auch die Beeren essen; man bedient sich ihres Saftes oft als rother
Tinte, allein er verschießt sehr schnell, wofern er nicht mit Alaun
vermischt ist. Eine meiner Freundinnen erzählte mir, daß sie einen
Brief an einen ihrer Verwandten in England mit dieser Erdbeer-Tinte
durchkreuzt[52], allein da sie nicht die Vorsicht beobachtet,
denselben zu fixiren, so sei die eine Hälfte des sehnlich erwarteten
Sendschreibens, als es endlich an seine Adresse gelangt, weil die rothe
Tinte fast ganz verschossen, durchaus unleserlich gewesen; und so habe
es, anstatt den gehegten Erwartungen zu genügen, dem Leser nur Quälerei
und Verwirrung, und ihr selbst Verdruß und Aerger verursacht.
Die Blutwurzel, (^Sanguinaria^) oder ^puccoon^, wie sie von einigen der
eingebornen Stämme genannt wird, verdient von der Blüthe bis zur Wurzel
unsre Aufmerksamkeit. Sobald als die April-Sonne den Erdboden erwärmt
und von seinen eisigen Fesseln befreit hat, gewahrt man eine Anzahl
rein weißer Knospen, die auf nackten Stielen stehen und theilweise
in ein schönes, rebenartig gestaltetes Blatt gehüllt sind. Das Blatt
ist blaß bräunlichgrün und an der untern Seite seltsam mit blaß
orangenfarbnen Adern bezeichnet, es entspringt einzeln aus einer dicken
saftreichen fasrigen Wurzel, die, wenn man sie zerbricht, aus ihren
Poren eine Quantität hell orangenrothen Saftes ausschwitzt; dieser Saft
wird von den Indianern zum Färben und zur Heilung von Rheumatismen
und Hautausschlägen benutzt. Die Blüthen der Sanguinaria gleichen
dem weißen Crocus sehr genau; bei ihrem ersten Hervorbrechen wird
die Knospe von dem oben beschriebnen Blatt unterstützt und ist damit
umwickelt; die Blume erhebt sich indeß bald über ihren Beschützer,
während das Blatt, nachdem es seine Pflicht, als Hülle der zarten
Knospe, erfüllt hat, sich zu seiner vollen Ausdehnung entfaltet. Eine
reiche schwarze Dammerde am Saume der Lichtungen scheint diesem Gewächs
besonders zuzusagen.
Der scharlachfarbige Akelei ist ebenfalls eine Lieblings-Blume
von mir; sie ist hellroth, mit gelben Streifen an den Röhren. Die
Nectarien sind länger als bei dem Garten-Akelei, und bilden eine an
den Spitzen mit kleinen Kugeln besetzte Mauer-Krone. Gewiß verdient
der Akelei, mit seinen glänzenden hängenden Blumen, eine schlanke,
zierliche Pflanze genannt zu werden; er wächst im Sonnenschein eben so
gut als im Schatten, jedoch wohl nicht in tiefen schattigen Wäldern,
sondern da, wo das Unterholz durch das laufende Feuer oder die Axt des
Holzfällers entfernt worden ist; er scheint sogar auf armem steinigen
Boden fortzukommen und ist fast um jede Wohnstätte herum zu finden.
Der gefiederte Akelei liebt nassen, freien Moorboden und die Ufer der
Bäche; er erreicht eine Höhe von drei, ja sogar vier und fünf Fuß, und
ist eine wahre Zierde.
Veilchen haben wir von jeder Größe und Gestalt, nur das wohlriechende
Veilchen (^Vîola odorata^) unsrer heimathlichen Wälder fehlt uns;
doch wüßte ich nicht, warum wir mit diesen zarten Töchtern des
Frühlings hadern sollten, weil sie nicht mit dem Wohlgeruch ihrer mehr
begünstigten Schwestern begabt sind. Viele Ihrer Waldveilchen, obwohl
äußerst schön, sind ebenfalls geruchlos, hier muß die Mannigfaltigkeit
der Farben für den Mangel an Parfume einigermaßen Ersatz leisten.
