"Es ist kein feyner Leben auf erden,
denn gewisse zinß haben von seinem Lehen,
eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott
gedienet."
Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der
römisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war
nur die nächste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mühe, einen
Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prüfen, woher es kommt,
dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu
berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich
durch die zügellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten,
dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen.
Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat
allen lebenden Geschöpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn
zu dem mächtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband,
worauf sie bei allen organischen Geschöpfen besonders vorsorglich
bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem
Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem
sie die unnatürliche Unterdrückung desselben empfindlich strafte. Der
gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu
Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen
gesehen haben.
Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und
an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des
Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser
und der Säufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der
sinnlichen Liebe ausschweifende Wollüstling und die seltsame und
verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgemäße Befriedigung des
Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer
Handlung stempeln, deren man sich schämen muss, - verdanken wir einzig
und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion.
Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass
die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die
sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen
Leidenschaften die Zügel schießen lassen, so würden sich Staat und
Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflösen. Damit ein jeder Bürger,
auch der schwächste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen
den stärksten geschützt sei, muss jeder seinen natürlichen
Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den
Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht,
sorgfältig bewacht und geschützt wird.
Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten
und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn
natürlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in
Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den
Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle
zivilisierten Völker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die
festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein höchst
segensreiches und die Menschen veredelndes Institut.
Die christliche Kirche verkannte die Wichtigkeit der Ehe durchaus nicht,
und da sie unablässig bemüht war, den größtmöglichen Einfluss auf die
Menschen zu erlangen, so bemächtigte sie sich auch vorzugsweise der Ehe,
obwohl dieselbe die Kirche nicht mehr berührt als jede andere
gesellschaftliche Einrichtung, und behauptete, dass zur Schließung
derselben die priesterliche Einsegnung durchaus nötig sei; ja, sie ging
so weit, dass sie diese rein gesellschaftliche Übereinkunft, über welche
höchstens dem Staat eine Kontrolle zusteht, für ein sogenanntes
Sakrament erklärte.
Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die Päpste selbst die
schamlosesten Betrügereien nicht scheuten, wenn es die Vergrößerung
ihrer Macht galt, und so kann es uns nicht mehr besonders auffallen,
wenn wir nachweisen, dass sie auch in Bezug auf die Ehe wahrhaft
lächerliche Inkonsequenzen begingen.
Die Ehe, dieses heilige Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil
es sie verunreinige! - Den wahren Grund dieses Verbotes habe ich bei
Erwähnung Gregors VII. im vorigen Kapitel erwähnt, und der angegebene
Zweck wurde damit erreicht, obwohl dadurch Folgen erzeugt wurden, welche
der römischen Kirche fast ebenso großen Nachteil brachten wie den
Menschen im Allgemeinen.
Die Geistlichen wurden durch das Zölibat - so nennt man die erzwungene
Ehelosigkeit römischer Priester - völlig isoliert und ihre Verbindung
mit den übrigen Menschen und dem Staat zerrissen, dafür aber desto
fester an die Kirche, das heißt an den Papst, gefesselt; denn dieser ist
es ja, von dem jeder römisch-katholische Geistliche in höchster Instanz
sein zeitliches Heil zu erwarten hat. Der alte Vizegott in Rom ist ihm
Familie und Vaterland. Ein echt römisch-katholischer Geistlicher kann
gar kein guter Patriot oder guter Staatsbürger sein.
Was kümmern sich die Päpste um die abscheulichen Folgen des Zölibats.
Sie wollen unumschränkt herrschen um jeden Preis, wenn auch durch ihren
schändlichen Egoismus die Moralität der ganzen Welt samt dem Christentum
zu Grunde geht. Die Heiligen Väter in Rom werden durch nichts anderes
bewegt als durch ihren Eigennutz, welche erhabenen Gründe sie auch mit
salbungsvollen Worten zur Bemäntelung desselben vorbringen mögen.
Weder Tonsur noch Weihen vermögen es, den Geistlichen die "menschlichen
Schwächen", wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes häufig
nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib
ebenso wenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und
kämpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kämpfe endeten bei gewissenhaften
Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelübde ernst war, gar häufig
mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatürlicher Befriedigung des
Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstümmelung. - Der
schlechtere Teil der Geistlichen, die ich hauptsächlich mit "Pfaffen"
meine, betrachtet dagegen die Ehe als eine Fessel, von der sie der gute
Gregor befreit hat, und tut wie jener Mönch, der nach langen Kämpfen
endlich dem Rate eines alten Praktikus folgte: "Wenn mich der Teufel
reizt, so tue ich, was er will, und dann hört der Kampf auf." Sie wissen
sich, was die Befriedigung des Geschlechtstriebes anbetrifft, für die
Ehe schadlos zu halten, indem sie nach Clemens VI. Ausdruck "wie eine
Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes wüten".
Diese Pfaffen nennt der heilige Bernhard "Füchse", die den Weinberg des
Herrn verderben und die Enthaltsamkeit nur zum Deckel der Schande und
Wollust brauchen, vor denen schon der Apostel Petrus gewarnt habe. "Man
müsse", fährt er fort, "ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man
allen Lastern Tür und Tor öffne, wenn man rechtmäßige Ehen verdamme."
Jesus war selbst nicht verheiratet; aber bei vielen Gelegenheiten
äußerte er sich über die Ehe und erkannte sie als eine durch göttliche
Anordnung geheiligte Anstalt an (Matth. 5,31. 32; 19,3-7. 9.); ja, wir
wissen, dass er mit seiner Mutter und seinen Jüngern einer
Hochzeitsfeier in Kana in Galiläa beiwohnte (Joh. 2,2) was er nicht
getan haben würde, wenn er die Ehe überhaupt als eine unsittliche
Verbindung erkannt hätte.
Die Apostel hatten drüber ganz dieselben Ansichten. Paulus nennt die Ehe
einen in allen Betrachtungen ehrwürdigen Stand (Hebr. 13,4) und erklärt
sogar die Untersagung derselben für eine Teufelslehre (1.Tim. 4,3).
Kurz, nach allen in der Bibel enthaltenen Lehren des Christentums ist
das Band, welches die Ehe um Mann und Weib schlingt, ein höchst
ehrwürdiges.
Die Christen der ersten Zeit waren auch weit davon entfernt, die Ehe der
Geistlichen als etwas Unerlaubtes zu betrachten, ja, sie setzten
dieselben bei ihnen sogar voraus. Petrus selbst, dessen Nachfolger die
Päpste sein wollen, und die meisten der Apostel waren verheiratet.
Paulus verlangt von den Bischöfen und Diakonen, dass sie im ehelichen
Stande leben sollten. Er schreibt an Thimotheus: "Ein wahres Wort: wer
ein Bischofsamt sucht, der strebt nach einem edlen Geschäft. Ein Bischof
muss deswegen tadellos sein, eines Weibes Mann, nüchtern, ernst,
wohlgesittet, zum Lehrer tüchtig; kein Trunkenbold, nicht streitsüchtig
(nicht schmutziger Habgier ergeben), sondern sanft, friedliebend, frei
von Geiz; der seinem Haus gut vorstehe, der seine Kinder im Gehorsam
erhalte mit allem Ernst: denn wer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen
weiß, wie kann er die Gemeinde Gottes regieren? (1.Tim. 3,1-5) Die
Diakonen seien eines Weibes Männer, wohl vorstehend ihren Kindern und
ihren Häusern." (Tim. 1,3. 12.)
An Titus schreibt er: "Deswegen habe ich Dich in Kreta zurückgelassen,
damit Du das, was noch fehlt, vollends in Ordnung brächtest und in jeder
Stadt Priester (Älteste) ansetzest, wie ich Dir aufgetragen habe; wenn
nämlich jemand unbescholtenen Rufes ist, eines Weibes Mann, der gläubige
Kinder hat." (Tit. 1,5-6)
Diese Stellen, welche noch durch zahlreiche andere vermehrt werden
könnten, sprechen so deutlich, dass es kaum begreiflich erscheint, wie
die Päpste es wagen konnten, die Rechtmäßigkeit des Zölibats der
Geistlichen aus der Bibel beweisen zu wollen. Sie würden auch mit diesem
Gesetz nie durchgedrungen sein, wenn nicht schon seit früher Zeit in der
christlichen Kirche die Idee von der Verdienstlichkeit des ehelosen
Lebens gespukt hätte.
Wie diese dem Christentum so durchaus fremde Ansicht von der Ehe in
demselben allmählich Wurzeln fasste, auseinanderzusetzen würde sehr
weitläufig sein, und da ich hier mich darauf nicht einlassen kann, so
will ich mich bemühen, den Gang der Sache in flüchtigen Umrissen zu
skizzieren.
Zur Zeit, als Jesus auftrat, hatte der Glauben an die alten Götter
eigentlich längst aufgehört. Der öffentliche Gottesdienst bestand in
leeren Zeremonien, und an die Stelle der Religion war die Philosophie
getreten. Selbst das Volk nahm teil an den philosophischen
Streitigkeiten wie heutzutage an den religiösen und hing teils diesen,
teils jenen der unendlich vielen aufgestellten Systeme an.
Als nun das Christentum entstand und die Zahl der Anhänger desselben
sich vermehrte, wurden auch die alten philosophischen Ansichten, deren
man sich nicht so schnell entäußern konnte, in dasselbe mit
hinübergenommen, und man versuchte es, so gut es anging, dieselben mit
den christlichen Lehren zu vereinigen.
Die reine Philosophie - Vernunftswissenschaft, Erkenntnislehre - kann
nie Schwärmerei erzeugen, welche eine entschiedene Feindin der Vernunft
ist; werden ihr aber religiöse Bestandteile beigemischt, so kann sie gar
leicht nicht allein zur Schwärmerei, sondern selbst zum wütendsten
Fanatismus führen. Aber fast alle philosophischen Systeme jener Zeit
hatten religiöse Bestandteile in sich aufgenommen, teils griechischen,
altorientalischen, ägyptischen oder jüdischen Ursprungs, und ihre
Anhänger und Bekenner waren meistens Gnostiker, das heißt Geheimwisser
oder Offenbarungskundige. In diese Systeme kam nun noch das christliche
Element, und das Resultat dieser Vereinigung waren oft sehr erhabene,
aber noch häufiger höchst abgeschmackte Lehrbegriffe über Gott,
Weltschöpfung, die Person Christi, den Ursprung des Übels, das Wesen des
Menschen usw. Wir haben es hier nur mit ihren Ansichten über die Ehe zu
tun.
Vorherrschend unter den Offenbarungs-Philosophen war die Ansicht, dass
die Materie - das Körperliche - die Quelle alle Bösen und dass die Welt
nicht durch den höchsten Gott, sondern durch ein ihm untergeordnetes,
unvollkommeneres Wesen - Demiurg (Werkmeister) - geschaffen sei. Der
Körper der Menschen stehe unter der Herrschaft der Materie und des bald
mehr oder minder bösartig gedachten Demiurgs, und das Heil des
menschlichen Geistes bestehe darin, dass es sich von den Fesseln der
Materie und des Demiurgs losmache und zu dem höchsten Gott zurückkehre.
Mit anderen Worten heißt das: der Mensch soll ein rein geistiges Leben
führen und alle vom Körper ausgehenden sinnlichen Regungen wie einen
Feind bekämpfen.
Hieraus geht schon deutlich hervor, dass die Ansichten dieser Schwärmer
der geschlechtlichen Vereinigung und der Ehe nicht günstig sein konnten.
Ehe ich einige dieser Ansichten namhaft mache, muss ich noch von dem
Brief des Paulus an die Korinther reden, welcher auf diese "Philosophie"
von bedeutendem Einfluss war.
Die Christen in Korinth konnten sich über ihre Meinung von der Ehe nicht
einigen und baten den Apostel Paulus um Belehrung. Dieser erfüllte ihr
Begehr, und was er ihnen antwortete, kann jeder in der Bibel nachlesen
(1. Korinth. Kap. 7). Aus diesem Schreiben geht hervor, "dass es Paulus
für besser hielt, unverheiratet zu bleiben; aber er erklärt
ausdrücklich, dass er mit diesem Rat den Christen keine Schlinge werfen
wolle und dass derjenige, der es für besser halte zu heiraten, damit
durchaus keine Sünde begehe. (1. Korinth. 7,32.)
Vergleichen wir die in diesem Brief enthaltenen Ratschläge mit seinen an
andern Stellen stehenden Aussprüchen über die Ehe, so möchte man mit dem
römischen Statthalter Festus ausrufen: "Paule, dein vieles Wissen macht
dich rasen!" Allein in dem Brief selbst ist der Schlüssel zu seiner
Handlungsweise enthalten: "Ich wollte Euch aber vor Sorgen bewahren."
Die Christen erwartete damals eine stürmische Zeit der Verfolgungen und
Trübsal, dann auch die baldige Wiederkehr Christi zum Weltgericht, und
dieser Glauben hatte auf die Antwort des Paulus unverkennbaren Einfluss.
Ein Unverheirateter wird die Leiden des Lebens meistens leichter
ertragen als ein Familienvater; das wird jeder fühlen, der eine Familie
hat.
Dieser Brief des Paulus diente den Verteidigern des Zölibats der
Geistlichen als Hauptstütze; sie vergaßen dabei aber außer den
besonderen Umständen, unter denen er geschrieben wurde, dass er an alle
Christen zu Korinth und nicht allein an die Geistlichen geschrieben war;
und hätte man die in ihm in Bezug auf die Ehe enthaltenen Ratschläge
allgemein als Befehl anerkennen wollen, so würde das Christentum bald
ein Ende gehabt haben, indem seine Anhänger ausgestorben wären. - Denn,
wenn Paulus sagt: wer heiratet, tut wohl; wer nicht heiratet, tut
besser, so sagt er doch auch: Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib
berühre. Das hätten sich die Geistlichen, welche das Zölibat
verteidigen, nur ebenfalls merken und als einen Befehl erachten sollen.
Ehe ist besser als Hurerei, und was Paulus darüber dachte, geht aus
Folgendem hervor:
Durch die Ratschläge des Apostels, vielleicht auch dadurch verführt,
dass die Frauen, welche Ehelosigkeit gelobten, von der christlichen
Gemeinde erhalten und oft zu untergeordneten Kirchenämtern - zu
Diakonissen - gewählt wurden, versprachen mehrere Witwen in Korinth,
sich nicht wieder zu verheiraten. Die jungen Weiber hatten sich jedoch
zu viel Kraft zugetraut. Die Ehelosigkeit wurde ihnen höchst unbequem,
und viele von ihnen hätten gern wieder geheiratet, wenn sie es wegen
ihres Gelübdes gedurft hätten. Aber der "Fleischesteufel" - um auch
einmal diesen beliebten pfäffischen Ausdruck zu gebrauchen - kehrt sich
an kein Gelübde und plagte die armen, verliebten Weiberchen so sehr,
dass sie es endlich machten wie der oben erwähnte Mönch und ihm den
Willen taten, damit sie nur Ruhe gewannen. - Sie waren aber sehr schwer
zu beruhigen, und ihr unzüchtiges Leben fing an, Aufsehen zu machen.
Paulus fand sich dadurch veranlasst, zu verordnen, dass diese Frauen,
wenn sie Neigungen dazu bekämen, trotz ihres Gelübdes lieber heiraten
als ein unzüchtiges Leben führen sollten, "damit nicht den Gegnern des
Christentums dadurch eine willkommene und gerechte Veranlassung gegeben
werde, dasselbe zu verlästern".
