glücklichen Ankunft zu Quebec, von meiner Krankheit zu Montreal,
von allen unsern Abentheuern und Widerwärtigkeiten während unsrer
Reise landeinwärts gehört haben, und wie wir nach einer ermüdenden
Wanderung endlich bei einem liebreichen Verwandten, den wir, nach einer
mehrjährigen Trennung wieder in die Arme zu schließen, glücklich genug
waren, endlich einen Ruheplatz gefunden.
Da meinem Gatten sehr viel daran gelegen war, sich in der Nachbarschaft
eines so nahen Verwandten von mir niederzulassen, indem er wohl denken
mochte, daß der Wald dadurch etwas von jener Einsamkeit verlieren
würde, worüber die meisten Frauen sich so bitter beklagen, so kaufte er
ein Stück Land an den Ufern eines schönen Sees, dem Gliede einer Kette
der kleinen Seen, die dem Otanabee angehören.
Hier also haben wir uns angebaut, fünfundzwanzig Acker unsers
Besitzthums sind bereits gelichtet und urbar gemacht, und ein nettes
Häuschen ist ebenfalls seit geraumer Zeit fertig und dient uns als
Schutz und Obdach, die Lage unsrer Meierei ist sehr angenehm, und jeder
Tag erhöht ihren Werth. Als wir zuerst im Busche anlangten, hatten wir,
mit Ausnahme von S--, blos zwei oder drei Ansiedler in unsrer Nähe, und
an Communications-Wege war gar nicht zu denken. Die einzige Straße, die
zum Güter-Transport aus dem nächsten Städtchen allenfalls taugte, lag
auf der andern Seite des Wassers, über welches man auf einem Block-
(Log-) Kahn oder einem Kanoe von Birkenrinde setzen muß. Ersteres
ist nichts weiter als ein mit der Axt ausgehöhlter Fichtenstamm,
der ungefähr drei oder vier Personen faßt, einen flachen Kiel hat,
schmal ist, und daher sehr gut in seichtem Wasser gebraucht werden
kann. Das Rinden-Canoe ist aus Birken-Rinden-Schichten gezimmert,
welche die Indianer kunstreich zuzurichten und unter einander zu
verbinden verstehen; Letzteres geschieht durch Zusammennähen, wozu
sie sich der zähen Wurzeln der Ceder, jungen Fichte, oder Lärche
(Tamarack, wie sie von den Eingebornen genannt wird,) bedienen. Diese
Fahrzeuge sind außerordentlich leicht, so daß sie von zwei Personen,
ja von einer, ohne Mühe getragen werden können. Dies also waren unsre
Fahrböte, gewiß sehr zerbrechliche Fahrzeuge, die zu ihrer Führung
große Geschicklichkeit und Vorsicht erfordern; sie werden durch
Ruderschaufeln in Bewegung gesetzt, wobei der Rudernde entweder kniet
oder steht. Die Squaws sind in Steuerung der Canoes sehr geübt und
behaupten ihre Balance mit großer Geschicklichkeit, sie stehen bei
ihrer Ruder-Arbeit und steuern in kleinen leichten Nachen mit großer
Geschwindigkeit durch das Wasser.
Sehr groß ist die Veränderung, welche wenige Jahre in unsrer Lage
bewirkt haben. Eine Anzahl sehr achtbarer Ansiedler hat sich längs den
Seen angekauft, so daß es uns nicht länger an Gesellschaft fehlt. Die
Straßen oberhalb unsrer Niederlassung sind jetzt meilenweit durch den
Wald gehauen und können, obschon bei weitem nicht tadelfrei, mit Wagen
und Schlitten bereist werden und sind doch gewiß besser als gar keine.
Da, wo früher ein dichter Fichtenwald den Boden bedeckte, ist ein
Dorf wie aus der Erde hervor gesprungen; wir haben jetzt in geringer
Entfernung von unsrer Meierei eine treffliche Säge-Mühle, eine
Grützmühle und ein Vorraths-Magazin nebst einer Schenke und manchen
hübschen Wohngebäuden.
