Sie lächelte leise. »Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?«

Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als

fürchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun.

»Dich glücklich machen,« sagte er.

Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfüllten Herzens hervor,

daß das junge Mädchen unwillkürlich an seine Brust sank.

»Du guter Mann,« sagte sie. Ihre Augen suchten die seinen. Er hielt sie

in den Armen, seine Hände strichen leise an ihren Seiten hinunter.

»Siehst du,« sagte er, »indem ich dich so halte, ist mir, als wäre der

ganze liebe Körper und alles, was darinnen ist, ein Gefäß, ein zartes,

zerbrechliches, und daß es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute

daran. Nun darf ich an nichts mehr denken, als daß es in meinen Händen

nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst du, nun will

ich in das Gefäß hineinthun alles, was der Mensch sich für den Menschen

ausdenken kann an Gutem und Glücklichem. Und wenn wir da draußen auf

meinem Gute leben, das nun auch dein Gut ist, wir beide ganz allein,

jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach deinem lieben

Gesichte sehen; und du brauchst mir nie zu sagen, daß du mich liebst,

das verlange ich nicht, nur ob du glücklich bist, will ich in deinem

Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, siehst du, dann werde ich

glücklich sein, glücklich, o -- so glücklich.«

Seine Worte erstarben in einem tiefen leisen Flüstern. Sie hielt das

Haupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer länger lauschen; als er

schwieg, richtete sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme

um ihn her.

»Wie, soll ich dir denn nicht sagen, daß ich dich liebe,« sprach sie,

und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, »da ich dich jetzt schon

liebe, von ganzer Seele, du teurer, du geliebter Mann.«

Sie hielten sich schweigend umschlungen, dann richtete sie sich auf.

»Komm,« sagte sie, »nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen.«

Sie faßte ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thür des Nebenzimmers,

die sie öffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblüfft

stehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten.

Mit einem ruhigen Lächeln sah sie sie an.

»Lieber Onkel,« sagte sie, »liebe Tante, ich teile euch mit, daß ich

mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe.«

Am Nachmittag erst verließ der Baron seine Braut und deren Angehörige.

Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte,

sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her

ging; es war sein Diener, der alte Johann.

Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf

herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und

stand wie angewurzelt.

»Was soll denn das?« fragte der Baron. »Ich hatte dir doch gesagt, daß

du mich nicht begleiten solltest.«

Der Alte lüftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen.

»Gnädiger Herr blieben so lange --« erwiderte er.

Der Baron lachte. Er war in so fröhlicher Stimmung, daß er sich über

nichts geärgert hätte, am wenigsten über die übertriebene Sorgfalt

seines alten Dieners.

»Hast gedacht, mir wäre ein Unglück passiert?« meinte er. »Na, du kannst

dich beruhigen.«

Er ging die Stufen vollends hinunter und schlug ihn auf die Schulter.

»Will dir eine Neuigkeit sagen, Johann, ich habe mich verlobt.«

Der Alte riß die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurück; der Mund

stand ihm halb offen.

»Das Fräulein -- da oben, im zweiten Stock?« stotterte er.

»Jawohl, das Fräulein da oben, im zweiten Stock,« erwiderte gutlaunig

der Baron. »Und nächster Tage ist die Hochzeit.«

Er wandte sich nach der Hausthür, und indem er ihm den Rücken drehte,

konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rücken für ein

merkwürdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wütenden, geradezu giftigen

Blick nach der Treppe, die das Haus hinaufführte, dann glättete er mit

dem Aermel seines Ueberrocks den Cylinderhut, den er noch in der Hand

hielt, und während er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der

sich plötzlich in eine schwere Notlage versetzt sieht und Mittel und

Wege überdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stülpte er den Hut mit

einem Rucke auf, biß die Zähne aufeinander und folgte seinem Herrn.

Die Hausthür fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wütend ins Schloß

geworfen hatte.

Am nächsten Tage ging bei Anna ein Brief ein.

Sie erhielt selten Briefe und zögerte ein Weilchen, den Umschlag zu

öffnen. Die Handschrift war ihr nicht bekannt und sah so sonderbar

aus; man hätte kaum sagen können, ob sie von einem gebildeten oder

ungebildeten Menschen herrührte.