Wir haben Veilchen von jedem Blau, einige mit Purpur gestreift,
andre mit dunklerem Blau schattirt. Wir haben das zarte, mit Purpur
gezeichnete, das hell schwefelgelbe schwarzgeaderte, das blaßgelbe
dunkelblaugeaderte Veilchen; die beiden letzten zeichnen sich durch den
üppigen Wuchs ihrer Blätter aus; die Blüthen entspringen büschelweise,
also mehre aus jedem Gelenk, und hinterlassen nach ihrem Abwelken
große, mit einem dicken weißen baumwollenartigen Flaum bedeckte
Samen-Kapseln.
In den Wäldern kommt ein Veilchen vor, dessen Blätter außerordentlich
groß sind; dasselbe gilt von den Samen-Gefäßen; dagegen ist die Blüthe
so klein und unbedeutend, daß man sie blos bei genauerer Untersuchung
der Pflanze wahrnimmt; dies hat zu dem Glauben Veranlassung gegeben,
daß das fragliche Veilchen (seine Blumen sind blaß grünlichgelb,)
unterirdische Blüthen habe. _Bryant's_ schönes Gedicht »_das gelbe
Veilchen_« enthält eine genaue Schilderung von den zuerst erwähnten
Veilchen.
Man findet hier ein hübsches Stiefmütterchen (^Viola tricolor^),
welches im Herbste blüht. Seine Farben sind Reinweiß, Blaßpurpurn
und Blaßviolett, die obern Blumen-Blätter sind weiß, die Unter-Lippe
(die untern Blumenblätter,) purpurn, und die Flügel (seitlichen
Blumenblätter) röthlich blaßviolett. Die Schönheit dieser seltnen
Blume fesselte mein Auge, als ich während unsrer Reise nach Cobourg
einen Abstecher nach Peterborough machte; ich war nicht im Stande, die
gesammelten Exemplare zu erhalten, und habe seitdem jene Straße nicht
wieder bereist. Die Blume wuchs unter wildem Klee, auf der offnen Seite
der Straße; die Blätter waren klein, rundlich und matt dunkelgrün.
Unter den strauchartigen Astern haben wir verschiedne schöne
Varietäten, mit großen, blaß hollunderblauen oder weißen Blumen; noch
andre haben sehr kleine weiße Blumen und carmosinrothe Antheren,
welche wie rothe, mit Goldstaub bepuderte Flaum-Büschel erscheinen.
Diese Staubwege stechen gegen die weißen, sternartig angeordneten
Blumen-Blätter sehr angenehm ab. Eine Varietät der hochstämmigen
Aster kommt auf den Ebnen vor, sie hat Blüthen von der Größe eines
Sexpence-Stückes und von sanft perlblauer Farbe, mit braunen
Staubwegen. Diese Pflanze erreicht eine ansehnliche Höhe, und von den
Hauptstämmen gehen zahlreiche zierliche Blüthenäste ab; die Blätter
dieser Art sind an der untern Seite purpurroth, fast herzförmig
gestaltet und eben so wie die Stengel mit feinen Härchen besetzt.
Ich fürchte nicht, Ihnen mit meinen botanischen Skitzen beschwerlich
zu werden; ich habe noch mehre Pflanzen zu beschreiben: unter diesen
sind jene zierlichen kleinen Immergrün-Arten, wovon, unter dem Namen
Winter-Immergrün dieses Land Ueberfluß hat; drei oder vier zeichnen
sich durch ihr schönes Laubwerk, ihre schönen Blumen und Früchte
vorzüglich aus. Eins dieser Winter-Grüne, welches sehr häufig in unsern
Fichten-Wäldern wächst, ist außerordentlich schön; es wird selten über
sechs Zoll hoch; die Blätter sind hell glänzendgrün, lang, schmal,
eiförmig und zart gekerbt, wie ein Rosen-Blatt; die Pflanze kommt
in den ersten Monaten des Jahres beim ersten Thauwetter unter dem
Schnee hervor, eben so frisch und grün wie zuvor, als sie unter der
weißen Decke begraben wurde. Es scheint selten zu blühen. Ich habe es
nur zweimal in der Blüthe gesehen; diese blühenden Exemplare hob ich
sorgfältig für Sie auf, aber die getrocknete Pflanze kann Ihnen blos
eine unvollkommne Vorstellung von dem geben, was sie einst in ihrer
