Größe, Gestalt und Farbe. Vorzüglich erfreute mich ein Pärchen prächtig
blauer, die ich häufig auf meinen Spaziergängen sah, wenn ich meine
Schwester besuchte. Sie waren so groß wie Schmetterlinge, mit schwarzen
Flor-Flügeln, auf jedem Flügelpaar prangte ein mit Scharlachroth
schattirter Halbmond vom glänzendsten Azurblau; der Leib dieser schönen
Thierchen war ebenfalls blau. Außerdem bin ich auf scharlachfarbne und
schwarze, gelb und schwarze, kupferfarbne, grüne und braune gestoßen;
letztere sind große Feinde der Musquitos und andrer kleiner Insekten
und schwärmen des Abends in Aufsuchung von Beute in großen Schaaren
überall umher.
Die Feuerfliegen dürfen nicht vergessen werden, denn unter allen andern
sind sie die merkwürdigsten, ihre Erscheinung kündet gemeiniglich Regen
an; man sieht sie oft, nach Eintritt der Dunkelheit, an milden feuchten
Abenden, zwischen den Cedern am Saume der Wälder, und besonders in der
Nähe von Lachen und Sümpfen umherschwärmen, und sie erleuchten die
Luft mit ihrem glänzenden tanzenden Lichte. Bisweilen sieht man sie in
Gruppen, gleich Sternschnuppen in der mittlern Luftregion schweben,
oder so tief herabsteigen, daß sie in die Zimmer gerathen und um
die Bett- und Fenster-Vorhänge herumgaukeln; das Licht, welches sie
verbreiten ist heller und glänzender als das des Johanniswürmchens,
aber es geht auf dieselbe Weise, wie bei diesem von dem untern Theile
des Leibes aus. Auch das Johanniswürmchen ist keine seltne Erscheinung,
man sieht es sogar noch im September, versteht sich in milden, warmen,
thauigen Nächten.
Wir haben Ueberfluß an großen und kleinen Käfern, einige sind sehr
prachtvoll grün und golden, rosenfarben, roth und schwarz; einige
völlig schwarz, furchtbar groß, mit weitspreizigen ästigen Hörnern.
Wespen sind nicht so lästig wie in England, allein ich glaube, dies ist
blos darum der Fall, weil wir diesen räuberischen Insekten nicht die
nämlichen Lockungen darbieten können, wie unsre heimathlichen Gärten.
Einer unsrer Holzfäller brachte mir eines Tages ein Hornissen-Nest,
wie er es nannte, es war jedenfalls ein schönes und zartes Werk für
ein so großes Insekt; und ich vermuthe vielmehr, daß es einem schönen
goldfarbigen Insekt, Wespen-Fliege (^wasp-fly^) genannt, angehört,
indeß weiß ich dies nicht gewiß. Das Nest glich in Größe und Gestalt
einem Truthahn-Ei und bestand aus sechs papiernen Bechern, die einer
in den andern geschoben, und immer einer kleiner als der zunächst
vorhergehende äußere waren, und der innerste erschien nicht viel größer
als ein Tauben-Ei. Ein prüfender Blick durch die Oeffnung des letzten
Bechers, ließ mich im Innern eine kleine Scheibe mit zwölf Zellen von
vorzüglicher Nettigkeit und von weit größrer Regelmäßigkeit, als die
Zellen der gemeinen Hausbiene zu sein pflegen, wahrnehmen; in Größe
glich eine Zelle nur dem dritten Theil von denen der Honig-Biene. Die
Substanz, woraus die Becher bestanden, war ein feines, silbergraues,
seidenartiges Gewebe, so fein als das feinste chinesische Seiden-Papier
und äußerst spröde; wenn man es schwach netzte, so wurde es klebrig
und haftete etwas an dem berührenden Finger; das Ganze war sorgfältig
an einen Stock befestigt, ich habe seitdem ein dergleichen Netz an
eine rohe Gitterstange befestigt gesehen. Ich konnte nicht umhin, die
instinktmäßige Sorgfalt zu bewundern, welche in der Bildung dieses
Meisterstücks von Insekten-Baukunst zur Schützung des Embryos gegen
schädliche Einflüsse, namentlich gegen die Gefräßigkeit von Vögeln, so
wie gegen Regen und Unwetter zu Tage lag; der Regen konnte wohl kaum
einen Eingang in das Innere finden.
