abstatteten. Da ich einiges Verlangen in mir fühlte, das seltsame
Völkchen in seinem Winter-Lager zu sehen, so äußerte ich meinen Wunsch
gegen S--, der bei dem alten Jäger und seiner Familie in großer Gunst
steht; als einen Beweis von Auszeichnung haben sie ihm den Titel
Chippewa, den Namen ihres Stammes, gegeben. Die Gelegenheit, im
Indianer-Wigwam die Honeurs zu machen, kam ihm ganz erwünscht, und
es wurde beschlossen, daß er bei uns mit einigen seiner Schwäger und
Schwägerinnen, die zufällig auf Besuch bei ihm waren, Thee trinken
sollte, und daß wir dann in Gesellschaft einen Ausflug nach dem Lager
im Walde machen wollten.
Eine lustige Gesellschaft brachen wir an besagtem Abende bei dem
prächtigsten Sternenlicht nach dem verabredeten Orte auf; der Schnee
funkelte mit tausend Diamanten auf seiner gefrornen Oberfläche, über
die wir mit dem leichtesten Herzen, so leicht wie es nur in dieser
sorgenvollen Welt sein kann, wegsetzten. Und gewiß hatte ich nie einen
lieblicheren Anblick, als die Wälder darboten; es war am vorhergehenden
Tage viel Schnee gefallen, und in Folge der völligen Windstille war
auch nicht die kleinste Menge von den Bäumen abgeschüttelt worden. Die
stets grünen Nadelhölzer bogen sich unter ihrer glänzenden Last, jeder
Zweig, jedes Blatt, jeder Zapfen war bedeckt, und einige dünne Bäumchen
lagen, vom Schnee niedergedrückt, fast auf der Erde und bildeten
die niedlichsten seltsamsten Lauben und Arkaden über unserm Pfade.
Sah man nach den Wipfeln der Bäume empor, so schien der dunkelblaue
Himmel von einem silbernen Schleier bedeckt zu sein, durch welchen die
hellleuchtenden Sterne mit keuschem Glanze herabblickten.
Ich war stets eine Liebhaberin von Schnee-Landschaften, aber weder
in diesem Lande noch in der Heimath sah ich je etwas so über alle
Vorstellungen Liebliches, als wie mir der Wald in dieser Nacht erschien.
Wir verließen die breite Straße und schlugen einen Nebenweg ein, den
die Indianer fest getreten hatten, und bald bemerkten wir den Wigwam
an dem röthlichen Rauche, der aus dem offnen, korbgeflechtartigen
Dache der kleinen Hütte hervor qualmte. Letztere besteht zunächst
aus leichten Stangen, die, in einem Kreise in die Erde befestigt,
einen runden Raum von zehn bis zwölf Fuß Durchmesser einschließen.
Zwischen diese Stangen sind lange Birken-Rinden-Schichten gezogen oder
geflochten, und zwar sowohl innerlich als äußerlich; nach oben, wo die
Stangen gegen einander geneigt sind ist eine Oeffnung gelassen, zum
Entweichen des Rauches; die Außenwände waren auch mit Schnee belegt
oder umdämmt, so daß von unten gar keine Luft eindringen konnte.
Einige von unsrer Gesellschaft, die jünger und leichtfüßiger waren, als
wir gesetzten verheiratheten Leute, liefen voraus, so daß wir, als das
Tuch, welches als Thüre diente, weggenommen wurde, eine buntscheckige
Gesellschaft von dunkelfarbigen Häuten und blassen (weißen) Gesichtern
aus den weichen Tüchern und Fellen gelagert fanden, die rings an den
Wänden in dem Wigwam ausgebreitet waren.
