wenn sie Bewohner der Urwälder von Canada werden, ihren alten
Aberglauben bei Seite zu setzen. Ich hörte einen Freund, als die Rede
von dem Mangel an romantischem Interesse in diesem Lande war, ausrufen:
»Es ist unpoetischer als alle andere Länder, die Einbildungskraft
findet keinen Anhaltepunkt, kein Ziel! -- Hier ist alles neu -- der
Boden selbst scheint neuerdings gebildet zu sein; in diesen Wäldern
herrscht keine große alterthümliche Erhabenheit, hier giebt es keine
mit dem Lande verknüpfte Erinnerungen ehemaliger Thaten. Die einzigen
Wesen, an welchen ich eignes Interesse nehme, sind die Indianer, allein
es fehlt ihnen an dem kriegerischen Charakter, an jener Einsicht, in
deren Besitz ich sie mir gedacht hatte.«
Dies war die Klage eines Dichters. Nun besteht aber die Volksklasse,
für welche dieses Land in hohem Grade paßt, aus unbelesenen
betriebsamen Arbeitern und Handwerkern. Sie fühlen kein Bedauern,
daß das Land, welches sie bearbeiten, nicht durch die Feder eines
Geschichtsschreibers oder den Gesang eines Dichters gepriesen worden
ist. Die Erde giebt ihnen ihre Erzeugnisse eben so freigebig, als wenn
sie durch das Blut von Heroen gedüngt worden wäre. Sie würden sich
durch kein Gefühl von Ehrfurcht bestimmen lassen, die altersgraue Eiche
zu schonen, und sie aus keiner andern Rücksicht als ihres Holzes wegen
achten. Sie haben keine Zeit, selbst wenn sie Geschmack dazu hätten,
sich nach den Schönheiten der Natur umzusehen, allein ihre Unwissenheit
ist Segen.
Ueberhaupt sind dies eingebildete Uebel und können schwerlich als ein
Grund zum Mißfallen in dem Lande gelten, und unter Leuten gewöhnlichen
Schlages erregen sie wenig Sympathie, wiewohl sie jedenfalls für
die Gebildeten und nach geistigen Genüssen verlangenden Glieder der
Gesellschaft nicht ohne Gewicht sind; denn diese müssen natürlicher
Weise trauern, wenn Geschmack, Gelehrsamkeit und Genius aus ihrer
Sphäre gerückt werden.
Was mich anlangt, wiewohl ich leicht in die Gefühle des Dichters und
des enthusiastischen Liebhabers wilder und wundervoller Sagen und
Mährchen eingehen kann, so sehe ich doch schon, daß ich in diesem Lande
recht glücklich und zufrieden sein werde. Bietet auch jetzt der für
seine Geschichte bestimmte Band nur leere Seiten dar, so liegt doch
das Buch der Natur offen da und zeigt beredtsam für das Wirken des
mächtigen Schöpfers, und ich kann, wenn ich an den Ufern der Seen und
Flüsse oder durch die Wälder wandre, aus ihm tausend Freuden und stets
neuen Stoff zur Unterhaltung und Belehrung schöpfen.
Doch ich muß Ihnen jetzt etwas von unsrer Zucker-Fabrikation sagen,
woran ich thätigen Antheil nehme. Unsre Versuche waren auf einen
geringen Maßstab beschränkt, da wir blos einen Kessel und zwei eiserne
Dreifüße hatten; indeß reichten sie hin, um uns in die Kunst und das
Geheimniß, betreffend die Einsiedung des Ahorn-Saftes zu Molasse, und
die endliche Verwandlung der letztern in Zucker einzuweihen.
Die erste hierzu erforderliche Arbeit ist das Anzapfen des Ahorns und
die Auffangung des aus der Wunde hervorfließenden Saftes in kleinen
rohen Trögen, die in weiter nichts als mit der Art ausgehöhlten
Fichten-Scheitchen bestehen. Um den Baum anzuzapfen, macht man einen
Einschnitt in die Rinde oder bohrt mit einem Bohrer ein Loch hinein;
ersteres ist das leichtere und üblichere Verfahren. Ein leicht
ausgehöhltes Stück Ceder- oder Hollunder-Holz wird dann mit dem
freien Ende etwas abwärts geneigt, in die Oeffnung gesteckt und in den
Trog gerichtet, so daß der Saft durch dasselbe in letztern fließt.
