sieht man den Otanabee, der mit großer Gewalt durch sein felsiges
Bett strömt und im Kleinen denen des Laurence ähnliche Stromschnellen
bildet, seine dunkeln Fichten-Wälder verleihen der Scenerei eine höchst
eindrucksvolle Erhabenheit. Zur Linken liegt unten ein anmuthiges
einsammes, mit Epheu, Cedern, Schierlingstannen und Fichten bedecktes
Thal. Durch dieses Thal führt ein Weg zu einer hübschen Meierei,
deren grüne Triften durch das Nichtvorhandensein der abscheulichen
Baumstummel, welche die gelichteten Orte in diesem Theil der Gegend
entstellen, noch angenehmer sind; ein hübscher klarer Bach fließt durch
die niedrige, am Fuße des Berges liegende Wiese, zu welcher herab
ein steiler Pfad dicht neben einer Korn-Mühle führt, die durch das
Wasser des Bachs getrieben wird, gerade an der Stelle, wo er mit den
Flußschnellen zusammen trifft.
Ich nannte diesen Platz »Glen Morrison,« theils zur Erinnerung an die
liebliche Thalschlucht Morrison in den (schottischen) Hochlanden,
theils weil der Ansiedler, dem er gehört, so heißt.
Unsre Fortschritte waren nur langsam, wegen der Unebenheit der
Straße, die mit unzähligen Hindernissen in Gestalt loser Granit-
und Kalkstein-Blöcke, die auf den Ufern des Flusses und der Seen
in Ueberfluß ausgestreut sind, bedeckt ist; nicht zu erwähnen der
umgestürzten Bäume, vorspringenden dicken Wurzeln, Lachen und
Knittel-Brücken, über die der Fahrende, hop, hop, hop wegrumpelt,
bis ihm jedes Glied schmerzt, gleichsam als wäre es ausgerenkt. Ein
erfahrner Busch-Reisender vermeidet manchen harten Stoß, indem er sich
bald erhebt, bald gegen die Seiten seines rohen Fuhrwerks drückt.
Da der Tag vorzüglich schön war, stieg ich oft aus dem Wagen und ging
mit meinem Gatten eine englische Meile und darüber zu Fuße.
Bald verloren wir den Fluß gänzlich aus dem Gesicht und gelangten
in die tiefe Einsamkeit des Waldes, wo nicht ein Laut die fast
grauenvolle, rings um uns herrschende Stille unterbrach. Kaum ein Blatt
oder Ast regte sich, nur dann und wann vernahm unser Ohr das Rauschen
des Windes, der die hohen Häupter der Kiefern und Tannen in Bewegung
setzte und eine rauhe und traurige Cadence erweckte; dies und das
Hämmern des rothköpfigen und grauen Baumhackers gegen die Stämme
der verwitternden Bäume, oder das gellende pfeifende Geschrei des
kleinen gestreiften Eichhörnchens, von den Eingebornen _Tschitmunk_
genannt, waren die einzigen Laute, welche in das Schweigen der Wildniß
hineintönten. Nicht minder befremdete mich die Abwesenheit animalischen
Lebens. Mit Ausnahme des vorerwähnten _Tschitmunk_ kreuzte während
unsrer langen Tage-Reise in den Wäldern kein lebendiges Wesen unsern
Pfad.
[Illustration: _Ein durch die Urwälder gehauener Pfad._]
In diesen ungeheuern Einöden, sollte man natürlicher Weise meinen,
müsse die Abwesenheit des Menschen einen Ueberfluß an wilden Thieren
erzeugen, insofern diese frei und unbelästigt daselbst hausen, allein
gerade das Gegentheil findet hier statt. Beinahe alle hiesige wilde
Thiere trifft man häufiger in den gelichteten Distrikten als in den
Wäldern. Die Betriebsamkeit des Menschen erleichtert ihre Existenz, sie
können ihre Bedürfnisse in seiner Nähe besser befriedigen als in ihren
dürftigen Wäldern.
Man hört beständig von Verheerungen, welche Wölfe, Bäre, Waschbäre,
Luchse und Füchse in den seit langer Zeit angebauten Theilen der
Provinz angerichtet haben. In den Urwäldern ist die Erscheinung eines
wilden Thieres ein weit seltnerer Umstand.