Die Päpste handelten jedoch ganz anders als der Apostel. Ihnen war es
nur um Ausrottung der Ehe unter den Priestern zu tun und sie gestatteten
sogar gegen eine Geldabgabe außereheliche, geistlich-fleischliche
Ausschweifungen, unbekümmert um das Ärgernis, welches dadurch gegeben
wurde; ja, sie gingen selbst mit dem schändlichsten Beispiel voran!
Von ihnen gilt, was Paulus ahnungsvoll vorhersah: "Bestimmt aber sagt
der Geist, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen
werden, achtend auf Irrgeister und Teufelslehren, die mit
Scheinheiligkeit Lügen verbreiten, gebrandmarkt am eigenen Gewissen, die
verbieten zu heiraten und gewisse Speisen zu genießen, welche Gott
geschaffen, dass sie dankbar genossen werden von den Gläubigen und von
denen, welche die Wahrheit erkannt."
Doch ich will wieder zu unseren Offenbarungsnarren zurückkehren und
anführen, was einige Sekten derselben von der Ehe hielten.
Julius Cassianus, ein Hauptnarr, erklärte die Ehe für Unzucht, und die
ganze zahlreiche Sekte der Enkratiten floh die Berührung der Weiber
überhaupt als eine Sünde. Zu ihnen gehörten die Abeloniten in der Gegend
von Hippo in Afrika, die sich durchaus des geschlechtlichen Umgangs
enthielten. Um aber die Vorschrift des Paulus (1. Korinth. 7,29), dass
"diejenigen, die Weiber haben, seien, als hätten sie keine",
buchstäblich zu erfüllen, nahmen die Männer ein Mädchen und die Weiber
einen Knaben zur beständigen Gesellschaft zu sich, um in Verbindung mit
dem andern Geschlecht, aber doch außer der Ehe, zu leben.
Ein gewisser Marzion, der von dem Heidentum zum Christentum übertrat,
trieb es mit der Entsagung besonders weit und litt wahrscheinlich am
Unterleibe, denn dafür sprechen seine hypochondrischen Lebensansichten.
Seine Genossen redete er gewöhnlich an: Mitgehasste und Mitleidende! -
Dieser trübselige Narr erklärte jedes Vergnügen für eine Sünde; er
verlangte, dass jeder von den schlechtesten Nahrungsmitteln leben
sollte, und von der Ehe wollte er vollends nichts wissen, denn diese
erschien ihm als eine privilegierte Unzucht. Er verlangte von seinen
Anhängern, wenn sie verheiratet waren, dass sie sich von ihren Weibern
trennten oder doch das Gelübde leisteten, sie nicht als ihre Weiber zu
betrachten. - Diese Sekte bestand bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts
unter besonderen Bischöfen.
Manche Lehrer dieser philosophischen Christensekten führten zur
Auflösung aller sichtlichen Ordnung. Karpokrates, der wahrscheinlich zur
Zeit des Kaisers Hadrian in Alexandrien lebte, lehrte: dass die
Befriedigung des Naturtriebes nie unerlaubt sein könne und dass die
Weiber von der Natur zum gemeinschaftlichen Genuss bestimmt wären. Wer
sich der sittlichen Ordnung unterwerfe, der bleibe unter der Macht des
Erdgeistes; sich aber allen Lüsten ohne Leidenschaft hingeben heiße
gegen ihn kämpfen und ihm Trotz bieten.
Ein anderer Schwärmer namens Marzius führte geheimnisvolle Zeremonien
ein und machte besonders die Weiber damit bekannt, wodurch bei ihnen
alle Schamhaftigkeit vernichtet wurde.
Von den Anhängern des Karpokrates erzählt man, dass sie bei ihren
Versammlungen die Lichter verlöschten und untereinander das taten, wobei
sich übrigens niemand gern leuchten lässt. Die Adamiten trieben es
ähnlich. Vor ihrem Tempel, den sie das Paradies nannten, war eine
bedeckte Halle. Unter dieser entkleideten sie sich und marschierten dann
nackt und paarweise in die Versammlung. Hier ergriff jedes Männlein ein
Fräulein - - und das nannte man die mystische Vereinigung. Ganz so wie
bei unsern gut protestantischen Muckerversammlungen. Die Seelenbräute
sind eine uralte Erfindung.
Andere Häretiker - so hieß die ganze Klasse dieser seltsamen Philosophen
- gestatteten zwar die Ehe, verhinderten aber die Schwangerschaft, indem
sie es machten wie Onan, der Erzvater der Onanie.
Montanus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Phrygien lebte,
sagte: dass Jesus und die Apostel der menschlichen Schwäche viel zu viel
nachgesehen hätten. Er verachtete alles Irdische und legte auf die
Ehelosigkeit sehr großen Wert.
Die Valesier, eine Sekte des dritten Jahrhunderts, zwangen ihre Anhänger
zur Kastration, ja, sie trieben dieselbe so leidenschaftlich, dass sie
gar häufig Fremde durch List in ihre Häuser lockten und diese
unangenehme Operation mit ihnen vornahmen.
Die Lehren dieser Schwärmer, besonders über das Verdienst der
Ehelosigkeit, fanden in der christlichen Kirche sehr großen Beifall, und
besonders waren es die des Montanus, welche sowohl unter den Geistlichen
wie Laien großen Anhang fanden. Wenn nun auch die römische Kirche schon
frühzeitig jede kirchliche Gemeinschaft mit den Montanisten abbrach, so
behielt sie doch ihre Lehre über das Fasten und das Verdienstliche der
Ehelosigkeit.
Das alles Irdische verachtet werden müsste, wurde bald der allgemeine
unter den orthodoxen Christen geltende Grundsatz. Wie den Anhängern des
Montanus waren ihnen Jesus und seine Jünger viel zu milde und
nachsichtig, und auf welche Abwege sie durch ihre asketische Schwärmerei
gerieten, haben wir im ersten Kapitel gesehen.
Je mächtiger der Geschlechtstrieb war und je mehr sinnliches Vergnügen
seine Befriedigung gewährte, desto verdienstlicher erschien es, ihn zu
bekämpfen, und diejenigen, denen es vollkommen gelang, standen im
höchsten Ansehen und waren Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
Die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten waren meistens der Ansicht,
dass die Seelen gefallener Geister zur Strafe in einen Körper gebannt
wären und dass die sittliche Freiheit des Menschen in der Fähigkeit
bestände, sich durch Besiegung "des Fleisches" aus der niederen Ordnung
emporzuschwingen. - Der Irrtum lag in der Übertreibung; setzt man statt
"Besiegung" und Abtötung Herrschaft, so wird wohl jeder Vernünftige mit
der Lehre einverstanden sein.
Die Ehe hielt man zwar nicht eigentlich für böse; allein man betrachtete
sie als ein notwendiges Übel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts
und zur Verhinderung der Ausschweifungen, von dem man so wenig als nur
möglich Gebrauch machen müsse; man würdigte das schönste Verhältnis zu
einer bloßen Kinderbesorgungsanstalt herab.
Die Vorliebe für den ehelosen Stand wurde immer allgemeiner und stieg
zum Fanatismus, so dass einer der ältesten Kirchenlehrer, Ignatius, sich
zu der Erklärung gezwungen sah: dass es sündlich sei, sich der Ehe aus
Hass zu entziehen.
Der Philosoph Justinus, welcher den Märtyrertod erduldete, hielt es für
sehr verdienstlich, wenn man den Geschlechtstrieb ganz und gar
unterdrücke, indem man sich dadurch dem Zustande der Auferstandenen
annähere. Er verwarf daher auch die Ehe ganz und gar und verwies auf
Christus, der nur deshalb von einer Jungfrau geboren sei, um zu zeigen,
dass Gott auch Menschen hervorbringen könne ohne geschlechtliche
Vermischung. Einen Jüngling, der sich selbst kastrierte, lobte er sehr.
Athenagoras und andere, die nicht so strenge waren, gaben die Ehe nur
wegen der Kindererzeugung zu. Clemens von Alexandrien verteidigte zwar
die Ehe und wies auf das Beispiel der Apostel hin; allein er gestand
doch zu, dass derjenige vollkommener sei, welcher sich der Ehe enthalte.
Origenes, der sich selbst entmannte, sein Schüler Hierax und Methodius
verdammten die Ehe, und ihre Lehren fanden unter den Mönchen Ägyptens
großen Beifall.
Einer der heftigsten Eiferer gegen die Ehe war Quintus Septimus Florens
Tertullian, Priester zu Karthago. Er erklärte die Ehe zwar nicht für
böse, aber doch für unrein, so dass sich der Mensch derselben schämen
müsse. Die zweite Ehe nannte er geradezu Ehebruch. Auf die Frage, was
aber aus dem Menschengeschlecht werden solle, wenn die Ehe aufhöre,
antwortete er: "Es kümmere ihn wenig, ob das Menschengeschlecht
ausstürbe; man müsse wünschen, dass die Kinder bald stürben, da das Ende
der Welt bevorstände." - Und Tertullian war selbst verheiratet.
Die Lehren dieses sehr geachteten Kirchenvaters waren von sehr großem
Einfluss. Die Geistlichen, welche diese Ansichten von der
Verdienstlichkeit der Enthaltsamkeit verbreiteten und anpriesen, mussten
natürlich mit dem Beispiel vorangehen, und sie hatten in jener Zeit auch
noch die besten praktischen Gründe, sich der Ehe zu enthalten, da sie es
ja hauptsächlich waren, welche den Verfolgungen zum Opfer fielen.
So kam es denn allmählich, dass die verheirateten Kirchenlehrer in eine
Art von Verachtung gerieten, und dieser Umstand war ein Beweggrund mehr
für die Geistlichen, sich der Ehe zu enthalten. Fanatische Bischöfe
wussten es bei den ihnen untergebenen Geistlichen mit Gewalt
durchzusetzen, dass sie sich nicht verheirateten, und das Volk sah immer
mehr in dem ledigen Stand einen größeren Grad der Heiligkeit.
Diese Ansicht war schon im fünften Jahrhundert ziemlich allgemein, und
diejenigen Geistlichen, welche nicht aus Überzeugung unverheiratet
blieben, taten es aus Scheinheiligkeit, und die verheiratet waren,
wussten den Glauben zu erwecken, als lebten sie mit ihren Frauen wie mit
Schwestern. Fälle von Selbstentmannung kamen häufig vor; aber dessen
ungeachtet war um diese Zeit die Ehelosigkeit der Geistlichen weder
allgemein, noch wurde sie von der Kirche geboten.
Der erste Versuch hierzu geschah im vierten Jahrhundert auf der in
Spanien von neunzehn Bischöfen abgehaltenen Synode zu Elvira (zwischen
305-309). Hier wurde es nicht allein verboten, Verheiratete als Priester
anzustellen, sondern man untersagte auch denen, die bereits im Ehestand
lebten, den geschlechtlichen Umgang mit ihren Weibern.
Andere Synoden folgten dem Beispiel, und da man nun sehr häufig den
unverheirateten Geistlichen den Vorzug gab, so bewog dies viele zum
ehelosen Leben, und der Scheinheiligkeit und Heuchelei waren Tür und Tor
geöffnet.
Auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325) stellte ein
spanischer Bischof den Antrag, die Ehe der Priester allgemein zu
untersagen; allein da erhob sich Paphnutius, Bischof von Ober-Thebais,
ein achtzigjähriger, in der höchsten Achtung stehender, unverheirateter
Mann, und verteidigte die Ehe mit solcher Wärme und so überzeugend, dass
sich die Versammlung damit begnügte, den Geistlichen die
Beischläferinnen zu verbieten. - Doch selbst die Erlaubnis, sich zu
verheiraten, brachte den dazu geneigten Priestern wenig Nutzen, denn der
Zeitgeist erklärte sich nun einmal gegen die Ehe.
Einen bedeutenden Einfluss auf diese Zölibatsschwärmerei hatte das
Mönchswesen. Den fanatischen Mönchen war die Ehe und jede
geschlechtliche Berührung ein Gräuel; ja, sie gingen in ihrem verkehrten
Eifer so weit, dass sie sogar die Frauen verfluchten, und behaupteten,
dass man sie gleich einer ansteckenden Seuche oder gleich giftigen
Schlangen fliehen müsse. Sie riefen sich, wenn sie einander begegneten,
Sentenzen zu, welche sie immer daran erinnern sollten, dass das Weib zu
verachten sei, wie z. B. "Das Weib ist die Torheit, welche die
vernünftigen Seelen zur Unzucht reizt" und dergleichen.
Was die allgemein auf das höchste verehrten Mönche als verwerflich
bezeichneten, erschien nun auch den Laien so, und wenn sich auch nicht
jeder zum Mönchsleben stark genug fühlte, so suchte man doch, selbst in
der Welt lebend, soviel als möglich Ansprüche auf asketische Heiligkeit
zu erwerben.
Dieses Streben nach Heiligkeit erzeugte heldenmütige Entschlüsse, die
zwar subjektiv immer zu bewundern sind, aber doch mit Bedauern darüber
erfüllen, dass soviel moralisches Pulver ins Blaue hinein verschossen
wurde.
Jünglinge und Jungfrauen schwärmten für die Keuschheit. Pelagius, später
Bischof von Laodicea, bewog noch im Brautbett seine Braut zu einem
enthaltsamen Leben; andere wurden in derselben kritischen Lage von ihren
Bräuten dazu beredet. Einige Beispiele habe ich schon früher angeführt.
Einzelne Sekten, wie die Eustathianer und Armenier, erklärten jetzt
geradezu, dass kein Verheirateter selig werden könne, und wollten von
verehelichten Priestern weder das Abendmahl annehmen noch sonst mit
ihnen irgendeine Gemeinschaft haben. Da sie aber auch das Fleischessen
für sündlich erklärten und sie behaupteten, dass die Reichen, wenn sie
nicht ihrem ganzen Vermögen entsagten, nicht selig werden könnten, so
wurden ihre Lehren auf einem Konzil als irrtümlich verdammt.
Das weitere Umsichgreifen des Mönchswesens erzeugte ein immer
allgemeineres Vorurteil gegen die Ehe, und die verheirateten Priester
bekamen einen immer schwierigeren Stand.
Viele der Kirchenväter, deren Schriften allgemeine Verbreitung fanden,
waren mit asketischen Ansichten aufgewachsen und eiferten heftig gegen
die Ehe. Dies taten Eusebius und Zeno, Bischof von Verona, derselbe, der
erklärte, dass es der größte Ruhm der christlichen Tugend sei, die Natur
mit Füßen zu treten.
Ambrosius, römischer Statthalter der Provinz Ligurien und Aemilien, trat
zum Christentum über und wurde acht Tage nach seiner Taufe zum Bischof
von Mailand gemacht. Er kannte kaum die christlichen Lehren, und da er
nicht hoffen konnte, sich durch Gelehrsamkeit auszuzeichnen, so
versuchte er es durch ein asketisches Leben. - Da es bis dahin noch für
Ketzerei galt, die Ehe zu verdammen - die Apostel waren ja verheiratet
gewesen, - so gestand er ihr immer noch einiges Gute zu; aber er konnte
in den Anpreisungen des ehelosen Lebens kein Ende finden und hatte es
besonders darauf abgesehen, den Jungfrauen ihre Jungfrauschaft zu
erhalten. Maria stellte er ihnen beständig als Muster auf und erzählte
die seltsamsten Wunder, die stattgefunden haben sollten, um die
Jungfrauschaft dieses oder jenes Mädchens zu retten. Ja, er ging so
weit, die Kinder zum Ungehorsam gegen die Eltern zu verführen, indem er
in einem Aufrufe an die Jungfrauen sagte: "Überwinde erst die Ehrfurcht
gegen deine Eltern! Wenn du dein Haus überwindest, so überwindest du
auch die Welt."
