Die Statthalterei Gottes in Rom

"Als die Leute schliefen und stockdumm

waren, hat der böse Feind, der Teufel,

das Papsttum gestiftet."

Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt

werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt

erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den

schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums.

Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich

mir notwendig setzen muss; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten

skizzenhaften Weise zu zeigen, dass das Papsttum auf den gröbsten Betrug

gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche

verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu

machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der

römischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt

wurden.

Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als

Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten,

und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester

gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu

vernichten, dass ich auf geschichtlichem Weg die unreinen Quellen der

Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste

den Gläubigen beweise, dass sie auf die Aussagen von Menschen

vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind.

Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in

Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu

berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, dass eine

Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser

verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung

voranzuschicken. -

In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die

Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt

über ihre Gemeinden usurpierten.

Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser

es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden

sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer

Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters

Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen.

Ein Betrüger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln

zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen

bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischöfe

zu erhöhen und sie enthielten das Verrückteste, was man bisher zur Ehre

der Bischöfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Götter, Väter der

Gläubigen, Richter an Christi Statt und Mittler zwischen Gott und den

Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischöfen viele

angesehene Kirchenväter.

Als die römischen Kaiser zum Christentum übertraten, behaupteten sie

zwar selbst ihre Würde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie

beförderten das Ansehen der Bischöfe ihren Gemeinden gegenüber. Ja,

manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen

Bischöfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natürliche

Folge hatte, dass diese "in der Furcht Gottes", das heißt in der Demut

gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre

Knie vor denselben beugten und ihnen die Hände küssten. Dass diese

dadurch nur immer aufgeblasener und anmaßender wurden, liegt in der

menschlichen Natur und wir dürfen uns nicht darüber wundern, wenn schon

Bischof Leontius von Tripolis verlangte, dass die Kaiserin Eusebia,

Gemahlin des Kaisers Constantius, vor ihm aufstehen und sich verneigen

sollte, um seinen Segen zu empfangen.

Die protestantischen Bischöfe der neueren Zeit hätten es gern auch so

weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preußen einst in Magdeburg

aus dem Wagen stieg und sich dabei bückte, erhob schon der Bischof

Dräseke seine Hände und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum

großen Verdruss des Bischofs schob ihn der sonst so fromme König

beiseite und sagte ärgerlich in seiner kurzen Weise: "Dumm Zeug! - so

was nicht leiden!"

Das Hauptstreben der Bischöfe war darauf gerichtet, die Einmischung der

"weltlichen" Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, wo

möglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand,

Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm

es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heißt, von

der Kirchengemeinschaft auszuschließen.

Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hölle zusetzten, waren schwach

genug, zu den pfäffischen Anmaßungen zu schweigen und wenn nun das Volk

sah, wie ihre gefürchteten Oberherren sich so demütig gegen die Bischöfe

betrugen, musste es natürlich auf den Gedanken kommen, dass diese

übermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die

Bischöfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen.

So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr.,

auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich

in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischöfe an den Kaiser

zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde überhaupt immer mehr

unterdrückt, und die Landbischöfe, welche über ihre Gemeinden ganz

dasselbe Recht gehabt hatten wie die Stadtbischöfe, wurden 360 durch

Beschluss der Synode von Laodicäa ganz abgeschafft.

Das gewöhnliche Sprichwort sagt: "Eine Krähe hackt der andern nicht die

Augen aus"; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich

nicht nur die Augen aus, sondern die Köpfe ab, wenn sie konnten und es

ihnen passte. Wegen der lächerlichsten theologischen Streitigkeiten

lagen sie sich fortwährend in den Haaren und erfüllten deshalb die Welt

mit Unruhe und Mord.

Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die

zahllosen Mönche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen

Waffen, sondern weit wirksamer mit höchst irdischen Knüppeln verfochten.

Sie bildeten förmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischöfen

benutzt wurden und oft die gräulichsten Exzesse begingen. Ein römischer

Feldherr, Vitalianus, musste 314 in Konstantinopel einrücken, um die

Stadt vor den wütenden Mönchen zu schützen.

Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen

Mörderversammlung, weil hier die tollen Mönche mit dem Schwert in der

Hand die Annahme der Glaubenssätze erzwangen, welche sie für gut

hielten.

Einer der größten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von Alexandrien.

Sein Hass traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden

Juden. Er hetzte die Mönche und den Pöbel gegen sie auf, ließ ihre

Synagogen niederreißen und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hände

fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner fleisigsten Bürger!

Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein

er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönch

mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung

schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die

Macht der Pfaffen bereits gestiegen.

Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber

gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers

Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die

Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und

schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie

auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit

Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden

Glieder ins Feuer.

Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen

Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen und die

demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich

gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die

andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei

Rangabstufungen.

Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald

eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich

Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren

Rang an und wussten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit

zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen.

Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen, zu

Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren

voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Rang wie in ihren

Vorrechten vollkommen gleich.

Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle

aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde,

welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren ließ, wurden

lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie

die Kaiser die politische.

Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das natürlich und

mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche

ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten.

Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir

mehr über die Dummheit und Unverschämtheit dieser Lügen, oder über die

Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche

handgreifliche Weise übertölpeln ließen.

Die Bischöfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der

Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate

und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen

alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!"

Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor

den anderen Jüngern gegeben hätte, selbst wenn Petrus Bischof in Rom

gewesen wäre, so ist es doch noch immer eine seltsame Behauptung, dass

deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese

Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit,

dass es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich

Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war!

Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen

seine Jünger aus, dass keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es

ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie

aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die

Ältesten, so unter Euch sind, ermahne ich als Mitältester" usw. (1.

Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und

hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5).

Außerdem verdiente es auch nächst Judas Petrus von den Jüngern wohl am

wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte

sich schwächer als jeder andere, indem er Jesus drei Mal verleugnete und

nicht einmal eine Stunde für Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher

ruhmredig versichert hatte, dass er sein Leben für ihn lassen wolle.

Petrus war ein unüberlegter Hitzkopf, der mancherlei Übereilungen

beging, wozu der gegen Malchus geführte Streich - den ich ihm übrigens

keineswegs übelnehme - und die Ermordung des Ananias und seines Weibes

gehören. Nebenbei war er ein Duckmäuser, den Paulus wegen seiner

Heuchelei schilt (Gal. 2,11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus

so in Eifer brachte, dass er ihn einen Satan nannte (Matth. 16,23).

Dass Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegründet habe, ja, dass er

hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lüge,

die sich gewissermaßen mathematisch aus der Bibel nachweisen lässt,

weshalb es die Päpste auch nicht dulden wollen, dass dieselbe von den

Katholiken gelesen wird.

Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach

der Erzählung der päpstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon über

20 Jahre früher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch

am Anfang so viel und so weitläufig von Petrus spricht - sagt von dieser

so wichtigen Reise kein Wort!

Ganz sicher ist bewiesen, dass Paulus in Rom war und hier unter dem

Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Märtyrertod erlitt, zugleich

mit Petrus lügen die päpstlichen Geschichtsschreiber hinzu. Paulus war

zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene

christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhänger

nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort!

Wäre dieser Bischof in Rom gewesen, so hätte es Paulus gar nicht umgehen

können, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich über ihn zu

beschweren, dass er ihn nicht in seinem Werk unterstützte, denn er sagt

ausdrücklich, dass diejenigen, die er nennt, "sind allein meine Gehilfen

am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind" (Kolosser 4, 7-14).

Also "Paulus schreibt davon nichts", dass Petrus jemals in Rom war.

Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre

Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wäre,

folgt dann daraus, dass die nachherigen Bischöfe von Rom ein Recht

hatten, mit Völkern, Kaisern und Königen wie mit Lumpengesindel

umzuspringen? - Möchten sich die Päpste immerhin Nachfolger Petri oder

Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprüche machen als diese!

Wo Petrus gestorben ist, weiß man zum Glück für die Päpste nicht, und so

konnten diese eine schöne rührende Geschichte erfinden, die gar keine

historische Begründung hat. Nach ihrer Erzählung wurde Paulus als

römischer Bürger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeißelt

und dann gekreuzigt, - den Kopf nach unten, wie er es - nach der Legende

- aus Demut und zum Unterschied mit Christus verlangte. In dieser Demut

sind die Päpste nicht seine Nachfolger!

Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur

Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so groß, dass sie eines eigenen

Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im späteren Sinn kann vollends

nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom

gestiftet zu haben, gebührt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber

auf keinen Fall.

Alle Ansprüche also, welche die sich Päpste nennenden römischen Bischöfe

darauf gründeten, dass sie Nachfolger Petri wären, - zerfallen demnach

in nichts. - Ursprünglich waren diese Peterlügen von ihnen nur deshalb

erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, dass ihre Stimme bei

Kirchenstreitigkeiten als entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst

durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'appétit vient mangeant.

Konsequenterweise beginnen die Päpste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm

nennt man eine Menge zum Teil völlig erdichteter Namen, um nur die

Lücken auszufüllen; denn die frühere Geschichte der römischen Bischöfe

ist noch dunkler als die der römischen Könige. Es ist zwecklos, diese

Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nicht, namentlich

aufzuführen; ich will mich damit begnügen, nur diejenigen näher zu

beleuchten, welche die größeren Schritte taten, dem Gipfelpunkt

näherzukommen, nach welchem alle strebten.

Die Reihen der römischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz,

keine Fürstenreihe der Welt - ja, nicht einmal die chamber of horrors

der Madame Toussaut in London bietet solche moralische Ungeheuer dar als

die Reihe der Päpste, die sich die Statthalter Gottes nennen. - Aber sie

mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die

blöden Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von diesen

ekelhaften Bösewichten das Fell über die Ohren ziehen und küssten dafür

den Tyrannen noch demütig den Pantoffel.

Fuhr einmal ein vernünftiger Fürst dem hochmütigen Priester zu Rom über

die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das

Volk vernünftig genug, den römischen Anmaßungen entgegenzutreten - dann

kam gewiss ein dummer Fürst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte

hernieder auf die verfluchten Ketzer.