Hinsichtlich der Waldbäume fand ich meine Erwartungen getäuscht, ich
hatte geglaubt, große bemooste Riesen anzutreffen, fast von gleichem
Alter mit dem Lande selbst und in majestätischem Wuchs den Bäumen
meiner heimathlichen Inseln fast eben so sehr überlegen, als die
ungeheuren Seen und gewaltigen Flüsse Canadas den Teichen und Flüssen
Britaniens überlegen sind.
Es mangelt hier den Wäldern an malerischer Schönheit. Blos die noch
jungen Bäumchen haben einige Ansprüche auf zierliche Formen; indeß
muß ich die Schierlingstanne ausnehmen, deren Wuchs äußerst schön
und schlank ist, und die durch ihr liebliches muntres Grün das Auge
erfreut. Selbst wenn der Winter den Wald seines Laubes entkleidet,
bleibt sie ein schöner grünender Baum. Die jungen Buchen nehmen
sich ebenfalls recht hübsch aus; allein man vermißt jene schattigen
Laub-Gewölbe, die in unsern heimathlichen Parken und Wäldern so
entzückend und romantisch sind.
Die canadischen Wälder entbehren jenes Ansehn ehrwürdigen Alterthums.
Hier giebt es keine weitspreizigen Eichen, welche man die Patriarchen
des Waldes nennen könnte. Ein frühzeitiges Absterben scheint ihr Loos
zu sein. Sie werden vom Sturme entwurzelt und sinken in ihrer ersten
Reife zu Boden, um einer neuen Generation zu weichen, welche bestimmt
ist, ihre Stelle auszufüllen.
Die Tannen und Fichten sind unstreitig die schönsten Bäume. Was Größe
anlangt, werden sie von keinem übertroffen. Sie thürmen sich über alle
andere Bäume empor, eine dunkle Linie bildend, die man in meilenweiter
Entfernung unterscheiden kann. Aber gerade ihre Höhe ist schuld daran,
daß sie vor ihren Brüdern dem Ungestüm der Winde nachgeben, da ihre
Gipfel der vollen und ungebrochnen Gewalt des Luftstroms ausgesetzt
sind; daher kommt es, daß der Boden stets mit den verwitternden Stämmen
riesenhafter Tannen und Fichten bestreut ist. Desgleichen scheinen sie
der innern Verderbniß und der Verheerung durch Blitzstrahl und Feuer
mehr ausgesetzt zu sein als andre Bäume.
Wie viel ich auch von der schlechten Beschaffenheit der Straßen Canadas
gelesen und gehört hatte, so war ich doch auf keine solche vorbereitet,
wie wir an diesem Tage bereisten; für wahr, sie verdient kaum den Namen
einer Straße, sie ist nichts weiter als ein durch den Wald gelichteter
Pfad. Die Bäume sind umgehauen und auf die Seite gelegt, um einen Wagen
passiren zu lassen.
Die Moräste und kleinen Waldbäche, welche gelegentlich den Weg
unterbrechen, sind durch dicht neben einander gelegte Baumstämme
passirbar gemacht; das furchige und streifige Ansehen dieser Brücken
hat ihnen, nicht unpassend den Namen Corduroy (geripptes Zeug)
verschafft.
Ueber diese abscheulichen Corduroys (Knüttelbrücken) rumpelt der
Wagen, von Scheit zu Scheit springend, mit Stößen, wozu man gute Miene
machen muß. Können Sie dergleichen Hoppas und Erschütterungen ohne ein
saures Gesicht ertragen, so übertrifft Ihre Geduld und philosophische
Gleichmuth die meinige bei weitem; bisweilen lachte ich, weil ich nicht
weinen mochte.
