Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der

Päpste (von 1305-1374). König Philipp der Schöne fand es nämlich

vorteilhaft, die Päpste für seine Zwecke bei der Hand zu haben, und

verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu

nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier völlig

abhängig von den französischen Königen, lebten aber unter dem Schutz

derselben dafür auch weit sicherer als in Rom. Sie beschäftigten sich in

ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende

Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu

demoralisieren.

Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die spätere

große Sittenlosigkeit in Frankreich hauptsächlich von dem

siebzigjährigen Aufenthalt der Päpste in Avignon her.

Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und

deshalb klüger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser

Heinrich VII., dem Luxemburger, würde wahrscheinlich ein Feind des

Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es

in Russland nennt, gestorben worden wäre. Der Dominikaner Bernard von

Montepulciano, so erzählt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie und

der Kaiser war zu religiös, um dem Rat seines Arztes zu folgen und ein

Brechmittel zu nehmen. So starb er denn an seiner Frömmigkeit.

Das größte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswürdigen

Prozess gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der

unglücklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre

heiligen Pfoten Philipp dem Schönen lieh, um für ihn die Kastanien aus

dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war

allerdings groß; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und

die Päpste selbst reiner?

Übrigens würde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals

gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernünftigere und freiere

Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpöbel, und dann - waren

sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozess machte, schlug man, wie

man zu sagen pflegt, "zwei Fliegen mit einer Klappe".

Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und

Betrüger, ehe er den Päpstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben

vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbubentugenden. Ich habe

schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und füge nur noch

weniges hinzu.

Er lag in beständigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern

und dem König von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tüchtig,

"kuschte" aber doch zuletzt, denn "er hatte zwei Seelen, eine

kaiserliche und eine bayerische".

Philipp der Schöne aber ließ dem übermütigen Papst sagen, "er werde ihn

als Ketzer verbrennen lassen". Leider ist das nicht geschehen; er starb

90 Jahre alt. Er hinterließ außer seinen 33 Millionen, welche die Kirche

verdaute, die bekannte schöne Hymne: "Stabat mater dolorosa".

Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann und man kann ihm

weiter nichts zur Last legen, als dass er Papst war. Aber selbst diesen

Fehler suchte er nach besten Kräften zu mildern, indem er wenigstens

erklärte, "ein Papst habe keine Verwandte", wodurch er seine Vorgänger

und Nachfolger beschämte, welche ihre "Neffen" usw. nicht reich genug

beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er

sagte: "Für ein solches Ross schickt sich nicht solch ein Sattel", und

gab sie einem Kaufmann aus Toulouse.

Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines

gleichzeitigen Geschichtsschreibers "höchst ritterlich und nicht sehr

fromm", welches Letztere man wohl von mehreren "Heiligen Vätern" sagen

konnte. Er benahm sich sehr hochmütig gegen Kaiser Ludwig und hatte

leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem "Pfaffenkönig" Karl IV. Obwohl er

selber sehr locker lebte, so hielt er es doch für nötig, die höhere

Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln und

sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: "Ihr wütet wie

eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes!"

Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhörtem Pomp krönte er Don

Sanchez, den zweiten Sohn des Königs von Kastilien, zum König der

glücklichen Inseln, wie damals die kanarischen hießen. Beim Krönungszug

kam als üble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und König bis

auf die Haut durchnässte; und in der Tat wurde auch das Königreich zu

Wasser, denn die kühnen Normannen hatten es in Besitz genommen und

hielten es fest.

Mit diesem Sanchez hatte Clemens große Absichten. Er versprach ihn an

die Spitze eines Kreuzzuges zu stellen und ihm den Titel "König von

Ägypten" zu geben. Der Prinz war außer sich vor Dankbarkeit und rief:

"Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!" - So erzählt

uns der berühmte Dichter Petrarca.

Philipps des Schönen Beispiel hatte den Päpsten böse Früchte getragen,

denn die Kraft des Banns fing an zu erlahmen. Das fühlte Urban V. Ein

Erzbischof weigerte sich, einen Mönch zu ordinieren, der ihm von seinem

Landesherrn, Bernabò Visconti von Mailand, empfohlen war. Dieser

gottlose Mensch ließ den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: "Weißt du

nicht, du alter Hurer, dass ich König, Papst und Kaiser in meinem

eigenen Reich bin!" Für dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den

Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt!

Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, führte

sie Visconti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrücke und fragte sie sehr

ernsthaft: "Wollt Ihr essen oder trinken?" Die Legaten sahen mit sehr

langen Gesichtern auf den Fluss und verlangten höchst kleinmütig zu

essen. "Nun, so fresst den Wisch da!" - Die Herren Legaten fraßen.

Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe

schon früher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der

Päpste für Avignon und Frankreich überhaupt hatte. Geschichtsschreiber

jener Zeit können von der dort herrschenden Unzucht nicht genug

erzählen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefühl.

Ein schönes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr

Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war empörend. Fünf Kardinäle, die

nicht für ihn gestimmt hatten, und mehrere Prälaten ließ er fürchterlich

foltern und dann teils in Säcke stecken und ins Meer werfen, teils

lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten

Kardinal, der von der Tortur so elend war, dass er nicht fortkonnte,

ließ er unterwegs erwürgen. Als die Kardinäle zur Tortur abgeführt

wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: "Martere so, dass ich

Geschrei höre." Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in

seinem Brevier.

Die Leichen von zwei Kardinälen ließ dieser Henkerpapst in Öfen

austrocknen und dann zu Staub zerstoßen. Dieser Staub wurde auf seinen

Befehl in Säcke getan und nebst den roten Hüten der Kardinäle auf seinen

Reisen auf Maulesel vor ihm hergeführt, anderen als schreckliches

Exempel!

Zu Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir immer

wenigstens zwei, meistens drei Päpste zugleich, die jeder von den

verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet

wurden.

Ich habe es herzlich satt, die scheußlichen Handlungen der Menschen zu

berichten, welche den Namen "Statthalter Gottes" zum schändlichsten Hohn

machten; allein ich müsste vollends ermüden, wenn ich die Schandtaten

und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenpäpste berichten sollte. Man

durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von

jedem der Sträflinge erzählen, welche Verbrechen er begangen hat, so

wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben,

welche von den Päpsten dieser Periode begangen wurden.

Das böse Beispiel der Päpste und überhaupt der Geistlichkeit hatte die

übelsten Folgen. Von der Zügellosigkeit, welche damals unter dem Volk,

namentlich aber unter den höheren Ständen herrschte, hat man heutzutage

kaum einen Begriff, so sehr man auch über die Sittenverderbnis der

jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch

die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelöst. Die Notwendigkeit einer

Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefühlt, in denen noch das

Gefühl für das Gute lebte, und man kam dahin überein, auf einem großen

Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen.

Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der

glänzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben

nächst einem Papst und dem Kaiser alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132

Grafen, über 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinäle, 47

Erzbischöfe, 160 Bischöfe, über 200 Äbte, ein Heer von Mönchen,

Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und - die gewöhnliche

Begleitung des päpstlichen Hofes, gegen 1000 öffentliche Dirnen, die

privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet.

Drei Päpste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und

ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen,

allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt

der Heilige Vater es für geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe

des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen.

Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefasst und gab sie

dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er äußerte aber kein Verlangen, sein

Sündenregister zu lesen und versuchte lieber das Konzil durch seine

Flucht zu sprengen, was aber misslang. Johanns Taten wurden öffentlich

verlesen, das heißt nur 54 Artikel davon, da man sich schämte, die

anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, dass Johann

nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie,

Freigeisterei, Räuberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen

verführt oder genotzüchtigt und sie dann zum Lohn zu Äbtissinnen und

Priorinnen gemacht habe.

Sein eigener Sekretär, Niem, erzählt, dass der Papst zu Bologna einen

Harem von 200 Mädchen unterhalten habe. Auch beschuldigt man Johann,

seinen Vorgänger Clemens V. vergiftet zu haben.

Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte

Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den

Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflüche. Endlich ließ

der neuerwählte Papst, Martin V., den neunzigjährigen Benedikt

vermittelst Gift aus dem Weg räumen.

Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wälzende

Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berühmte

Kanzelprediger predigten öffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und

einer derselben sagte: "J'aime mieux baiser le derrière d'une vielle

maquerelle, qui aurait les hemmoroîdes, que la bouche de ce Pape là!"

Das Konzil von Konstanz verurteilte Jan Hus und Hieronymus von Prag als

Ketzer zum Feuertod und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der

Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche,

wurde nicht erreicht.

Im Jahr 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt

Konstanz hatte vier Jahre lang einen schönen Verdienst durch die 100.000

Fremden mit 40.000 Pferden, die sie so lange beherbergen musste. Für ihr

gutes Verhalten erhielt die Bürgerschaft vom Kaiser unschätzbare

Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nämlich das Recht, eine

vierzehntägige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde

eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner - einen roten Schwanz zu

setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinäle erinnern sollte; ich

bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses

seltsamen Wappenvogels zu erklären. Der Bürgermeister wurde zum Ritter

geschlagen, da das kleine Geld der Fürstengunst, die Orden, noch nicht

üblich waren.

Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II., der sich schminkte und eine

Krone trug, die 200.000 Dukaten wert war; ebenso von dem schändlichen

Meuchelmörder Sixtus IV., der in Rom die ersten öffentlichen Bordelle

anlegte und jeden seiner Kardinäle auf die Erwerbnisse von 20-30 Huren

anwies; der für Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines

Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten; der mit seiner Schwester

einen Sohn zeugte, seine beiden Söhne zu unnatürlicher Wollust

missbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging: von allen

diesen Päpsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiss sehr

lehrreich und erbaulich sein würde.

Innozenz VIII. (1484-1492) sorgte mit väterlicher Zärtlichkeit für seine

Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle

Päpste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sündentaxordnung aus, die

in 42 Kapiteln 500 Taxansätze enthielt. Ich habe schon früher davon

gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument:

Begeht ein Geistlicher vorsätzlich einen Mord, so zahlt er nach

Reichswährung zwei Goldgulden acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder-

und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden zwölf Groschen! Wollte aber

ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden acht Groschen

zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete

vierzig Gulden.

Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere

Aufmerksamkeit und kann als der Begründer der Hexenprozesse betrachtet

werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben

kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierüber erließ, faselt er

von bösen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich

unter ihn legen!

Alexander VI. (1492-1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er

nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgänger, so

sind doch seine Handlungen mehr bekannt geworden als die anderer Päpste,

und er gilt gewöhnlich als die Quintessenz päpstlicher Schlechtigkeit.

Er war in Valencia geboren und hieß ursprünglich Rodrigo Langolo; aber

sein Vater veränderte seinen Namen in Borgia. Rodrigo studierte, wurde

dann aber Soldat und verführte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden

Töchter. Von einer derselben hatte er vier Söhne: Juan, Cesare, Pedro

Luis und Jofré, und eine Tochter Lucrezia.

Sein Oheim, Alfons Borgia, wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst,

und Rodrigo begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst überschüttete

seinen Neffen mit Würden und Geschenken und machte ihn endlich zum

Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die päpstliche Krone.

Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinälen 22 durch

Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte,

ermahnte er die bestechlichen Kardinäle zur Besserung und räumte sie als

ihm unbequem allmählich durch päpstliche Hausmittelchen aus dem Wege.

Für das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zärtlichste

bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte für ihr

Fortkommen. Cesare Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die

Freude, seinen Bruder Jofré mit Sancha, der Tochter des Königs Karl

VIII. von Frankreich zu verheiraten, der noch weit größere Opfer bringen

musste, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Königreich

Neapel zu unterstützen. Karl musste unendlich viele Dukaten opfern, denn

Geld war bei Alexander VI. die Losung.

Um Geld zu erlangen, verschmähte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis

für seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglücklichen

Prinzen Cem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bayezit,

empört, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von

40.000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen,

ließ Alexander VI. dem Sultan weismachen, dass Karl VIII., wenn er

Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen

Bruder Cem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu

stellen. Zugleich erbat sich Alexander die fälligen 40.000 Dukaten.

Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50.000 und schrieb an den

"ehrwürdigen Vater aller Christen", so nannte er Alexander, einen sehr

freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, "seinen Bruder

sobald als möglich von dem Elend dieser Welt zu befreien und ihm zu

einem glücklichen Leben zu verhelfen". Wenn der Papst diese seine Bitte

erfüllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300.000

Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Christi und ewige

Freundschaft.

Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in

seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. für 20.000 Dukaten aus,

aber bereits mit einem Trank im Leib, der ihn in Mohammeds Paradies

beförderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: "Er starb an einer

Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam." - Bayezit war ebenso

ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld.

Alexander erhob seinen ältesten Sohn Juan, Herzog von Gandia, den er am

liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war dessen Tod, denn sein

eifersüchtiger Bruder Cesare ließ ihn ermorden. Man zog den von neun

Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Römer sagten

spottend: "Alexander ist der würdigste Nachfolger Petri, denn er fischt

aus dem Tiber sogar Kinder." - Alexander war über den Tod seines

Lieblings außer sich; aber er vergab Cesare den kleinen Mord sehr bald

und übertrug auf diesen würdigsten Sprössling all seine väterliche

Zärtlichkeit.

Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen,

verließ der Kardinal Cesare Borgia den geistlichen Stand - ein bis dahin

nie vorgekommener Fall, - wurde von dem Könige von Frankreich zum Herzog

von Valence in der Dauphiné ernannt und heiratete bald darauf eine

Tochter der Königin von Navarra.

Seine anderen Kinder vergaß der zärtliche Vater aber auch nicht.

Lucrezia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alfons, Herzog von

Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von

Ferrara Platz machen musste.

Die päpstliche Familie führte ein äußerst gemütliches Familienstilleben.

Die Brüder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schönen Lucrezia,

und der Letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der

Rodrigo genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und

der Sohn und Enkel seines glücklichen Vaters war, der das Wunderkind zum

Herzog von Sermonata machte.

Die italienischen Fürsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn

Cesare auf das schamloseste geplündert wurden, vereinigten sich gegen

diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast sämtlich gegen ihre

bessere Überzeugung zur Seligkeit befördert. Ein halbes Dutzend von

ihnen besorgte Cesare zur Ruhe und einen andern der Herr Papa.

Cesare würde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen

Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser

Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wäre. Das ging auf folgende

Weise zu.

Alexander hatte die Gewohnheit, solche reiche Leute, die er gern beerben

wollte, in die bessere Welt zu befördern, und eins seiner

Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er höchst gemütlich "Requiescat

in pace" nannte. - Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann,

sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum

Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den

"in der Hölle gewürzten" für den Kardinal bestimmten Wein, und dieser

endete am andern Tag sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cesare, der

auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu

verdauen.

Mit den Schandtaten dieses Papstes könnte man ein ganzes Buch füllen,

aber ich will den Lesern nur einige mitteilen.

Von der Macht und der Stellung der Päpste hatte Alexander die höchsten

Begriffe, denn er sagte: "Der Papst steht so hoch über dem König wie der

Mensch über dem Vieh", und mit der Religion, welche damals die

christliche hieß, war er vollkommen zufrieden, denn er äußerte: "Jede

Religion ist gut, die beste aber - die dümmste", und es würde schwer

geworden sein, etwas Dümmeres als das Christentum der römischen Kirche

jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion.

Höchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di

Mirandola mit dem Papst nach der Niederkunft der Lucrezia mit Rodrigo

hatte. Alexander fragte ihn: "Kleiner Piko, wen hältst du für den Vater

meines Enkels?"

"Nun, Ihren Schwiegersohn!", nämlich den für impotent bekannten Alfons.

"Wie kannst du das glauben?"

"Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmögliches zu glauben",

und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmöglichkeiten

aus, dass der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschüttete.

"Ja, ja", sagte der Papst, "ich fühle wohl, dass ich nur durch Glauben,

nicht aber durch meine Werke selig werden kann."

"Ew. Heiligkeit", antwortete der Prinz, "haben ja die Schlüssel des

Himmelreichs; aber ich, - wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner

Tochter geschlafen, mich des Dolchs und der Cantarella (Gift) so oft

bedient hätte!"

"Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben

Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube was er

unmöglich glauben kann, einen Lügner?"

"Großer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew.

Heiligkeit sind kein Christ!"

"Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht."

"Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste

Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien

stattgefunden hat.

Die Liederlichkeit Alexanders lässt sich in unserer keuschen Sprache

nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cesare Borgias und seiner

Schwester Lucrezia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir

Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den

früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst

gewordenen Priap zur Unterhaltung.

Burckard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium

das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie

kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burckard sagt:

"Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit

schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann."

"Einst wurde", so erzählt Burckard, "auf dem Zimmer des Herzogs von

Valence (Cesare Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit

gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren,

die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mussten,

zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit

brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben

Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren

zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine

Heiligkeit, Cesare und Lucrezia zusahen. Endlich wurden viele

Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser

Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise

ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie

1501."

Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen

und ergötzte sich mit Lucrezia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war über

alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das

Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren

desselben haben aufgestellt, dass man nur diejenige eine wahre Hure

nennen könne, die 23.000 Mal gesündigt habe!

Lucrezia genoss das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters. In dessen

Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und

versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende

Grabschrift: "Hier liegt, die Lucrezia hieß und eine Thais war,

Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; Letzteres, weil einer

ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder

war.

Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um

sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst

machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, dass eine freie Presse dem

Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht

Unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf

die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen

Meinung weichen musste, in die fast noch schlimmere Phase der

Pressprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus

geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte

schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn

in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei

und eins macht drei!" - "Unglücklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen

die Dreieinigkeit!" Seitenstücke dazu liefern manche moderne

Pressprozesse.

Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf

den Päpstlichen Stuhl. Er war ein tüchtiger Soldat; das ist das einzige,

seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er

hetzte alle Fürsten gegeneinander, ließ Armeen marschieren, kommandierte

sie selbst und belagerte und eroberte Städte.

Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn

der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser

Kirchenversammlung wurde er "als Störer des öffentlichen Friedens, als

ein Stifter der Zwietracht unter dem Volk Gottes, als ein Rebell und

blutdurstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhärteter Mensch"

aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt.

Julius kehrte sich natürlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn

nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen

König von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich

wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan

geschleuderten Blitze zündeten nicht mehr.

Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berühmten

Geschichtsschreibers Mezeray "wie ein türkischer Sultan und nicht wie

ein Statthalter des Friedensfürsten und wie ein Vater aller Christen".

In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst führte, verloren

zweihunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter

Vorbereitungen zu neuen Kriegen.

Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch

voraus, dass er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst:

"Ewiger Gott, wie würde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere

Aufsicht über sie hättest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein

elender Jäger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen

Papst, als Julius ist!"

Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzählt, dass der

Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche

der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, dass er am Karfreitag

niemand zum Fußkuss lassen konnte.

Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521),

welcher seine Erhebung zum Papst derselben Krankheit verdankte, die

Julius am Fußkuss verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave

kam, litt er an einem venerischen Geschwür am Hintern, welches einen

pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinäle, welche

angesteckt zu werden fürchteten, befragten die Ärzte des Konklaves, und

diese erklärten einstimmig, dass Leo gewiss bald sterben würde. Um nur

baldigst von dem Gestank befreit zu werden, wählten ihn die Kardinäle

zum Papst.

Leo X., ein Sprössling der berühmten Fürstenfamilie der Medicis, war ein

gescheiter Mann, welcher Künste und Wissenschaften liebte und manch

andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Fürsten recht hoch

schätzen würden. Er lebte "vergnügt wie ein Papst" und kümmerte sich

ebenso wenig um die Christenheit wie um Geschäfte, wenn er nicht durch

seine ungeheuren Geldbedürfnisse dazu gezwungen war.

