versammeln sich diese Vögel in großen Heerden; ihre Plünderungen und
Raubzüge scheinen von den ältesten Gliedern der Familie geleitet
und beaufsichtigt zu werden. Wollen sie sich auf ein Hafer- oder
Weizen-Feld niederlassen, so stellen sie zwei oder drei Schildwachen
aus, die bei Annäherung von Gefahr _Dseck-dseck-dseck_ schreien. Diese
Vorsicht scheint indeß überflüssig und unnöthig zu sein, denn sie sind
so verwegen, daß sie sich nicht leicht verscheuchen lassen, und
fliegen sie ja auf, so geschieht es blos, um in geringer Entfernung
wieder in dasselbe Feld einzufallen, oder sie begeben sich auf die
Bäume, wo ihre Vorposten Wache halten.
[Illustration: _Schnee-Ammern._]
Sie lassen zu Zeiten einen eigenthümlichen kläglich tönenden Lockruf
vernehmen, der genau dem plötzlichen Erklingen einer Harfen-Saite
gleicht und eine oder zwei Secunden lang an das Ohr schlägt.
Wahrscheinlich machen sie davon Gebrauch, ihre zerstreuten Kameraden
herbei zu rufen, da ich ihn nie vernommen habe, wenn sie alle beisammen
waren. Bisweilen saßen einige unweit unsrer Wohnung auf einem Baume
am Rande des Sees und ließen mich ihren Lockruf vernehmen; ich habe
sie _Harfner_ (^harpers^) getauft. Ich werde Sie wohl mit meinen
ornithologischen Skitzen ermüden, indeß muß ich noch zwei oder drei
Vögel anführen.
Der weißköpfige Adler[47] fliegt oft über unsre Ansiedlung, er hat
dunkles Gefieder, der Leib und Kopf ist schneeweiß. Den Hühnerhöfen
fügt er bisweilen Schaden zu; diejenigen, welche uns zu Gesicht kamen,
verschmähten indeß dergleichen geringes Wildbret und schwebten in
majestätischem Fluge über den See weg.
Der Fisch-Falke streift gelegentlich über die vor unsern Blicken
ausgebreitete Wasserfläche; Leute, welche dem weiter oben geschilderten
Fischfang mit dem Speer nachhängen, betrachten ihn als einen Feind.
Außerdem haben wir die Nacht- oder Musquito-Eule, welche auf die in den
hohen Regionen schwärmenden Insekten Jagd macht, während sie näher an
der Erde von ganzen Schaaren großer Stechfliegen verfolgt wird; trotz
ihrem Beistande setzt uns doch das abscheuliche Ungeziefer, ich meine
die Musquitos und schwarzen Fliegen, unbarmherzig zu.
Der rothköpfige Specht[49] zeichnet sich durch sein prächtiges
Gefieder aus, Kopf und Hals sind reich carmesinfarben; Rücken, Flügel
und Brust theilen sich in Schneeweiß und Pechschwarz. Das unaufhörliche
Hämmern der Baumhacker und das gellende unharmonische Geschrei des
blauen Hehers[50] ertönen, sobald völliger Frühling eingetreten ist,
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Ich fand in letztem Frühjahr eine kleine Baumhacker-Familie recht
behaglich in einer alten Fichte eingenistet, und zwar zwischen der
Rinde und dem Stamme, wo erstere sich losgetrennt und einen hohlen Raum
gelassen hatte, in welchem die alten Vögel ein weiches aber loses und
keine große Sorgfalt verrathendes Nest gebaut hatten; die niedlichen
Geschöpfe schienen recht glücklich, sie steckten gelegentlich ihre
possirlichen kahlen Köpfchen hervor, um die Aeltern zu begrüßen, welche
die alten Bäume in der Nachbarschaft entrindeten und Futter für ihre
kleine Familie sammelten, sie betrieben ihr Werk mit demselben Eifer,
wie eben so viele fleißige Zimmerleute.