Eine hübsche hölzerne Brücke, auf steinernen Pfeilern, ist im vorigen
Winter gebaut worden, um die Gemeinde-Bezirke auf beiden Flußufern mit
einander zu verbinden und den Abstand von Peterborough zu vermindern;
und ob sie gleich unglücklicher Weise in der ersten Hälfte des letzten
Frühjahrs durch das ungewöhnliche Steigen der Otanabee-Seen fort
geführt worden ist, so hat doch ein thätiger und unternehmender junger
Schotte, der Gründer des Dorfes, auf ihren Trümmern eine neue errichtet.
Allein das große Werk, welches früher oder später diesen Theil des
Distriktes seinem gegenwärtigen Dunkel entreißen wird und muß, ist
die Eröffnung einer Schiffahrts-Linie vom Huronen-See durch den
Simcoe-See, so wie durch unsre Kette kleiner Seen bis zum Reis-See und
endlich durch den Tremt bis zur Bay von Quinte. Dieses großartige Werk
dürfte von unberechenbarem Vortheil sein, indem dadurch eine direkte
Communication zwischen dem Huronen-See und den weiter einwärts im Lande
jenseits des Otanabee gelegnen Gemeinde-Bezirken mit dem St. Laurence
eröffnet werden würde. Dieses Project ist bereits der Regierung zur
Berathung vorgelegt worden und ist gegenwärtig ein Gegenstand des
allgemeinen Gesprächs im Lande; jedenfalls wird es früher oder später
zur Ausführung kommen. Es ist mit einigen Schwierigkeiten und Kosten
verbunden, wird aber nothwendiger Weise nicht wenig zum Gedeihen und
Wohlstande des Landes beitragen, und das Mittel zur Ansiedlung der
jenseits des Otanabee längs diesen Seen gelegnen Gemeinde-Bezirken
werden.
Ich muß es erfahrnern Leuten, als ich bin, überlassen, die
Ersprießlichkeit und Trefflichkeit des fraglichen Plans zu beurtheilen;
und da Sie, wie ich denke, nicht Willens sind, nach unsern Urwäldern
auszuwandern, so dürfte Ihnen eine flüchtige Andeutung des Unternehmens
genügen, und Sie werden schon aus Freundschaft zu mir, -- dafür
stimmen, daß die Eröffnung eines Marktes für inländische Erzeugnisse
nicht anders als höchst wünschenswerth sein könne.
Canada ist das Land der Hoffnung, hier ist alles neu, alles schreitet
hier vorwärts, es ist für Künste und Wissenschaften, für Ackerbau
und Manufacturwesen fast unmöglich, Rückschritte zu thun; sie müssen
beständig vorwärts gehen, und wenn auch in einigen Theilen des Landes
diese Fortschritte langsam erscheinen mögen, so sind sie doch in andern
verhältnißmäßig eben so reißend.
Die Thatkraft, der Unternehmungs-Geist der Auswandrer, besonders in den
nur theilweise besiedelten Gemeinde-Bezirken, wird in fortwährender
Anregung erhalten, ein Umstand, der sie in hohem Grade vor Entmuthigung
und Verzagtheit schützt.
Die Ankunft eines unternehmenden Mannes wirkt anspornend auf die um
ihn her, eine gewinnversprechende Speculation kommt in Vorschlag,
und siehe, das Land in der Nachbarschaft steigt an Werth um das
Doppelte, ja Dreifache gegen früher; auf diese Weise befreundet und
fördert er ohne gerade die Absicht zu haben, seine Nachbarn; die Pläne
eines Ansiedlers sind, so bald sie in Ausführung treten, für viele
wohlthätig. Wir haben bereits die wohlthätige Wirkung der Ansiedlung
neuer achtbarer Emigranten in unserm Gemeinde-Bezirk gefühlt, indem der
Werth unsers Boden-Eigenthums dadurch um das Dreifache gestiegen ist.
Alles dies liebe Freundin, werden Sie sagen, ist recht gut, und dürfte
verständigen Männern viel Stoff zu einer lehrreichen Unterhaltung
gewähren, aber uns Frauen wollen dergleiche ernsthafte Erörterungen
nicht recht behagen; daher bitte ich Sie, ein andres Thema zu wählen,
und mir lieber zu erzählen, wie Sie Ihre Zeit unter den Bären und
Wölfen Canadas zubringen.
