Der Capitain blickte sie mit Verwunderung an, »Sich erniedrigen! Auf

welche Weise Madam? Mein Sohn schwört nicht, trinkt keinen Branntwein,

und sagt keine Lügen.«

»Allein Sie lassen ihn Arbeiten der niedrigsten Art verrichten. Um was

ist er jetzt besser als ein gemeiner Zimmermann; und ich glaube, daß

sie ihn auch Holz fällen lassen?«

»Allerdings,« war die Antwort, »das Holz dort auf dem Wagen hat er seit

gestern, nach Beendigung seiner Lehrstunden, alles selbst gefällt.«

»Lieber wollte ich meine Jungen todt sehen, ehe ich ihnen gleich

gemeinen Arbeitern die Axt zu führen verstattete.«

»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« sagte der Capitain, »wie weit

schlechter würde mein Sohn beschäftigt sein, wenn er sich mit böser

Gesellschaft auf der Straße umher triebe.«

»Sie müssen doch zugeben, daß sich dieses Land nicht zum Aufenthalt für

Gentlemen und Damen eignet,« bemerkte die Lady.

»Es ist ein Land,« erwiederte der Capitain etwas derb, »worin

Gentlemen, die nicht arbeiten mögen und die doch nicht außer demselben

leben können, verhungern müssen, und aus diesem Grunde gewöhne ich

meine Söhne frühzeitig an eine stete und nützliche Thätigkeit.«

»Meine Söhne sollen nie wie gemeine Handwerker arbeiten,« erwiederte

die Dame mit Unwillen.

»In diesem Fall Madam, werden sie als Ansiedler zu nichts taugen;

und es ist nur zu bedauern, daß Sie dieselben über den Ocean hierher

gebracht haben.«

»Wir waren dazu gezwungen, wir konnten nicht mehr auf dem Fuße leben,

wie wir gewohnt waren, andernfalls würde ich nie in dieses abscheuliche

Land gekommen sein.«

»Da Sie aber nun einmal hier sind, so werden Sie sehr wohl thun, sich

in die Umstände zu schicken, Canada ist kein Land für müßige Leute,

welche ihre Vermögens-Umstände zu verbessern wünschen. In einigen

Theilen des Landes werden Sie die meisten Nahrungsmittel eben so theuer

finden als in London, die Kleidung noch weit theurer und nicht so gut,

und dabei eben keine sonderliche Auswahl.«

»Nun dann möchte ich doch wissen, wozu Canada gut ist?« war die

ärgerliche Antwort.

