ERNST VON WILDENBRUCH.

Stuttgart.

Verlag von J. Engelhorn.

1893.

Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

An der kleinen Station, die nicht weit hinter Breslau an dem großen

Schienenstrange liegt, der, Schlesien durchquerend, Berlin mit Wien

verbindet, war zu später Abendstunde der Eisenbahnzug angekommen.

Es war keiner von den Kurierzügen; wenige Fahrgäste nur saßen in den

Wagen verteilt; auf der Station stiegen nicht mehr als zwei Reisende

aus. Dies waren zwei Männer, von denen der eine, der bejahrter und

dicker als der andre war, sogleich von dem Gepäckträger des Bahnhofs in

Empfang genommen und begrüßt wurde. Er schien am Orte bekannt zu sein,

und das war natürlich genug, denn es war der Arzt, der in der kleinen,

etwa zwei Meilen hinter der Station landeinwärts gelegenen Stadt seinen

Wohnsitz hatte.

»Ist der Wagen da?« fragte er den Gepäckträger, dem er seine Reisetasche

anvertraute; er war offenbar nur zu einem kurzen Ausfluge von Hause fort

gewesen.

»Is da, Herr Dukter,« erwiderte jener; »die Frau Dukter hat och den

Mantel für'n Herrn mit eingelegt, wird aber nicht nötig sein, is

scheenes Wetter heut abend zur Nacht.«

Jetzt wandte sich der Arzt an den Mitreisenden.

»Wollen Sie nicht auch nach -- fahren?« Und er nannte den Namen des

Städtchens.

Der Angeredete bejahte. Er wollte am nächsten Tage noch weiter ins Land

hinein; darum hatte er die Absicht gehabt, in der Stadt zu übernachten.

Mit einem raschen Blick stellte der Doktor fest, daß außer einem Koffer

nichts weiter an ihm hing.

»Wenn's Ihnen also recht ist,« meinte er, »steigen Sie mit ein, und wir

fahren zusammen.«

Das wurde angenommen, und bald darauf rasselte der Wagen mit seinen

Insassen durch das Gitterthor des Bahnhofgebäudes auf die Chaussee

hinaus, die sich im Mondlicht wie ein weißes flimmerndes Band in das

Land hinein verlor.

Es war, wie der Gepäckträger gesagt hatte, schönes Wetter heut abend zur

Nacht.

Man befand sich im Juli; zu beiden Seiten der Chaussee stand das

reifende Korn auf den Feldern; über dem weiten, flachen Lande lag die

tiefe, süße Stille der Sommernacht, nicht unterbrochen, sondern nur

eindringlicher gemacht durch das Gequak der Frösche, in das sich von

Zeit zu Zeit der dumpfe Ruf der Rohrdommel mischte.

Um die Fahrt zu verkürzen, bog jetzt der Kutscher von der Chaussee in

einen Weg ab, der quer durchs Land einen Bogen der großen Fahrstraße

abschnitt. Obschon man hier stellenweise durch sandigen Untergrund

hindurch mußte, blieben die kräftigen Braunen, die vor den Wagen

gespannt waren, in munterem Trabe, so daß man gut vom Flecke kam.

Nach einer halben Stunde etwa tauchten vor den Reisenden die dunklen

Umrisse eines baumreichen Parks auf, und indem man näher kam, sah man

über den Bäumen ein Haus emporsteigen. Vielleicht war es das Dunkel der

Nacht, welches die Linien des Gebäudes undeutlich machte -- jedenfalls

erschien es, von hier unten gesehen, außerordentlich groß, beinahe

kolossal.

»Ist das das Schloß, das zu dem Park gehört?« unterbrach der zweite

Reisende, der im Lande fremd zu sein schien, die Stille, die bisher im

Wagen geherrscht hatte.

»Jawohl, das ist das Schloß,« erwiderte der Arzt. »Ein gehöriger Kasten!

Nicht wahr?«

Die Bezeichnung traf zu. Einem ungeheuren finstern Kasten sah das

Bauwerk ähnlich, wie es in seiner schweren Masse, lautlos, scheinbar

leblos, auf der Terrasse über dem Parke lag, und mit den schwarzen,

lichtlosen Fenstern in die dunkle Nacht hinausstierte.

Indem die Blicke des Reisenden noch an dem merkwürdigen Bilde hafteten,

griff der Kutscher mit einem plötzlichen Ruck in die Zügel, so daß die

Pferde zum Stehen kamen.

»Herr Dukter,« wandte er sich vom Bocke zum Wagen um, »itze sucht er

wieder -- da!«

Mit dem Peitschenstiele deutete er auf das Schloß hin; die Augen des

Arztes und seines Begleiters folgten der angegebenen Richtung.

In dem toten Hause war es lebendig geworden.

Hinter einem der dunklen Fenster, und zwar demjenigen, welches sich an

der äußersten Ecke des Hauses befand, dämmerte ein Lichtschein auf, der

sich allmählich verstärkte, so daß es aussah, als käme eine Leuchte aus

dem hinteren Teile eines weitläufigen Gelasses langsam nach vorn.