Er erzeugte in Mailand durch seine Predigten einen solchen
Keuschheitsfanatismus unter den Mädchen, dass die jungen Männer in
Verzweiflung gerieten und vernünftige Eltern ihren Töchtern verbieten
mussten, seine Predigten zu besuchen. Sein Ruf war so weit verbreitet,
dass man ihm aus Afrika Jungfrauen zusandte, damit er sie zur Keuschheit
verführe.
Augustin, der nach einem wilden Leben zum Christentum übertrat und
endlich auch Bischof von Hippo wurde, verdammte zwar die Ehe ebenfalls
nicht geradezu, trug aber durch seine Schriften sehr viel zur
Zölibatsschwärmerei bei. Er lehrte, dass der unverheiratete Sohn und die
unverheiratete Tochter weit besser seien als die verehelichten Eltern,
und sagte: "Die ehelose Tochter wird im Himmel eine weit höhere Stufe
einnehmen als ihre verehelichte Mutter: ihr Verhältnis wird zueinander
sein wie das eines leuchtenden und eines finsteren Sterns."
Die Ehe zwischen Joseph und Maria stellte er als Muster einer Ehe auf,
denn sie lebten im ehelichen Verhältnis, hatten sich aber gegenseitig
Enthaltsamkeit gelobt. Früher sei die Ehe notwendig gewesen, um das Volk
Gottes fortzupflanzen, jetzt aber, da das Christentum bereits verbreitet
sei, müsse man auch diejenigen, welche sich Kinder zeugen wollten, zur
Enthaltsamkeit ermahnen. Man müsse wünschen, dass alles ehelos bleibe,
damit die Stadt Gottes eher voll und das Ende der Welt beschleunigt
würde. - Übrigens forderte Augustin von den Geistlichen nicht durchaus
Ehelosigkeit.
Von dem allergrößten Einfluss auf das Zölibat und auf das Mönchsleben
war der uns schon bekannte Hieronymus. Er hatte selbst aus Erfahrung die
Macht des Geschlechtstriebes kennengelernt und schildert seine Kämpfe so
lebhaft, dass es Grauen erregt.
"Ich", schrieb er an Eustochium, "der ich mich aus Furcht vor der Hölle
zu solchem Gefängnis verdammte, der ich mich nur in der Gesellschaft von
Skorpionen und wilden Tieren befand, befand mich doch oft in den Chören
von Mädchen. Das Gesicht war blass vom Fasten, und doch glühte der Geist
von Begierden im kalten Körper und in dem vor dem Menschen schon
erstorbenen Fleisch loderte das Feuer der Wollust. Von aller Hilfe
entblößt, warf ich mich zu den Füßen Jesu, benetzte sie mit meinen
Tränen, trocknete sie mit meinen Haaren, und das widerspenstige Fleisch
unterjochte ich durch wochenlanges Hungern."
Besonders eifrig bemüht war auch Hieronymus, die Frauen für das
enthaltsame Leben zu gewinnen. Dies gelang ihm vortrefflich, denn durch
seinen Umgang mit den vornehmen Römerinnen hatte er sich eine sehr
genaue Kenntnis des weiblichen Herzens und seiner schwachen Seiten
erworben.
Eine Stelle in seinen Briefen zeigt dies schon deutlich und beweist,
dass die Weiber vor tausend Jahren nicht anders waren, als sie es
heutzutage sind. Er schreibt nämlich an ein junges Mädchen, welchem der
Aufenthalt im Haus der Mutter zu eng wird:
"Was willst du, ein Mädchen von gesundem Körper, zart, wohlbeleibt,
rotwangig vom Genuss des Fleisches und Weins und vom Gebrauch der Bäder
aufgeregt, bei Ehemännern und Jünglingen machen? Tust du auch das nicht,
was man von dir verlangt, so ist es doch schon ein schimpfliches Zeugnis
für dich, wenn solche Dinge von dir verlangt werden. Ein wollüstiges
Gemüt verlangt unanständige Dinge desto brennender, und von dem, was
nicht erlaubt ist, macht man sich desto lockendere Vorstellungen.
Selbst dein schlechtes und braunes Kleid gibt ein Kennzeichen deiner
verborgenen Gemütsart ab, wenn es keine Falten hat, wenn es auf der Erde
fortgeschleppt wird, damit du größer zu sein scheinst; wenn es mit Fleiß
irgendwo aufgetrennt ist, damit zugleich das Garstige bedeckt werde und
das Schöne in die Augen falle. Auch ziehen deine schwärzlichen und
glänzenden Hosen, wenn du gehst, durch ihr Rauschen die Jünglinge an
sich.
Deine Brüste werden durch Binden zusammengepresst, und der verengte
Busen wird durch die Gürtel in die Höhe getrieben. Die Haare senken sich
sanft entweder auf die Stirn oder auf die Ohren herab. Das Mäntelchen
fällt zuweilen nieder, um die weißen Schultern zu entblößen, und dann
bedeckt sie wieder eilends, als wenn es nicht gesehen werden sollte,
dasjenige, was sie mit Willen aufgedeckt hatte."
Um die Mädchen zu verführen, Jesus zum Bräutigam zu erwählen, gebrauchte
er oft sehr seltsame Mittel, indem er dieses zarte Verhältnis höchst
üppig und unzart schilderte. So schreibt er zum Beispiel an Eustochium:
"Es ist der menschlichen Seele schwer, gar nichts zu lieben; etwas muss
geliebt werden. Die fleischliche Liebe wird durch die geistliche
überwunden. Seufze daher und sprich in deinem Bette: des Nachts suche
ich denjenigen, den meine Seele liebt. Dein Bräutigam muss in deinem
Schlafgemach nur mit dir scherzen. Bitte, sprich zu deinem Bräutigam,
und er wird mit dir sprechen. Und hat dich der Schlaf überfallen, so
wird er durch die Wand kommen, seine Hand durch das Loch stecken und
deinen Bauch berühren."
Die keusche Ehelosigkeit erschien Hieronymus als das Höchste, und von
der Ehe weiß er nur das zu rühmen, - dass aus ihr Mönche und Nonnen
erzeugt würden!
In sehr heftigen Streit geriet er mit Jovian, welcher die Ehe
verteidigte. Er bekämpfte die Lehren desselben mit großer Gewandtheit,
wenn uns auch die beigebrachten Argumente sehr häufig ein Lächeln
ablocken.
In einer seiner Streitschriften führt er den Jovian redend ein. Er lässt
ihn fragen, wozu Gott die Zeugungsglieder geschaffen und warum er die
Sehnsucht nach Vereinigung in den Menschen gelegt habe? - Darauf
antwortet Hieronymus, dass diese Körperteile geschaffen wären, um den
Flüssigkeiten, mit denen die Gefäße des Körpers bewässert sind, Abgang
zu verschaffen!
"Auf das aber", fährt er fort, "dass die Geschlechtsorgane selbst, der
Bau der Zeugungsteile, die Verschiedenheit zwischen Mann und Weib, und
die Gebärmutter, welche geeignet ist zur Empfängnis und Ernährung der
Frucht, einen Geschlechtsunterschied zeigen, will ich in Kürze
antworten.
Wir sollen wohl deshalb nie aufhören, der Wollust zu frönen, damit wir
nie vergebens diese Glieder mit uns herumtragen? Warum soll wohl da die
Witwe ehelos bleiben, wenn wir bloß dazu geboren sind, nach Weise des
Viehes zu leben? Was brächte es mir denn für Schaden, wenn ein anderer
meine Frau beschläft? - Was will da der Apostel, dass er zur Keuschheit
auffordert, wenn sie gegen die Natur ist? Gewiss verdient es der
Apostel, der uns zu seiner Keuschheit auffordert, zu hören: Warum trägst
du dein Schamglied mit dir herum? Warum unterscheidest du dich von dem
Geschlecht der Weiber durch Bart, Haare und durch andere Beschaffenheit
der Glieder? usw. Lasst uns Christus nachahmen, der sich der
Zeugungsglieder nicht bediente und sie doch hatte."
Die Art und Weise, wie der heilige Hieronymus die Ehe bekämpfte, fand
indessen wenig Beifall, wenn auch sehr viele mit ihm in der Hauptsache
übereinstimmen, und er sah sich genötigt, sich zu verteidigen.
"In Streitschriften", sagte er, "habe man mehr Freiheit als im
Lehrvortrag und könne sich in ihnen selbst einer Art von Vorstellung
bedienen, um seinen Feind desto besser zu Boden zu stürzen."
So schreibt er gegen einen Mönch, der ihn in Verdacht bringen wollte,
dass er die Ehe überhaupt verdamme, ganz in der alten Art, und schließt:
"Weg mit dem Epikur, weg mit dem Aristippus! Sind die Sauhirten nicht
mehr da, dann wird auch die trächtige Sau nicht mehr grunzen. Will er
nicht gegen mich schreiben, so vernehme er mein Geschrei über so viele
Länder, Meere und Völker hinweg: Ich verdamme nicht das Heiraten! Ich
verdamme nicht das Heiraten! Ich will, dass jeder, welcher etwa wegen
nächtlicher Besorgnisse nicht allein liegen kann, sich ein Weib nehme."
Im ersten Kapitel habe ich angegeben, wie sich die Republik der
christlichen Gemeinde allmählich in eine Despotie verwandelte. Diese
Veränderung, in Verbindung mit dem mächtigen Einfluss des Mönchswesens,
wirkte für die Priesterehe sehr nachteilig. Ihre Gegner traten immer
entschiedener auf, und von der öffentlichen Meinung unterstützt, folgten
immer mehr Konzilien dem Beispiel der von Elvira.
Ein allgemeines Verbot der Priesterehe war indessen bis zum Ende des
vierten Jahrhunderts noch nicht gegeben worden; aber dessen ungeachtet
verdankte sie ihr Fortbestehen weniger der Anerkennung ihrer
Rechtmäßigkeit als vielmehr einer teils auf besonderen Ansichten, teils
auf dem Gefühl der Unausführbarkeit der strengen Grundsätze begründeten
Nachsicht von Seiten der Bischöfe, während fortdauernd das Bestreben
dahin gerichtet war, ihr völlig ein Ende zu machen.
Einen sehr bedeutenden Anteil an der Unterdrückung der Priesterehen von
Seiten der Machthaber der Kirche hatten der Geiz und die Geldgier
derselben. War es den Priestern erlaubt zu heiraten, so fiel auch ihr
Nachlass an ihre rechtmäßigen Kinder, und alles, was mit List und Betrug
zusammengescharrt war, ging der Kirche verloren.
Da ich keine Geschichte der Kämpfe um die Priesterehe schreiben, sondern
mehr das Verderbliche des Zölibats zeigen will und auch dargetan habe,
wie die Idee von der Verdienstlichkeit der Ehelosigkeit unter den
Christen Eingang gewann, so kann ich mich in Bezug auf den ersten Punkt
umso kürzer fassen, als ich im Verfolg des zweiten noch genötigt sein
werde, auf jene Kämpfe zurückzukommen.
Die griechische Kirche hatte die Überzeugung gewonnen, dass ein so
unnatürliches Gesetz wie das Zölibat ohne die größten Nachteile nicht
durchführbar sei, und auf einer unter Justinian II. im kaiserlichen
Palast Trullum gehaltenen Synode (692) wurde beschlossen, dass die
Geistlichen nach wie vor heiraten und mit ihren Weibern leben könnten.
Dieser vernünftige Beschluss behielt in der griechischen Kirche bis auf
den heutigen Tag seine Geltung.
Die Trullanische Synode begnügte sich aber nicht allein damit, die
Priesterehe stillschweigend zu gestatten, wie es die von Nicäa tat, denn
dies würde am Ende wenig geholfen haben, sondern sie verordnete: dass
ein jeder, der es wagte, den Priestern und Diakonen nach ihrer
Ordination die eheliche Gemeinschaft mit ihren Weibern zu untersagen,
abgesetzt werden sollte. Ferner, dass diejenigen, welche ordiniert
werden und unter dem Vorwand der Frömmigkeit nun ihre Weiber
fortschicken, exkommuniziert werden sollten.
Die Päpste Konstantin und Hadrian I. waren vernünftig genug, die
Beschlüsse der Trullanischen Synode zu billigen, und Papst Hadrian II.
(867-871) war selbst verheiratet. Noch am Anfang des elften Jahrhunderts
kann man es als Regel an nehmen, dass überall der bessere Teil der
Geistlichen in einer rechtmäßigen Ehe oder doch wenigstens in einem
Verhältnis lebte, welches der Ehe gleichgeachtet wurde.
Die Päpste Viktor II., Stephan IX. und Nikolaus II. setzten jedoch die
Versuche fort, die Priesterehe abzuschaffen; aber der Hauptfeind
derselben war Gregor VII.; er verbot sie geradezu und zwang die schon
verheirateten Priester, ihre Weiber zu verlassen.
Der Kampf der Geistlichen um ihre Rechte als Menschen, dauert zwei
Jahrhunderte. Endlich unterlagen sie; aber dieser Sieg brachte der
römischen Kirche keinen Segen. Die traurigen Folgen des Zölibats riefen,
wie ich schon im Eingange bemerkte, die Reformation hervor. Aber selbst
diese vermochte es nicht, den Starrsinn der Päpste zu brechen. Die
Fürsten drangen bei der Trientiner Kirchenversammlung auf Abschaffung
des Zölibats, welches als die Wurzel allen Übels betrachtet wurde; aber
vergebens; das Zölibat wurde von diesem Konzil bestätigt, und seine
Beschlüsse gelten noch bis heute.
Das Vorurteil von der Verdienstlichkeit der Selbstquälerei und der
Vorzug, welchen fanatische Bischöfe den unbeweibten Geistlichen gaben,
bewogen viele von diesen zum ehelosen Leben, wenn auch ihre Neigungen
damit durchaus nicht übereinstimmten. Sie wussten es indessen schon
anzustellen, dass sie den Schein der Heiligkeit bewahrten, dabei aber
doch dem brüllenden Fleischesteufel im Geheimen opferten. Sehr günstig
war dafür die seltsame Sitte, dass unverheiratete Geistliche oder auch
Laien Jungfrauen zu sich ins Haus nahmen, welche gleichfalls Keuschheit
gelobt hatten. - Diese Jungfrauen nannte man Agapetinnen oder
Liebesschwestern. Mit diesen lebten die Geistlichen "in geistiger
Vertraulichkeit und platonischer Liebe". Sie waren fortwährend mit ihnen
beisammen und schliefen sogar meistens mit ihnen in einem Bett,
behaupteten aber, dass sie - eben nur miteinander schliefen.
Dies zu glauben - nun dazu gehört eben Glauben. Von einigen weiß man mit
Bestimmtheit, dass sie mitten in den Flammen der Wollust unverletzt
blieben. Der heilige Adhelm zum Beispiel legte sich zu einem schönen
Mädchen, das sich alle Mühe gab, das geistliche Fleisch rebellisch zu
machen. Der Heilige benahm sich aber wie die drei Männer im feurigen
Ofen und bannte den Unzuchtteufel durch fortwährendes Psalmensingen.
