Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual,

Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,

Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste

Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,

Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen

Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.

Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,

Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.

Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht

Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.

Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,

Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:

So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,

Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.

Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;

Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.

Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!

Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.

Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,

Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!

Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,

So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.

Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar

Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.

Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern

Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.

Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,

Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.

Elftes Buch.

103.

Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,

Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.

Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,

Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,

Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab,

Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?

Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,

Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden.

Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,

Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:

Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen

Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen?

Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;

Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.

Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben

Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.

Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,

Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;

Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:

Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,

So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!

Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen

Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;

Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,

Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.

Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!

Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.

Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;

Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.

So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,

Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!

So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten

Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.

Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:

Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.

Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,

Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!

So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab

Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.

Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken

Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.

104.

Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,

Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.

Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;

Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.

Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;

Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.

Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,

Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.

Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!

Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.

Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;

Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;

Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?

Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:

Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.

Doch was bemühest du die alten Heldenglieder

Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!

Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;

Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!

Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie

Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.

Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;

Du aber gabest mir die deine aufzuheben.

Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;

Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.

Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick

Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.

Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,

Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;

Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!

Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,

Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.

Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun

Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!

Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden

Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.

105.

So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;

Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,

Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,

Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,

Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,

Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!

Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,

Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.

Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,

Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.

Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach

Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.

Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot

Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.

Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?

Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!

So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,

Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.

Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,

Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.

Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;

Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.

Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?

Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.

Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;

Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.

Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,

Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:

So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,

Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.

Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor

Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;

Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah

Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.

Da griffen an die zwei, da war es schon getan;

Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.

Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;

Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.

106.

Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!

Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.

Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,

In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.

Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,

Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.

Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;

Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen --

Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn

Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.

Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak

Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.

Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,

Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!

Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:

Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;

Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.

Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier

Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.

Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;

Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.

Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust

Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.

Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,

Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!

So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen

Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.

Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch

In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;

Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;

Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.

In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte

Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.

Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen

Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,

Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!

107.

Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen

Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.

Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,

Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:

Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde

Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.

Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,

Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.

Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;

Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.

Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,

So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.

Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;

Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,

So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,

Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.

So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,

Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.

Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;

Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!

Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,

Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen

Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden

Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.

So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,

Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,

Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,

Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.

Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah

Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.

Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah,

Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,

Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden.

108.

Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle

Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle

Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.

Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn,

Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.

Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen

Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen.

Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig

Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.

Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer

Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,

Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!

Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!

Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer

Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.

In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.

Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang;

Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.

Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus

Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.

Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer

Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.

In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon

Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,

Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,

Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann

Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:

109.

O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort

Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!

Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt!

Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt.

Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt,

Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte

Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!

Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;

Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.

Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt

Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.

Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,

Damit von Niemand mir der Vater sei genant!

Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen?

Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.

Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,

Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!

Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn

Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!

Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;

Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.

Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe,

Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,

Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg,

Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;

Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt

Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!

Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde

Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde

Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied,

Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid.

Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,

Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,

Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,

Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!

O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,

Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!

Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;

Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen

In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt

Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.

Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;

Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!

Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn

Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!

110.

Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund

Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.

Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.

So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,

Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;

Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:

So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen

Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.

Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,

Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.

Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,

Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;

Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.

Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,

Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.

Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte

Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,

Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;

So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.

Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram

Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:

Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,

Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!

Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,

Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.

Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,

Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.

Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet

Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!

Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;

Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.

Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,

Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;

So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,

Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.

Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!

Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,

Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,

Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.

Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,

Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,

Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben

Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!

Zwölftes Buch.

111.

Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,

Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:

Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;

Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;

Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.

Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:

Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,

Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!

Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,

Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,

Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!

Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet

Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;

Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.

All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;

Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.

Rostem für Iran ist schon stark genug allein;

Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.

Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,

So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!

Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,

Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;

Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:

Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben

All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben

Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,

So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.

Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,

So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:

Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.

Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick;

Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick.

Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;

Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:

Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg

Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.

112.

Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn;

Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.

Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen

Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen.

Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen

Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen.

Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt

Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:

Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut

In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.

Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht

Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!

Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme

Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume.

Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten!

Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.

O unglückseliger geliebter Jüngling du,

So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!

Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet;

Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet,

Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,

Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.

Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt;

Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!

Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,

Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.

Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!

Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.

Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten

Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!

Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,

Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.

Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,

Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!

Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,

Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!

So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,

Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.

113.

So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen

Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.

Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,

Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.

Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,

Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!

Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen

Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.

Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen

Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?

Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!

Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?

Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?

Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!

Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief

Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,

Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren

Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.

O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen!

Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen.

Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen

Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen.

Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?

Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?

O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück

Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück.

Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen

Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!

114.

So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;

Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.

Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;

Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:

Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,

Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?

Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest,

Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest;

Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen,

Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.

Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;

Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.

Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,

Den überwältigend sein Tag nicht überrasche.

Von ferne hab ich angestaunet diese Seule

Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.

Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht;

Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht.

Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt,

Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!

Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;

Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.

Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,

Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!

Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;

Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!

115.

Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand;

Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,

Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht:

Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!

Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;

Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.

Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit;

Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,

Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,

Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat.

Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,

Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.

Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;

Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.

Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,

Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen:

Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!

Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen!

Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;

Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.

Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;

Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.

Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein!

Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein.

Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach,

Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.

116.

Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern · 第 7 / 8 段