Endlich entschloß sie sich, und nun las sie folgende Zeilen:

»Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, daß der Mensch,

mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrückter ist?«

Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:

»Ein Wissender.«

Anna hielt das widerwärtige Blatt in den Händen. Was sollte sie thun?

Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man

gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein

Geheimnis vor ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht

möglich. Durfte sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon

er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen hoffte, ihm in so

roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?

Sie faßte sich kurz, riß den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und

steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.

Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er

sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart

der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte.

Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden

zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!

Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif,

der einen Brillanten umfaßte. Mit schüchternem Erröten ließ sie sich den

Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte,

um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron

schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen

hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein

und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst

leuchtete ihr entgegen.

»Aber nein!« erklärte sie, »nein, nein, das geht ja nicht, daß du mich

so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!«

Er sah glücklich lächelnd zu ihr hinüber.

»Aber Anna,« sagte er, »weißt du denn nicht, daß ich mich beschenke,

wenn ich dir ein Geschenk mache?«

Sie mußte es sich gefallen lassen, daß er ihren Arm ergriff und ihr das

Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war rot und

aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hände des jungen

Mädchens in der Hauswirtschaft mitarbeiten mußten. Anna deutete mit den

Augen darauf hin.

»Sieh doch nur selbst,« sagte sie: »für solche Hände paßt doch ein so

wundervolles Armband gar nicht.«

Der Baron hob ihre kleine gerötete Hand empor.

»Das ist Anna von Glassner,« sagte er. Dann schob er den Aermel ihres

Kleides so weit zurück, daß die weiße, zarte Haut des Armes sichtbar

wurde.

»Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus,« fügte er lächelnd

hinzu. »In einigen Tagen sind auch die Händchen so weiß und zart wieder,

wie das.« Er drückte die Lippen auf ihren entblößten Arm und schob das

Armband so hoch hinauf, daß es auf der weißen Haut lag.

»Siehst du,« sagte er, »wie gut es sich hier ausnimmt!«

Sie mußte lächelnd zugestehen, daß er recht hatte, und dann siegte die

weibliche Freude am Schmuck über alle ihre Bedenken.

Mit leuchtenden Augen fiel sie ihm um den Hals.

»Du wirst mich noch so verwöhnen, daß ich ganz hochmütig und schlecht

werde.«

Er hielt sie an sich gedrückt.

»Sei was und wie du willst, nur sei glücklich.«

Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, daß die Hochzeit möglichst

bald stattfinden sollte.

»Wie ist es denn?« fragte er, »möchtest du eine Hochzeitreise machen?«

Anna lächelte.

»Nicht wahr,« sagte sie, »das ist doch dein Park, den sie das

Schlesische Paradies nennen?«

»Wirklich?« erwiderte er, »davon habe ich ja noch gar nichts gewußt.«

»Ja, ja,« versicherte sie, »er soll ja auch wunderschön sein!«

»Nun, er ist groß genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bißchen

verwahrlost.«

Sie legte die Hände auf seine Schultern.

»Und da fragst du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem

Schlesischen Paradies reise ich mit dir und da bleiben wir.«

»Das wolltest du? Wirklich?« Man sah ihm die Freude an, die ihre

Entscheidung ihm bereitete.

»Aber daß du nur keinen Schreck bekommst,« fuhr er fort, »wenn du da

hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst du. Ich habe da ganz allein

mit meinem alten Johann gehaust.«

»Ach Gott,« versetzte sie, »das denke ich mir ja gerade so wunderschön!

Siehst du, ich bin ja auch mein Leben lang so allein gewesen, so an die

Einsamkeit gewöhnt. Nun richten wir uns das alte schöne Schloß ein, wie

es für uns beide paßt, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr,

den Park gibst du in meine Obhut? Ich denke mir das so köstlich,

Gärtnerin zu sein!«

Sie war ganz lebhaft geworden; ihr Gesicht glänzte. Der Baron sah sie

hingerissen an. Vor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten

Bilder: er sah seine junge Frau durch die düsteren Räume des alten

Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im

Park umherschalten, anmutig zur Arbeit aufgeschürzt, und Haus und Garten

wurden jung und lebendig und schön unter ihren Händen und seine Seele

ward jung und freudig und stark in ihrer geliebten Nähe.