Dann blieb das Licht stehen, flackerte eine Zeitlang hin und her, als

würde die Leuchte von der Hand, die sie trug, im Kreise umhergeführt;

alsdann verdunkelte sich das erste Fenster, das danebenliegende wurde

hell -- das Licht wanderte. Man konnte wahrnehmen, wie es aus dem ersten

Zimmer in das anstoßende Gemach ging. Dort blieb es abermals stehen, und

der Vorgang von vorhin wiederholte sich. Aus dem zweiten wanderte es

in das dritte, und so die ganze lange Flucht von Zimmern entlang, und

jedesmal das flackernde Umherfahren, jedesmal aber hastiger, als würde

die Hand, die die Leuchte trug, immer erregter, als suchte das Licht

etwas in den Ecken der Gemächer, und fände nicht, wonach es suchte. Wie

das Ringen einer stummen, verzweifelten Seele, beinahe gespensterhaft

sah das alles aus.

Zwölf Fenster befanden sich in der langen Front des Schlosses; an allen

zwölf wanderte das Licht entlang, bis daß es endlich in das letzte, von

dem ersten Zimmer entfernteste Gemach gekommen zu sein schien.

Hier wurden die Bewegungen noch ungestümer als zuvor, das Licht fuhr

herauf und herab, daß es aussah, als suchte es am Fußboden umher.

»Itze is er in ihrem Schlafzimmer,« sagte der Kutscher, der kein Auge

von dem Vorgange verwandt hatte.

»Ja, jetzt ist er in ihrem Schlafzimmer,« bestätigte der Arzt. In dem

Augenblick aber trat eine neue Erscheinung ein: das Licht, das ganz

tief am Boden umhergeglitten war, als suchte es unter Möbeln und Betten,

wurde plötzlich hoch gehoben und stand ruhig und still, ohne weiter

umherzuirren und zu flackern. Es sah aus, als wäre eine andre, festere

Hand hinzugekommen, die es der ersten abgenommen hatte und emporhielt.

Dies dauerte einige Zeit, dann verdämmerte der Lichtschein nach dem

Hintergrunde des Zimmers, verschwand sodann völlig, und gleich darauf

lag das Schloß wieder finster und leblos da, wie es zuvor gelegen hatte.

»Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheißen vernünftig sein,«

sagte der Kutscher, indem er leise in sich hineinlachte, wie jemand, der

sich gegrauelt hat und froh ist, daß der Spuk zu Ende ist.

»Es scheint,« erwiderte der Arzt, »jetzt ist der Johann gekommen. Also

-- fahr auch zu.«

Er lehnte sich zurück; der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und

die Pferde zogen wieder an. Wenige Minuten später lag das Schloß den

Fahrenden im Rücken.

Der zweite Reisende, der das abenteuerliche Schauspiel schweigend

beobachtet hatte, wandte sich jetzt an seinen Begleiter. Aus dem

Gespräche des Arztes und des Kutschers hatte er entnommen, daß der

rätselhafte Vorgang ihnen verständlich erschien.

»Können Sie mir denn sagen,« fragte er, »was das alles für eine

Bewandtnis hat?«

Es erfolgte zunächst keine Antwort. Der Arzt saß in seiner Wagenecke

und brummte vor sich hin; er schien nicht recht aufgelegt, Auskunft zu

erteilen.

»Sie sind wohl nicht aus der Gegend?« fragte er dann zurück.

»Nein -- warum?«

»Hm -- nu ja --« meinte der Arzt, »weil sonst -- haben Sie nie von den

Fahrenwalds gehört?«

»Fahrenwalds?«

»Nu ja -- die Freiherren von Fahrenwald.«

»Niemals gehört,« versicherte der Gefragte.

Der Arzt brummte wieder vor sich hin; es klang beinahe wie Mißbilligung.

Als echter Schlesier konnte er kaum begreifen, daß jemand von einem

Geschlechte, wie das der Fahrenwalds, nichts wissen sollte.

»Gehört denen das Schloß?« fuhr der Reisende nach einer Pause fort.

»Nu, das versteht sich,« entgegnete der Arzt, »der Baron, der jetzt da

oben sitzt, ist der letzte von ihnen.«

Er drückte sich tiefer in seinen Sitz.

»Aber wenn Sie fremd sind -- es sind Sachen -- man thut schon besser,

man spricht nicht viel davon.«

Der andre wurde immer neugieriger.

»Ist etwas los mit dem jetzigen Baron?«

»Nu -- was soll mit ihm los sein?« sagte der Arzt, dessen Antworten

immer zögernder wurden, »man könnte halt eben von ihm sagen: es blakt

bei ihm ein wenig.«

»Es -- blakt?« fragte der Gefährte. »Was meinen Sie damit?«

Der Arzt lachte in sein feistes Doppelkinn.