So kam es denn, dass die Päpste bis auf den heutigen Tag ein Recht

ausüben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhörte Dreistigkeit,

durch die klügste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich

Schritt vor Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen

der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzuräumen.

Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende

faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein;

diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem

aufgezwungenen Joch loszumachen, sobald sie können. Dies kann aber ein

jeder, sobald er aufgehört zu glauben; tut er das, so ist er schon frei

ohne weitere Anstrengung.

Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die

römische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch

eine besondere Kirche. Die armen Christen mussten sich herumdrücken, wie

sie konnten, und ihre Ältesten waren gewiss Männer von unbescholtenen

Sitten, denen es mit der Lehre Christi ernst war. Das Märtyrertum war

ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiss, und daraus geht schon

ganz sicher hervor, dass sie andere Leute waren als ihre Nachfolger, die

keineswegs nach der Märtyrerkrone verlangten.

Der erste römische Bischof, von dem wir wissen, dass er schon mehr

gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192 bis 201). Er

verlangte sehr ungestüm, dass alle übrigen Christen das Osterlamm zu der

Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage

Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am

jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß.

Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter

der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in

Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, dass ihm der

Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "dass nicht Petrus, sondern

Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre". Von einer Oberhoheit des

Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle,

noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die

beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft.

Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte

sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und

mit echt heidnischem, altrömischem Wunderglauben riefen die Christen:

"Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, dass der Heilige Geist bei

jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn

nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden.

Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete:

"er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des

heiligen Apostels Petrus". Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so

weit, dass es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft

aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten.

Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in

Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem

den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muss ich mich

in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des

Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für

einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt."

Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion

machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur

Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei

gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen

zu bewegen, dass ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei

waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie

schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem

Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger.

Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und

beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: "Macht

mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die

Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in

denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten.

Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst

vorbei und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher.

Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebenso

wenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und

denen der anderen Städte.

Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente

Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der

römischen Bischöfe immer weiter um sich griff, so würde mich doch eine

solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit

begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen

Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht

gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als

Beispiel anführen.

Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt,

dass ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen

Bischöfen, zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für

Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen

Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine

höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen.

Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebten

Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere

Stellung anzumaßen und zu behaupten, dass sie vermöge der ihnen von

Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche

beauftragt wären.

Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen

Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für

die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der

Einheit der Kirche Sorge tragen musste. Über die Beobachtung der

allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und

vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen.

Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und

begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im

Abendland die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde),

so war es denn ganz natürlich, dass sich die abendländischen Bischöfe

hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von

Rom wandten und um Rat baten.

In solchen Fällen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die

Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: "So beliebt es

dem Apostolischen Stuhl." Wenn nun auch einzelne Bischöfe zu solchen

Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten,

so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des

römischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als höchstens die

römischen Bischöfe selbst. - Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein

eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller

christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum

größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen

Bischofs bei.

Selbst im Abendland, wo doch der römische Bischof noch im höchsten

Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen

besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa,

Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Christi, und gaben

sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald

Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde.

Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendland nicht einmal allein dem

Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so,

und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten

Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der

Beweis, dass man selbst im Abendland gar nicht daran dachte, dem Bischof

von Rom einen höheren Rang einzuräumen.

Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe

ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften,

sechsten und siebten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser

nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der

römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser,

und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden

wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen

Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des

römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es

sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse

dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern

bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den

Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch

nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit.

Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein

Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung.

Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so

wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben.

Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste

spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an

den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und

schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als

Staub und Wurm." Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die

Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich

selbst nennt er seinen unwürdigen Diener. - Dies war er in der Tat, denn

er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein

Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge.

Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem

Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute,

entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdurstige Ungeheuer ein guter

liebreicher Mensch, Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen

Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze

kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an

das Ende seines Lebens.

Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst

seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas

den edlen Kaiser. An den blutdurstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind

wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät

erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestät

barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit

ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei

fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen

Veränderung Dank sagen."

Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges

Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von

Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Missvergnügen Gregors den

Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muss die

Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken,

denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren

Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen?

Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher

Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder

vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben.

Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren

Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden,

austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen

Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschäft,

welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor

ist auch der eifrigste Förderer des Mönchswesens. Er hinterließ einen

Wust selbst verfasster Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn

strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen

ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser

untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich

nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. "Ein

Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muss Gutes und Böses zu

unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das

hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein

Bischof darf aber auch keine allzu große oder gekrümmte Nase haben, um

nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; - er darf

nicht triefäugig sein, denn er muss helle sehen; noch weniger krätzig

oder beherrscht vom Fleische."

Im siebten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem

Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen

Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der

Stifter einer neuen Religion auf.

Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt

beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend.

Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebet,

Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit,

Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis

in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt

den Lohn des ewigen Lebens."

Diese Lehre musste in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie

war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu

so weit entfernt hatte, dass sie unverständlicher, unklarer, mystischer

und unvernünftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu

kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber

deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein

Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten

Christenhimmel weder eine fassbare Vorstellung noch den allergeringsten

Geschmack abgewinnen kann.

Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als

Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients

überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer

Schnelligkeit über ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die

christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die

Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die

gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen

arbeiteten für die römischen Päpste.

Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit

von ihrem Ziel entfernt. Die Kaiser küssten ihnen noch nicht den

Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um,

wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das

heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte.

Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte,

wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof

Leo "der Große" (452) musste sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter

an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in

derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian

abgesendet.

Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug

von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es

Konstans dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies.

Martin wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ

sich in hochverräterische Pläne ein. Dies bewog den Kaiser, den

römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangen nehmen und

nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter

geworden ist als durch Martin, der hier ein ganzes Jahr lang im

Gefängnis saß.

Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn

39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der

Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche

Übel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es häufig im

Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm

jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so

wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten.

Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil

gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt", sagte der

Großschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder

verlassen und in unsere Hände gegeben." Darauf übergab er den Bischof

von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne

Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle.

Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt,

und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der

Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, dass der Verbrecher

zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit

Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie

es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah.

Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er

halbnackt im Schlosshof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand

mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der

Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende

Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin

feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebett den

Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus

dem Land verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben

seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und

würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. -

Der Nachfolger des abgesetzten Martins zeichnete sich durch nichts aus

als dadurch, - dass er diesen verhungern ließ.

Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts,

wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten.

Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht

der römischen Bischöfe nur auf die Diözese, denn die barbarischen Könige

derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an,

und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit.

Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die

Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die

größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der

Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien.

Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluss auf Spanien, dafür

traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den

Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu

Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fuß gefasst, indem die dortigen

christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden.

Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhl zu Rom. Unter

ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher

gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten

zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte.

Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des

Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die

angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als

abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur

eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes

Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der

demselben erwiesen wird, eine Abgötterei."

So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien,

Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter

die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus

hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche,

welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst

ziehen musste, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben.

Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser

Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens

entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten,

welche der Langobardenkönig Liutprand dazu benutzte, seine Herrschaft in

diesem Land immer weiter auszudehnen.

Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser

auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn

einen "Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen,

einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt

diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete

ihm mit großer Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit

Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und

Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein

Geist zum Heil gelange."

Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Fleck an; er entzog

ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es

dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich

224.000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische

Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen.

Sein Nachfolger Gregor III. fuhr ganz in demselben Geist fort und

wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber

auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der

geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen

konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den

fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm.

Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach,

sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen.

Nach Gregors und Martells Tod wurde der folgende Bischof von Rom,

Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends

Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells,

Pipin, das Schwert des Reiches und hatte große Lust, den schwachen König

Childerich III. zu entthronen. Zacharias wusste es nun so zu lenken,

dass die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein

feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an

seine Stelle gesetzt werden dürfe?" Der römische Bischof antwortete:

"Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin

zum Freunde.

Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm

verdient noch bemerkt zu werden, dass er einen Bischof, namens

Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe

behauptet hatte, "dass die Erde eine Kugel sei und dass auf der andern

Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten".

Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger säten.

Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser

schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt

selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, dass der Bischof vom

Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem

Stallknecht. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber.

Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn

feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die

Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen

würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von

päpstlichem Aberglauben umgarnt, dass die Dreistigkeit des Stephanus sie

nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser

zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat,

nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar

nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte!

Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange

zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief

nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff

er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem

gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte.

Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin,

seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die

Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig

mitteilt, "dass, wenn er nicht helfen wolle, er vom Reich Gottes

ausgeschlossen sei".

Es mit dem "Himmelspförtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die

Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren

gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz

eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen

Untertan Stephanus war!

Während die römischen Bischöfe selbst dafür besorgt waren, in Italien

ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, arbeitete für sie in Deutschland

Bonifazius, welcher seiner Beschützer ganz würdig war. Ich habe schon

früher von diesem Unglücksapostel gesprochen, dem Deutschland all das

Unheil verdankt, welches die römische Kirche über dasselbe gebracht hat.

Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. über dem

erlogenen Grab der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich

dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf.

Mit heiligen Knochen aller Art ausgerüstet, ging er nun nach Deutschland

und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten Mittel an, die

deutschen Bischöfe dem Römischen Stuhl zu unterwerfen.

Das Christentum hatte in Deutschland längst Wurzel gefasst; allein

Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafür das moderne

Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte.

Er stiftete als Legat des römischen Bischofs eine Menge Kirchen in

Deutschland, die er alle demselben unterwarf, und seinen Bemühungen

gelang es, zu Stande zu bringen, dass im Jahr 744 sämtliche deutsche

Bischöfe dem Römischen Stuhle beständigen Gehorsam gelobten.

Auch über die fränkischen Bischöfe erlangte der zu Rom eine Art von

Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch

ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die

gesetzgebende Gewalt über die ganze Kirche einzuräumen. Aber es war

schon genug, dass man ihm eine gewisse Autorität einräumte; mit Lug und

Trug kamen, wie wir sehen werden, die Päpste bald weiter.