»Es ist ein gutes Land für den rechtschaffnen fleißigen Handwerker. Es

ist ein schönes Land für den armen Arbeiter, der nach wenigen Jahren

harter Arbeit sich in seinem eignen Log-Hause niederlassen und sein

Auge auf seinen eignen Grund und Boden schweifen lassen kann, und

seine Kinder für die Zukunft wohl versorgt und unabhängig weiß. Es

ist ein großes wichtiges Land für den reichen Speculanten, der eine

beträchtliche Summe in Ankauf trefflichen ergiebigen Bodens anlegen

kann; denn verfährt er nur einigermaßen klug, so kann er für sein

Geld nach Verlauf einiger Jahre hundert Procent Zinsen gewinnen. Aber

es ist ein böses Land für den armen Gentleman, den seine Lebensweise

und Gewohnheiten untüchtig zur Handarbeit gemacht haben. Er bringt

Gesinnungen mit sich, die nicht zu seiner neuen Lage passen; und

selbst wenn ihn die Noth zur Anstrengung seiner Kräfte treibt, ist

seine Arbeit von geringem Werth. Sein Fortkommen fällt ihm äußerst

schwer. Die nicht zu umgehenden Arbeits-Löhne und Ausgaben für den

erforderlichen Lebensunterhalt sind beträchtlich, und er muß, will

er sich aufrecht und schuldenfrei erhalten, manche Entbehrungen

erdulden. Hat er eine zahlreiche Familie und erzieht er sie auf eine

vernünftige, seinen Umständen angemeßne Weise, das heißt, macht er sie

frühzeitig für das Ansiedlerleben geschickt, so erzeigt er ihnen eine

wahre Wohlthat und wird bald der guten Folgen für sein Grundeigenthum

inne; allein ist er selbst müßig und faul, seine Frau verschwenderisch

und unzufrieden, und lehrt er seine Kinder mit Verachtung auf

anstrengende Arbeit herab zu blicken; so eilt er seinem Verderben

mit Riesenschritten entgegen. Mit einem Wort, das Land ist ein gutes

Land für diejenigen, für welche es paßt; wer sich aber nicht der

Nothwendigkeit fügen, wer keine Entbehrung dulden und nicht arbeiten

will, der thäte besser, er bliebe davon entfernt. Es liegt am Tage, daß

Canada nicht jeder Klasse von Leuten zusagen kann.«

»Nun für mich und meine Familie paßt es durchaus nicht,« erwiederte die

Dame verächtlich.

»Sehr wahr!« lautete die laconische Antwort, und so endete das

Zwiegespräch.

Allein indem ich diese Bemerkungen nieder geschrieben, bin ich

ganz von der Hauptsache abgekommen und habe mein armes Log-Haus in

unvollendetem Zustande gelassen. Endlich wurde mir gesagt, daß es

fertig und bewohnbar sei, und ich sah mich bald mitten in die mit dem

Aus- und Einzuge verbundne Unruhe und Arbeit versetzt. Wir erhielten

allen nöthigen Beistand von S--, der stets bereit und willig ist,

uns zu helfen. Er lachte und nannte unsre kleine Versammlung eine

bewegende _Biene_ (^moving bee^); ich sagte es sei eine feststellende

Biene, (^fixing bee^) und mein Gatte gab ihr den Namen ordnende

Biene (^settling bee^); gewiß waren wir, ehe alles zu Stande kam,

uneingerichtet genug. Welch eine wüste Höhle ist ein kleines Haus oder

überhaupt jedes Haus unter solchen Umständen. Der Begriff von Chaos muß

vom Aus- und Einräumen entlehnt worden sein, denn ich glaube, daß die

Alten so gut hiermit zu thun hatten, als die Neuern.

Von irdnem Geschirr ging mancher werthvolle Artikel auf seiner kurzen

aber holperigen Wanderung durch die Wälder in Stücke. Friede und Ruhe

ihren Manen! Ich hatte eine gute Hülfe an meinem irischen Mädchen, die

bald ein tüchtiges Feuer auf dem neuen Herde anzündete und alles im

Hause ordnete.

Wir fühlen uns jetzt in unsrer neuen Wohnstätte recht behaglich; ich

will Ihnen eine Schilderung von dem kleinen Häuschen geben. Was fertig

da steht, ist blos ein Theil von dem ursprünglichen Plan, das Uebrige

muß im nächsten Frühjahr oder Herbst, wie es die Umstände erlauben,

hinzugefügt werden.

Ein niedliches kleines Wohnstübchen mit Vorrathskammer, Küche, Speise-

und Schlafkammer bilden das Erdgeschoß; dazu kommt ein hübsches obres

Stockwerk, welches drei Schlafgemächer abgeben wird.

»Welche Nußschale,« höre ich Sie im Geiste ausrufen; eine solche ist

es vor der Hand wirklich, allein wir gedenken einen schönen Vorbau

daran zu fügen, und warten hierzu nur auf Breter von der Mühle; dies

wird uns noch eine Stube, einen langen Saal und ein Schlafzimmer

für vorkommende Fälle verschaffen. Die Fenster und Glasthüre unsers

jetzigen Wohnstübchens gewähren eine angenehme Aussicht auf die Seen im

Westen und Süden. Nach Vollendung des Hauses werden wir vorn und nach

der Südseite eine Verandah (Vorhalle) haben, eine angenehme Hinzufügung

für den Sommer, da man sie als eine Art Vorgemach benutzen, darin

speisen und die frische Luft, geschützt gegen die Sonne, genießen kann.

Die Canadier nennen diese Verandahs »_Stoups_,« da sie nur aus Scheiten

oder Bretwerk bestehen, so entbehren nur wenige Häuser derselben.

