Unser Log-Haus ist jetzt zwar noch nicht fertig, schreitet aber seiner
Vollendung rasch entgegen. Wir wohnen immer noch unter S-- gastlichem
Hause, da dies die erste Ansiedlung auf ihrem Boden ist, so haben sie,
gleich allen übrigen Ansiedlern in den Urwäldern, im laufenden Jahre
noch mancher Schwierigkeit zu begegnen. Sie besitzen ein schönes,
trefflich gelegnes Stück Land; und S-- lacht zu den gegenwärtigen
Entbehrungen, welchen er einen heitern Muth und eine Entschlossenheit
entgegengesetzt, die ganz geeignet sind, über jede Schwierigkeit zu
siegen. Sie sind jetzt im Begriff, ein größeres und bequemeres Haus zu
beziehen, welches in diesem Herbste (^fall^) erbaut ist, und werden uns
die einstweilige Benutzung des alten bis zur Vollendung unsers eignen
überlassen.
Wir fangen bereits an, uns mit unserm Robinson-Leben zu versöhnen, und
der Gedanke, daß die gegenwärtigen Uebel blos vorübergehend sind, läßt
uns frohen Muthes jedem Hinderniß trotzen.
Eine der größten Unannehmlichkeiten, womit wir zu kämpfen haben, beruht
auf der schlechten Beschaffenheit der Straßen, und unsrer großen
Entfernung von jedem Dorfe und jeder Stadt, woher wir unsre Bedürfnisse
beziehen. Bis dahin, wo wir unser eignes Getreide erbauen und unser
eignen Schweine, Schafe und Federvieh werden mästen können, müssen
wir alle Nahrungsmittel von den Vorrathshändlern kaufen, wozu noch
kommt, daß die Herbeischaffung derselben mit beträchtlichen Unkosten
und Zeitverlust verbunden ist, da der Transport auf unsern trefflichen
Buschstraßen geschieht, die, um mich der Worte einer armen Irländerin
zu bedienen, nicht schlechter sein können. »Ach Madam,« sagte sie, »die
sind wahrlich schlecht genug und können nicht schlechter sein, sie sind
wahrlich nicht so ilgant (elegant) als unsre Straßen in Irland.«
Bestellen wir mehre Gewürze zu gleicher Zeit und lassen dieselben
mit der nächsten Gelegenheit von Ort und Stelle abgehen, so finden
wir, wenn der Wagen anlangt, bei Untersuchung unsrer Vorräthe, Reis,
Zucker, Korinthen, Pfeffer und Senf alles zu einem Chaos durcheinander
gewirrt. Was meinen Sie zu einem Reis-Pudding, das tüchtig mit Pfeffer
und vielleicht auch mit etwas Rappee und dergleichen, um die Sauce
piquanter zu machen, durchwürzt ist. Ich denke das Recept würde in
^Cook's Oracle^ oder ^Mrs. Dalgairn's Practice of Cookery^[33] unter
dem originellen Titel: _Busch-Pudding_, Figur machen.
Aber Wehe und Verderben den irdnen Waaren, welche zufällig über die
holprichten Straßen wandern. Glücklich kann man sich in der That
preisen, wenn in Folge vorzüglicher Geschicklichkeit und Sorgfalt des
Packers, mehr als die Hälfte unzertrümmert anlangt. Gegen dergleichen
Unfälle haben wir keine Abhülfe. Der Waarenhändler schiebt die Schuld
auf den Fuhrmann, und der Fuhrmann auf die schlechten Straßen, sich
wundernd, wie er selbst während seiner Fahrt durch den Busch mit heiler
Haut und ganzen Gliedmaßen davon gekommen.
Wir leben jetzt in der schlimmsten Jahres-Zeit, der Eintritt und
Ausgang des Winters machen dem Ansiedler viel zu schaffen. Kein andres
Fuhrwerk als ein mit Ochsen bespannter Wagen, und auch dieser nicht
ohne Schwierigkeit, kann die Straße passiren und braucht zur Vollendung
seines Weges zwei ganze Tage; das Schlimmste dabei ist, daß man die
nöthigsten Artikel bisweilen um keinen Preis erlangen kann.