Bisweilen habe ich einen blosen flachen Span als Leiter des Saftes
dienen sehen. Wie Sie sich wohl denken können, verfuhren wir ganz nach
der Regel. Nach einer frostigen Nacht, worauf ein heller warmer Tag
folgt, fließt der Saft ziemlich frei und reichlich; man muß ihn während
des Tages in einem Fäßchen oder Troge sammeln, und diese Gefäße müssen
hinreichend geräumig sein, um alles zu fassen, was am Abend desselben
Tages gesotten werden kann; man darf den aufgefangnen Saft nicht über
vierundzwanzig Stunden stehen lassen, weil er andernfalls in Gährung
übergeht und dann nicht mehr zur Zuckerbildung taugt.
Mein Gatte begann mit Beihülfe eines irischen Knaben in der letzten
März-Woche den Saft zu sammeln. Eine Stange wurde über zwei in die Erde
befestigte Holzgabeln gelegt, welche stark genug waren, das Gewicht des
schweren Kessels zu tragen. Die Arbeit während des Tages bestand in
Entleerung der Tröge und Fällung von Brennholz. Des Abends wurde das
Feuer angeschürt, und das Sieden oder Kochen des Saftes nahm seinen
Anfang.
Es war ein recht erfreulicher und malerischer Anblick, die Zuckersieder
bei ihrem helllodernden Feuer, zwischen den Bäumen, zu sehen, wie sie
bald den brennenden Holzstoß anfachten, bald den Saft in den Kessel
entleerten und mit einem gewaltigen Löffel umrührten. Als das Feuer
recht lustig brannte, fing der Saft im Kessel an zu kochen und zu
schäumen, und es mußte von Zeit zu Zeit frischer Saft nachgegossen
werden, um sein Ueberlaufen zu verhindern.
Sobald sich der Saft zu Molasse eindickt, wird er zur Vollendung in
den Zuckerkessel gebracht. Der Proceß ist einfach; er fordert blos
aufmerksames Abschäumen und Verhinderung des Ueberlaufens der Masse,
bis sie den zur Zuckerbereitung erforderlichen Grad erreicht hat,
was man erkennt, indem man etwas davon in kaltes Wasser tropfen läßt.
Hat sie ziemlich die erwünschte Consistenz erlangt, so füllt sich
der Kessel oder Topf mit gelbem Schaume, bildet Gruben und vom Boden
aufsteigende Blasen. Letztre platzen mit Entleerung von Dampf, ist die
Molasse so weit gediehen, so kann sie bald in Zucker verwandelt werden.
Diejenigen, welche mit großem Fleiße die Flüssigkeit vom Schaume frei
erhalten und den zur Verwandlung der Molasse in Zucker erforderlichen
Grad genau kennen, liefern einen Artikel, welcher der Muscovade nicht
nachsteht[37].
Gewöhnlich sieht man den Ahorn-Zucker in großen Broden oder Kuchen, so
dicht und derb wie Wachsscheiben, und ohne Spur von Krystallisation;
allein am besten nimmt er sich aus, wenn er grobkörnig und glänzend
ist, er bricht dann in rauhen ungleichen Massen, wie Zuckerkant.
Zum Gebrauch im Thee wird er geraspelt oder mit einem Messer klar
geschabt, weil er sich anders zu langsam auflößt.
Ich beaufsichtigte den letzten Theil des Vorganges, nämlich das
Einkochen der Molasse zu Zucker; und ich muß sagen, daß mir diese
Arbeit, als ein erster Versuch, ohne einen erfahrnen Rathgeber zur
Seite und ohne alle Anweisung, außer der, welche S-- mir ertheilt
hatte, ziemlich gut gelang; ich erhielt einen Zucker von funkelndem
Korn und guter Farbe. Außer dem Zucker, bereitete ich drei Galonen
Molasse, die uns sehr zu statten kam, und eine angenehme Ingredienz in
Kuchen so wie eine treffliche Sauce an Puddings bildet.