An einem schönen Tage im letzten Juni besuchte ich zu Wasser die Braut
eines jungen See-Offiziers, der ein sehr hübsches Stück Land, etwa zwei
(englische) Meilen oberhalb des Sees gekauft hatte; unsre Gesellschaft
bestand aus meinem Gatten, meinem Knäbchen und meiner Wenigkeit; wir
trafen einige angenehme Freunde an, und belustigten uns ganz zu unsrer
Zufriedenheit. Das Mittagsmahl wurde in dem _Stoup_ aufgetischt, das
ist, (denn sie möchten schwerlich wissen, was das Wort bedeutet,) eine
Art weite Vorhalle (Verandah), die auf Pfeilern, häufig unabgerindeten
Baumstämmen ruht; der Fußboden besteht entweder aus hart getretnem
Erdreich oder Dielen (Bretern). Das Dach ist mit Rindenschichten oder
Schindeln gedeckt. Diese Stoups sind holländischen Ursprungs und, wie
man mir gesagt hat, von den ersten holländischen Ansiedlern in den
Staaten eingeführt worden; seitdem haben sie ihren Weg in alle übrige
Colonien gefunden.
Von der Scharlach-Ranke, einer in unsern Wäldern und Wildnissen
einheimischen Pflanze, der wilden Rebe, und der Hopfen-Pflanze, die
hier sehr üppig und ohne Arbeit oder Aufmerksamkeit auf ihre Cultur
gedeiht, bekränzt, haben die Stoups ein recht ländliches Ansehn; im
Sommer dienen sie als offnes Vorzimmer, wo man sein Mahl einnehmen und
das Anwehen der frischen Luft genießen kann, ohne von der heftigen
Hitze der Mittagssonne belästigt zu werden.
Diese Lage unsers Hauses ist vorzüglich gut gewählt, gerade auf dem
höchsten Punkte einer kleinen aufsteigenden Ebne, die sich ziemlich
steil nach einem kleinen Thale herabneigt, in dessen Grunde ein klarer
Bach den Garten von den ihm gegenüberliegenden Korn-Feldern, die das
Ufer bekränzen, scheidet. Gerade im Angesicht der Vorhalle (Stoup), wo
wir im Sommer unser Mittags-Mahl einnehmen, ist der Garten angelegt,
mit einem weichen, von Blumen-Rabatten umsäumten Rasen-Plätzchen, und
von einem reifenden Weizenfelde durch ein kleines Geländer, an welchem
sich der üppige Hopfen mit seinen Gäbelchen und zierlichen Blüthen
hinauf rankt, geschieden. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen sagen,
daß der Hopfen zur Bereitung von Hefen für das Brod gezogen wird. Da
sie an Gegenständen, die den Haushalt betreffen, großes Wohlgefallen
finden, so will ich ein Recept, die Bereitung von Hopfen-Hefen, wie wir
sie nennen, betreffend, für Sie beilegen[57].
Die Yankies bedienen sich eines Sauerteigs aus Salz, warmem Wasser
oder Milch; allein obschon der mit Salz bereitete Sauerteig recht gut
aussehende Brode giebt, indem sie viel weißer und fester erscheinen,
als die mir Hopfen-Hefen bereiteten Brode, so wird doch durch ersteres
Verfahren dem Brodteige ein Beigeschmack mitgetheilt, der nicht
jedermanns Gaumen behagt, wozu noch kommt, daß bei sehr kaltem Wetter
jener Sauerteig fast seine Dienste versagt.
Nachdem ich Ihnen so mein Recept mitgetheilt habe, will ich in die
Verandah zu meiner Gesellschaft zurück kehren, die, ich kann Ihnen
versichern, sehr angenehm und traulich war, und wo jeder nach Kräften
das Seinige zur Unterhaltung beitrug.