[Illustration: _Peter, der Jäger._]
Die dunkelbraune Hautfarbe, das buschige schwarze Haar und das
eigenthümliche Costüm bildeten einen auffallenden Contrast mit den
weißen Europäern, die unter die Indianer gemischt dasaßen, der seltsame
Anblick wurde noch durch das flackernde, in der Mitte lodernde
Holzfeuer erhöht, welches die Gruppe mit seinem röthlichen Schimmer
bestrahlte. Die Jagdhunde lagen in träger Behaglichkeit dicht neben
dem Holzstoß, während drei oder vier dunkelfarbige kleine Wilde mit
einander spielten oder ihrer Erzürnung über die beständigen Neckereien
und Affenstreiche des bucklichen _Maquin_, mit welchem ich Sie bereits
bekannt gemacht habe, durch lautes Schreien Luft machten; denn dieser
indianische Spiegelberg schien sein größtes Vergnügen im Necken und
Quälen der kleinen Papousen zu finden, wobei er von Zeit zu Zeit voll
schadenfroher Laune nach den Gästen schielte, und gleich darauf wieder,
wenn er die Blicke seines Vaters oder der Squaws auf sich gerichtet
glaubte, die ernsteste Miene von der Welt annahm.
Ein leichtes Geräusch unter den Anwesenden bezeichnete unsre Ankunft,
als wir eins nach dem andern durch die Thür in die Hütte traten. Unsre
Freunde empfingen uns mit fröhlichem Lachen, welches mehr als einer der
männlichen Indianer nachhallte, während die Squaws ein eigenthümliches
Kichern vernehmen ließen.
_Chippewa_ (S--,) erhielt einen Ehrenplatz neben dem _Jäger_ Peter; und
Squaw _Peter_ (_Peter's_ Frau) räumte mir mit großer Zuvorkommenheit
und freundlichem Gesicht einen Platz auf ihrem Betttuch ein, zu welchem
Behuf zwei Papousen und ein Jagdhund schreiend und wehkagend in die
Nachbarschaft ihres Quälgeistes _Maquin_ verwiesen wurden.
Die reizendsten Personen in dem Wigwam waren zwei Indianer-Mädchen,
eine von ungefähr achtzehn Jahren, -- _Johanna_, des Jägers älteste
Tochter, und ihre Cousine _Margaret_. Die Schönheit der erstern
überraschte mich nicht wenig, ihre Züge waren im buchstäblichen Sinne
des Worts fein, und trotz ihrer Zigeuner-Schwärze fand ich doch das
Purpurroth ihrer Wangen und Lippen, wo nicht schön, -- wenigstens
angenehm und sehr anziehend. Ihr Haar war pechschwarz, weich und
glänzend, und dabei sauber über die Stirn gefaltet und nicht in
zottigen Massen unordentlich und wild herabhängend, wie gewöhnlich bei
den Squaws. _Johanna_ war sich ihrer überlegnen Reize augenscheinlich
bewußt, sie konnte als eine indianische Schönheit gelten, auch legte
sie ihre Eitelkeit durch die vorzügliche Sorgfalt an den Tag, womit sie
ihren schwarzen Tuch-Mantel angeordnet hatte, er war oben mit einem
zierlich über die eine Schulter geschlagnen scharlachnen Stück Zeuge
besetzt und auf der linken Seite durch ein vergoldetes Schlößchen
befestigt. _Margaret_ war jünger und kleiner von Statur, und wiewohl
man sie lebhaft und recht hübsch nennen konnte, so fehlte ihr doch die
ruhige Würde ihrer Cousine, sie hatte in Gesicht und Figur mehr von
der Squaw. Die beiden Mädchen nahmen eine Bettdecke für sich ein und
waren mit Verfertigung einiger höchst eleganten Futterale aus Rehleder
beschäftigt, die sie mit gefärbten Perlen und Spuhlen überzogen; Perlen
und Spuhlen lagen in einer kleinen zinnernen Torten-Pfanne auf ihren
Knien; meine alte Squaw dagegen hielt ihre Stachelschwein-Spuhlen im
Munde und die feinen getrockneten Sehnen, ebenfalls von Rehen, deren
sie sich anstatt Zwirns zu dieser Art Arbeit bediente, hatte sie im
Busen.
Als ich den Wunsch äußerte, einige von den Stachelschwein-Spuhlen zu
besitzen, gab sie mir einige von verschiedner Farbe, womit sie ein paar
Mocassins durchwirkte, bemerkte aber dabei, daß es ihr an _Perlen zu
den Mocassin's_ fehle, und ich verstand recht wohl, daß sie dergleichen
für die Spuhlen von mir zu erhalten wünsche. Indianer verschenken nie
etwas, seitdem sie mit den Weißen zu verkehren gelernt haben.