Die Yankies bedienen sich, wie man mir sagt, der Molasse zum Einmachen
von Früchten; und ihre Fruchtgelées sollen vortrefflich sein. Die aus
Ahorn-Saft bereitete Molasse soll in Farbe, Geschmack und Consistenz
von der westindischen sehr abweichen.
Außer Zucker und Molasse fabricirten wir ein Fäschen Essig, der
ziemlich gut auszufallen verspricht. Zu diesem Behuf kochten wir fünf
volle Eimer Ahorn-Saft bis auf zwei ein und versetzten den Rückstand,
nachdem er im Fasse war, durch Hefen in Gährung; stellten dann das
Ganze in die Nähe des Feuers und ließen es diesem, in Vorzug vor der
Sonnen-Hitze, ausgesetzt.
Was die Bereitung des Ahorn-Zuckers im Allgemeinen betrifft, so hängt
es von Umständen ab, ob sie für den Ansiedler (Landmann) vortheilhaft
ist oder nicht. Muß er Hände zu dieser Arbeit miethen, und sind die
Arbeitslöhne hoch, so ist es keines Falls rathsam, ihn selbst zu
fabriciren außer im Großen. Ein Umstand zu Gunsten der Fabrikation im
Hause ist, daß die Zucker-Zeit zu einer Periode ihren Anfang nimmt, wo
sich im Freien, den Holzschlag ausgenommen, nicht viel thun läßt, da
noch zu viel Frost im Boden ist, um die Aufnahme der Saat zu gestatten;
daher ist die Zeit weniger kostbar als im Spät-Frühjahr.
Bei einer zahlreichen Familie, und wenn es auf dem Grundstück nicht
an Ahornbäumen mangelt, ist die Fabrikation von Zucker und Molasse
entschieden vortheilhaft und gewinnbringend; da man die jüngern Kinder
zur Ausleerung der Tröge und Zutragung von Brennholz brauchen kann,
während die ältern und stärkeren die Kessel besorgen und das Feuer, so
lange der Proceß dauert, unterhalten, und Frau und Töchter das Uebrige
im Hause vollenden können.
Ahorn-Zucker wird das Pfund mit vier bis sechs Pence, und bisweilen
darüber, bezahlt. Anfangs wollte mir der Beigeschmack, den er dem Thee
giebt, nicht recht zusagen, aber nach Verlauf einiger Zeit mundete er
mir so gut, daß ich ihn bald dem Rohrzucker (Muscovade) vorzog; in
Kuchen, Confituren und dergleichen finde ich ihn köstlich. Ich werde
Ihnen bei nächster Gelegenheit ein Pröbchen davon schicken, damit Sie
selbst über seine Trefflichkeit urtheilen können.
Das Wetter ist jetzt sehr warm -- drückend warm. Wir können die Hitze
des Kochofens in der Küche kaum aushalten. Im Wohnzimmer brauchen wir
fast gar kein Feuer, da ich gern an der offnen Thür sitze, und das
See-Lüftchen genieße. Die Insekten fangen bereits an lästig zu werden,
vorzüglich die schwarzen Fliegen, -- ein abscheulicher Plaggeist, mit
schwarzem Leibe und weißen Beinen und Flügeln; man fühlt in den ersten
Minuten ihren Stich nicht, jedoch giebt er sich durch das aus der Wunde
fließende Blut kund; nach einigen Stunden schwillt die verletzte Stelle
an und wird äußerst schmerzhaft.
Diese Fliegen (^beasties^) beißen vorzüglich gern in die Seiten des
Halses, in die Ohren und Wangen; und bei mir hielt die Geschwulst
mehre Tage an. Die Musquitos sind ebenfalls unerträglich, und noch
unangenehmer ist mir das Geräusch, welches sie machen, als ihr Stich.
Um sie vom Eindringen in das Haus abzuhalten, zünden wir kleine
Häufchen feuchter Holzschnitzel an, deren Rauch sie vertreibt; indeß
ist dieses Mittel nicht so recht wirksam und an sich selbst lästig und
unangenehm.