Ein höchst seltsames Nest erhielt ich von einem unsrer Holzfäller;
es war über eine Zweig-Gabel gebaut und schien gleichsam mit grauem
Zwirn oder dünnem Bindfaden an den Ast genäht zu sein. Es war blos auf
den beiden Seiten, welche den Winkel bildeten, gesichert, aber so gut
befestigt, daß es jedem mäßigen Gewicht oder Druck Widerstand geleistet
haben dürfte; es bestand aus den Fasern der Bastbaum-Rinde, die sehr
fadig ist und sich sehr dünn ausziehen läßt; mit einem Wort, es war
ein seltsames Beispiel von dem Mutterwitz der kleinen Baukünstler.
Ich konnte letztere nicht entdecken, allein wahrscheinlich mochte
es ein Werk meines kleinen Lieblings, der oben erwähnten, bei uns
überwinternden Meise (^tit-mouse^) sein.
_Die nächste Abbildung stellt den Baltimore Feuervogel dar, der sein
Nest gegen die Angriffe der schwarzen Schlange vertheidigt[50]._
[Illustration: _Der Baltimore-Feuervogel._]
Das Nest des canadischen Rothkehlchens, welches ich zufällig
entdeckte, als ich nach einem Hühner-Neste in einem Reisig-Haufen, am
fernsten Ende unsrer Ansiedlung, suchte, ist dem unsers heimathlichen
Rothkehlchens sehr ähnlich, jedoch größer, da der Vogel selbst größer
ist, und auch in den Materialien etwas verschieden; die Eier, fünf an
Zahl, waren dunkelblau.
Bevor ich meinen ornithologischen Bericht schließe, muß ich nochmals
der kleinen Häuser erwähnen, welche die Amerikaner für die Schwalbe
bauen; ich habe seitdem gefunden, daß sie hierzu einen sehr trifftigen
Grund haben. Es scheint zwischen diesem nützlichen Vogel und dem
Stößer-Geschlecht die eingewurzeltste Antipathie zu bestehen, und kein
Habicht mag in seiner Nachbarschaft bleiben; die Schwalben verfolgen
diesen Räuber meilenweit, und necken und quälen ihn dabei auf jede nur
mögliche Weise, wie einen bösen Genius; es ist höchst merkwürdig, daß
ein kleines Geschöpf, wie die Schwalbe, einen so vielen Vogel-Arten
furchtbaren Feind dergestalt vertreibt. Ich würde nicht recht daran
geglaubt haben, hätte ich mich nicht selbst von der Wahrheit der Sache
überzeugt.
Ich sah an einem schönen heitern Sommertage aus dem Fenster einen
großen Raubvogel langsamen Fluges längs dem See hinstreichen; der
arme Kerl stieß schreiende Klaglaute aus; etwa zwei Schritt von ihm
bemerkte ich einen kleinen Vogel, -- in der Entfernung erschien er
mir sehr klein, -- der ihn hart verfolgte und ebenfalls schrie. Ich
sah dem seltsamen Paare nach, bis es hinter dem Fichten-Walde meinen
Augen entschwand; so oft ich mich an diese merkwürdige Erscheinung
erinnerte, wurde meine Verwunderung von neuem rege; endlich erfuhr ich
den Grund von einem sehr gebildeten Franzosen, welcher durch Canada
reiste, die Sache erklärte und zugleich bemerkte, daß diese kleinen
Vögel sehr geschätzt seien, und daß man sehr viel dafür bezahle, um sie
in die verschiednen Theile der Provinz zu versenden. Sie verlassen,
sobald sie einmal einheimisch geworden, niemals ihre alten Reviere, und
die nämlichen Pärchen kehren Jahr für Jahr nach ihrer alten Wohnung
zurück.
Der Umstand, daß diese Schwalben den Stößer aus ihrem Reviere
vertreiben, verdient alle Aufmerksamkeit, da er hinlänglich verbürgt
ist, und als ein neuer Beweis für den von Naturkundigen gerühmten
vorzüglichen Instinkt derselben gelten kann.
