Hinter der Stadt, in der Richtung der Cavan- und Emilien- (^Emily^)

Straße, breitet sich ein weiter Raum aus, den ich ^Squatter's ground^

nenne, weil er ganz mit Shanties bedeckt ist, worin die armen

Auswandrer, ausgelößte Pensionairs[26] und dergleichen Leute sich mit

ihren Familien niedergelassen haben. Einige bleiben hier, um, wie sie

vorgeben, ein einstweiliges Obdach für ihre Weiber und Kinder zu haben,

bis sie mit Errichtung eines Hauses auf dem ihnen bewilligten Grund und

Boden zu deren Aufnahme zu Stande gekommen; aber nicht selten geschieht

es, daß sie aus Trägheit oder wirklichem Unvermögen, das ihnen oft

meilenweit von hier in den Urwäldern und in noch ganz unbebauten

Ortschaften oder Stadtbezirken[27] zugetheilte Land zu bearbeiten,

verkümmern, indem sich ihnen zu große Schwierigkeiten und Hindernisse

entgenstellten, deren Besiegung mehr Energie und Muth erfordert, als

viele derselben besitzen. Andre, zu Müßiggang und Ausschweifungen

geneigt, vergeuden das empfangene Geld und verkaufen das Land, wofür

sie ihre Pensionen aufgaben, und müssen dann nothwendiger Weise in

Armuth und Elend auf dem Shanty-Grunde hocken bleiben.

Die Shanty ist eine Art Hütte im ursprünglichen canadischen Baustyl,

und nichts weiter als ein aus unbehauenen Baumstämmen oder Scheiten

(^logs^) zusammengezimmerter Schuppen; die Fugen zwischen den runden

Rändern (^round edges^) der Baumstämme sind mit Schlamm oder Lehm, Moos

oder Holzschnitzeln ausgefüllt; das Dach besteht häufig aus gespaltnen

und mit der Art ausgehöhlten Bäumen, die neben einander gelegt sind,

so daß die Kanten auf einander ruhen; die hohlen und convexen Flächen

sehen abwechselnd nach oben, und so bildet ein Scheit (gespaltner

Baumstamm) um das andre eine Rinne zur Ableitung des Regens und

schmelzenden Schnees. Die Traufen eines solchen Gebäudes gleichen den

wellenförmigen Rändern einer Kammmuschel; allein so roh dieses Dach

ist, entspricht es doch dem Zweck, das Innere trocken zu erhalten, weit

wirksamer als die aus Rinde oder Bretern gebildeten Dächer durch welche

der Regen nur zu leicht Eingang findet. Bisweilen hat die Shanty ein

Fenster, bisweilen nur einen offnen Thorweg, welcher das Licht ein-

und den Rauch ausläßt[28]. Eine rohe Esse, oft nichts weiter als

ein in die obersten Dachbäume, über dem Heerde, geschnittne und in

viereckiger Form roh mit Bretern umgebne Oeffnung dient zum Auslassen

des Rauches; die einzige Vorsichtsmaßregel, um zu verhindern, daß die

Scheit-Wände nicht Feuer fangen, besteht in Anbringung einiger großen

Steine in halbkreisartiger Form, oder noch gewöhnlicher, einer Lage

trockner Erde zwischen Heerd und Wand.

[Illustration: _Log-Haus._]

[Illustration: _Hölzernes Dorf._

(_Logdorf und Ankunft eines Postwagens._)]

Nichts kann unbehaglicher sein als einige dieser mit Rauch und Schmuz

gefüllten Shanties, der gemeinliche Zufluchtsort für Kinder, Schweine

und Geflügel. Allein ich habe Ihnen bis jetzt nur die Schatten-Seite

des Gemäldes gegeben; und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß

nicht alle Shanties auf dem Squatter's-Grunde der geschilderten

gleichen; im Gegentheil die Mehrzahl war von behenden muntern Leuten

bewohnt und hatte sogar zwei Fenster und einen von Lehm regelrecht

durch das Dach geführten Schornstein, ja einige waren sogar roh

gedielt, und fast eben so bequem eingerichtet, wie die kleinen

Log-Häuser.