Jetzt ist die Zeit zum Fischfang. Unsre Seen enthalten den Masquinongé,
Lachs-Forellen, Weiß-Fische und manche andre. In dunkeln Nächten sehen
wir oft von unsrer Thüre aus die erleuchteten Nachen der Fischer auf
ihrem Hin- und Her-Wege vorbeifahren. S-- gilt als ein geschickter
Speermann und nimmt so fleißig Theil an diesen Expeditionen, daß er
selten eine günstige Nacht verfehlt. Je dunkler und stiller die Nacht
ist, desto besser eignet sie sich zum Fischfang.
Es ist ein recht hübscher Anblick, die niedlichen Barken sich langsam
aus einer kleinen Bucht der mit dunkeln Fichten bekleideten Ufer
hervorstehlen und zwischen den Inseln auf den Seen manövriren zu sehen;
man erkennt sie trotz der Finsterniß sehr leicht an dem hellen Schein,
welchen der Jack -- eine Art eiserner Korb, der an eine lange Stange am
Bug des Schiffleins oder Canoes befestigt ist, über die Wasserfläche
wirft. Dieser Drahtkorb ist mit einer sehr brennbaren Substanz,
Kien-Holz, (^fat-pine^) genannt, welche mit heller und starklodernder
Flamme brennt, oder auch mit zusammengerollter Birken-Rinde, ebenfalls
ein sehr entzündbares Material, gefüllt.
Das Licht von oben macht die Gegenstände unter der Wasserfläche
deutlich sichtbar. Einer von den Fischern steht in der Mitte der Barke,
mit seiner Harpune -- einer Art eisernem Dreizack -- bereit, den Fisch,
welchen er in dem stillen Wasser unter seinen Augen vorbeigleiten
sieht, zu durchbohren, während ein andrer mit der Ruderschaufel das
Fahrzeug behutsam vorwärts steuert. Diese Jagd erfordert ein scharfes
Auge, eine feste Hand und große Vorsicht von Seiten derer, die ihr
nachhängen.
Mir macht es großes Vergnügen, diese Fischer-Nachen mit ihrem lodernden
Feuer so still die ruhige Wasserfläche durchschneiden zu sehen,
welche auf mehre Schritte im Umkreise von einem hellen Lichtschimmer
erleuchtet ist, der die Figur des in der Mitte des Bootes stehenden,
bald nach der einen, bald nach der andern Seite blickenden und seine
Waffe zum Stoß bereit haltenden Speermanns deutlich unterscheiden läßt.
Zeigen sich vier oder fünf dieser erleuchteten Fahrzeuge zu gleicher
Zeit auf dem Wasser, so ist die Wirkung überraschend und prächtig.
Die Indianer sind in dieser Art Fischerei sehr geübt und erfahren; die
Squaws rudern ihre Nachen mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit.
Außerdem giebt es noch ein andres Verfahren zu demselben Behuf, worin
diese Leute sich ebenfalls auszeichnen: ich meine das Fischen auf dem
Eise, wenn die Seen zugefroren sind -- ein Geschäft, welches viel
Geduld erheischt.
Der Indianer, mit einem Tomahawk zur Oeffnung des Eises, einem Speer,
einem Betttuch oder Hemde und einem Lockfisch von Holz versehen,
begiebt sich an den ausersehnen Ort. Hat er ein Loch in das Eis
gehauen, so legt er sich auf Hände und Knie nieder und wirft sein
Betttuch über sich, um sowohl das Wasser zu verdunkeln als sich selbst
zu verbergen; in dieser Lage verharrt er stundenlang, geduldig das
Herannahen seiner Beute abwartend, die er, sobald sie im Bereich seiner
Lanze erscheint, mit bewundernswürdiger Sicherheit durchbohrt.
Der auf die eben geschilderte Weise gefangene Masquinongé ist in
Geschmack denjenigen überlegen, die später im Jahre gefangen werden,
daher man ihn den Indianern gern abkauft, welche sich mit einer
geringen Belohnung begnügen. Ich gab ein kleines Brod für einen Fisch,
der achtzehn bis zwanzig Pfund wog. Der Masquinongé ist allem Anschein
nach eine große Hecht-Art und besitzt die räuberischen Eigenschaften
dieses Fisches.