»Alles soll so sein, wie du es sagst,« rief er jauchzend, indem er sie

an sein Herz drückte, »sobald das Wetter einigermaßen wird, fahren wir

hinaus und ich zeige dir alles, und dann kommen wir zurück und kaufen

Tapeten und Möbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken

kann. Und nachher, da leben wir da draußen zusammen, wie auf einer Insel

im weiten Meer. Wir beide ganz für uns, und fragen nach keinem Menschen

und nach keiner Welt!«

Er war wie trunken von Freude, als er sie endlich verließ, und auch

vor Annas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land

emporzusteigen.

Am nächsten Tage aber erhielt ihre fröhliche Stimmung einen Stoß. Genau

zu der Stunde, an der gestern der anonyme Brief gekommen war, erschien

heute, von derselben Hand verfaßt, ein zweites Schreiben.

Gar nicht erst aufmachen, sondern ohne weiteres in den Ofen stecken, das

war Annas erstes Gefühl -- aber die Neugier war stärker als die Wallung

der Vernunft, und sie folgte dem verhängnisvollen Triebe, der in uns

ist, Dinge, von denen wir wissen, daß sie uns gräßlich widerwärtig sein

werden, daß sie unsern Seelenfrieden stören werden, recht genau und in

der Nähe anzusehen.

Das, was sie heute las, war dies:

»Haben Sie denn das Verhältnis noch nicht gelöst? Noch immer nicht?

Bedenken Sie sich, es wird Zeit! Es wird hohe Zeit!!!«

Diesmal war der Brief unterschrieben »der Warner«. Nun nachdem sie

gelesen, stand sie da und bereuete, daß sie gelesen hatte. Es war ihr zu

Mute, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt hat und das

trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreißen und

in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin

gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes;

beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schluß, und die

Unterschrift war mit ganz merkwürdigen Schnörkeln verbrämt und verziert.

Das Ende ihres Ueberlegens war, daß auch dieser Brief in Fetzen ging und

in den Ofen wanderte.

Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob

heute auch der Briefträger erscheinen würde. Und richtig, als die Stunde

schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Händen. Heut

überlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit

einer Art von Heißhunger fiel sie darüber her.

Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute »Prüfer von Herz und

Nieren«; das, was er verkündete, lautete folgendermaßen:

»Verblendete!! Das gefällt Ihnen wohl, daß der unglückselige Mensch

Sie mit Schmuck und Flitter überhäuft? Wollen Sie denn mit Gewalt

blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, daß er ein

Wahnsinniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!«

Ein unheimlicher Schauder überlief Anna, als sie diese Worte las. Es

klang wie eine dumpfe Wut daraus, eine Wut gegen sie und zugleich gegen

ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, daß der Baron

sie überraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu

vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken können, als

er eintrat, und sie mußte sich beinahe Zwang anthun, um dem Bräutigam

unbefangen und heiter entgegenzugehen.

Als er aber jetzt, vergnüglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem

eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine große Schachtel zum

Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtvolles Perlenhalsband

erblickte, fuhr sie zurück, und diesmal war es nicht Schüchternheit noch

Bescheidenheit, was sie zurückfahren ließ, sondern Schreck, wirklicher,

wahrhaftiger Schreck.

Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die

schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden

konnte ja nur ein Wahnsinniger!

Mit hängenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf

den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag,

entgegengleißte.

Der Baron hielt den geöffneten Schrein mit beiden Händen vor sie hin und

lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und

sah in ihrer Starrheit nur das hülflose Staunen der Armut, die sich

plötzlich vom Reichtum überflutet sieht.

»Aber Anna,« sagte er endlich, als sie noch immer wie leblos vor ihm

stand, »freust du dich denn gar nicht ein bißchen?«

Sie hörte wieder den Ton seiner Stimme, sie blickte auf und sah

sein Gesicht mit einem Ausdrucke unsäglicher Güte und Liebe auf

sich gerichtet, und plötzlich brach sie in Thränen aus und fiel ihm

schluchzend um den Hals.