Denken Sie sich Ihre Tochter auf Säcken, Koffern und allerlei Packeten
sitzend, und dies in einem Wagen, der nicht viel besser war als ein
grob aus Tannenholz gezimmerter, auf Räder gesetzter Kasten; die
Seiten davon waren blos mit Pflöcken befestigt, so daß ich mich in
eben keiner behaglichen Lage befand, da die nur erwähnten Seitentheile
beständig heraus sprangen. Gerade inmitten einer tiefen Koth-Lache
brach das vordere Schutzbret ab, und mit ihm zugleich purzelte unser
Wagenlenker, in Folge des erhaltnen Stoßes, in den Koth, der arme
Teufel, wußte gar nicht, wie ihm geschehn, als er sich plötzlich in
einen Morast versetzt sah. Was mich anlangt, so blieb ich, weil ich
nichts dabei thun konnte, ruhig auf meinem Sitze und erwartete geduldig
die Wiederkehr der Ordnung. Diese war bald hergestellt, und alles ging
eine Weile wieder gut, bis wir gegen einen gewaltigen Fichten-Stamm
anfuhren, welcher dem schlecht gezimmerten Wagen einen solchen Stoß
versetzte, daß eins von den Bretern, die den Fußboden bildeten, und mit
diesen ein Sack Mehl und ein andrer mit eingesalznem Schweinfleisch,
beide auf ihrer Wanderung nach dem Hause eines Ansiedlers begriffen, an
dessen Niederlassung unser Weg vorbei führte, herabtanzten. Ein guter
Wagenlenker läßt sich indeß selten durch dergleichen Kleinigkeiten
entmuthigen.
Er ist oder sollte mit einer Axt versehen sein. Jede Karre, jeder
Wagen, mit einem Wort, jede Art Reise-Fuhrwerk sollte ein dergleichen
Werkzeug führen; da Niemand die Hindernisse voraussehen kann, die sich
seinen Fortschritten im Busche wiedersetzen dürften.
Den Unfällen, welche uns betrafen, ließ sich zum Glück leicht begegnen.
Die Seitentheile erheischten blos einen starken Pflock, und die losen
Breter des Fußbodens waren bald wieder befestigt, worauf es abermals
über Wurzeln, Baumstummel, Steine, Löcher und Knüttelbrücken wegging;
und der Wagen, nach wie vor, bald an einen noch stehenden Stamm stieß
und bald über einen umgestürzten Baum wegrumpelte, und wir dabei
natürlicher Weise einen Stoß auszuhalten hatten, der ein leichteres
Fuhrwerk, als ein canadischer Wagen ist (?), gewiß zertrümmert haben
würde; jedenfalls ist letztrer für Straßen, wie man sie im Busche
findet, auf eine bewundernswürdige Weise geeignet.
Die Klugheit der Pferde in diesem Lande verdient wirklich Bewunderung.
Ihre Geduld in Ueberwindung der Schwierigkeiten, welchen sie zu
begegnen haben, ihre Geschicklichkeit in Vermeidung von Steinen
und Löchern, und ihr sicheres Fußen auf den runden, schlüpfrigen
Baumstämmen der Scheit-Brücken (^Log-bridges^) macht sie äußerst
schätzbar. Was ihnen an Geist und Schnelligkeit, wodurch sich unsre
(englische) Rasse-Pferde auszeichnen, gebricht, ersetzen sie reichlich
durch ihre Sanftmuth, Stärke und Geduld. Dies sind in der That große
Vorzüge, und zum Reisen auf solchen Wegen, wie der eben geschilderte,
sind sie, die Sicherheit des Kutschers und der Passagire anlangend,
unentbehrlich und würden durch kein brittisches Pferd ersetzt werden
können. Uebrigens mangelt es den canadischen Pferden, bei gutem
Futter und gehöriger Pflege, keineswegs an schöner Farbe, Größe oder
zierlicher Form. Zum Fortschaffen der gefällten Baumstämme braucht man
sie selten, hierzu so wie zu allen rohen und schweren Arbeiten zieht
man den Ochsen vor.
Eben als uns die zunehmende Dunkelheit des Waldes an die Annäherung des
Abends erinnerte, und ich müde und hungrig zu werden begann, äußerte
unser Wagenlenker, mit einiger Beschämung, er fürchte, daß er den
rechten Weg verfehlt habe, wie aber, wisse er nicht, da er doch nur
einen Pfad vor sich sehe.
Wir waren ungefähr zwei englische Meilen von der letzten Ansiedlung
entfernt, sollten aber, wie er sagte, wofern wir uns auf dem rechten
Wege befänden, im Angesicht des Sees sein. Wir kamen, als das Beste,
was wir thun konnten, dahin überein, daß, während wir nebst dem
Fuhrwerk zurück blieben, er selbst vorwärts gehen und erforschen
sollte, ob wir in der Nähe des Wassers wären, und daß wir, wenn sich
das Gegentheil ergäbe, nach dem Hause, an welchem wir vorbei gekommen,
zurückkehren und nach dem rechten Wege fragen wollten.