Ich habe indeß so viele Seiten vollgeschrieben, daß ich fürchten muß,
mein langer Brief werde Sie langweilen. Adieu.
Fußnoten:
[40] Oculisten verwerfen gefärbte Brillen-Gläser, schwachen Augen
wegen der Hitze, welche sie erzeugen, als nachtheilig. Grün oder blau
gefärbte Gläser sind hier vorzuziehen.
[41] Anspielung auf ein Abentheuer im ^Vicar of Wakefield^.
[42] Anspielung auf _Sindbad's_ Reisen in Tausend und einer Nacht.
[43] Es ist gegenwärtig fast unabänderlich Sitte unter den Indianern,
daß sie bei dem Eintritt in ein Wohnhaus alle ihre Waffen, als Flinte,
Tomahawk u. s. w. vor der Thür niederlegen, selbst wenn das Wetter noch
so naß ist; denn sie halten es für unhöflich, eine befreundete Wohnung
bewaffnet zu betreten.
[44] Bekanntlich hat die Nord-West Compagnie eine Schätzung sämmtlicher
Stämme vorgenommen, woraus sich ergeben, daß die ganze indianische
Bevölkerung jenes unermeßlichen Continents sich gegenwärtig nicht über
hunderttausend Seelen beläuft. In einer Parlaments-Urkunde von 1834
ist die Gesammtzahl der Indianer von Unter-Canada auf 3437 und die von
Ober-Canada auf 13,700 Köpfe bestimmt; die letztere soll die Indianer
am Huronen-See und nach Westen zu in sich begreifen. --
[45] Der rothe Sommervogel (^_Tanagra aestiva, Wilson_^) baut in den
Wäldern auf die horizontalen Aeste noch nicht ausgewachsener Bäume,
z. B. eines Epheubaums, zehn oder zwölf Fuß von der Erde entfernt,
die Außenseite seines Nestes versieht er mit einem Geflecht von
Pflanzenstengeln und dürrem Flachs und kleidet es inwendig mit feinem
Grase aus.
[46] Der _blaue Vogel_ (^_Sialia Wilsonii, Swains._^), wovon bereits in
einer früheren Anmerkung die Rede gewesen, erscheint bisweilen schon
im Februar in Scheunen, Obstgärten und Einpfählungen, und erinnert uns
sowohl durch seine Gestalt als durch seine Gewohnheiten und Lebensweise
an unser Rothkehlchen (^_Sylvia rubecula_^).
»In der That hat der amerikanische Vogel ebenfalls eine rothe Brust,
allein der ganze obre Theil des Körpers ist von schöner blauer Farbe
und verleiht dem Vogel ein prachtvolleres Costüm, als das schlichte
Olivenbraun unserm kleinen Liebling. Bei ihrer ersten Ankunft im
Frühjahr statten die blauen Vögel dem Kasten im Garten oder in der
Höhle eines alten Aepfelbaums, der Wiege einiger Generationen ihrer
Vorgänger, eine frühzeitige Visite ab, und machen damit den Anfang, daß
sie das alte Nest reinigen, und den Unrath und das Gerüll vom vorigen
Jahre ausräumen, worauf sie es zur Aufnahme ihrer künftigen Abkömmlinge
vorbereiten.«
[47] Der weißköpfige Adler (^_Haliaetus leucocephalus_^) kommt, nach
_Hutchins_, im May, in der Gegend der Hudson's bay an, er baut auf die
höchsten Bäume und bereitet ein ziemlich großes Nest, aus Stücken Gras,
Torf, Schutt und ähnlichem Gerülle, er wählt zu diesem Behuf einen sehr
hohen Baum, in der Regel eine Fichte oder Cypresse, und macht eine
lange Periode hindurch Jahr für Jahr von demselben Neste Gebrauch. Die
Adler, welche _Abbot_ beobachtet hat, bauten ein großes compactes Nest,
bisweilen auf hohe Cypressen-Bäume und andere Male wiederum auf Felsen.