Frische und Schönheit war. Ich erinnere mich noch recht gut, daß Sie
Ihre getrockneten Exemplare immer nur Pflanzen-Leichname nannten, und
dabei bemerkten, daß gute Gemälde davon der Wirklichkeit weit näher
kämen. Der Blüthenstengel erhebt sich zwei bis drei Zoll über den
Mittelpunkt der Pflanze und ist mit runden carmosinrothen Knospen
und Blüthen gekrönt. Die Blüthe besteht aus fünf Blumen-Blättern,
deren Farbe sich vom blassesten Rosenroth bis zum dunkelsten Incarnat
vertieft; die Narbe (Stigma) ist smaragdgrün und bildet gleichsam
einen schwach gerippten Turban in der Mitte; um dieselbe stehen
zehn amethystfarbene Staubfäden, kurz dies ist eine von den Juwelen
der Blumen-Welt, und ließe sich mit einem von Amethysten umgebnen
Smaragd-Ringe vergleichen. Der Farben-Contrast bei dieser Blume
ist äußerst angenehm und gefällig, und die schönrothen Knospen und
glänzenden, immer grünen Blätter erregen fast die nämliche Bewunderung,
wie die Blüthe. Sie würden dieses schöne Gewächs gewiß für einen
großen Gewinn für Ihre Sammlung von amerikanischen Sträuchern
halten, allein ich zweifle, daß es, entfernt aus den Schatten der
Fichten-Wälder, zur Blüthe kommen würde. Es scheint die von _Pursh_
beschriebne ^Chimaphila corymbosa^ zu sein, nur daß dieser Botaniker in
Angabe der Farbe der Blumen-Blätter von den meinigen etwas abweicht.
Ein andres bei uns heimisches Wintergrün wächst in großer Menge auf den
Reis-Ebnen; diese Pflanze wird nicht über vier Zoll hoch; die Blüthen
stehen in kleinen losen Büscheln, sind blaß grünlich weiß und gleichen
in Gestalt den Blüthen der Sandbeere (^Arbutus^); die Beeren sind hell
scharlachroth und unter dem Namen Winter- und Rebhuhn-Beere bekannt;
jedenfalls ist dies die ^Gualtheria procumbens^. Ein noch schöneres
kleines Immergrün derselben Gattung wächst in unsern Cedern-Mooren,
unter dem Namen Tauben-Beere (^pigeon-berry^), es gleicht der
Sandbeere in Blatt und Blüthe mehr als die zuvor erwähnte Pflanze; die
scharlachrothe Beere sitzt in einem Kelche oder Behälter, der am Rande
in fünf Spitzen ausläuft, fleischig ist, und mit der Frucht selbst von
einerlei Beschaffenheit zu sein scheint. Die Blüthen dieses hübschen
kleinen Strauches erscheinen, wie die des Arbutus, wovon er gleichsam
das Miniatur-Bild ist, in hängenden Büscheln zu der nämlichen Zeit, wo
die Beere des vorigen Jahres ihre vollkommne Reife erlangt hat; dieser
Umstand trägt nicht wenig zu der reizenden Erscheinung der Pflanze bei.
Wenn ich mich nicht irre, so ist es die ^Gualtheria Shallon^, welche
_Pursh_ mit dem ^Arbutus^ vergleicht; sie gehört ebenfalls zu unsern
Immergrünen.
Wir haben ferner eine niedliche kriechende Pflanze, mit zarten
kleinen trichterförmigen Blumen und einem Ueberfluß an kleinen
dunkelgrünen runden buntfarbigen Knospen und hellrothen Beeren,
die an den Zweig-Enden sitzen. Die Blüthen dieser Pflanze stehen
paarweise und sind am Fruchtknoten so eng mit einander verbunden, daß
die scharlachrothe Frucht, welche der Blüthe folgt, einer doppelten
Beere gleicht, -- jede Beere enthält die Samen beider Blüthen und ein
doppeltes Auge. Die Pflanze wird auch Winter-Grün oder Zwillings-Beere
(^twin-berry^) genannt; sie gleicht keinem der andern Wintergrüne; sie
wächst in moosreichen Wäldern, kriecht an der Erde hin und scheint
gern kleine Hügelchen und Ungleichheiten des Bodens zu überziehen. In
Zierlichkeit des Wuchses, Zartheit der Blume und Farbenglanz der Beere,
steht dieses Wintergrün den zuvor beschriebnen wenig nach.