Ich hatte -- wenigstens glaubte ich so -- meinen Schatz sorgfältig in
einem Tischkasten verwahrt, allein ein ruchloser kleiner Spitzbube
von Maus machte ihn ausfindig und zerriß ihn in Stücke, um des
Bischen Honigs willen, das in einer oder zwei Zellen enthalten war.
Ich war sehr ärgerlich darüber, denn ich hatte mir fest vorgenommen,
das hübsche Nest bei günstiger Gelegenheit einem lieben Freunde in
Gloucester Place zu senden, der ein großer Freund von dergleichen
Naturmerkwürdigkeiten ist, und mir einst ein Nest von ähnlicher Form
zeigte, welches in einem Bienenstock gefunden worden war; doch war
bei diesem das Material weit gröber, auch hatte es, erinnere ich mich
recht, nicht sechs, sondern nur zwei Zellen.
Ich bin stets sehr begierig darauf gewesen, das Nest eines Kolibris zu
sehen, war aber bisher nicht so glücklich, meinen Wunsch befriedigen zu
können. Diesen Sommer hatte ich einige Beete mit Kartäuser-Nelken und
andern Blumen, besonders einigen prächtigen Convolvolus-Arten (^morning
gloves^), wie sie die Amerikaner nennen, bepflanzt; diese lieblichen
Blumen lockten die Kolibris an, meinen Garten zu besuchen, und ich
hatte das Vergnügen, ein Pärchen dieser schönen Vögel zu sehen, allein
ihr Flug ist so eigenthümlich, daß man kaum einen vollkommnen Anblick
ihrer mannigfaltigen Farben erlangen kann; ihre Bewegung, wenn sie auf
dem Flittig schweben, gleicht dem Umkreisen eines Spinnrades, und das
Geräusch, das sie dabei erregen, dem Schnarren oder Sumsen eines im
Gange begriffnen Rades; ich will jetzt recht viel Blumen anpflanzen, um
die niedlichen Thiere zum Nisten in unsrer Nähe zu bestimmen.
Ich fürchte bisweilen, daß ich Ihnen mit meinem langen uninteressanten
Briefe beschwerlich falle; die einzige Quelle, woraus ich schöpfen
kann, ist das Hauswesen und die Naturgeschichte des Landes, und hiervon
theile ich Ihnen alles dasjenige mit, was durch seine Neuheit Ihre
Aufmerksamkeit fesseln dürfte. Wahrscheinlich mag ich bisweilen Ihre
Erwartung täuschen, indem ich Ihnen Dinge erzähle, welche den Zustand
eines Emigranten in ein ungünstiges Licht setzen; allein ich trage die
Sachen ganz so vor, wie ich sie gesehen oder gehört habe. Ich könnte
Ihnen manche günstig lautende Berichte von den Ansiedlern in diesem
Lande geben; ich könnte das Gemälde auch umkehren, und Sie würden
endlich zu dem Schlusse gelangen, daß es an Gründen für und wider
Auswanderung nicht fehle. Der erste und wichtigste Grund indeß ist und
bleibt _Nothwendigkeit_, und dieser wird stets die Wagschale zu Gunsten
der Auswanderung kehren; und dieselbe befehlshaberische und herrische
Dame _Nothwendigkeit_ sagt mir, daß es _nothwendig_ sei, meinen Brief
zu schließen.
Leben Sie wohl, ich unterzeichne mich in Liebe und Achtung Ihre
ergebenste Freundin.
Siebzehnter Brief.
Kaltes Fieber. -- Unwohlsein der Familie. -- Wahrscheinliche Ursache.
-- Wurzel-Haus. -- Eintritt des Winters. -- Insekt, der Säger genannt.
-- Einstweilige Kirche. --
November 28, 1834.