Die beste Beschreibung aber, die uns zu Gesicht gekommen ist, haben
_Wilson_ und _Ord_ in der ^American Ornithology^ geliefert.
»Im Monat May,« sagt _Wilson_, »als ich auf einer Jagdparthie an der
Seeküste, nicht weit von Great Egg-Harbour, in Begleitung meines
Freundes _Ord_ hinstrich, wurden wir von unserm Wegweiser ungefähr eine
englische Meile tief in die Wälder geführt, um ein Seeadlernest zu
sehen. Als wir uns dem Orte bis auf eine kleine Entfernung genähert,
sahen wir den Vogel, sich langsam vom Neste zurückziehen, welches
mitten auf dem Gipfel einer sehr großen gelben Fichte (^yellow
pine^) erbaut war. Das Holz war mehre Ruthen im Umkreise gefällt
und weggeschafft worden, ein Umstand, der dem stattlichen, geraden
Stamme, so wie den großen, gekrümmten Aesten des Baumes, worauf eine
schwarze Masse von Stöcken und Reisholz ruhte, einen eigenthümlichen
und malerischen Anblick verlieh. Unser Führer hatte eine Axt mit
sich genommen, um den Baum zu fällen; mein Begleiter aber, ängstlich
bemüht, die Eier oder Jungen zu erhalten, bestand darauf, den Baum zu
ersteigen, was er auch furchtlos ausführte, während ich und der Führer
unsern Stand unter dem Baume nahmen, bereit, den kühnen Kletterer,
im Fall eines Angriffs von den alten Adlern, zu vertheidigen. Indeß
wurde kein Widerstand geleistet; leider aber fand _Ord_ das Nest,
als er es erreicht, zu unserm größten Mißvergnügen, leer. Es war aus
großen Stöcken, deren mehre einige Fuß maßen, erbaut; inwendig lagen
Erdschollen, Riethgras, Rasen, dürres Schilf u. s. w., sämmtliche
Materialien waren zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß angehäuft und
nahmen über vier Fuß in der Breite ein; das Ganze war mit frischen
Fichtenwipfeln überkleidet und hatte nur eine geringe oder vielmehr
gar keine Aushöhlung. Unter der Ueberkleidung lagen die frisch
abgestreiften Hüllen (Mauser) der jungen Brut des laufenden Jahres,
nehmlich Schuppen von den Spulen, Federn, Flaum u. s. w. Unser Führer
war spät im Februar an dieser Stelle vorbeigekommen, zu welcher Zeit
sowohl Männchen als Weibchen ein großes Geräusch um das Nest machten;
und aus dem, was wir später erfuhren, ist es höchst wahrscheinlich, daß
es bereits in dieser frühen Jahreszeit Junge enthielt.
»Im folgenden Jahre, am ersten März,« erzählt _Ord_, »nahm einer meiner
Freunde aus dem nehmlichen Neste drei Eier, wovon die größten drei
und ein viertel Zoll lang waren, im Durchmesser zwei und ein viertel,
und im Umfange gegen sieben Zoll maßen; sie wogen vier Unzen, fünf
Drachmen, (Apothekergewicht); sie waren schmuzig gelblich weiß, und
nur eins hatte eine sehr blaßbläulich weiße Farbe; die Jungen waren
vollkommen ausgebildet. Die ängstliche Sorgfalt des Weibchens, die Eier
zu erhalten, war so groß, daß es das Nest nicht eher verließ, als bis
mehre Axtschläge gegen den Baum geführt worden waren.«
»Einige englische Meilen von diesem Orte entfernt,« fährt _Wilson_
fort, »befindet sich ein andres Adlernest, welches ebenfalls auf einer
Fichte erbaut ist, die, nach eingezogner Erkundigung vom Eigenthümer
der Holzung, dieser Adler-Familie seit langer Zeit zur Wohnung gedient
hatte. Den Baum, worauf das Nest ursprünglich erbaut war, hatten diese
Adler seit undenklichen Zeiten, oder wenigstens so lange als er sich
erinnern konnte, inne gehabt. Einige von seinen Söhnen fällten die
Fichte, um die Jungen zu erlangen, deren Zahl sich auf zwei belief,
bald darauf begann der Adler auf den unmittelbar daneben stehenden
Baum ein neues Nest zu bauen, wodurch er eine große Vorliebe für
diesen Ort an den Tag legte. Der nehmliche Mann erzählte uns, daß die
Adler zu jeder Jahreszeit hier ihre Ruhestätte und Wohnung haben.