Nachdem er wohl eine halbe englische Meile weit vorwärts gelaufen,
kehrte er mit niedergeschlagner Miene zurück, erklärend, daß wir
uns jedenfalls verirrt hätten, da er nirgends Wasser gesehen, und
die Straße, auf der wir uns befänden, sich in einen Cedern-Moor zu
endigen scheine. Denn je weiter er gekommen, desto dichter hätten die
Schierlingstannen und Cedern gestanden; da wir nun kein Verlangen
fühlten, unsre Ansiedlung mit einer Nachtherberge in einem Moraste zu
beginnen, wo, wie sich unser Führer ausdrückte, die Cedern so dicht
standen, wie die Haare auf einem Katzenrücken, so beschlossen wir, nach
der bezeichneten Stelle zurückzukehren.
Nach einigen Schwierigkeiten war der Rumpelwagen umgelenkt, und wir
begannen langsam unsern Rückzug. Kaum hatten wir eine halbe englische
Meile zurück gelegt, als ein Knabe des Weges daher kam und uns sagte,
wir möchten nur immer wieder umkehren, da kein andrer Weg nach dem See
führe; diesem Rathe fügte er etwas spöttisch die Bemerkung hinzu:
»Hättet Ihr den Busch so gut gekannt, wie ich ihn kenne, so würdet
Ihr nicht so einfältig gewesen sein, wieder umzulenken, da Ihr doch
auf dem rechten Wege waret. Es weiß ja jedes Kind, daß die Cedern und
Schierlings-Tannen, je näher dem Wasser, desto dichter wachsen; jetzt
müßt Ihr zu eurer Strafe den nämlichen Weg noch einmal machen.«
Es war finster, und nur die Sterne funkelten mit mehr als gewöhnlichem
Glanze, als wir plötzlich aus dem tiefen Walddunkel an die Ufer eines
schönen kleinen Sees hervortauchten, der uns zufolge des Contrastes
der dunkeln Laubmassen, die über ihn herabhingen, und der thurmhohen
Fichten, die ihn umgeben, um so heller erschien.
Hier auf einem großen, mit einem weichen Mooskissen bedeckten
Kalkstein-Block, unter dem Schatten von Cedern, die den See bekränzen,
-- umgeben von Koffern, Kisten, Schachteln und Gepäck, die der Fuhrmann
eilig vom Wagen geworfen, saß ich in angstvoller Erwartung einer
antwortenden Stimme auf das lange und wiederholte Hollarufen meines
Gatten.
Als aber das Echo seiner Stimme verhallt war, hörten wir nichts als
das Brausen der Stromschnellen und das ferne und wilde Rauschen eines
Wasserfalls, ungefähr eine halbe englische Meile unterhalb der letztern.
Nirgends konnten wir eine Spur von menschlichen Wohnungen, nirgends den
tröstlichen Schimmer eines Lichtes vom Ufer her gewahren. Vergebens
strengten wir unsre Ohren an, das Plätschern des Ruders oder den
willkommnen Klang einer menschlichen Stimme oder das Bellen eines
Haushundes zu vernehmen, und hierdurch Gewißheit zu erlangen, daß wir
die Nacht nicht in dem einsamen Walde zubringen würden.
Wir fürchteten jetzt, daß wir wirklich den Weg verloren. An einen
Versuch, ohne Führer durch das wachsende Dunkel des Waldes in
Aufsuchung der rechten Straße zurückzukehren, war nicht zu denken,
denn diese war so undeutlich, daß wir uns bald in dem Dickicht verirrt
haben würden. Das letzte Knarren der Wagen-Räder erstarb allmälig in
unsern Ohren, das Fuhrwerk einzuhohlen würde uns unmöglich gewesen
sein. Unter diesen Umständen bat mich mein Gatte, ruhig zu bleiben, wo
ich war, während er sich selbst durch das dicht verschränkte Buschholz
längs dem Ufer arbeitete, in der Hoffnung, eine Spur von dem Hause,
welches wir suchten, und das, seiner Vermuthung nach, in der Nähe sein
mußte, wahrscheinlich aber durch eine dichte Baum-Masse unsern Augen
verborgen war, zu erblicken.