»Nu, sehen Sie, das Gehirn der Menschen, damit ist's so ungefähr wie

mit den Lampen. Bei den einen brennt das ruhig und manierlich, bei den

andern flickert's und flackert's, und endlich gibt's welche, bei denen

die Lampe blakt.«

»Also -- irrsinnig?«

Der Arzt schlug mit der Hand durch die Luft und wandte den Kopf nach der

andern Seite.

Eine längere Pause entstand.

Dann fing der andre wieder an.

»Und -- er hat also eine Frau?«

Der Arzt warf den Kopf herum.

»Wieso?« fragte er.

»Nun -- weil Sie doch vorhin sagten, daß er jetzt in ihrem Schlafzimmer

wäre.«

Der Arzt stieß einen schnaubenden Seufzer aus. Es war ihm offenbar

nicht lieb, daß er so ausgeholt wurde, und er ärgerte sich, daß er schon

zuviel gesagt hatte.

»Eine Frau,« sagte er dann, »kann ja sein, daß er eine hat, oder

wenigstens gehabt hat. Aber das ist eine Sache, wo es schon am besten

ist, wenn man halt gar nicht davon spricht.«

Er seufzte noch einmal; seine Stimme sank herab, daß es wie ein

Selbstgespräch klang: »Die Frauensleute -- das ist ja manchmal nicht

viel anders als die Schafe, die ins Feuer laufen, weil es glänzt.

Nachher, wenn sie drinnen sind, merken sie, daß es auch brennt, aber

dann ist's zu spät.«

Er schüttelte die Achseln und reckte sich auf.

»Aber, wie gesagt -- da wird alles Mögliche geredet -- denn wovon reden

die Leute nicht -- und wenn man nachher zusieht, wer etwas weiß, ist

niemand, der etwas Sicheres weiß. Darum mein' ich schon, es ist halt das

beste, man spricht nicht davon. Und ich für mein Teil, ich meine, es

ist gut, wenn einer keine Verpflichtung hat, sich um gewisse Dinge zu

bekümmern. Dann soll er sich auch nicht darum bekümmern. Und ich habe

keine Verpflichtung, mich geht's nichts an -- also bekümmere ich mich

nicht drum.«

Damit lehnte er sich tief in die Wagenecke zurück, wie jemand, der genug

gesagt hat und nichts weiter sagen will. Der andre schien es zu fühlen

und schwieg. Die Andeutungen des Arztes hatten ihm die Sache beinahe

noch dunkler gemacht, als sie gewesen war. Irgend ein Vorgang mußte sich

da oben abgespielt haben, vielleicht sogar ein schrecklicher, aber was?

Immerfort sah er das stumme Licht hinter den Fenstern des toten Hauses

dahinwandern, von Zimmer zu Zimmer, wie ein schlummerloses böses

Gewissen, immerfort das zuckende Umherfahren der Leuchte, das Suchen in

den Ecken der Gemächer, am Fußboden entlang, unter Möbeln und Betten,

das wilde verzweifelte Suchen. Wer war der nächtliche Wanderer? Wen

suchte das Licht? Ein Schauder bedrückte ihm das Herz -- was mochte das

finstere Haus gesehen haben?

* * * * *

In den Breslauer Gesellschaftskreisen war vor einiger Zeit eine

Persönlichkeit aufgetreten, deren Erscheinen in den Familien, denen

sie Besuch machte, jedesmal eine gewisse Aufregung, eine Mischung von

geschmeicheltem Stolz und von beklommener Sorge hervorrief. Das war der

Baron Eberhard von Fahrenwald.

Alle Welt kannte den Namen und den Reichtum des Geschlechts, alle Welt

aber munkelte auch, daß es mit den Fahrenwalds nicht recht richtig sei.

Jahrelang nach dem Tode des Vaters war der Baron Eberhard unsichtbar,

wie verschwunden gewesen. Wo hatte er gesteckt? Einige behaupteten, er

hätte Reisen um die Welt gemacht, andre, er wäre gar nicht von seinem

Schlosse fortgekommen, sondern hätte vergraben und verborgen unter

seinen Büchern gelebt, eine dritte Art von Berichterstattern endlich

wußte zu erzählen, daß er ganz einfach in einer Anstalt untergebracht

gewesen sei. Anverwandte, von denen man Gewisses und Genaues hätte

erfahren können, waren nicht vorhanden; die Fahrenwalds waren wie ein

alter, verdorrender Baum, der keine Aeste mehr treibt, von dem nur noch

der Stamm übrig geblieben ist.

Und nun tauchte diese geheimnisvolle Persönlichkeit plötzlich auf,

machte Besuche und that alles das, wodurch Menschen anzudeuten pflegen,

daß sie mit Menschen verkehren wollen. Und doppelt auffällig -- seine

Besuche galten vornehmlich den Familien, wo Töchter im Hause waren. Was

hatte das zu bedeuten? Etwa, daß er daran dachte --? Man konnte es den

Eltern im Grunde nicht verdenken, wenn sie sich aufgeregt fühlten.