Wir hatten Bücher und Zeichnungen, und eine Menge indianischer
Tändeleien und Putzgeräthschaften, die Sammlung mancher langen Reise an
ferne Gestade, zu besehen und zu bewundern. Bald nach Sonnenuntergang
brachen wir auf und nahmen unsern Weg durch die Wälder nach dem
Landungsplatze am See-Ufer, wo wir unser Rinden-Canoe bereit fanden,
uns nach Hause zu führen.
Während unsrer Fahrt, gerade beim Anfange der Stromschnellen zog
ein kleiner Gegenstand im Wasser, der schnell dahin schwamm, unsre
Aufmerksamkeit auf sich; die Meinungen über den kleinen Schwimmer
waren verschieden: Einige glaubten, es wäre eine Wasserschlange,
andre hielten ihn für ein Eichhörnchen oder eine Moschuß-Ratze;
einige schnelle Ruderschläge brachten uns dem räthselhaften Wandrer
näher, so daß wir ihm den Weg versperrten; es war ein hübsches rothes
Eichhörnchen von einer benachbarten Insel, und wahrscheinlich auf einer
Entdeckungsreise begriffen. Das niedliche Thierchen, anstatt sein Heil
in der Flucht nach einer entgegengesetzten Richtung zu suchen, sprang
mit einer Beherztheit und Geschicklichkeit, die seine Verfolger in
Erstaunen setzte, leicht an der aufgehobnen Ruderschaufel in die Höhe,
und von dieser meinem erschrocknen Knaben gerade nach dem Kopfe, und,
nachdem es meine Schulter gewonnen, wieder ins Wasser, und steuerte
geraden Weges dem Ufer zu, ohne auch nur einen einzigen Strich von
der Linie abzuweichen, welche es verfolgte, als es zuerst unsers
Canoes ansichtig wurde. Die Behendigkeit und der Muth dieses harmlosen
Geschöpfs, überraschten und unterhielten mich; ich hätte der Sache kaum
Glauben schenken können, wäre ich nicht selbst Augenzeuge von seinem
Benehmen gewesen, und überdies an den Schultern durch das von seinem
Pelze träufelnde Wasser tüchtig durchnäßt worden.
Vielleicht erscheint Ihnen meine Eichhörnchen-Anekdote unglaublich;
allein ich kann mit meiner persönlichen Erfahrung für ihre Wahrheit
bürgen, da ich den muntern Springer nicht nur sah, sondern auch
fühlte. Die schwarzen Eichhörnchen sind sehr liebenswürdige und
hübsche Thierchen und beträchtlich größer als die rothen, grauen
und gestreiften; die letztern werden von den Indianern »Tshit-munks
(^Chit-munks^)« genannt.
Letzten Sommer wurden wir von diesen kleinen Räubern tüchtig
geplündert, die rothen Eichhörnchen stahlen uns große Quantitäten
indianischen Korns, nicht blos vom Stengel, als die Saat in der
Reife begriffen war, sondern sie kamen sogar durch einige Lücken in
den Blockwänden in die Scheunen, und schleppten sehr viel Getraide,
(indianisches Korn) fort, das sie sehr geschickt von der Spindel
abzulösen und nach ihren Vorraths-Magazinen, in hohlen Bäumen oder
unterirdischen Höhlen, zu transportiren verstanden.
Die kleinen Thierchen sind sehr begierig nach Kürbißkörnern, man sieht
sie häufig unter dem Vieh umher schnellen, und wenn dieses die Kürbisse
zerfleischt, mit den herausfallenden Samen davon eilen. Nicht weniger
gern fressen sie die Samen der Sonnen-Blumen, welche in unsern Gärten
und Lichtungen eine riesenhafte Höhe erreichen. Das Feder-Vieh liebt
die Sonnen-Blumen-Körner ebenfalls sehr, und ich sammelte die reifen
Blumen, in der Absicht, einen guten Vorrath dieser Delicatesse für
meine armen Hühnchen während des Winters zu haben. Eines Tages ging
ich, die reifen Köpfe abzuschneiden, wovon die größten einem großen
Präsentirteller glichen, sah aber zu meinem Aerger zwei diebische rothe
Eichhörnchen ämsig in Sammlung der Samen, wie Sie wohl denken können,
nicht für mich, sondern, für sich selbst beschäftigt.