Er soll während der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten

verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene

Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krönung verschenkte er 100.000

Dukaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen;

aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal

Bambus: "Wie viel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht

hat, ist aller Welt bekannt."

Sein Hof war der prächtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen

Händen weggeworfen, wie an denen der altrömischen Kaiser. So war es denn

kein Wunder, dass er trotz seines Ablasskrams noch bedeutende Schulden

hinterließ.

Leo verkaufte alles, was nur Käufer fand, und sein Finanzminister

Armellino war der unverschämteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von

Letzterem. "Man ziehe diesem Schinder das Fell über die Ohren und lasse

ihn für Geld sehen, was mehr einbringen wird, als wir brauchen."

Leo wurde durch einen plötzlichen Tod aus seinem üppigen Leben

hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente

zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm,

welches in der Übersetzung lautet: "Ihr fragt, warum Leo in der

Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? - Er hatte sie

verkauft."

Leos Ablasskram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nächste

Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft

geschrieben worden und befindet sich in den Händen des Volks; ich darf

sie also als bekannt voraussetzen.

Die gefährliche Lage des Päpstlichen Stuhls hätte einen recht kräftigen

Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies

durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, "sich

und die Jungens zu ennuyieren", als das lecke Schifflein Petri über

Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war.

Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewählt,

und als sein Zögling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der

Universität Löwen. Luther sagt von ihm: "Der Papst ist ein Magister

noster aus Löwen, da krönt man solche Esel." Man möchte geneigt sein,

dies summarische Urteil zu bestätigen, wenn man liest, dass Hadrian bei

den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere

usw., mit einem flüchtigen Seitenblick vorüberging, indem er sagte: "Es

sind alte Götzenbilder."

Als dieser "deutsche Barbar" zu Fuß nach Rom kam, als er zu seinem

Unterhalt täglich nicht mehr als zwölf Taler brauchte und - horribile

dictu - Bier dem Wein vorzog, - da machten die Kardinäle sehr lange

Gesichter und kamen zu der Einsicht, "dass der Heilige Geist keinen als

einen Italiener verstehe".

Hadrian war ein hölzerner Pedant und viel zu ehrlich, als dass man ihn

lange auf dem Päpstlichen Stuhl hätte dulden können. Die Satiriker

nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisierte dieses Papstes

Regierung sehr ergötzlich. Die bezügliche Stelle heißt in der

Übersetzung: "Eine Regierung voll Bedacht, Rücksicht und Gerede, voll

Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft

und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heißt voll Einfalt, - wird

Hadrian allgemach zum Heiligen machen."

Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinäle und Geistlichen

grässliches Verbrechen; er gestand nämlich ein, dass Luther mit seinem

Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er

ehrlich genug war zu schreiben: "Gott gestattete die Verfolgung um der

Sünde willen; die Sünde des Volks stammt von den Priestern, die daher

Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging.

Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges

ausgegangen, dass es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt

in die Glieder, von Päpsten in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen

allen Fleiß anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles

Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen

erwartet."

So etwas war unerträglich, und Hadrian "wurde gestorben". Der Jubel der

Römer bei seinem Tode war sehr groß, und sie begingen die

Unschicklichkeit, die Tür seines Leibarztes zu bekränzen und mit der

Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S.P.Q.R. (Der Senat und das

Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes).

Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen,

gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, dass er fünf

Jahre lang Großinquisitor in Spanien war und dort 1620 Menschen lebendig

und 560 im Bildnis verbrennen ließ und 21.845 andere zu

Vermögenskonfiskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte.

Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem "Magister noster

Esel" und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu

spielen; aber die Reformation konnte er ebenso wenig unterdrücken. - Er

hatte große Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon

stürmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem

Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen

Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen befanden sich 14.000 Deutsche

unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen

hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit

eigenhändig in den Himmel zu befördern.

Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig

umgegangen. Die Kardinäle hatten schlimme Zeit, denn selbst die

katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die

Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stämmigen

deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzählen boshafterweise,

dass sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzüchtigen losging.

Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der

damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion,

stahlen und mordeten nach Herzenslust und ließen sich dann absolvieren.

Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn

Millionen Gold, und an barem Geld, womit sich die Vornehmen ranzionieren

mussten, auf eine noch größere Summe.

Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reißner,

der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche

die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig

beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wörtlich hersetzen:

"Die Landsknecht haben die Cardinäls Hüt auffgesetzt, die roten langen

Röck angetan, vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben

also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist

oftermals mit seiner Rott, als ein römischer Bapst, mit dreyen Kronen

für die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinäls

Rökken irem Bapst Reverentz gethan, ire lange Röck vornen mit den Händen

auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen

nachschleyffen, sich mit Haupt und Schultern tief gebogen, niederkniet,

Fuß vnd Händ geküßt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen

Trunk gebracht, die angelegte Cardinäl sind auff jren Knien gelegen,

haben ein jeder ein Glaßvoll Wein außtrunken, vnd dem Bapst bescheyd

gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bäpst vnd

Cardinäl machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige

widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten."

"Zuletzt haben sie laut vor der Engelsburg geschrien: Wir wöllen den

Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefallen, der soll ein Hand

aufheben, haben darauff all jre Händ auffgehebt, vnd geschrien, Luther

Bapst, und viel dergleichen schimpffliche lächerliche Spottreden

gethan."

"Grünenwald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm.

Er hett lust, dass er den Bapst ein stück auß seinem Leib solt reissen,

weil er Gottes, deß Keysers, vnd aller Welt Feind sey" usw.

Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400.000 Dukaten bezahlt

hatte, ließ man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg

entwischen.

Clemens hatte kein Glück, aber auch kein Geschick. So viel hätte er mit

seinem Verstand erkennen können, dass die Zeit der Innozenze vorüber

war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich

VIII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich

dafür mit seinem ganze Land von Rom lossagte. Dadurch verlor der

Päpstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von

jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38

Millionen Gulden eingebracht hatte.

Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Päpsten immer weitere

Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage, zu Nürnberg versammelten

Reichsstände erklärten: "dass sie die päpstlichen und kaiserlichen

Verordnungen nicht vollstrecken lassen könnten, weil das Volk, welches

den Lehren Luthers in großer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den

Argwohn geraten könnte, als wolle man die evangelische Wahrheit

unterdrücken und die bisherigen Missbräuche unterstützen, und dies

könnte leicht zu Aufruhr und Empörung Anlass geben".