Wenn auch Pipin sich sehr demütig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn,

Karl dem Großen, obwohl er sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ;

nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er

betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in

alle Rechte, welche sonst der römische Kaiser ausgeübt hatte. Aber

dieser sonst so vernünftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer

Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging

den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewähren, welches

nur dazu diente, die Macht zu stärken, von der Karls Nachfolger

misshandelt wurden; er bestätigte das Recht des Zehnten.

Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen

bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw.

für sich. Bisher hatten sie die gläubigen Christen zur Zahlung dieser

Abgabe zu überreden gewusst, und wenn auch schon am Ende des siebten

Jahrhunderts eine fränkische Synode den Zehnten für eine göttliche

Satzung erklärte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen

wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfäffischer

Unverschämtheit, die wir deren so viele haben.

Karl der Große machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn

die Pfaffen auf alles mögliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten

von den Feldfrüchten, Schafen, Ziegen, Kälbern, Hühnern und dem Erwerb,

sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich für

Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall

dienen:

Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, dass sie ihm

auch den Zehnten von - den ehelichen Umarmungen entrichten müssten. Eine

der Frauen, welche sich von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Ansprüche

hatte überzeugen lassen, wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen

Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrängt, beichtete sie das

saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe

Züchtigung. Er veranstaltete ein großes Gastmahl, zu welchem auch der

zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung

war, erzählte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswürdigkeit des Pfaffen

und wandte sich dann plötzlich an diesen, indem er ihm sagte: "Da du nun

von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun

auch den hier!" Dabei überreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw.

und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen

Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem

Zehnten etwas vergangen sein.

Karls des Großen unwürdige Nachfolger begingen die Torheit, sich

gleichfalls von den Päpsten krönen zu lassen, und so wurde in dem Volk

bald die Idee erweckt, dass der Papst die Krone zu vergeben habe, da er

den Kaiser erst durch die Krönung zum Kaiser mache. Die Einwilligung,

welche aber die Päpste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets

in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk davon

nichts merke.

Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er "seinen Herren, den

Kaisern Ludwig und Lothar", leistete und den auch seine Nachfolger den

Kaisern schwören mussten. Dieser Eid, den ich nicht ausführlich

hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I.

und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also

klar bewiesen, dass die Päpste selbst sich damals durchaus als

Untergebene der Kaiser betrachteten.

Man erstarrt förmlich über die grenzenlose Unverschämtheit, mit welcher

die Päpste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft groß darin war Nikolaus I.

(858-868). Er behauptete: "dass die Kaiser, wenn sie Synoden für nötig

hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur

gebeten hätten, eine Synode zusammenzurufen und dann gutgeheißen oder

verdammt hätten, was man in Rom für nötig fand".

Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, "dass die

Untertanen den Königen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht

täten, keinen Gehorsam schuldig wären". Seinen Namen setzte er in allen

Schriften vor den der Könige, ja, er wagte es, Lothar zu

exkommunizieren, und dieser - bat wirklich demütig um Absolution!

Die Erzbischöfe Teutgaud von Trier und Günther von Köln traten kühn dem

frechen Nickel entgegen. "Du bist ein Wolf unter Schafen", sagten sie zu

ihm, "du handelst gegen deine Mitbischöfe nicht wie ein Vater, sondern

wie ein Jupiter; du nennst dich einen Knecht der Knechte und spielst den

Herrn der Herren, - du bist eine Wespe - aber glaubst du, dass du alles

tun dürftest, was dir gefällt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme

und fürchten nicht deinen Donner, - die Stadt Gottes, von der wir Bürger

sind, ist größer als Babylon, das sich rühmt, ewig zu sein, und das sich

brüstet, als ob es nie irren könne."

Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne

zu Rom spann ihre Lügengewebe über ganz Europa und bestrickte damit

endlich Könige, Bischöfe und Volk! Es ging aber damit den Päpsten noch

immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum

Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch

half!

Niemand wollte noch an die Rechtmäßigkeit all der Rechte glauben, welche

die Päpste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen

Fällen fatal, und sie mussten sehr wünschen, nachweisen zu können, dass

schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit gehabt

hätten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen.

Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der

Geschichte unter dem Namen der pseudoisidorische Dekretalen bekannten

falschen Urkunden von einem päpstlichen Betrüger zusammengestellt. Sie

wurden unter dem Namen des höchst geachteten Bischofs Isidor von

Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der

allerersten Bischöfe Roms, denen eine Menge bischöflicher Dekretalen

(Beschlüsse), echte und falsche durcheinander, folgten.

Der Hauptzweck dieser Fälschung war es, die ganze Kirchenzucht über den

Haufen zu werfen, den römischen Bischof zum unumschränkten

Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und

Synodalgewalt die Bischöfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von

aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhängig zu machen und allen Einfluss

des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhältnisse zu

zerstören.

In diesem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde

enthalten, durch welche der Kaiser Konstantin dem Apostel Petrus das

ganze abendländische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert!

