Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.
Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,
Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.
Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein
Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.
Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm
Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.
Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,
Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.
Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen
Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.
Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;
Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?
Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;
Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!
Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;
Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.
Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!
Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.
Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,
Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!
Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,
Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.
So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt
Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;
Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.
Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt
Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.
Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit
Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.
89.
Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,
Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.
Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,
Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.
Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;
Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.
Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter
Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;
Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,
Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;
Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,
Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,
Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,
Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:
So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten
Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.
Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,
Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.
Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid
Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;
Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,
Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;
Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,
Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.
Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.
Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,
Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,
Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:
So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,
Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.
Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild
Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.
Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe
Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,
Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.
90.
Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,
Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.
Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,
War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.
Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,
Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.
Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,
In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.
Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;
Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.
Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht
Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.
Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren
Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,
Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;
Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.
Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück
Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.
Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:
Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!
Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;
Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?
Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,
Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.
Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,
Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.
Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,
Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;
Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.
Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,
War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.
Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?
Was müßen wir allein uns mit einander raufen!
So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,
Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.
91.
Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde
Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.
Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger
Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.
Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,
Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.
Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,
Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham
Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,
Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?
Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;
Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!
Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,
Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.
Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,
Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.
Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze
Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?
Was haben, tobender, die Leute dir getan,
Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?
Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,
Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?
Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?
Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?
Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,
So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!
Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;
Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.
Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht
Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,
Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!
Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!
Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,
Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;
Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen!
92.
Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;
Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft:
Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.
Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus,
Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:
Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen
Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?
Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant
Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?
Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,
Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?
Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille,
Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.
Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit,
In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.
Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,
Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er.
Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,
Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.
Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,
Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.
Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er,
Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.
Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer
Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!
Ich hab Iranier indessen viel getötet,
Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet.
Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht!
Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.
Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,
Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht.
Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen!
Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen
Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen!
93.
Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,
Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag.
Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte,
Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte.
Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich
Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?
Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet
Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet!
Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;
Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!
Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab
Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:
Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,
Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben.
Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht
Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.
Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,
Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke;
Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:
Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß.
Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,
Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.
Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch
Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!
Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband,
Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!
Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,
Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.
Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,
So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.
Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;
Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.
Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,
Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.
Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!
Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;
O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!
94.
So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;
Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.
Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,
Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.
Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,
Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!
Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;
Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.
Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild
Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.
Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,
Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.
Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,
Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.
Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,
Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!
Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,
Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;
So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:
So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,
Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.
Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:
Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!
Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.
Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;
Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!
Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.
So manches Abenteur im Heldenungestüm
Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.
So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,
So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.
Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,
Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.
In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben
Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;
Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.
Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,
Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!
So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht
Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.
Zehntes Buch.
95.
Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder
Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;
Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,
Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.
Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,
Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.
Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,
Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.
Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,
Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.
Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,
Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;
Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,
Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.
Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,
Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;
Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,
Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!
Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,
Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.
O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!
Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!
Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?
Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!
Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;
Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.
Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur
Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!
Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;
Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!
Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,
Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.
Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,
Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:
Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!
96.
Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,
Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:
Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen
Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!
Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,
Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.
Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen
Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!
Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?
Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?
Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:
Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!
Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;
Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!
Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;
Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.
Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant
Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.
Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum
Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!
Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!
Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!
So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.
So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;
Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.
Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,
Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;
Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.
97.
Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,
Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;
Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin
Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:
Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht
Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.
Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;
Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.
Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,
Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.
Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,
Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.
Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,
Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;
Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,
Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.
Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen
Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!
Im Angesichte des und jenes Heeres laß,
Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!
Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne
Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.
Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;
Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.
Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,
Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.
Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;
Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:
Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.
Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh
Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!
Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen
Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.
98.
So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur
Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.
Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,
Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.
Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,
Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;
Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält
Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:
So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach
Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:
Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,
Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.
Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,
Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.
Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;
Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.
Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,
Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.
Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,
Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.
Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,
Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!
Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern
Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.
Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;
Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.
Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!
Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!
99.
Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,
Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!
Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl
Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,
Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,
In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.
Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,
Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!
So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;
Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.
Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang
Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.
Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen
Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;
Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,
Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:
Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,
Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.
So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,
Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.
Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als
Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.
Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen
Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!
Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,
Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.
100.
Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht
Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.
Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;
Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.
Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,
Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.
Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,
Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:
So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;
Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:
An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.
Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;
Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.
Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,
Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.
Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,
Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;
Indessen hielten sie am Boden die gestemmten
Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten
Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,
Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,
Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,
Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.
Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;
Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.
Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;
Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.
Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,
Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.
Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand
Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.
Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge
Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.
Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust
Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.
Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann
Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.
Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,
Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.
101.
Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach
Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!
Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:
Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.
Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet
Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.
Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht
Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.
Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,
Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?
Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?
Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. --
Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,
Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:
Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,
Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;
Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.
Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,
Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.
Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder
Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.
Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,
Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.
Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß
Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.
102.