Meine Lobsprüche, die ich _Johanna's_ Schönheit zollte, entzückten die
gute Matrone. Sie erzählte mir, daß das hübsche Mädchen bald mit einem
jungen Indianer verheirathet werden würde, der an ihrer Seite saß, in
allem Stolze, welchen ein neuer Mantel, eine rothe Schärpe, gestickte
Pulver-Tasche und ein großes vergoldetes Schloß an dem Kragen seines
Mantels, der so warm und so weiß erschien, wie ein frischgewaschnes
Schaffell, verleihen konnten. Die alte Squaw that sich auf das junge
Pärchen offenbar nicht wenig zu Gute; sie blickte oft danach und
wiederholte fast stets die Worte: »_Johanna's Gatte_ -- _mit der Zeit
heirathen_. --«
Wir hatten den Indianern oft mit Vergnügen gelauscht, wenn sie Sonntags
Abends ihre frommen Lieder sangen; daher ich sie jetzt bat, uns einige
zum Besten zu geben; der alte Jäger nickte mir seine Einwilligung zu
und erließ mit dem Ernst und Phlegma eines Holländers, ohne seine
Pfeife aus dem Munde zu nehmen, seine Befehle, welchen von den jüngern
Gliedern der Gesellschaft augenblicklich Folge geleistet wurde, und
bald füllte ein Chor reicher wohltönender Stimmen die kleine Hütte mit
einer Melodie, welche uns bis ins Herz drang.
Das Lied ertönte in der Sprache der Indianer, welche vorzüglich
wohlklingend und weich in ihren Cadencen ist und sehr vocalreich zu
sein scheint. Ich konnte der bescheidnen Miene der Mädchen meinen
Beifall nicht versagen; sie schienen gleichsam ängstlich, Beobachtung
zu vermeiden, die sie, wie sie recht gut empfanden, durch ihre
lieblichen Stimmen auf sich ziehen mußten, sie suchten ihr Gesicht den
Blicken der Fremden zu entziehen, indem sie einander ansahen und den
Kopf auf ihre Arbeit niedersenkten, die sie noch immer in den Händen
hielten. Ihre Haltung, welche die der orientalischen Nationen ist; ihre
Kleidung, ihr schwarzes Haar, ihre dunkeln Augen, ihr olivenfarbner
Teint, das erhöhte Roth ihrer Wangen und der bescheidne Ausdruck
ihres Gesichts würden ein Studium für den Maler gebildet haben. Ich
wünschte, Sie hätten der Scene beiwohnen können; Sie würden dieselbe
nicht leicht vergessen haben. Sehr gefiel mir auch die tiefe Ehrfurcht
in den Gesichtszügen der ältern Glieder der Indianer-Familie, während
sie ihren Kindern lauschten, welche ihre Stimmen zur Verherrlichung
Gottes und des Erlösers, die sie zu fürchten und lieben gelernt hatten,
ertönen ließen.
Die Indianer scheinen sehr zärtliche Eltern zu sein; es ist erfreulich,
die liebevolle Weise zu sehen, wie sie die kleinen Kinder behandeln,
ihre Blicke strömen, wenn sie dieselben liebkosen, von Zärtlichkeit
und Freude. Während des Gesanges kroch jede Papouse zu den Füßen ihrer
Aeltern, und diejenigen, welche noch zu jung waren, um ihre Stimmen
mit dem kleinen Chor vereinigen zu können, verharrten von Anfang bis
zu Ende in der tiefsten Stille. Ein kleines Mädchen, eine dicke braune
Trutschel von drei Jahren, schlug den Tact auf ihres Vaters Knien, und
mengte von Zeit zu Zeit ihre kindliche Stimme ein; jedenfalls besaß sie
ein gutes Ohr und natürliche Anlage zur Musik.