Ich kannte einen zwanzigjährigen Dragonerfähnrich, dem dies Kunststück
ohne Psalmensingen gelang. Wahrscheinlich ging es ihm und St. Adhelm wie
jenem Abt in Baden, von dem uns Hemmerlin, Kanonikus zu Zürich und
Probst zu Solothurn (starb 1460), erzählt, der sich zur Gesellschaft
zwei hübsche Dirnen holen ließ, und als sie nun da waren, höchst
ärgerlich ausrief: "Die verfluchten Versuchungen, gerade jetzt bleiben
sie aus!"
Das faule Leben, welches die Pfaffen führten, und die asketischen
Übungen, welche sie mit sich vornahmen, waren der Keuschheit nichts
weniger als günstig. Von den geachtetsten und würdigsten Kirchenlehrern
aus den ersten Jahrhunderten, denen es mit Besiegung des
Geschlechtstriebes vollkommen ernst war, wissen wir, wie viel ihnen
derselbe zu schaffen machte und welche Kämpfe sie zu bestehen hatten.
Basilius hatte sich in eine reizende Einöde zurückgezogen; aber er
gestand, dass er wohl dem Getümmel der Welt, aber nicht sich selbst
entgehen könne. "Was ich nun in dieser Einsamkeit Tag und Nacht tue",
schreibt er an einen Freund, "schäme ich mich fast zu sagen; - - indem
ich die innewohnenden Leidenschaften mit mir herumtrage, bin ich überall
gleicherweise im Gedränge. Deshalb bin ich durch diese Einsamkeit im
Ganzen nicht viel gefördert worden."
Gregor von Nazianz behandelte seinen Körper auf härteste Weise, aber
dessen ungeachtet klagt er über die unaufhörlichen Neigungen zur
Wollust, über die Anfälle des Teufels und seine eigene Schwäche. Er
droht seinem rebellischen Fleisch, es durch Schmerzen aller Art so zu
entkräften, dass es ohnmächtiger als ein Leichnam werden solle, wenn es
nicht aufhören würde, seine Seele zu beunruhigen. Aber gerade seine
Kasteiungen machten ihn so entzündbar, dass er einst, als ein Verwandter
mit einigen Frauen in die Nähe seiner Wohnung zog, aus dieser flüchtete,
um nur seine Keuschheit zu retten!
Ähnliche Beispiele haben wir schon im zweiten Kapitel kennengelernt.
Alle diese heiligen Männer sind entzündbar wie Streichhölzchen und
gleichen jenem würdigen Priester aus dem Gebiet von Nursia, welcher
gewissenhaft und standhaft genug war, seine Frau nach seiner Ordination
zu fliehen. Als er hochbetagt war, erkrankte er an einem Fieber und war
im Begriff, sein Leben zu enden, als seine Frau sich liebevoll über ihn
beugte, um zu lauschen, ob er noch atme. Da raffte der Sterbende seine
letzten Lebenskräfte zusammen und rief: "Fort, fort, liebes Weib, tu'
das Stroh hinweg, noch lebt das Feuer!"
Climacus wusste ebenfalls aus Erfahrung, dass der "Fleischesteufel" der
am härtesten zu besiegende ist. Er sagte. "Wer sein Fleisch überwunden
hat, hat die Natur überwunden, ist über der Natur, ist ein Engel. - Ich
kann mit David sagen, dass ich in mir den Gottlosen wahrgenommen, der
durch seine Wut meine Seele ängstigte, - durch Fasten und Abtötung
verlor er seine Hitze, und da ich ihn wieder suchte, fand ich kein
Merkmal seiner Gewalt mehr in mir." Warum er ihn aber wieder suchte, das
hat der fromme Mann vergessen anzugeben.
Der heilige Bernhard war ebenfalls ehrlich genug, die Macht dieses
"Gottlosen" anzuerkennen. "Diesen Feind können wir weder fliehen noch in
die Flucht schlagen, wenngleich Hieronymus die Flucht vor dem Weibe
anrät als der Pforte des Teufels, der Straße des Lasters - der Mann ist
eine Stoppel, nähert er sich, so brennt er."
Was manche Heilige für wunderliche Dinge vornahmen, um die verzehrende
Liebesglut zu ersticken, haben wir schon früher gesehen. Der heilige Abt
Wilbelm legte sich auf ein Bett von - glühenden Kohlen und lud seine
Verführerin ein, sich zu ihm zu legen! Ja, dieser Heilige ließ das Grab
seiner verstorbenen Geliebten öffnen, weil er das Andenken an sie nicht
ausrotten konnte, und nahm ihren faulenden Körper mit in seine Zelle, um
ihn sich als Stärkungsmittel unter die Nase zu halten, wenn ihn der
Fleischteufel kitzelte.
Solche Kämpfe hatten also sogar Heilige zu bestehen und gestanden ihre
Schwachheit ein; aber wie wenige Heilige gibt es unter den Geistlichen!
Die meisten gleichen wohl dem heiligen Augustin, Bischof von Hippo, der
bekannte, dass er einst Gott gebeten habe: "Er möge ihm die Gabe der
Keuschheit verleihen, aber nicht sogleich, indem er wolle, dass seine
wollüstigen Triebe erst gesättigt werden möchten." Dann ist die
Keuschheit freilich leicht.
So stark nun auch der Glaube in der ersten Zeit des Christentums war, so
hieß es ihm doch etwas zu viel zumuten, nichts Böses zu denken, wenn ein
junger Mann und ein junges Weib in einem Bett schliefen, und viele
vernünftige Kirchenlehrer trachteten danach, dies anstößige und
verdächtige Zusammenleben zu bekämpfen.
Dies tat unter andern schon der heilige Chrysostomus. Er schrieb: "Ich
preise glücklich diejenigen, welche mit Jungfrauen zusammen wohnen und
keinen Schaden nehmen, und wünschte selbst, dass ich solche Stärke
hätte; auch will ich glauben, dass es möglich sei, solche zu finden.
Aber ich wünsche auch, dass die, welche mich tadeln, mich überzeugen
könnten, dass ein junger Mann, welcher mit einer Jungfrau zusammen
wohnt, sich an ihrer Seite befindet, mit ihr an einem Tische speist,
sich mit ihr den ganzen Tag unterhält, mit ihr, um ein anderes zu
verschweigen, lächelt, scherzt, schmeichelnde und liebkosende Worte
wechselt, von Begierde ferngehalten werden könne. - - Ich habe
vernommen, dass viele zu Steinen und Statuen Neigung empfunden haben.
Vermag aber so viel ein Kunstwerk, was muss da erst vermögen ein zarter
lebender Körper?"
Jedenfalls musste solches Zusammenleben den Weltkindern Stoff zum Spott
und zur Verdächtigung geben, und wenn man einen Pfaffen angreifen
wollte, so griff man ihn immer zuerst bei seiner Liebesschwester an.
Viele Jungfrauen bestanden zwar auf Untersuchung ihrer Jungfrauenschaft
durch Hebammen; aber der heilige Cyprian meint mit Recht: "Augen und
Hände der Hebammen können auch getäuscht werden."
Am sichersten war es freilich, wenn der Geistliche den Beweis seiner
Unschuld führen konnte, wie der Patriarch Acacius, der von der
Kirchenversammlung zu Seleucia (489) der Unzucht beschuldigt wurde. Er
hob seine Kutte auf und bewies den ehrwürdigen Vätern durch den
Augenschein, dass Unzucht bei ihm ein Ding der Unmöglichkeit sei.
Schon Tertullian spricht von der oftmals vorkommenden Schwangerschaft
solcher "Jungfrauen" und von den verbrecherischen Mitteln, welche sie
anwendeten, dieselbe zu verheimlichen; denn damals konnten sie sich noch
nicht damit entschuldigen, dass sie einen Papst gebären würden, wie es
später oftmals vorkam, als die Lehre geltend gemacht wurde, dass der
Vater der Päpste der - Heilige Geist sei!
Die Synode von Elvira fand es auch schon für nötig, ihr Augenmerk auf
die platonischen Bündnisse zu richten, und verordnete, dass Bischöfe und
Geistliche nur Schwestern oder Töchter (aus früherer Ehe erzeugte) bei
sich haben sollten, welche das Gelübde der Keuschheit geleistet hatten.
Aber in den Verordnungen des Erzbischofs Egbert von York (um 750) finden
wir Strafen festgesetzt für Bischöfe und Diakonen, welche mit Mutter,
Schwester usw., ja mit vierfüßigen Tieren Unzucht treiben! Ein Beweis,
dass solche Vergehen vorkamen.
Später suchte man das Übel dadurch zu steuern, dass man das Alter,
welches die Liebesschwestern haben mussten, sehr hoch ansetzte. Schon
Theodosius II. sah sich genötigt, zu bestimmen, dass die im Dienste der
Kirche stehenden Diakonissen über sechzig Jahre alt sein mussten, da es
vorgekommen war, dass ein Diakon eine vornehme Frau in einer Kirche von
Konstantinopel geschändet hatte. Dieses Alter schützte jedoch nicht
gegen die Unzucht, und ein ungenannter Bischof, der dagegen eiferte,
kannte die geile Natur der Pfaffenspatzen - so nannte man später die
Franziskaner zum Unterschied von den Dominikanern, die Schwalben hießen
- indem er schrieb: "Auch nicht ein altes noch hässliches Frauenzimmer
sollen die Geistlichen in ihr Haus nehmen, weil man da, wo man vor
Verdacht sicher ist, am schnellsten sündigt; auch die Lust sich nicht an
das Hässliche kehre, indem der Teufel ihr das hübsch mache, was
abscheulich ist."
Den Beweis, wie früh sich schon die verderblichen Folgen des Vorurteils
gegen die Priesterehe zeigten, liefern die Beschlüsse der ersten
Konzilien. Das zu Elvira sah sich schon genötigt, Strafen festzusetzen
gegen unzüchtige Geistliche. "Wenn ein im Amt befindlicher Bischof,
Priester oder Diakon", heißt einer ihrer Beschlüsse, "erfunden worden
ist, dass er Unzucht getrieben habe, so soll er auch am Ende seines
Lebens nicht zur Kommunion gelassen werden."
Das Konzil zu Neu-Cäsarea bestimmte, dass ein solcher Geistlicher
abgesetzt werde und Buße tun solle. Ja, diese Beschlüsse redeten auch
schon von Knabenschändungen und Sodomiterei mit Tieren.
Doch was nützen alle strengen Strafbestimmungen, wenn sie gegen eine
Sache gerichtet sind, welche der Natur durchaus entgegen ist; sie können
höchstens bewirken, dass sich die mit der Strafe Bedrohten mehr Mühe
geben, ihre Handlungen zu verheimlichen; und schon die hier genannten
Kirchenversammlungen reden von Frauen der Geistlichen, die ihre im
Ehebruch erzeugten Kinder umbrachten.
Gar viele Geistliche, die sich nach ihrer Ordination nicht von ihren
Frauen trennen wollten, gelobten sich ihrer zu enthalten; aber der
heilige Bernhard sagt: "Eine Frau haben und mit dieser nicht sündigen
ist mehr als Tote erwecken." - Wie oft wurde nicht dieses Gelübde
gebrochen, und wie oft wurde es nicht eben mit dieser Absicht geleistet!
War ein Geistlicher gewissenhaft, so hatte er den größten Schaden davon,
denn die mit der Enthaltsamkeit ihres Mannes unzufriedene Frau suchte
sich einen Stellvertreter, und zeigten sich die Folgen dieses Umgangs,
dann kam der unschuldige Mann in Verdacht, sein Gelübde gebrochen zu
haben.
Dass die Frauen der Geistlichen sich gar häufig auf solche Weise und
manchmal selbst mit der Erlaubnis oder mit Wissen ihrer Männer
entschädigten, beweisen abermals die Bestimmungen des schon oft
genannten Konzils von Elvira. Eine derselben lautet: "Wenn die Frau
eines Geistlichen hurt und ihr Mann dies weiß und sie nicht sogleich
verstößt, so soll er auch nicht am Ende des Lebens die Kommunion
empfangen."
Doch nicht allein die Ehe der Geistlichen, ja sogar die der Laien wurde
von der Kirche auf das sorgfältigste überwacht. Ich finde augenblicklich
dafür keinen früheren Beweis als in dem Buch von den Kirchenstrafen,
welches Regino, Abt von Prüm, im Jahr 909 auf Befehl des Erzbischofs
Rathbod von Trier schrieb. Dort heißt es: "Der Verehelichte, der sich 40
Tage vor Ostern und Pfingsten oder Weihnachten, an jeder Sonntagsnacht,
am Mittwoch oder Freitag, von der sichtbaren Empfängnis bis zur Geburt
des Kindes von der Frau nicht enthält, muss, wenn ein Sohn geboren wird,
30 Tage, wenn eine Tochter geboren wird, 40 Tage Buße tun. Wer in der
Quadragesima (der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern) seiner Frau
beiwohnt, muss ein Jahr Buße tun, oder 16 Solidos an die Kirche bezahlen
oder unter die Armen verteilen. Tut er es in der Besoffenheit und
zufällig, so darf er nur 40 Tage Buße tun. - Jeder muss sich vor Empfang
des Abendmahls der Frau sieben, fünf oder drei Tage enthalten."
Die Kirche verdankt das große Licht St. Iso in St. Gallen nur dem
Umstand, dass er von seinen vornehmen Eltern - in der Osternacht erzeugt
wurde, welche darüber Gewissensskrupel hatten und ihn der Kirche
widmeten.
Schon früher bemerkte ich, dass der Eigennutz der Bischöfe großen Anteil
an der Verdammung der Priesterehe hatte. Bekam ein verheirateter
Priester keine Kinder, - nun dann sah man durch die Finger. Die Folge
davon war, dass sie die Schwangerschaft ihrer Weiber entweder
verhinderten, wie Onan, oder dass sie zu gefährlichen Mitteln ihre
Zuflucht nahmen.
Ein südamerikanischer Indianerstamm soll ein ganz unschädliches Mittel
besitzen, die Empfängnis der Weiber zu verhindern, was oft von solchen
Frauen angewendet wird, die nicht gleich eine Familie haben wollen. Mich
wundert, dass noch niemand dasselbe aufgefunden und nach Europa gebracht
hat; er könnte sich große Verdienste um die römische Kirche und sonst
erwerben.
Den Beweis dafür, wie es der Kirche ganz hauptsächlich darauf ankam,
dass die Geistlichen keine Kinder bekommen, die sie beerben konnten,
liefert ein Konzilium, welches Erzbischof Johann von Tours im Jahr 1278
in London hielt.
Dort heißt es in einer der Verordnungen: "Da die Fleischelust den
Klerikalstand vielfältig entehrt, besonders wenn es zum Kinderzeugen
kommt, so verordnen wir, dass die Kleriker, besonders die in den
heiligen Weihen sich befindlichen, sich nicht unterstehen, ihren im
geistlichen Stand erzeugten Söhnen und ihren Konkubinen etwas
testamentarisch zu vermachen. Solche Vermächtnisse sollen der Kirche des
Testators zufallen."
Das Leben der Geistlichen in den ersten Jahrhunderten lernen wir sehr
genau aus den Schriften der Kirchenväter kennen, welche sich bemühten,
die unter denselben herrschende Verderbnis zu bekämpfen. Es erscheint
oft unglaublich, dass die Religion, die Jesus lehrte, zu so
abscheulichen Lastern führe konnte, wie sie uns in diesen Schriften
berichtet werden. Dass die Geistlichen sich für das Verbot der Ehe auf
andere Weise zu entschädigen suchten, nun, das ist menschlich und an und
für sich zu entschuldigen. Bei solchen Vergehen muss man nicht sowohl
den schwachen Menschen als vielmehr das naturwidrige Verbot verdammen,
welches zur Verletzung der Sittengesetze zwingt; aber anders ist es mit
den von den Bischöfen begangenen Schändlichkeiten und Verbrechen, die in
dem Geiz, der Herrschsucht und anderen bösen Leidenschaften ihre
Ursachen haben.
