»gehört Amerika an, und alle bauen, mit wenigen Ausnahmen, schwebende
Nester. Nur wenige aber kommen in der Bauart dieser Wohnstätten für
die Jungen dem Baltimore-Vogel gleich, welcher seinem Neste vor allen
ihm verwandten Arten Bequemlichkeit, Wärme und Sicherheit zu geben
weiß. Zu diesem Behufe wählt er die hohen, herabhängenden Zweigspitzen
und befestigt starke, feste Fäden von Hanf oder Flachs um zwei der
beabsichtigten Weite des Nestes entsprechende Gabelzweige; aus den
nehmlichen Materialien, die mit lockerem Werge vermengt sind, webt
oder fabricirt er eine starke, feste Art Filz, welcher gewissermaßen
der Substanz eines noch rohen Hutes gleicht und den er zu einem
sechs bis sieben Zoll tiefen Beutel gestaltet; inwendig füttert er
das Nest reichlich mit verschiednen weichen und dem äußeren Netzwerk
gehörig eingewobenen Substanzen, und kleidet es endlich mit einer
Lage von Roßhaaren aus; das Ganze ist gegen Sonne und Regen durch ein
natürliches Wetterdach oder einen Blätter-Baldachin geschützt. Was
die Oeffnung anlangt, welche der Vogel, nach _Pennant_ und andern
Schriftstellern, auf der Seite für die Jungen sowohl zur Fütterung
als Entfernung der Excremente lassen soll, ist auf jeden Fall ein
Irrthum. Ich meines Theils habe nie ein solches Loch in der Nestwand
des Baltimore-Vogels gefunden. Wiewohl Vögel der nehmlichen Art im
Allgemeinen eine gemeinschaftliche Form beim Bauen ihres Nestes
beobachten, so bauen sie doch nicht, wie man gewöhnlich glaubt, auf
dieselbe Weise. Die Baltimore-Vögel unterscheiden sich eben so sehr
durch Styl, Sauberkeit und Ausführung ihrer Nester als durch ihre
Stimme. Einige scheinen vor allen andern geschickte Arbeiter zu sein
und wahrscheinlich nehmen sie an Kunstfertigkeit eben so wie an
Farbenpracht mit den Jahren zu. Ich habe jetzt eine Anzahl ihrer Nester
vor mir, sämmtlich vollendet und mit Eiern angefüllt. Eins derselben,
das sauberste und netteste, hat die Gestalt eines Cylinders, ist fünf
Zoll weit, sieben Zoll tief und am Boden rund. Die oben befindliche
Oeffnung ist durch einen horizontalen, ungefähr drittehalb Zoll breiten
Deckel beschränkt. Die Materialien sind Flachs, Hanf, Werg, Haare und
Wolle, welche sämmtlich zu einer vollkommnen Art Tuch verwebt sind,
das Ganze ist überall sauber mit langen, mitunter zwei Fuß messenden
Roßhaaren durchnäht. Der Boden besteht aus dicken Kuhhaar-Flocken
und ist ebenfalls mit Roßhaaren durchnäht. Das eben beschriebne
Nest hing an der Spitze eines horizontalen Apfelbaumzweiges, nach
Südost gerichtet; es war, obgleich im Schatten, in einer Entfernung
von hundert Schritten sichtbar, und das Werk eines sehr schönen und
vollkommnen Vogels. Es befinden sich fünf weiße, schwach fleischfarbne,
am breiten Ende mit purpurnen Flecken, und an den übrigen Theilen mit
langen Linien gezeichnete Eier darin, die Linien sind haarfein und
durchschneiden sich in mannigfaltigen Richtungen. Ich bin deswegen
in der Angabe dieser einzelnen Umstände so ausführlich, weil es mein
Wunsch ist, den spezifischen Unterschied zwischen dem ächten und
Bastard-Baltimore-Vogel aufzustellen, da ^Dr.^ _Latham_ und einige
Andere der Meinung sind, daß beide Vögel einer und derselben Art
angehören und nur durch ihre verschiednen Farbenschattirungen von
einander abweichen.
