wir in diesem Punkte in unsrer Sphäre sind, und auf feinen Anstand und
gute Sitten zählen können, und an eine Abweichung von jenen Gesetzen,
die guter Geschmack, gesunder Verstand und ein richtiges moralisches
Gefühl unter Leuten unsers Standes begründet haben, nicht zu denken ist.
Indeß gereicht es hier zu Lande der Frau eines Offiziers oder Gentleman
keineswegs zur Unehre, wenn sie in der Hauswirthschaft selbst Hand
anlegt, oder alle häusliche Pflichten, sobald es die Gelegenheit
erfordert, allein verrichtet. Erfahrenheit in den Geheimnissen der
Seifen-, Lichter- und Zucker-Bereitung, im Brodbacken, Buttern
und Käsemachen, im Melken der Kühe, im Stricken, Spinnen und der
Zubereitung der Wolle für den Webstuhl, ist für sie von unendlichem
Werth und macht sie zu einem ehrenwerthen Mitgliede der Gesellschaft.
In dergleichen Dingen strafen wir _Busch-Damen_, die, welche die Nasen
rümpfen und die vornehmen Bemerkungen, welche ein Mr. oder eine Mrs. N.
N. in der Heimath machen würde, mit gebührender Verachtung. Wir rühmen
uns unsrer Fügung in die Umstände; und da ein brittischer Offizier
nothwendiger Weise ein feiner, gebildeter Mann, und seine Gattin
eine feine Dame sein muß, so trösten wir uns mit dem Besitz dieser
Eigenschaften als dem unwiederleglichen Beweis einer höheren Bildung,
und lassen uns in unsrer nutzvollen Thätigkeit nicht im mindesten
stören, da hierdurch unsre Sittenfeinheit keinen Abbruch erleiden kann.
Unsre Gatten verfolgen eine ähnliche Lebensweise; der Offizier
vertauscht seinen Degen mit dem Pflugschaar, seine Lanze mit der
Sichel, und wer ihn zwischen den Baumstummeln den Boden aufhacken, oder
auf seinem Grundstück Bäume fällen sieht, denkt deswegen nicht geringer
von ihm und seinem Stande, oder hält ihn darum weniger für einen
Gentleman, wie früher, als er noch in allem Glanze und aller Würde
militairischer Etiquette, mit Feldbinde, Degen und Epauletten auf dem
Paradeplatze erschien. Es ist alles ganz so, wie es in einem Lande sein
muß, wo Unabhängigkeit von Betriebsamkeit und Fleiß unzertrennlich
ist, und gerade dieser Umstand macht es mir so schätzenswerth.
Unter mehren Vortheilen, deren wir uns in diesem Gemeinde-Bezirk
erfreuen, halte ich den nicht für unbeträchtlich, daß die niedere
arbeitende Ansiedler-Klasse aus ordentlichen, gutwilligen und von den
widrigen Yankie-Sitten, wodurch sich manche der früher angesiedelten
Gemeinde-Bezirke zu ihrem Nachtheil unterscheiden, völlig freien
Leuten besteht. Unsre Dienstboten sind eben so oder fast eben so
ehrerbietig, als die in der Heimath; auch werden sie nicht an unsere
Tische gezogen oder auf gleichen Fuß mit uns gestellt, ausgenommen als
»_Bienen_« und bei ähnlichen öffentlichen Versammlungen; wobei sie sich
in der Regel anständig und geziemend benehmen, so daß sie manchen,
die sich Gentleman nennen, nämlich jungen Leuten, die willkührlich
jene Beschränkungen auf die Seite setzen, welche die Gesellschaft von
solchen, die einen achtbaren Posten ausfüllen, erwartet, als Muster
dienen könnten.