Sie sehen aus allem, daß ein Busch-Siedler nicht blos auf alle
Luxus-Gegenstände und Leckereien der Tafel, sondern bisweilen sogar auf
die nöthigsten Lebensbedürfnisse Verzicht leisten muß.
Zu einer Zeit ist kein Schweinfleisch zu haben; zu einer andern
herrscht Mangel an Mehl, vielleicht in Folge eines Umstandes, der die
Mühle außer Gang gesetzt hat, oder weil es an Weizen zum Mahlen fehlt;
oder Witterung und schlechte Wege hindern die Ankunft des Wagens oder
den Abgang von Leuten zur Herbeischaffung des Nöthigen. In diesem Falle
muß man seine Zuflucht zu einem Nachbar nehmen, vorausgesetzt, daß
man so glücklich ist, einen solchen in der Nähe zu haben, -- und im
schlimmsten Fall muß man sich mit Kartoffeln begnügen. Die Kartoffel
ist hier in der That ein großer Segen, neue Ansiedler würden ohne sie
oft in eine unangenehme Lage gerathen, und der arme Mann und seine
Familie, die ohne andre Hülfsmittel sind, müßten, hätten sie die
Kartoffel nicht, verhungern.
Einmal war unser Thee-Vorrath ausgegangen, und wir konnten nirgends
dergleichen erhalten. In dieser Verlegenheit würde Milch oder
Kaffee ein treffliches Ersatzmittel gewesen sein, wofern wir im
Besitz davon gewesen wären; allein wir hatten weder das Eine noch
das Andre, und so mußten wir zu Yankie-Thee -- einem Absud von
Schierlings-Tannen-Sprossen, unsre Zuflucht nehmen. Dies war für meinen
Geschmack ein sehr schlechtes Getränk, wiewohl ich ein Kraut in dem
Thee entdeckte, welches in London das Pfund zu fünf Schilling verkauft
wird, und nichts anders sein kann als getrocknete und pulverisirte
Schierlings-Tannen-Blätter.
S-- lachte über unsre sauren Gesichter und erklärte den Trank für
vortrefflich; auch ging er uns allen mit einem guten Beispiel voran,
indem er sechs Tassen von diesem ächten Wald-Thee hinterschlürfte. Doch
gelang es seiner Beredtsamkeit nicht, einen von uns zu bekehren, wir
mochten seiner Versicherung, daß er blos jungen Hyson-Thee nachstehe,
keinen Glauben beimessen und erwiederten auf seine Bemerkung, daß
derselbe mit seinen andern guten Eigenschaften medicinische Tugenden
verbinde, er sei wie alle Arzneien, dem Gaumen sehr zuwieder.
»Nach allem,« sagte S-- mit einer gedankenvollen Miene, »verdanken
sowohl die Segnungen als die Uebel dieses Lebens ihre Hauptwirkung
der Stärke des Contrastes und müssen demnach hauptsächlich geschätzt
werden. Wir würden die Genüsse, deren wir uns erfreuen, nicht halb
so hoch schätzen, wenn wir ihrer nicht zuweilen entbehrten. Wie
groß dürften uns die Annehmlichkeiten einer völlig gelichteten und
gut angebauten Meierei erscheinen, wenn uns außer den nöthigen
Lebensbedürfnissen noch manche Luxus-Gegenstände zu Gebote stehen
werden.«
»Und wie wird uns grüner Thee nach diesem abscheulichen Getränk
behagen,« bemerkte ich.