Sie dürften es vielleicht befremdend finden, wenn ich Ihnen versichre,

daß manche achtbare Emigranten mit ihren Weibern und Kindern, Personen

von zartem Körperbau und, ehe sie hierher kamen, an jede Bequemlichkeit

gewöhnt, sich begnügt haben, während des ersten oder der zwei ersten

Jahre ihrer Ansiedelung in den Wäldern eine dergleichen Hütte zu

bewohnen.

Mit einiger Theilnahme habe ich die Erzählungen von den Beschwerden

und Mühseligkeiten angehört, die einige der ersten Ansiedler in der

Nachbarschaft, als Peterborough nur erst zwei Wohnhäuser enthielt,

erduldet haben. Damals gab es hier weder durch die Waldung gehauene

Straßen noch Boote zur Communication mit den entlegnen, bereits

angebauten Theilen des Distriktes; daher denn die Schwierigkeiten,

sich die nöthigen Mund-Vorräthe und andre Bedürfnisse zu verschaffen,

weit größer waren, als sich irgend einer von den spätern Ankömmlingen

vorstellen kann.

Als ich von einer ganzen Familie hörte, die keinen bessern Mehlvorrath

hatte, als was täglich auf einer kleinen Handmühle gemahlen

werden konnte, und vier Wochen hindurch fast von allen nöthigen

Lebensbedürfnissen, selbst Brod nicht ausgenommen, entblößt war, konnte

ich unmöglich meine Verwunderung verheimlichen, daß ich in den über

Auswanderung erschienenen Büchern von dergleichen Uebeln auch nicht

ein Wort gelesen, das den künftigen Ansiedler darauf hätte vorbereiten

können.

»Diese besondern Prüfungen,« bemerkte mein verständiger Freund,

»beschränken sich hauptsächlich auf die ersten Ankömmlinge, welche sich

in den noch völlig unangebauten Theilen des Landes niederlassen, wie

dies unser Fall war. Fragen Sie nur genau einige von den Familien der

niedern Klasse, die sich weit von den Städten angesiedelt haben und die

wenige oder keine Mittel zu ihrem Unterhalt während der ersten zwölf

Monate besaßen, bis sie eine Ernte von ihrem Boden erhielten, so werden

sie manche traurige Erzählung von Leiden und Mühseligkeiten vernehmen.«

Schriftsteller über Auswanderung geben sich nicht die Mühe, nach diesen

Dingen zu forschen, auch entspricht die Mittheillung unangenehmer

Thatsachen ihrem Zweck nicht. Nur wenige haben ausschließlich über den

»_Busch_« geschrieben. Reisende durcheilen in der Regel die seit langer

Zeit angesiedelten in gutem Gedeihen begriffnen Theile des Landes,

sie sehen einen Strich fruchtbaren angebauten Bodens, das Resultat

vieljähriger Arbeit und Thätigkeit; sie sehen bequeme Wohnhäuser,

reichlich ausgestattet mit allen wesentlichen Lebens-Bedürfnissen; die

Frau des Meierei-Besitzers macht ihre Seife, ihre Lichte und ihren

Zucker selbst, die Familie ist in Zeuge gekleidet, die sie mit eigner

Hand gesponnen und gewebt hat, sie trägt Strümpfe von eigner Fabrik.

Brod, Bier, Butter, Käse, Fleisch, Federvieh u. s. w. sind insgesammt

Erzeugnisse des eignen Bodens. Sie schließen daraus, daß Canada ein

zweites Canaan sei, und schreiben ein Buch, worin sie diese Vortheile

auseinandersetzen, mit der Hinzufügung, daß man daselbst Grund und

Boden für einen wahren Spottpreis erhalte; und rathen jedem, der

unabhängig und gegen Mangel gesichert zu sein wünscht, zur Auswanderung.

»Man vergißt, daß diese Vortheile das Resultat vieljähriger

unablässiger Anstrengungen, daß sie der _Kranz_ nicht _die ersten

Früchte_ der mühevollen Arbeit des Ansiedlers sind; und daß fast jede

Klasse von Auswandrern in der Zwischenzeit sich manchen und großen

Entbehrungen unterwerfen muß.