Basilius schreibt an Eusebius, Bischof von Samosata: "Nur an die
allernichtswürdigsten Menschen ist jetzt die bischöfliche Würde
gekommen"; in einem Brief, welchen er und zweiunddreißig andere Bischöfe
an sämtliche Bischöfe Galliens und Italiens richten, wird der
schmachvolle Zustand der Kirche mit großer Wehmut geschildert: "Die
Schlechtigkeit der Bischöfe und Kirchenvorsteher", heißt es darin, "sei
so groß, dass die Bewohner vieler Städte keine Kirchen mehr besuchen,
sondern mit Weib und Kind außerhalb der Mauern der Städte unter freiem
Himmel für sich Gebete verrichteten."
Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Cyrill von Jerusalem usw. können nicht
grell genug die Sittenverderbnis der Geistlichen schildern. Diese hatten
es damit so weit gebracht, dass man die Unzucht als förmlich zum Pfaffen
gehörig betrachtete und nicht mehr für ein Verbrechen hielt. - Die
afrikanischen Synoden sahen sich gezwungen, zu verordnen, dass kein
Geistlicher allein zu einer Jungfrau oder Witwe gehen solle!
Am lebhaftesten schildert die Geistlichen und den Sittenverfall der
damaligen Zeit der schon oft genannte heilige Hieronymus. Er schreibt in
einem Briefe an Eustochium: "Sieh, die meisten Witwen, die doch
verehelicht waren, ihr unglückliches Gewissen unter dem erlogenen Gewand
verbergen. Wenn sie nicht der schwangere Bauch oder das Geschrei der
Kinder verrät, so gehen sie mit emporgestrecktem Hals oder hüpfendem
Gang einher. - Andere aber wissen sich unfruchtbar zu machen und morden
den noch nicht geborenen Menschen. Fühlen sie sich durch ihre
Ruchlosigkeit schwanger, so treiben sie die Frucht durch Gift ab. Oft
sterben sie mit daran, und dreifachen Verbrechens schuldig, gelangen sie
in die Unterwelt, als Selbstmörderinnen, als Ehebrecherinnen an
Christus, als Mörderinnen des noch nicht geborenen Sohns. Ich schäme
mich, es zu sagen, o der Abscheulichkeit! es ist traurig, aber doch
wahr.
Woher brach die Pest der Agapetinnen in unsere Kirchen herein? Woher ein
anderer Name der Eheweiber ohne Ehe? Ja, woher das neue Geschlecht der
Konkubinen? Ich will mehr sagen, woher die Hure eines Mannes? Ein Haus,
ein Schlafgemach, nur oft ein Bett umfasst sie, und nennen uns
argwöhnische Leute, wenn wir etwas Arges vermuten."
Und weiter in demselben Briefe: "Es gibt andere, ich rede von Leuten
meines Standes, welche sich deshalb um das Presbyteriat und Diakonat
bewerben, um die Weiber desto freier sehen zu können. Ihre ganze
Sorgfalt geht auf ihre Kleider, auf dass sie gut riechen und die Füße
unter einer weiten Haut nicht aufschwellen. Die Haare werden rund
gekräuselt, die Finger schimmern von Ringen, und damit ihre Fußsohlen
kein feuchter Weg benetze, berühren sie ihn kaum mit der Spitze. Wenn du
solche siehst, solltest du sie eher für Verlobte als für Geistliche
halten. Einige bemühen sich ihr ganzes Leben hindurch nur darum, die
Namen, Häuser und Sitten der Matronen kennenzulernen. Einen von ihnen,
den vornehmsten in dieser Kunst, will ich kurz beschreiben, damit du
desto leichter am Lehrer die Schüler erkennst.
Er steht eilfertig mit der Sonne auf, entwirft die Ordnung seiner
Besuche, sieht sich nach einem kürzeren Wege um, und der überlästige
Alte geht beinahe bis in die Kammern der Schlafenden. Wenn er ein
zierliches Kissen oder Tuch oder sonst etwas vom Hausrat sieht, so lobt,
bewundert und berührt er es; indem er klagt, dass es ihm fehle, presst
er es mehr ab, als dass er es verlangte, weil sich eine jede Frau
fürchtet, den Stadtfuhrmann zu beleidigen. Ihm sind Fasten und
Keuschheit zuwider; eine Mahlzeit billigt er nach ihrem feinen Geruch
und nach einem gemästeten jungen Kranich. Er hat ein barbarisches und
freches Maul, das immer zu Schmeichelworten gewaffnet ist. Du magst dich
hinwenden, wohin du willst, so fällt er dir zuerst in die Augen." -
Solcher geistlichen "Stadtfuhrleute" gibt es auch noch heutzutage und
ich könnte dem wackeren Hieronymus mehrere nennen, die zu seinem Porträt
vortrefflich passen würden.
Dergleichen Schilderungen erweckten dem Hieronymus natürlich viele
Feinde, die sich dadurch rächten, dass sie ihn verlästerten. Viele Not
hatte er mit einem Diakon namens Sabinian. Dieser hatte eine Wallfahrt
zu allen liederlichen Häusern Italiens unternommen und nebenbei eine
Menge Jungfrauen genotzüchtigt und Ehefrauen verführt, von denen mehrere
wegen dieser Verbrechen öffentlich hingerichtet wurden. Endlich
verführte er auch die Frau eines vornehmen Goten, der diesen Schimpf
entdeckte, echt gotisch darüber ergrimmte und den liederlichen Pfaffen
auf Tod und Leben verfolgte. - Dieser kam mit einem Empfehlungsschreiben
zu St. Hieronymus nach Bethlehem, wo er in ein Kloster gesteckt wurde.
Hier sah er eines Tages eine Nonne aus dem Kloster der Paula, verliebte
sich in dieselbe, schrieb ihr Liebesbriefe und erhielt die Versicherung,
dass alle seine Wünsche erfüllt werden sollten, - als der Handel
entdeckt und die Keuschheit der Nonne gerettet wurde. - Sabinian fiel
Hieronymus zu Füßen und erhielt Verzeihung unter der Bedingung, dass er
die ihm auferlegte Buße tragen solle. Er versprach alles, hielt aber
nichts, lebte lustig wie zuvor und verleumdete Hieronymus, wo er konnte.
- Solche Galgenfrüchte trug schon damals der heilige Christbaum der
Kirche!
Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: "Indem wir die
Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass so oft ein
bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner derselben
über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben sich
vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe die
Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel bat. - - Der Bischof muss
durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in
ihrem Testamente ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie
als Bischöfe erwarben.
Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: - "Indem wir die
Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass, so oft
ein bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner
derselben über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben
sich vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe
die Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel hat. - - Der Bischof muss
durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in
ihrem Testament ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie als
Bischöfe erwarben.
Die folgenden Bestimmungen sind noch strenger, und in einem Erlass von
531 befiehlt Justinian, dass niemand zum Bischof geweiht werde, als wer
keiner Frau ehelich beiwohne und Kinder zeuge. Statt der Frau möge ihm
die heiligste Kirche dienen. - Diese ist aber, nach des heiligen
Ambrosius üppiger Schilderung: eine nackte reizende Braut, deren schöne
und bezaubernde Gestalt Christus mit Begierde erfüllt und ihn bewogen
habe, sie zur Gemahlin für sich zu erwählen!
Dass alle strengen Gesetze wenig fruchteten, dafür könnte man unendlich
viele Beweise anführen. Alle Synoden waren bemüht, schärfere
Verordnungen zu erlassen und auf einer im Jahr 751 gehaltenen wurde
bestimmt: "Der Priester, welcher Unzucht übt, soll in ein Gefängnis
gesteckt werden, nachdem er vorher gegeißelt und ausgepeitscht worden
ist."
Rather von Verona, der zu Anfang des 10. Jahrhunderts lebte, klagt: "Oh!
wie verworfen ist nicht die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da unter
ihnen keiner ist, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit."
Unter so bewandten Umständen war es dann wohl natürlich, dass vielen
Christen Bedenken kamen, ob es wohl ziemlich sei, dass sie das, was sie
für das Heiligste hielten, das Abendmahl, aus so beschmutzten Händen
annehmen könnten.
Auf eine deshalb an ihn gerichtete Frage antwortete Papst Nikolaus I.:
"Es kann niemand, so sehr er auch verunreinigt sein mag, die heiligen
Sakramente verunreinigen, welche Reinigungsmittel aller Befleckungen
sind. Der Sonnenstrahl, welcher durch Kloaken und Abtritte geht, kann
doch dieserhalb keine Befleckung an sich ziehen. Daher mag der Priester
beschaffen sein wie er will, er kann das Heilige nicht beflecken." Aus
diesem beruhigenden Bescheid und passend gewählten Vergleich sieht man
übrigens, dass die Pfaffen beim Papst in nicht besonders gutem Geruch
standen!
Die Ansichten der Kirche von der Ehe übten aber nicht nur ihren
demoralisierenden Einfluss auf die Pfaffen selbst aus; die Ehrwürdigkeit
der Ehe im Allgemeinen litt darunter, denn es war nur natürlich, dass
ein Verhältnis, welches von den so hochverehrten Lehrern verachtet
wurde, auch bei den Laien nicht in besonderer Achtung stehen konnte. Die
Liederlichen benutzten daher gern die Zeitansicht, um ledig zu bleiben
und so ungezwungener ihren Leidenschaften zu folgen; und die
Verheirateten, welche ihrer Weiber überdrüssig waren, fanden leicht
einen heiligen Vorwand, sich ihrer zu enthalten und sich außer dem Haus
zu entschädigen.
Das Leben der Päpste um diese Zeit, besonders im elften Jahrhundert, war
wenig geeignet, auf die Sittlichkeit der Geistlichkeit vorteilhaft
einzuwirken. Ich verweise in Bezug hierauf auf das vorige Kapitel.
Ein großer Eiferer gegen die Priesterehe, obwohl auch gegen die Unzucht
der Pfaffen, war der Kardinal Petrus Damiani, der durch seine Schriften
einen ganz außerordentlich großen Einfluss ausübte; das heißt in Bezug
auf das Zölibat, aber nicht auf die Besserung der Geistlichen. Er war im
Jahr 1002 in Ravenna von ganz armen Eltern geboren, die schon so viele
Kinder hatten, dass sie nicht wussten, was sie mit dem neuen Ankömmling
anfangen sollten. Die harte Mutter fasste den Entschluss, den Knaben
auszusetzen, wurde aber durch die Frau eines Priesters davon abgehalten.
Petrus weihte sich der Kirche und wurde endlich im Jahr 1058 oder 59
Kardinalbischof von Ostia. Er nahm diese Stelle nur mit Widerstreben an
und, empört über die Verderbtheit der Pfaffen, gab er sie bald wieder
auf und zog sich in ein Kloster zurück, wo er 1069 starb.
Damiani entwirft von dem Schandleben der Pfaffen in seinem Liber
Gomorrhianus ein trauriges Bild. Er beklagt und schildert darin ihre
Hurerei, ihre widernatürliche Unzucht, insbesondere ihre Sodomiterei,
ihre Unzucht mit Jünglingen und Knaben, ihre Unflätereien mit Tieren;
die Unzucht der Pfaffen und Mönche untereinander, mit ihren
Beichtkindern, und führt an, wie die gemeinschaftlichen Verbrecher, um
ungestört fortsündigen zu können, sich einander in der Beichte
absolvieren.
Damiani wird in seinem Eifer gegen die Weiber der Priester oft spaßhaft,
und seine Anrede an dieselben ist wahrhaft originell. "Indes rede ich
auch Euch an, Ihr Schätzchen der Kleriker, Ihr Lockspeise des Satans,
Ihr Auswurf des Paradieses, Ihr Gift der Geister, Schwert der Seelen,
Wolfsmilch für die Trinkenden, Gift für die Essenden, Quelle der Sünden,
Anlass des Verderbens. Euch, sage ich, rede ich an, Ihr Lusthäuser des
alten Feindes, Ihr Wiedehopfe, Eulen, Nachtkäuze, Wölfinnen, Blutegel,
die Ihr ohne Unterlass nach Mehrerem gelüstet. Kommt also und hört mich,
Ihr Metzen und Buhlerinnen, Lustdirnen, Ihr Mistpfützen fetter Schweine,
Ihr Ruhepolster unreiner Geister, Ihr Nymphen, Sirenen, Hexen, Dirnen
und was es sonst für Schimpfnamen geben mag, die man Euch beilegen
möchte.
Denn Ihr seid Speise der Satane, zur Flamme des ewigen Todes bestimmt.
An Euch weidet sich der Teufel wie an ausgesuchten Mahlzeiten und mästet
sich an der Fülle eurer Üppigkeit. Ihr seid die Gefäße des Grimms und
des Zorns Gottes, aufbewahrt auf den Tag des Gerichts. Ihr seid grimmige
Tigerinnen, deren blutige Rachen nur nach Menschenblut dürsten, Harpyen,
die das Opfer des Herrn umflattern und rauben und die, welche Gott
geweiht sind, grausam verschlingen.
Auch Löwinnen möchte ich Euch nicht unpassend nennen, die Ihr nach Art
wilder Tiere eure Mähne erhebt und unvorsichtige Menschen zu ihrem
Verderben in blutigen Umarmungen räuberisch umklammert. Ihr seid die
Sirenen und Charybden, indem Ihr, während ihr trügerisch anmutigen
Gesang ertönen lasst, unvermeidlichen Schiffbruch bereitet. Ihr seid
wütendes Otterngezücht, die Ihr vor Wollustbrunst Christus, der das
Haupt der Kleriker ist, in euern Buhlen ermordet."
Damiani muss ein komischer Kauz gewesen sein, und um seinen Reichtum an
Schimpfwörtern könnte ihn manches Fischweib beneiden. Nicht weniger
seltsam sind oft seine Vergleiche. So zum Beispiel vergleicht er, um der
Markgräfin Adelheid von Turin die Nachteile der Priesterehe begreiflich
zu machen, die Priester mit ihren Frauen den Füchsen, die Samson bei den
Schwänzen aneinanderband, Fackeln dazwischen steckte, sie anzündete und
sie dann in die Saatfelder der Philister jagte.
Damiani war es vorzüglich, welcher Papst Gregor VII. den Weg bahnte.
Durch ihn und andere Eiferer kam es endlich so weit, dass die Orthodoxen
die außereheliche Unzucht für weit weniger verbrecherisch hielten als
die Ehe, und zur Zeit Kaiser Heinrichs IV. verstießen viele Ehemänner,
sowohl Geistliche als Laien, ihre Weiber und gesellten sich zu
Jungfrauen, die ebenfalls wie sie Keuschheit gelobt hatten. Kurz, es
erneuerte sich wieder der Unfug mit den Liebesschwestern, der eigentlich
unter den Geistlichen nie aufgehört, nur dass man die geheuchelte
Keuschheit beiseite getan und in ehrlicher, offener Hurerei gelebt
hatte.
Andere Ehemänner, in Verzweiflung darüber, dass sie als Verheiratete
nicht selig werden könnten, verstießen gleichfalls ihre Frauen und
begaben sich samt Hab und Gut unter den Schutz der Mönche und führten
eine gemeinsame kanonische Lebensweise.