Die deutschen Fürsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor

den Mund, und in den "hundert Beschwerden der deutschen Nation" sprachen

sie geradezu von den Betrügereien der Päpste, was sie nicht einmal

heutzutage wagen würden. Überhaupt sagten die Verteidiger der

Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Fürsten, was selbst

heute in anständiger Sprache nicht gewagt werden dürfte, aus Furcht vor

endlosen Pressprozessen. Man ließ Luthers "Satyren" ungehindert

passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unflätige Schimpfereien

waren.

Der "Gottesmann Lutherus" zeigte wenig Respekt vor Päpsten oder Fürsten,

wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob

sie Bettelbuben gewesen wären, und sagte sowohl dem König von England

als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den

Herzog von Braunschweig nannte er nur den "Hansworst"; aber am

schlimmsten kam der Papst weg.

In seinem Buch: "Das Papsttum, vom Teufel gestiftet" nennt er die Kirche

"die Lerche" und den Papst "den Kuckuck, der die Eier fresse und dafür

Kardinäle hineinscheiße". Er nennt Se. Heiligkeit "einen Gaukler, das

Leckerlein von Rom, päpstliche Höllischkeit und Spitzbube, ein

epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren, und will, dass man

ihm den Hintern küsse, einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor

dessen Fürzen sich der Kaiser fürchtet und der alle Fürze der Esel

binden und die selbsteigenen angebetet haben will, und dass man ihm

dabei noch den Hintern lecke".

Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen würde, so gegen den Papst zu

schreiben oder gegen den Kaiser Napoleon, dann fiele halb Europa in

Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Pressprozess mit darauf folgendem

Gefängnis, so lang wie das Fegefeuer.

Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der

Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Münze. Die

gewöhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Märte, Doktor

Sauhund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von

ihm in Bezug auf die Tischreden: "Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe,

wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu

Schweinfurt; - gäbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so

gehöre der Sauluther dahin." Das war, wie bemerkt, im sechzehnten

Jahrhundert "Satyre".

Clemens VII. war ein großer Freund der Mönche. Unter ihm entstanden die

Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den Letzteren

nur durch ihre größere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die

spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslöscher sehr ähnlich

sehen, können zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte

durch sie das Licht auszulöschen, welches durch Luther angezündet war.

Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26.

Jahr Kardinal geworden und zwar, weil er seine schöne Schwester Julia

Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der

liederlichsten Päpste. Blutschande, Mord und ähnliche Verbrechen waren

ihm geläufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine

Schwester!

Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger

angehen. Weit wichtiger war es für die Welt, dass Paul am 27. September

1540 den Orden der Jesuiten bestätigte. Wir werden diese Fledermäuse

noch näher kennen lernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und

was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darüber keine Auskunft

geben und sagten, sie wären tales quales; das heißt: diejenigen, welche

- - -

Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte als seine Vorgänger.

Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich

Beischläferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie

gemeinschaftlich, da keiner von beiden wusste, wer der Vater sei. Seinen

Affenwärter, einen hässlichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum

Kardinal, und als ihm die andern Kardinäle deshalb Vorwürfe machten,

rief er: "Potta di Dio! was habt Ihr denn an mir gefunden, dass Ihr mich

zum Papst machtet?"

Der Heilige Vater ließ einst in Rom Musterung über alle Freudenmädchen

halten und es fanden sich nicht weniger als 40.000 in der Stadt. Unter

einem so liederlichen Papst wie Julius musste ihr Handwerk natürlich

gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb

ein Buch über die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt.

Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und - dem Papst dediziert!

Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjähriger Narr und

nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht

genug Opfer erwürgen. Hören wir, was Pasquino über ihn sagte. Aber

vorher noch einige Worte über Pasquino.

Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwänke

viele Leute nach seiner Bude lockten. Dieser gegenüber stand eine

verstümmelte Statue, an welcher man häufig Satiren angeklebt fand, die

man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquill. Es gibt

indessen noch andere Traditionen darüber. Bald wurde nun eine andere

Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen,

die man an der ersten Statue fand, und so entstand das Frage- und

Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergötzlich, sondern auch von großem

Nutzen war. Es war der römische Kladderadatsch in primitiver Gestalt.

Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift

vor.- "Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie stammte der Papst),

verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hölle, dessen Aas

im Boden ist. Der Erde missgönnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und

Gelübde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zu Grunde; vor den Feinden

kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt Ihr alles auf einmal

wissen? - er war Papst!"

Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino

erwiderte einem Fragenden: "Warum jammerst du?" - "Ach, der Schimpf

bricht mir das Herz!" - "Nun, was ist's?" - "Du errätst es nicht? - Sie

haben mich", ruft er unter Schluchzen, "sie haben mich - einen Papst

genannt."

Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach

dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen

Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen

sei.

Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den

Reichs- Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister

sagte in einem Gutachten: "Man lacht jetzt über den Bann, vor dem man

sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, für heilig und

göttlich, jetzt speiet männiglich, er sei alter oder neuer Religion,

darüber aus. Die alten Kaiser haben die Päpste beim Kopfe genommen,

gestöcket, gepflöcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl

mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestät nicht einmal

benötigt. Übrigens weiß man, dass Se. Heiligkeit die Kardinäle, welche

Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken

geschlagen, woraus anzunehmen, dass dieselben Alters oder anderer

Zufälle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien."

Unter Pius IV. wurde das berühmte Trientiner Konzil geschlossen (im

Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die

schon längst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an "Haupt und

Gliedern" vorzunehmen.

Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes.

Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie

zwischen Trient und Rom in fortwährender Verbindung und des Papstes

Instruktionen hatten auf alle Beschlüsse den entschiedensten Einfluss.

Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte

das ändern.

Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: "Der

Heilige Geist, der die versammelten Väter in Trient belehrte, kam im

römischen Felleisen."

Die Heiligen Väter strengten sich nicht übermäßig an. Alle Monate einmal

eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen,

und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit sehr

viel unnützen Redereien.

Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebührt, über

den Rang der Abgeordneten, über Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann

fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle?

Endlich entschied man sich dann für den Glauben, da einige Vorwitzige

unverschämt genug waren, die Meinung zu äußern, dass die Reformation bei

den Häuptern beginnen müsse!

Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die

Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine

Legaten "hätten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein

zu geben, vorwärts zu gehen, während sie doch rückwärts gingen".

Wenn das Volk, welches sich nach all den schönen Versprechungen auf die

Konziliumsbeschlüsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch

seine Vertreter deshalb anfragen ließ, dann erhielt es immer zur

Antwort, dass der Bericht noch nicht fertig sei".

Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes

Gesicht und "entsatzete" sich. Beim Schluss der Synode stand der

Kardinal von Guise auf und rief: "Verflucht seien alle Ketzer!"

