Sie nickte stumm.

Er stand noch immer und hielt sie umschlungen; sie fühlte, wie schwer

es ihm wurde, von ihr zu gehen. Es war, als wenn er noch eines guten

Wortes, eines Trostes bedürfte. Sie nahm sich zusammen und sah ihn

freundlich lächelnd an.

»Ich werde gut schlafen,« versicherte sie, »sei ganz unbesorgt, und

morgen holst du mich ab, damit wir uns die Tapeten ansehen.«

Das gab ihm das Leben wieder. Freudig drückte er ihre Hand.

»Ja, ja, morgen komm' ich, und dann holen wir uns das neue Leben in das

alte Haus!«

Als Anna zu dem Onkel und der Tante zurückkam, saßen die beiden

alten Leute und spielten »Rabouge«, ein Kartenspiel ältester Art, das

heutzutage kaum jemand mehr kennt. Das war ihre Beschäftigung, einen

Abend wie alle Abende. Von dem jungen Mädchen, das mit leisem »guten

Abend« zu ihnen eintrat, nahmen sie so gut wie keine Notiz. Man konnte

zweifeln, ob sie überhaupt wußten, daß sie den Tag über fortgewesen war.

Anna war daran gewöhnt. Ohne weiter zu sprechen, setzte sie sich in

einiger Entfernung von den Spielenden nieder, so daß die Lampe, die

auf dem runden Tisch stand, gerade noch genug Licht für ihre Handarbeit

abgab, dann häkelte sie still vor sich hin und dachte nach.

Welch ein Kontrast! Heut am Tage das Fahrenwaldsche Schloß, und jetzt

hier diese Behausung! Daß die Wohnung ärmlich war, hatte sie wohl immer

gewußt -- wie erbärmlich sie war, fühlte sie heut abend zum erstenmal

ganz. Als sie nach Haus gekommen war, hatte sie das Behagen empfunden,

daß sie wieder in Sicherheit sei -- jetzt, da sie in Sicherheit saß,

fühlte sie, daß diese gleichbedeutend mit Oede und Langeweile war.

Hier diese dumpfen, stumpfen alten Menschen, die vom Leben nichts mehr

wissen wollten, die kein Wort, kaum einen Blick für sie übrig hatten

-- und dort drüben der Mann, der nur ein Verlangen hatte, aus Nacht

und Grauen ins helle gesunde Leben zu gelangen, der nach ihrer

Persönlichkeit lechzte, wie der Verschmachtende nach dem Wasser!

Als sie heute mittag auf Schloß Fahrenwald beim Frühstück gesessen

und das Todesgrauen empfunden hatte, mit dem all das Unverständliche,

Unbegreifliche über sie herfiel, war der Gedanke in ihr aufgestanden,

daß es ihr unmöglich sein würde, dort in Zukunft zu leben, daß sie

das Verhältnis mit Eberhard von Fahrenwald abbrechen müsse -- jetzt

verblaßten die Schrecken und das Schöne blieb.

Sie dachte an den Park zurück, den herrlichen, walddunkeln, waldtiefen

Park, und vergegenwärtigte sich, wie schön es sein würde, wenn er im

Frühling, Sommer und Herbst ihr zu Häupten rauschte. An die Räume des

Schlosses dachte sie, die schweigenden, feierlichen Gemächer, an die

Bilder der Männer und Frauen, mit den edlen leidvollen Gesichtern. War

es ihr nicht, indem sie an sie dachte, als wenn sie die Lippen aufthäten

und sprächen: »Fürchte dich nicht vor uns -- wir sind nur unglücklich,

nicht böse.« War es nicht, als zeigten sie mit den stummen dunklen Augen

auf ihn, den Letzten ihres Stammes, und als sprächen sie: »Hilf ihm --

nur du kannst ihm helfen -- und auch er ist nicht böse.«

Ach -- ob sie es wußte, daß er nicht böse war!