Ich konnte nicht begreifen, wo die Indianer ihre Vorräthe, Kleider und
andre bewegliche Artikel aufbewahrten, da der Wigwam so klein war,
daß außer für ihre Person und ihre Hunde, kein Platz vorhanden zu
sein schien. Ihr Erfindungsgeist hatte ihnen indeß für den Mangel an
Raum Ersatz geleistet, und ich entdeckte bald eine Einrichtung, die
dem Zweck von Verschlüssen, Säcken, Schachteln u. s. w. vollkommen
entsprach, nämlich die innern Birkenrinden-Schichten waren so zwischen
die Stangen, (welche das Gerippe der Hütte bedeckten) gezogen, daß
sie rings herum Taschen bildeten; in diesen Taschen staken die
Habe und Nahrungs-Vorräthe der Bewohner: eine Abtheilung enthielt
gedörrtes Rehfleisch, eine andre gedörrte Fische, eine dritte
einige flache Kuchen, welche sie, wie mir gesagt worden ist, auf
eine ihnen eigenthümliche Weise mittelst heißer Asche, darüber und
darunter, backen, die aber eben deshalb meines Bedünkens dem Gaumen
nicht sonderlich zusagen können; ihre Kleider, das Material zu ihren
verschiednerlei Arbeiten, als Perlen, Spuhlen, Tuchfleckchen, Seide und
tausend andre Kleinigkeiten nahmen die übrigen derartigen Behälter ein.
Trotz der ziemlich weiten Oeffnung nach oben war das Innere des
Wigwams doch so heiß, daß ich kaum athmen konnte, und während meines
Aufenthalts darin alle Tücher ablegen mußte. Ehe wir unsern Heimweg
antraten, bestand der Jäger darauf, uns ein Spiel zu zeigen, welches
einige Aehnlichkeit mit unserm Bilboket (^cup and ball^) hat, aber
complicirter ist, und mehr Behändigkeit erfordert; den Indianern
machte unser Mangel an Geschicklichkeit offenbar nicht wenig Spaß.
Außerdem zeigten sie uns ein andres Spiel, (^nine-pins^) dem Kegelspiel
einigermaßen verwandt, nur daß die Anzahl der in die Erde befestigten
Stöcke größer war. Ich konnte unmöglich länger bleiben, um die kleine
Reihe Stöcke umwerfen zu sehen, da die Hitze des Wigwams mich fast
erstickte, und fühlte mich ordentlich glücklich, als ich wieder frische
Luft einathmen konnte.
In einem andern Klima würde man sich schwerlich einem so plötzlichen
und auffallenden Temperatur-Wechsel ohne eine starke Erkältung
aussetzen können, allein glücklicher Weise ist jenes fatale Uebel,
^catchée le cold^ (Schnupfen), wie es die Franzosen nennen, in Canada
nicht so vorherrschend als in der Heimath.
Vor etwa zwanzig Jahren, als sich die brittischen Ansiedler, in
Folge der Erinnerung an die während des Freiheitskrieges ausgeübten
Grausamkeiten, eines Gefühls von Furcht vor den Indianern noch
nicht ganz erwehren konnten, wurde eine arme Frau, die Wittwe eines
Emigranten, welche auf einer Meierei in einem der dünn bevölkerten
Gemeinde-Bezirke, jenseits des Ontario, wohnte, durch das plötzliche
Erscheinen eines Indianers im Innern ihrer Blockhütte erschreckt. Er
hatte sich so still hineingeschlichen, daß er nicht eher bemerkt wurde,
als bis er sich vor das prasselnde Feuer, der überraschten Wittwe und
ihren Kleinen gerade gegenüber, gestellt hatte; natürlicher Weise
zitterten die armen Kinder und zogen sich mit schlecht verheelter
Furcht in den äußersten Winkel der Stube zurück.
Ohne auf die Störung, welche sein Erscheinen verursachte, Rücksicht zu
nehmen, fing der Indianer an, sich seiner Jagdkleider zu entledigen;
hierauf band er seine nassen Mocassins los, die er zum Trocknen am
Feuer aufhing, und gab deutlich seine Absicht zu verstehen, daß er
unter dem Dache der Wittwe übernachten wolle, indem es schon ziemlich
dunkel sei, und der Schnee in schweren Schauern vom Himmel falle.