Das Betrügerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, dass

man kaum begreift, wie selbst Bischöfe ihnen damals Glauben schenken

konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht

einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal

nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein

mussten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wusste man

sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischöfe

ließen fünf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von

Rom als von ihrem Metropolitan abhängig sein wollten, der ihnen zu nah

auf die Finger sehen konnte.

In diesen Briefen, die angeblich von den römischen Bischöfen der ersten

Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen

vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrügerische

unwissende Fälscher, welcher dies Buch verfasste, lässt diese Bischöfe

Stellen aus der Bibel nach der Übersetzung des viel später lebenden

heiligen Hieronymus, selbst aus Büchern zitieren, die erst im siebten

Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den

Beschlüssen einer Synode zu Paris im Jahr 829 in diesem ungeschickten

Machwerk aufgenommen!

Doch, wie lächerlich es auch klingen mag, diese pseudoisidorische

Dekretalen, diese anerkannte Fälschung, sind die Grundlagen des

Papsttums. Durch sie wurden die Päpste unumschränkte Gesetzgeber in

geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich über

Fürsten und Völker, ließen sich als Halbgötter anbeten, verfügten

willkürlich über große Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile.

Der Titel also, den ein meuchelmörderischer Schurke Phokas erteilte; die

Schenkung ihm nicht gehörigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin,

machte, und eine ganz gemeine Fälschung, diese pseudoisidorische

Dekretalen, bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die

päpstliche Macht gegründet ist. Mord, Diebstahl, Fälschung! Ein sauberes

Fundament!

Das Gebäude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen

Tag, denn es war gemörtelt mit der Dummheit der Menschen, und die Risse,

welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit

dem Blut von Millionen!

Die pseudoisidorische Dekretalen äußerten schon ihre Kraft unter dem

oben genannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der

872 den Römischen Stuhl bestieg. Er gebärdete sich schon wie ein rechter

Papst und sprach von dem Kaiser Karl dem Kahlen: "da er von Uns zum

Kaiser gekrönt sein will, so muss er auch zuerst von Uns gerufen und

erwählt sein." Er war der Erste, welcher den Kronkandidaten eine

förmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krönung nach Rom kommen

durften.

Karl dem Dicken, der einige Klostergüter verschenkt hatte, schrieb er:

"Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du

gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schläge klug

werden."

Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe mit dürren Worten

aus, wohin das Streben aller Päpste zielte: "Was schaffen wir denn in

der Kirche an Christi Statt, wenn wir nicht für Christus gegen der

Fürsten Übermut kämpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch

und Blut, sondern wider die Fürsten und Gewaltigen zu kämpfen." -

Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu

sein, denn er sagte: "Die Päpste werden, wie Christus, von ihren Müttern

durch die Überschattung des Heiligen Geistes empfangen"; alle Päpste

seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen

Gott und den Menschen desto besser betreiben zu können; ihnen sei auch

alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden.

Doch nicht nur die Päpste der alten Zeit beanspruchten solche

Gottmenscherei; alle römischen Priester tun es bis in die neueste Zeit,

und als Beweis dafür will ich eine Stelle aus einer Predigt anführen,

welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem

Kooperator in Oberdorfen, Anton Häring, gehalten wurde. Dieser

Gott-Häring sagt: "Mit der Absolutionsgewalt hat Christus dem

Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hölle furchtbar ist,

der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar

hinüberreicht in die unermessliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische

Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln

zu brechen vermag, welche für eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die

begangene schwere Sünde. Ja, fürwahr! diese Macht der Sündenvergebung

macht den Priester gewissermaßen zu einem zweiten Gott, denn - Sünden

vergeben kann naturgemäß eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch

nicht die höchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht

noch höher; Gott selbst nämlich vermag er sich dienstbar zu machen!

Wieso? Wenn der Priester zum Altar schreitet, um das heilige Messopfer

darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur

Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink

seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die

Konsekration, da schwebt auch schon Christus, umgeben von himmlischen

Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und

verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein

heiliges Fleisch und Blut und lässt sich dann von den Händen des

Priesters heben und legen, und wenn er auch der sündhaftigste und

unwürdigste Priester ist. Fürwahr, eine solche Macht übertrifft selbst

die Macht der höchsten Himmelsfürsten, ja, sogar die Macht der

Himmelsköniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit

Recht zu sagen: 'Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen

würden, so würde ich zuerst den Priester grüßen, dann erst den Engel,

weil der Priester eine viel höhere Macht und Hoheit besitzt als die

Engel.'"

Ich führe diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur

deshalb an, um zu beweisen, dass der dumme Glauben unter den

römisch-katholischen Christen noch kein überwundener Standpunkt ist, wie

viele Leute im Norden von Deutschland glauben. - Doch kehren wir zu den

Päpsten zurück.

Der Strom der päpstlichen Nichtswürdigkeit und Unfläterei wird nun immer

breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit,

welche in der Geschichte als das "römische Hurenregiment" berüchtigt

ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten

nach Gefallen über den sogenannten Apostolischen Stuhl.