Als sie am späteren Abende ihr Schlafkämmerchen aufgesucht hatte, lag

sie knieend vor ihrem dürftigen Bett, die gefalteten Hände in die Kissen

gestützt, bitterlich weinend.

Es war ihr, als stände er vor ihr und sähe sie an mit den schwermütigen,

bittenden Augen, als hätte er in ihrem Herzen die Gedanken gelesen, die

ihm die Treue gebrochen hatten, und als müßte sie ihm abbitten, alles

was sie gedacht.

»Nein, nein, nein, ich will dich nicht verlassen! Furcht und Feigheit

sollen nicht stärker sein in mir, als die Liebe in deinem gütigen,

geliebten Herzen! Was auch das Leben bringen mag, an deiner Seite will

ich ihm entgegengehen -- das will ich -- ja.« Und während ihre Lippen

noch das beteuernde »ja« sprachen, sank ihr Köpfchen in die Kissen

zurück, und sanft und ruhig schlief sie ein.

Am nächsten Vormittage, seinem Versprechen getreu, erschien der Baron,

um Anna abzuholen.

Bei drei Tapetenhandlungen fuhr man vor, und alle drei Lager wurden von

oben bis unten durchstöbert, bis man das Muster gefunden hatte, das für

die beiden Zimmer als das passendste erschien; eine weiße Tapete

mit blaugoldenen Frucht- und Blumenstücken für das Wohngemach, eine

himmelblaue für das Schlafzimmer; beide das Lieblichste, Freundlichste,

was man sich denken konnte. Anna war ganz erschöpft, der Baron zeigte

keine Spur von Müdigkeit.

»Jetzt,« meinte er, »sollten wir gleich noch an die Möbel denken.«

Anna verweigerte lachend den Gehorsam.

»Morgen,« sagte sie, »das hat Zeit bis morgen.«

»Gut, so wollen wir jetzt aber frühstücken.«

Es half ihr nichts, daß sie auf das nah bevorstehende Mittagessen

verwies.

»Ach was, dein Onkel und deine Tante können auch ohne dich essen.«

Er war ganz ausgelassen, ganz glücklich, daß er das geliebte Wesen

einmal in seiner Gewalt hatte.

So mußte sie ihm zu einem Restaurant folgen, und es war natürlich nicht

das schlechteste von Breslau. Dort tafelten sie.

Als sie auf die Straße hinaustraten und den Wagen wieder bestiegen,

glühte Annas Gesicht und ihr Köpfchen sank ganz schwer zurück.

»Aber Eberhard,« sagte sie, »du hast mich ganz betrunken gemacht mit dem

vielen Champagner.«

Sie lächelte, ihre Augen hatten einen schwimmenden Glanz; indem sie

sich lässig in die Wagenkissen zurücklehnte, war eine Auflösung in ihrer

ganzen Gestalt, wie er sie noch nie an ihr gesehen hatte.

Er schlang den Arm um sie und küßte sie mit einer Glut, wie nie zuvor.

»Weißt du,« sagte er, »das ist köstlich. So wollen wir es jetzt alle

Tage machen; so reizend wie heut bist du mir noch nie erschienen.«

Ihr Körper lag warm und weich in seinen Armen; das nachgiebige

Widerstreben des jungen Leibes verlieh ihm eine berauschende

Lebendigkeit; es war das erste Mal, daß das Blut der beiden Menschen zu

einander zu sprechen begann.

Am nächsten Tage ging es in gleicher Weise durch alle Möbelhandlungen

der Stadt, und endlich war ein Mobiliar für die beiden Zimmer ausfindig

gemacht, so zart und duftig, als wären die Gemächer für eine Elfe

bestimmt. Das Frühstück durfte natürlich auch heut nicht fehlen, und so

folgte nun ein Tag dem andern.

Der Baron war unerschöpflich in der Erfindung von Notwendigkeiten.