Unmäßigkeit ist leider ein nur zu vorherrschendes Laster unter allen
Volks-Klassen in diesem Lande; allein ich erröthe, indem ich es sage,
daß sich vorzüglich diejenigen desselben schuldig machen, welche dem
bessern Stande angehören wollen. Solche mögen doch ja nicht über die
Freiheiten klagen, welche sich die arbeitende Klasse gegen sie heraus
nimmt, und daß sie ihnen auf eine Weise begegnet, als wäre sie ihres
Gleichen, denn sie stellen sich ja selbst durch ihr Betragen unter den
anständigen, nüchternen, wenn auch armen Ansiedler. Wenn sich die Söhne
von Gentlemen selbst erniedrigen, so darf es ja gar nicht befremden,
daß die Söhne armer Leute in einem Lande, wo alle einander auf gleichem
Boden begegnen, und nur ein anständiges feines Benehmen Unterschiede
zwischen den verschiednen Klassen bildet, sich über sie zu erheben
suchen.
Als ich vor einigen Monaten bei einer Freundin in einem entfernten
Theile des Landes zum Besuch war, begleitete ich sie in die
Wohnung eines Geistlichen, des Predigers in einem blühenden Dorfe
in dem Gemeinde-Bezirk, wo sie einige Tage bleiben wollte -- die
patriarchialische Einfachheit des Hauses und seiner Bewohner
überraschte mich. Wir wurden in das kleine Familien-Zimmer geführt,
dessen Fußboden nach der unter den Yankies üblichen Sitte angestrichen
war, die Wände hatten keine Tapeten, sondern bestanden aus Tannenholz
ohne alle Verzierung, das Hausgeräthe entsprach der allgemeinen
Einfachheit. Ein großes Spinnrad schnurrte unter den fleißigen Händen
einer sauber gekleideten Matrone von milden, feine Bildung verrathenden
Zügen; ihre kleinen Töchter saßen mit ihren Strickstrümpfen am
Kaminfeuer, während der Vater mit Unterrichtung von zwei seiner Söhne
beschäftigt war; ein dritter saß behaglich auf einem kleinen Strohstuhl
zwischen seinen Füßen, und ein vierter schwang seine Axt mit nervigen
Armen im Hofe und warf von Zeit zu Zeit durch das Stubenfenster
sehnsuchtsvolle Blicke nach dem traulichen Familienkreise im Innern.
Die Kleidung der Kinder bestand aus einer groben Art Zeug, einem
Gemisch von Wolle und Flachs (Zwirn), dem Erzeugniß der kleinen Meierei
und des rühmlichen Fleißes ihrer Mutter. Strümpfe, Socken, Müffchen und
warme Umschlagetücher waren sämmtlich Haus-Fabrikate. Mädchen sowohl
als Knaben trugen Mocassins, die sie selbst gefertigt hatten. Gesunder
Verstand, Fleiß und Ordnung herrschten unter den Gliedern dieses
kleinen Haushaltes.
Mädchen und Knaben handelten, wie es schien, nach dem Grundsatz, daß
nichts entehrend sei, als was unmoralisch und unschicklich ist.
Gastfreundschaft ohne Uebertreibung, Freundlichkeit ohne geheuchelte
Sprache bezeichneten das Benehmen unsrer würdigen Freunde. Alles
und Jedes im Hauswesen geschah mit Rücksichtsnahme auf Ordnung und
Bequemlichkeit, das Besitzthum (ich sollte wohl lieber sagen, das
Einkommen) der Familie war nur gering; sie besaß einige Acker an das
kleine Häuschen stoßendes Torf-Land, aber durch Thätigkeit und Fleiß
außer und im Hause, so wie durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft
sah sie sich im Stande, zwar einfach aber doch auf anständigem
Fuße zu leben; mit einem Wort, wir erfreuten uns während unsres
Aufenthaltes bei diesen guten Menschen mancher von jenen Genüssen,
die eine völlig urbare canadische Meierei darbieten kann; Geflügel
aller Art, hausschlachtenes Rindfleisch, treffliches Schöpsenfleisch
und Geräuchertes waren in Ueberfluß vorhanden; zum Thee hatten wir
mancherlei Delicatessen: Eingemachtes, Honig in Scheiben, treffliche
Butter und guten Käse nebst verschiednen Sorten Kuchen; eine Art
kleine Pfann-Kuchen von Buchweizen-Mehl, in einer kleinen Pfanne mit
Hefen geknetet und nachmals in heißen Speck gestürzt und gebacken;
ein Präparat von indianischem Korn-Mehl, Namens Supporne-Kuchen
(^Supporne-cake^), in Schnitzeln geschmort und gebacken und mit
Ahorn-Syrup gegessen, gehörten ebenfalls unter die Raritäten unsers
Frühstücks.