»Sehr wahr, und ein bequemes Haus, ein niedlicher Garten, schöne Weiden
nach diesen dunkeln Wäldern, Loghäusern und völligem Mangel an Gärten.«
»Und das Nichtvorhandensein der abscheulichen Baumstummel,« fügte ich
hinzu. »Gewiß! glauben Sie mir meine Theure, Ihr canadisches Landgut
wird Ihnen mit der Zeit, nach vollendeter Cultur des Bodens, als
ein wahres Paradies erschienen, und Sie werden mit desto größerm
Vergnügen und Stolz darauf blicken, wenn Sie sich erinnern, daß es
einst eine Wüstenei war, die sich durch die Wirkungen von Fleiß und
wohl angewendeten Mitteln in fruchtbare Felder verwandelt hat. Jede
Annehmlichkeit, die Sie um sich her erzeugen, wird Ihr Glück vermehren;
jede Verbesserung in oder außer dem Hause wird ein Gefühl von
Dankbarkeit und Entzücken in Ihrem Herzen erzeugen, wovon diejenigen,
welche stets in Ueberfluß und Wohlleben schwelgen oder auch nur die
gewöhnlichsten Vortheile der Civilisirung genießen, nichts wissen. Mein
Wahlspruch ist, »Hoffnung! Entschlossenheit! und Ausdauer!«
»Dies,« sagt mein Gatte, »ist wahre Philosophie, und sie wirkt um so
nachdrücklicher, weil Sie ihre Wahrheit durch die That beweisen.«
Ich hatte sehr auf den indianischen Sommer (Nachsommer) gezählt, wovon
ich so entzückende Schilderungen gelesen, allein ich muß gestehen, daß
derselbe weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Gleich
zu Anfange dieses Monats (November) hatten wir drei oder vier warme,
trübe, mehr drückende und schwüle Tage. Die Sonne schimmerte roth durch
die neblichte Atmosphäre, die seltsam gestalteten Wolken, welche in
rauchartigen wellenförmigen Massen am Himmel hingen, mit saffrangelbem
und blaß carmosinrothem Lichte färbend, gerade so wie ich dergleichen
an einem heißen schwülen Frühlings-Morgen gesehen habe.
»Nicht ein Lüftchen kräuselte die Wasserfläche, nicht ein Blatt (denn
die Blätter waren noch nicht alle gefallen) regte sich. Diese völlige
Stockung der Luft ward plötzlich durch einen heftigen Sturmwind mit
Schneegestöber unterbrochen, welcher ohne alle Vorzeichen heranbrauste.
Ich stand in der Nähe einer hohen Fichten-Gruppe, die man inmitten
des gelichteten Bodens hatte stehen lassen, und sammelte eben einige
carmosinrothe Flechten (Lichenen); S-- befand sich nur einige Schritt
von mir, mit einem Gespann Ochsen, welche Brennholz zogen. Auf einmal
vernahmen wir ein fernes hohles Rauschen, das mit jedem Augenblick
zunahm, die Luft rings um uns her war vollkommen ruhig. Ich blickte
empor und sah die bisher so regungslosen Wolken mit erstaunlicher
Schnelligkeit in verschiednen Richtungen sich fortbewegen. Ein dichtes
Dunkel verbreitete sich über den Himmel. S--, der ämsig mit den Ochsen
beschäftigt gewesen, hatte nicht gleich bemerkt, daß ich ihm so nahe
war, und rief mir jetzt zu, daß ich so schnell als möglich das Haus
oder eine freie Stelle, fern von den Fichten, zu erreichen suchen
möchte. Unwillkührlich wendete ich mich dem Hause zu, während das
donnernde Getös der in allen Richtungen niederstürzenden Bäume, das
Herabprasseln der Aeste von den Fichten, die ich so eben verlassen, das
Brausen der Windsbraut, welche über den See herabraste, mich die Gefahr
erkennen ließen, die mir gedroht hatte.
Die brechenden Aeste der Fichten, welche, vom Sturme fortgeführt, über
mir umherwirbelten, verfinsterten die Luft; dann kam das blindmachende
Schneegestöber; allein Gott sei Dank! ich konnte den Fortschritten des
Unwetters in Sicherheit zusehen, da ich die Schwelle unsers Hauses
gewonnen. Der Ochsentreiber hatte sich mit dem Gesicht auf die Erde
geworfen, während die armen Thiere in Demuth ihre Köpfe niederhielten
und geduldig den Ausgang des schonungslos wüthenden Sturmes abwarteten.
S--, mein Gatte und alles, was zum Haushalt gehörte, hatte sich in
eine Gruppe vereint und bewachte mit ängstlicher Spannung das wilde
Toben der in Aufruhr begriffnen Elemente. Nicht ein Blatt blieb an den
Bäumen, als der Orcan ausgewüthet, standen sie nackt und kahl da. So
endete die kurze Herrschaft des indianischen Sommers[34].