Kaum wagend, einen hörbaren Athemzug zu thun, bewachte die kleine
Gruppe mit ängstlichen Blicken die Bewegungen ihres unwillkommnen
Gastes. Denken Sie sich ihren Schreck, als sie ihn aus seinem Gürtel
ein Jagdmesser hervorziehen und mit bedächtiger Miene dessen Schneide
prüfen sahen. Nach diesem unterwarf er seine lange Flinte und sein
Tomahawk einer ähnlichen Untersuchung.
Die Verzweiflung der von Furcht und Schrecken betäubten Mutter hatte
jetzt ihre höchste Stufe erreicht. Sie sah schon in Gedanken die
grauenvoll verstümmelten Leichname ihrer ermordeten Kinder an jenem
Heerde, welcher so oft der Tummelplatz bei ihren unschuldigen Spielen
gewesen war. Instinktmäßig faltete sie die zwei jüngsten bei einer
vorwärts gerichteten Bewegung des Indianers an ihre Brust und wollte
sich eben, als er mit den gefürchteten Waffen auf sie zuging, mit
thränenden Augen zu seinen Füßen niederwerfen und um Barmherzigkeit
für sich und ihre kleinen Lieblinge flehen. Wie groß aber war ihr
Erstaunen und ihre Freude, als er mit sanfter friedfertiger Miene
Flinte, Messer und Tomahawk neben ihr niederlegte und durch diese
Handlung zeigte, daß er nichts Arges gegen sie im Schilde führe[43].
Die Begnadigung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers im Augenblick
vor seiner Hinrichtung konnte nicht willkommner sein, als das
friedfertige Benehmen des Indianers gegen die arme Wittwe. Voll
Eifer, zu gleicher Zeit ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit zu äußern,
beeilte sie sich, dem nicht länger gefürchteten Gaste ein Mahl zu
seiner Erfrischung zu bereiten, und von dem ältesten ihrer Kinder
unterstützt, breitete sie ein frisches Betttuch über ihr eignes Lager,
welches sie freudig dem Fremdlinge abtrat. Ein ausdrucksvolles »_Hugh!
hugh!_« war die Erwiederung auf diesen Beweis von Gastfreundschaft;
als er aber Besitz von diesem, für ihn üppigen Lager nahm, gerieth er
in sichtbare Verlegenheit. Es war offenbar, daß der Indianer niemals
ein europäisches Bett gesehen und noch weniger in einem geschlafen
hatte. Nach genauer Untersuchung der Kissen und Bettdecken, welche
einige Minuten dauerte, sprang er mit freudigem Lachen auf das weiche
Lager, rollte sich wie ein Hund zusammen und war bald in tiefen Schlaf
versunken.
In der Dämmerung des Morgens brach der Wilde wieder auf und nahm
Abschied von der gastlichen Hütte. So oft er nachmals das Jagdrevier
in der Nachbarschaft der Wittwe betrat, konnte diese mit Gewißheit auf
einen Besuch von ihm rechnen. Die Kinder, welche sich nicht länger
vor seinem geschwärzten Gesicht und seinen kriegerischen Waffen
fürchteten, drängten sich dann um ihn her, setzten sich auf seine Knie,
bewunderten seine mit Federn geschmückte Pulver-Tasche, und betasteten
die schön gestickte Scheide, welche sein Jagdmesser enthielt, oder die
sauber gewirkten Mocassins und Bein-Bekleidung, während er den kleinen
Dingern den Kopf streichelte und seine Liebkosungen zwischen ihnen und
seinen Jagdhunden theilte.
So lautet die Geschichte, welche mir ein junger Missionär erzählte.