"Verflucht! verflucht! verflucht!" brüllten die Herren Gesandten im Chor

und der "Heilige Geist" in Rom lachte ins Fäustchen. Dies war freilich

nicht der Weg, die Protestanten in den Schoß der Kirche zurückzuführen,

welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war.

Es bedarf in der Tat keiner großen Prophetengabe, um vorhersagen zu

können, dass das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil ganz denselben

römischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der

jetzt die wurmstichige Tiara trägt, leidet an der Einbildung, dass wir

1368 schreiben, und handelt demgemäß. Es ist ein Glück, dass es ziemlich

gleichgültig ist, was das Konzil beschließt, da sich niemand daran

kehren wird, und dass die Tage des Landvogtes Gottes gezählt sind:

Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt,

Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.

Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine

Beschlüsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz für die römische

Kirche. Hume sagt bei der Geschichte der Königin Elisabeth von England:

"Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert

beginnender Aufklärung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften

müssten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem

solchen groben Betrug geschickt würde."

Der protestantische Schriftsteller Heidegger verglich das Papsttum mit

einer Hure, die immer unverschämter wird, je länger sie mitmacht. Dieser

Vergleich ist zwar nicht sehr höflich; aber wenn man die Beschlüsse des

Trientiner Konzils durchliest, - muss man ihm beistimmen. Aller Unsinn,

welcher sich allmählich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte,

wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen

Glaubensformel abwich, hatte "den Verlust der Seligkeit zu erwarten".

Dass aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die

Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist.

Dieses Konzil hatte große Folgen, und die allerschlimmste war wohl die,

dass die Päpste, welche bisher beständig gegen die weltliche Macht

Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr

machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach

politischer Freiheit zu lähmen.

Pius IV. "gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch

welchen er sie empfangen hatte". Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger

Großinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geäußert haben - "Als Mönch

hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst

halte ich die Sache für unmöglich."

Dieser Pius V., der als Großinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt

hatte, war der grausamste unter allen Päpsten. Ihn belebte nur eine

Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser

Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter

Herzog Alba, der sich rühmte, dass er in sechs Jahren 18.000 Personen

hinrichten ließ, und aller Verschwörungen in Schottland und England.

Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein religiöser

Fanatismus. Er ließ zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen

Distichons hängen, welches er auf dem im Lateran (päpstlichen Palast)

neuerbauten Abtritt machte!

Papst Pius V., der beladenen Bäuche sich erbarmend,

Errichtete diesen Abtritt, ein edles Werk.

Das ist die Übersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen

brachten. Der arme Mensch rief mit Recht: "Das ist zu arg!", und noch

auf der Leiter wollte er nicht glauben, dass die Sache ernst sei, und

fragte: "Wie, Nikolaus an den Galgen?"

Als Pius unter grässlichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht

hatte, herrschte allgemeine Freude. Die während seiner Regierung beinahe

in den Ruhestand versetzten öffentlichen Mädchen versammelten sich

jubelnd um seine Leiche, und sogar der türkische Sultan ließ

Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen.

Doch ich darf nicht das Gute unerwähnt lassen, was von diesem Papst zu

melden ist, und umso weniger, als es auf dem "Apostolischen Stuhl" eine

Seltenheit ist. Er führte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler,

trug einen handbreiten, stachligen Drahtgürtel (Cilicium genannt) auf

dem bloßen Leib und kein Hemd. Seine Speise bestand aus Gemüse und sein

Getränk aus Wasser.

Gregor XIII. war seinem Vorgänger an fanatischem Ketzerhass gleich, wenn

auch nicht an Sittenstrenge. Er eröffnete dem spitzbübischen

Jesuitengeneral Aquaviva, dass es Protestanten, besonders Gelehrten,

Fürsten, höheren Beamten und anderen einflussreichen Personen, wenn sie

zur römischen Kirche übergingen, aus besonderer päpstlicher Gnade

gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch

alle protestantischen Kirchengebräuche mitmachen, kurz, nach wie vor

sich als Protestanten benehmen zu dürfen.

Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Päpstlichen Stuhl. Sein

Vater war Weingärtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst hütete in

seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: "Ich bin aus

einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang

in die Hütte meiner Eltern."

Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht

weit von Montalto in der Mark Ankona geboren. Ein Franziskaner, dem der

Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein

Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl

führte. - Er stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn

zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt

er es denn für zweckmäßig, sich ganz zurückzuziehen und dem Anschein

nach ein völliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut,

dass sämtliche Kardinäle angeführt wurden. Er stellte sich äußerst

demütig, einfältig und körperlich hinfällig, ließ sich geduldig "der

Esel aus der Mark" nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am

besten.

Die Kardinäle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt und da

keine der andern den Willen tun wollte, rief die größte Zahl der

Kardinäle, "dass der Esel aus der Mark Papst sein solle". Kaum wurde der

an seiner Krücke einherschleichende Montalto gewahr, dass er die meisten

Stimmen für sich habe, als er sogleich seine Krücke wegwarf, sich

kerzengerade in die Höhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte

und mit einer Stentorstimme ein Te Deum anstimmte, dass die Fenster

zitterten.

Man kann sich den Schrecken der überlisteten Kardinäle denken. Als der

Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gemäß fragte, ob er die

Würde annehme? antwortete er: "Ich hätte noch Kraft zu einer zweiten",

und als ihm einer der stolzesten Kardinäle wegen seines guten Aussehens

Komplimente machte, sagte er lachend: "Ja, ja, als Kardinal suchten wir

gebückt die Schlüssel des Himmelreichs; wir fanden sie und sehen nun

aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben."

Einer der Kardinäle, der sich immer für ihn interessiert hatte, wollte

seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen, aber Montalto wies ihn

zurück und sagte: "Tut nicht so vertraut mit dem Papst."

Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und

ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, äußerte nun zu seinen

Kollegen: "Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; Ihr habt einen

dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!" -

Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher.

Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mönch und griff nun mit

Energie in die bisher so jämmerlich schlaff gehandhabten Zügel der

Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzähligen

Räuberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so überhand genommen

hatten, dass kein Mensch seines Lebens sicher war. Fünfhundert

Verbrecher erwarteten, wie es bei einem Regierungsantritte gewöhnlich

war, ihre Befreiung; allein Sixtus ließ ihnen den Prozess machen und die

Galgen wurden nicht leer. "Ich sehe lieber die Galgen voll als die

Gefängnisse", pflegte er zu sagen.

Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme,

was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die

Banditen beschützt hatte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des

Prälaten Cesarino ließ der Papst niederreißen, weil sie ein bekannter

Banditenschlupfwinkel war.