Als ich so, von den Schatten der Nacht umhüllt, schweigend im Walde
zubrachte, wanderten meine Gedanken allmälig über den atlantischen
Ocean zu meiner theuren Mutter, zu meiner alten Heimath zurück; ich
dachte mir Ihre Gefühle, wenn sie mich in diesem Augenblick hätten
sehen können, wie ich so einsam und in tiefem Schweigen auf dem alten
bemoosten Steine in der waldigen Wildniß saß, viele hundert Meilen von
allen jenen heiligen Banden der Blutsverwandtschaft, von jenen Scenen
und Erinnerungen der Kindheit entfernt, welche die Heimath jedem so
theuer machen. Es war ein Augenblick, der mich ganz die Wichtigkeit
des Schrittes fühlen ließ, den ich gethan, als ich freiwillig das
Loos eines Emigranten theilte -- mein Geburtsland verließ, das ich
aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen dürfte. Allein so groß
das Opfer war, fühlte ich doch selbst in diesem Augenblick, in meiner
seltsamen Lage, keine Reue, keine Entmuthigung. Heiliger Friede zog in
mein Herz ein, beschwichtigte meine aufgeregten Gefühle und versetzte
meinen Geist in eine Ruhe und Stille, die eben so ungetrübt und
ungestört waren, wie die sich zu meinen Füßen ausbreitende Wasserfläche.
Meine Träumerei wurde durch das leichte Plätschern eines Ruders
unterbrochen, und ein heller Lichtschein ließ mich einen über den See
gleitenden Nachen erblicken. Nach wenigen Minuten grüßte mich eine
wohlbekannte, freundliche Stimme, während die kleine Barke zwischen
den Cedern gerade zu meinen Füßen angelegt wurde. Mein treuer Gefährte
hatte einen vorspringenden Winkel des Ufers gewonnen und von da aus
den willkommnen Schimmer des Holzfeuers in dem Log-Hause gesehn, nach
einigen Schwierigkeiten war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit seiner
Bewohner zu erregen. Man hatte daselbst die Hoffnung, daß wir an diesem
Tage eintreffen würden, längst aufgegeben, und unser erstes Rufen und
Pfeifen war fälschlich für das ferne Geläute von Kuhglocken im Walde
genommen worden; dies war an dem Aufschub schuld, der uns in so große
Verlegenheit gebracht hatte.
An dem hellen, auf dem Heerde des Log-Hauses, worin S-- mit seiner
Gattin recht bequem wohnte, lodernden Feuer, vergaßen wir bald unsre
ermüdende Wanderung. Ich wurde der Dame vom Hause gebührender Maßen
vorgestellt, und trotz allen Einwürfen von Seiten der zärtlichen und
besorgten Mutter wurden drei schlummernde Kinder, eins nach dem andern,
aus ihren Wiegen genommen und von dem stolzen und entzückten Vater den
Gästen gezeigt.
Wir wurden mit jener Zuvorkommenheit und Innigkeit willkommen geheißen,
die dem Herzen so wohlthätig ist, die Begrüßung war eben so aufrichtig
als liebreich. Kein Mittel blieb unversucht, unsre einstweilige
Einrichtung so bequem als möglich zu machen, und wenn sie auch der
Eleganz entbehrte, woran wir in England gewöhnt gewesen, so fehlte es
ihr doch nicht an ländlicher Behaglichkeit; jedenfalls war sie von der
Art, wie sie sich Ansiedler ersten Ranges nur immer wünschen können,
und gewiß sind viele derselben zu Anfange nicht halb so gut logirt
gewesen, als wir es gegenwärtig sind.
In der That können wir uns glücklich schätzen, daß wir nicht sogleich
die rohe Shanty zu beziehen brauchen, welche ich Ihnen als die einzige
Wohnstätte auf unserm Grund und Boden geschildert habe. Diese Prüfung
unsers Muthes hat uns S-- gütig erspart, der durchaus darauf bestand,
daß wir so lange unter seinem gastlichen Dache bleiben sollten, bis
unser eignes Haus fertig und beziehbar sein würde. Hier also sind wir
zur Zeit _fixirt_[31], wie sich die Canadier ausdrücken; und wenn ich
auch manche kleine Bequemlichkeiten und Luxusgegenstände entbehre, so
erfreue ich mich doch einer trefflichen Gesundheit und eines frischen
Lebensmuthes, und fühle mich in der Gesellschaft meiner Umgebung
wahrhaft glücklich.