Einer der schmalen Seen des Otanabee heißt der Forellen-See, wegen der
großen Menge von Lax-Forellen, die darin hausen. Der Weiß-Fisch kommt
ebenfalls in diesen Gewässern vor und ist äußerst köstlich. Die großen
Fisch-Arten werden meistentheils mit der Lanze erlegt, nur wenige Leute
in diesem Lande, wo es alle Hände voll zu thun giebt, haben Zeit zum
Fischfang mit der Angel.
Sobald das Eis aufgeht, werden unsre Seen von zahllosen Flügen
wilder Vögel besucht; einige Enten-Arten zeichnen sich durch ihr
prächtiges Gefieder aus und sind von trefflichem Geschmack. Ich sehe
diesen hübschen Thieren mit Vergnügen zu, wenn sie ruhig auf dem
Wasser hinschwimmen, dann plötzlich auffliegen und längs dem Rande
des mit Fichten gefranzten Ufers hinstreichen und sich dann wieder
niederlassen, wie eine kleine vor Anker gehende Flotte. Bisweilen sieht
man eine alte Ente ihre kleine Brut durch Schilf und Binsen führen; die
unschuldigen weichen kleinen Dingerchen nehmen sich, wenn sie so um
ihre Mutter herum segeln, ganz allerliebst aus, aber beim geringsten
Anschein von Gefahr tauchen sie sogleich unter und verschwinden. Die
Frösche sind große Feinde der jungen Brut; desgleichen wird dieselbe
häufig dem Masquinongé und, wie ich glaube, auch andern großen Fischen,
wovon diese Gewässer wimmeln, zur Beute.
Die Enten sind während der ersten Hälfte des Sommers äußerst
wohlbeleibt, sie gehen zu dieser Zeit in ungeheuren Schaaren auf die
grünen Reisfelder und werden von den noch grünen Pflanzen, die sie
gierig verschlingen sehr fett.
Die Indianer sind im Entenschießen sehr glücklich, sie füllen ein Canoe
mit grünen Reisern, so daß es einer Art schwimmender Insel gleicht;
unter dieser Reiser-Decke liegen sie verborgen und können vermöge
dieser List weit näher an die scheuen Vögel herankommen, als dies
andern Falls geschehen würde. Unsre Jäger machen ebenfalls häufig, und
mit großem Erfolg, von diesem Verfahren Gebrauch.
Eine Indianer-Familie hat ihre Zelte ganz in unsrer Nähe aufgeschlagen.
Auf einer der Inseln in unserm See können wir den dünnen bläulichen
Rauch ihrer Holz-Feuer aus unsern Vorderfenster zwischen den Bäumen
aufsteigen und sich in leichten Windungen über das Wasser kräuseln
sehen.
Die Squaws haben mich mehre Male besucht, bisweilen aus Neugierde,
bisweilen in der Absicht, ihre Körbe, Matten, Enten oder Wildbret,
gegen Schweinfleisch, Mehl, Kartoffeln oder zur Kleidung gehörige
Artikel zu vertauschen. Bisweilen muß ich ihnen den Kessel zum Kochen
borgen, welchen sie mir jedesmal pünktlich zurück geben.
Eines Tages kam eine Indianerin, um ein Waschfaß zu borgen, da ich aber
ihre Sprache nicht verstehe, so konnte ich eine Zeitlang den Gegenstand
ihres Begehrens nicht entdecken; indeß hob sie einen Zipfel ihres
Hemdes auf, deutete auf etwas in der Nähe liegende Seife, begann den
Zipfel mit den Händen zu reiben und ahmte den beim Waschen üblichen
Vorgang nach, dann lachte sie und zeigte auf ein Faß; endlich hob sie
zwei Finger auf, um mir begreiflich zu machen, daß sie es zwei Tage
lang zu behalten wünschte.
Dieses Volk scheint einen sanften und liebenswürdigen Charakter zu
besitzen, und, so weit unsre Erfahrung reicht, ist es ehrlich. Eines
Tages zwar erhielt der alte Jäger _Peter_ etwas Brod von mir, wofür
er ein paar Enten zu bringen versprach; als aber die Zeit der Zahlung
kam, und ich meine Enten verlangte, machte er ein betrübtes Gesicht und
antwortete mit charakteristischer Kürze: »Keine Ente -- Chippewa (damit
meinte er S--, denn diesen Namen haben sie ihm aus Zuneigung gegeben,)
mit dem Canoe hinauf gegangen -- kein Canoe -- Ente mit der Zeit (^by
and by^);« ^by and by^ (mit der Zeit) ist ein Lieblings-Ausdruck der
Indianer, womit sie eine unbestimmte Zeit bezeichnen, sie bedeutet eben
so gut Morgen oder eine Woche, einen Monat, ein Jahr und darüber. Ein
directes Versprechen geben sie selten.