»Viele lassen sich bei ihrer ersten Ankunft, vorzüglich in den

noch unangebauten Gemeinde-Bezirken (^townships^), durch den wenig

versprechenden Anblick der Gegenstände um sie her entmuthigen.

Sie finden keine von jenen Vortheilen und Bequemlichkeiten, wovon

sie gehört und gelesen haben; und sie sind auf die gegenwärtigen

Schwierigkeiten unvorbereitet; einige verzagen, andre verlassen den

Ort, in ihren Erwartungen getäuscht und voll Unwillen.

»Ein wenig Ueberlegung würde ihnen gezeigt haben, daß jede Route Land

von der dichten Waldung, womit sie bedeckt ist, befreit werden muß, ehe

man eine Weizenpflanze erziehen kann; daß, nachdem die gefällten Bäume

zerschnitten, geklaftert (^logged^) und verbrannt worden sind, das Feld

eingefriedigt, die Saat gesäet, geerntet und ausgedroschen werden muß,

ehe an einen Gewinn zu denken ist; daß alles dies viel Zeit und Arbeit,

und wenn man letztere bezahlen muß, eine beträchtliche Auslage an barem

Gelde nöthig ist, und daß, eine Familie mittlerweile essen und trinken

will; daß im Fall einer größeren Entfernung von den Vorrathsplätzen,

jeder Artikel auf schlechten Straßen entweder durch Menschenhände oder

auf der Axe zugeführt werden muß, wobei zu bemerken, daß in Verhältniß

zu der Weg-Länge und den Schwierigkeiten rücksichtlich des Transports

das Fuhr- und Träger-Lohn mehr oder weniger kostspielig ist. Gewiß ist

es besser, alle diese Dinge im Voraus zu kennen, weil man alsdann weiß,

welchen Hindernissen man zu begegnen hat.

»Selbst ein Arbeiter, wenn er auch sein eignes Land hat, ist oft, ja

ich möchte behaupten, im Allgemeinen genöthigt, sich für das erste Jahr

oder die beiden ersten Jahre als _Tagelöhner zu vermiethen_ (^hire

out^) um den für sich und seine Familie erforderlichen Lebensunterhalt

zu erwerben; und viele der in Rede stehenden Klasse müssen manche

Entbehrungen dulden, ehe sie die Früchte ihrer Unabhängigkeit ernten

können. Hätten sie nicht die Hoffnung, ja die bestimmte Aussicht, ihren

Zustand mit der Zeit zu verbessern, sie würden unter der Last, die sie

zu tragen haben, erliegen; aber diese Hoffnung erhält sie aufrecht.

Sie haben kein von Armuth und Mangel getrübtes Alter zu fürchten; die

gegenwärtigen Uebel müssen der Betriebsamkeit und Ausdauer weichen; sie

denken auch auf ihre Kinder, und die Prüfungen der Gegenwart werden

durch die Ahnung einer glücklichen Zukunft erleichtert.«

»Jedenfalls,« sagte ich, »kann man Kühe, Schweine und Federvieh halten;