»Der Baltimorevogel ist in der Brütezeit so sehr besorgt, sich die
geeigneten Materialien zu seinem Neste zu verschaffen, daß die im
Lande wohnenden Frauen genöthigt sind, ihr Garn und dergleichen, das
sich zufällig auf der Bleiche befindet, aufmerksam zu bewachen, eben
so muß der Pachter und Landmann seine jungen Pfropfreiser hüten, weil
dieser Vogel sowohl das Garn als auch die Materialien, womit die
letzteren befestigt sind, seinem Endzweck entsprechend findet und oft
wegholt; sollte jedoch das erste zu schwer und die letzteren zu fest
gebunden sein, so zerrt er lange Zeit daran herum, bevor er seinen
Versuch aufgiebt. Man hat nach dem Abfallen der Blätter oft Strähne
Seide und Zwirnfäden um das Nest des Baltimore- Vogels hängen sehen,
die aber so verwebt und verschlungen waren, daß man sie durchaus nicht
wieder herausfitzen konnte. Vor der Ankunft der Europäer konnten
natürlicher Weise keine solche Materialien gewählt werden, allein mit
dem Scharfsinn eines guten Architekten hat das Thierchen diesen Umstand
zu seinem Vortheil benutzt, und man findet die stärksten und besten
Materialien stets in denjenigen Theilen, welche das Ganze tragen.«
^Wilson's, Amer. Ornith. I. 26.^
Vierzehnter Brief.
Nutzen botanischer Kenntnisse. -- Das Feuerkraut (^fireweed^)
Sarsaparilla-Pflanzen. -- Prächtige Wasser-Lilie. -- Reis-Beete. --
Indianische Erdbeere. -- Scharlachfarbner Akelei (^Columbine^) --
Farnkräuter. -- Gräser. --
Juli 13, 1834.
Der Winter scheint uns in diesem Jahre ziemlich zeitig verlassen zu
wollen, zu Ende Februars war der Boden völlig frei von Schnee, und den
ganzen März hindurch hielt milde und freundliche Witterung an, jedoch
nicht so warm und überhaupt veränderlicher als im vorigen Jahre. In der
letzten April-Woche und zu Anfange Mai's waren sämmtliche Waldbäume
belaubt und prangten im schönsten lieblichsten Grün.
Am 14., 15. und 16. Mai wurde die Luft plötzlich kalt, ein scharfer
Wind blies aus Nordwesten, und heftige Schnee-Stürme knickten die
jungen Knospen und zerstörten manche Frühsaat; glücklicher Weise hatten
wir uns mit unserm Säen nicht sehr beeilt, und dies war unter solchen
Umständen sehr gut.
Unsre Wälder und Lichtungen sind jetzt mit schönen Blumen gefüllt. Sie
werden sich aus den getrockneten Exemplaren, die ich Ihnen übersende,
eine Vorstellung davon machen können. Sie werden darunter manche
Lieblinge unsrer englischen Gärten und Gewächshäuser erkennen, welche
die verschwenderische Hand der Natur nachlässig in den canadischen
Wäldern und Wildnissen ausgestreut hat.
Wie oft wünsche ich Sie an meine Seite, wenn ich durch die Wälder und
Lichtungen streife; die Aufsuchung unsrer botanischen Schätze würde
Ihnen große Freude gewähren.
Ich bedaure jetzt nur zu sehr, daß ich, als ich noch in der Heimath
war, Ihr gütiges Anerbieten, mich im Blumenmalen unterrichten zu
wollen, ausgeschlagen habe; Sie sagten mir damals oft, die Zeit würde
kommen, wo ich Ursache haben dürfte, die Vernachlässigung der sich mir
darbietenden günstigen Gelegenheit zu bereuen.
Sie haben mir richtig prophezeiht; denn ich beklage jetzt täglich, daß
ich Ihnen keine genauen Schilderungen von den Pflanzen meiner neuen
Heimath geben oder denselben ihren Platz im System anweisen kann, wie
Sie dies thun würden. Mit einigen derselben habe ich mich bekannt
gemacht, jedoch traue ich meinen botanischen Kenntnissen zu wenig, um
eine wissenschaftliche Beschreibung zu wagen; denn ich fühle nur zu
gut, daß ein Verstoß leicht entdeckt werden, und daß ich, wollte ich
mich mit Kenntnissen brüsten, die ich nicht besitze, mich lächerlich
und verächtlich machen würde. Das einzige botanische Werk, das mir
zu Gebote steht, ist _Pursh's_ nordamerikanische Flora, aus welcher
ich einige Belehrung geschöpft habe; allein ich muß gestehen, daß mir
die Entzifferung der lateinischen Beschreibungen, da ich kein Latein
verstehe, außer was mich mein bischen Italienisch errathen läßt, viel
Mühe und Langeweile verursacht.