Mein mehrmonatliches Stillschweigen wird Sie gewiß befremdet haben,
allein wenn ich Ihnen erzähle, daß Krankheit daran Schuld war, so
werden Sie sich nicht mehr darüber wundern, daß ich nicht eher als
heute wieder geschrieben habe.
Mein guter Mann, meine Magd, mein armer Kleiner und ich selbst wurden
alle zu gleicher Zeit vom Fieber befallen und ans Bett gefesselt. Sie
wissen nur zu gut, wie mich das kalte Fieber stets zu Hause gequält
hat, und dürfen sich daher nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß
meine Leiden, in einem Lande, wo Sumpffieber und alle Arten von
Wechselfiebern zu Hause sind, nicht gering waren.
Wenige Emigranten kommen durch das erste Jahr, ohne von diesen Uebeln
heimgesucht zu werden; die Behandlungs-Weise besteht in wiederholten
Gaben Calomel (versüßtes Quecksilber) nebst Biber-Oel oder Salzen,
worauf China angewendet wird. Diejenigen, welche dabei von ärztlicher
Behandlung nichts wissen wollen, curiren sich mit Wachholder- oder
starken Aufgüssen von Hyson oder einem andern starken grünen Thee,
Pfeffer und Branntwein, nebst manchen andern Mittelchen, denen
Gewohnheit oder Quacksalberei das Wort redet.
Ich will nicht länger bei dieser traurigen Zeit stehen bleiben, als
nöthig ist, um Ihnen zu sagen, daß wir die Ursache unsers Erkrankens
in einer übeln Ausdünstung suchen, die wohl von einem Keller unter
der Küche ausgehen mochte. Als der Schnee schmolz, füllte sich dieser
Keller zur Hälfte mit Wasser, entweder in Folge der Nässe, welche
durch den schwammigen Boden eindrang, oder aus einem Quell, der unter
dem Hause entspringen mochte; wie dem auch sei, die Hitze des Koch-
und Brat-Ofens in der Küche bewirkte eine Gährung in der stockenden
Flüssigkeit, ehe sie entfernt werden konnte; die schädlichen Dünste,
welche sich aus dieser Masse fauligen Wassers entwickelten, waren uns
allen nachtheilig; die Hausmagd, welche dem schädlichen Einfluß am
meisten ausgesetzt war, erkrankte zuerst --, und kurz darauf folgten
wir alle nach, so daß bald keiner mehr dem andern Beistand leisten
konnte. Ich glaube, meine Krankheit steigerte sich noch dadurch, daß
ich die Leiden meines guten Gatten und meines theuren Kindes mit
ansehen mußte.
Das Fieber, Dank sei es dem Calomel und dem Quinin, verließ mich
nach Verlauf von vierzehn Tagen wieder; und eben so mein Kind und
seine Wärterin. Meinem Gatten aber hing es den ganzen Sommer hindurch
an, hemmte ihn in seiner Thätigkeit und stimmte ihn mißmuthig und
verdrießlich; letztres ist eine unausbleibliche Folge des Fiebers, es
macht eben so kleinmüthich und verzagt, und stimmt die Lebens-Geister
eben so sehr herab, wie ein Nervenfieber. Mein Knabe ist, seitdem er am
Wechselfieber gelitten, noch nie wieder recht gesund gewesen, und sieht
sehr blaß und grillig aus.
Wir würden uns, da weder eine Magd, noch eine Wartefrau, noch sonst ein
dergleichen Dienstbote zu erlangen war, in einer sehr schlimmen Lage
befunden haben, wofern uns nicht _Marie_ und _Susanne_ beigestanden
hätten. Ich wußte wirklich nicht, was unter so mißlichen Umständen,
ohne diese Hülfe, aus uns hätte werden sollen.