und Sie wissen, daß, wo es an Milch, Butter, Käse und Eiern, an

Schweinfleisch und Geflügel nicht fehlt, man sich eben nicht schlecht

befindet.«

»Sehr wahr,« erwiederte mein Freund, »allein ich muß Ihnen sagen, es

ist leichter, im Anfange von dergleichen Thieren zu sprechen als sie

zu halten, ausgenommen auf gelichtetem oder theilweise gelichtetem

Boden; hier aber ist die Rede von einer _ersten_ Ansiedelung in den

Urwäldern, Kühe, Schweine und Federvieh wollen fressen, allein wenn

man ihnen nichts geben kann, als was man kauft und vielleicht aus

der Ferne herbeiholen muß, so ist es besser, man belastet sich nicht

damit, da die Beschwerde gewiß, der Vortheil aber zweifelhaft ist. Eine

Kuh findet allenfalls während der warmen Monate im Busch ihr Futter,

allein bisweilen verläuft sie sich, so daß man sie Tage lang vermißt,

und dann keinen Nutzen von ihr hat, und möglicher Weise viel Zeit mit

Suchen verliert; dann aber muß man sie, außer Laub und Zweigsprossen,

die sie den Winter hindurch erhält, auch noch mit anderm Futter

versorgen[29], oder, ich wette zehn gegen eins, sie wird im Frühjahr

sterben; und da Kühe, wofern sie nicht sehr gut gehalten werden, in

der kalten Jahreszeit ihre Milch verlieren, so ist es am besten, sie

im Herbst zu verkaufen, und im Frühjahr andre anzuschaffen, man müßte

denn Ueberfluß an Futter für sie haben, was in dem ersten Winter nicht

oft der Fall ist. Was die Schweine anlangt, so sind sie für eine neu

angelegte Meierei eine große Plage, wofern man sie nicht aus der Hand

mästen kann, allein dies geht nicht, ohne daß man Futter für sie kauft,

und dies würde anfänglich nicht vortheilhaft sein. Läßt man sie frei

umherlaufen, so fügen sie sowohl den eignen Feldern als denen der

Nachbarn, im Bereich einer halben (englischen) Meile, beträchtlichen

Schaden zu; andres Vieh kann man allenfalls durch Umzäunung in der

angegebnen Hinsicht unschädlich machen, aber nicht so Schweine; auch

Federvieh bedarf, wenn es einigen Nutzen bringen soll, etwas mehr,

als was es um das Haus herum aufpickt, wozu noch kommt, daß Adler,

Igel, Füchse und Marder darauf erfolgreiche Jagd machen, bis man es

hinreichend sichern kann.«

»Wie aber sollen wir unter solchen Umständen unsre eigne Wolle spinnen,

unsre eigne Seife und Lichte bereiten?« fragte ich. »Sobald sie Ihre

eignen Schafe, Schweine und Rinder schlachten, oder Wolle und Talg

werden kaufen können.« -- Als er mich hierüber etwas niedergeschlagen

sah, fügte er tröstend hinzu: -- »Nur nicht verzagt! Sie werden

mit der Zeit alle diese Dinge haben und noch mehr als diese, aber

gedulden müssen Sie sich und die Mittel zu ihrer Erlangung benutzen.

Mittlerweile suchen Sie sich auf Entbehrungen vorzubereiten, denen Sie

jetzt noch fremd sind; und wünschen Sie, Ihren Gatten glücklich und in

seinen Unternehmungen begünstigt zu sehen, so machen Sie sich kluge

Sparsamkeit und heitre Laune zur Regel. Nach einigen Jahren wird Sie

Ihre Meierei mit allen Lebensbedürfnissen versorgen, und nach und nach

werden Sie sich auch mancher Luxus-Artikel erfreuen können. Dann erst

beginnt der Ansiedler, die wirklichen und sichern Vortheile seiner

Auswanderung zu ernten; dann wird er den Segen eines Landes inne, wo

es weder Zölle noch Zehnten noch Armensteuern giebt; dann genießt er

die Wohlthaten der Unabhängigkeit. Diese glückliche Erfüllung seiner

Wünsche im Auge, ebnet er den rauhen Pfad und erleichtert er sich die

auf ihm lastenden Uebel. Er sieht in Gedanken eine zahlreiche Familie

um sich her, ohne jene angstvollen Sorgen, die einen Vater von geringem

Vermögen in der alten Heimath drücken; denn er weiß ja, daß er sie

einst nicht entblößt von rechtlichen Unterhalts-Mitteln verläßt.«

Trotz allen überstandnen Mühseligkeiten und Prüfungen fand ich diesen

Mann so sehr für das Ansiedlerleben eingenommen, daß er erklärte, er

würde um keinen Preis in sein Vaterland zurückkehren, um dort eine

längere Zeit zu bleiben; auch ist er nicht der Einzige, den ich auf

diese Weise sich habe äußern hören; vielmehr scheint dieselbe Vorliebe

für ihre neue Heimath unter der niedern Emigranten-Klasse allgemein

zu sein. Sie fühlen sich durch das Beispiel Andrer, die sie in Genuß

von Bequemlichkeiten sehen, woran zu Hause selbst bei der größten

Anstrengung und mühevollsten Arbeit nicht zu denken war, ermuthigt;