Die Pfeiler oder Säulen, umwunden von üppigen Hopfen-Ranken, der

Scharlach-Bohne und der Morgen-Glorie[35], nehmen sich sehr hübsch aus.

Gewiß sind diese Stoups eine vorzügliche Zierde, da sie zum großen

Theil die rohen Scheite verbergen und das scheunenartige Aeußre der

Häuser maskiren.

Unser Wohnstübchen wärmt ein hübscher eiserner Ofen mit messingener

Gallerie und einer Schutzplatte. Das Hausgeräth besteht in einem mit

Messingblechen beschlagnen Sopha, das gelegentlich auch als Bett

gebraucht wird, canadischen angestrichnen Stühlen, einem gefleckten

Tisch von Tannenholz, grünen und weißen Vorhängen und einer schönen

indianischen Matte, welche den Fußboden bedeckt. Eine Seite des Zimmers

nehmen unsre Bücher ein. Einige große Landcharten und verschiedne gute

Kupferstiche verstecken so ziemlich die rohen Wände und bilden die

Decoration unsrer kleinen Wohnung. Unser Schlafzimmer ist auf dieselbe

einfache Weise ausmöblirt. Indeß fühlen wir uns gar nicht unbehaglich

in unserm schlichten Häuschen; und wiewohl es keineswegs so beschaffen

ist, um unsern Wünschen vollkommen zu genügen, entspricht es doch unter

den bestehenden Umständen seinem Zwecke.

Ich harre sehnsüchtig dem Frühling entgegen, um vor dem Hause ein

Gärtchen anlegen zu können; denn ich beabsichtige, einige der im

Lande einheimischen Früchte und Blumen darin anzupflanzen, die

meiner Ueberzeugung nach durch Cultur einer beträchtlichen Veredlung

fähig sind. Die auf unsern Triften und gelichteten Waldstellen wild

wachsenden Erdbeeren gehören verschiednen Varietäten an und tragen sehr

reichlich, zum Einmachen eignen sie sich trefflich, und ich gedenke

einige Beete in meinem Garten damit zu bepflanzen. Auf unserm See

befindet sich ein allerliebstes waldiges Inselchen, Erdbeer-Eiland und

ein andres ^Raspberry island^ (Brombeer-Eiland) benamt; sie enthalten

einen Ueberfluß an allerlei Früchten -- wilden Trauben, Brombeeren,

schwarzen und rothen Johannis-Beeren; eine wilde Stachelbeere und

eine schöne kleine rankende Pflanze, welche weiße Blumen trägt, wie

die Brombeere, desgleichen eine dunkel purpurfarbne Frucht, bestehend

aus einigen Samen von angenehmem, lebhaft säuerlichem Geschmack,

der Thaubeere nicht unähnlich, aber nicht ganz so süß. Die Blätter

dieser Pflanze sind glänzend hellgrün und ungefähr wie die Blätter

der Brombeere gestaltet, mit der sie (obgleich nicht so buschig und

dornig) in einiger Hinsicht so große Aehnlichkeit hat, daß ich sie die

_kriechende (rankende Brombeere)_ getauft habe.

Unsre wissenschaftlichen Botaniker dürften mich für sehr keck und

anmaßend halten, daß ich mir die Freiheit nehme, den Blumen und

Sträuchern, auf die ich in diesen Wäldern stoße, Namen beizulegen. Ich

kann blos sagen daß es mich freut, wo möglich die canadischen oder

selbst die indianischen Benennungen zu entdecken, und wo sie fehlen,

betrachte ich mich als ihre Taufmutter und benenne sie nach meinem

Gefallen.

