Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,

Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,

Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,

Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.

Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!

Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.

Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen

Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.

Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,

Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:

Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,

Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.

Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag

Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!

Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,

Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.

Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,

So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!

Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,

Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.

Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.

Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?

Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;

Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.

Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt

Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.

Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;

Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.

Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf

Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!

Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!

Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.

75.

Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte

Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!

Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;

Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.

Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,

Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.

Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,

Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.

Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,

Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.

Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt

Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.

In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner

Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?

Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,

Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.

Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen

Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.

Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand

Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?

Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt

Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.

Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor

Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?

Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,

Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.

So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält

Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.

76.

Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand

Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?

Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,

Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend.

Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken

Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken.

Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,

Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen.

Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus?

Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.

Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht

Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.

Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,

Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.

Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,

Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;

Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,

Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.

Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,

Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.

Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter:

Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?

Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar

Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar;

Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,

Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.

So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach

Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:

Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,

Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind;

Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen;

Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen.

Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält;

Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.

Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen?

Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.

77.

Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,

Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt?

Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,

Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.

In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün,

Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn.

Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,

Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.

Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;

Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:

Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.

Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;

Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß.

Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,

Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.

Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt

Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.

Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen;

Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.

An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie

Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie.

Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor,

Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.

Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen,

Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!

Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,

So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;

Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,

Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.

Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind

Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind!

So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte,

Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte;

Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund,

Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:

78.

Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan?

Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?

Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?

Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige?

Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut?

Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!

Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten;

Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.

Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat,

Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat.

Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,

Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.

Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir,

Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?

Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne?

Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.

Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;

Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war.

Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan

Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.

Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen;

Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.

Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir!

Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir.

Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht!

Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht.

Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte

Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte.

Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen

Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.

Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,

Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.

79.

Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:

Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort?

Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;

Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?

Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.

Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:

Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter?

Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn

Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin;

Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.

Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:

Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast?

Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann

Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.

Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,

Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig.

Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,

Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!

Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,

Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist?

Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.

Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei,

Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei!

Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen

Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.

Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,

Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da.

O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei!

Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei!

80.

Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld

Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld.

Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten;

Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.

Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,

Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache.

Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch

Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.

Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein

Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein;

Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen,

Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.

Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband;

Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand.

Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter;

Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.

Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,

Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten.

Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten,

Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.

So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur

Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur?

Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen

Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.

81.

Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen?

Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen!

Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,

Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!

Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!

Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus!

Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt,

Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!

Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben

Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben,

Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter

Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.

Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?

Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?

Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht!

Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?

Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan!

Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:

Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund.

Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,

Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,

Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,

So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut.

So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer,

Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer.

Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest?

Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest?

Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,

Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann!

Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch;

Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!

Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen,

Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen!

Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,

Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll.

Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,

Daß er besinnungslos davon am Boden lag;

Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen

Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!

82.

Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;

Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.

Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,

In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache.

Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,

Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.

Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott,

Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;

Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.

Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu;

Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.

Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten

Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.

Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen

Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,

Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun;

Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;

Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun,

Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun:

So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,

Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.

Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,

Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.

So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun,

Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.

Er aber achtete der leichten Feinde nicht;

Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.

Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,

Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.

83.

Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,

So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:

O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht

Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?

Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?

Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?

Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht

Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.

Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,

Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.

Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein

Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!

Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,

Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.

Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send

Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!

Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf

Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!

Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,

Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,

Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,

Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.

Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,

Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.

Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,

Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.

Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln

Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!

So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:

Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?

Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann

Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.

84.

Zu Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot:

Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht.

Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten,

Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten.

Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach:

Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach.

Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus;

Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus,

Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen,

Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen;

Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld;

Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held.

Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel,

Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel?

Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand!

Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand!

Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus,

Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus.

Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen

Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen.

Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an,

Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan.

Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper

Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her.

Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt,

Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt.

Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte

In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte,

Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte.

Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild,

Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild.

In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach

Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach.

Neuntes Buch.

85.

Er ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete,

Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete.

Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an,

Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an:

Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab,

Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab.

Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn;

Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn.

Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten,

Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten:

Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten.

So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme

Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme.

Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier,

Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier.

Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen,

Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen;

Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen.

Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an,

Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan,

Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an.

Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht,

Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht:

Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,

Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;

Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,

Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.

Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend,

Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend.

Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen

Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen,

Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant,

Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant,

Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind;

Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind:

Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen,

Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen;

So dort erwarteten die beiden Heere nun,

Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun,

Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären:

Für alle ließen sie das eine Paar gewären.

86.

Doch näher kamen an die beiden Helden licht

Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht.

Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb,

Sprach, während eine Hand er in der andern rieb:

Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe,

Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe.

Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu

Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du.

An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark;

Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark.

Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange!

Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange,

Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind!

Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind.

Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind.

Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten,

Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten.

Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen;

Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen.

Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will;

Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill!

Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden,

Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden.

Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum!

Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum.

Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte

Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte,

Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen,

Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen.

Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht!

So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht.

Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt

Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt.

So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet

Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet.

Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach:

Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach?

Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht;

Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht.

Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug

Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug.

Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug.

87.

Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab

Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.

Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren,

Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.

Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,

Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;

Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:

Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.

Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze

Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.

Sodann erprobten sich der alte und der junge

Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge.

Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen

Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.

Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;

Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.

Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert.

Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,

Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;

In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder.

Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,

Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;

Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen,

Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:

Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat;

Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:

Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn,

Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:

So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,

Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.

88.

Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern · 第 5 / 8 段