denn sie bedenken weislich, daß sie, wären sie in ihrer Heimath

geblieben, endloses Elend und harte Entbehrungen (sehr viele nämlich

hat Mangel hierher getrieben) würden haben ertragen müssen, ohne die

entfernteste Aussicht, ihren Zustand zu verbessern oder unumschränkte

Landeigenthümer zu werden.

»Was sind uns ein, zwei, drei, ja selbst vier mühevolle Jahre im

Vergleich mit einem ganzen Leben von Plack und Armuth,« war die

Bemerkung eines armen Arbeiters, der uns am andern Tage von den

Mühseligkeiten erzählte, womit er in diesem Lande zu kämpfen gehabt.

»Ich wußte,« sagte er, »daß sie nur kurze Zeit dauern und durch Fleiß

und Ausdauer bald zu besiegen sein würden.«

Ich habe bereits zwei unsrer armen Nachbarn gesehen, die den

Kirchsprengel zwölf Monate vor uns verlassen hatten; sie haben

sich in Canada niedergelassen und bearbeiten gemeinschaftlich die

ihnen zugetheilten Land-Parcellen; sie kommen in der That sichtlich

vorwärts. Einige Morgen Landes haben sie bereits gelichtet, bestellt

und abgeerntet, sind aber zur Zeit noch genöthigt, sich zu vermiethen,

um ihre Familien erhalten zu können; ihr eignes Land bearbeiten sie,

wenn es Zeit und Umstände erlauben. Die Männer sind guten Muthes

und hoffen, nach wenigen Jahren im Besitz von manchen Lebensgenuß,

mancher Bequemlichkeit zu sein, worauf sie in der Heimath, wenn sie

auch vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht gearbeitet, hätten

verzichten müssen; dabei klagen sie aber, daß ihre Weiber beständig

nach dem Vaterlande verlangen und ihre Reise übers Meer verwünschen.

Dies scheint die allgemeine Klage unter allen Klassen zu sein; die

Weiber sind unzufrieden und unglücklich. Nur wenige söhnen sich ganz

mit dem Ansiedlerleben aus. Sie vermissen die kleinen häuslichen

Bequemlichkeiten, deren sie sich zu Hause erfreuten, sie sehnen sich

nach ihren Freunden und Verwandten, die sie haben verlassen müssen; die

Einsamkeit der Urwälder ist ihnen zuwider.

Diese Aussicht entmuthigt mich nicht; ich weiß, daß ich im Hause zu

thun genug finden werde, und während meiner Ausflüge ins Freie dürfte

es mir nicht an Unterhaltungs-Quellen fehlen, die jede üble Laune

verscheuchen. Habe ich überdies nicht guten Grund, meines Gatten wegen

heiter und zufrieden zu sein? Er hat nicht mehr zu erwarten als ich;

und sollte ich ihn, nachdem ich seinetwegen freiwillig meine Familie,

meine Freunde, mein Vaterland verlassen, durch ewige Klagelieder

verstimmen und traurig machen? Ich fühle mich stets geneigt, den Worten

meines Lieblingdichters _Goldsmith_: --

Auf uns allein noch überall beschränkt,

Sind wir allein die Schöpfer unsers Glücks.