Dieser Ueberschwall von Gebensfreudigkeit -- das sollte alles nur eine

Ausgeburt des Wahnsinns sein? Dieser Mensch, der sich auflöste, nur um

ein Lächeln auf ihrem Gesicht hervorzurufen, das sollte ein Verrückter

sein? Nein, nein, nein! Und sie drückte das Gesicht an seinen Hals und

schüttelte, wie in Verzweiflung, das Haupt.

Der Baron stand ratlos. Diese Thränen sahen doch gar nicht wie Uebermaß

von Freude, sondern wie echter Schmerz aus. Bevor er aber noch zu Worte

kommen konnte, fing sie an.

»Eberhard,« sagte sie, indem sie die Arme von seinem Halse löste,

»siehst du, es ist ja so himmlisch gut von dir, und ich bin dir ja so

maßlos dankbar für alles, aber ich bitte, ich beschwöre dich, laß es

genug sein, schenke mir nichts mehr.«

Die Heiterkeit wich von seinem Gesichte.

»Ich hatte geglaubt,« sagte er langsam, »es würde dir Freude machen --

und nun willst du es gar nicht haben?«

Er schickte sich an, den Schrein zu schließen, und dabei sah er so

kummervoll aus, daß ein reißender Schmerz durch ihre Seele ging.

»Nein, nein,« rief sie, »ich will es ja nehmen, gern nehmen, und ich bin

dir ja so, so dankbar dafür, aber ich wollte ja nur sagen: dann nichts

mehr, Eberhard. Laß es damit genug sein, bitte, versprich es mir, bitte,

bitte!«

Er drückte den Kasten ins Schloß und sah sie an, als begriffe er nicht,

was sie wollte.

Sie faßte seine Hand mit beiden Händen.

»Siehst du,« sagte sie, »du mußt doch bedenken, daß ich an so etwas

nicht gewöhnt bin; du weißt ja doch, daß ich ganz arm bin; ich habe

doch früher nie Schmuck getragen, und an so etwas muß man sich doch

allmählich gewöhnen. Und wenn das dann so mit einemmal, so massenhaft

kommt, siehst du, Eberhard, lieber guter Eberhard, das mußt du dir doch

selbst sagen, daß einen das geradezu ängstigt. Das erstickt einen ja und

erdrückt einen und das hält man gar nicht aus.«

Ihre Worte waren hastig erregt von ihren Lippen gekommen, aber sie

beruhigten ihn. Er entnahm daraus, daß es wirklich nur die Armut in ihr

war, die vor dem plötzlichen Reichtum erschrak.

»Du liebes, bescheidenes Kind,« sagte er zärtlich, indem er den Arm um

sie legte, »ich glaube wirklich, du hast vollkommen recht, und es war

falsch, daß ich zu rasch gewesen bin. Aber du weißt ja doch, warum ich

es gethan habe und bist mir nicht böse?«

»Ich -- dir böse sein --« erwiderte sie stockend, und die Thränen

drängten ihr von neuem empor, so daß sich ihr die Kehle zuschnürte.

Er stellte den Schmuckkasten auf den Tisch.

»Also mag er da bleiben,« sagte er, indem er seinen Ton zur Heiterkeit

anstrengte, »und vorläufig genug damit.«

Sie blieben dann noch eine Zeit lang bei einander, aber eine unbefangene

fröhliche Stimmung wollte nicht mehr recht aufkommen. Der Vorgang von

vorhin wirkte in beiden nach, und zwischen ihnen, auf dem Tische stand

der verhängnisvolle Schmuckkasten, der an dem allen schuld war.

Am nächsten Tage blieb Anna verschont; es lief kein Brief ein. Als der

Baron indessen erschien, lag ein Schatten auf seinem Gesicht und in

seinen Augen war ein dumpfes Glühen.

Anna erschrak einigermaßen, als sie ihn sah; sein Ausdruck war so anders

als an den vergangenen Tagen.

Sie forschte nach dem Grunde seines Mißmuts, aber er wollte nicht mit

der Sprache heraus.

»Bist du mir böse wegen gestern?« fragte sie endlich, indem sie sich

neben ihn setzte.

Er strich mit freundlicher Hand über ihr Haar.

»Nein, gar nicht, lieber Engel,« sagte er, »verlaß dich darauf, gar

nicht.«

Sie fragte nicht weiter, sie wollte nicht in ihn dringen, aber ihre

Augen blieben stumm besorgt an ihm hängen.