Als ich eines Morgens ein Völkchen sehr schönen Geflügels im Hühnerhofe
bewunderte, sagte meine Wirthin lächelnd zu mir, »ich weiß nicht, ob
Sie glauben, daß ich auf rechtlichem Wege dazu gekommen bin.«
»O ich bin gewiß, Sie erlangten die hübschen Thierchen nicht durch
unerlaubte Mittel,« erwiederte ich lachend, »für Ihre Grundsätze in
dieser Hinsicht will ich bürgen.«
»Schön,« sagte meine Wirthin, »sie sind mir weder gegeben noch verkauft
worden, und doch habe ich sie auch nicht gestohlen. Ich fand den
ursprünglichen Stamm auf folgende Weise. Eine alte schwarze Henne
erschien eines Morgens ganz unerwartet vor unsrer Thür; wir begrüßten
den Ankömmling mit Staunen und Freude; denn wir konnten zu dieser Zeit
unter unsrer kleinen Colonie keinen einzigen Haus-Vogel aufweisen.
Wir haben nie recht erfahren können, wie die Henne in unsern Besitz
kam, vermuthen aber, daß eine landeinwärts reisende Auswandrer-Familie
dieselbe unterwegs verloren haben muß; diese Henne legte zehn Eier und
brütete sie glücklich aus; die kleine Brut war der Stamm von unsern
Hühnern, und wir konnten bald unsre Nachbarn mit dergleichen Geflügel
versorgen. Wir schätzen diese Vögel nicht blos wegen ihrer vorzüglichen
Größe, sondern auch wegen der eigenthümlichen Weise, auf die wir sie
erhalten haben, und die uns als ein Beweis von Gottes Fürsorge für
unsre Angelegenheiten erschien.«
Sehr viel Unterhaltung gewährte mir die leichte Skitze, welche uns der
Prediger eines Abends zum besten gab, als wir alle um ein prasselndes
Holzfeuer herum saßen, das in dem, mit seinem steinernen Mauerwerk weit
vorspringenden und zu beiden Seiten ziemlich tiefe Winkel bildenden
Kamin hoch emporloderte.
Er bezog sich auf seine erste Ansiedlung und bemerkte Nachstehendes: --
»Es herrschte eine trostlose Wildniß von finstern dichtstehenden
Waldbäumen, als wir zuerst unser Zelt hier aufschlugen, zu dieser Zeit
war noch keine Axt an die Wurzel auch nur eines einzigen Baumes gelegt
worden, noch kein Feuer, außer von umherstreifenden Indianern, war in
diesen Wäldern angezündet worden.
»Ich kann immer noch den Ort zeigen, wo mein Weib und meine Kleinen
ihr erstes Mal verzehrten und ihre schwachen Stimmen mit dankerfüllten
Herzen zu jenem allmächtigen und barmherzigen Wesen erhoben, welches
sie glücklich und wohlbehalten mitten durch die Gefahren des Oceans
hierher geführt hatte.
»Wir glichen einer kleinen, in einer großen Wüste, unter dem besondern
Schutze eines mächtigen Hirten, wandernden Heerde.«
»Ich habe Sie meine liebe junge Freundin,« (diese Worte galten meiner
Gefährtin,) von den Entbehrungen und Mühseligkeiten im Busche sprechen
hören; aber glauben Sie mir, Sie haben im Vergleich mit denen, die vor
einigen Jahren hierher kamen, nur wenig davon erfahren.