Trotzdem stieß aber Gregors VII. Zölibatsgesetz auf den entschiedensten
Widerstand. Lambert von Aschaffenburg erzählt, dass bei der
Bekanntmachung desselben die ganze Schar der Geistlichen gemurrt habe.
Alle wären der Meinung gewesen, "dass es besser sei, zu freien, als
Brunst zu leiden, und dass durch das Verbot der Ehe der Hurerei Tor und
Tür geöffnet würde. Wolle Gregor auf seiner Meinung bestehen, so wollten
sie lieber dem Priestertum entsagen, dann möge er, den Menschen
anstinken, sehen, woher er Engel zur Regierung des Volkes in den Kirchen
bekomme."
Mehrere Anhänger Gregors, welche das Zölibatsgesetz mit Gewalt
durchsetzen wollten, verloren beinahe das Leben darüber. Als Bischof
Altmann von Passau den Befehl des Papstes von der Kanzel verkündigte,
mussten ihn die anwesenden vornehmen Laien vor den wütenden Priestern
schützen, die ihn in Stücke reißen wollten. - Der Bischof Heinrich von
Chur geriet durch seinen Eifer für das Zölibat ebenfalls in
Lebensgefahr.
Als Erzbischof Johann von Rouen auf einer Synode das Gesetz verlas,
entstand ein Tumult; man bombardierte den Erzbischof mit Steinen, so
dass er in großer Eile die Kirche verlassen musste.
In England fand Gregors Gesetz ebenfalls bedeutenden Widerstand; aber
einer der englischen Prälaten tröstete sich, indem er sagte: "Man kann
wohl den Priestern die Weiber, aber nicht den Weibern die Priester
nehmen."
Bis zum Tode Heinrichs IV. von Deutschland wurden hier die beweibten
Priester auf das grausamste verfolgt, und da es den Päpsten nur um
Ausrottung der Priesterehe zu tun war, so wurden außereheliche Unzucht
und oft daraus entstehende Verbrechen weniger hart bestraft.
Auf die Anfrage des Abtes Rudolf von Saëz, was einem Mönch geschehen
solle, der es versucht hatte, einen Ehemann zu vergiften, antwortete
Anselm, Erzbischof von Canterbury - man solle ihn nicht zum Diakonat
oder Presbyteriat befördern!
Die englischen Geistlichen zeichneten sich ganz besonders durch ihre
Liederlichkeit aus, und ehrenhalber musste der Papst endlich offiziell
dagegen einschreiten. Auf der Synode zu London (1125) wurde also bei
Strafe der Absetzung den Priestern das Zusammenleben mit Weibern
verboten. Der Legat des Papstes, Kardinal Johann von Crema, hatte große
Mühe gehabt, diesen Beschluss durchzukämpfen, und noch am Abend
desselben Tages, wo es ihm gelungen war, ertappte man ihn mit einer
feilen Dirne. Er war unverschämt genug, sich damit zu entschuldigen,
"dass er nur ein Zuchtmeister der Priester sei".
Bischof Ranulph von Durham, genannt Flambard oder Passaflaberer, war
vielleicht der liederlichste Geistliche in der Welt. Er lebte wie ein
türkischer Sultan. Schöne Mädchen in üppiger Entkleidung kredenzten ihm
bei Tisch den Wein, und damit er stets die Mittel hatte, flott zu leben,
so bedrückte und plünderte er seine geistlichen Pflegekinder.
Sein Ruf war auch zu dem päpstlichen Legaten gedrungen. Dieser ließ ihn
vor die Synode nach London zitieren; allein Ranulph fand es nicht für
gut, diesem Ruf zu folgen, und der Kardinal Johann entschloss sich,
selbst nach Durham zu gehen, um sich hier durch den Augenschein von der
Wahrheit der Gerüchte zu überzeugen.
Ranulph wusste zu leben. Er empfing den Legaten Sr. Heiligkeit auf das
freundlichste, veranstaltete ein großes Gastmahl, bei dem alle
Leckereien der Welt und die feinsten Weine aufgetragen wurden, so dass
der Kardinal ganz außer sich vor Entzücken war, besonders da eine schöne
"Nichte" des Bischofs, die auf ihre Rolle einstudiert war, sich alle
mögliche Mühe gab, ihn vortrefflich zu unterhalten, ja, sich endlich
bewegen ließ, bei dem päpstlichen Legaten zu schlafen.
Nachdem dieser wie ein Gimpel in die ihm gestellte Falle gegangen war,
versammelte der Bischof seine Kleriker und Knaben, welche Becher und
Lichter trugen, und begab sich jetzt in feierlicher Prozession an das
Bett. Der Chorus rief: Heil! Heil!
Der verwirrte Legat fragte erstaunt: "Soll dies eine Ehrenbezeugung für
den heiligen Petrus sein?" "Mein Herr", antwortete der Bischof, "es ist
in unserem Land Sitte, dass, wenn ein Vornehmer heiratet, man ihm diese
Ehre zeigt. Steht auf und trinkt, was in diesem Kelche ist. Weigerst du
dich, so sollst du den Kelch trinken, nach welchem du nicht mehr dürsten
wirst."
Der Legat musste gute Miene zum bösen Spiel machen; er erhob sich,
"nackt bis zur Hälfte des Leibes", und trank den dargereichten Becher
seiner Bettgenossin zu. Darauf entfernte sich der Zug mit dem Bischof,
der nun wegen seines Bistums unbesorgt war.
Die Veranlassung zu dem Streit zwischen König Heinrich von England und
Thomas Becket war auch ein liederlicher Priester zu Worcestershire, der
die Tochter eines Pächters geschändet und diesen ermordet hatte und
welchen der König trotz allen Protestierens des Erzbischofs vor den
weltlichen Richterstuhl zog.
In Frankreich trieben es die Geistlichen ungefähr ebenso wie in England.
Der Erzbischof von Besançon zum Beispiel machte sich aller möglichen
Verbrechen schuldig. Um seinen Geiz zu befriedigen, verkaufte er alles,
was Käufer fand, und plünderte seine Geistlichen dermaßen aus, dass sie
in ärmlicher Kleidung wie Bauern umhergehen mussten. Nonnen und
Geistlichen gestattete er für Geld die Ehe. Er selbst lebte mit einer
Verwandten, der Äbtissin von Reaumair Mont, hatte ein Kind von einer
Nonne und nebenbei die Tochter eines Priesters als Konkubine; kurz, er
gestattete sich alle geschlechtlichen Ausschweifungen, und seine
Geistlichen hielten sich Konkubinen.
Der Erzbischof von Bordeaux unterhielt eine Räuberbande, die er zu
seinem Vorteil auf Expeditionen aussandte. Einst kam er mit einer Menge
liederlicher Mädchen und Kerle in die Abtei des heiligen Eparchius,
lebte hier drei Tage in Saus und Braus und zog endlich ab, nachdem er
das Kloster rein ausgeplündert hatte. "Seine übrigen Verbrechen
verbietet die Schamhaftigkeit zu nennen", sagt Papst Innozens III. in
seinen Briefen. Wer die Schandtaten der Pfaffen in jener Zeit studieren
will, der lese diese päpstlichen Briefe. Dem Papst wurden so viele
berichtet, dass er bald allein würde haben Messen lesen müssen, wenn er
sie alle nach Verdienst bestraft hätte; er hielt es daher für besser,
Milde zu üben, so sehr und oft diese schlecht angebrachte Milde auch
empören musste.
Ein Mönchpriester hatte mit einem Mädchen verbotenen Umgang gehabt. Als
die Dirne schwanger war, ergriff er sie, als wolle er mit ihr scherzen,
am Gürtel und verletzte sie so hart, dass eine Fehlgeburt erfolgte. Der
Fall kam vor Papst Innozens III. und dieser entschied: "dass, wenn die
Fehlgeburt noch kein Leben gehabt habe, der Mönch den Altardienst auch
ferner verrichten könne; dass er aber, wenn diese schon Leben gehabt
habe, des Altardienstes sich enthalten müsse".
Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe
darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht
verführten. Dergleichen Fälle kommen unendlich oft vor und ich werde im
letzten Kapitel ausführlicher über die Beichte reden.
Einem starken Affen in einer Menagerie zu nahe zu kommen war für eine
Frau nicht so gefährlich, wie mit einem Pfaffen in Berührung zu geraten.
Da diese ein faules Leben hatten, so erhitzten sie Tag und Nacht ihre
Phantasie mit üppigen Bildern und dachten an nichts anderes, als wie sie
ihre geilen Triebe befriedigen könnten. Fälle der Notzucht kamen
unendlich viele vor.
Unter Heinrich VI. baten die Geistlichen in England um Erlassung der
Strafen wegen begangener Notzucht. - Zu Basel hatte im Jahr 1297 ein
Geistlicher eine Jungfrau mit Gewalt geschändigt. Man kastrierte ihn zur
Strafe und hing das Corpus delicti zum abschreckenden Beispiel für
andere Pfaffen mitten in der Stadt an einer frequenten Passage auf. -
Die Venezianer ließen in späterer Zeit einen Augustiner zu Brecia, der
ein elfjähriges Mädchen genotzüchtigt und dann ermordet hatte,
vierteilen.
Sodomiterei und Knabenschändung waren unter den Geistlichen ganz
gewöhnlich, und das schon seit den ältesten Zeiten der christlichen
Kirche, wie die Konzilienbeschlüsse beweisen, von denen ich einige
angeführt habe. Im Jahr 1212 wurde auf einem Konzil den Mönchen und
regulierten Kanonikern verboten, zusammen in einem Bett zu liegen und
Sodomiterei zu treiben.
Im Jahr 1409 wurden zu Augsburg auf Befehl des Rats vier Priester und
ein Laie wegen Knabenschändung am Perlachturm mit gebundenen Händen und
Füßen in einem hölzernen Käfig aufgehängt, bis sie verhungerten. - Im
nächsten Kapitel von den Klöstern werde ich zeigen, dass Sodomiterei bis
auf die neueste Zeit als Folge des Zölibats unter den Pfaffen
gebräuchlich ist.
Aus dem, was ich bisher mitteilte, geht schon hervor, dass die Bischöfe
ihren Geistlichen in der Sittenlosigkeit meistens vorangingen, wenn sie
es auch nicht alle so arg trieben wie der Bischof Heinrich von Lüttich,
der eine Äbtissin zur Mätresse und in seinem Garten einen förmlichen
Harem hatte und der sich rühmte, in 22 Monaten vierzehn Söhne gezeugt zu
haben.
Unter so bewandten Umständen waren die Laien froh, wenn es diesen
Kirchenstieren erlaubt wurde, Konkubinen zu halten, damit nur ihre
Weiber und Töchter vor ihnen sicher wären. Ja, die Friesen gingen so
weit, dass sie gar keine Priester duldeten, die nicht Konkubinen hatten.
"Se gedulden oek geene Preesteren, sonder eheliche Fruwen (d. h.
Konkubinen), up dat sie ander lute bedde nicht beflecken, wente sy
meinen, dar idt nicht mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein
mensche ontholden konne", heißt es in der Chronik.
Ich bemerkte schon früher, dass es den Päpsten mehr um die Vernichtung
der Priesterehe als um die Erhaltung der Keuschheit der Geistlichen zu
tun war, denn sie wollten nicht, dass rechtmäßige Kinder das Gut erbten,
was sie als Kirchengut betrachteten. Wenn nun auch die Konzilien auf
Betrieb einzelner dem Konkubinenwesen ein Ende machen wollten, indem sie
Verordnungen dagegen erließen, so war man eben nicht streng auf die
Befolgung derselben bedacht.
Ja, vielen Bischöfen wäre es gar nicht recht gewesen, wenn ein Papst
durchgreifende Maßregeln angeordnet hätte, denn diese Konkubinen waren
für sie eine Quelle der Gelderpressung. Häufig, wenn sie Geld brauchten,
fiel es ihnen ein, ihren Geistlichen das Konkubinat auf das strengste zu
verbieten, da es ihnen nur um die Strafgelder zu tun war.
Heinrich von Hewen, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof von
Konstanz war, führte selbst ein üppiges Leben, und die Abgaben, welche
ihm seine Geistlichen von ihren Konkubinen entrichteten, verschafften
ihm eine jährliche Einnahme von 2000 Gulden.
Zur Zeit der Reformation mussten die Priester in Irland für jedes mit
ihren Konkubinen erzeugte Kind ihrem Bischof acht bis zwölf Taler
bezahlen.
Unter solchen Verhältnissen war es denn kein Wunder, wenn das Konkubinat
trotz aller Verbote, welche bei allen Synoden wenig beachtete stehende
Artikel wurden, in voller Wirksamkeit blieb, und endlich sahen die
Päpste ein, dass es ein unvermeidliches Übel sei und suchten nun selbst
Vorteil daraus zu ziehen. Sie dekretierten, dass jeder Geistliche,
mochte er nun eine Konkubine haben oder nicht, einen bestimmten
jährlichen Hurenzins entrichten müsse.
Als Beleg dafür, dass das Konkubinat unter den Geistlichen im 15.
Jahrhundert allgemein war, und zugleich um die Sitten des Klerus
überhaupt durch den Mund eines Zeitgenossen kennenzulernen, will ich
einige Stellen aus einem Werke des Nicholas de Clemancis anführen, der
in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts lebte, eine Zeit lang
päpstlicher Geheimschreiber, Schatzmeister und Kanonikus der Kirche zu
Langres war und 1440 als Kantor und Archidiakonus zu Liseur starb.
Seine Schilderung der Bischöfe ist wahrhaft scheußlich. Nach ihm trieben
und gestatteten sie für Geld alle Laster. Vorzüglich sind aber die
Domherren und ihre Vikare verdorbene Menschen. Sie sind der Habsucht,
dem Stolz, Müßiggang und der Schwelgerei ergeben. Sie halten ohne Scham
ihre unehelichen Kinder und Huren gleich Eheweibern im Haus und sind ein
Gräuel in der Kirche.
Die Priester und Kleriker leben öffentlich im Konkubinat und entrichten
ihren Bischöfen den Hurenzins. Die Laien wissen an mehreren Orten den
Schändungen der Jungfrauen und Ehefrauen keinen anderen Damm
entgegenzustellen, als dass sie die Priester zwingen, sich Konkubinen zu
halten.
"Ist jemand", schreibt Clemancis, "heutzutage träge und zum üppigen
Müßiggang geneigt, so eilt er sogleich, ein Priester zu werden. Alsdann
besuchen sie fleißig liederliche Häuser und Schenken, wo sie ihre ganze
Zeit mit Saufen, Fressen und Spielen zubringen, betrunken schreien,
fechten und lärmen, den Namen Gottes und der Heiligen mit ihren unreinen
Lippen verwünschen, bis sie endlich aus den Umarmungen ihrer Dirnen zum
Altar kommen."
Clemancis erwähnt hier auch das Saufen der Priester. Darin waren sie
besonders stark und setzten einen Ruhm darein, es den Laien zuvorzutun.
Schon im ersten Jahrhundert stoßen wir auf Bischöfe, die vollendete
Trunkenbolde waren. Einer derselben, Droctigisilus, verfiel in
Säuferwahnsinn. Die Pfaffen sagten, wenn sie guter Laune waren, von sich
selbst: "Wir sind das Salz der Erde, aber man muss es anfeuchten, denn
kein guter Geist wohnt im Trockenen." Besonders gut trank man in den
Klöstern. Doch davon später.