Unter unsern wilden Früchten haben wir eine Pflaume, die in einigen

Gemeinde-Distrikten sehr gut und reichlich ist, sie eignet sich

trefflich zum Einmachen vorzüglich wenn man sie, wie die amerikanischen

Hausfrauen, in Ahorn-Syrup kocht; wilde Kirschen, desgleichen

eine Sorte Namens ^choke cherries^ (Würgkirschen) wegen ihrer

stark zusammenziehenden Eigenschaften, hoch- und kleinsträuchige

Moosbeeren und Schwarzbeeren, welche von den Squaws in Birken-Körben

herbeigebracht werden. Alle diese kommen auf den Ebnen und

Bieber-Wiesen vor. Die kleinsträuchigen Moosbeeren werden von den

Indiern in großer Menge in die Städte und Dörfer gebracht. Sie bilden

eine stete Delicatesse (eingemacht) auf den Thee-Tischen der meisten

Ansiedler; allein was Trefflichkeit des Geschmacks und schönes Ansehn

betrifft, so ziehe ich die hochbuschige Moosbeere vor; diese ist

weniger begehrt, wegen der großen platten Samen, welche das Einmachen

derselben verhindern; indeß ist das Gelée davon sowohl in Farbe als

Wohlgeschmack vortrefflich.

Der Strauch auf welchem diese Moosbeere wächst, gleicht der

Guelder-Rose. Die Blüthen sind rein weiß und stehen in loosen

Dolden; sie bilden nach ihrer Entfaltung in Wäldern und Mooren und

am Wasser-Rande der Seen eine schöne Zierde. Die Beeren sind etwas

länglich eirund und glänzend scharlachroth, und wenn sie der Frost

leicht gerührt hat, halb durchsichtig, und sehen wie hängende Büschel

scharlachfarbner Trauben aus.

An einem schönen Winternachmittage fühlte ich mich versucht, mit meinem

Gatten einen Spaziergang auf dem Eise zu machen, welches, wie man mir

vorher versichert, vollkommen trug und sicher war. Ich muß gestehen,

daß ich während der ersten halben Meile (englisch) mich ziemlich

furchtsam zeigte, vorzüglich an Stellen, wo das Eis so durchsichtig

war, daß man jeden Kiesel, jedes Moos auf dem Boden des Wassers sehen

konnte. Bisweilen war das Eis dick, weiß und vollkommen undurchsichtig.

Während wir uns in geringer Entfernung vom Ufer hielten, überraschte

mich das Erscheinen einiger glänzend rothen Beeren an den laublosen

Büschen, die über den Rand des Sees hingen und die ich bald als die

oben erwähnten Moosbeeren erkannte. Mein Gatte streifte sogleich den

lockenden Schatz von den Zweigen, und ich eilte entzückt mit meiner

Beute nach Hause und kochte die Früchte mit etwas Zucker, um sie

nebst unserm Kuchen zum Thee zu genießen. Gewiß habe ich nie etwas so

köstlich gefunden als diese Beere, und dies vielleicht um so mehr,

weil ich, mit Ausnahme von Eingemachtem während unsrer Reise und zu

Peterborough, so lange keinerlei Art von Früchten genossen hatte.

Kurz darauf machte ich einen abermaligen Spaziergang auf dem Eise,

wiewohl es nicht ganz so fest mehr war wie früher; dessen ungeachtet

marschirten wir ziemlich dreiviertel Meile (englisch) weit. Bei

unsrer Rückkehr wurden wir von S-- mit einem Handschlitten, eine Art

Schiebkarren, wie die der Lastträger, -- eingeholt. Dieses Fuhrwerk

hat keine Seiten-Wände und ruht nicht auf einem Rade sondern auf

hölzernen Rollen, so daß man es, wenn es auch noch so schwer beladen

ist, mit der größten Leichtigkeit über Schnee und Eis bewegen kann. S--

bestand darauf, mich auf dem Eise nach Hause zu fahren, gleich einer

lappländischen Dame auf ihrem Schlitten. Ich wählte meinen Sitz, und in

einer Minute fühlte ich mich mit einer Schnelligkeit fortgezogen, die

mir fast den Athem raubte. Als ich am Ufer anlangte, war ich von Kopf

bis zu Füßen eine Gluth.