»Fragen Sie nur meine ältern Kinder und meine Frau, wie beschaffen die
Beschwerden und Mühseligkeiten des Buschsiedler-Lebens noch vor zehn
Jahren waren, sie werden Ihnen sagen, daß sie Hunger und Kälte, und
alle damit verbundne Uebel zu erdulden hatten, daß es zu Zeiten an
jedem nöthigsten Nahrungs-Artikel fehlte. Was die feinen Lebensgenüsse
und Luxus-Artikel anlangt, so wußten wir nichts davon; und wie konnten
wir auch? wir waren weit von jeder Gelegenheit entfernt, dergleichen
Dinge zu erlangen; Kartoffeln, Schweinfleisch und Mehl waren unsre
einzigen Vorräthe, und oft gingen uns die beiden letztern aus, und
es dauerte eine ziemliche Weile, ehe wir neue erlangen konnten. Die
nächsten Mühlen waren dreizehn (englische) Meilen von uns entfernt, und
der Weg dahin führte durch blos angedeutete Wald-Pfade; und überdies
hatten wir keinen einzigen Ansiedler in der Nähe. Jetzt sehen Sie
uns in einer gelichteten, völlig urbar gemachten Gegend, umgeben von
blühenden Meiereien und entstehenden Dörfern; aber zu der Zeit, wovon
ich spreche, war es nicht so; damals gab es weder Gewürzläden, noch
Vorraths-Häuser, wir hatten keine Fleischbänke, keine gelichteten
Meierein, keine Milcherei, keine Obstgärten; auf diese Dinge mußten wir
geduldig warten, bis Fleiß und Betriebsamkeit sie herbeiführen würden.
»Unsre Kost bestand in nichts anderm, als eingepöckeltem
Schweinfleisch, Kartoffeln und bisweilen in Brod zum Frühstück;
Schweinfleisch und Kartoffeln bildeten unser Mittagsmahl, Kartoffeln
und Schweinfleisch unsern Abendtisch, nebst einem Brei aus indianischem
Korn für die Kinder. Bisweilen mußten wir uns mit Kartoffeln ohne
Schweinfleisch, bisweilen mit Schweinefleisch ohne Kartoffeln
begnügen; dies war unsre tägliche Kost im ersten Jahre. Nach und nach
erhielten wir etwas Korn von unserm eignen Boden, woraus wir uns
mittels einer Handmühle ein grobes Mehl bereiteten; denn wir hatten
weder Wasser- noch Wind-Mühlen in unsrer Colonie, und gutes Brod war in
der That ein Luxus-Artikel für uns, den wir nicht oft hatten.
»Wir brachten eine Kuh mit, die uns während des Frühlings und Sommers
mit Milch versorgte; aber wegen des wilden Knoblauchs (ein in unsern
Wäldern sehr häufiges Unkraut), welchen sie fraß, war ihre Milch kaum
genießbar, sie starb im folgenden Winter, zu unserm nicht geringen
Kummer; wir lernten, daß Erfahrung in dieser so wie in vielen andern
Angelegenheiten, hoch zu stehen kommt, jetzt aber genießen wir den
Vortheil davon.«
»Bestimmten sie die Schwierigkeiten, worauf sie damals stießen, nicht
bisweilen zu Mißmuth und zur Reue über die freiwillige Wahl einer von
ihrer frühern so verschiednen Lebensweise?« fragte ich.
»Sie dürften diese Wirkung wohl herbeigeführt haben, hätte nicht ein
höherer Beweggrund, als bloser weltlicher Vortheil mich veranlaßt,
meiner Heimath Lebwohl zu sagen und hierher zu kommen. Sehen Sie, die
Sache verhielt sich so: ich war mehre Jahre Prediger eines kleinen
Dörfchens in den Gruben-Distrikten von Cumberland gewesen. Ich war den
Herzen meiner Gemeinde theuer, sie war meine Freude und meine Krone.
Eine Anzahl meiner Kirchgänger, durch Armuth und schlechte Zeiten
gedrückt, beschloß, nach Canada auszuwandern.
»Getrieben von dem natürlichen und nicht ungesetzmäßigen Verlangen,
ihre Lage zu verbessern, erschien ihnen eine Reise über das atlantische
Meer das beste Mittel dazu, und überdies ermuthigte sie das
Versprechen, daß ihnen ein beträchtlicher Flächenraum wilden Bodens
bewilligt werden sollte; denn damals war die Regierung in dergleichen
Schenkungen an Leute, welche Colonisten werden wollten, sehr freigebig.