Da es nicht klug ist, sich betrügen zu lassen, wenn man es vermeiden
kann, wieß ich kalt jede fernere Aufforderung zum Tauschhandel mit den
Indianern ab, bis meine Enten erschienen sein würden.
Einige Zeit darauf erhielt ich eine Ente durch einen Indianer Namens
_Maquin_, eine Art Galgen-Vogel; dieser Bursche ist ein bucklicher
Zwerg, sehr verschmitzt und ein wahrer kleiner Teufelsjunge; es scheint
ihm großes Vergnügen zu machen die braunen kleinen Kinder in dem
Wigwam zu necken oder die geduldigen Jagdhunde zu quälen. Er spricht
das Englische sehr geläufig und schreibt als ein Indianer-Knabe
ziemlich gut; er begleitet gewöhnlich die Weiber bei ihren Besuchen,
dient ihnen als Dollmetscher, und lächelt mit boshafter Freude zu dem
schlechten Englisch seiner Mutter und meiner Verlegenheit, wenn ich
ihre Zeichen nicht recht verstehe. Trotz seiner äußersten Häßlichkeit
schien er mir einen guten Theil Eitelkeit zu besitzen, indem er sein
Gesicht mit großer Selbstzufriedenheit im Spiegel betrachtete. Als ich
nach seinem Namen fragte, antwortete er: »Indianischer Name _Maquin_,
aber englischer Name _Mister Walker_, sehr guter Mann;« dies war die
Person, nach welcher man ihn getauft hatte.
Diese Indianer sind in ihrer Beobachtung des Sabaths sehr gewissenhaft
und zeigen ein großes Widerstreben, an diesem Tage sich in irgend einen
Handel einzulassen oder ihren gewöhnlichen Geschäften, der Jagd oder
dem Fischfang nachzugehen.
Die jungen Indianer sind sehr geschickt im Gebrauch eines langen Bogens
mit hölzernen Pfeilen, die ziemlich schwer und an der Spitze stumpf
sind. _Maquin_ sagte mir, er könne Enten und kleine Vögel mit seinen
Pfeilen schießen; indeß scheinen sie mir wegen ihrer Schwere eben nicht
geeignet, Gegenstände in großer Ferne zu erreichen.
Es ist angenehm, die Indianer Sonntags Abends ihre Hymnen singen zu
hören; ihre reinen weichen Stimmen tönen eindrucksvoll durch die stille
Nachtluft. Ich habe dem kleinen Chor dieser ihren Schöpfer in der
Einfachheit und Inbrunst ihres Herzens preisenden Naturkinder oft mit
Vergnügen gelauscht, und ich fühlte einen heimlichen Vorwurf, indem ich
die armen halb civilisirten Wandrer allein sich versammeln sah, um das
Lob des Allmächtigen in der Wildniß zu verkünden.
Die einfache Frömmigkeit der Frau unsers Freundes des Jägers _Peter_,
einer stämmigen, schwarzbraunen Matrone von höchst liebenswürdigem
Ausdruck gefiel mir ausnehmend. Wir tranken eben unsern Thee, als
sie leise die Thür öffnete und hereinschaute; ein ermuthigendes
Lächeln bestimmte sie zum Eintritt, worauf sie eine braune Papouse
(indianischer Name für Säugling oder kleines Kind) auf den Fußboden
niederlegte und mit Neugierde und Entzücken in ihren Augen um sich
blickte. Wir boten ihr etwas Thee und Brod an und winkten ihr, einen
leeren Sitz neben dem Tische einzunehmen. Die Einladung schien ihr
zu gefallen; sie nahm ihr Kleines auf den Schooß, goß etwas Thee
in die Untertasse und gab dem Kinde zu trinken. Sie aß sehr mäßig,
stand, als sie fertig war, auf, hüllte ihr Gesicht in die Falten ihres
Umschlagetuchs, senkte ihr Haupt auf die Brust und betete. Dieser
kleine Act von Frömmigkeit verrieth keine Spur von Scheinheiligkeit
oder Heuchelei sondern sprach ganz für herzliche Einfalt und
Aufrichtigkeit. Hierauf dankte sie uns mit freudestrahlendem Gesicht
und froher Laune, nahm ihre kleine _Rachel_ in die Höhe und warf sie
über die Schultern, mit einem Schwunge, der mich fürchten machte, daß
die Arme des kleinen zarten Dinges dadurch ausgerenkt werden könnten,
allein die Papouse schien mit dieser Behandlungsweise vollkommen
zufrieden zu sein.