Dieser Sommer ist ausnehmend heiß und trocken gewesen; das Wasser in
den Seen und Flüssen war ausgetrocknet, mehre Wochen hindurch fiel
auch nicht ein Tropfen Regen. Die äußerste Dürre vernichtete die
Kartoffel-Ernte völlig. Unser indianisches Korn dagegen stand sehr
schön, desgleichen geriethen die Kürbisse gut. Wir hatten einige schöne
Gemüse im Garten, vorzüglich Erbsen und Melonen, die letztern waren
sehr groß und zart. Die Cultur der Melone ist sehr einfach; man häuft
zuerst vermittelst einer breiten Hacke die umgebende Erde zusammen; die
Mitte dieses Haufens wird dann leicht ausgehöhlt, so daß sie gleichsam
ein Becken bildet, und die Erde am Rande wird noch etwas gehoben; in
diese Höhlung steckt man mehre Melonen-Samen und überläßt sie dann
der Sonnenhitze, indeß ist es gut, wenn man den Pflanzen von Zeit zu
Zeit etwas Wasser giebt; der Boden muß wo möglich in schöner schwarzer
Damm-Erde bestehen; und wenn die kleinen Hügelchen eine Niedrigung
einnehmen, so daß immer etwas Wasser im Umkreise stehen bleibt, desto
besser gerathen die Melonen. Es ist die Meinung mehrer praktischer
Leute, welche durch mehrjährige Bekanntschaft mit dem Lande, Erfahrung
eingeerntet haben, daß man bei Anlegung und Anpflanzung eines Gartens
die Beete nicht empor heben soll, wie dies gewöhnlich der Fall ist;
sie geben als Grund dafür an, daß die Sonnen-Hitze die Feuchtigkeit,
wenn das Beet hoch ist, leichter vom Erdreich wegziehe, als im
entgegengesetzten Fall, und daß in Folge der Dürre des Bodens die
Pflanzen welken.
Da einige Wahrheit in dieser Bemerkung zu sein scheint, so bin ich
geneigt, das Verfahren anzunehmen.
Gemüse sind im Allgemeinen gut und gelangen schnell zur Reife, wenn
man bedenkt, wie spät im Jahre sie gepflanzt werden. Erbsen sind stets
gut, besonders die großen englischen Erbsen (^marrowfats^), welche
bisweilen auf den Feldern in gelichtetem Boden, welcher unter dem
Pfluge ist, gezogen werden. Wir haben eine große Mannigfaltigkeit an
Bohnen, alle der französischen Sorte (Schminkbohne) angehörig; von
einer sehr ergiebigen Laufbohne lege ich einige Samen für sie bei; das
Verfahren beim Legen derselben besteht kürzlich in Folgendem: man macht
einen kleinen Hügel von Damm-Erde indem man die Erde mittels einer
Hacke zusammen häuft; drückt ihn an der Spitze platt oder höhlt ihn
etwas aus, so daß die Vertiefung gerade die Mitte einnimmt, und legt
längs den Rändern vier oder fünf Samen hinein; sobald die Bohne aufgeht
und Ranken treibt, steckt man in die Mitte des kleinen Hügels eine
fünf bis sechs Fuß lange Stange; sämtliche Pflanzen vereinigen sich an
der Stange, winden sich um dieselbe empor, und tragen eine zahllose
Menge Schoten (Bohnen), welche wie die Scharlachbohnen geschnitten
und gekocht oder auch in ihrem trocknen und reifen Zustande benutzt,
nämlich geschmort und mit eingesalznem Fleische genossen werden;
letztres ist, glaube ich, das gewöhnliche Verfahren. Die zeitige
Buschbohne ist eine Zwerg-Art mit glänzendgelben Samen.
Unser Salat ist gut und leicht zu erbauen, man erhält ihn sehr zeitig,
wenn man die Saatlinge verpflanzt, welche, gleich nachdem der Schnee
gewichen ist, über der Erde erscheinen. Kraut, und alle Wurzel-Arten
werden den Winter über in Kellern oder Wurzel-Häusern aufbewahrt; aber
von der nachtheiligen Gewohnheit, grüne Gemüse in den seichten feuchten
Kellern unter der Küche aufzuheben, mögen manche Krankheiten herrühren,
wovon die Ansiedler, unter der Form von Sumpf-, Wechsel- und andern
nachlassenden Fiebern heimgesucht werden.