Die Kinder sind bereits ganz in mich vernarrt. Sie haben meine
Leidenschaft für Blumen entdeckt und suchen danach zwischen den
Baumstummeln und längs dem Seeufer, um sie mir zu überbringen. Ich
habe eine Sammlung angefangen, und obgleich die Jahreszeit schon weit
vorgeschritten ist, so kann sich mein Herbarium doch mancher schönen
Farnkräuter rühmen; desgleichen enthält es das gelbe canadische
Veilchen, welches zweimal im Jahre, nämlich im Frühling und Herbst[32]
blüht; zwei Herbst-Maßlieben, (^Michaelmas daesies^), wie man hier die
strauchartigen Astern nennt, deren Varietäten sehr zierlich sind; und
eine Ranke der Fichten-Guirlande (^festoon pine^), ein allerliebstes
Immergrün mit kriechenden Stengeln, die drei bis vier Yards auf der
Erde hinlaufen. Es sendet in Entfernungen von fünf bis sechs Zoll
gerade, steife, grüne Stengel nach oben und gleicht hinsichtlich
seiner dunkeln, glänzend grünen, spelzartigen Blätter einigen unsrer
Haide-Arten. Die Amerikaner schmücken ihre Fenster und Spiegel mit
Guirlanden von dieser Pflanze und den getrockneten Blumen der oben
erwähnten Immortelle (^life everlasting^); wir nennen diese hübschen
weißen und gelben Blumen ^Love everlasting^ (ewige Liebe). Auf meinen
Wanderungen im Walde unfern des Hauses habe ich ein kriechendes Gewächs
entdeckt, welches ziemliche Aehnlichkeit mit der Ceder hat und nicht
unpassend mit dem Namen der kriechenden Ceder (^ground or creeping
cedar^) bezeichnet werden könnte.
Da sehr Viel von der Flora dieser unangebauten Theile des Landes dem
Naturkundigen unbekannt ist, und die Pflanzen ganz namenlos (?) sind,
so nehme ich mir die Freiheit, ihnen nach Neigung oder Laune Namen zu
geben. Allein indem ich von Pflanzen und Blumen schreibe, vergesse ich,
daß Sie lieber von den Schritten hören dürften, die wir auf unserm
Grundeigenthum gethan haben.
Mein Gatte hat Leute zum Aufschichten (^log^) des Holzes, das ist die
Zusammenlegung der gefällten Bäume in Haufen und deren Verbrennung,
so wie auch zur Lichtung eines Platzes für ein zu erbauendes Haus
gemiethet. Er hat auch einen Vertrag mit einem jungen Ansiedler in
der Nachbarschaft geschlossen, wonach dieser sich anheischig macht,
unsre künftige Wohnung für eine bestimmte Summe, einem bestimmten
Plan gemäß, von außen und innen völlig in Stand zu setzen. Wir
werden indeß »_die Biene_« rufen und für alles sorgen, was zur
Unterhaltung unsers würdigen _Bienenstocks_ erforderlich ist. Nun
müssen Sie wissen daß eine _Biene_ in amerikanischer Sprechweise
oder Phraseologie, jene freundschaftliche Vereinigung von Nachbarn
bedeutet, die nach erhaltener Aufforderung sich versammeln, um die
Wände eines Hauses, einer Shanty, Scheune oder irgend eines andern
Gebäudes aufzurichten: dies ist eine »aufrichtende Biene,« (^raising
bee^). Außerdem giebt es ^logging bees^, welche die gefällten Bäume
zusammenschichten und verbrennen; ^husking bees^, die von den Stämmen
die Rinde abschälen; ^chopping bees^, welche den Boden lichten, u. s.
w. Die Beschaffenheit der zu verrichtenden Arbeit giebt der Biene
den Namen. In den volkreichen, seit langer Zeit angebauten Distrikten
findet dieses Verfahren nur selten statt, allein es ist von großem
Nutzen und für neue Ansiedler in abgelegnen Stadtbezirken, wo die
Arbeitslöhne verhältnißmäßig hoch und Arbeiter schwer zu erlangen sind,
unentbehrlich.