Ueberdies behauptete er, daß die grauen oder Seeadler, die Jungen der
weißköpfigen Adler wären, und daß sie nicht eher zu brüten anfingen,
als bis sie einige Jahre alt geworden wären. Der weißköpfige Adler
treibt seine Jungen nicht aus dem Neste, wie der Osprei oder Fischaar
(Flußadler, Moosweih), sondern fährt, nachdem sie es verlassen, noch
lange fort, sie zu füttern.«
Es hat den Anschein, als wenn diese Adler eine besondere Vorliebe
für die Nähe von Wasserfällen hegten, da sie sich in großer Menge am
Niagara-Falle aufhalten; und in _Lewis_ und _Clark's_ Reisebericht
stoßen wir auf folgende Beschreibung eines solchen Adlernestes, welches
die malerischen Effecte der großartigen Scenen an den Fällen des
Missouri nicht wenig erhöht haben mag.
»Gerade unter der obersten Spitze,« erzählen die Reisenden, »befindet
sich mitten im Flusse ein kleines holzreiches Eiland. Hier hatte ein
Adler auf einem Baume (^Gossypium arboreum^) sein Nest errichtet und
schien der unangefochtene Inhaber des Orts zu sein, dem seinen Besitz
streitig zu machen, weder Menschen noch Thiere über die das Eiland
umgebenden Strudel zu setzen wagten, da dasselbe noch überdies durch
den, von den Fällen emporsteigenden Wasser-Nebel geschützt ist.«?
[48] Dieser Vogel fürchtet den Menschen so wenig, daß er nicht
selten in die Bäume nistet, welche in den Städten Amerikas auf den
Straßen wachsen. _Wilson_ fand mehre dieser Nester innerhalb der
Grenzen der Stadt Philadelphia: zwei in dem Knopfholzbaum (^_Platanus
occidentalis_^), und ein drittes in dem verwitterten Stamme einer
Ulme. »Die alten Vögel,« sagt dieser Forscher, »machen, wie mich meine
Beobachtung gelehrt hat, ihre Excursionen regelmäßig nach den über
Schuylkill hinaus liegenden Wäldern, ungefähr eine englische Meile von
der Stadt, und beobachten beim Besuchen ihrer Nester große Stille und
Vorsicht; Maßregeln, welche von solchen, die tiefer in den Wäldern
nisten, nicht so streng beobachtet werden, weil das Späherauge des
Menschen daselbst weniger zu fürchten ist. Allein trotz der Sorgfalt,
welche dieser Vogel, so wie die andern Arten der nehmlichen Gattung,
anwendet, um seine Jungen durch die Auswahl einer sicheren Lage gegen
die Nachstellungen von Verfolgern zu sichern, hat er es doch mit einem
Todtfeinde zu thun, gegen dessen Räubereien ihm weder die Höhe des
Baumes noch die Tiefe der Höhle die mindeste Sicherheit gewähren. Dies
ist die schwarze Schlange (^_Coluber constrictor_^), welche sich häufig
am Stamme des Baumes hinauf windet und, wie ein lauernder Wilder, in
die Höhle des armen Spechtes dringt, trotz dem Geschrei und ängstlichen
Flattern der Aeltern die Eier und hülflosen Jungen verschlingt und,
wenn es der Raum gestattet, sich an der Stelle, die sie eben erst
einnahmen, zusammenrollt und daselbst einige Tage hindurch verharrt.