Manche, besonders von der niedern Klasse sind nicht hinreichend sorgsam
in Befreiung dieser Keller von den verwitternden Ueberbleibseln
vegetabilischen Stoffes, die man oft Jahrelang sich anhäufen läßt, und
hierdurch muß natürlicher Weise die Atmosphäre in den Häusern verdorben
werden. Ist das Haus klein und die Familie zahlreich, und mithin den
schädlichen Einflüssen während der Nacht ausgesetzt, so kann man sich
die traurigen Folgen leicht vorstellen.
»Man spreche nur nicht von Seen und Morästen, als der Ursache von
Fiebern und Rheumatismen; man richte sein Augenmerk hierbei besonders
auf die Keller,« war der Ausspruch eines erfahrnen Yankie-Doctors. Und
wirklich glaube ich, daß der Keller unsers Hauses schuld an unserm
Erkranken war, und daß seine Ausdünstungen das Uebel den ganzen
Frühling und Sommer hindurch unterhielten.
Ein Wurzel-Haus ist zur Bequemlichkeit einer Ansiedler-Familie durchaus
erforderlich; bei gehöriger Construction, mit doppelten Blockwänden,
und bei gehöriger Verwahrung des Daches gegen das Durchsickern des
Regens oder schmelzenden Schnees, kann man darin Gemüse, Fleisch und
Milch lange und unversehrt aufbewahren. Sie werden fragen, warum, wenn
der Nutzen wirklich so groß und die Bequemlichkeit so wesentlich ist,
nicht jeder Ansiedler ein dergleichen Nebengebäude errichtet?
Das, liebe Mutter, ist gerade die Bemerkung, welche jeder neue
Ankömmling macht; allein er überzeugt sich nur zu bald von den
Schwierigkeiten, welche einer Einrichtung der Art zu Anfange entgegen
stehen; er müßte denn, was aber leider nicht oft der Fall ist, bares
Geld in Ueberfluß besitzen, um die erforderliche Arbeiter-Zahl
miethen zu können. Arbeits-Löhne sind so kostspielig, und die Zeit
zur Arbeit ist so kurz, das die Aufführung manches nützlichen, zur
Bequemlichkeit dienenden Gebäudes für die Zukunft aufgespart werden
muß; ein Keller, den ein Mann, vorausgesetzt, daß er fleißig arbeitet,
in zwei Tagen graben kann, ist alles, worauf man vor der Hand zählen
darf, bis die Zeit kommt, wo man mehr Muße hat, oder die Nothwendigkeit
ein Wurzel-Haus erheischt. Wir selbst können uns als Beispiel dieses
eben nicht willkommnen Aufschubs anführen; allein nunmehr sind die
Blöcke dazu geschnitten, und wir werden in nächstem Frühjahr eine so
nützliche Anstalt besitzen. Ich würde aber doch jedem rathen, gleich
von vornherein oder doch so bald als möglich ein Wurzel-Haus zu bauen,
so wie auch einen Brunnen zu graben; das nur wenige Fuß unter der Erde
befindliche Quellwasser machen letztre Arbeit weder schwierig noch
sehr kostspielig. Die Bäche und kleinen Wasser-Behälter versiegen bei
sehr trocknem Wetter nicht selten, und das See- und Fluß-Wasser wird
im Frühjahr und Sommer warm und ekelhaft. Das Quell-Wasser ist in der
Regel kalt, -- selbst in der heißesten Jahreszeit, -- und in hohem
Grade erfrischend.