Die Lage unsers Hauses würde Ihnen gefallen. Der Platz worauf es steht,

ist der höchste Punkt eines sanft geneigten Ufers oberhalb des Sees,

ungefähr zweihundert Schritt vom Wasserrande entfernt; die Breite des

Sees von einem Ufer zum andern beträgt nicht ganz eine (englische)

Meile. Nach Süden zu haben wir wieder eine ganz verschiedne Aussicht,

die nach völliger Lichtung sehr schön ausfallen wird, -- eine schöne

ebne Wasserfläche, durch anmuthige Inselchen unterbrochen, die sich

aus ihrem Schooße gleich grünenden Hainen empor heben; -- unterhalb

derselben ist ein Fall von einigen Fuß, wo die Wasser der Seen, in

einen engen Kanal zwischen Kalkstein-Schichten gezwängt, mit großem

Ungestüm hinstürzen und Schaum und Nebel-Wolken emporschleudern.

Während des Sommers ist der Wasserstand weit niedriger, und man

kann eine ziemliche Strecke an den flachen Ufern hinwandern, die

aus verschiednen, mit fossilen Ueberresten von offenbar frischer

Formation gefüllten Kalkstein-Schichten bestehen. Jene Muschelgehäuse

und Fluß-Insekten, welche, durch das Zurückweichen des Wassers

zurückgelassen, über die Oberfläche des Kalksteins ausgestreut liegen,

sind den Muscheln und Insekten ähnlich, die von der Kalkstein-Masse

incrustirt sind. Man hat mir gesagt, daß das Bett eines der Seen,

(ich weiß nicht mehr, welches) oberhalb unsers Wohnorts aus Kalkstein

bestehe; und daß es reich an manigfaltigen schönen Flußmuscheln sei,

welche darin in ungeheurer Menge so wie auch in den längs den Ufern

ausgestreuten Kalkstein-Blöcken schichtenweise abgelagert sind. Diese

Muschelgehäuse werden auch in beträchtlicher Menge in dem Boden der

Bieber-Wiesen gefunden.

Wenn ich dergleichen Dinge sehe oder davon höre, so thut es mir leid,

daß ich nichts von Geologie oder Conchologie verstehe; weil ich mir

anders manche Umstände würde erklären können, die gegenwärtig blos

meine Neugierde erregen.

Gerade unter dem oben erwähnten Wasserfall ist ein merkwürdiger

natürlicher Bogen in dem Kalkstein-Felsen, der sich an dieser Stelle

zu einer Höhe von funfzehn Fuß wie eine Mauer erhebt; er besteht aus

großen Platten grauen Kalksteins, die eine auf der andern liegen; der

Bogen erscheint wie eine Spalte in der Felsenwand, aber, möglicher

Weise durch die Gewalt des Wassers während einer beträchtlichen

Ueberschwemmung, ausgewühlt und ausgehöhlt. Auf der Spitze des Felsens

wachsen Bäume. Schierlings-Tannen und Cedern bewegen ihre Laubkronen

hoch über dem wildbrausenden Wasser hin und her und bekleiden die

steinerne Barriere mit einem düstern aber unvergänglichen Grün. Hier

wuchern auch in üppiger Fülle die wilde Rebe, die oben erwähnte rothe

kriechende Pflanze und die Gifteiche und weben phantastische Lauben

über die moosbedeckten Stein-Massen. Eine schnelle Wendung dieses Ufers

brachte uns zu einer breiten, vollkommen flachen und glatten Schichtung

des nämlichen Gesteins, die eine Strecke von ziemlich funfzig Fuß

entlang dem Ufer einnimmt. Zwischen den Rissen und Spalten dieser

Schicht fand ich einige Rosen-Sträucher und mancherlei Blumen, die im

Verlauf des Frühjahrs und Sommers, wo dieselbe vom Wasser entblößt und

mithin seinem Einfluß nicht ausgesetzt ist, daraus hervorgesproßt waren.

Dieser Platz soll nächstens mit einer Säge- und Korn-Mühle bebaut

werden, die, fürchte ich, seiner natürlichen Schönheit Abbruch thun

wird. Ich glaube wohl, daß ich die einzige Person in der Nachbarschaft

bin, welche die Errichtung eines für diesen Theil des Gemeindebezirks

so nützlichen und schätzbaren Gebäudes mit Bedauern sieht.