In unsern Wäldern kommt eine Pflanze vor, welche unter dem Namen
^Man-drake^ (Mandragore), ^May-apple^ (Mai-Apfel) und ^ducks-foot^
(Enten-Fuß) bekannt ist. Die Botaniker nennen sie Podophyllum[53],
und sie gehört, was Klasse und Ordnung betrifft, der ^Polyandria
monogynia^ an. Ihre Blüthe ist gelblich weiß, die Blumenkrone
besteht aus sechs Blumen-Blättern; die Frucht ist länglichrund und,
reif, grünlich gelb; in Größe gleicht dieselbe einer Olive, oder
großen Mandel; nach Erlangung ihrer völligen Reife schmeckt sie, wie
eingemachte Tamarinden, angenehm säuerlich; sie scheint wenig zu
tragen, wiewohl sie auf reichem nassem Waldboden schnell überhand
nimmt. Die handförmigen Blätter kommen einzeln hervor, und beschatten,
stehen mehre Pflanzen beisammen, den Boden ziemlich dicht, sind mit
ihrem Mittelpunkt an den Blattstiel befestigt und gleichen, wenn sie
zuerst über der Erde erscheinen, zusammen gefalteten Regen- oder
Sonnen-Schirmen, indem ihre Kanten sämmtlich abwärts stehen, mit der
Zeit entfalten sie sich und bilden eben so viele kleine, schwach
convexe Baldachins. Die Frucht dürfte sich mit Zucker sehr gut zum
Einmachen eignen.
Das Lilien-Geschlecht bietet eine große Mannigfaltigkeit, von den
kleinsten bis zu den größten Blumen, dar. Die rothe Martagon-Lilie
(Gelbwurz) wächst in großer Menge auf unsern Ebnen. Der gemeine
Hundszahn (^Erythronium dens canis^), mit seinen gefleckten Blättern,
glockenförmigen hängenden, gelben, inwendig mit hochrothen Tüpfeln zart
gefleckten und auswendig mit feinen Purpur-Linien gezeichneten Blumen,
verleiht unsern Wäldern, wo er sich schnell vermehrt, einen großen
Reiz; er bildet ein schönes Blumenbeet, die Blätter kommen einzeln
hervor, von jeder besondern Knolle eins. Es giebt zwei Varietäten
von dieser Pflanze, die blaßgelbe, ohne Tüpfeln und Linien, und die
dunkelgelbe, mit Tüpfeln und Linien; die Staubwege der letztern sind
röthlich orangenfarben und dick mit feinen Blumenstaub bepudert[54].
Der Daffodil unsrer Wälder ist eine zarte hängende, blaßgelbe Blume;
die Blätter stehen längs dem Blumenschaft, von einer Entfernung zur
andern; drei oder mehre Blüthen folgen gewöhnlich an der Spitze des
Schaftes, eine nach der andern; dieses Gewächs liebt dunkelschattige,
feuchte Waldstellen.
Eine sehr schöne Pflanze, dem Lilien-Geschlecht angehörig, wächst in
großer Menge in unsern Wäldern und Lichtungen; in Ermangelung eines
passenderen Namens nenne ich dieselbe _Douri-Lilie_, wiewohl sie weit
über einen großen Theil des Continents verbreitet ist. Die Amerikaner
nennen die weiße und rothe Spielart dieser Species »weißen und rothen
Tod.« Die Blume ist entweder dunkelroth oder glänzend weiß, jedoch
findet man die weiße bisweilen mit einem zarten Rosenroth oder einem
dunkeln Grün betupft; letztere Farbe scheint durch den Uebergang des
Kelches in das Blumen-Blatt bewirkt zu werden. Warum sie einen so
furchtbaren Namen erhalten, ist mir bis jetzt ein Räthsel geblieben.
Die Blumenkrone besteht aus drei Blumen-Blättern, der Kelch ist
dreitheilig; sie gehört der ^Hexandria monogynia^ an, der Griffel ist
dreispaltig; der Samenbehälter dreiklappig; sie liebt drockne Wälder
und gelichteten Boden; die Blätter stehen zu dreien, entspringen von
den Gelenken, sind groß, rund und an den Enden etwas zugespitzt.