beizustimmen. Nun ich werde ja bald die Prüfung zu bestehen haben, da

wir Morgen um zehn Uhr diese Stadt zu verlassen gedenken; der Kauf der

See-Parcelle ist abgeschlossen, drei Morgen sind von Bäumen befreit,

und eine Hütte (Shanty) ist ebenfalls fertig, indeß kann letztre eben

nicht für ein wohnliches Obdach gelten, die Holzfäller haben sie blos

als einstweiligen Zufluchtsort errichtet; und ein Haus wird bald

erbaut sein. Spät genug sind wir eingetroffen, zu spät, um eine volle

Ernte zu erzielen, da die Bäume blos gefällt sind, der Boden aber

noch nicht gelichtet und völlig rein ist, auch ist es bereits zu spät,

das gefällte Holz zu klaftern und zu verbrennen und den Weizen in den

Boden zu bringen, aber für die Frühlingssaat wird er bereit sein. Wir

haben unser Besitzthum den Acker mit sechstehalb Dollars bezahlt; ein

ziemlich hoher Preis für wildes Land, so weit von jeder Stadt, und in

einem so dürftig angebauten Theile des Bezirks; allein die Lage ist gut

und hat den Vorzug, daß wir Wasser in der Nähe haben, wofür mein Gatte

gern etwas mehr bezahlte, als für eine weiter landeinwärts gelegne

Parcelle.

Höchst wahrscheinlich werde ich nicht sobald Zeit und Muße haben,

wieder zur Feder zu greifen. Wir logiren einstweilen bei S--, bis unser

Haus in wohnlichem Zustande sein wird, was ungefähr gegen Weihnachten

der Fall sein dürfte.

Fußnoten:

[19] »Im Ganzen,« heißt es in der ^History of Upper and lower Canada

by R. Montgomery Martin, Lond. 1836^. »ist Ober-Canada Auswandrern aus

den höheren Ständen sehr zu empfehlen; und Leute von der arbeitenden

Klasse können daselbst reichliche Beschäftigung finden. Für erstere

stehe hier noch die Bemerkung, daß Niemand außer solchen Engländern,

die bei der Trennung der vereinigten Staaten von Groß-Britannien ihrem

Vaterlande treu blieben und nach Canada flohen, also Loyalisten; oder

denen, welche nach bestehenden gesetzlichen Bestimmungen Ansprüche auf

unentgeldliche Landbewilligungen an die Regierung haben, eine Parcelle

von den wild liegenden Kron-Ländereien anders als durch Kauf erhalten

kann. Die Verkäufe finden unter der Leitung eines Commissairs am ersten

und dritten Diensttage jedes Monats in den verschiednen Distrikten

statt. Die käuflichen Ländereien werden zu einem bestimmten Preise

voranschlagt, welcher in der Anzeige des Verkauftermins angegeben wird.

Die Zahlung der Kaufsumme geschieht in Terminen: der vierte Theil

davon muß sogleich, das Uebrige in drei gleichen Fristen nebst sechs

Prct. Zinsen entrichtet werden. Nach Abschluß des Kaufs erhält der

Käufer unentgeldlich ein Patent über den gekauften Boden. Das für die

Geistlichkeit vorbehaltne Land wird unter nachstehenden Bedingungen

verkauft: -- Zehn Procent müssen sogleich angezahlt, und das Uebrige

in neunjährigen Terminen und zwar zu jedem zwei Procent nebst Zinsen

abgetragen werden. Gelegentlich werden auch Gemeinde-Bezirk-Parzellen

verkauft. Das gewöhnliche Areal eines Gemeinde-Bezirks beträgt 69,000

Morgen, -- ein Flächenraum von zwölf englischen Meilen in Länge, und

neun in Breite.

[20] »_^Guess and calculate^_,« sie bedienen sich nämlich dieser Worte

sehr häufig oft auch da, wo sie nicht recht passen.

[21] Theile, wovon jeder einen halben Acker Flächenraum enthält.

[22] Seit Abfassung dieser Nachrichten über Peterborough hat die Stadt

an Gebäuden und Bevölkerung um ein Drittel zugenommen.

[23] Wahrscheinlich eine ^Gaultheria^.

[24] ^The purple lichnidea.^

[25] ^Lobelia cardinalis^, Cardinals-Lobelie, _Willdenow_.

[26] Das ist, Leute, die ihren Gnadengehalt, den sie genossen, gegen

ein Stück Land in den brittischen Colonien vertauscht haben.

[27] Der an die Auswandrer zu vertheilende Flächengehalt ist vorläufig

in Bezirke abgetheilt, welche ^Townships^ (Stadt- oder Gemeinde-Kreise)

heißen.