Denken Sie sich die Lage eines Auswandrers, der mit Weib und Kindern,
welche letztre möglicher Weise noch zu klein sind, um ihm im Fällen
und Wegräumen der Bäume, Errichtung einer Wohnstätte u. s. w. den
geringsten Beistand leisten zu können, auf einer Parzelle wilden Landes
anlangt, wie traurig muß dieselbe sein, wofern er nicht schnelle und
thätige Hülfe von seinen nächsten Umgebungen erhält.
Dieses lobenswerthe Verfahren ist ein Erzeugniß der Nothwendigkeit, das
jedoch auch seine Nachtheile hat, als z. B. wenn die Zusammenberufung
behufs einer Gegenhülfe zu einer den übrigen Ansiedlern ungelegnen
Zeit geschieht; indeß ist es eine unerläßliche Pflicht, freudig und
willig den Zoll der Dankbarkeit zu entrichten, und es wird in der That
als eine Ehrenschuld betrachtet; man kann nicht gezwungen werden, zur
Vergeltung des erhaltnen Beistandes einer dergleichen Versammlung
(^bee^) beizuwohnen, aber gewiß wird sich keiner, wenn es nur irgend
möglich ist, und wofern ihn nicht dringende Umstände abhalten,
weigern, dieses zu thun; und ist man nicht im Stande, persönlich zu
erscheinen, so kann man einen Dienstboten oder Ersatzmann, oder, wenn
man dergleichen hat, auch Zugvieh senden.
In keiner Lage und unter keinerlei andern Umständen zeigt sich das
Gleichheits-System Amerikas in einem so vortheilhaften Lichte als bei
dergleichen Zusammenkünften. Alle Unterschiede, die Rang, Erziehung
und Reichthum ertheilen, werden für die Zeit freiwillig auf die
Seite gesetzt. Der wohlerzogne Sohn des Edelmanns, und der des armen
Handwerkers, Offiziere und Gemeine, der unabhängige Ansiedler und
der Tagelöhner vereinigen sich freudig und ohne Widerspruch zu einem
gemeinschaftlichen Werke. Jeder fühlt sich von dem wohlwollenden
Verlangen getrieben, dem Hülflosen zu helfen und seine Kräfte zur
Errichtung einer Wohnstätte für den Obdachlosen zu verwenden.
Gegenwärtig ist erst ein so kleiner Theil Wald auf unsrer Parcelle
gelichtet, daß ich wenig oder nichts von dem Platze, wo wir uns
häuslich niedergelassen, sagen kann, nur so viel will ich bemerken, daß
er an eine schöne Wasserfläche stößt, welche eins von den Gliedern der
Otanabee-See-Kette bildet. Das nächstemal sollen Sie jedenfalls eine
ausführlichere Schilderung erhalten.
Vor der Hand sage ich Ihnen Lebewohl!
Fußnoten:
[30] Diese Concessions-Linien sind gewisse Abtheilungen der
abgesteckten Stadtbezirke; diese sind wieder in eben so viele Parcellen
von 200 Morgen getheilt. Die Concessions-Linien pflegten durch weite,
durch den Wald gehauene Alleen bezeichnet zu werden, so daß sie eine
Communication zwischen den einzelnen Abtheilungen bildeten, allein
dieser Plan machte zu viel Arbeit; in wenigen Jahren schossen junge
Bäumchen auf und verschlossen den gelichteten Pfad dergestalt, daß
er von geringem Nutzen war. Die Grenzen der neuerdings abgesteckten
Stadt-Bezirke sind blos durch gekerbte Bäume bezeichnet.
[31] ^Fixed^ (einlogirt).
[32] ^In the fall^, wie die Canadier den Herbst ausdrucksvoll
zu bezeichnen pflegen.
Achter Brief.
Unannehmlichkeiten, die mit einer noch neuen Ansiedlung verbunden
sind. -- Schwierigkeit, Nahrungsmittel und andre nöthige Artikel
zu erlangen. -- Schneesturm und Orkan. -- Indianischer Sommer und
Eintritt des Winters. -- Verfahren bei Lichtung des Bodens.