Der Winter scheint jetzt in seiner ganzen Strenge einzutreten. Schnee
ist seit Mitte Oktobers bereits zweimal gefallen, aber eben so oft
wieder verschwunden, allein jetzt ist der Boden steinhart gefroren;
der kühne Nordwestwind bläst eiskalt über die öde Flur, und Alles
und Jedes um uns her erscheint frostig und winterhaft. Die dunkle
Fichten-Linie, welche die entgegengesetzte Seite des Sees begrenzt,
ist bereits mit Reif und Schnee bedeckt, und der halbgefrorne See
zeigt eine dunkle Bleifarbe, deren Einförmigkeit blos die in langen
Spitzen hervorschießenden Eismassen, welche gleichsam Baien und
Halbinseln bilden, unterbrechen. Die Mitte des Stroms, wo die Gewalt
des Wassers am größten ist, ist noch nicht ganz mit Eis belegt, sondern
fließt in dunkeln Wogen dahin, wie ein Fluß zwischen seinen gefrornen
Ufern. An einigen Stellen, wo die Ufer abschüssig und mit Wurzeln
und Strauch-Werk überwachsen sind, nehmen der gefallne Schnee und das
Wasser die seltsamsten Formen an.
Ich bin an heitern Winter-Tagen stundenlang stehen geblieben und habe
meine Augen mit namenlosem Entzücken auf den mimischen Wasserfällen
weilen lassen, die längs dem Ufer zu festen Eismassen erstarrt sind,
und als ich von dem Mühlendamm aus diese niedlichen Spielereien Vater
Frosts betrachtete, malte ich mir im Geiste die erhabne Scenerei der
arktischen Welt.
Trotz seiner sehr langen Dauer und äußersten Strenge habe ich doch den
canadischen Winter gern; er ist entschieden die gesundeste Jahreszeit;
und es ist kein kleiner Genuß, von den Plagen der Insekten-Schwärme
befreit zu sein, die der Annehmlichkeit der schönen Sommer-Monate
keinen geringen Abbruch thun.
Wir haben so eben Ihr letztes Packet erhalten; -- tausend, tausend Dank
für den Inhalt! Wir alle freuen uns über Ihre nützlichen Geschenke,
vorzüglich über die warmen Shawls und Merinos. Mein kleiner _James_
(_Jacob_) nimmt sich in seinem neuen Röckchen ganz allerliebst aus,
es wird ihn recht gut gegen die Kälte schützen; er küßte die schönen
mit Pelz gefütterten Pantoffeln, die Sie für mich beigelegt haben,
und sagte »Pussy, Pussy;« bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen,
daß wir eine hübsche Katze haben, welche _Nora Crena_ heißt, und die
Abschiedsgabe unsrer Freundin *** ist, die sie meinem Knaben zum
Andenken hinterließ. _James_ ist ganz vernarrt in das Thier; und ich
muß Ihnen sagen, daß ich sie fast als eine zweite _Wittington's_ Katze
betrachte; weder Maus noch Tschitmunk hat sich seit ihrer Gegenwart in
unsre vier Pfähle gewagt; selbst die Heimchen, welche uns mit ihrem
ewigen Gezirp von früh bis in die sinkende Nacht beschwerlich fielen,
haben ihre alte Behausung verlassen. Außer den Heimchen, die oft in
solcher Menge umher schwirren, daß sie eine wahre Plage abgeben,
und tuchene und wollene Kleider verderben, werden wir von großen
schwarzen Ameisen heimgesucht, die überall umher galloppiren, und
Zucker, Eingemachtes, Kuchen, kurz jede Leckerei, wozu sie nur immer
gelangen können, verzehren; diese Insekten sind dreimal so groß als die
schwarzen Ameisen in England, und haben einen entsetzlichen Appetit;
wenn sie keine bessere Beute finden können, so tödtet die eine die
andre, und dies mit dem Ingrimm und der Geschicklichkeit der Spinne.
Sie scheinen in ihrer Lebensweise weniger gesellig zu sein als andre
Ameisen; wiewohl ich mich, bei Berücksichtigung der beträchtlichen
Anzahl, die in unser Zimmer dringt, zu dem Schlusse geneigt fühle, daß
sie eben so, wie die übrigen Arten der Gattung, einen Verein bilden und
in Gemeinschaft mit einander leben.
Während des ersten Jahres seines Aufenthalts in einem neuen Blockhause
wird man durch ein beständiges knarrendes, den Ohren äußerst
unangenehmes Geräusch belästigt, bis man sich daran gewöhnt hat; dies
wird durch ein Insekt, gewöhnlich der _Säger_ genannt, verursacht.