[Illustration: _Neu gelichtetes Land._]
Meiner Ansicht nach ist die Meinung, welche einige Reisende hegen,
daß nämlich der indianische Sommer durch das jährliche Abbrennen
von Wäldern seitens derjenigen Indianer erzeugt werde, welche die
undurchforschten Gegenden jenseits der größern Seen bewohnen,
ungegründet. Man denke sich nur, welche ungeheure Waldstrecken jährlich
in Flammen aufgehen müßten, um einen Einfluß auf ziemlich das ganze
Continent von Nordamerika zu üben; übrigens finden die Waldbrände
zu der Zeit im Jahre statt, wo das Feuer, wegen der durch die
Herbst-Regengüsse bewirkten Feuchtigkeit des Bodens nicht leicht stark
um sich greift.
Ich möchte vielmehr die besondre Wärme und schwüle düstre
Beschaffenheit der Luft der Gährung jener ungeheuren Masse
vegetabilischen Stoffs zuschreiben, welche während der letzten Hälfte
des Octobers in Zersetzung begriffen ist. Einige haben die Vermuthung
aufgestellt, daß eine große Veränderung hinsichtlich dieser Jahreszeit
stattfinden werde, indem die fortschreitende Lichtung des Landes die
Quantität verwitternder Vegetabilien fortwährend vermindere. Ja ich
habe gehört, daß von denjenigen, welche seit langer Zeit mit dem
amerikanischen Festlande bekannt sind, in der fraglichen Beziehung
schon ein ziemlicher Unterschied bemerkt werde.
Bisher sind meine Erfahrungen, das Klima anlangend, günstig gewesen.
Der Herbst war recht schön, obwohl die Fröste zeitig im September
eintraten, anfangs waren sie gelind und kaum des Morgens fühlbar; aber
gegen den October zeigten sie sich schon strenger und dauernder. Allein
wenn auch die eine Hälfte des Tages kalt ist, so sind doch die Mittags-
und Nachmittags-Stunden warm und angenehm.
Wir fühlen bereits den strengen Eintritt des Winters. Er begann
entschieden mit dem Ende des indianischen Sommers. Der November
gleicht bei weitem nicht demselben Monat in der Heimath (England).
Die erste Hälfte war mild und warm, die letzte kalt, von scharfen
Frösten und gelegentlichem Schneefall begleitet; allein er scheint
nicht den düstern trüben Charakter unsers brittischen Novembers zu
besitzen. Indeß reicht eine kurze Bekanntschaft mit dem Klima nicht
hin, ein richtiges Urtheil über seinen Charakter zu fällen, es bedarf
hierzu einer genauen, während eines mehrjährigen Aufenthalts im Lande
fortgesetzten Beobachtung seiner Eigenthümlichkeiten und Wechsel.
Jetzt muß ich Ihnen erzählen, was mein Gatte auf unserm Grundstück
vornimmt. Zehn Morgen hat er einigen irischen Holzfällern (^choppers^)
übergeben, die sich auf die Dauer des Winters in der Shanty
eingerichtet haben. Sie erhalten für Lichtung und Einfriedigung des
Ackers, das Verbrennen der gefällten Bäume mit inbegriffen, zehn
Dollars. Der Boden muß bis auf die Baumstummel völlig rein sein,
letztere bedürfen, um zu verwittern, neun bis zehn Jahr; die Fichte,
Schierlingstanne und die Tanne halten sich viel länger. Die Entfernung
der Stummel ist für neue Anfänger zu kostspielig; die Arbeits-Löhne
sind so hoch, daß man sich mit Ausführung des unumgänglich Nothwendigen
begnügen muß. Die Zeit, während welcher gearbeitet werden kann, ist
sehr kurz, weil der Frost so lange in der Erde bleibt; mit Ausnahme des
Fällens und Verbrennens der Bäume läßt sich nicht viel thun.
Diejenigen, welche die gehörige Behandlung ungelichteten Landes
verstehen, schneiden zunächst alle kleinere Bäume und alles Unterholz
weg, während diese noch belaubt sind; das gefällte Holz wird in Haufen
gelegt, und die vom Winde umgestürzten Bäume werden der Länge nach
zersägt und im Frühjahr mit dem Winterschnitt (die im Winter gefällten
Bäume) geklaftert. Der Ausgang des Sommers und der Herbst sind die
beste Zeit für besagte Arbeit. Die Blätter werden alsdann völlig
trocken und erleichtern das so wichtige Verbrennen der dicken schweren
Baumstämme um ein Bedeutendes. Ein andrer Grund dazu ist, daß nach
hohem Schneefall das kleine leichte Holz (Unterholz) nicht dicht an
der Erde weggeschnitten, und die todten Aeste und andre Abgänge nicht
gesammelt und in Haufen gelegt werden können.
Wir werden ungefähr drei Morgen für die Frühlingssaat bereit haben,
voraus gesetzt, daß wir mit dem Verbrennen des in der Nähe unsers
Hauses bereits geklafterten Holzes nach Wunsch zu Stande kommen. --
Wir gedenken dieselben mit Hafer, Kürbissen, indianischem Korn und
Kartoffeln zu bepflanzen; die andern zehn Acker sollen für die Einsaat
von Weizen ebenfalls fertig werden. Sie sehen daraus, daß wir noch
lange auf eine Ernte zu warten haben. Selbst Frühlings-Weizen, wenn er
im Laufe des Jahres zur Reife kommen soll, können wir nicht mehr zeitig
genug in die Erde bringen.
Im Frühjahr wollen wir uns wo möglich zwei Kühe zulegen, da diese
Thiere während des Frühlings, Sommers und Herbstes wenig Kosten
verursachen; den Winter über werden wir Kürbisse und Haferstroh für sie
haben.
Fußnoten:
[33] Englische Kochbücher.
[34] Nachsommer.
Neunter Brief.
Verlust eines Ochsen-Gespanns. -- Errichtung eines Log-Hauses.
-- Glaser- und Zimmermanns-Arbeit. -- Beschreibung eines neuen
Log-Hauses. -- Spaziergang auf dem Eise. -- Lage des Hauses. -- See
und umgebende Scenerei.
See-Haus, April 18, 1833.
Es wird Zeit, daß ich Ihnen endlich eine Beschreibung unsers Log-
(Block-) Hauses gebe, in welches wir einige Tage vor Weihnachten
eingezogen sind. Da manche unvorhergesehene Umstände seine Vollendung
vor besagter Zeit verhinderten, so glaubte ich schon, daß es nie würde
bewohnbar werden.
Der erste Unfall, welcher uns traf, war der Verlust eines Gespanns
Ochsen, die wir zum Herbeiziehen der Baumstämme für das zu errichtende
Haus gekauft hatten. Da sie den Busch nicht so angenehm finden
mochten, als die gelichteten Weideplätze ihres vorigen Herrn, oder
weil sie vielleicht harte Arbeit für sich voraus sahen, so kam es
ihnen eines Morgens früh in den Kopf, durch den See, gleich da, wo die
Stromschnellen ihren Anfang nehmen, zu setzen und sich davon zu machen,
keine Spur ihrer Marschroute, außer einigen Fußstapfen am Wasser-Rande,
zurücklassend. Nachdem wir einige Tage vergebens danach gesucht, blieb
die Arbeit liegen, und einen ganzen Monat hindurch waren sie weg, so
daß wir schon alle Hoffnung aufgaben, jemals wieder etwas von ihnen zu
hören. Endlich erfuhren wir, daß sie etwa zwanzig (englische) Meilen
von uns, in einem fernen Stadtbezirk (^township^) angelangt waren und
ihren Weg durch Waldung und Moräste, Bäche und Seen zu ihrem früheren
Besitzer zurückgenommen hatten, von einem Instinkte geleitet, der ihnen
für den Mangel an Straßen und Compaß Ersatz leistete.
Man erzählt Fälle, wo dergleichen Thiere einen Strich wilden Landes
dreißig oder vierzig (englische) Meilen weit, bis zu ihren alten
Weideplätzen, in gerader Linie und auf unbekannten Pfaden, wo ihnen das
Gedächtniß nicht zu Hülfe kommen konnte, durchwanderten. Beim Hunde
betrachten wir Geruch und Gedächtniß als Führer, die ihn zu seiner
fernen Heimath zurückleiten; wie aber soll man sich die fraglichen
Wanderungen jener Ochsen erklären? Sie kehrten durch dichte endlose
Wälder, wo der Mensch mit all seiner Vernunft und Kenntniß den rechten
Weg gewiß verfehlt haben würde, nach Hause zurück.
Der October ging bereits zu Ende, und noch standen nicht einmal die
Wände unsers Hauses. Letzteres zu bewirken, riefen wir »eine Biene«
zusammen: sechszehn unsrer Nachbarn folgten mit großer Bereitwilligkeit
unsrer Aufforderung; und obschon der Tag nichts weniger als günstig
war, so führte unsre Biene ihr Werk doch so treulich aus, daß mit
Einbruch des Abends die Außenwände aufgerichtet waren.
Die Arbeit schritt unter Mithülfe einer reichlichen Quantität
canadischen Nektars (Branntweins), des Honigs, womit unsre Bienen
gestärkt werden, rasch vorwärts. Einige tüchtige eingesalzne
Schweinskeulen, ein Viertel Kartoffeln nebst einem Reispudding und ein
Brod, so dick wie ein gewaltiger Cheshire-Käse, bildeten das Mahl,
womit die fleißigen Leute regalirt wurden. Dies alles wurde in der
Shanty, in einem ziemlich ländlichen Styl, aufgetischt. Kurz, wir
lachten und nannten es einen _Pic-nic in den Urwäldern_; aber wie
roh und einfach auch das Mahl war, so kann ich Ihnen doch versichern,
daß sämmtliche Gäste, hohe und niedre, sehr damit zufrieden waren
und unsre »_Biene_« als eine sehr wohl versorgte priesen. Trotz der
Rangverschiedenheit derer, welche die Biene bildeten, herrschte doch
unter allen die größte Harmonie, und die Gesellschaft ging wohl
zufrieden mit ihrem Tagewerke und der Bewirthung auseinander.
Am folgenden Tage machte ich einen Ausflug, um das neu errichtete
Gebäude in Augenschein zu nehmen; allein ich fand mich sehr unangenehm
überrascht, da es keineswegs das Ansehn eines Hauses hatte. Es war ein
bloses Rechteck von über einander befestigten Scheiten, mit offnen
Räumen zwischen jeder Scheit-Reihe. Die Oeffnungen für Thüren und
Fenster waren noch nicht geschnitten, und die Dachbalken lagen noch
nicht. Mit einem Wort, es war ein seltsamer Bau, und ich kehrte etwas
niedergeschlagen nach Hause zurück, mich nicht wenig wundernd, daß mein
Gatte mit den gemachten Fortschritten so zufrieden war. Einen oder
zwei Tage darauf stattete ich dem Neubau abermals einen Besuch ab. Die
Tragbalken zur Aufnahme der Fußböden waren gelegt, und die Oeffnungen
für die Thüren und Fenster waren in das feste Holz geschnitten, so daß
derselbe nicht mehr so sehr wie zuvor einem Vogelkäfig glich.
Nach Beschindelung des Dachs mußten wir wieder pausiren, da Breter
nicht näher als in Peterborough zu haben waren, und mithin bedurfte es
einer langen Tage-Reise über schreckliche Straßen. Zu dieser Zeit war
noch an keine Sägemühle zu denken, jetzt aber ist eine dergleichen,
nicht weit von uns, im Entstehen begriffen. Unsre Dielenbreter mußten
alle mit der Hand gesägt werden, und es währte ziemlich lange, ehe wir
Jemand zur Verrichtung dieses nothwendigen Werkes finden konnten, und
das zu einem hohen Lohne, ein Shilling und Sechspence für den Tag.