Nicht zufrieden mit Ablösung der Samen, durchsägten die kleinen Diebe
mit ihren scharfen Zähnen geschickt die Blumenstengel, und schleppten
ganze Samen-Köpfe auf einmal fort, dabei waren sie so keck, daß sie
sich durch meine Annäherung nicht im geringsten stören ließen, und
wichen nicht eher, als bis sie sich ihrer Beute bemächtigt hatten,
und mit einer Ladung, die wohl zweimal so schwer war, als ihr
leichter Körper, über Geländer, Wurzeln, Baumstummel und Holz-Blöcke
pfeilschnell davon eilten, so daß sie jede Verfolgung von meiner Seite
vergeblich machten.
[Illustration: Rothe Eichhörnchen.]
Groß war der Verdruß, den das kleine muntre Pärchen an den Tag legte,
als es behufs einer zweiten Ladung wieder kam und die Pflanzen ihrer
Köpfe beraubt fand. Ich hatte alles, was noch übrig war, abgeschnitten
und in einem Korbe auf einen kleinen Block, gleich neben einer offnen
Glasthüre, an die Sonne gestellt; ich saß eben auf der Thürschwelle
und hülste einige Samen-Bohnen aus, als die Eichhörnchen durch ihre
scharfen scheltenden Töne, wobei sie ihre leichten federartigen
Schweife empor hoben, als wollten sie den lebhaftesten Unwillen über
meine Eingriffe in ihre vermeintlichen Rechte zu erkennen geben, meine
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen; es währte gar nicht lange, so hatten
sie den indianischen Korb mit dem ihnen entrissenen Schatze entdeckt;
einige rasche Bewegungen brachte das kleine Pärchen an das Gitter, nur
wenige Schritte von mir und den Samen-Köpfen; hier machten sie Halt,
setzten sich nieder und blickten mich mit bittender Miene an. Ihre
Verlegenheit machte mir zu viel Vergnügen, als daß ich ihnen hätte
daraus helfen sollen, allein kaum hatte ich meinen Kopf gedreht, um mit
meinem Kinde zu sprechen, so schossen sie vorwärts und in einer andern
Minute hatten sie sich eines der größten Samen-Köpfe bemächtigt, den
sie fortschleppten; zuerst trug ihn das eine einige Schritte weit, dann
packte das andere an, denn er war zu groß und schwer, als daß ihn eins
hätte lange tragen können. Kurz ihre kleinen Manövres machten mir so
viel Spaß, daß ich mich meines ganzen Vorraths berauben ließ.
Im Frühjahr sah ich eine kleine Eichhörnchen-Familie auf dem Gipfel
eines hohlen Blockes spielen, und ich kann wohl sagen, daß sie mir
unter allen Thieren als die lebhaftesten und niedlichsten Geschöpfe
erscheinen, die man nur immer sehen kann.
Das fliegende Eichhörnchen ist in unsern Wäldern zu Hause
und übertrifft, meines Bedünkens, in Schönheit alle seine
Gattungs-Verwandten. Seine Farbe ist das weichste zarteste Grau;
das Pelzhaar ist dick und kurz, und so seidenartig wie Sammet; die
Augen sind, wie bei allen Eichhörnchen-Arten groß, voll und sanft,
die Schnurren und das lange Haar um die Nase sind schwarz; die
Membran, welche dem Thierchen zum Fliegen dient, ist zart und von
weichem Gefüge, wie der Pelz des Chinchilla (Ohrmaus), sie bildet
zwischen den Vorder- und Hinter-Beinen eine Bürste; der Schweif
gleicht einer zierlichen breiten grauen Feder. Die Erscheinung dieses
allerliebsten kleinen Geschöpfes überraschte mich sehr angenehm; die
Zeichnungen welche ich davon gesehen, gaben ihm ein höchst plumpes und
_fledermausartiges_, fast ekelhaftes Ansehen. Die Jungen lassen sich
leicht zähmen und sind in der Gefangenschaft sehr zutraulich und zum
Spielen geneigt.