Wir haben Mai-Blumen (^lilies of the valley^) und die mit ihnen
zugleich erscheinende Meisterwurz, einen kleinblumigen Türkenbund von
blaßgelber Farbe, nebst einer endlosen Mannigfaltigkeit von kleinen
Liliaceen, die sich sowohl durch ihre schönen Blätter als ihre zarten
Formen auszeichnen.
Unsre Farnkräuter sind sehr zierlich gestaltet und zahlreich; ich
habe nicht weniger als acht verschiedne Arten in unsrer unmittelbaren
Nachbarschaft gesammelt; einige davon nehmen sich ganz allerliebst
aus, vorzüglich eine, welche ich wegen ihrer leichten zierlichen
Form »Elfen-Farn« (^fairy-fern^) nenne. Ein elastischer Stamm von
purpurartigem Roth trägt mehre leichte Seiten-Zweige, die sich
mannigfaltig verästeln und mit zahllosen Blättchen besetzt sind; jedes
Blättchen hat einen Stiel, welcher es mit dem Zweige verbindet, und
dieser Stiel ist so leicht und haarartig, daß der leiseste Luftzug die
ganze Pflanze in Bewegung setzt.
Könnte man sich nur einbilden, daß Canada einst der Schauplatz von
Elfen-Festen gewesen, so würde ich ohne weiteres behaupten, daß dieses
zierliche Gewächs sich wohl geeignet, den Elfen-Hof von _Oberon_ und
_Titania_ zu beschatten.
Wenn dieses Farnkraut zuerst über der Erde erscheint, so ist es von
dem verwitterten Holze der umgestürzten Fichten kaum zu unterscheiden;
es hat dann eine licht röthlichbraune Farbe und ist seltsam
zusammengerollt. Im Mai und Juni entfalten sich die Blätter und nehmen
bald das zarteste Grün an; sie sind fast durchsichtig; das Vieh frißt
sehr gern davon.
Die Mocassin-Blume (Ginster) Frauen-Schuh[55], (bemerken Sie die
seltsame Aehnlichkeit zwischen der indianischen und unsrer Benennung
der Pflanze) ist eine unsrer bemerkenswerthesten Blumen, sowohl wegen
ihres eigenthümlichen Baues als auch wegen ihrer Schönheit. Unsre
Ebnen und trocknen sonnigen Weideplätze bringen verschiedne Spielarten
hervor; unter diesen sind der gelbe Frauen-Schuh[56], (^Cypripedium
pubescens^) und ^Cypripedium Arietinum^ die schönsten.
Die Honiglippe des erstern ist lebhaft canariengelb und mit dunkel
carmosinrothen Flecken betupft. Die obern Blumen-Blätter bestehen
in zwei kurzen und zwei langen; in Gefüge und Farbe gleichen sie
der Scheide von einigen der Narzissen-Gattungen; die kurzen stehen
aufrecht, wie ein paar Ohren, die langen oder seitlichen sind dreimal
so lang als die erstern, sehr schmal und zierlich gewunden, wie die
spiralförmigen Hörner des wallachischen Widders; lüftet man eine dicke
gelbe fleischige Art von Deckel, in der Mitte der Blume, so sieht
man das genaue Gesicht eines indianischen Hundes, vollkommen in
allen seinen Theilen, -- Nase, Augen und Schnauze; darunter hängt ein
offner Sack herab, der rings um die Oeffnung leicht zusammen gezogen
ist, wodurch er ein hohles und bauchiges Ansehn erhält; die innere
Seite dieses Sackes ist zart mit Dunkelcarmosin getupft oder schwarz
gefleckt; der Blumen-Schaft schwillt nach oben zu an und bildet eine
Krümmung; die Blätter sind groß, oval, etwas zugespitzt und gerippt.
Die Pflanze wird nicht viel über sechs Zoll hoch; die schöne Farbe
und das seidenartige Gewebe der Unterlippe oder des Sackes macht, daß
ich für meinen Theil ihrer Blüthe den Vorzug vor der purpurnen und
weißen Varietät gebe, wiewohl letztre wegen der Größe der Blume und der
Blätter, außer dem Contrast zwischen der weißen und rothen oder weißen
und purpurnen Farbe, weit mehr in die Augen fällt.