Ich habe von den vorzüglichsten, der Aufmerksamkeit würdigsten Pflanzen
in unsrer Nähe, ein Verzeichniß entworfen, es giebt indeß noch viele
andere in dem Gemeinde-Bezirk, die mir fremd sind; von einigen
derselben weiß ich nicht einmal die Namen. Ich füge von denjenigen
Blumen, die mir am meisten gefallen, oder die sich durch irgend eine
erwähnungswerthe Eigenschaft auszeichnen, eine leichte Skitze bei,
aber nicht mit dem Pinsel sondern mit der Feder.
Auf dem gelichteten Boden wachsen nicht mehr dieselben Pflanzen, welche
früher, als er noch mit Waldbäumen bedeckt war, darauf wucherten. Eine
andre Pflanzen-Welt kommt zum Vorschein, sobald das Feuer den Boden
gereinigt hat. Das Nämliche läßt sich hinsichtlich unsrer Waldbäume
sagen. So wie eine Generation abstirbt und verwittert, tritt eine neue,
aber von ihr verschiedne an ihre Stelle. Ein zur Erläuterung dieses
Umstandes dienendes Beispiel liefert das sogenannte Fichten-Fett, eine
harzige Substanz, die man gewöhnlich an Orten findet, wo die lebende
Fichte weniger häufig wächst, und wo Eichen, Eschen, Ahorn u. s. w. den
Boden einnehmen.
Das Feuer-Kraut, eine Art schlanke Distel von niedrigem, unangenehmem
Geruch, ist die erste Pflanze, welche erscheint, nachdem der Boden
durch Feuer entwaldet ist; bleibt ein Stück Land den ersten Sommer
nach seiner Lichtung ungepflügt liegen, so schießt im nächsten
Frühjahr dieses Unkraut in dichten Massen hervor. Die nächste Pflanze,
welche sich zeigt, ist der Sumach mit seinem flaumbedeckten Stengeln
und sammetartigen hochrothen Blumen, die einen aufrecht stehenden
stumpfen Büschel an den Zweigspitzen bilden; die Blätter werden im
Spätsommer scharlachfarben. Dieser Strauch, wiewohl er sich sehr schön
ausnimmt und recht wohl als Ziergewächs dienen kann, wird doch in
alten Lichtungen als eine große Plage betrachtet, weil seine Wurzeln
ausschlagen und zahlreiche Schößlinge treiben. Hierauf folgen die
Brombeeren und die wilde Stachelbeere in großer Menge, und zahllose
Erdbeer-Pflanzen von mancherlei Art überziehen den Boden gleich
einem Teppich und vermischen sich mit dem Gras der Weide. Ich sah
mich dieses Frühjahr genöthigt, mit schonungsloser Hand Hunderte von
Sarsaparilla-Pflanzen, so wie auch den berühmten Ginseng, welcher in
unsern Wälder sehr häufig ist, mit der Wurzel auszureißen; der Ginseng
war früherhin ein Ausfuhr-Artikel, den die Vereinigten Staaten nach
China sendeten, weil seine Wurzel von den Chinesen besonders geschätzt
wird.
Letzte Woche bemerkte ich eine saftige Pflanze, die auf einem trocknen
sandigen Gange in meinem Garten den Boden durchbrochen hatte; sie
scheint eine Art (^Mesembryanthemum^ (?)) zu sein; sie hat sich so
schnell ausgebreitet, daß sie bereits einen ziemlichen Raum einnimmt.
Die Zweige gehen von der Mitte der Pflanze aus und treiben aus jedem
Gelenk Schößlinge hervor. Die Blätter sind mehr klein, dreikantig
und zugespitzt, dick und saftig, wie die gewöhnlichen Sedum-Arten,
wenn man sie quetscht, so fließt eine grünliche Flüssigkeit aus. Die
Stengel sind dick und rund, hellroth und kriechen an der Erde hin; die
Blätter entspringen aus den Gelenken, und mit ihnen in ununterbrochner
Aufeinanderfolge gelbe Stern-Blumen, die sich ungefähr eine Stunde nach
ihrer ersten Entfaltung wieder schließen. Ich werde Ihnen einige Samen
von dieser Pflanze schicken, ich bemerkte nämlich eine Anzahl kleiner
Schoten, die wie Knospen aussahen, aber, bei näherer Untersuchung sich
als die Samenbehälter erwiesen. Die Pflanze bedeckt den Erdboden gleich
einer dicken Matte, und ist, wo ihr dieser zusagt, wie man mir sagt,
ein lästiges Unkraut.