Zu einem guten Trunk gehört natürlich auch eine gute Tafel, und es ist
ja noch heute jedem bekannt, dass die katholischen Geistlichen einen
trefflichen Tisch führen. Bischöfe jagten unermessliche Summen durch
ihren Schlund, und um der nüchternen Gegenwart einen Begriff von ihren
kostspieligen Fressereien zu geben, setze ich den Küchenzettel für das
Gastmahl am Tag der Installation Georg Nevils, Erzbischof von York,
hierher.
Zu diesem Feste waren erforderlich: 300 Quart Weizen, 330 Tonnen Ale,
104 Tonnen Wein, 1 Pipe Gewürzwein, 80 fette Ochsen, 6 wilde Stiere,
1004 Hammel, 300 Schweine, 300 Kälber, 3000 Gänse, 3000 Kapaunen, 300
Ferkel, 100 Pfauen, 200 Kraniche, 200 Ziegenlämmer, 2000 junge Hühner,
4000 junge Tauben, 4000 Kaninchen, 204 Rohrdommeln, 4000 Enten, 200
Fasanen, 500 Rebhühner, 4000 Schnepfen, 400 Wasserhühner, 100 große
Brachvögel und 100 Wachteln, 1000 Reiher, 200 Rehe und 400 Stück
Rotwild, 1506 Wildbretpasteten, 1400 Schüsseln gebrochenen Gelee, 4000
Schüsseln ganzen Gelee, 4000 kalte Custards, 2000 warme Custards, 300
Hechte, 300 Brachsen, 8 Robben, 4 Delphine oder Taumler und 400 Torten.
- 62 Köche und 515 Küchendiener besorgten die Zubereitung dieser
Speisen, und bei der Tafel selbst warteten 1000 Diener auf.
Doch kehren wir wieder von der Pfaffenvöllerei zur Pfaffenhurerei
zurück. - Die Basler Synode (1431-1448) gab sich die nutzlose Mühe,
ernstliche Verordnungen gegen das Konkubinat zu erlassen; aber zu dem
einzigen Mittel, demselben ein Ende zu machen, konnte man sich nicht
entschließen, obgleich sehr angesehene Männer auf der Synode, wie der
Geheimschreiber und Zeremonienmeister derselben, Clemens Sylvius
Piccolomini, günstig für die Priesterehe gestimmt waren. Er äußerte: "Es
gab, wie Ihr wisst, verheiratete Päpste, und auch Petrus, der
Apostelfürst, hatte eine Frau. Vielleicht dürfte es gut sein, wenn den
Priestern zu heiraten gestattet wäre, weil viele verheiratete im
Priestertum ihr Seelenheil befördern würden, welche jetzt ehelos zu
Grunde gehen."
Große Eiferer gegen das Konkubinat in dieser Zeit waren Bischof Berthold
von Straßburg und Bischof Stephan von Brandenburg. Der Letztere klagt
bitter über die Geistlichen in seiner Diözese und sagt, dass sehr viele
Beischläferinnen hielten und durch ihr liederliches Leben "nicht nur
gemeine Leute, sondern auch Fürsten und Große" ärgerten.
"Und diese Priester", sagt er auf einer Synode zu Brandenburg, "haben
eine solche Hurenstirn, dass sie es für eine Kleinigkeit halten, Unzucht
und Ehebruch zu begehen. Denn wenn aus Schwachheit des Fleisches ihre
Köchinnen und Mädchen von ihnen oder vielleicht von den anderen
geschwängert sind, so leugnen sie die Sünde nicht ab, sondern achten es
sich zur hohen Ehre, die Väter aus so verdammlichem Beischlaf erzeugter
Kinder zu sein. - Ja, sie laden die benachbarten Geistlichen und Laien
beiderlei Geschlechts zu Gevattern ein und stellen große Festlichkeiten
und Freudengelage über die Geburt solcher Kinder an. Verflucht seien
die, welche durch eigenes Geständnis das kund werden lassen, was sie
durch Leugnen noch zweifelhaft machen, und so einigermaßen der
rechtlichen Strafe entgehen könnten!" - Es ist dies ein schönes Pröbchen
bischöflicher Moral.
Die Regierungen mancher Länder, welche einsahen, dass nur dadurch
größerem Ärgernis vorgebeugt werde, waren vernünftig genug, das
Konkubinat der Geistlichen beinahe als rechtmäßige Ehe gelten zu lassen.
Dies taten zum Beispiel mehrere Regierungen in der Schweiz, und die
Obrigkeit schützte hier die Konkubinen der Geistlichen und deren Kinder
gegen die Habsucht der geistlichen Vorgesetzten, indem sie
Testamentsvermächtnisse für die ersteren als gültig anerkannte.
Zu dem Bischof von Tarent, der Legat des Papstes in der Schweiz war,
sagte jemand, dass die Nonnen dort tun könnten, was sie wollten, es
würde nicht untersucht etc., bekämen sie aber Kinder, dann erwarte sie
ein fürchterlicher finsterer Kerker. Darauf erwiderte der Legat: "Selig
sind die Unfruchtbaren!"
Doch mit den Klöstern haben wir es noch nicht zu tun, sondern vorläufig
nur mit den Weltgeistlichen. - Das Konkubinat derselben, selbst wenn es
gewissermaßen vom Gesetz geschützt war, konnte doch niemals die Ehe
ersetzen und diente nur dazu, die Geistlichkeit verächtlich und
lächerlich zu machen. Es lag in der Natur dieses Verhältnisses, dass
selten Frauen von einigem Wert ein solches eingingen. Kam auch wohl hin
und wieder ein Fall vor, wo sich ein Mädchen aus Liebe über die
bestehenden Vorurteile hinwegsetzte, so waren es doch meistens nur
gemeine Dirnen, welche nur darauf trachteten, die Geistlichen zu
plündern. "Pfaffengut fließt in Fingerhut", sagt ein altes Sprichwort.
Dieses halbgeduldete Verhältnis konnte niemals ein geachtetes werden und
bleibt stets eine Entwürdigung. Es kam wohl vor, dass einzelne
Geistliche ihren Konkubinen alle Achtung zollten, wie sie einer Gattin
zukommt, allein meistens und besonders von den Gebildeten wurden sie als
Köchinnen oder sonstige Dienstboten im Haus gehalten. Solche Personen
wussten nun den erlangten Vorteil trefflich zu ihrem Vorteil zu
benützen. Sie schämten sich des Verhältnisses nicht, wohl aber der
gebildetere Geistliche, der ihr Herr war und der sich viel gefallen, ja
oft ganz und gar unter den Pantoffel bringen ließ, damit nur seine
menschlichen Schwachheiten nicht unter die Leute gebracht würden; denn
diese ermangelten nicht, ihre Späße über die "Pfaffenköchinnen"
anzubringen, und gar mancher Geistliche musste sich still wegschleichen,
wenn die jungen Burschen sangen:
Mädchen, wenn du dienen musst,
So diene nur den Pfaffen,
Kannst den Lohn im Bett verdienen
Und darfst nicht viel schaffen.
Viele verdorbene Geistliche waren froh, dass die Ehe sie nicht an eine
Frau fesselte; sie konnten ihre Lüsternheit nach Abwechslung
befriedigen, indem sie die Dirne, die ihnen nicht mehr gefiel, wegjagten
und eine neue nahmen. Solche Konkubinate, die leider sehr häufig
vorkamen, waren gemeine Hurerei, und dadurch wurde bei den Pfaffen eine
Gemeinheit und Rohheit erzeugt, die sich besonders in ihrer Denkungsart
über geschlechtliche Dinge äußerte, wie sie in der Ehe wohl nur selten
entstehen können.
Solche Pfaffen machten aus ihrer Liederlichkeit gar kein Geheimnis; ja,
sie rühmten sich derselben, und gleichzeitige, sehr glaubwürdige
Schriftsteller erzählen, dass bei Fress- und Saufgelagen diese
"Pfarrfarren" und "Kuttenhengste", wie sie Fischart nennt, mit den
Bauern Wetten machten, deren Gegenstand so obszön war, dass ich sie gar
nicht einmal näher andeuten mag, obwohl mir alle Prüderie sehr
fernliegt.
Ja, diese Pfaffen scheuten sich nicht, ihre unzüchtigen Verhältnisse auf
der Kanzel zu erwähnen, und oft machten sie diese Ungeschicklichkeit
dadurch noch schlimmer, dass sie dieselbe mit irgendwelchen rohen Späßen
würzten.
An den Kirchenweihen wurden von ihnen die wildesten und liederlichsten
Gelage gefeiert. Alle benachbarten Pfarrer mit ihren Köchinnen besuchten
den Geistlichen, der sein Kirchweihfest feierte, und dann wurde
gefressen, gesoffen und andere Liederlichkeiten getrieben.
Als der Bischof von Mainz den Bischof von Merseburg einst besuchte und
unterwegs bei einem Pfarrer einkehrte, wo eben das Kirchweihfest
gehalten wurde, begleitete ihn sein Leibarzt, der davon folgende
ergötzliche Erzählung liefert:
"Der Bischof steigt abe, und nahet zu der Pfarrhe zu, zu seinem
Handwerk. Nun hatte der Pfarrher zehn ander Pfarren geladen zur
kirchweyhe, und ein yeglicher hatte eine köchin mit sich gebracht. Do
sie aber leutte kommen sahen, lauffen die Pfaffen mit den huren alle in
einen stalle, sich zu verbergen. Indes gehet ein Grafe, der an des
Bischoffs hofe war, in den Hofe, seinen gefug zu thun, und da er in den
stall will, darin die hüren und büben geflohen waren, schreyt des
pfarrers köchin, Nicht Junker, nicht. Es seind böse hunde darinnen, sie
möchten euch beissen. Er leßt nicht nach, gehet hinein vnd findet einen
großen hauffen hüren und büben im stalle.
Da der Grafe in die stuben kumpt, hatt man dem Bischoff eyn feyste Ganß
fürgesetzt zu essen, hebt der Graf an, vnd sag diß geschicht dem
Bischoff zum Tischmerlein, gen abend, kamen sie gen Merßburg, daselbs
sagt der Bischoff von Mentz, dies geschicht dem Bischoff von Merßburg.
Da das der heylig vatter hörete, betrübet er sich nicht vmb das, das die
Plaffen hüren haben, sondern darumb, daß die Köchin die büben im stalle
hunde geheißen hätte, vnd spricht, Ach Herre Gott, vergebe es Gott dem
weibe, das die gesalbten deß Herren hunde geheißen hat. Das hab ich
darumb erzelet das man sehe, wie wir Deutschen das Sprichwort so
festhalten, Es ist kein Dörflein so klein, es wird des jars einmal
kirmeß darinne. Das aber geschrieben stehet, Es kumpt kein hurer im
Himmel, des achten wir nit."
"Da wir uns nun genug mit der Hurerei beschäftigt haben", heißt es in
der Predigt, "so wollen wir zum Ehebruch übergehen."
Das Konkubinat war noch am Ende das allerunschuldigste Ergebnis des
Zölibatsgesetzes. Einen weit verderblicheren Einfluss auf die Moralität
des Volkes hatten die sonstigen aus demselben entstehenden Folgen.
Man kann es als Regel annehmen, dass es noch immer der bessere Teil der
Geistlichen war, welcher mit ständigen Konkubinen in einem der Ehe
ähnlichen Verhältnis lebte. Die echten Pfaffen betrachteten aber die
Frauen und Töchter der Laien als Wild, auf welches sie Jagd machten und
welches sie durch alle möglichen niederträchtigen Verführungskünste in
ihre Netze zu locken trachteten.
Diese Künste mussten einen umso größeren Erfolg haben, als ihr Stand die
Pfaffen mit den Frauen in häufige Berührung brachte und die Dummheit der
Männer diesen Verkehr noch erleichterte. Trotz aller Beispiele und
täglich unter ihren Augen vorgehenden Niederträchtigkeiten wurden die
Männer nicht klug, denn die Pfaffen wussten sich einen solchen heiligen
Schein zu geben, dass die Ehetölpel es kaum wagten, auch nur einen
Verdacht zu haben.
Alle Erzählungen von ihrer Liederlichkeit erklärten die Pfaffen
natürlich für schamlose Lügen, und war ein Fall einmal gar zu
offenkundig geworden, dann verboten sie streng, davon zu reden, und
verwiesen auf das Beispiel des Kaisers Konstantin, der einst einen
Priester in flagranti ertappte, mit seinem kaiserlichen Mantel zudeckte,
und prägten ihren Beichtkindern ein, was der fromme Rabanus Maurus sagt:
"Wenn man einen Geistlichen sähe, die Hand auf dem Busen eines Weibes,
so müsse man annehmen, dass er sie segne!" - Allerdings befanden sie
sich nach solchem Segen gar häufig in "gesegneten Umständen"!
Einer derjenigen Schriftsteller früherer Zeit, welche die Schandtaten
der Pfaffen mit der größten Rücksichtslosigkeit aufdeckten, war Poggio
Bracciolini, den ich schon früher nannte. Die ganze Kuttenwelt geriet in
Alarm, und sein berühmter Gönner Cosmo de Medici empfahl ihm die größte
Vorsicht. Im siebten Kapitel, wo wir über den Missbrauch des
Beichtstuhls reden, werden einige der von ihm erzählten Fälle mitgeteilt
werden.
Felix Hemmerlin, gestorben 1457, Chorherr zu Zürich und Zofingen und
Propst zu Solothurn, schildert besonders die Verdorbenheit der Mönche;
aber auch von den Weltgeistlichen weiß er manche Dinge zu erzählen, die
man für ganz unglaublich halten müsste, wenn sie nicht auch noch von
anderen geachteten, ernsten und wahrheitsliebenden Männern jener Zeit
bestätigt würden. - Die bestialische Rohheit mancher Pfaffen überstieg
alle Begriffe. Selbst die Beschlüsse der Konzilien lieferten die Beweise
davon. Bald wird ihnen durch dieselben verboten, barfuß oder in
zerrissenen Jacken und Hosen den Gottesdienst zu halten; bald, keine
obszönen Grimassen am Altar zu machen und keine schmutzigen Lieder zu
singen.
Dies musste ich vorausschicken, um folgender Geschichte Glauben zu
verschaffen, die Hemmerlin erzählt: Ein Priester lebte in einem
unerlaubten Verhältnis mit einer sehr angesehenen Frau. Die Sache wurde
bekannt, und er wurde gezwungen, von seiner Pfarre zu fliehen. Als er
verzweiflungsvoll im Wald umherirrte, begegnete ihm ein Mönch, der ihn
fragte, weshalb er so betrübt umherlaufe. Der Priester erzählte ganz
treuherzig sein Leiden. Aber der vermeintliche Mönch war der Satan -
vielleicht auch ein Schalk in einer Kutte - und erwiderte: "Nicht wahr,
wenn du das böse Glied nicht hättest, dann könntest du in deiner Pfarrei
sicher wohnen?" - "Allerdings, mein Herr", antwortete der Pfarrer. -
"Nun, so hebe dein Gewand auf, damit ich es berühre, wie sie es ja auch
berührt hat, dann kannst du dich ohne Scheu deiner Gemeinde zeigen, und
es wird in dem Augenblick verschwunden sein." Der Geistliche tat, was
der Mönch wollte, und rannte dann voller Freude in seine Pfarrei zurück,
ließ die Glocken läuten, versammelte die Gemeinde und bestieg die
Kanzel. Voll Zuversicht hob er seine Kleider auf - et mox membrum suum
abundantius quam prius apparuit.