[28] Die Bemerkung eines kleinen irischen Knabens, den wir als

Holzspeller und Wasserträger mietheten, und der ein Bewohner einer

dieser Shanties gewesen, belustigte mich nicht wenig. »Ma' am,« sagte

derselbe, »als das Wetter beißend kalt war, konnten wir uns kaum warm

erhalten; denn während wir, mit dem Gesicht vor dem Feuer, auf der

einen Seite fast brateten, froren wir am Rücken, daher wendeten wir von

Zeit bald die eine bald die andre Seite dem Feuer zu, gerade so, wie

wenn man eine Gans am Spieße bratet. Die Mutter verwendete die Hälfte

von dem Gelde, welches der Vater durch seine Stroharbeit (er war ein

Strohsesselmacher) verdiente, in Branntwein, um uns auszuwärmen; allein

ich glaube, ein reichliches Gericht gute heiße Kartoffeln, würde uns

mehr gewärmt haben, als der Branntwein dies vermochte.«

[29] Das Vieh wird im Herbst und Winter größtentheils durch die zarten

Zweigsprossen von Ahorn, Birken u. s. w. erhalten, die man auf den

frisch gelichteten, brachliegenden Aeckern findet. Man sollte ihnen

aber auch Stroh und andres Futter geben, weil sie anders bei sehr

strenger Witterung sterben.

Siebenter Brief.

Abreise von Peterborough. -- Canadische Wälder. -- Wagen und Gespann.

-- Ankunft bei einem Log-Hause an den Ufern des Sees. -- Niederlassung

und erste Beschäftigungen.

October 25, 1832.

Ich beginne meinen Brief mit einer Schilderung unsrer Reise durch den

Busch (die Wälder) und so fort, und füge dann unser Thun und Treiben

in und außer dem Hause hinzu. Ich weiß, daß die kleinen, das Hauswesen

betreffenden Umstände für Sie nicht uninteressant sein werden; und

gewiß kann das Auge einer Mutter niemals ermüden, schriftliche

Mittheilungen von der Hand eines abwesenden und geliebten Kindes zu

lesen.

Nach einigen Schwierigkeiten glückte es uns, einen Wagen nebst

Gespann, das ist ein paar starke Pferde, zu miethen, die uns und unser

Gepäcke durch die Wälder an die Ufer eines von den Seen führten, wo

S-- unser wartete. Eine freie Straße war nicht vorhanden sondern blos

ein angedeuteter, mit umgestürzten Bäumen bedeckter und durch einen

großen Moor unterbrochner Pfad auf der einen Seite; in den Moor kann

man knietief einsinken, indeß brauchten wir die Vorsicht, unsern Weg

längs den Stämmen der bemoosten und verwitternden Bäume zu nehmen,

oder auf einem willkommnen Granit- oder Kalkstein-Block zu fußen. Was

in der Busch-Sprache _Blaze_ (angedeuteter Pfad) heißt, ist nichts

weiter als die durch Kerben und Rinden-Abschälung an den Bäumen

vorgezeichnete Straßen-Linie. Die Grenzen der verschiednen Parcellen

sind oft durch einen gekerbten Baum angedeutet, das Nämliche gilt von

den Concessions-Linien[30], allein dergleichen Zeichen sind nicht viel

besser als Wegweiser in einer dunkeln Nacht.

Die Straße, welche wir einschlagen mußten, führte über die Ebnen

von Peterborough, in der Richtung des Flusses, der mich durch seine

Scenerei ungemein ergötzte, wiewohl diese keineswegs von Fruchtbarkeit

zeigt, mit Ausnahme von zwei oder drei umfangsreichen gelichteten

Stellen.

Ungefähr drei englische Meilen über Peterborough windet sich die Straße

auf der Höhe einer steilen Firste hin, deren unterer Theil ganz das

Ansehn hat, früher das Bett eines Seitenzweiges des gewaltigen Flusses,

oder vielleicht eines kleinen Sees, der seinen Kanal verlassen und sich

mit dem Otanabee vereinigt hat, gewesen zu sein.

Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin. · 第 7 / 26 段