Ich bedaure nur, daß ich unter meinen getrockneten Pflanzen nicht
einige unsrer prachtvollen Wasser-Lilien und Iris-Arten erhalten
konnte; allein sie waren zu groß und zu saftig, um sich gut trocknen
zu lassen. Da ich Ihnen diese meine Lieblinge nicht mitsenden kann, so
will ich sie Ihnen wenigstens beschreiben.
Die erste davon ist eine herrliche Wasser-Lilie, (^Nymphaea^) welche
ich der Unterscheidung halber »_Königin der Seen_« genannt habe, denn
sie prangt gleich einer Krone auf den Gewässern; diese prächtige
Blume gleicht in Umfang einer mäßig großen Dahlia, sie erscheint wie
gefüllt, und jede Blumen-Blätter-Reihe nimmt nach der Mitte zu allmälig
an Größe ab und geht in Farbe nach und nach von dem reinsten Weiß in
das lichteste Citronengelb über. Die noch nicht entfalteten Blüthen
nehmen sich sehr hübsch aus, man kann sie unter der Oberfläche des
Wassers auf verschiednen Stufen ihrer Entwickelung wahrnehmen: -- von
der noch völlig geschloßnen und in ihren olivengrünen Kelch gehüllten
Knospe bis zu der halb aufgeplatzten Blume, welche bereit ist, aus
ihrem Wasser-Kerker hervorzutauchen und in all ihrer jugendlichen
Schönheit ihren schönen weißen Busen dem hellen Sonnenstrahl und der
milden Luft zu entfalten. Aber die Schönheit der Blume ist nicht ihr
einziger Liebreiz; sobald sie sich entfaltet hat, verbreitet sie einen
reichen Wohlgeruch, dem von frischen Citronen nicht unähnlich. Nicht
weniger Aufmerksamkeit verdienen die Blätter: anfangs zeigen sie
ein schönes Dunkelgrün, aber mit dem Abwelken der Blume vertauschen
sie diese Farbe nach und nach mit einem lebhaften Carmosin. Wo
viele dergleichen Lilien dicht beisammen wachsen, verleihen sie der
Wasserfläche einen unbeschreiblich schönen Anblick, der schon in
einiger Entfernung das Auge auf sich zieht.
Die gelbe Species dieser Gattung ist ebenfalls sehr schön, jedoch
fehlt ihr das seidenartige Gewebe und die zarte Farbe der erstern; ich
nenne sie »Wasser-König.« Die Blume bietet einen dunkel goldgelben
Becher dar, dessen ausgebauchte Blätter in der Mitte eine röthlich
braune Schattirung zeigen, welche gegen die hellfarbigen, wie goldne
Franzen über einander herabhängenden Antheren stark absticht, die
sehr zahlreichen Antheren sind in dicht auf einander folgenden Reihen
angeordnet und füllen den hohlen Blumen-Becher völlig aus.
Die seichten Stellen unsrer Seen strotzen von mannigfaltigen zierlichen
Wasser-Pflanzen; ich kenne keinen lieblichern Anblick als diese
kleinen schwimmenden Gärten. Hier erblickt man unfern des Ufers ein
Beet mit azurnen, ^Fleurs de lis^, vom blassesten Perlfarben bis zum
dunkelsten Violett. Näher am Ufer, wo das Wasser am seichtesten ist,
sendet die rosenfarbne ^Persecaria^ ihre prächtigen Blüthen empor,
deren Stiele sich unter der Wasserfläche hinranken, man sieht die
rothen Stengel und glatten dunkelgrünen, an der untern Fläche rosenroth
geaderten Blätter; es ist eine höchst reizende Varietät dieser schönen
Pflanzen-Gattung. Auf diese folgt eine Schicht weißer Nymphäen, meine
Lieblinge, alle in voller Blüthe, die auf dem Wasser schwimmen und ihre
gefüllten Blumenkronen an der Sonne entfalten; unweit dieser erhebt
sich in stolzer Schöne eine hohe schlanke Pflanze, mit dunkelgrünen
lanzettförmigen Blättern und einer dicken Aehre von hellblauen Blüthen.