An Teppiche war ja noch gar nicht gedacht worden, und als auch diese

besorgt waren, fiel es ihm ein, daß Portieren über den Thüren, Gardinen

und Vorhänge vor den Fenstern fehlten.

Anna ergab sich lachend. Der Rausch, der ihn erfüllte, teilte sich ihr

allmählich mit; die täglichen Rundfahrten und Einkäufe fingen an, ihr

gar nicht übel zu gefallen. Es war ja, als wenn sie das Märchen vom

»Tischlein deck' dich« leibhaftig erlebte; kaum daß sie einen

Wunsch gedacht hatte, war er schon erfüllt. Und wie unter seinen

leidenschaftlichen Küssen ihr Blut in immer heißeren Wellen zu rollen

begann, war es, als reckte und streckte sich ihre ganze Persönlichkeit;

aus der unscheinbaren Hülse des kleinen Mädchens blühte die Jungfrau

auf.

An einem dieser Tage, als sie durch Blumen- und Samenhandlungen

gestreift waren, um Sämereien für den Garten zu kaufen, und nun wieder

im Wagen saßen, rückte er, den Arm um sie geschlungen, dicht an sie

heran.

»Weißt du,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nun hätte ich eine große Bitte.«

Sie lächelte vor sich hin; sie wußte ja, daß, um ihm etwas zu geben, sie

nur still zu halten brauchte und zu nehmen.

»Was denn also?« fragte sie.

»Siehst du, ich habe mir das in meiner Phantasie so ausgedacht: Wenn ich

dich so in den Armen halte und an mir fühle, komme ich mir vor, wie ein

Gärtner, der eine Blume groß zieht. Den Winter hindurch hat meine Blume

ihr altes, unscheinbares Gewand getragen, aber nun wird es Frühling,

siehst du, und da ist es doch in der Natur geboten, daß sie sich anders

und reicher und schöner kleidet? Nicht wahr?«

Anna senkte die Augen und sah stumm an sich hernieder. Aermlich genug

war sie ja freilich angezogen.

»Und siehst du,« fuhr er fort, »was ich dich nun bitten wollte: daß

wir morgen in Kleiderhandlungen und Modemagazine gehen und uns Stoffe

aussuchen zu Kleidern für dich, wie sie dir gefallen und am besten

stehen?«

Sie errötete in Scham.

»Aber Eberhard,« erwiderte sie leise, »für seine Ausstattung muß doch

ein jedes Mädchen selbst sorgen!«

Indem sie das aber sagte, fragte sie sich im stillen, wer denn ihre

Ausstattung besorgen sollte. Der Onkel und die Tante etwa? Oder

sie selbst, aus ihrem eigenen Vermögen? Ja, wo war denn ihr eigenes

Vermögen?

»Nein, siehst du,« nahm er wieder eifrig auf, »das ist mit uns etwas

ganz andres. Das hab' ich dir ja gesagt, daß du das Licht in meinem

Leben bist, und ein Licht, siehst du, das muß man sich selbst anzünden.

Und sein Glück muß man sich selbst erschaffen, wenn's ein echtes Glück

sein soll und einem Kraft und Mut verleihen soll. Und darum, verstehst

du, wenn ich dich so von Kopf bis zu den Füßen einkleide in Stoffe, die

ich dir geschenkt habe, dann wird mir zu Mute sein, als hätte ich mir

die ganze geliebte Gestalt, die dann vor mir steht, selber erschaffen,

und das wird mir dann eine solche Kraft und Wonne und Seligkeit

verleihen, und das wirst du mir nicht verweigern. Nicht wahr? Nicht

wahr?«

Sie vermochte nichts zu erwidern. Anfänglich, als sie nur Mitleid mit

dem Mann gefühlt hatte, der um ihre Liebe flehte, war nur ihre Seele

wach gewesen; jetzt, da er stark und fröhlich war und sie am lebendig

klopfenden Herzen hielt, waren auch ihre Sinne erwacht. Sie hatte

angefangen, sich in ihn zu verlieben, und in dem großen Strome des

süßen, unbestimmten Gefühls trieb sie willenlos dem Manne zu. Sie

drückte ihr erglühendes Gesicht an seinen Hals.