Der wilde Schulknabe, nachdem er seinen Hals gewagt, um die Höhle des
Spechtes zu erreichen, fährt, wenn der Zeitpunkt des Triumphs, wo er
das Nest für sichre Beute hält und seinen entblößten Arm in die Höhle
steckt, beim Anblick der scheußlichen Schlange erschrocken zurück,
und stürzt fast von seiner schwindelnden Höhe herab, indem er mit
ängstlicher Hast am Baume heruntergleitet. Ich habe von verschiedenen
Abentheuern dieser Art gehört; und ein Fall zog ernste Folgen nach
sich: Knabe und Schlange stürzten nehmlich zugleich auf die Erde herab
und ein Schenkelbruch und langes Hüten des Bettes heilten den Waghals
von seinem ehrgeizigen Streben, Spechtnester zu plündern, vollkommen.«
[49] »Dieser schöne Vogel,« sagt _Wilson_, »welcher, so viel ich
darüber habe erfahren können, Nordamerika angehört, zeichnet sich durch
sein prächtiges Kleid als eine Art von Elegant (^beau^) unter den
befiederten Bewohnern unserer Wälder aus, und macht sich, gleich den
meisten Gecken, sowohl durch seine Geschwätzigkeit als auch durch die
Manier seiner Töne und Gebehrden noch bemerklicher. Der amerikanische
Holzheher ist eilf Zoll lang, seinen Kopf ziert ein Kamm lichtblauer
oder purpurfarbner Federn, welchen er nach Willkühr emporrichten
oder senken kann; eine schmale schwarze Linie zieht sich längs der
Stirnbinde hin, erhebt sich auf beiden Seiten über die Augen, geht
aber nicht über sie hinweg, wie _Catesby_ dies dargestellt hat, oder
wie es _Pennant_ und mehre Andre beschrieben haben; der hintere und
obere Theil des Halses ist schön hell purpurfarben, doch herrscht
das Blau vor; ein schwarzer Kragen reicht vom Hinterhaupte mit einer
zierlichen Krümmung auf jeder Seite über den Hals herab bis an den
oberen Theil der Brust, wo er einen Halbmond bildet; Kinn, Backen,
Kehle und Bauch sind weiß, die drei ersteren lichtblau gefärbt; die
größeren Flügel-Decken sind reich blau, die äußeren Fahnen der ersten
Federn lichtblau, die der zweiten dunkel purpurfarben, mit Ausnahme
der drei dem Körper zunächst befindlichen, welche glänzend lichtblau
sind; alle diese, ausgenommen die ersten, sind prachtvoll mit schwarzen
Halbmonden der Quere nach gestreift und weiß getüpfelt; die inneren
Seiten der Flügelfedern sind dunkelschwarz; der Schwanz ist lang und
keilförmig gestaltet und besteht aus zwölf glänzend lichtblauen, in
halbzolligen Entfernungen mit schwarzen bogenartigen Querstreifen
gezeichneten Federn; jede Feder ist weiß getüpfelt, mit Ausnahme der
zwei mittelsten, welche nach den äußersten Enden zu in eine dunkle
Purpurfarbe verlaufen; Brust und Seiten, unter den Flügeln, sind
schmuzig weiß und mit Purpur gefleckt; die innre Seite des Mundes,
Zunge, Schnabel, Beine und Krallen sind schwarz; die Regenbogenhaut des
Auges ist nußbraun.