Ich habe dieselbe mitgetheilt, weil sie mir als Charakterschilderung
eines Häuptlings dieses merkwürdigen Völkerstammes nicht uninteressant
schien. _Chiboya_ (so hieß der eben erwähnte Wilde) war einer der
Chippewas vom Reis-See, deren Mehrzahl gegenwärtig zum Christenthum
bekehrt ist und in der Gesittung und Ackerbaukunde beträchtliche
Fortschritte macht. Jagd und Fischerei scheinen indeß ihre
Lieblingsbeschäftigungen zu sein; diesen nachzuhängen, verlassen sie
die bequemen Häuser der Indianer-Dörfer und kehren zu bestimmten Zeiten
im Jahre nach ihren Jagdrevieren im Walde zurück. Irr' ich nicht, so
ist man allgemein der Meinung, daß ihre Zahl abnimmt, und einige Stämme
in Canada sind ziemlich, wo nicht ganz und gar, ausgetilgt[44]. Die
Rasse verschwindet langsam von der Erde oder vermischt sich allmälig
mit den Colonisten, und vielleicht dürften nach Verlauf einiger
Jahrhunderte kaum noch ihre Namen bekannt sein, um von ihrer ehemaligen
Existenz Zeugniß zu geben.
Wenn Sie das nächste Mal ein Kistchen oder Päckchen senden, so fügen
Sie doch gefälligst einige gute Gesangbücher bei, denn ein solches
Geschenk ist den bekehrten Indianern besonders willkommen. Ich lege
das religiöse Lied bei, welches sie uns an jenem Abend in dem Wigwam
sangen; es ist die indianische Uebersetzung und von dem ältesten Sohn
des Jägers _Peter_ geschrieben; er war sehr erfreut, als ich ihm sagte,
daß ich es von ihm copirt zu erhalten wünschte, weil ich es über Meer
in mein Vaterland zu senden gesonnen sei, um den Engländern zu zeigen,
wie gut die Indianer schreiben können.
Der Krüpel _Maquin_ hat mir ein Miniatur-Canoe von Birken-Rinde
gemacht, welches ich ebenfalls als eine Merkwürdigkeit und ein kleines
Andenken für Sie beifüge. Die rothen und schwarzen Kaninchen-Felle
sind für _Hannchen_; die Feder-Fächer und Feder-Tapeten für _Sarah_.
Sagen Sie letztrer, daß ich meiner nächsten Sendung einige Exemplare
unsers schönen Roth-Vogels zum Ausstopfen für sie beifügen werde;
es ist jedenfalls die virginische Nachtigall; er langt im Mai oder
April an und verläßt uns spät im Sommer; er gleicht ganz genau einer
ausgestopften virginischen Nachtigall, die ich in einer schönen
Sammlung von amerikanischen Vögeln gesehen habe[45].
Der blaue Vogel ist nicht weniger hübsch und lieblich, und wandert
ziemlich zu derselben Zeit; sein Gefieder ist himmelblau; allein
ich habe noch nie einen außer im Fluge gesehn, daher ich ihn nicht
beschreiben kann[46].
Die Kreuzschnäbel sind allerliebste Thierchen; Männchen und Weibchen
sind in Farbe ganz verschieden von einander, ersteres zeigt ein
angenehmes Gemisch von Scharlachroth und Orangengelb, welches, auf der
Brust in Olivengrün und Braun verläuft; letzteres gleicht mehr unsrer
Goldammer, nur daß seine Farben nicht so glänzend sind, und überdies
ist es weit sanfter und sieht unschuldiger und harmloser aus; sie
kommen im Winter eben so traulich und furchtlos, wie die Rothkehlchen
in der Heimath, an unsre Fenster und Thüren.
Bei Annäherung der strengen Jahreszeit ziehen die meisten unsrer
Vögel fort; selbst das hohltönende Gehämmer des rothköpfigen und des
kleinen grau und weißgefleckten Baumhackers wird nicht mehr vernommen.
Das scharfe Geschrei des Eichhörnchens ertönt seltner; und Stille,
unheimliche und ununterbrochne Stille herrschen im Herzen des Winters.
Beinahe hätte ich meine kleinen Lieblinge vergessen, eine Meisen-Art,
die uns nie ganz verläßt. An hellen warmen sonnigen Tagen sehen wir
ganze Flüge dieser zarten Vögel sich auf den gefiederten Zweigen der
Schierlings-Tannen oder strauchigen Fichten auf den Ebnen oder im
Walde schaukeln; und oft bin ich auf meinem Wege stehen geblieben, um
ihren muntern Scherzen zuzuschauen und ihrem fröhlichen Gezwitscher zu
lauschen. Ich bin nicht ganz gewiß, glaube aber, daß dies der nämliche
kleine Vogel ist, welchen die Eingebornen _Thit-a-be-bee_ nennen; sein
Gesang, obwohl schwach, und ziemlich einförmig, ist nicht unangenehm;
und wir schätzen ihn um so mehr, da er fast der einzige Vogel ist, der
während des Winters singt.