Bei langen Wanderungen werden die kleinen Kinder aufrecht in tiefe
Körbe von eigenthümlicher Form gesteckt, und die Körbe durch Rieme
von Rehleder um den Nacken der Mutter befestigt; aber der Säugling
wird in eine Art flache, und, um das Herausfallen des zarten Inhalts
zu verhindern, mit biegsamen Reifen oder Baststrängen umwundne Wiege
gepackt. In dieser Maschine steckt er so fest, daß er kein Glied rühren
kann. Die äußere Decke oder Umhüllung und die Binden, welche die
Papouse einengen, sind mannigfaltig aufgeputzt.
[Illustration: Papousen.]
An diese eigenthümliche Wiege ist eine Schlinge oder ein Henkel
befestigt, der um den Hals der Mutter geht; der Rücken des Kindes kommt
auf den Rücken der Mutter zu ruhen, und das Gesicht ist nach außen
gekehrt. Das erste, was eine Squaw thut, wenn sie in ein Haus eintritt,
ist, daß sie sich von ihrer Bürde befreit und dieselbe an eine Wand,
einen Stuhl, Kasten, oder jeden Gegenstand lehnt, der als Stütze dienen
kann; und hier steht der passive Gefangene, einer Mumie in ihrem
seltsamen Gehäuse nicht unähnlich. Ich habe das Bild der Jungfrau mit
dem Jesuskinde in einigen alten illuminirten Meßbüchern gesehen, wo
letztres gerade wie eine Papouse in ihren Wickeltüchern und Bändern
aussah.
Die Squaws zeigen sich gegen ihre Kleinen sehr zärtlich. Sanftmuth
und gute Laune scheinen die vorstechenden Züge in dem Charakter der
Indianerinnen zu sein, ob ihnen dieselben angeboren und mit dem
wilden Zustande gepaart oder durch die mildernden und sänftigenden
Wirkungen des Christenthums erzeugt und erworben sind, kann ich
nicht sagen. Gewiß erscheint in keinem Fall die christliche Religion
liebenswürdiger, als wenn sie sich, unbefleckt durch den Zweifel und
Unglauben moderner Sceptiker, in der Handlungsweise der bekehrten
Indianer entfaltet; sie zerbricht die Fesseln des Heidenthums, verbannt
das Böse und verbreitet die Früchte der Heiligkeit und Moralität. Die
rohen Naturmenschen nehmen die Wahrheiten des Evangeliums wie Kinder
mit unverdorbnem Herzen und ungeschwächtem Glauben an.
Die Squaws zeigen in manchen ihrer Handarbeiten großen Erfindungsgeist.
Ihre Birkenrinden-Körbe entsprechen vielen Zwecken auf das
vollkommenste. Mein Brodkorb, Messer-Behälter, Zuckerkorb bestehen
sämmtlich aus diesem schlichten Material. Verzierte und mit gefärbten
Federspuhlen gemusterte Körbe dieser Art sind, Sie können mir glauben,
keineswegs unelegant. Die Squaws verfertigen allerlei Gefäße aus
Birkenrinde so gut, daß man sie auf mancherlei Weise brauchen kann,
z. B. zur Aufnahme von Wasser, Milch, Fleischbrühe und jeder andern
Flüssigkeit; sie werden mit den zähen Wurzeln des Tamarak- oder
Lärchenbaums, oder auch mit Ceder-Bast-Streifen zusammengenäht oder
vielmehr gestrickt.