Ich kann den Namen dieser prächtigen Blume nicht ausfindig machen und
habe leider ihren botanischen Bau nicht untersucht, daher ich Ihnen
keinen näheren Aufschluß zur Auffindung ihres Namens und ihrer Gattung
geben kann.
Unsre Reis-Beete verdienen ebenfalls Bewunderung; aus der Ferne
gesehen, erscheinen sie wie grüne Inseln auf den Seen, nimmt man
seinen Weg über ein solches Beet, wenn der Reis in der Blüthe
steht, so gewährt dieser, mit seinen breiten grasigen Blättern und
leichten wogenden Aehren einen lieblichen Anblick; die Aehren sind
mit blaßgelben oder grünen, zart purpurröthlich schattirten Blumen
besetzt, aus welchen drei zierliche strohfarbne Staubfäden hervorragen,
die sich bei jedem Lufthauch, bei der leichtesten Erschütterung des
Wassers hin und her bewegen. Ich sammelte mehre Aehren, die sich eben
erst geöffnet, aber leider zerbröckelten sie bald nach der Trocknung.
Nächsten Sommer werde ich einen abermaligen Versuch machen, einige zu
trocknen, und vielleicht dürfte ich einen bessern Erfolg haben.
Das niedrige Ufer des Sees ist über und über mit Strauchwerk und
Stauden überzogen. Wir haben ein recht hübsches Johanniskraut, mit
schönen gelben Blumen. Auch schöne Geisblatt-Arten kamen hier vor,
Strauch-Gewächse von ungefähr drei Fuß Höhe; die Blüthen stehen in
Pärchen oder zu vieren und hängen unterhalb der lichtgrünen Blätter;
sie sind zierlich trompetenförmig und zart grünlich weiß, es folgen
ihnen rubinrothe Beeren. Betrachtet man einen Zweig dieser Pflanze,
so fällt besonders die zierliche Anordnung der Blüthen längs dem
untern Theil der Stengel in die Augen, die beiden Blüthen sind an den
Nectarien auf eine eigenthümliche Weise mit einander verbunden. Die
Amerikaner nennen diese Geisblatt-Art ^twinflower^ (Zwillingsblume).
Ich habe unter den Blüthen derselben einige rosenrothe bemerkt, im
Ganzen genommen ist sie einer der schönsten Ziersträucher, welche
wir besitzen. Ich verpflanzte im letzten Frühjahr einige junge
Exemplare in meinen Garten, und sie versprechen ein gutes Gedeihen.
In _Pursh's_ Flora finde ich nirgends eine Beschreibung davon; indeß
weiß ich gewiß, daß das Gewächs zu den Geisblatt-Arten gehört, Klasse
und Ordnung, Gestalt und Farbe der Blätter, die Blüthenstengel,
die trompetenförmigen Blumen, alle gleichen einigermaßen unserm
heimathlichen Geisblatt.
Ferner ist ein hoher, gerade aufschießender Strauch, mit großen gelben
trompetenartigen Blüthen zu erwähnen, welche an den Zweigspitzen
erscheinen; das Involucrum (Hülle) bildet einen bootförmigen Becher,
welcher die Blüthen, die daraus zu entspringen scheinen, wie bei unserm
scharlachblumigen Jelängerjelieber, kreisförmig umschließt. Blätter und
Blüthen dieser Gewächse sind grob und keineswegs mit denen der zuerst
beschriebnen Art zu vergleichen.
Wir haben eine große Mannigfaltigkeit von merkwürdigen Orchiden
(Ragwurz): gelbe, braune blaßfleischfarbne und scharlachstreifige;
eine weiße von trefflichem Geruch, und eine zarte rosenrothe, mit
einem runden Blumenköpfchen und zart gefranzten Blumen, wie die
Wasser-Nelken, welche in unsern Sümpfen wachsen; dies ist eine
allerliebste Blume, sie kommt auf den Biber-Wiesen vor.