Einen Freiherrn von Fahrenwald zum Schwiegersohn zu besitzen, die eigene

Tochter als Gebieterin eines großen Vermögens, als Besitzerin eines

von aller Welt gepriesenen Herrensitzes zu wissen -- unter normalen

Umständen wäre es ja ein Ziel gewesen, »aufs innigste zu wünschen«. Aber

so -- wie nun einmal die Verhältnisse jetzt lagen --

Erklärlicherweise bemächtigte sich die Aufregung der Eltern in noch

stärkerem Maße der Töchter selbst. Neugier mischte sich mit Grauen; es

war eigentlich ein noch nie dagewesener Gesellschaftsreiz.

Sobald es feststand, daß der »verrückte Baron« -- denn unter dieser

Bezeichnung ging er kurzweg -- zu einer Gesellschaft eingeladen sei und

erscheinen würde, flogen die jungen Damen auf, von Haus zu Haus, herüber

und hinüber, und es gab ein Gewisper und Geflüster, ein Kichern und

Lachen, und ein wollüstig wonnevolles Graueln.

Wie doppelt begehrenswert man sich erschien! Wie man sich gegenseitig

darauf ansah, auf welche von ihnen wohl der unheimliche Mensch die

Augen richten, nach welcher von ihnen er die Hand ausstrecken würde! Die

blühenden Wangen beugten sich zu einander, die kleinen Hände drückten

sich mit gegenseitigem Verständnis -- es war wie ein erregter

Taubenschwarm, über dem der Habicht in Lüften steht.

Man kann sich hiernach vorstellen, wie eigentümlich und gepreßt der

Empfang war, der dem Baron Eberhard von Fahrenwald zu teil wurde, so oft

er in Gesellschaften erschien.

Seine persönliche Erscheinung und die Art seines Auftretens bestärkte

alles das, was über ihn gemunkelt und geredet wurde.

Man wußte, daß er stets von seinem Diener begleitet wurde, der nie von

seinen Schritten wich und ihm zu jeder Gesellschaft folgte.

Dieser Diener war ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, mit einem von

schweren Runzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrümmte

Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weißer Krawatte, wie ein

versteinerter Ueberrest aus der Zeit, da es noch große Herren und große

Kammerdiener gab.

Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte

man gesehen, daß er nach rechts oder links blickte -- an einem einzigen

Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr.

Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete,

wiederholte sich ein besonderer Vorgang: er stand hinter seinem Herrn

und nahm ihm mit schweigender Würde den Mantel ab; währenddem wandte der

Baron sich zu ihm um und sagte: »Geh nach Haus, Johann, und hole mich

nachher ab.« Jedesmal, so oft der Baron dieses sagte, verneigte sich der

alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an

sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder,

ernst, würdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu

Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte schon wieder

da, den Mantel in beiden Händen, stumm, regungslos, wie eine Bildsäule.

Natürlich hatten die Diener und Hausmädchen der Häuser, wo die

Gesellschaften stattfanden, sich bemüht, den komischen alten Kerl zum

Sprechen zu bringen und über seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten

ihre Versuche aufgeben müssen; sie hätten ebensogut zu einem Stein

sprechen können; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie

überhaupt vernähme.

Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben -- der Fall

war sorgfältig registriert worden -- als einmal ein schnippisches

Stubenmädchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun würde der Herr Baron

wohl nächstens heiraten und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er

wäre so zusammengezuckt, erzählte das Mädchen, als er das gehört, daß

es nicht anders ausgesehen hätte, als wenn er sich schüttelte, und

dann hätte er sie mit einem Blick angesehen -- ganz gräßlich, sagte das

Mädchen. Und dann hätte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf,

und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das hätte

ausgesehen, als wollte er sagen: »Was redst du denn? Weißt du denn

nicht, daß er verrückt ist?«

Seitdem stand es für die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald

war verrückt. Der alte Johann war sein Wärter, und der Wärter hatte es

gesagt.

Und aus dem Dienerzimmer flüsterte sich das, wie es ja stets geschieht,

in die herrschaftlichen Zimmer hinüber: der Baron von Fahrenwald war

verrückt.

Und wer, der ihn ansah, hätte zweifeln können, daß es wirklich also war?

Wenn die Thür sich aufthat und er hereintrat mit langsam schleppendem

Schritt, ein langer, eckiger Mann, mit dunklem, fast schwarzem Haar,

das bleiche, beinahe marmorweiße Gesicht von dunklem Barte umrahmt, dann

legte es sich unwillkürlich wie ein Alp auf die Anwesenden, Wirte und

Gäste, Herren und Damen.

Und dieser Bann ging hauptsächlich von den Augen des Mannes aus, die

ganz tief, wie zwei dunkle tiefe Löcher in dem bleichen Gesichte lagen,

und aus denen ein starrender, suchender, bohrender Blick hervorgekrochen

kam, langsam, beinahe wie ein Wurm.