Ich könnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle

Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag für mich ein

durchaus päpstlicher Schriftsteller reden, nämlich Kardinal Baronius. Er

sagt: "In diesem Jahrhundert war der Gräuel der Verwüstung im Tempel und

Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saßen die gottlosesten

Menschen, nicht Päpste, sondern Ungeheuer. Wie hässlich sah die Gestalt

der römischen Kirche aus, als geile und unverschämte Huren zu Rom alles

regierten, mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und

ihre Galane und Beischläfer auf Petri Stuhl setzten."

Doch man darf ja nicht glauben, dass nur die Päpste ein so unwürdiges

Leben führten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder.

König Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: "Man

findet unter der Klerisei nichts anderes als Üppigkeiten, liederliches

Leben, Völlerei und Hurerei. Ihre Häuser haben sie ganz infam gemacht

und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen,

getanzt und gespielt. Ihr Bösewichte, müsst Ihr die Vermächtnisse der

Könige und die Almosen der Fürsten so anwenden?" - Ich werde später

hinlängliche Beweise anführen, dass König Edgard die Wahrheit sprach und

dass seine Strafrede nicht allein die Geistlichen Englands, sondern

aller Länder anging.

Nicht der Heilige Geist, sondern die Mätresse des mächtigen Markgrafen

Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Päpstlichen

Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Söhnlein, welches später ebenfalls

Papst wurde. Als Sergius starb, gaben ihm Marozia und ihre Schwester

Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in

kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Päpste konsumierte, Johannes

X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangen setzen und

ersticken ließ. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen

Monaten ermordet.

Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes

XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfüllte

Rom. Einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ

ihn im Gefängnis vergiften.

Die tolle Wirtschaft, die in Rom und überhaupt in Italien zu dieser Zeit

herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als dass ich mich auf Einzelheiten

einlassen könnte.

Im Jahr 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den

Päpstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und

niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist

ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein

gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus, - ein

Junge von sechzehn Jahren!

Johannes verkaufte Bistümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und

verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt

er nicht weniger als 2000, und diese fütterte er aus bloßer

Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die

vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wäre ihnen

wahrscheinlich lieber gewesen.

Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in

der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der päpstliche Palast wurde

von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. "Kein Weib war so keck,

sich sehen zu lassen, denn Johannes notzüchtigte alles, Mädchen, Frauen

und Witwen, selbst über den Gräbern der heiligen Apostel." So erzählt

von ihm der Bischof von Cremona, Liutprand.

Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein

Konzil und hier erfuhr er von dem "Heiligen Vater" höchst unheilige

Dinge. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen ihn als Ankläger auf.

Einer sagte, dass er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestall zum

Bischof ordinierte. Andere bewiesen, dass er Bischofstellen für Geld

verkaufte und dass er einen zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi

machte. Die Unzucht will ich hier übergehen, da sie zu viel Platz

wegnehmen würde. Man beschuldigte ihn ferner, dass er den

Kardinalsubdiakon kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein

auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus

und Jupiter angerufen habe.

Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen

hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört

zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein

Brief, in welchem er schrieb: "Wir hören, dass Ihr einen andern Papst

wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich Euch alle im

Namen des allmächtigen Gottes, damit Ihr außer Stand gesetzt werdet,

weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten."

Nun machte Otto I. nicht viel Umstände mit dem liederlichen Hans, setzte

ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo VIII. an

seine Stelle. Hänschen hatte sich mit den Schätzen der Peterskirche

davongemacht.

Als Kaiser Otto mit seinen schwerfälligen Deutschen abmarschiert war, da

verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wussten

es durch ihren Anhang dahin zu bringen, dass er wieder im Triumph in Rom

eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde

fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmeln ließ.

Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war,

wurde so lange gepeitscht, bis er tot war!

Der Heilige Vater, Johannes XII., genoss aber die neue Herrlichkeit

nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Mann derselben

auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstürmten Zitadelle

totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen für einen heiligen Papst!

Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausführlicher erzählt, um die

Leser vorzubereiten auf die späteren Päpste, die noch heiliger waren als

er. Die andern "Heiligkeiten" dieses Jahrhunderts will ich kürzer

abhandeln.

Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den

päpstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Römer wegjagten, weil

er zu stolz und gewalttätig war und an dessen Stelle Benedikt VI. zum

Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der

Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefängnis geworfen und erdrosselt.

Johann XIV. ließ einen seiner Gegenpäpste ebenfalls einsperren und

vergiften; aber dieser Giftmischer, Bonifazius VII., starb bald darauf,

und seine Leiche wurde von den erbitterten Römern durch alle Pfützen

geschleift und dann auf offener Straße liegen gelassen wie ein Aas.

Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich.

Johann XV. (985-996) maßte sich das ausschließliche Recht der

Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach

Gefallen ausgeübt hatte.

Johann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangen

genommen und hatte ein klägliches Ende. Gregor ließ ihn an Augen, Ohren

und Nase schrecklich verstümmeln, in einem beschmutzten priesterlichen

Gewand rücklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die

Straße führen und dann in einem Kerker elend verhungern.

Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den

Feinden des Papsttums immer mit großer Schadenfreude erwähnt wurde, wenn

auch neuere Schriftsteller sie als eine Erdichtung behandeln. Es ist die

berüchtigte Geschichte von der Päpstin Johanna.

Man erzählt nämlich, dass zwischen Leo IV. und Benedikt III. ein

Frauenzimmer unter dem Namen Johann VIII. auf dem Päpstlichen Stuhl

gesessen habe. Bald machte man diese Päpstin zu einem englischen, bald

zu einem deutschen Mädchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea,

Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als

Jüngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich

solche Gelehrsamkeit erworben haben, dass man sie, als sie später nach

Rom kam, zum Papst wählte.

Dieser Papst war aber, so erzählt die Sage weiter, vertrauter mit dem

Kämmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fühlte, dass

er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel - die

Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum - der ihr die Wahl

ließ, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt öffentlich beschimpft sein

wollte. Sie wählte das Letztere und kam in öffentlicher Prozession

zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen

Päpstlein nieder.

Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen

Schändlichkeiten werden meist so gut vertuscht, dass der spätere

gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hin und wieder davon

vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzählungen als nicht

hinlänglich begründet verwerfen muss. Ich habe Büchertitel gelesen, auf

denen versprochen ist, die Echtheit der Päpstin Johanna aus mehr als

hundert päpstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die

ebenso gründlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das

Gegenteil. Die Sache ist an und für sich nicht so wichtig, deshalb habe

ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was

eine sehr mühsame Arbeit sein möchte, und ich muss sie dem Glauben oder

Unglauben der Leser überlassen.

Seit dieser ärgerlichen Geschichte, fährt die Sage fort, musste sich der

neuerwählte Papst auf einen durchlöcherten Stuhl setzen vor versammelter

Geistlichkeit und Volk. Dann musste ein Diakon unter den Stuhl greifen

und sich handgreiflich davon überzeugen, ob der Papst das habe, was der

Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der

Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief

er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet,

habet!) Und das Volk jubelte: Gott sei gelobt! - Dieser Stuhl hieß der

Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen

Gebrauch abgeschafft haben.

Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste,

welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich.

"Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der

Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen

Universalmonarchie."

Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es kräht

kein Hahn danach; allein in jener finsteren Zeit konnte ein Land kein

größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung

waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ

seine Arbeit liegen, denn er glaubte, dass der verfluchte Boden nur

Unkraut statt Frucht trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die

See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern;

der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn.

Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein

Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln

entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte

mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und

Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur

eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altar, - alles sollte

verkünden, dass der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Land laste. Kurz,

die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war

suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes

abgerechnet - dem deutschen Volk von ganzem Herzen wünsche.

Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der

christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen

einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er

sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn

als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein

Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer

kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden

verbrannt.

Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich

tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge

sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines

Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in

geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden,

dass selbst Könige vor dem Bann zitterten.

Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von

welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden,

dass ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit,

trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen

Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, dass heißt unsere

gewöhnlichen Zahlen.

Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde

verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in

Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt

war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung

eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde,

der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester

wurde gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu

lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle,

welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den

Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise.

Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten.

Schrecklich!

Die pseudoisidorische Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon

ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu

tragen. In demselben sehen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht und

Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben.

Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muss ich erwähnen, dass

schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher

Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinales (von

cardo, Türangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da

nun der Einfluss dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach

dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der

"Türangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie

endlich, weil Jesus siebzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg.

Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volk das Recht der Papstwahl

"entzogen", was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und

die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses

Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein

direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhls auf jede

Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst

Papst werden.

Die Kardinäle wussten sich bald die größten Vorrechte zu verschaffen.

Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Königen und

verlangten den Vorrang vor allen Kurfürsten, Herzogen und Prinzen. Sie,

die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit höher als

Erzbischöfe und Bischöfe, welche doch sämtlich ebenso viel wie der Papst

selbst waren. Da haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die

Kammerherren, die dem Fürsten den Operngucker nachtragen müssen,

Oberstenrang.

Die Kardinäle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem

Weg zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie

wir sehen werden, diesen Galgen sehr häufig; allein ich glaube nicht,

dass jemals ein Kardinal durch rechtskräftigen Urteilsspruch zum Tode

verurteilt worden ist, denn es war beinahe unmöglich, ihn eines

Verbrechens zu überführen, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen

dazu nötig waren. Kardinäle durften jede Königin oder Fürstin auf den

Mund küssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4000 Scudi jährlich

haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen

Christenheit.

Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heißt

eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Körper, aber der größte und

kräftigste Geist, der je auf dem Päpstlichen Stuhl gesessen. Sein

Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan und

die späteren reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als

Höllenbrand.

Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Päpsten

den "Apostolischen Stuhl" und wusste es durch Intrigen und Heuchelei

dahin zu bringen, dass man ihn selbst auf denselben erhob und dass

Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischöfe, ihn

bestätigte.

Dieser Grobschmiedssohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher

die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche

Begründer des Papsttums. