November 20, 1832.

Unser Log-Haus ist jetzt zwar noch nicht fertig, schreitet aber seiner

Vollendung rasch entgegen. Wir wohnen immer noch unter S-- gastlichem

Hause, da dies die erste Ansiedlung auf ihrem Boden ist, so haben sie,

gleich allen übrigen Ansiedlern in den Urwäldern, im laufenden Jahre

noch mancher Schwierigkeit zu begegnen. Sie besitzen ein schönes,

trefflich gelegnes Stück Land; und S-- lacht zu den gegenwärtigen

Entbehrungen, welchen er einen heitern Muth und eine Entschlossenheit

entgegengesetzt, die ganz geeignet sind, über jede Schwierigkeit zu

siegen. Sie sind jetzt im Begriff, ein größeres und bequemeres Haus zu

beziehen, welches in diesem Herbste (^fall^) erbaut ist, und werden uns

die einstweilige Benutzung des alten bis zur Vollendung unsers eignen

überlassen.

Wir fangen bereits an, uns mit unserm Robinson-Leben zu versöhnen, und

der Gedanke, daß die gegenwärtigen Uebel blos vorübergehend sind, läßt

uns frohen Muthes jedem Hinderniß trotzen.

Eine der größten Unannehmlichkeiten, womit wir zu kämpfen haben, beruht

auf der schlechten Beschaffenheit der Straßen, und unsrer großen

Entfernung von jedem Dorfe und jeder Stadt, woher wir unsre Bedürfnisse

beziehen. Bis dahin, wo wir unser eignes Getreide erbauen und unser

eignen Schweine, Schafe und Federvieh werden mästen können, müssen

wir alle Nahrungsmittel von den Vorrathshändlern kaufen, wozu noch

kommt, daß die Herbeischaffung derselben mit beträchtlichen Unkosten

und Zeitverlust verbunden ist, da der Transport auf unsern trefflichen

Buschstraßen geschieht, die, um mich der Worte einer armen Irländerin

zu bedienen, nicht schlechter sein können. »Ach Madam,« sagte sie, »die

sind wahrlich schlecht genug und können nicht schlechter sein, sie sind

wahrlich nicht so ilgant (elegant) als unsre Straßen in Irland.«

Bestellen wir mehre Gewürze zu gleicher Zeit und lassen dieselben

mit der nächsten Gelegenheit von Ort und Stelle abgehen, so finden

wir, wenn der Wagen anlangt, bei Untersuchung unsrer Vorräthe, Reis,

Zucker, Korinthen, Pfeffer und Senf alles zu einem Chaos durcheinander

gewirrt. Was meinen Sie zu einem Reis-Pudding, das tüchtig mit Pfeffer

und vielleicht auch mit etwas Rappee und dergleichen, um die Sauce

piquanter zu machen, durchwürzt ist. Ich denke das Recept würde in

^Cook's Oracle^ oder ^Mrs. Dalgairn's Practice of Cookery^[33] unter

dem originellen Titel: _Busch-Pudding_, Figur machen.

Aber Wehe und Verderben den irdnen Waaren, welche zufällig über die

holprichten Straßen wandern. Glücklich kann man sich in der That

preisen, wenn in Folge vorzüglicher Geschicklichkeit und Sorgfalt des

Packers, mehr als die Hälfte unzertrümmert anlangt. Gegen dergleichen

Unfälle haben wir keine Abhülfe. Der Waarenhändler schiebt die Schuld

auf den Fuhrmann, und der Fuhrmann auf die schlechten Straßen, sich

wundernd, wie er selbst während seiner Fahrt durch den Busch mit heiler

Haut und ganzen Gliedmaßen davon gekommen.

Wir leben jetzt in der schlimmsten Jahres-Zeit, der Eintritt und

Ausgang des Winters machen dem Ansiedler viel zu schaffen. Kein andres

Fuhrwerk als ein mit Ochsen bespannter Wagen, und auch dieser nicht

ohne Schwierigkeit, kann die Straße passiren und braucht zur Vollendung

seines Weges zwei ganze Tage; das Schlimmste dabei ist, daß man die

nöthigsten Artikel bisweilen um keinen Preis erlangen kann.

Sie sehen aus allem, daß ein Busch-Siedler nicht blos auf alle

Luxus-Gegenstände und Leckereien der Tafel, sondern bisweilen sogar auf

die nöthigsten Lebensbedürfnisse Verzicht leisten muß.

Zu einer Zeit ist kein Schweinfleisch zu haben; zu einer andern

herrscht Mangel an Mehl, vielleicht in Folge eines Umstandes, der die

Mühle außer Gang gesetzt hat, oder weil es an Weizen zum Mahlen fehlt;

oder Witterung und schlechte Wege hindern die Ankunft des Wagens oder

den Abgang von Leuten zur Herbeischaffung des Nöthigen. In diesem Falle

muß man seine Zuflucht zu einem Nachbar nehmen, vorausgesetzt, daß

man so glücklich ist, einen solchen in der Nähe zu haben, -- und im

schlimmsten Fall muß man sich mit Kartoffeln begnügen. Die Kartoffel

ist hier in der That ein großer Segen, neue Ansiedler würden ohne sie

oft in eine unangenehme Lage gerathen, und der arme Mann und seine

Familie, die ohne andre Hülfsmittel sind, müßten, hätten sie die

Kartoffel nicht, verhungern.

Einmal war unser Thee-Vorrath ausgegangen, und wir konnten nirgends

dergleichen erhalten. In dieser Verlegenheit würde Milch oder

Kaffee ein treffliches Ersatzmittel gewesen sein, wofern wir im

Besitz davon gewesen wären; allein wir hatten weder das Eine noch

das Andre, und so mußten wir zu Yankie-Thee -- einem Absud von

Schierlings-Tannen-Sprossen, unsre Zuflucht nehmen. Dies war für meinen

Geschmack ein sehr schlechtes Getränk, wiewohl ich ein Kraut in dem

Thee entdeckte, welches in London das Pfund zu fünf Schilling verkauft

wird, und nichts anders sein kann als getrocknete und pulverisirte

Schierlings-Tannen-Blätter.

S-- lachte über unsre sauren Gesichter und erklärte den Trank für

vortrefflich; auch ging er uns allen mit einem guten Beispiel voran,

indem er sechs Tassen von diesem ächten Wald-Thee hinterschlürfte. Doch

gelang es seiner Beredtsamkeit nicht, einen von uns zu bekehren, wir

mochten seiner Versicherung, daß er blos jungen Hyson-Thee nachstehe,

keinen Glauben beimessen und erwiederten auf seine Bemerkung, daß

derselbe mit seinen andern guten Eigenschaften medicinische Tugenden

verbinde, er sei wie alle Arzneien, dem Gaumen sehr zuwieder.

»Nach allem,« sagte S-- mit einer gedankenvollen Miene, »verdanken

sowohl die Segnungen als die Uebel dieses Lebens ihre Hauptwirkung

der Stärke des Contrastes und müssen demnach hauptsächlich geschätzt

werden. Wir würden die Genüsse, deren wir uns erfreuen, nicht halb

so hoch schätzen, wenn wir ihrer nicht zuweilen entbehrten. Wie

groß dürften uns die Annehmlichkeiten einer völlig gelichteten und

gut angebauten Meierei erscheinen, wenn uns außer den nöthigen

Lebensbedürfnissen noch manche Luxus-Gegenstände zu Gebote stehen

werden.«

»Und wie wird uns grüner Thee nach diesem abscheulichen Getränk

behagen,« bemerkte ich.

»Sehr wahr, und ein bequemes Haus, ein niedlicher Garten, schöne Weiden

nach diesen dunkeln Wäldern, Loghäusern und völligem Mangel an Gärten.«

»Und das Nichtvorhandensein der abscheulichen Baumstummel,« fügte ich

hinzu. »Gewiß! glauben Sie mir meine Theure, Ihr canadisches Landgut

wird Ihnen mit der Zeit, nach vollendeter Cultur des Bodens, als

ein wahres Paradies erschienen, und Sie werden mit desto größerm

Vergnügen und Stolz darauf blicken, wenn Sie sich erinnern, daß es

einst eine Wüstenei war, die sich durch die Wirkungen von Fleiß und

wohl angewendeten Mitteln in fruchtbare Felder verwandelt hat. Jede

Annehmlichkeit, die Sie um sich her erzeugen, wird Ihr Glück vermehren;

jede Verbesserung in oder außer dem Hause wird ein Gefühl von

Dankbarkeit und Entzücken in Ihrem Herzen erzeugen, wovon diejenigen,

welche stets in Ueberfluß und Wohlleben schwelgen oder auch nur die

gewöhnlichsten Vortheile der Civilisirung genießen, nichts wissen. Mein

Wahlspruch ist, »Hoffnung! Entschlossenheit! und Ausdauer!«

»Dies,« sagt mein Gatte, »ist wahre Philosophie, und sie wirkt um so

nachdrücklicher, weil Sie ihre Wahrheit durch die That beweisen.«

Ich hatte sehr auf den indianischen Sommer (Nachsommer) gezählt, wovon

ich so entzückende Schilderungen gelesen, allein ich muß gestehen, daß

derselbe weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Gleich

zu Anfange dieses Monats (November) hatten wir drei oder vier warme,

trübe, mehr drückende und schwüle Tage. Die Sonne schimmerte roth durch

die neblichte Atmosphäre, die seltsam gestalteten Wolken, welche in

rauchartigen wellenförmigen Massen am Himmel hingen, mit saffrangelbem

und blaß carmosinrothem Lichte färbend, gerade so wie ich dergleichen

an einem heißen schwülen Frühlings-Morgen gesehen habe.

»Nicht ein Lüftchen kräuselte die Wasserfläche, nicht ein Blatt (denn

die Blätter waren noch nicht alle gefallen) regte sich. Diese völlige

Stockung der Luft ward plötzlich durch einen heftigen Sturmwind mit

Schneegestöber unterbrochen, welcher ohne alle Vorzeichen heranbrauste.

Ich stand in der Nähe einer hohen Fichten-Gruppe, die man inmitten

des gelichteten Bodens hatte stehen lassen, und sammelte eben einige

carmosinrothe Flechten (Lichenen); S-- befand sich nur einige Schritt

von mir, mit einem Gespann Ochsen, welche Brennholz zogen. Auf einmal

vernahmen wir ein fernes hohles Rauschen, das mit jedem Augenblick

zunahm, die Luft rings um uns her war vollkommen ruhig. Ich blickte

empor und sah die bisher so regungslosen Wolken mit erstaunlicher

Schnelligkeit in verschiednen Richtungen sich fortbewegen. Ein dichtes

Dunkel verbreitete sich über den Himmel. S--, der ämsig mit den Ochsen

beschäftigt gewesen, hatte nicht gleich bemerkt, daß ich ihm so nahe

war, und rief mir jetzt zu, daß ich so schnell als möglich das Haus

oder eine freie Stelle, fern von den Fichten, zu erreichen suchen

möchte. Unwillkührlich wendete ich mich dem Hause zu, während das

donnernde Getös der in allen Richtungen niederstürzenden Bäume, das

Herabprasseln der Aeste von den Fichten, die ich so eben verlassen, das

Brausen der Windsbraut, welche über den See herabraste, mich die Gefahr

erkennen ließen, die mir gedroht hatte.

Die brechenden Aeste der Fichten, welche, vom Sturme fortgeführt, über

mir umherwirbelten, verfinsterten die Luft; dann kam das blindmachende

Schneegestöber; allein Gott sei Dank! ich konnte den Fortschritten des

Unwetters in Sicherheit zusehen, da ich die Schwelle unsers Hauses

gewonnen. Der Ochsentreiber hatte sich mit dem Gesicht auf die Erde

geworfen, während die armen Thiere in Demuth ihre Köpfe niederhielten

und geduldig den Ausgang des schonungslos wüthenden Sturmes abwarteten.

S--, mein Gatte und alles, was zum Haushalt gehörte, hatte sich in

eine Gruppe vereint und bewachte mit ängstlicher Spannung das wilde

Toben der in Aufruhr begriffnen Elemente. Nicht ein Blatt blieb an den

Bäumen, als der Orcan ausgewüthet, standen sie nackt und kahl da. So

endete die kurze Herrschaft des indianischen Sommers[34].

[Illustration: _Neu gelichtetes Land._]

Meiner Ansicht nach ist die Meinung, welche einige Reisende hegen,

daß nämlich der indianische Sommer durch das jährliche Abbrennen

von Wäldern seitens derjenigen Indianer erzeugt werde, welche die

undurchforschten Gegenden jenseits der größern Seen bewohnen,

ungegründet. Man denke sich nur, welche ungeheure Waldstrecken jährlich

in Flammen aufgehen müßten, um einen Einfluß auf ziemlich das ganze

Continent von Nordamerika zu üben; übrigens finden die Waldbrände

zu der Zeit im Jahre statt, wo das Feuer, wegen der durch die

Herbst-Regengüsse bewirkten Feuchtigkeit des Bodens nicht leicht stark

um sich greift.

Ich möchte vielmehr die besondre Wärme und schwüle düstre

Beschaffenheit der Luft der Gährung jener ungeheuren Masse

vegetabilischen Stoffs zuschreiben, welche während der letzten Hälfte

des Octobers in Zersetzung begriffen ist. Einige haben die Vermuthung

aufgestellt, daß eine große Veränderung hinsichtlich dieser Jahreszeit

stattfinden werde, indem die fortschreitende Lichtung des Landes die

Quantität verwitternder Vegetabilien fortwährend vermindere. Ja ich

habe gehört, daß von denjenigen, welche seit langer Zeit mit dem

amerikanischen Festlande bekannt sind, in der fraglichen Beziehung

schon ein ziemlicher Unterschied bemerkt werde.

Bisher sind meine Erfahrungen, das Klima anlangend, günstig gewesen.

Der Herbst war recht schön, obwohl die Fröste zeitig im September

eintraten, anfangs waren sie gelind und kaum des Morgens fühlbar; aber

gegen den October zeigten sie sich schon strenger und dauernder. Allein

wenn auch die eine Hälfte des Tages kalt ist, so sind doch die Mittags-

und Nachmittags-Stunden warm und angenehm.

Wir fühlen bereits den strengen Eintritt des Winters. Er begann

entschieden mit dem Ende des indianischen Sommers. Der November

gleicht bei weitem nicht demselben Monat in der Heimath (England).

Die erste Hälfte war mild und warm, die letzte kalt, von scharfen

Frösten und gelegentlichem Schneefall begleitet; allein er scheint

nicht den düstern trüben Charakter unsers brittischen Novembers zu

besitzen. Indeß reicht eine kurze Bekanntschaft mit dem Klima nicht

hin, ein richtiges Urtheil über seinen Charakter zu fällen, es bedarf

hierzu einer genauen, während eines mehrjährigen Aufenthalts im Lande

fortgesetzten Beobachtung seiner Eigenthümlichkeiten und Wechsel.

Jetzt muß ich Ihnen erzählen, was mein Gatte auf unserm Grundstück

vornimmt. Zehn Morgen hat er einigen irischen Holzfällern (^choppers^)

übergeben, die sich auf die Dauer des Winters in der Shanty

eingerichtet haben. Sie erhalten für Lichtung und Einfriedigung des

Ackers, das Verbrennen der gefällten Bäume mit inbegriffen, zehn

Dollars. Der Boden muß bis auf die Baumstummel völlig rein sein,

letztere bedürfen, um zu verwittern, neun bis zehn Jahr; die Fichte,

Schierlingstanne und die Tanne halten sich viel länger. Die Entfernung

der Stummel ist für neue Anfänger zu kostspielig; die Arbeits-Löhne

sind so hoch, daß man sich mit Ausführung des unumgänglich Nothwendigen

begnügen muß. Die Zeit, während welcher gearbeitet werden kann, ist

sehr kurz, weil der Frost so lange in der Erde bleibt; mit Ausnahme des

Fällens und Verbrennens der Bäume läßt sich nicht viel thun.

Diejenigen, welche die gehörige Behandlung ungelichteten Landes

verstehen, schneiden zunächst alle kleinere Bäume und alles Unterholz

weg, während diese noch belaubt sind; das gefällte Holz wird in Haufen

gelegt, und die vom Winde umgestürzten Bäume werden der Länge nach

zersägt und im Frühjahr mit dem Winterschnitt (die im Winter gefällten

Bäume) geklaftert. Der Ausgang des Sommers und der Herbst sind die

beste Zeit für besagte Arbeit. Die Blätter werden alsdann völlig

trocken und erleichtern das so wichtige Verbrennen der dicken schweren

Baumstämme um ein Bedeutendes. Ein andrer Grund dazu ist, daß nach

hohem Schneefall das kleine leichte Holz (Unterholz) nicht dicht an

der Erde weggeschnitten, und die todten Aeste und andre Abgänge nicht

gesammelt und in Haufen gelegt werden können.

Wir werden ungefähr drei Morgen für die Frühlingssaat bereit haben,

voraus gesetzt, daß wir mit dem Verbrennen des in der Nähe unsers

Hauses bereits geklafterten Holzes nach Wunsch zu Stande kommen. --

Wir gedenken dieselben mit Hafer, Kürbissen, indianischem Korn und

Kartoffeln zu bepflanzen; die andern zehn Acker sollen für die Einsaat

von Weizen ebenfalls fertig werden. Sie sehen daraus, daß wir noch

lange auf eine Ernte zu warten haben. Selbst Frühlings-Weizen, wenn er

im Laufe des Jahres zur Reife kommen soll, können wir nicht mehr zeitig

genug in die Erde bringen.

Im Frühjahr wollen wir uns wo möglich zwei Kühe zulegen, da diese

Thiere während des Frühlings, Sommers und Herbstes wenig Kosten

verursachen; den Winter über werden wir Kürbisse und Haferstroh für sie

haben.

Fußnoten:

[33] Englische Kochbücher.

[34] Nachsommer.

Neunter Brief.

Verlust eines Ochsen-Gespanns. -- Errichtung eines Log-Hauses.

-- Glaser- und Zimmermanns-Arbeit. -- Beschreibung eines neuen

Log-Hauses. -- Spaziergang auf dem Eise. -- Lage des Hauses. -- See

und umgebende Scenerei.

See-Haus, April 18, 1833.

Es wird Zeit, daß ich Ihnen endlich eine Beschreibung unsers Log-

(Block-) Hauses gebe, in welches wir einige Tage vor Weihnachten

eingezogen sind. Da manche unvorhergesehene Umstände seine Vollendung

vor besagter Zeit verhinderten, so glaubte ich schon, daß es nie würde

bewohnbar werden.

Der erste Unfall, welcher uns traf, war der Verlust eines Gespanns

Ochsen, die wir zum Herbeiziehen der Baumstämme für das zu errichtende

Haus gekauft hatten. Da sie den Busch nicht so angenehm finden

mochten, als die gelichteten Weideplätze ihres vorigen Herrn, oder

weil sie vielleicht harte Arbeit für sich voraus sahen, so kam es

ihnen eines Morgens früh in den Kopf, durch den See, gleich da, wo die

Stromschnellen ihren Anfang nehmen, zu setzen und sich davon zu machen,

keine Spur ihrer Marschroute, außer einigen Fußstapfen am Wasser-Rande,

zurücklassend. Nachdem wir einige Tage vergebens danach gesucht, blieb

die Arbeit liegen, und einen ganzen Monat hindurch waren sie weg, so

daß wir schon alle Hoffnung aufgaben, jemals wieder etwas von ihnen zu

hören. Endlich erfuhren wir, daß sie etwa zwanzig (englische) Meilen

von uns, in einem fernen Stadtbezirk (^township^) angelangt waren und

ihren Weg durch Waldung und Moräste, Bäche und Seen zu ihrem früheren

Besitzer zurückgenommen hatten, von einem Instinkte geleitet, der ihnen

für den Mangel an Straßen und Compaß Ersatz leistete.

Man erzählt Fälle, wo dergleichen Thiere einen Strich wilden Landes

dreißig oder vierzig (englische) Meilen weit, bis zu ihren alten

Weideplätzen, in gerader Linie und auf unbekannten Pfaden, wo ihnen das

Gedächtniß nicht zu Hülfe kommen konnte, durchwanderten. Beim Hunde

betrachten wir Geruch und Gedächtniß als Führer, die ihn zu seiner

fernen Heimath zurückleiten; wie aber soll man sich die fraglichen

Wanderungen jener Ochsen erklären? Sie kehrten durch dichte endlose

Wälder, wo der Mensch mit all seiner Vernunft und Kenntniß den rechten

Weg gewiß verfehlt haben würde, nach Hause zurück.

Der October ging bereits zu Ende, und noch standen nicht einmal die

Wände unsers Hauses. Letzteres zu bewirken, riefen wir »eine Biene«

zusammen: sechszehn unsrer Nachbarn folgten mit großer Bereitwilligkeit

unsrer Aufforderung; und obschon der Tag nichts weniger als günstig

war, so führte unsre Biene ihr Werk doch so treulich aus, daß mit

Einbruch des Abends die Außenwände aufgerichtet waren.

Die Arbeit schritt unter Mithülfe einer reichlichen Quantität

canadischen Nektars (Branntweins), des Honigs, womit unsre Bienen

gestärkt werden, rasch vorwärts. Einige tüchtige eingesalzne

Schweinskeulen, ein Viertel Kartoffeln nebst einem Reispudding und ein

Brod, so dick wie ein gewaltiger Cheshire-Käse, bildeten das Mahl,

womit die fleißigen Leute regalirt wurden. Dies alles wurde in der

Shanty, in einem ziemlich ländlichen Styl, aufgetischt. Kurz, wir

lachten und nannten es einen _Pic-nic in den Urwäldern_; aber wie

roh und einfach auch das Mahl war, so kann ich Ihnen doch versichern,

daß sämmtliche Gäste, hohe und niedre, sehr damit zufrieden waren

und unsre »_Biene_« als eine sehr wohl versorgte priesen. Trotz der

Rangverschiedenheit derer, welche die Biene bildeten, herrschte doch

unter allen die größte Harmonie, und die Gesellschaft ging wohl

zufrieden mit ihrem Tagewerke und der Bewirthung auseinander.

Am folgenden Tage machte ich einen Ausflug, um das neu errichtete

Gebäude in Augenschein zu nehmen; allein ich fand mich sehr unangenehm

überrascht, da es keineswegs das Ansehn eines Hauses hatte. Es war ein

bloses Rechteck von über einander befestigten Scheiten, mit offnen

Räumen zwischen jeder Scheit-Reihe. Die Oeffnungen für Thüren und

Fenster waren noch nicht geschnitten, und die Dachbalken lagen noch

nicht. Mit einem Wort, es war ein seltsamer Bau, und ich kehrte etwas

niedergeschlagen nach Hause zurück, mich nicht wenig wundernd, daß mein

Gatte mit den gemachten Fortschritten so zufrieden war. Einen oder

zwei Tage darauf stattete ich dem Neubau abermals einen Besuch ab. Die

Tragbalken zur Aufnahme der Fußböden waren gelegt, und die Oeffnungen

für die Thüren und Fenster waren in das feste Holz geschnitten, so daß

derselbe nicht mehr so sehr wie zuvor einem Vogelkäfig glich.

Nach Beschindelung des Dachs mußten wir wieder pausiren, da Breter

nicht näher als in Peterborough zu haben waren, und mithin bedurfte es

einer langen Tage-Reise über schreckliche Straßen. Zu dieser Zeit war

noch an keine Sägemühle zu denken, jetzt aber ist eine dergleichen,

nicht weit von uns, im Entstehen begriffen. Unsre Dielenbreter mußten

alle mit der Hand gesägt werden, und es währte ziemlich lange, ehe wir

Jemand zur Verrichtung dieses nothwendigen Werkes finden konnten, und

das zu einem hohen Lohne, ein Shilling und Sechspence für den Tag.

Die Breter langten endlich an, aber natürlicher Weise von unabgepaßtem

Holze; dies war unvermeidlich, und da sie nicht gehobelt werden

konnten, mußten wir uns ihr rohes häßliches Ansehn gefallen lassen;

denn es waren keine besseren zu haben. Ich erinnerte mich jetzt an

die Bemerkung des alten Herrn, mit welchem wir von Cobourg nach dem

Reis-See fuhren. Wir trösten uns mit der Aussicht, daß mit dem nächsten

Sommer sämmtliche Breter abgepaßt sein werden, freilich bedarf es

hierzu einer völligen Umkehrung des Hauses; denn die Breter müssen von

neuem gelegt, gehörig an einander gefügt und gehobelt werden.

Der nächste Unfall, welcher uns betraf, war, daß das Gemisch von Lehm

und Kalk, womit das Haus von innen und außen zwischen den Fugen der

Baum-Scheite berappt werden sollte, in einer einzigen Nacht so hart

wie Stein fror; das Werk war kaum zur Hälfte gediehen, als plötzlich

Frost eintrat und der Arbeit auf einige Zeit ein Ende machte, denn

der gefrorne Mörtel thauete weder im Feuer noch in heißem Wasser auf;

letzteres fror ebenfalls, ehe es noch eine Wirkung auf die Masse

geäußert, und machte die Sache eher schlimmer. Alsdann verwundete sich

der Zimmermann beim Glatthauen der Wände im Innern mit der breiten

Axt und ward hierdurch auf einige Zeit zur Fortsetzung seiner Arbeit

untüchtig.

Ich führe alles dies blos darum an, um die Schwierigkeiten zu zeigen,

welche uns in Vollführung unsrer Pläne hindern, und dies erklärt

zum großen Theil die schlechten Wohnungen, womit sich Ansiedler der

achtbarsten Klasse bei ihrer ersten Ankunft in diesem Lande begnügen,

und dies keineswegs aus Neigung sondern aus Nothwendigkeit; ich könnte

Ihnen Schilderungen der Art geben, die Sie in Erstaunen setzen würden.

Jedenfalls dient es dazu, uns zufriedner und gleichgültiger zu machen,

wenn wir um uns her nur wenige in bessern, ja viele, die mit uns von

gleichem oder vielleicht noch höherem Range sind, in noch schlimmeren

Verhältnissen erblicken, als dies, verhielte sich die Sache anders, der

Fall sein würde.

Jedermann in diesem Lande muß selbst den Glaser machen; Sie werden

darüber lachen, allein, will er keine zerbrochnen Fensterscheiben sehen

und die davon herrührenden Unannehmlichkeiten fühlen, so muß er lernen,

sie mit eigner Hand in seine Fensterrahmen einzuziehen. Handwerker

sind, gerade wenn man sie braucht, in den Urwäldern nicht immer leicht

zu haben, und es hieße sehr verkehrt handeln, wenn man zur Ausbesserung

seiner Fenster einen Glaser theuer bezahlen und auf seine Unkosten

eine zweitägige Reise von der nächsten Stadt machen lassen wollte.

Glastafeln von verschiedner Größe kann man bei den Vorrathshändlern

sehr wohlfeil kaufen. Mein Gatte machte sich ein Vergnügen daraus, das

Glas in seine Fenster, ehe diese eingehängt wurden, selbst einzuziehen.

Eine genaue Bekanntschaft mit dem Gebrauch der Werkzeuge des

Zimmermanns ist hier, glauben Sie mir, viel werth, und ich empfehle

jedem jungen Mann, der nach Canada auswandern will, sich mit diesem

schätzbaren Metier so viel als möglich bekannt zu machen, da er andern

Falls oft in große Verlegenheit gerathen dürfte.

Höchst lächerlich erschienen mir die Bemerkungen einer superfeinen

Dame, der unwilligen Theilnehmerin an der Auswanderung ihres Gatten,

als sie den Sohn eines See-Offiziers von einigem Range im Dienste

ämsig mit Fertigung einer Axt-Handhabe aus einem Stück Felsen-Ulme

beschäftigt sah.

»Ich wundre mich, daß Sie _George_ sich so erniedrigen lassen,«

bemerkte sie, sich an dessen Vater wendend.

Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin. · 第 9 / 26 段