Wie würde sich meine kleine Freundin _Emilie_, über einen solchen
Spielkameraden freuen. Sagen Sie ihr, daß ich ihr, sollte ich jemals
in mein theures Vaterland zurückkehren, wo möglich ein dergleichen
Thierchen mitbringen werde; vor der Hand aber muß sie sich mit den
ausgestopften Exemplaren der rothen, schwarzen und gestreiften Art
begnügen, die ich meinem Packete einverleibt habe. Ich wünschte,
Ihnen ein werthvolleres Geschenk machen zu können, allein unsre
Kunstsachen und Manufacturen sind durchaus brittisch, mit Ausnahme der
Kleinigkeiten, welche die Indianer verfertigen, und es würde mir daher
schwer fallen, Ihnen etwas der Aufmerksamkeit Werthes zu schicken,
weshalb ich meine Zuflucht zu den natürlichen Erzeugnissen unsrer
Wälder als Zeichen der Erinnerung an meine Freunde und Verwandten in
der _Heimath_ -- denn so nennen wir stets unser theures Geburtsland, --
nehmen muß.
Sie wünschen zu wissen, ob ich glücklich und mit meiner Lage zufrieden
bin, oder ob sich mein Herz nach dem alten Vaterlande sehnt. Ich
will Ihnen aufrichtig antworten und spreche daher hier ein für alle
mal aus, daß ich, in Bezug auf Geschmackssachen und frühzeitige
Gedanken-Verbindungen und alle jene heiligen Bande der Verwandtschaft
und alte Freundschaftsbündnisse, welche die Heimath Allen und Jedem,
von welcher Nation er auch sei, so theuer machen, England den Vorzug
gebe.
[Illustration: Fliegendes Eichhörnchen.]
Auf der andern Seite mindert der Gedanke an die freiwillig übernommenen
Pflichten, und ein Gefühl von Zufriedenheit mit meiner Lage das
Bedauern, welchem ich nachzuhängen, mich geneigt finden möchte.
Ueberdies giebt es für mich neue und heilige Banden, die mich an
Canada fesseln; ich habe viel häusliches Glück genossen, seitdem ich
hierher gekommen bin; -- und ist Canada nicht das Geburtsland meines
theuren Kindes? Habe ich nicht hier zum ersten Male jenes Entzücken
genossen, welches von mütterlichen Gefühlen entspringt? Wenn mein Auge
auf meinem lächelnden Bübchen ruht, oder wenn ich seinen warmen Athem
an meiner Wange fühle, so füllt meine Brust eine Wonne, die ich gegen
kein Vergnügen auf Erden vertauschen möchte. »Recht gut,« hör' ich
Sie im Geiste erwiedern, »allein diese Empfindungen sind ja nicht auf
eure einsamen canadischen Wälder beschränkt.« Ich weiß dies wohl, aber
hier stört mich nichts in meiner Zärtlichkeit, in den Liebkosungen
meines theuren Kindes. Hier wird man nicht durch rauschende weltliche
Vergnügungen zur Vernachlässigung seiner Mutterpflichten veranlaßt,
hier kann nichts den holden Knaben aus meinem Herzen verdrängen; seine
Gegenwart macht mir jeden Ort theuer und werth, ich lerne die Stelle
lieben, wo er geboren worden ist, und denke mit Wohlgefallen an meine
neue Heimath, weil sie sein Vaterland ist; und blicke ich in die
Zukunft, und fasse ich sein künftiges Wohlergehn ins Auge, so fühle ich
mich mit doppelter Anhänglichkeit an die Erdscholle gefesselt, welche
er eines Tages sein nennen wird.
Vielleicht würdige ich das Land nur nach meinen eignen Gefühlen; und
wenn ich bei einer unparteiischen Prüfung meines gegenwärtigen Lebens
finde, daß ich eben so glücklich oder noch glücklicher bin, als in der
alten Heimath, so muß ich es schätzen und lieben.