»Ach weißt du,« sagte er endlich, indem er sich aus seinem Brüten

aufraffte, »es ist wirklich gar nicht der Mühe wert, und es ist unrecht,

daß ich dich damit quäle. Ich habe einen Auftritt mit meinem Diener

gehabt, das ist die ganze Geschichte.«

Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Anna folgte ihm von

ihrem Sitze aus mit den Blicken.

»Mit deinem alten --«

»Mit meinem alten Johann, ja.«

»Aber ich denke,« wandte sie ein, »er ist dir so treu und ergeben?«

»Freilich ist er das,« gab er zur Antwort, »treu beinah bis zum

Uebermaß, und das ist es ja eben --« er brach mitten im Satze ab und

wanderte wieder schweigend auf und nieder.

»Siehst du,« fuhr er nach einer Weile fort, »solche alten Diener, die

man vom Vater überkommt, die einen als Kind auf dem Arm getragen haben,

die einen immerfort begleitet haben, sind ja einerseits ein Schatz,

und darum kann man sie nicht so aus dem Hause schicken, wie man es

vielleicht mit andern machen würde.«

Ein Zucken ging über sein Gesicht und in seinen Augen flimmerte es, wie

die Erinnerung an einen schweren Grimm, den er durchgemacht hatte.

»Du wirst doch nicht an so etwas denken!« sagte Anna, indem sie

aufstand. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, wie notwendig ihm die

stetige Begleitung eines treuen, mit seiner Natur vertrauten Menschen

sein mochte.

»Ich denke ja nicht daran,« versetzte er, »nur das wollte ich sagen,

siehst du, solche alten Diener werden andrerseits auch manchmal zu

einer Art von Last. Sie wollen den Haushofmeister, gewissermaßen den

Schulmeister spielen, und das -- na, indessen --« er brach wieder ab.

»Lassen wir die dumme Geschichte; sie ist abgethan und, wie gesagt, gar

nicht der Rede wert.«

Anna war zu ihm herangetreten und sah ihm bittend in die Augen.

»Mir zuliebe,« sagte sie, »sei geduldig mit dem alten, treuen Menschen;

er meint es gewiß so redlich und gut mit dir.«

Der Baron blickte mit einem eigentümlichen Lächeln auf sie nieder.

»Das sagst du,« erwiderte er langsam. Seine Lippen bewegten sich,

als wollte er noch etwas hinzusetzen; aber er sprach es nicht aus.

Allmählich aber, indem seine Augen auf ihrem Gesichtchen ruhten, kehrte

der Ausdruck stiller Zufriedenheit in seine Züge zurück.

»Du bist ein Engel,« sagte er, »und so gut, wie du selbst es gar nicht

weißt.«

Bald darauf verließ er sie.

Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten

Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen

merkwürdigen, schrecklichen Auftritt.

In sein junges Glück versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht auf den

Alten gegeben, sonst hätte es ihm auffallen müssen, daß dieser seit

dem Tag, als er mit ihm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner

wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte.

Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut

zu begeben, schlich der Alte geräuschlos hinter ihm drein. Dem

Juwelierladen gegenüber, in den er seinen Herrn eintreten sah, auf der

andern Seite der Straße, stellte er sich auf und wartete, bis der Baron

wieder herauskam; und wenn dieser zu Annas Hausthür gelangt war, ahnte

er nicht, daß wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit

Augen verfolgte -- mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden

Tieres hatten. Wenn er alsdann in die Behausung zurückgekehrt war, wo

er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein geräumiges Zimmer angewiesen war,

setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und

dort saß er Stunden und Stunden lang. Er aß nicht, er trank nicht, er

rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brüten. Die

einzige Thätigkeit, zu der er sich aufraffte, war, daß er sich alsdann

erhob, eine große Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder

herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da

schrieb -- niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an

seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfältig die Thür seines Zimmers

ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn das Papier, worauf er

schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das

Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glühenden

Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Couvert, das er

mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schloß er alsdann seine

Thür wieder auf, steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich

überzeugt hatte, daß niemand ihn hörte und sah, schlüpfte er behutsam

aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nächsten Briefkasten

zu stecken.

Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam, die Lampen in seinen

Gemächern bereits angezündet, alles zu seinem Empfange bereit, und den

alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen,

ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewöhnt

war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der

Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, daß der

Alte, nachdem er sich zurückgezogen hatte, draußen auf dem Flur

stehen blieb, lautlos an die Thür gepreßt, hinter der sein Herr saß,

stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen plötzlich ein

verdächtiges Geräusch, irgend etwas vernehmen würde, das ihn nötigte,

zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wußte ja doch, daß da drinnen

ein Wahnsinniger saß und daß es sein Beruf und seine Pflicht war, den

Wahnsinnigen zu bewachen.

An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrühstückt und darauf

dem Diener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei,

hatte dieser sich, im Bewußtsein seiner Pflicht, ein Herz gefaßt und

beschlossen, mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden.

Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher

steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und

Bein. Aber es mußte sein, es mußte.

Den Pelz seines Herrn in den Händen, trat er in das Zimmer ein; als der

Baron aber in den Mantel fahren wollte, ließ der Diener ihn sinken.

»Gnädiger Herr wollen mir eine unterthänige Frage erlauben -- gehen

gnädiger Herr wieder zu dem Fräulein?«

Der Baron sah sich überrascht um; ein Lachen zuckte über sein Gesicht.

»Interessiert dich das so? Allerdings gehe ich zu ihr.«

Der Alte senkte das Haupt und stierte auf den Teppich.

»Nun, was gibt's? Worauf wartest du?« fragte der Baron, indem er ein

Zeichen machte, daß er den Pelz anzulegen wünschte.

»Gnädiger Herr, wollen entschuldigen,« erwiderte der Alte, ohne die

Augen zu erheben, »ob gnädiger Herr es sich nicht noch einmal überlegen

möchten?«

»Was soll ich mir überlegen?«

»Daß gnädiger Herr das Fräulein wirklich heiraten wollen.«

Der Baron machte auf dem Absatze kehrt, so daß er seinem Diener

unmittelbar gegenüberstand. Er war einen Augenblick ganz sprachlos vor

Erstaunen.

»Was geht das dich an?« stieß er hervor. »Was fällt dir denn ein?«

»Gnädiger Herr wissen ja doch,« murrte der Alte mit hohler Stimme von

unten herauf, »daß ich gnädigen Herrn von Kindesbeinen her kenne -- daß

ich vom seligen Herrn Baron --«

»Weiß ich, weiß ich, weiß ich alles!« rief der Baron, indem er

ungeduldig aufstampfte. »Was gehört das hierher?«

»Und daß ich weiß, was gnädigem Herrn gut thut und gnädigem Herrn nicht

gut -- weil ich weiß, wie es steht.«

Der Baron trat einen halben Schritt zurück.

»Wie was steht?«

Jetzt richtete der Alte das gesenkte Haupt so weit auf, daß er einen

schrägen, lauernden Blick in die Augen seines Herrn bohren konnte. Seine

Stimme wurde dumpf und leise.

»Wie es -- mit gnädigem Herrn steht.«

Das bleiche Gesicht des Barons wurde noch um eine Färbung bleicher, so

daß es ganz weiß aussah, und in dem weißen Gesichte glühten die Augen

auf. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hände schlossen sich,

er konnte keinen Laut hervorbringen. So standen sich die beiden Männer

stumm gegenüber. Am Leibe des alten Johann regte sich keine Fiber, nur

seine Augen hafteten stieren Blicks an dem Baron. Er sah ja, daß

der Mann dort unmittelbar vor einem Ausbruche von Tollwut stand, und

Tobsüchtige darf der Wärter nicht aus den Augen lassen.

Es dauerte geraume Zeit, bis daß der Baron seine Fassung einigermaßen

zurückgewann. Seine Brust keuchte, indem er zu sprechen begann; die

Worte kamen abgebrochen heraus.

»Johann -- weil ich weiß -- daß du es gut meinst -- will ich dir

verzeihen, was du -- da eben gesagt hast. Aber, wenn du es noch einmal

thust, dann nimm dich in acht!« Er hob den rechten Arm mit geballter

Faust empor. »Nimm dich in acht!« wiederholte er, »nimm dich in acht!«

Seine Stimme war immer lauter angeschwollen, so daß sie zuletzt beinahe

brüllend geworden war. Sein Körper schüttelte sich wie im Krampf. Dann

plötzlich ließ er den erhobenen Arm sinken, warf sich stöhnend in einen

Sessel und legte beide Arme auf die Lehne, das Gesicht auf die Arme

drückend.