»Er sieht eigentlich kolossal interessant aus,« hatte die junge Komtesse

Karmsdorf, als sie ihn zum erstenmal erblickte, hinter dem Fächer hervor

zu ihren Freundinnen gesagt, »aber da man weiß, wie es mit ihm steht,

ist es des Interessanten denn doch ein bißchen zu viel.«

Die Freundinnen hatten kopfnickend und kichernd bestätigt, daß es so

sei, und als der Baron Miene machte, auf sie zuzutreten, waren sie samt

und sonders, wie von einem panischen Schrecken erfaßt, nach einer andern

Ecke des Saales entwischt, und es hatte nicht viel gefehlt, so hätten

sie laut aufgekreischt.

So erging es dem Baron Eberhard von Fahrenwald. Die Wirte, die ihn

eingeladen hatten, konnten sich seiner Begrüßung natürlich nicht

entziehen. Aber wenn er alsdann mit schwerer, eckiger Verbeugung auf

sie zutrat, sah man ihm an, wie wenig er in fröhlich ausgelassene

Gesellschaft paßte. Er versuchte, sein Gesicht zu einem verbindlichen

Ausdruck zurechtzulegen, zu lächeln, aber das Lächeln wollte sich so gar

nicht mit dem bleichen, schwermütigen Gesicht verstehen, es sah aus, als

thäte es ihm weh.

Beim Tanze blieb er Zuschauer, am Kartenspiel nahm er nicht teil, so

blieb er einsam, und das wiederholte sich in jeder Gesellschaft, so daß

man sich unwillkürlich fragte, wie lange er die zwecklosen Besuche und

Versuche fortsetzen würde.

Offenbar fühlte er das selbst, denn der Ausdruck dumpfer Schwermut

in seinem Gesichte verstärkte sich von einem zum andern Mal, seine

Bewegungen wurden immer schleppender, es sah aus, als ermüdete der Mann

unter der Last des Daseins.

So näherte sich der Winter seinem Ende. Ein großes Ballfest wurde

gegeben, dem der Baron, einsam und teilnahmlos wie gewöhnlich,

beiwohnte.

Indem er, an den Thürpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden

Tanze zuschaute, der im Saale auf und nieder flog, richtete er plötzlich

das Haupt zur Seite -- es war ihm gewesen --

Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerückt, saß ein junges Mädchen. Sie

nahm nicht teil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden

war, ein Mauerblümchen, wie man zu sagen pflegt.

Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaßen; sie hatte etwas

Unscheinbares; sie war nicht besonders hübsch und, wie es schien, arm.

Ein schmaler Silberreif um den Hals, das war der ganze Schmuck des

jungen Körpers; ihr dürftiges weißes Tüllkleidchen stach von den

Gewandungen ihrer reicheren, glücklicheren Altersgenossinnen ab.

Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie ihn

schon längere Zeit von der Seite betrachtet hatte. Er sah zwei runde,

nicht besonders schöne, aber unendlich gutmütige Augen, die stumm

beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr

hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner

Seite zu betrachten.

Sie war in Verlegenheit etwas errötet; um den kleinen Mund, der sich ein

wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Zittern; dadurch

erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit

verhaltenem Weinen kämpfte.

Er war also nicht der einzige Einsame heute abend; da war noch eine, und

er sah es ihr an, sie fühlte sich unglücklich. Solch ein junges Mädchen,

das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der

Ecke sitzen bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle

Qualen der Zurücksetzung lasten auf der armen jungen Seele.

Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Röte auf ihren Wangen

wich einer tiefen Blässe, ihre Hände, die einen mageren Fächer im Schoße

hielten, preßten sich zusammen -- der Baron Eberhard von Fahrenwald

hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natürlich, wie alle andern, von

dem »verrückten Baron« erzählen gehört, und nun saß er plötzlich neben

ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde

ihr unheimlich zu Mute.

Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglück am

Gesicht ansah, an der Thür hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von

tiefem Mitleid erfüllt gewesen -- jetzt fühlte sie eine Angst, die ihr

die Nähe des unheimlichen Menschen verursachte.

Eine Zeit lang saßen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht.

»Es thut mir so leid,« sagte er, »daß ich nicht tanze, gnädiges

Fräulein, sonst würde ich um die Erlaubnis bitten, Sie dort hineinführen

zu dürfen.«

Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkürlichem

Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm ins Gesicht. War das die

Stimme eines »Verrückten«?

Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so

Sanftes, so Warmes, so Gütiges kam von ihm zu ihr herüber, daß es

ihr war, als hätte eine Hand ihre Hand erfaßt, mit liebem, tröstendem

Drucke.

Schweigend blickte sie ihn an und war sich kaum bewußt, daß sie es

that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen

tiefen geheimnisvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage,

wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes

Leuchten in lichtloser Nacht.