Wollte ich mich über die Vortheile, die ich besitze, ins Einzelne
einlassen, so würden sie in den Augen von Leuten, die in all dem
Glanze, all der Herrlichkeit und Fülle schwelgen, die Reichthum in
einem durch Natur sowohl als Kunst den rauschenden Vergnügungen der
Welt so günstigen Lande verschaffen kann, in einem sehr negativen
Charakter erscheinen; allein ich habe ja nie dem Wohlleben und
der Modesucht gefröhnt. Große Gesellschaften und die alltäglichen
Vergnügungen der eleganten Welt verursachten mir stets Langeweile, wo
nicht Ekel. Durch all dieses hofartige Treiben wird das Herz nicht
befriedigt, wie sich ein Dichter äußert, und ich pflichte dem Ausspruch
völlig bei.
Ich war immer nur zu sehr geneigt, mit Ungeduld die Fesseln von mir zu
spornen, welche Etiquette und Mode der Gesellschaft anzulegen pflegen,
bis sie ihren Jüngern alle Freiheit und Unabhängigkeit des Willens
rauben, und dieselben sich bald genöthigt sehen, für eine Welt zu
leben, die sie im Stillen verachten und satt haben, für eine Welt, die
sie noch dazu mit Geringschätzung betrachtet, weil sie nicht mit einer
Unabhängigkeit handeln dürfen, die so wie sie sich äußert, gleich zu
Boden gedrückt werden würde.
Ja ich muß Ihnen offen bekennen, daß meine gegenwärtige Freiheit in
diesem Lande ein großer Genuß für mich ist. Hier besitzen wir einen
Vortheil vor Ihnen, so wie auch vor denjenigen, welche die Städte und
Dörfer meines neuen Vaterlandes bewohnen, denn leider herrscht in
diesen ein lächerliches Streben, einen Schein zu unterhalten, welcher
der Lage derer, die ihn annehmen, durchaus nicht entspricht. Wenige,
sehr wenige Emigranten kommen in die Colonien, außer mit der Absicht,
für sich und ihre Kinder Unabhängigkeit zu erlangen. Diejenigen,
welchen es nicht an Mitteln zu einem behaglichen Leben in der Heimath
gebricht, würden sich wohl schwerlich jemals den Entbehrungen und
Unannehmlichkeiten eines Ansiedler-Lebens in Canada aussetzen; der
natürliche Schluß aus allem diesem ist, daß der Emigrant mit dem
Wunsche und der Hoffnung hierher gekommen, seinen Zustand zu verbessern
und die Wohlfahrt einer Familie zu sichern, die er in der Heimath
anständig zu versorgen, nicht die Mittel hatte. Es ist mithin wirklich
närrisch und ungereimt, eine Lebensweise anzunehmen, die, wie jeder
weiß, nicht behauptet werden kann; dergleichen Leute sollten doch
viel mehr in dem Bewußtsein, daß sie, wenn es ihnen gefällt, ihren
Umständen gemäß leben können, ohne wegen ihrer Sparsamkeit, Klugheit
und Thätigkeit minder geachtet zu werden, ihre Glückseligkeit suchen.
Wir _Buschsiedler_ unsers Theils sind weit unabhängiger, wir thun, was
uns beliebt, wir kleiden uns, wie es uns am passendsten und bequemsten
dünkt; wir haben nichts von einem Mr. und einer Mrs. _Grundy_ zu
fürchten; und da wir die Fesseln des _Grundyismus_ abgeschüttelt haben,
so lachen wir über die Thorheit derjenigen, welche von neuem ihre Kette
schmieden und gleichsam umarmen.
Statten uns unsre Freunde einen unerwarteten Besuch ab, so nehmen wir
sie unter unsern niedrigen Dache gastlich auf, und geben ihnen das
Beste, was wir haben; und ist unsre Kost noch so gering, so tischen wir
sie mit gutem Willen auf, und eine Entschuldigung wird weder gemacht
noch erwartet; da Jedermann mit den mißlichen Verhältnissen einer neuen
Ansiedlung bekannt ist; ja eine Apologie wegen Mangel an Vielfältigkeit
oder Leckereien der Tafel würde in dem Gaste einen Selbstvorwurf
erzeugen, daß er unsre Gastfreundschaft zur ungelegnen Zeit auf die
Probe gestellt.