Letzten Herbst bemerkte ich in dem Fichten-Wäldchen unfern unsrer
Wohnung ein höchst merkwürdiges Gewächs, es kam mit nackten braunen
Stämmchen, die sich wie die Aeste eines Baumes ^en miniature^
verbreiteten, aus der Erde hervor; die Stengel und Stiele dieser
Pflanze waren braun, leicht gefleckt und mit kleinen Knötchen besetzt.
Ich beobachtete aufmerksam und mit nicht geringem Interesse das
Fortschreiten ihres Wachsthums und Reifens bis ziemlich Ende Oktobers;
die kleinen Knötchen, die aus zwei eckigen, harten Hüllen bestanden,
und wenn man sie völlig ablößte, Aehnlichkeit mit einem Boote hatten,
bersteten entzwei und ließen eine blaßstrohgelbe, spreuartige Substanz,
die wie feine Sägespähne aussah, wahrnehmen, wahrscheinlich waren
dies die Antheren (Staubwege), jedoch glichen sie mehr Samen; dieses
sonderbare Gewächs hätte mit einem Mikroscop untersucht werden sollen.
Eine Eigenthümlichkeit, die ich bemerkte, war, daß ich beim Ausreißen
eines Exemplars mit der Wurzel, dies Blüthen sich unter der Erde öffnen
sah, sie entsprangen von den untersten Enden der Blumenstiele und
waren in ihrer Reife eben so weit vorgeschritten, als die, welche an
den überirdischen Stengeln saßen; ausgenommen, daß sie etwas bleicher
waren, ein leicht erklärlicher Umstand, da die Luft nicht auf sie
einwirken konnte. Ich kann keine Beschreibung von dieser Pflanze
finden, auch scheint Niemand außer mir Notiz davon genommen zu haben.
Das Exemplar, welches ich für Sie bestimmt hatte, zerbröckelte, als es
trocken war.
Ich habe versprochen, einige der merkwürdigsten der hier wachsenden
Blumen für einen der Professoren an der Universität Edinburg zu sammeln.
Wir haben eine sehr schöne Pflanze, die unsrer Kartoffel in ihrem
Blüthen-Bau sehr verwandt zu sein scheint; sie wird in günstigen
Lagen zwei bis drei Fuß hoch und sendet manche Seitenzweige ab; die
Blumen sind groß, rein weiß, nahe am Boden der Corolle (Blumenkrone)
mit bräunlichgelben Flecken gezeichnet, die Blumenkrone ist ganz
(ungetheilt); jedenfalls ist dieses Gewächs von der cultivirten
Kartoffel nicht verschieden (?!), jedoch scheinen sich an seiner Wurzel
keine Knollen zu bilden. Die Frucht ist sehr schön, eiförmig und nach
erlangter Reife schön apricosenfarben und von glänzendem lockendem
Ansehn; der Geruch indeß verräth ihre giftige Natur: öffnet man sie,
so bemerkt man einen weichen Brei, der mit glänzend schwarzen Samen
gehüllt ist. Die Pflanze blüht vom Juni an, bis die ersten Fröste
ihre Blätter welken machen; sie ist bei weitem nicht so grob als die
Kartoffel; die Blüthe gleicht, sobald sie sich völlig entfaltet, einem
halben Kronenstück und ist ganz flach, ich glaube man nennt dies
präsentirtellerförmig. Leichter lehmiger Boden sagt ihr vorzüglich zu,
sie wächst auf den aufwärts gekehrten Wurzeln umgestürzter Bäume, wo
das Erdreich etwas sandig ist; ich habe sie nie anderswo als auf unsrer
eignen Brache gesehn.
Die Hepatica (^Anemone hepatica^, Leber-Anemone), ist die erste Blume
des canadischen Frühlings; sie erfreut uns mit ihren blauen, rothen und
weißen Blumen schon in den ersten Tagen des Aprils, nachdem der Schnee
kaum von der Erde gewichen ist. Die Canadier nennen sie Schneeblume,
(^snow flower^) weil sie, wie eben gesagt worden, bald nach Entfernung
des Schnees erscheint. Wir sehen ihre lieblichen Bouquets in den
offnen Lichtungen und den Tiefen des Waldes; auch ihre Blätter sind
eine dauernde Zierde in der milden Jahreszeit; man sieht sie auf jedem
kleinen Rasen-Hügel, jeder moosbedeckten Wurzel; die blauen Nuancen
sind äußerst mannigfaltig und zart; die weißen Staubwege stechen
gefällig von den blauen Blumen-Blättern ab.
Die Wald-Kresse, oder Ingwer-Kresse (^ginger cress^) ist eine hübsche
weiße Kreuzblume, und äußerst aromatisch; sie hat eine weiße,
fleischfarbige Wurzel von stechendem meerrettigartigem Geschmack.
Die Blätter sind mattgrün, scharf eingekerbt und dreilappig. Reiche
feuchte Dammerde sagt dieser Pflanze am besten zu, und man findet sie
hauptsächlich auf niedrigem, etwas morastigem Boden; der Blüthenstengel
ist bisweilen nackt, bisweilen mit Blättern besetzt und endet mit einer
losen Aehre von weißlichen kreuzförmigen Blumen.
Es giebt hier auch eine Kresse, welche in hübschen grünen Büscheln auf
dem Boden des Wassers in Buchten und Bächen wächst. Sie ist zarter
und von angenehmerem Geschmack als irgend eine Land-Kresse; die
Blätter zeigen ein blasses, zartes Grün, sind geflügelt und schlank;
die Pflanze nimmt sich unter dem Wasser wie ein grünes Kissen aus.
Die Blumen sind gelb, kreuzförmig und unbedeutend. Sie giebt in der
ersten Hälfte des Frühlings und im Herbste einen recht angenehmen
Sallat. Außerdem kommen mehre Arten Land-Kresse vor, desgleichen einige
Gewächse, die einigen unsrer Kohl- und Kraut-Arten gleichen und als
Frühjahrs-Gemüse benutzt werden dürften. Ferner findet man verschiedne
Spinat-Arten: eine davon ist hier, unter dem Namen ^Lamb's quarter^
(Lamms-Viertel) bekannt; sie wächst in beträchtlicher Menge um unsre
Gärten, und wird in reicherem Boden zwei Fuß hoch; ihr Blätterwuchs
ist äußerst üppig. Die ersten Triebe dieser Pflanze werden an
Schweinfleisch gekocht und sind in Ermangelung zarterer Gemüse-Arten
sehr nützlich.
Ferner haben wir die indianische Rübe, eine sehr schöne Aron-Wurz
(^Arum^), deren Wurzel, gekocht, der Cassave gleichen soll; die Blätter
derselben nehmen sich recht hübsch aus, sie zeichnen sich durch einen
schwachen Purpur-Schein aus; die Indianer brauchen die Wurzel als
Medicin, und auch als Nahrungs-Mittel; die Ansiedler essen sie oft als
Gemüse; ich selbst habe sie noch nie gekostet. _Pursh_ nennt diese Art
^Arum atropurpureum^.
Ich darf hier eine unsrer größten Zierden nicht übergehen, nämlich
den Erdbeerspinat[51], oder den indianischen Erdbeerstrauch, wie
er verschiedentlich genannt wird. Dieses Gewächs treibt aus einem
Hauptstamme viele Seiten-Aeste, die mit schönen Blättern besetzt sind
und ihrer äußern Erscheinung nach unserm langblättrigen Garten-Spinat
gleichen, die Frucht dieses Strauches ist hell carmosinroth und
breiartig, wie die Erdbeere, und enthält eine Anzahl purpurfarbner
Samen, die theilweise in der Oberfläche des Fleisches sitzen, gerade
so wie die Samen der Erdbeere. Die Früchte sitzen dicht am Stengel,
umgeben ihn vollkommen und bilden eine reiche Aehre von schönrothen
Beeren. Ich habe fußlange Zweige gepflückt, die dicht mit diesen
schönen Beeren bedeckt waren, und bedauerte nur, daß ich sie wegen
ihres faden Geschmacks nicht essen konnte. An den Ufern der Einbuchten
und auf reicherem Boden wächst dieser Erdbeerstrauch sehr üppig, eine
einzige Wurzel treibt zwanzig bis dreißig Aeste empor, die sich unter
dem Gewicht ihrer schönen Bürde niederbeugen. Wenn die mittlern und
obern Stengel reifen und abwelken, wachsen die Seiten-Aeste in die
Höhe, und so trägt der Strauch vom Juli an ununterbrochen Früchte, bis
im September die Fröste ihn seiner Schöne berauben.