»Allein vor Ausführung dieses Unternehmens kamen mehre der achtbarsten
von ihnen zu mir und setzten mich von ihrem Plan und ihren Gründen
zu einem so wichtigen Schritt, den sie im Begriff zu thun waren, in
Kenntniß; und zu gleicher Zeit baten sie mich in den rührendsten
Ausdrücken, im Namen der ganzen Gesellschaft, die sich zur Auswanderung
bestimmt hatte, sie in die Wildnisse des Westens zu begleiten, damit
sie nicht Gefahr liefen, ihren Herrn und Erlöser zu vergessen, wenn sie
sich von ihrem geistigen Führer und Beistand verlassen sähen.
»Anfangs verursachte mir der Vorschlag keine geringe Bestürzung; es
schien mir ein wildes und abentheuerliches Unternehmen; allein nach
und nach begann ich, mit Vergnügen bei der Sache zu verweilen. Ich
hatte, außer in meinem Geburts-Dorfe, wenige Bekannte, die mich an
das Heimathsland fesselten; das Einkommen von meiner Predigerstelle
war so gering, das es kein großes Hinderniß abgeben konnte; gleich
_Goldsmith_'s Pastor galt ich »_für reich, mit vierzig Pfund das
Jahr_.« Mein Herz hing mit inniger Liebe an meiner kleinen Heerde; zehn
Jahr hindurch war ich ihr Führer und Seelsorger gewesen; ich war der
Freund der Alten und der Lehrer der Jugend. Meine _Marie_ hatte ich aus
ihrer Mitte gewählt; sie hatte keine fremden Banden, um sie in weiter
Ferne mit Reue und Bedauern auf die Bewohner der Heimath blicken zu
machen, ihre Jugend und ihre Reife hatte sie unter ihnen erlebt, so daß
sie mir, als ich ihr den Vorschlag meiner Pfarrkinder mitgetheilt und
zugleich meine Wünsche zu erkennen gegeben hatte, nach Unterdrückung
eines bangen schmerzlichen Gefühls in ihrer Brust, mit _Ruth_'s Worten
erwiederte --
»Dein Land soll mein Land, dein Volk das meinige sein; wo du stirbst,
will auch ich sterben und begraben sein; der Herr thue mir so und so,
wenn mich etwas anderes als der Tod trennen sollte.«
»Eine liebreiche zärtliche Lebensgefährtin bist Du mir immer gewesen,
meine _Marie_,« schaltete der gute Mann hier ein, indem er seine Augen
voll Zärtlichkeit auf das milde Antlitz der würdigen Matrone richtete,
deren ausdrucksvolle Miene besser als Worte die Gefühle ausdrückten,
welche ihre Brust bewegten. Sie erwiederte nicht mit Worten, aber
ich sah die dicken glänzenden Thränen auf die Arbeit in ihrer Hand
fallen. Sie entsprangen von Bewegungen, die zu heilig waren, um durch
neugierige Augen gestört zu werden, und ich wendete eilig meinen Blick
von ihrem Gesicht; während der Prediger in Erzählung der Umstände,
die sein Scheiden von der Heimath, seine Reise und endlich seine
Ankunft in dem Lande begleitet, welches der kleinen Colonie in dem
noch ungelichteten Theile des Gemeinde-Bezirks bewilligt worden war,
fortfuhr.
»Wir hatten vor unsrer Ankunft in diesem Distrikte viele nützliche
Rathschläge und allen nützlichen Beistand von den Regierungs-Agenten
erhalten, und auch einige Holzspeller gegen hohe Löhne gemiethet, um
uns in der Kunst, Bäume zu fällen, aufzuschichten, zu verbrennen und
den Boden zu reinigen, zu unterrichten; da es unser Hauptziel war,
irgend eine Feldfrucht zu erbauen und einzuernten, so legten wir ohne
weitern Aufschub, als den die Errichtung eines einstweiligen Obdachs
für Weib und Kind erheischte, sogleich Hand ans Werk, und bereiteten
den Boden zur Aufnahme von Frühlings-Saat vor, wobei wir einer dem
andern mit Zugvieh und Arbeit beistanden. Und hier muß ich bemerken,
daß mir jede Aufmerksamkeit und Unterstützung von meinen Freunden zu
Theil ward. Meine Mittel waren gering, und meine Familie war zu jung,
um mir einige Dienste leisten zu können. Indeß fehlte es mir nicht
an Hülfe, und bald hatte ich die Freude, ein kleines Fleckchen zur
Erbauung von Kartoffeln und Korn gelichtet und gereinigt zu sehen,
ein Resultat, das ich durch meine alleinigen Anstrengungen nimmermehr
herbeigeführt haben würde.