Sobald Sie mir wieder ein Päckchen oder Kistchen senden, vergessen Sie

nicht, einige Blumen-Samen und Pflaumen-, Schlehen- und Aepfel-Kerne

der besten Sorte, wie dergleichen in der Heimath in Gärten und

Obstpflanzungen gezogen werden, beizufügen; denn ich glaube, daß sich

die Aepfel hier aus Samen ziehen lassen, ohne daß man die Bäume zu

pfropfen braucht; indeß ist das Obst von gepfropften Bäumen größer und

wohlschmeckender. Sehr willkommen würden mir auch einige Nüsse von

unsern schönen alten Stamm-Nußbäumen sein. O die guten alten Bäume! was

sind wir nicht auf ihren Aesten herum geklettert, als ich noch leichten

Herzens und so frei von Sorgen war, wie die Eichhörnchen, welche sich

auf den höchsten Wipfeln über uns wiegten. »Recht schön!« werden

Sie sagen, »aber je weniger eine kluge Frau von dergleichen wilden

Streichen, wie das Herumklettern auf Nußbäumen, spricht, desto besser.«

Glücklicher Weise gerathen junge Damen hier nicht in Versuchung, da

sie wohl einsehen, daß nur ein Eichhörnchen oder ein Bär unsre hohen

Waldbäume erklettern kann; selbst ein Matrose würde sich nicht hinauf

wagen.

Recht sehr wünsche ich, einige Samen von unsrer wilden Schlüsselblume

und unserm Veilchen zu erhalten, um sie auf unsern Wiesen und in unserm

Gärtchen auszustreuen; haben Sie die Güte, die Dorfkinder einige für

mich sammeln zu lassen.

Mein Gatte bittet Sie um etwas Luzern-Samen, den er mit Vortheil

cultiviren zu können glaubt.

Fußnoten:

[35] ^Morning glory^ so nennen die Amerikaner ihre schönen und großen

Winden (^Convolvulus^).

Zehnter Brief.

Abwechselung in Temperatur und Wetter. -- Elektrische Erscheinung. --

Canadischer Winter. -- Mangel an poetischen Anklängen in diesem Lande.

-- Zuckerbereitung. -- Zeit zum Fischfang. -- Art des Fischfangs. --

Entenschießen. -- Indianer-Familien. -- Papousen und ihre Windeln- und

Wickelbänder. -- Indianische Manufacturen. -- Frösche. --

See-Haus, Mai 9. 1833.

Wie ganz anders ist doch der Winter ausgefallen, als ich mir dachte.

Der December-Schnee thaute beständig wieder weg. Am ersten Januar war

auf unsern gelichteten Aeckern keine Flocke zu sehen, nur im Walde

lag etwas. Die Wärme der Sonne am ersten und zweiten Tage des neuen

Jahres war so groß, daß man im Freien den Mantel, ja selbst einen Shawl

kaum vertragen konnte; und im Zimmer wurde uns das Ofenfeuer fast

lästig. Das Wetter blieb ziemlich mild bis in die letzte Hälfte des

Monats, dann aber trat strenge Kälte ein und dauerte den ganzen Februar

hindurch. Der erste März war der kälteste Tag, den ich jemals erlebt

habe; das Quecksilber fiel im Hause bis fünfundzwanzig Grad unter Null,

und im Freien noch tiefer. Das Gefühl von Kälte frühmorgens war äußerst

schmerzhaft, und erzeugte ein unwillkührliches Schaudern und eine fast

krampfhafte Empfindung in Brust und Magen. Der Hauch erstarrte an den

Betten zu Reif. Jeder metallne Gegenstand, den man berührte, schien die

Finger erfrieren zu machen. Dieser hohe Kälte-Grad hielt indeß nur

drei Tage an, worauf die Temperatur allmälig gelinder wurde.