So saßen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie

zwei Leidensgefährten, die unausgesprochenes Verständnis zu einander

führt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand

zu ihr hin, und ohne ein Wort zu erwidern, löste sich ihre kleine Hand

vom Fächer, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte

sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen

Griff fühlte, mit dem er ihre Finger zusammenpreßte, erschrak sie; aber

als sie dann fühlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck empfand,

den Druck mäßigte, faßte sie neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit

sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war, als streichelten

seine Finger ihre erschreckte Hand, als spräche seine Hand: »Ich thue

dir nichts, fürchte dich nicht.«

Sie kamen dann ins Gespräch, und im Verlaufe desselben erfuhr er

Genaueres über die Kleine.

Anna von Glassner hieß sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so

gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mußte,

war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionierten Major und

dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau, und es

war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, daß der Aufenthalt

ein ziemlich trübseliger war.

Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine

Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten,

wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und

durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen.

»Wollten Sie mir sagen,« fragte sie nach einiger Zeit den Baron, »welche

Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen.« Der Baron sah

nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnes Kleidchen zusammen. »Dann muß ich

gehen.«

»So früh schon?«

»Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht,« erwiderte sie, »und

haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe.«

Sie erhob sich; zugleich mit ihr stand er auf.

»Ich werde auch gehen,« sagte er.

Sie senkte das Köpfchen und errötete.

Auf dem Flure draußen saß die Köchin, die sie erwartete. Eine Person

mit groben, mißmutigen Zügen, der man ansah, wie wenig Vergnügen es ihr

bereitete, daß sie, neben der gewöhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch

noch durch die Winternacht laufen mußte, um das »Fräulein« nach Haus zu

bringen.

Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mädchen mit

nicht übermäßiger Verbindlichkeit zuschob. Während Anna ihre kleinen,

mit weißen Atlasschuhen bekleideten Füße in die Ueberschuhe zwängte,

stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Köchin trat heran und gab ihr

den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstück von grobem, dunklem

Tuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unförmlich

wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen

sah, wollte sie mit einer flüchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorüber.

Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite.

»Darf ich Sie um eine Gnade bitten?« fragte er.

Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.

»Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?«

Nun erschrak sie wirklich.

»Ach nein -- wie könnte ich das -- nein wirklich --«

Er wich einen halben Schritt zurück; ihre Schüchternheit erschien ihm

als Angst; sie fürchtete sich also auch vor ihm. Als er so jählings

verstummte, erhob sie unwillkürlich das Haupt. Sie sah, wie der Kummer

in seine Züge zurückgekehrt war.

»Ich -- weiß wirklich gar nicht« -- begann sie stockend. »Sie -- sind

wirklich -- so gut zu mir --«

Wie neubelebt trat er wieder heran.

»Ach, wenn Sie es annehmen wollten,« flüsterte er, »wenn Sie wüßten, was

für eine Freude Sie mir damit bereiten würden.«

Nun konnte sie nicht mehr »nein« sagen; mit einer leisen Neigung senkte

sie das Haupt.

Der Baron wandte sich rasch zurück. Hinter ihm stand der alte Johann,

den Pelzmantel seines Herrn in Händen, regungslos wie eine Bildsäule,

mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Fräulein blickend.

»Ist der Wagen da?« fragte der Baron.

Der Alte verneigte sich mit schweigender Würde. Hurtig fuhr der Baron in

den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm.

»Darf ich Sie hinunterführen?«

Von ihm geleitet stieg das junge Mädchen die Treppe hinab; die Köchin

folgte hinterdrein.

Vor der Hausthür stand ein verdecktes Coupé mit einem mächtigen Pferde

bespannt; zwei strahlende Wagenlaternen warfen ihr Licht in die Straße

hinaus.

Anna wich beinahe zurück -- in solch' eleganten Wagen sollte sie sich

hineinsetzen?

Der Baron aber hatte bereits den Schlag geöffnet und bot ihr die Hand

zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergriff, zog er sie an die Lippen,

und sie fühlte, wie er den Mund darauf preßte, einmal, zweimal,

leidenschaftlich.

»Leben Sie wohl,« sagte er leise, »leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder?

Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?«

Anna war keiner Antwort fähig. Wie in Betäubung stieg sie in den Wagen

und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Köchin, die sich gesperrt

und geweigert hatte, und erst auf ein »nur zu« des Barons sich zum

Einsteigen entschloß.

Der Baron ließ sich Straße und Hausnummer angeben, rief sie dem Kutscher

zu, und im nächsten Augenblick rasselte der Wagen von dannen.

In ihren Mantel gewickelt saß Anna da und fragte sich, ob das alles ein

Traum sei, was sie erlebte.

Für gewöhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der

Pferdebahn -- und jetzt sauste sie durch die Straßen von Breslau, daß

das Pflaster unter den Rädern knatterte!

Die Köchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Staunen gewesen war, hatte

angefangen, mit tastenden Händen den Stoff der Polster zu untersuchen,

auf denen sie saß. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf.

»Du meine Gütte -- gnä' Fräulen,« sagte sie, »die reine Seide alles, die

reine Seide!«

Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog den

Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern

herum. Die Köchin hatte recht gehabt. Alles Seide -- die Polster, die

Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was

bedeutete das alles und wohin ging das alles?

Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar

armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich

gegen den Reichtum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand

eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht!

Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, wie an einem

Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht

der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten -- ihr

näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von ganz

Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demütig, ihm zu

erlauben, daß er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie

schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber

schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt

sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die

ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem

der Schauder sie übermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton

seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines

Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein -- es war ja doch nicht

möglich; es konnte ja nicht sein!

Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der

fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von

Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus.

Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine

ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie

heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.

Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte

er sich den süßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert

hatte, den prächtigen Wagen zu besteigen -- und dieser Wagen war der

seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt

umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glückselig vor sich hin. All

sein Denken und Thun war ein beständiges brütendes Grübeln über sich

selbst, über seinen Zustand und über das Verhängnis, das auf ihm lastete

-- zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern

Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich

werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück

Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den

dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen

und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um

Glück auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und

unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die

Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn

durchströmte.

Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit

vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich

er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas

Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte,

war er unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen,

das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe

feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des Ueberziehers

getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den

Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nächsten

Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wärter eines

Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend

einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war

ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrückter, das wußte er ja wohl genau

genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte

heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem

Orte. Und seit heute abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit

verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da

vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar

Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt

nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag

mußte sein wie der andre, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig. Und

heute abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu

verlieben!

Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?

Er war ganz wütend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also

kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na -- es war nur gut,

daß er da war, der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja,

das würde er, ja!

Und er schob die Hände, indem er sie zu Fäusten ballte, in die Taschen

seines Ueberziehers zurück, weil er sich überzeugt hatte, daß der Baron

vorläufig nichts weiter Gefährliches unternahm.

Am nächsten Vormittag, und zwar am ziemlich frühen Vormittag, klingelte

es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Köchin öffnete, ging ein

verständnisvolles Grinsen über ihre Züge; der Herr von gestern stand vor

der Thür, der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glühendes

Erröten bei Anna -- und im nächsten Augenblick, noch bevor man ihn

eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch

wenn man ihn abgewiesen hätte, er würde sich nicht haben abweisen

lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem

bleichen Gesicht glühten die Augen wie Kohlen.

Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat,

so sah er aus.

Es kostete ihn Mühe, die äußerlichen Regeln der Höflichkeit

innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit

angstvollem Ausdruck, als fürchtete er, daß sie hinausgehen, daß sie ihm

entfliehen könnte.

Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrüßt hatte, trat er auf

das junge Mädchen zu.

»Darf ich Sie sprechen?« fragte er. »Darf ich Sie allein sprechen?«

Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung.

Anna stand gesenkten Hauptes mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren

ihr durch die Angst wie zugeschnürt; sie hatte in diesem Augenblick die

sichere Empfindung, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte.

Etwas Aehnliches schienen auch der Onkel und die Tante zu empfinden, die

sich gegenseitig stumm fragend ansahen.

Der Baron bemerkte das alles. Plötzlich ging er auf die beiden alten

Leute zu, streckte beide Hände aus und faßte den Onkel an der linken,

die Tante an der rechten Hand.

»Aengstigen Sie sich nicht,« sagte er, und das Wort kam feierlich aus

der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.

Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine

verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück.

Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit

ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr

zu raten und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es

an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von

ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.

»Bin ich Ihnen so schrecklich?« fragte er endlich. Der Ton klang wieder

so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie

steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt.

»Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?« fuhr er fort. »Gestern

abend waren Sie doch so -- so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht

mehr daran?«

Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna

fühlte, wie behutsam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht,

das Gesicht zu ihm zu erheben.

Er behielt ihre Hände in den seinigen.

»Gestern abend,« sagte er, »bin ich so glücklich gewesen, und darum bin

ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum.

Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja niemand mehr.«

Seine Stimme war ganz leise geworden.

»Denken Sie doch einmal,« sprach er weiter, »Sie gehen auf der Straße,

und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem

irgend ein Unglück geschehen ist, und der ruft Sie um Hülfe an. Und Sie

könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie fürchten sich und laufen

davon -- glauben Sie nicht, daß Sie sich einmal Vorwürfe machen würden,

wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?«

Das alles war so einleuchtend, kein Vernünftiger hätte es klarer

auseinandersetzen können. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz

verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der über Reichtümer gebot, von denen

sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, daß sie

ihm helfen könne, sie, die in der ärmlichen Wohnung, in einem

fadenscheinigen Morgenanzuge, in Morgenschuhen mit abgestoßenen Spitzen,

in aller Kläglichkeit eines ärmlichen, erbärmlichen Lebens steckte. War

es denn möglich, das alles?

Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden

Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja ja, es war ja

derselbe Mensch -- leise drückte sie seine Hände, und indem sie es that,

leuchtete sein Gesicht auf.

»Darf ich sprechen?« flüsterte er.

»Aber ich -- Ihnen helfen --« stammelte sie -- »wenn ich nur

begriffe --«

Er zog sie an den Händen zu einem Stuhle.