»Thu, wie du willst,« flüsterte sie.

Und nun war es, als wären alle diese Besorgungen nur Vorbereitungen für

das Eigentliche und Wahre gewesen.

Die Seidenwarenlager wurden förmlich geplündert, und als sie damit

fertig waren, wollte er sie in Wäschehandlungen führen. Dem aber

widersetzte sie sich.

»Ich müßte mich ja zu Tode schämen, wenn mich ein Mann dabei

begleitete.«

Er fügte sich ihrem Willen. Aber sie mußte versprechen, daß sie sich

das schönste Linnen, die zartesten seidenen Strümpfe und das zierlichste

Schuhwerk kaufen wollte. Die Rechnungen sollten auf ihren Namen

geschrieben werden, er würde sie bei ihr abholen und alles abmachen.

Wenn sie nicht gewußt hätte, daß er reich war, so hätte sie ihn für

einen rasenden Verschwender halten müssen.

Ganze Ballen von Seidenstoffen und Leinen liefen nun bei Anna ein;

vierzehn Tage lang wurde geschneidert und geschustert, als gälte es, den

Brautstaat einer jungen Königin fertigzustellen; der Onkel und die Tante

gingen mit dumpf verblüfften Gesichtern umher und wußten nicht, was sie

sagen sollten. Anna wußte es selber kaum; die Welt war nicht mehr die

Welt.

Der Baron ließ sich in diesen Tagen nur von Zeit zu Zeit sehen, und

wenn er kam, war er in fliegender Hast. Er war jetzt vielfach auf dem

Schlosse draußen, wo die Zimmer für Anna eingerichtet wurden. So oft

er bei ihr in der Stadt erschien, wurde er rasch wieder

hinauskomplimentiert -- Frauen, die in solcher Thätigkeit stecken,

können Männer nicht brauchen. Gegen Ende der vierzehn Tage aber, als sie

ihn auf den Flur hinausbegleitete, hielt sie ihn an der Hand fest.

»Heute abend,« sagte sie leise, mit lieblichem Erröten, »wird das

crèmefarbige Seidenkleid fertig, das du so besonders gern magst. Es hat

einen sehr hübschen Schnitt und wird mir vielleicht leidlich stehen.«

Sie beugte sich näher zu ihm.

»Wenn du willst, kannst du morgen mittag kommen, und ich will mich dir

zeigen.«

Er schloß sie an die Brust, als wollte er sie erdrücken.

»Du Engel,« erwiderte er.

Ein Glutstrom floß aus seinen Augen. Dann riß er sich los, eilte die

Treppe hinab, kehrte vom Absatz noch einmal zurück, schloß sie noch

einmal wie rasend in die Arme und schoß dann zum Hause hinaus.

Anna begriff kaum, was ihn so erregt hatte; aber die Glut, die

ihn erfüllte, setzte auch sie in Feuer, und als das Kleid am Abend

angekommen war, beschloß sie, sich am nächsten Vormittage recht schön

für ihn herauszuputzen.

Es war das erste Mal im Leben, daß sie sich in so kostbare Stoffe

hüllte. Sie schloß sich in ihr Schlafkämmerchen ein und kleidete

sich von Kopf bis zu Füßen um, weil es sie nun doch gelüstete, die

neuangeschafften Sachen wirklich einmal zu probieren.