Während dieser äußerst kalten Witterung wurde ich durch die häufige

Wiederkehr eines Phänomens überrascht, welches mir von elektrischer

Natur zu sein schien. Wenn nämlich der Frost sehr heftig war, gab meine

Kleidung, die während der kalten Jahreszeit in einem wollenen oder mit

Flanel gefütterten Rocke bestand, beim Ausziehen eine Reihe knisternder

prasselnder Töne, ungefähr wie ein aufloderndes Feuer, von sich, und

sprühete, wenn das Licht entfernt wurde, blasse weißlich blaue Funken,

denen nicht unähnlich, welche sich erzeugen, wenn man Zucker im Dunkeln

schlägt, oder den Rücken einer schwarzen Katze streichelt; dieselbe

Erscheinung bemerkte ich auch, wenn ich meine Haare kämmte[36].

Den Februar hindurch und bis zum neunzehnten März lag der Schnee

sehr hoch; dann aber trat plötzliches Thauwetter ein und hielt ohne

Unterbrechung so lange an, bis der Boden von seiner weißen Decke völlig

befreit war, was im Verlauf von nicht ganz vierzehn Tagen geschah.

Die Luft war während dieser Zeit weit wärmer und milder als in der

Regel in England, wo während des fortschreitenden Thauwetters eine

durchdringende Kälte herrscht.

Wiewohl der canadische Winter seine Unannehmlichkeiten hat, so hat

er auf der andern Seite auch seine Reize. Nach ein- oder zweitägigem

starken Schneefall klärt sich der Himmel auf, und die Luft wird

außerordentlich hell und rein von Dünsten; der Rauch steigt in hohen

gewundnen Säulen empor, bis er sich verliert; beobachtet man ihn des

Abends oder früh an einem heitern Morgen, wenn der Reif an den Bäumen

flimmert, im Widerschein eines safranfarbigen Himmels, so ist die

Wirkung vorzüglich schön.

An heitern Wintertagen, wenn kein Wölkchen, nicht der Schatten eines

Wölkchens das azurblaue Himmelsgewölbe über uns trübt, mache ich kleine

Ausflüge in die Wälder, und wäre nicht die weiße Silberdecke der Erde,

so möchte ich, wenn ich mein Auge zu dem reinen Aether empor hebe,

fast ausrufen: es ist Juni, der milde liebliche Juni ist da! Die stets

grünen Kiefern, Cedern, Schierlings-Tannen und Balsam-Fichten krümmen

ihre hängenden Aeste unter der Schneelast, die bei der geringsten

Bewegung in dichten Schauern rings umher niederrauscht, aber so leicht

und trocken ist der Schnee, daß man ihn mit leichter Mühe und ohne im

geringsten naß zu werden, abschütteln kann.

Die Spitzen der Baumstummel nehmen sich mit ihren Schnee-Mützen

oder Turbanen gar nicht übel aus; ein schwarzer Fichtenstummel mit

seinem weißen Mützchen und Mantel erscheint bisweilen, wegen seiner

seltsamen Bekleidung wie Jemand, der uns plötzlich entgegentritt. Was

Gespenster und Geister betrifft, so scheinen sie gänzlich aus Canada

verbannt zu sein. Hier giebt es keine historischen Erinnerungen, keine

abentheuerlichen Legenden von Ahnen und Vorvordern. Die Phantasie

des Dichters würde in den Urwäldern aus Mangel an Wunder-Speise zur

Aufrechterhaltung ihrer Existenz verhungern. Wir haben weder Feen noch

Elfen, weder Geister noch Kobolde, weder Satyre noch Wald-Nymphen;

unsre Wälder selbst eignen sich nicht zum Schutz für Dryaden und

Hamadryaden. Keine Najade haust an dem Schilfrande unsrer Seen oder

heiligt durch ihre Gegenwart unsre Wald-Firsten. Kein Druide nimmt

unsre Eichen in Anspruch; und anstatt mit geheimnißvoller Ehrfurcht

zwischen unsern, oft seltsam zusammengruppirten Kalkfelsen umher

zu wandern, überlassen wir sie dem Geologen, um seinen Scharfsinn

in Erklärung ihres Erscheinens zu üben; anstatt dieselben mit

den ehrwürdigen Charakteren alter Tempel oder heidnischer Altäre

zu bekleiden, blicken wir blos mit dem wißbegierigen Auge der

Natur-Philosophie darauf.

Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin. · 第 10 / 26 段