"Ich verzeihe", sagte er, "was unter Montalto geschehen ist; aber als

Sixtus muss ich dieses Haus niederreißen und einen Galgen an die Stelle

setzen." Cesarino wurde vor Angst Karthäuser.

Einer der Bargellos (Landhäscher), die nur zu oft mit den Banditen

gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus

gewahr wurde. Dieser ließ ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der

Bedingung frei, dass er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl

Banditenköpfe einliefere.

Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe zu weit, dass

er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstöbern

ließ. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen eines Mordes

nach Florenz entwischt war, ließ er requirieren und enthaupten.

Diese Strenge gab Pasquino hinlänglich Stoff. Einst sah man an der

Bildsäule die Engelsbrücke abgebildet, mit den sich gegenüberstehenden

Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und

Reisemantel. Paulus äußerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache

des Reisekostüms, und Petrus antwortete: "Ich will mich fortmachen, denn

ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen."

Sixtus trieb seine Justiz mit förmlicher Leidenschaft, und einst nach

einer großen Hinrichtung äußerte er bei Tische: "Mir schmeckt es nie

besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit." - Pasquino

erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Räder, Beile usw.

und sagte: "Diese Brühe wird dem Heiligen Vater Esslust geben."

Die Mütter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser

sich auf der Straße blicken ließ, so drückte sich jeder beiseite. Ein

Zeichen, dass es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche

die Strenge des Papstes zu fürchten hatten. Er verfolgte nicht allein

Banditen, sondern auch die Menschenfleischhändler oder die Kuppler,

welche den Kardinälen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Töchter

zu verhandeln pflegten. Eine berühmte Buhlerin, Pignaccia, welche man

nur die Prinzessin nannte, ließ er hinrichten und von ihrem Vermögen ein

schönes Hospital erbauen.

Für die Armen sorgte er in bedrängter Zeit väterlich und ließ nicht

allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen,

sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel nötigte er,

seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam.

Ein schöner Zug von Sixtus war es, dass er sich früher erhaltener

Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe

nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das übrige werde ich bezahlen, wenn

ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem

Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der

ihm vor vierzig Jahren vier Scudi geborgt hatte.

Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht, aber trotz dieser

Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des

Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Scudi im päpstlichen

Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten.

Sixtus besaß Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er

sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. -

"Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne

verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst

hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin

gemacht."

Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des

Verfassers tausend Dukaten, indem er dem Letzteren das Leben zusicherte.

Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug,

sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er

ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten

auszahlen.

Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die

Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch

immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, dass die

Ketzer brennen müssten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich

billigte er, und als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart

hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glückliche Königin! Ein gekröntes

Haupt zu ihren Füßen!"

König Heinrich IV. und Elisabeth wusste er übrigens zu würdigen und

äußerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der

Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muss es

Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: "Wir

brächten einen Alexander zustande!"

Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, dass er einen Jesuiten als

Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es

würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten

wollten."

Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere

nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische

Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst

merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf

sich Ägypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der

anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen

Reinigung, dem Kreuze".

Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu streng, und so ist es

denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt

fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und

rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme

Doktor ward krank vor Schrecken.

Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch

länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er

ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er

an diesem Vorsatz.

Die Römer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben

ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende

Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je

wieder einen Mönch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern

bleiben."

Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den

verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er

hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen

der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen

lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den

Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.

Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische

Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und

Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich,

wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig

halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten."

Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur

Empörung zu verleiten und endlich verließen sie mit einer Menge anderer

Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat

benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer

Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das

Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf

sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm

eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben,

einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu

Kreuze.

In diesem Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete

sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit

seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer

Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius

strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie

die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen.

Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu

ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm

fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der

Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!"

Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen

alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren

Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen

Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten,

wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St.

Markusritter ernannt.

Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht

fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er gründlich und

war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie

anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini

beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den

allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des

Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese

Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur

Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen.

Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär

einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten

Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot

er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder

zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er

jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! -

Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im

Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus

keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen

seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52

Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten.

Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils für

seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8

Millionen.

Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna

Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses

unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne

Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie

zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein.

Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine

halbe Million Scudi beiseite geschafft haben.

Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie

lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche

Äußerung erzählte man sich von Alexander VI.

Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt

nach dreißigjährigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn

Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über

solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius

an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde

abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler

gestraft.

Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der

Papst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, während er sich von

Olympia krabbeln lässt."

Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann,

der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu

werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Fürst, in dessen Land

die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein

seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August,

Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er König von

Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte,

"dass eine Königskrone schon eine Messe wert sei".

Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das

heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte

er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser

klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn

vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen,

wenn er sich nicht bessere.

Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen,

denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu

machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so

kräftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus,

Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus

und siehe! es war Se. Hochwürden, der Beichtvater!

Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen,

als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es

versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf

Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates

durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber

nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem

ihrigen übereinstimmte.

Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher

zu werden; das heißt, die viehischen Unflätereien, mit denen sich der

päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen

getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu

fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche

Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies

nicht ungestraft tun dürfe und dass es selbst den Vizegöttern nicht mehr

gestattet war, wie die Schweine zu leben.

Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst,

der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war

natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten

Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu

unterstützen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er

doch zu mildern und zu versöhnen.

Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch

ziemlich charakterisieren.

Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alle

Merkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte:

"Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes

wird Ihnen nichts schaden."

Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen

Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht

enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige

Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich

bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu

hindern."

Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit

nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien

herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über

die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen,

selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren

ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm

Religion und Sache Gottes.

Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen

Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte

sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg

gepflanzt und wartete, dass er Trauben brächte, und er brachte

Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters;

am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!"

Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auch

Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten und

Letzteres sie "für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne und

der öffentlichen Ruhe" erklärte.

Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs

neue; hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde

in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in

Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich

sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an

einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat

geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche

Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte

all die schwarzen Blutsauger ernähren! - trieb es so weit, dass

Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu

nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal.

Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehör

schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben.

Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als

Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung

wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an

Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten:

"Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir

allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der

würdige Schüler Loyolas.

Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774

auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Päpste geben muss,

so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die

Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht

länger bei derselben verweilen kann.

Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente

allmählich zu den höchsten Kirchenwürden und als er, ohne dass er es

suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen

war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die

Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer

Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich über eure Kunst meine Gesundheit

verliere."

Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern -

zu bereichern; er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen.

Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von

seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie

sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu

erhalten."

Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte

eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich

jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde". Von seiner

päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch,

und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt.

Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen

begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln, aber der Papst duldete

dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja

selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem

Papst so entzückt, dass er ausrief: "Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe

ihm meine Tochter."

Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das

sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus

ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet

-, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste,

sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift

in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren

wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so

zerstört worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare

fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopf, so dass schließlich

bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt

werden musste. -

Schließlich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es für

unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstag zu verfluchen,

und dass er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini

aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun

Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gräuel,

und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.

Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem

berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres

und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der

Geschichte.

Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch,

dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst

wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz,

hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig,

jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. - Eine schöne Galerie von

schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto

kürzer, so dass es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein

guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine

Verdienste.

Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum

aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los,

und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines

Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte

"über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des

Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche

erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei.

Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen

Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum

unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der

achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin

gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu

haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch

ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.

Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände.

Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines

Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus

Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so

entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu

heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, "er werde nächstens selbst nach

Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius

wollte den Wink nicht verstehen.

Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in

ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland

gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es

verstand, prächtig Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor

Vergnügen und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer

ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen.

Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener,

erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig

zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph,

alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und

verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.

Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein

er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschließen,

selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemälde zu besehen.

Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begnügte sich

damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz

verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor

seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen

Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die

Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.

Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen -

wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz,

200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen

Ansehen geschlagen war.

Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittenen

Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den

es andere deutsche Städte nicht beneiden.

"Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, dass es katholisch bleiben

kann, ohne römisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zu

Azara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. von

Hohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich.

Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er

erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus

tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen

Republikaner sangen:

Non abbiamo Pazienza,

non vogliamo Erninenza,

non vogliamo Santita,

ma - Egualianza e Liberta.

(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit,

sondern Freiheit und Gleichheit.)

Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor

Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten

machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom

fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester!

die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst

übernommen."

Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab

und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der

alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform

der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte

man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena

und endlich nach Florenz in die dortige Karthause.

Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte

alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut

wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet

hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die

Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.

Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen

mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange

von Päpsten und Fürsten erdulden musste, hatte die Herzen der

Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht.

Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen

zu rächen, welches die Päpste "für den Glauben" vergossen hatten. Pius

musste fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht,

um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der

Rhone kam.

Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten,

kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans

Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe

ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er,

körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee

und Eis die Alpen übersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfuß und

fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der

Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die

Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern

einen lasterhaften traf.

Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre

eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence

abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er

hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche

der Maire für Nationaleigentum erklärte. - Die Revolutionen tun oft

einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen

gut. - Wo wären wir ohne 1848?

Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu

verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ,

und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe

auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen

und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der

Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen

bedeutet.

Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage:

"Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seine

Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen die

Pontinischen Sümpfe."

Wer hätte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren

die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen

würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der

Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.

Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser

werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der

Menschen förderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen

und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer.

Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul

nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das Öl so teuer?"

- "Weil soviel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind."

Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen

der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und

der Papst äußerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann

empfangen zu werden, aber nicht als Papst."

Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte

Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern

eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins:

bis! bis!

Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt,

erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die päpstliche

Kavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel der

Jungfrau!" und schallendes Gelächter erschallte vor Notre Dame.

Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte

sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte

eine untergeordnete Figurantenrolle.

Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der

Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im

Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu

leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen

wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber.

Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll

gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis

in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" -

"Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm

schweigend den Segen und ging in sein Kabinett.

Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch

gestehen, dass er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut

spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den

Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen

so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück

zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lässt

sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss,

gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen

Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der

Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen

und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der

liebe Gott in Frankreich", sondern zurückgezogen und einfach und

begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er

gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war männlich. In

einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er

Napoleon verächtlicherweise "Komödiant!", was den Kaiser so wütend

machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares

Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte.

Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach

Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die

Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen

war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu

unmächtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die

Menschen waren noch immer dumm.

Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August

1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die

der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die

Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen

mehrere unglückliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der früheren

Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren

geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus

flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. - Prozessionen,

Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen

aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht

werden. -

Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel

und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.

Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als

irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil

Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier

das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das

Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem

die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch

zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte.

Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche

deutsche Dame zu erzählen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein

ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jäger ist, so

sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die

Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen

immer und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden!

Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825

ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den

Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit!

Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als

gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen

vermischt werde! - Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst

Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch

auf Unfehlbarkeit.

Leo trat ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von

den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit

despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlag,

den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der

päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen

und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten

vermag ich nicht zu taxieren.

Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November

1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften

befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des

heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen

Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins außer

den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete,

Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und

jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind,

geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren

werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von

denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt

oder ihre Gönner und Anhänger sind - die vom katholischen Glauben

abgefallen sind - welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition

widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person

oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener,

Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer

Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen

gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder

bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien

enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen

Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc.

Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen

Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo

Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren.

Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden,

und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte

man ihn 1826 zum Kardinal.

Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner

Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch

mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden.

Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu

erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der

Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im

Kirchenstaat noch härter bestraft als zu jener Zeit selbst in Österreich

oder Preußen.

Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen

gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit

Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er

mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine

geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle

Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn

aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten

und Einrichtungen begünstigt, welche seit Jahrhunderten zur

Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden

unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu

aufgeführt.

Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der

Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls

und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau.

Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu

sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr

zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt

drängte.

Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, der jetzt noch auf dem

sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte

eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf

Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war

ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815

in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht

angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er

beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die

unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber

den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen führen

kann.

Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen

Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der

junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen

gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der

Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loreto,

namens Strambi, heilte ihn von dem grässlichen Übel durch Magnetismus,

das heißt durch Handauflegen, - eine Kraft, welche übrigens auch viele

Ketzer haben und ausüben.

Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in

Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in

Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde

1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal.

Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni

gekrönt.

Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an,

denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede

Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und

für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine

an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr

von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte,

und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte

überschritten diese Grenze.

Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die

Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das

konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und

um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von

ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch

strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848,

und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen

Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte

Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte

"sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht -

das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er

nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen

Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht

beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter

dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer

Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den

Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom

zur Republik erklärt wurde.

Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift,

die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der

römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich

weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist,

ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da

er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner

Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich

erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass

mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen

Regierungssorgen erlöst werden wird.

So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so

waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig.

Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in

weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen

Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen

der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war

er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren

ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.

Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig,

den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder

zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen,

während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland,

danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen

möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine

gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren

Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine

Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen

Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine

hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen

Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.

Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen

Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus,

für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für

unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen

beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung

und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten

die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur

Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie

beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich,

direkt in die Politik ein.

Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch-

katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den

Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu

erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er

die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria

am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma

erhob.

Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge

errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und

besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen

konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden

entgegentrat.

Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr

die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung

der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene

teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des

Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der

mächtigsten Hebel ihrer Macht.

Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und

andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere

Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig,

sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst

diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die

verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts

hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer

auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen

Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit

vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass

ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder

aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den

Staub treten.

Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche · 第 15 / 20 题