»Mein ältester Sohn _Johann_ war erst neun Jahr alt, _Willie_ sieben
und die andern alle noch hülfloser; die beiden Kleinen, die Sie hier
sehen, sind erst nach meiner Ankunft in diesem Lande geboren worden.
Die blonde Dirne, welche neben Ihnen sitzt und strickt, war noch ein
Säugling, ein hülflos weinendes Kind, so schwach und kränklich, ehe
wir hier eintrafen, daß sie selten aus den Armen ihrer Mutter kam;
allein sie wuchs und gedieh unter der abhärtenden Behandlung einer
Buschsiedler-Familie zusehends.
»Wir hatten kein Haus, keine Art von Obdach zu unsrer Aufnahme, als
wir an dem Orte unsrer zukünftigen Bestimmung anlangen; und die ersten
beiden Nächte brachten wir auf den Ufern der Einbucht am Fuße des
Berges in einer Hütte von Cedern- und Schierlingstannen-Aesten zu, die
ich mit meiner Axt und mit Hülfe einiger meiner Gefährten zum Schutz
meiner Gattin und der Kleinen errichtete.
»Obgleich in der Mitte Mai's, waren die Nächte doch noch sehr kalt, und
wir waren froh, als ein tüchtiges Holzfeuer vor dem Eingange der Hütte
loderte, welches uns nicht nur gegen die Kälte, sondern auch vor den
Stichen der Musquitos sicherte, die in Myriaden vom Flusse her über uns
herfielen, und uns das Ufer weiter hinauftrieben.
»Sobald als möglich, errichteten wir eine Shanty, die jetzt als
Schuppen für das junge Vieh dient; ich wollte sie nicht niederreißen,
wiewohl ich oft gedrängt wurde, dies zu thun, da sie eine angenehme
Aussicht vom Fenster aus verhindert; allein ich blicke gar zu gern
darauf und erinnere mich dabei an die ersten Jahre, die ich unter
ihrem niedrigen Dache verlebt habe. Wir bedürfen solcher Gegenstände,
um uns an unsre ehemalige Lage zu erinnern; denn wir werden nur zu
leicht stolz und hören dann auf, unsre gegenwärtigen Annehmlichkeiten
gebührend zu schätzen.
»Unser erster Sabath wurde unter freiem Himmel gefeiert; meine Kanzel
war ein aus rohen Baumstämmen aufgeschichteter Pfeiler, meine Kirche
der tiefe Schatten des Waldes, unter welchem wir uns versammelten;
aber von einer aufrichtigeren Frömmigkeit und Inbrunst, als an diesem
Tage, bin ich nie Zeuge gewesen. Ich erinnere mich noch recht gut an
den von mir gewählten Text; ich entlehnte ihn aus dem achten Capitel
des fünften Buches Mosis, Vers 6, 7, und 9, die mir auf unsre damaligen
Umstände anwendbar zu sein schienen.
»Im folgenden Jahre errichteten wir ein kleines Blockhaus, das uns als
Schule und Kirche diente. Anfangs waren unsre Fortschritte in Lichtung
des Bodens nur langsam; denn wir mußten erst Lehrgeld bezahlen und
Erfahrung kaufen, und mancherlei und groß waren die Täuschungen und
Entbehrungen, denen wir in den ersten fünf Jahren zu begegnen hatten.
Zu einer Zeit litten wir alle am Fieber, und keiner war im Stande,
dem andern beizustehen; dies war eine traurige Zeit; allein bessere
Tage warteten unser. Die Anzahl der Auswandrer nahm fortan zu, und die
kleine Niederlassung, welche wir begründet, stand in gutem Rufe. Ein
neuer Ankömmling erbaute eine Säge-Mühle; ein andrer eine Korn-Mühle;
bald folgte auch ein Magazin, und diesem ein zweites und drittes, bis
wir ein blühendes Dorf um uns her empor steigen sahen. Nun fing das
Land an Werth an zu gewinnen, und manche von den alten Ansiedlern
verkauften die ihnen zugefallnen Parcellen mit Vortheil und zogen
weiter waldeinwärts.
»In demselben Verhältniß, als das Dorf wuchs, nahmen natürlicher Weise
auch meine amtlichen Pflichten zu, die mir in den ersten Jahren meine
kleine Heerde durch freiwillige Liebesdienste und Geschenke vergalt;
jetzt genieße ich die Zufriedenheit, meinen Lohn zu ernten, ohne daß
ich meinen Pfarrkindern zur Last falle. Mein Grundstück nimmt an Werth
zu, und außer meinem Honorar als Prediger erhalte ich noch für die
Schule eine kleine Zulage, welche die Regierung zahlt. Wir können
uns jetzt glücklich preisen, daß wir hier sind; denn Gott hat unsre
Bemühungen gesegnet.«
Ich habe manche interessante Umstände vergessen, die mit den Prüfungen
und Entbehrungen, welchen diese Familie ausgesetzt war, in Verbindung
standen; indeß erzählte uns der Prediger genug, um mich mit meiner
Lage auszusöhnen, und ich kehrte nach einem angenehmen mehrtägigen
Aufenthalte bei diesen liebenswürdigen Menschen, mit erhöhter
Zufriedenheit und einigen nützlichen praktischen Lehren, die mich mein
ganzes Leben hindurch begleiten werden, nach Hause zurück.
Ich interessire mich gegenwärtig nicht wenig für einen jungen Schotten,
der von England hierher gekommen ist, um die canadische Feldwirthschaft
zu lernen; der arme Junge hatte sich höchst romantische Vorstellungen
von dem Leben eines Ansiedlers gebildet, und zwar theils aus den
Berichten, die er gelesen, theils durch eine lebhafte Phantasie
verführt, welche die Täuschung vollendet und in ihm den Glauben
erzeugt hatte, daß er seine Zeit hauptsächlich mit den bezaubernden
Vergnügungen und Abentheuern, welche die Jagd auf Rehe und andres
Wild, das Schießen nach Tauben und Enten, das Erlegen des Fuchses mit
dem Speer, bei Fackellicht, das Umhersteuern auf den Seen in einem
Canoe von Birkenrinde während des Sommers, das Schlittschuhlaufen oder
Schlittenfahren, nach Art der Lappländer, über den gefrornen Schnee,
mit einer Schnelligkeit von zwölf (englischen) Meilen, und unter
dem muntern Geläute von Glöckchen und Schellen u. s. w. darbieten,
zubringen werde. Welch anmuthiges Leben, um einen Knaben von vierzehn
Jahren für sich einzunehmen, der eben erst den lästigen Beschränkungen
einer Pensions-Anstalt entflohen ist.
Wie wenig mochte ihn von den Plackerein und Mühseligkeiten träumen,
welche von den Pflichten eines Burschen seines Alters in einem Lande,
wo Alt und Jung, Herr und Diener in gleichem Grade, und ohne Rücksicht
auf frühere Lage und Rang, Hand ans Werk legen müssen, unzertrennlich
sind.
Hier muß der Sohn eines Gentleman selbst Holz spellen und Wasser
hohlen; er lernt hier Bäume fällen, Holzpfeiler errichten, Gitterwerk
zuschneiden, das Feuer während der Brenn-Zeit bewachen, und ist dabei
in einen groben Ueberwurf von hanfnem Zeuge (^logging-shirt^) und
entsprechende Pantalons gekleidet, und mit einem Yankie-Strohhut auf
dem Kopfe und einem Spieß zur Handhabung der lodernden Feuerbrändte
versehen. Beschicken, Anschirren und Führen des Zugviehs, Pflügen,
Säen, das Pflanzen von indianischem Korn und Kürbissen, das Legen von
Kartoffeln gehört unter die Verrichtungen des jungen Emigranten. Seine
Erholungen sind vergleichungsweise nur wenige, allein eben wegen ihrer
Seltenheit haben sie einen um so viel größeren Reiz, und gewähren einen
um so größeren Genuß.