In Bildung und Structur gleicht diese Species der andern, nur mit dem
Unterschiede, daß die Hörner nicht gewunden sind, und das Gesicht mehr
dem eines Affen ähnelt; sogar der komische Ausdruck des Thieres ist
mit so bewundernswürdiger Treue nachgeahmt, daß man bei Erblickung der
seltsamen, unruhig erscheinenden Fratze, mit ihren schwarzen, unter
ihrer Capuze hervorschauenden Augen, unwillkührlich lächeln muß.
Diese Pflanzen gehören der ^Gynandria diandria^ an; _Pursh_ beschreibt
sie mit einigen Abweichungen, und vergleicht z. B. das Gesicht der
letztern mit dem des Schafs; wenn aber ein Schaf zu diesem Gemälde saß,
so muß es das verschmitzteste und boshafteste der ganzen Heerde gewesen
sein.
Ein seltsames Wasser-Gewächs kommt in seichten, stockenden und langsam
fließenden Gewässern vor; es enthält ein ganzes Weinglas Wasser. Ein
armer Soldat brachte mir ein Exemplar und fügte die Bemerkung hinzu,
es gleiche einer Pflanze, die er oft in Egypten gesehn, und die von den
Soldaten »_Soldaten-Becher_« genannt werde, und daß er selbst manchen
Trunk frischen Wassers daraus geschlürft habe.
Ein andres Exemplar erhielt ich von einem Herrn, der meine Vorliebe für
fremde Gewächse kannte, er gab ihm sehr passend den Namen Krug-Pflanze
(^Pitcher-Plant^) höchst wahrscheinlich gehört sie zu dem Geschlecht,
welches diesen Namen führt.
Die geruchreichsten und würzigsten Blumen sind unsre wilden Rosen,
welche die Luft mit den angenehmsten Düften füllen, die purpurne
Monarde, die von der Blüthe bis zur Wurzel Wohlgeruch ist, selbst
nachdem sie Monate lang der kalten Winter-Atmosphäre ausgesetzt
gewesen; ihre getrockneten Blätter der Samen-Behälter sind so
aromatisch, daß sie Händen und Kleidern ihren angenehmen Parfume
mittheilen. Alle unsre Münzen haben einen sehr starken aromatischen
Geruch; das Maiblümchen verbreitet den süßesten Duft; hierher gehören
auch meine Königin der Seen (die weiße Wasser-Lilie) und ihr Gefährte,
der Wasser-König, nebst vielen andern Blumen, die ich jetzt nicht
aufzählen kann. Gewiß ist indeß, daß es unter einem so großen Verein
von Blumen, verhältnißmäßig nur wenige giebt, welche aromatische
Gerüche aushauchen; einige unsrer Waldbäume verbreiten einen angenehmen
Parfume. Ich bin auf meinen Spaziergängen oft stehen geblieben, um an
sonnigen Tagen den wohlriechenden Duft von einem Cedern-Moor, während
die dicht verschränkten Aeste und Zweige noch voll Thautropfen von
einem frischgefallnen Schauer hingen, in vollen Zügen einzuathmen.
Nicht unerwähnt darf hier die Balsam-Pappel oder Tacamahac bleiben,
welche die Luft um sich her mit Wohlgerüchen schwängert, vorzüglich
wenn die Gummi-Knospen sich eben zu entfalten anfangen; die
Balsam-Pappel bildet sich zu einem schönen zierlichen Baume aus,
versteht sich, wo sie Raum genug zur Ausbreitung ihrer Aeste hat.
Sie wächst vorzüglich an den Ufern der Seen und in offnen Mooren,
bildet aber auch eine Hauptzierde unsrer Ebnen und nimmt sich mit
ihren silberfarbigem runden, wehenden Laube sehr schön aus; die Rinde
schwitzt ein klares Gummi-Harz in durchsichtigen Kügelchen aus, und die
Knospen überziehen sich mit einer in hohem Grade aromatischen gummösen
Flüssigkeit.
Unsre Gräser verdienen alle Aufmerksamkeit; es giebt hier Varietäten,
die mir ganz neu sind und getrocknet eine elegante Zierde unsrer Kamine
bilden; auf dem Kopfe einer Dame würden sie sich sehr hübsch ausnehmen,
wenn nur nicht die Mode stets künstlichen Putz dem natürlichen vorzöge.