[Illustration: _Der rothe Sommer-Vogel._]
[Illustration: _Der blaue Vogel._]
Ich hatte viel von der Schnee-Ammer gehört, aber niemals eine gesehen,
außer vor Kurzem, und dann nicht nahe genug, um ihre Form und Farbe
genau zu unterscheiden. Es war ein ungewöhnlich heitrer Tag, der Himmel
wolkenlos, und die Luft fast warm, als mich bei einem Blick nach den
See die Erscheinung einer Fichte hart am Ufer überraschte; der Baum
schien gleichsam mit silbernen Sternen bedeckt, die gegen den blauen
Himmel glänzten. Dieses mir neue Schauspiel erfüllte mich mit so großer
Freude, daß ich hinaus lief, um die Sache näher ins Auge zu fassen;
aber wer schildert mein Erstaunen! als meine Sterne sämtlich nach einem
andern Baume flogen, wo sie durch das beständige Flattern und Wedeln
ihrer kleinen weißen Fittige gegen das Sonnenlicht jene schöne Wirkung
hervorbrachten, die zuerst meine Aufmerksamkeit erregt hatte; bald
waren sämmtliche Fichten von diesen lieblichen Geschöpfen gleichsam
erleuchtet. Gegen Mittag zogen sie wieder fort und ich habe sie seitdem
nur ein einziges Mal gesehn. Sie setzen sich nie auf die Erde oder
einen niedrigen Baum oder Ast, daher ich sie nicht näher beobachten
konnte.
Von unsern Singvögeln sind das Rothkehlchen, die Amsel und ein
kleines niedliches Vögelchen, das unserm gemeinen Zaunkönig gleicht,
diejenigen, womit ich am bekanntesten bin. Das canadische Rothkehlchen
ist um Vieles größer als unser heimathliches Rothkehlchen, es ist
ein zu grober und großer Vogel, um unserm kleinen Liebling, »dem
Hausvogel mit dem rothen Brustlatz,« wie ihn Bischof _Carey_ in einem
an _Elisabeth_, Tochter _Jakob's ^I.^_, bei ihrer Hochzeit mit dem
unglücklichen Pfalzgrafen _Friedrich_, gerichteten Sonnet nennt, zu
gleichen.
Der Gesang des canadischen Rothkehlchens ist keineswegs zu verachten;
seine Töne sind klar, angenehm und mannigfaltig; er besitzt denselben
muntern lebhaften Charakter, wodurch sich der seines Namensverwandten
auszeichnet; aber in ihren allgemeinen Gewohnheiten weichen beide Vögel
sehr von einander ab. Das canadische Rothkehlchen zeigt sich weniger
zutraulich gegen den Menschen, dagegen ist es mit seines Gleichen
befreundeter; die Thierchen versammeln sich bald nach der Brüte-Zeit
in ganzen Heerden und scheinen sehr gesellig und vertraulich unter
einander; aber sie nähern sich selten oder niemals unsern Wohnungen.
Die Brust des Vogels ist hellroth, der Kopf schwarz; der Rücken, so zu
sagen, stahlblau oder schieferfarben; in Größe gleicht er einer Drossel.
Die Amsel ist vielleicht unser bester Sänger, wenigstens meinem
Geschmack nach; ihr Gesang giebt dem unsrer englischen Amsel nichts
nach, dabei ist der Vogel selbst weit schöner von Gefieder, welches
glänzend, schillernd und grünlich schwarz ist. Der obere Flügeltheil
der ausgewachsenen männlichen Amsel ist lebhaft orangefarben; bei den
jüngern Vögeln und beim Weibchen, welches leicht gefleckt ist, bemerkt
man nichts davon.