Regungslos stand der Alte; in seinen Augen war etwas, wie ein wilder

Triumph, indem er auf seinen Herrn niederblickte. Wer hatte nun recht

gehabt? War der Mann da, der unglückselige, etwa kein Wahnsinniger?

Zunächst sprach keiner von beiden ein Wort; eine schwüle, beängstigende

Stille trat ein. Dann erhob der alte Johann wieder die Stimme.

»Und wenn gnädiger Herr heiraten, thut es gnädigem Herrn nicht gut.«

Der Baron erwiderte nichts; er gab überhaupt kein Zeichen, als hätte er

gehört.

»Und wenn ein Fräulein kommt,« fuhr der Alte fort, »und will den

gnädigen Herrn heiraten, weil das Fräulein Frau Baronin werden möchte

und reich werden möchte, weil sie selber nichts hat --«

Jetzt richtete der Baron das Haupt auf; seine Hand griff in den

Stoffüberzug des Sessels, man sah, wie sie sich hineinkrallte, seine

Augen drehten sich zu dem Alten herum, mit einem gefährlichen Ausdruck.

Der Alte aber hörte nicht auf, wollte nicht aufhören; indem er des

Mädchens gedachte, war es, als überkäme auch ihn eine dumpfe, schwälende

Wut. Seine Augen unterliefen rot. »Dann ist das nicht recht von dem

Fräulein,« polterte er rauh und rücksichtslos heraus.

In diesem Augenblick rollte der Stuhl, auf welchem der Baron gesessen

hatte, bis mitten ins Zimmer; mit einem jähen Satze war der Baron

aufgesprungen.

»Mach, daß du 'rauskommst!« brüllte er den Alten an. Der Alte stand wie

an den Boden gewachsen.

»Gnädiger Herr dürfen nicht heiraten,« sagte er.

»Halt 's Maul und mach, daß du 'rauskommst!« donnerte der Baron noch

einmal. Seine Hände flogen, sein Körper erbebte konvulsivisch. Es

war aber, als wenn seine Aufgeregtheit den andern nur um so eisiger

erstarren machte.

»Ein Arzt hat mir gesagt, der jetzt tot ist, wenn gnädiger Herr

heiraten, werden gnädiger Herr jemand umbringen.«

Kaum daß er das gesagt hatte, warf er jedoch den Pelz, den er immer noch

in Händen hielt, über den nächsten Stuhl und zog sich eilends nach der

Thür zurück. Der Baron hatte den schweren gepolsterten Sessel mit

beiden Händen an der Lehne gepackt und mit einer Kraft, wie sie nur der

Paroxismus verleiht, emporgeschwungen. Es sah aus, als wollte er

den Alten im nächsten Moment zu Boden schmettern. Mit einer hurtigen

Bewegung riß dieser die Thür auf und verschwand.

Eine halbe Stunde später, während er lautlos horchend in seinem Zimmer

gesessen hatte, vernahm er, wie der Baron aus seinen Gemächern trat und

mit schweren Schritten die Wohnung verließ. Er eilte an eines der

nach der Straße gehenden Fenster und blickte ihm nach. Richtig -- die

gewohnte Richtung, er ging zu seiner Braut. Also doch!

Der Alte kehrte in sein Zimmer zurück, warf die Mappe auf den Tisch und

gleich darauf saß er wieder vor seinen Briefbogen. Heute knirschte das

Papier unter seiner kratzenden Feder; seine Augen brannten, und die

Muskeln seines Gesichts spannten sich zu einem Ausdruck grimmiger

Verbissenheit, indem er schrieb.

Am Abende des Tages erhielt Anna von Glassner folgenden Brief:

»Zum letztenmal werden Sie gewarnt! Sie ruinieren ihn und gehen in

Ihr Verderben! Heute war der unglückselige Mensch dicht daran, daß

er seinen Wärter und treuesten Begleiter totgeschlagen hätte.

Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!!!

Das wandernde Licht: Novelle · 第 5 / 8 题