Eine oder zwei Gras-Arten, die ich gesammelt habe, zeigten, ihre
Kleinheit abgerechnet, große Aehnlichkeit mit dem indianischen Korn;
sie haben eine Troddel oder Quaste, und eine achtseitige Aehre;
die kleinen Körner sind reihenweise um die Spindel angeordnet. Das
^Sisyrinchium^ oder blauäugige Gras hat eine niedliche kleine azurblaue
Blume, mit einem goldfarbigen Fleck an der Basis jedes Blumenblattes;
die Blätter sind steif und fahnenartig; diese niedliche Pflanze wächst
büschelweise auf leichtem sandigen Boden.
Ich habe Ihnen in Vorliegendem eine Beschreibung der
bemerkenswerthesten Pflanzen gegeben; und wenn auch meine Mittheilungen
zum Theil der ächt botanischen Nomenclatur nicht ganz entsprechen
mögen, so habe ich sie doch mindestens gerade so geschildert, wie sie
mir erschienen sind.
Mein holdes Knäbchen scheint bereits Geschmack an Blumen zu finden,
und ich will diesen so sehr als möglich befördern. Botanik ist ein
Studium, welches zur Veredlung und Verfeinerung der Seele beiträgt, es
kann auf eine einfache Weise zur Himmelsleiter gemacht werden, wenn man
ein Kind lehrt, mit Liebe und Bewunderung auf jenen allmächtigen und
gütigen Gott zu blicken, der die Blumen so schön schuf und bildete, um
diese Erde zu befruchten und zu schmücken.
Leben Sie wohl Theuerste Freundin.
Fußnoten:
[51] ^Blitum (Strawberry-bearing spinach, Indian Strawberry.)^
[52] Die Engländer durchkreuzen häufig in ihren Briefen die der Quere
nach mit schwarzer Tinte geschriebnen Zeilen mit andern der Länge nach
verlaufenden, wozu sie rothe Tinte nehmen.
[53] Nach _Willdenow_ ist die Wurzel dieser Pflanze arzneikräftig.
[54] Der gemeine Hundszahn wächst auch im südlichen Europa. Die
knollige weiße Wurzel ist schleimig und nahrhaft, sie kann wie der
Salep als ein Nahrungsmittel für Entkräftete und Abzehrende gebraucht
werden.
[55] ^Lady's-slipper.^
[56] ^The yellow mocassin flower.^
Fünfzehnter Brief.
Nochmalige Betrachtung verschiedner Punkte. -- Fortschritte der
Ansiedlungen. -- Canada, das Land der Hoffnung. -- Besuch bei der
Familie eines See-Offiziers. -- Eichhörnchen. -- Besuch bei einem
ausgewanderten Geistlichen; seine Geschichte. -- Schwierigkeiten,
womit er Anfangs zu kämpfen hatte. -- Temperament, Charakter und
Gewohnheiten der Emigranten sind von großem Einfluß auf das Gedeihen
oder Nichtgedeihen ihrer Ansiedlung.
September 26, 1834.
Ich versprach bei meiner Abreise von England, Ihnen sobald als möglich
eine genügende Auskunft von unsrer Niederlassung in Canada zu geben.
Ich werde jetzt mein Bestes thun, um meinem Versprechen nachzukommen,
und Ihnen eine kleine Skitze von unsern Unternehmungen, Thun und
Treiben vorzulegen, nebst solchen Bemerkungen über die natürlichen
Züge des Ortes, wo wir unsre Heimath aufgeschlagen, die Ihnen, meines
Bedünkens, Interesse und Unterhaltung gewähren dürften. Machen Sie sich
also, Theuerste Freundin, auf einen langen abschweifenden Brief gefaßt,
worin ich etwas von der Natur des Irrlichts zeigen, und, nachdem ich
Sie, mir in meinen regellosen Wanderungen, --
Ueber Berg, über Thal,
Durch Busch und Dorngesträuch,
Ueber Feld und Auen,
Durch Fluthen durch Feuer.
zu folgen bestimmt, Sie möglicher Weise mitten in einem dichten
Cedern-Moor oder in dem pfadlosen Dickichte unsrer wilden Wälder ohne
Führer oder auch nur ein Zeichen, das Ihnen den Weg andeuten könnte,
verlassen werde.