»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will

Ihnen eine Geschichte erzählen, eine ganz kurze.«

Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und

legte den einen Arm über die Rücklehne ihres Stuhles, so daß sein

Oberleib sich zu ihr hinüberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war.

»Ich kenne einen Menschen,« begann er, und seine Stimme war so gedämpft,

als wollte er verhüten, daß irgend jemand, außer Anna, seine Worte

vernähme, »ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser

fährt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn, und das Wasser, auf dem er

fährt, ist ein breiter Fluß, und der Fluß hat einen starken Strom, denn

er fließt einem Abhang zu, über den er sich hinunterstürzen wird. Der

Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so daß man den

Donner des Wassersturzes bereits hört. Und da treibt nun der Kahn hin,

in dem der Mann sitzt. Und obschon er weiß, daß er zerschmettert werden

wird, wenn er in den Sturz gerät, läßt er den Kahn dennoch treiben

und thut nichts, um ihn aufzuhalten -- ist das nicht sonderbar von dem

Mann?«

Er unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie saß

aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hände hatten sich ineinandergeschoben,

ihre Augen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von

dem er erzählte.

Er beugte sich noch näher zu ihr.

»Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?«

Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich.

»Warum?« fragte sie tonlos.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, »weil im Wasser neben dem Kahn etwas

einherschwimmt, und weil er nichts thun und nichts denken kann, als

immer und immer und immerfort auf das, was da neben ihm schwimmt,

hinzublicken.«

Seine Stimme sank zu einem heiseren Flüstern herab.

»Und das, was da schwimmt, sehen Sie, das ist etwas Schreckliches,

etwas Gräßliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa, verstehen Sie, wie die

Seeschlange, von der die Schiffer erzählen, daß sie ihnen auf der See

begegnet sei. So müssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe,

verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen

Sie, das ist der Kopf. Der läßt sich eigentlich gar nicht beschreiben,

aber er sieht so ungefähr aus, wie ein ungeheurer Papageienkopf. Ein

Schnabel ist daran, ein großer krummer Schnabel, und zwei Augen sind in

dem Kopfe --«

Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehle

zusammenpreßte, als fände sie keinen Ausweg.

»Die Augen,« fuhr er fort, »sehen Sie, die sind es, auf die der Mann in

dem Kahne immerfort hinschauen muß. Die Augen sind fürchterlich, ganz

groß und ganz grün, wie die Augen von einem furchtbaren bösen Menschen.

Und die Augen blicken immerfort zu dem Manne herauf, und wenn sie ihn

ansehen, dann ist's wie ein Lächeln darin, wie ein grauenvolles, und

als wollten sie sagen: >ich habe dich, du entkommst mir nicht<. Und das,

sehen Sie, das ist es, was den Mann gefesselt hält und gefangen hält und

gebannt hält, daß er nichts thun und nichts denken und sich nicht helfen

und nicht retten kann, obschon er hört, wie der Wassersturz immer näher

und näher kommt.«

Abermals verstummte er, und da auch Anna, von Grauen versteinert, keinen

Laut hervorbrachte, herrschte eine Zeit lang ein beklommenes Schweigen.

Dann that er einen tiefen, seufzenden Atemzug und seine Stimme nahm

wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an.

»Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem

Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser

hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen.

Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges

Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang,

und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm

der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre

Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser

herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das

gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest

gerettet! Und da, sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet,

und fährt auf die Stelle zu, wo sie steht -- und dann, wie sie ihn

kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein

Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen -- und er sieht

das, und schreit ihr nach -- bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch

barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da --«

Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht

an ihrem Gesichte, so daß sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange

fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber,

bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.

»Anna -- was thut sie da? Anna -- läuft sie dennoch fort? Läuft sie

dennoch fort?«

Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte

seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch

über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust

sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.

Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie

that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen

ausbrach, drückte sie das Gesicht auf sein Haupt.

»O Sie armer, unglücklicher Mann,« sagte sie schluchzend.

Ein Stöhnen drang aus seiner Brust hervor. »Du gehst nicht? Du läufst

nicht davon? Läufst nicht davon?«

»Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.«

Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war

aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust

gerissen.

»Ach du -- mein Leben -- meine Seligkeit -- mein heiliges Heiligtum --

mein Alles!«

Und er küßte, küßte und küßte sie.

Endlich beruhigte er sich einigermaßen, so daß Anna wieder zu Atem kam.

Unter seinen Küssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz heiß geworden,

so daß sie hübscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von

ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen an, wie sie

verwirrt und verschämt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum.

»Aber wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?«

Mit einer stürmischen Bewegung hatte er sie an beiden Händen erfaßt.

»Gar nichts sollst du thun!«

Sie schüttelte langsam das Haupt.

»Gar nichts thun soll ich?«

Er lachte laut auf vor Vergnügen.

»Nur da sein sollst du und dir gefallen lassen, was ich thue.«

Das wandernde Licht: Novelle · 第 4 / 8 题