Es sind die Larven einer Fliege, die ihre Eier in die Rinde der
Fichten-Bäume legt, das Thierchen in seinem unreifen Zustande ist von
weißlicher Farbe, der Körper besteht aus elf Ringen; der Kopf ist mit
einer kurzen harten Zange bewaffnet, die Haut des Sägers ist so rauh,
daß man beim Darüberwegfahren mit dem Finger eine Raspel zu berühren
scheint, und doch erscheint sie dem Auge völlig glatt und eben. Sie
würden sich wundern, wenn Sie den Haufen feiner Sägespäne unter dem
Loche sähen, woran er die ganze Nacht hindurch gearbeitet hat. Diese
Säger sind ein gutes Futter für die Baumhacker, und in Gemeinschaft mit
einander tragen sie zur schnellen Zerstörung der gigantischen Waldbäume
bei, die andernfalls die Erde Jahrhunderte hindurch belasten würden.
Wie unendlich groß ist die Weisheit, welche die physische Welt regelt
und beherrscht! Wie oft sehen wir große, gewaltige Ereignisse, die
durch scheinbar unbedeutende Umstände herbeigeführt werden! aber alle,
so klein sie auch erscheinen mögen, sind Diener, welche den Willen
ihres Herrn und Gebieters vollstrecken. Einem großen Mangel, nämlich
dem Mangel an öffentlichem Gottesdienst an Sonn- und Festtagen wird
nun bald abgeholfen werden. Man geht damit um, eine Subscription unter
den Ansiedlern dieses und eines Theils der benachbarten Gemeinde zur
Aufführung eines kleinen Gebäudes zu eröffnen, welches zugleich den
Zwecken einer Kirche und eines Schul-Hauses entsprechen und überdies
die Besoldung eines Predigers für seine Bemühungen decken soll. --
Er hat sein Gesellschaftszimmer zur einstweiligen Versammlung der
Andächtigen hergegeben, und ein sehr achtbarer junger schottischer
Geistlicher hat schon verschiedne Male darin Gottesdienst gehalten; ich
kann Ihnen versichern, daß unsre religiösen Versammlungen, trotz dem,
daß die Emigranten theils der katholischen, theils der bischöflichen u.
s. w. Kirche angehören, ziemlich zahlreich ausfallen.
Die Unterschiede zwischen den verschiednen Glaubensgenossen fallen
in diesem Lande nicht so in die Augen, als in der Heimath; besonders
weil man den Mangel an religiösen Zusammenkünften nur zu merklich
fühlt, und mehr den großen allgemeinen Zweck aufrichtiger und inniger
Gottesverehrung ins Auge faßt. Das Wort »_Gott_« ist ein Wohlklang
für das Ohr. Möge der Segen des Himmels denjenigen zu Theil werden,
welche in Geist und Wahrheit bestrebt sind, die öffentlichen Gebräuche
des Sabaths wieder herzustellen, die, wenn sie unsrer eignen Leitung
überlassen blieben, nur zu leicht in Vergessenheit gerathen dürften.
Leben Sie wohl!
Achtzehnter Brief.
Geschäftreiches Frühjahr. -- Zunahme der Gesellschaft und
Bequemlichkeit. -- Erinnerungen an die Heimath. -- Nordlicht.
Dies ist ein geschäftreiches Frühjahr für uns gewesen; zuerst hatten
wir Zucker zu sieden, und diesmal in größerer Menge als früher, als
wir unsern ersten Versuch machten. -- Alsdann hatten wir Werkleute,
indem unser Haus mancher Erweiterung bedurfte; wir haben eine große und
bequeme Küche bauen lassen, die alte dient jetzt als Schlafgemach; das
Wurzel-Haus und die Milcherei sind ziemlich vollendet. -- Wir haben
einen Brunnen mit trefflichem Wasser gleich vor der Thür, und eine
hübsche hölzerne Scheune ist diese Woche fertig geworden, sie enthält
zugleich einen Getraideboden und einen Stall, mit einer Abtheilung für
das Federvieh, welches mir viel Unterhaltung und Freude gewährt.