Die Breter langten endlich an, aber natürlicher Weise von unabgepaßtem
Holze; dies war unvermeidlich, und da sie nicht gehobelt werden
konnten, mußten wir uns ihr rohes häßliches Ansehn gefallen lassen;
denn es waren keine besseren zu haben. Ich erinnerte mich jetzt an
die Bemerkung des alten Herrn, mit welchem wir von Cobourg nach dem
Reis-See fuhren. Wir trösten uns mit der Aussicht, daß mit dem nächsten
Sommer sämmtliche Breter abgepaßt sein werden, freilich bedarf es
hierzu einer völligen Umkehrung des Hauses; denn die Breter müssen von
neuem gelegt, gehörig an einander gefügt und gehobelt werden.
Der nächste Unfall, welcher uns betraf, war, daß das Gemisch von Lehm
und Kalk, womit das Haus von innen und außen zwischen den Fugen der
Baum-Scheite berappt werden sollte, in einer einzigen Nacht so hart
wie Stein fror; das Werk war kaum zur Hälfte gediehen, als plötzlich
Frost eintrat und der Arbeit auf einige Zeit ein Ende machte, denn
der gefrorne Mörtel thauete weder im Feuer noch in heißem Wasser auf;
letzteres fror ebenfalls, ehe es noch eine Wirkung auf die Masse
geäußert, und machte die Sache eher schlimmer. Alsdann verwundete sich
der Zimmermann beim Glatthauen der Wände im Innern mit der breiten
Axt und ward hierdurch auf einige Zeit zur Fortsetzung seiner Arbeit
untüchtig.
Ich führe alles dies blos darum an, um die Schwierigkeiten zu zeigen,
welche uns in Vollführung unsrer Pläne hindern, und dies erklärt
zum großen Theil die schlechten Wohnungen, womit sich Ansiedler der
achtbarsten Klasse bei ihrer ersten Ankunft in diesem Lande begnügen,
und dies keineswegs aus Neigung sondern aus Nothwendigkeit; ich könnte
Ihnen Schilderungen der Art geben, die Sie in Erstaunen setzen würden.
Jedenfalls dient es dazu, uns zufriedner und gleichgültiger zu machen,
wenn wir um uns her nur wenige in bessern, ja viele, die mit uns von
gleichem oder vielleicht noch höherem Range sind, in noch schlimmeren
Verhältnissen erblicken, als dies, verhielte sich die Sache anders, der
Fall sein würde.
Jedermann in diesem Lande muß selbst den Glaser machen; Sie werden
darüber lachen, allein, will er keine zerbrochnen Fensterscheiben sehen
und die davon herrührenden Unannehmlichkeiten fühlen, so muß er lernen,
sie mit eigner Hand in seine Fensterrahmen einzuziehen. Handwerker
sind, gerade wenn man sie braucht, in den Urwäldern nicht immer leicht
zu haben, und es hieße sehr verkehrt handeln, wenn man zur Ausbesserung
seiner Fenster einen Glaser theuer bezahlen und auf seine Unkosten
eine zweitägige Reise von der nächsten Stadt machen lassen wollte.
Glastafeln von verschiedner Größe kann man bei den Vorrathshändlern
sehr wohlfeil kaufen. Mein Gatte machte sich ein Vergnügen daraus, das
Glas in seine Fenster, ehe diese eingehängt wurden, selbst einzuziehen.
Eine genaue Bekanntschaft mit dem Gebrauch der Werkzeuge des
Zimmermanns ist hier, glauben Sie mir, viel werth, und ich empfehle
jedem jungen Mann, der nach Canada auswandern will, sich mit diesem
schätzbaren Metier so viel als möglich bekannt zu machen, da er andern
Falls oft in große Verlegenheit gerathen dürfte.
Höchst lächerlich erschienen mir die Bemerkungen einer superfeinen
Dame, der unwilligen Theilnehmerin an der Auswanderung ihres Gatten,
als sie den Sohn eines See-Offiziers von einigem Range im Dienste
ämsig mit Fertigung einer Axt-Handhabe aus einem Stück Felsen-Ulme
beschäftigt sah.
»Ich wundre mich, daß Sie _George_ sich so erniedrigen lassen,«
bemerkte sie, sich an dessen Vater wendend.