Wie das alles anders war als das, was sie bisher getragen hatte! Wie

grob das Hemd war, das sie auszog, und wie weich sich das neue zarte

Linnen um ihren Leib schmiegte! Und die seidenen Strümpfe, in die ihre

Füßchen, nachdem sie die alten baumwollenen abgestreift hatte, beinahe

schüchtern hineinschlüpften, als wagten sie gar nicht zu glauben, daß

sie wirklich da hinein gehörten! Sie saß ganz schamrot auf ihrem Stuhl

und kicherte vor sich hin, wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes thut und

jeden Augenblick gewärtig ist, daß es ertappt und ausgescholten werden

wird. In den Spiegel zu sehen, hatte sie noch kaum gewagt, auch befand

sich in ihrem Schlafzimmer nur ein kleiner Handspiegel, der ihr

nicht sagen konnte, ob das Kleid ihr saß. Dazu mußte sie in das

Gesellschaftszimmer gehen, wo zwischen den Fenstern ein größerer

Wandspiegel angebracht war.

Als sie nun hier, die Bänder an ihrer Taille zurechtzupfend, vor dem

Spiegel, mit dem Rücken gegen die Thür stand, wurde diese von außen

aufgerissen und auf der Schwelle erschien der Baron. Sie sah, wie er

stehen blieb und ihre Gestalt mit den Augen verschlang; in seinem Blick

war eine verzehrende Gier. Anna sah wirklich niedlich genug aus.

Das Kleid war tief ausgeschnitten, am oberen Rande und an den

Aermel-Oeffnungen mit einem Spitzenbesatze eingefaßt, und aus den zarten

Spitzen quollen die runden, weichen Schultern, die nackten Arme in

jugendlicher Fülle hervor.

Sie wollte ihn bedeuten, daß er sich noch einen Augenblick gedulden

müsse, aber bevor sie dazu gekommen war, stand er schon hinter ihr,

und gleichzeitig fühlte sie sich von seinen Armen umfaßt, vom Boden

emporgehoben und mit einer Gewalt, wie von einem Orkane, an seine Brust

gerissen. Ihre Schultern, ihr Nacken und ihr Hals loderten unter seinen

Küssen.

»Du zerdrückst mir ja das ganze Kleid,« wandte sie ein. Der Ueberfall

war ihr zu jäh gekommen; sie sträubte sich in seinen Armen, aber

er hörte nicht auf ihre Worte, achtete nicht auf ihre sträubenden

Bewegungen; in der Art, wie er mit ihr umging, war etwas Gewaltsames.

Seine Liebkosungen hatten etwas Erstickendes, Erdrückendes,

Zermalmendes; seine Küsse fühlten sich an, als wenn er am liebsten in

Annas Fleisch hineingebissen hätte.

Den einen Arm hatte er unter sie geschoben, so daß sie halb darauf saß,

mit dem andern drückte er ihren Oberleib an seine Brust, ihr Gesicht an

sein Gesicht, und so, indem er sie in seinen riesenstarken Armen wie ein

Kind, wie eine Puppe, ein Spielzeug drückte, preßte und trug, ging er

mit ihr im Zimmer auf und ab, dumpf abgerissene Laute von sich gebend,

wie trunken, beinah wie sinnlos.

Er merkte gar nicht, wie peinvoll dem jungen Mädchen die Lage wurde, in

der sie sich befand, wie keuchend ihre Brust sich hob und senkte, weil

sie, an ihn gepreßt, kaum noch Luft zum Atmen fand. Endlich warf sie mit

äußerster Anstrengung den Kopf zurück, stemmte beide Hände gegen seine

Brust und »laß mich los!« stieß sie wie in Verzweiflung hervor.

Der Ton kam so rauh, so zornig heraus, daß er erschrak. Er hielt in

seinem Auf- und Niedergehen inne, sah ihr ins Gesicht und sah, daß sie

die Augen geschlossen hatte.

Nun ließ er sie aus den Armen gleiten; sie warf sich in den Lehnstuhl,

der ihr zunächst stand, drehte sich mit ganzem Leibe von ihm ab, legte

beide Arme auf die Lehne des Sessels, das Gesicht auf die Arme, und

brach in schluchzendes Weinen aus.

Das wandernde Licht: Novelle · 第 6 / 8 题