Sehr lesenswert sind die Schriften von Johann Busch, der Propst der
regulierten Chorherrn zu Soltau, in der Nähe von Hildesheim, und
Visitator des Erzbistums Magdeburg war. Er verfolgte mit großem Eifer
die Priester, welche Konkubinen hielten, und bestrafte sie nicht mit
Geld, wie sie es bis dahin gewohnt waren, sondern mit kanonischen
Strafen.
Einst lud er einen Pfarrer samt seiner Konkubine zu sich. Ersteren ließ
er in das Kloster kommen, aber die Dirne musste draußen bleiben. Auf das
schärfste befragt, leugnete der Pfarrer standhaft und beteuerte mit
einem heiligen Eid, dass er ganz keusch mit seiner Magd lebe. Nun ging
Busch vor die Tür zu dem Mädchen und sagte: "Ich habe gehört, dass du
bei deinem Herrn zu schlafen pflegst", aber sie leugnete und meinte,
dass sie nur mit Kühen, Kälbern und Schweinen zu tun habe. Als aber
Busch sagte, dass ihr Herr bereits gestanden habe, da gestand sie auch,
und der geistliche Herr hatte falsch geschworen.
Von den Satirendichtern jener Zeit will ich gar nicht einmal reden, denn
es ist wahrscheinlich, dass sie hin und wieder etwas erfanden, um die
Pfaffen lächerlich zu machen. Ihre Schriften wurden indes überall mit
Beifall gelesen, denn alle Welt war über die freche Sittenlosigkeit der
Pfaffen empört.
Giovanni Francesco Pico, Prinz von Mirandola, der die seltsame
Unterredung mit Papst Alexander VI. hatte, schilderte in einer Eingabe
an Papst Leo X. (1513) den Verfall des Klerus und ist besonders darüber
empört, dass solche Knaben, welche den höheren Geistlichen zur
Befriedigung ihrer unnatürlichen Wollust gedient, zum Kirchendienste
erzogen wurden.
Geiler von Kaisersberg (starb 1510) war Lehrer der Theologie zu Freiburg
und wurde dann Prediger zu Straßburg. Er erklärte einst dem Bischof:
dass, wenn ein Unkeuscher keine Messe lesen dürfe, er nur die
Geistlichkeit des ganzen Sprengels suspendieren möge, denn die meisten
lebten in einem ärgerlichen Konkubinate.
Dieser ebenso sittenreine als gelehrte originelle Mann schilderte in
seinen trefflichen Predigten die Mönche und Pfaffen nach dem Leben. In
einer derselben "Vom menschlichen Baum" heißt es: "Soll nämlich die
Frucht der ehelichen Keuschheit auf den Ästen des Baumes wachsen, so
hüte dich, sieh dich vor, schäme dich. Zum ersten hüte dich vor den
Mönchen. Diese Tengerferlin gehen nicht aus den Häusern, sie tragen
etwas von der Frucht hinweg.
Ja, wie soll ich sie aber erkennen! Zu dem ersten erkenne sie, wenn
einer in dein Haus kommt, so ketscht er ein kleines Novizlein mit sich,
es ist kaum eine Faust groß, das bleibt in einem Winkel sitzen, dem gibt
man einen Apfel, bis die Frau ihn durch das ganze Haus geführt hat.
Zum andern, so siehe seine Hände an, so bringt er Gaben, das schenkt er
dir, das der Frau, das den Kindern, das der Dienerin.
Das dritte Zeichen ist, wenn er dir unbescheidene Ehre antut. Wenn du
ein Handwerksmann bist, nennt er dich Junker. - Wenn du ein
semmelfarbenen Mönch siehst, so zeichne dich mit dem heiligen Kreuze,
und ist der Mönch schwarz, so ist es der Teufel, ist er weiß, so ist es
seine Mutter, ist er grau, so hat er mit beiden teil.
Zu dem andern hüte dich vor den Pfaffen, die mache dir nicht geheim,
besonders die Beichtväter, Leutpriester, Helfer und Kapläne. Ja,
sprichst du, meine Frau hasset Mönche und Pfaffen, sie schwört, sie habe
sie nicht lieb. Es ist wahr, sie wirft es so weit weg, dass es einer in
drei Tagen mit einem Pferd nicht errennen möchte. Glaub ihr nicht, denn
der Teufel treibt die Frauen, dass sie der geweihten Leut begehren."
Interessante Belege zu der Liederlichkeit der Geistlichen enthalten die
Schriften der Ärzte. Aus ihnen lernt man die schrecklichen Folgen des
Zölibats an den Leibern der Pfaffen selbst erkennen. Es war nur ein
Unglück, dass sie diese weiter mitteilten und auch die Menschen
körperlich zu Grunde richteten, welche sie bereits geistig elend gemacht
hatten. Alle Ärzte klagten, dass die Lustseuche, welche deutsche
Landsknechte aus Frankreich mitgebracht haben sollten, durch die Pfaffen
auf eine grauenerregende Weise verbreitet wurde.
Vergebens waren alle Ermahnungen zur Mäßigkeit. Gaspar Torella, erster
Kardinal am Hofe Alexanders VI., Bischof von St. Justa in Sardinien und
Leibarzt des Papstes, bat die Kardinäle und sämtliche Geistlichen, "doch
ja nicht des Morgens bald nach der Messe Unzucht zu treiben, sondern des
Nachmittags, und zwar nach geschehener Verdauung, sonst würden sie ihre
Sündhaftigkeit mit Abzehrung, Speichelfluss und ähnlichen Krankheiten zu
büßen haben, und die Kirche würde ja ihrer schönsten Zierden beraubt
werden".
Einige Ärzte waren sogar boshaft genug, die Besorgnis auszusprechen,
dass die Geistlichen die Lustseuche auch in den Himmel verpflanzen
würden; und der Arzt Wendelin Hock forderte den Herzog von Württernberg
auf, der Liederlichkeit der Pfaffen Einhalt zu tun, da sonst das ganze
Land verpestet werde. Diese Besorgnis war keineswegs aus der Luft
gegriffen, denn die venerischen Krankheiten nahmen so überhand, dass man
in den meisten größeren Städten eigene Spitäler dafür erbaute, welche
man Franzosenhäuser nannte.
Bartholomäus Montagna, Professor der Heilkunde zu Padua, hatte an den
Leibern seiner geistlichen Freunde die beste Gelegenheit, die Lustseuche
zu studieren, und schrieb daher ein Buch, in welchem er einige
Kardinalkrankheiten schrecklich genug schilderte. Alexander VI. selbst
hatte fürchterlich zu leiden, und der Kardinalbischof von Segovia, der
die Aufsicht über die Hurenhäuser zu Rom hatte, widmete ihnen so große
Sorgsamkeit, dass er darüber sein Leben einbüßte.
Zur Zeit der Reformation kamen unzählige Nichtswürdigkeiten der Pfaffen
an das Licht. Als Luther anfing, Lärm zu schlagen, da regte es sich von
allen Seiten, und Schriften gegen die Geistlichkeit erschienen in
unendlicher Zahl und überschwemmten ganz Europa.
Luther, Melanchthon, Zwingli und andere forderten laut die Erlaubnis zur
Ehe für die Priester, und Letzterer richtete im Namen vieler Geistlichen
Schriften an seine Vorgesetzten, die aber alle nichts fruchteten. Aus
einer derselben will ich nur Folgendes anführen.
Ein Schulmeister, der verheiratet war, hatte Lust, ein Priester zu
werden, und wurde es mit Einwilligung seiner Frau. Er hatte sich aber zu
viel zugetraut, indem er dachte, das Keuschheitsgelübde halten zu
können. Er wehrte sich lange und hätte gern seine Frau wieder zu sich
genommen; da er aber dies nicht durfte, so hing er sich an eine Dirne,
verließ den Wohnort seiner Frau, um diese nicht zu kränken, und kam in
das Bistum Konstanz. Die Frau, welche hörte, dass er eine Haushälterin
habe, zog ihm nach. Der Mann, welcher sie lieb hatte, schickte die
Haushälterin weg und nahm seine Frau wieder zu sich, da er meinte, es
sei dies doch besser, da es ohne "weibliche Pflege" nun einmal nicht
ginge. Der Generalvikar und die Konsistorialräte teilten aber seine
Ansicht nicht; sie befahlen ihm bei Verlust seiner Pfründe, seine Frau
wegzuschicken. Der arme Geistliche erbot sich, dieselbe als Konkubine
jährlich zu verzinsen; allein, das war umsonst, sie musste fort. Darauf
nahm er seine fortgeschickte Konkubine wieder zu sich, und alles war in
bester pfäffischer Ordnung; der Generalvikar hatte nichts dagegen zu
erinnern!
Der Rat von Zürich gestattete bald nach einer Disputation, in welcher
Zwingli die Ehe wacker verteidigt hatte, dass sich die Priester
verheirateten. Mehrere machten sogleich von dieser Erlaubnis Gebrauch
und verkündeten ihren Entschluss von der Kanzel. Das Volk bezeugte laut
seinen Beifall, und bei der Trauung eines Priesters in Straßburg, wo man
bald dem guten Beispiel folgte, rief man im Volk, er habe recht getan,
und wünschte ihm tausend glückliche Jahre.
Erasmus von Rotterdam, der durch seine Schriften sehr viel beitrug, die
Macht der Päpste zu untergraben, nannte die Reformation das "lutherische
Fieber" oder ein Lustspiel, da es mit einer Heirat schließe. Als er
Luthers Vermählung erfuhr, scherzte er: Es ist ein altes Märlein, dass
der Antichrist von einem Mönch und einer Nonne kommen soll. Er schrieb
gleichfalls gegen das Zölibat, meinte aber, dass die Päpste es
schwerlich abschaffen würden, da ihnen der Hurenzins gar zu gut tue.
Auf der Trientiner Synode, wo all der alte römische Kohl wieder
aufgewärmt wurde, bestätigte man auch wieder aufs neue das Zölibat und
erließ die strengsten Befehle gegen das Konkubinat. Aber auch diese
Beschlüsse halfen nicht viel. In Polen lebten zur Zeit der Reformation
fast alle Geistlichen in heimlicher Ehe, und viele bekannten sie selbst
öffentlich. Dieser Zustand änderte sich auch nach der Trientiner Synode
nicht, und dass das Konkubinat fortbestand, lehren die unzähligen
späteren Verordnungen dagegen.
In denjenigen Ländern, in welchen die Reformation festen Fuß gefasst
hatte, waren die Geistlichen freilich darauf bedacht, ihr Schandleben
vor den Augen der Welt immer mehr zu verbergen; aber wie begreiflich
wurde damals nichts für die Sittlichkeit gewonnen, sondern diese wurde
im Gegenteil noch mehr dadurch gefährdet. Die Pfaffen blieben trotz
aller Konzilienbeschlüsse liebebedürftige Menschen, um die Sache einmal
recht zart auszudrücken, und da beim unvorsichtigen Genuss harte Strafen
drohten, so waren sie darauf angewiesen, sich in der Kunst der
Verstellung und Heuchelei zu vervollkommnen. Das Handwerk des
Frauenverführers wurde nun jesuitischer betrieben, und das war wahrlich
kein Gewinn.
In den echt katholischen Ländern genierte man sich indessen weniger, und
der Kardinal Bellarmin zum Beispiel führte ein Leben, als hätte nie eine
Reformation stattgefunden. Man erzählt von ihm, dass er 1624 Geliebte
gehabt und nebenbei zur Sodomiterei noch vier schöne Ziegen gehalten
habe! Mehr kann man von einem Kardinal billigerweise nicht verlangen.
Im siebzehnten Jahrhundert erschienen noch sehr zahlreiche, die Unzucht
der Pfaffen betreffende Verordnungen, und da man einmal das Konkubinat
nicht ausrotten konnte, soviel Mühe man sich auch gab, so bestimmte man
nun das Alter der Köchinnen und Haushälterinnen auf fünfzig Jahre, und
trotz dieses Alters, welches gegen das höchst rücksichtslose
Kinderbekommen sicherte, worauf es hauptsächlich ankam, mussten die
Pfaffenköchinnen sich einer strengen Prüfung unterwerfen.
Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert werden die Provinzialsynoden
immer seltener, und dies ist der Grund, weshalb die beständigen
Erinnerungen an die Keuschheitsgesetze wegfallen, welche nur hin und
wieder in den bischöflichen Hirtenbriefen eingeschärft werden.
Man hatte eingesehen, dass Pfaffenfleisch sich nicht ertöten lässt, und
war weit diplomatischer geworden. Anstatt bei Keuschheitsvergehen an die
große Glocke zu schlagen, vertuschte man sie und suchte den Glauben zu
verbreiten, als stehe es mit der Keuschheit der Pfaffen sehr gut. Fand
man eine Erinnerung nötig, so sorgte man auch dafür, dass keine Kunde
davon unter die Leute kam, und in dem Ausschreiben Joseph Konrads,
Bischof von Freisingen und Regensburg, an den Regensburger Klerus vom 7.
Januar 1796 heißt es ausdrücklich: "Übrigens wollen wir, dass von diesen
Statuten keine Nachricht unter das Volk komme, damit nicht der Klerus
verachtet und verspottet werde. Wir haben uns auch deswegen der
lateinischen Sprache bedient, damit für die Ehre des Klerus gesorgt und
das Volk bei seiner guten Meinung erhalten werde, da einige in demselben
glauben, es dürfte auch nicht der Verdacht eines schändlichen
Verbrechens auf die Priester und seine Seelsorger fallen."
Ein Umlaufschreiben des Bischofs Ignaz Albert von Augsburg vom 1. April
1824 ist im Allgemeinen außerordentlich diplomatisch und umso mehr wird
man darin von folgender Stelle frappiert: - "Ja, wir wissen es, dass es
bei einigen Pfarrern schon zur Gewohnheit geworden ist, an Kirchfesten
und Jahrmärkten mit den Köchinnen zu erscheinen und im Pfarrhaus oder in
Wirtshäusern einzusprechen und in später Nacht vollgefressen und
vollgesoffen nach Hause zurückzukehren."
In Spanien stand es mit der Sittlichkeit der Geistlichen in den ersten
Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sehr schlecht, und der Großinquisitor
Bertram erklärte: dass die ganze Strenge der Inquisition dazu nötig sei,
um Kleriker und Mönche von Verbrechen zurückzuhalten und zu verhindern,
dass der Beichtstuhl in ein Bordell umgewandelt werde. - Wie es mit der
Moralität der Geistlichen in der Schweiz steht, werden wir im nächsten
Kapitel an einigen Beispielen sehen. - In Südamerika überbieten die
Pfaffen alle anderen Stände an Liederlichkeit, was dort etwas heißen
will. In Peru besteht das Konkubinat in voller Blüte.
Wie es mit der Sittlichkeit der römischen Geistlichkeit in Deutschland
steht, will ich hier nicht erörtern. Leser, die in katholischen
Distrikten unseres Vaterlandes wohnen, wissen es. Das Zölibat besteht
noch, und wenn auch die höhere Bildung unseres Zeitalters es nicht
gestattet, dass die Liederlichkeit der Pfaffen mit derselben frechen
Unverschämtheit auftritt wie früher, so bleiben die Folgen dieses
Zölibats doch überall dieselben. Diese Folgen waren es fast ebenso sehr
wie die Habsucht der Pfaffen, welche die Reformation herbeiführten; und
wenn das jetzt zusammentretende Konzil über die Mittel beraten sollte,
die katholische Religion in den schwankenden Ländern zu rehabilitieren,
so sollte es nicht vergessen, dass die Aufhebung des Zölibats das
wirksamste sein würde.