»Ein blauer Holzheher,« fährt _Wilson_ fort, »den ich seit einiger
Zeit gefangen gehalten, und mit dem ich in großer Vertraulichkeit
lebe, ist ein wahres Muster von mildem Charakter und geselligen
Sitten. Ein günstiger Zufall im Walde brachte mich zuerst in Besitz
dieses Vogels, als er noch sein volles Gefieder hatte und noch voller
Gesundheit und Muth war; ich nahm ihn mit mir nach Hause und steckte
ihn in einen Käfig, den bereits ein goldgeflügelter Specht einnahm;
hier wurde er aber so grob empfangen und erhielt von dem Inhaber des
Käfigs dafür, daß er dessen Gebiet betreten, eine so harte Züchtigung,
daß ich mich, um sein Leben zu erhalten, genöthigt sah, ihn wieder
herauszunehmen. Ich setzte ihn hierauf in einen andern Käfig, dessen
einziger Besitzer ein gemeiner weiblicher Bülan (^orchard oriole^) war.
Dieser gebehrdete sich ebenfalls unruhig, als beleidige und gefährde
ihn die Gegenwart des fremden Gastes; der Holzheher unterdeß saß stumm
und bewegungslos auf dem Fußboden des Käfigs, entweder zweifelhaft
über seine eigene Lage, oder in der Absicht, seiner Nachbarin Zeit
zur Beschwichtigung ihrer Furcht zu gönnen. Und nach wenigen Minuten,
nachdem sie verschiedene drohende Gebehrden entfaltet (gleich einigen
Indianern bei ihren ersten Zukammenkünften mit den Weißen), begann
sie, sich demselben zu nähern, jedoch mit großer Vorsicht, und zum
schnellen Rückzug bereit. Da sie jedoch sah, daß der Holzheher anfing,
auf eine friedfertige und demüthige Weise einige zerbröckelte Stückchen
Kastanie aufzupicken, stieg sie ebenfalls herab und that das Nehmliche,
drehete sich aber, bei der leichtesten Bewegung ihres neuen Gastes,
diesem entgegen und setzte sich in Vertheidigungsstand. Jedoch ehe es
Abend geworden, war alle diese ceremoniöse Eifersüchtelei verschwunden,
und sie wohnen, fressen und spielen jetzt zusammen, in vollkommner
Eintracht und guter Laune.
»Wenn der Holzheher trinken will, springt seine Tischgenossin keck
und dreist in das Wasser, um sich zu baden, und schleudert es in
Schauern über ihren Gefährten, der sich dies ganz geduldig gefallen
läßt, und nur dann und wann wagt, etwas davon zu schlürfen, ohne das
geringste Zeichen von Unwillen oder Empfindlichkeit zu verrathen. Im
Gegentheil scheint er sich über seine kleine Mitgefangene zu freuen,
indem er ihr erlaubt, sich an seinen Backenbart zu hängen, (was sie
sehr sanft macht) und seine Krallen von zufällig daran hängenden
Kastanienbröckchen zu reinigen. Diese Anhänglichkeit von der einen,
und diese freundliche Nachgiebigkeit von der andern Seite, dürften
vielleicht zum Theil die Wirkung des wechselseitigen Mißgeschicks
sein, welches, wie die Erfahrung lehrt, nicht blos Menschen an
einander anschließt, sondern auch manche Thierarten enger mit einander
verbindet. Auch zeigt dieses Beispiel, daß der blaue Holzheher ein
leicht bezähmbares Naturell besitzt und fähig ist, Zuneigung und
zärtliche Gefühle, selbst für solche Vögel zu hegen, die er im
natürlichen Zustande ohne Bedenken zu seiner Speise wählen würde.«
[50] Das Nest des Feuervogels ist von mehren Ornithologen geschildert
worden. _Latham_, welcher von _Wilson's_ wundervoller Beschreibung
wesentlich abweicht, sagt: »das Nest ist aus einer flaumartigen, zu
Fäden gedrehten Substanz locker gebaut, und hat ziemlich die Gestalt
einer Börse, welche an die äußerste Gabel eines Tulpenbaums, einer
Platane oder eines Hiccory-Baums befestigt ist.« _Montbeillard_ ist
noch kürzer in seinen Bemerkungen über diesen interessanten Bau. Wir
wollen hier _Wilson's_ Beschreibung von Anfang bis zu Ende mittheilen.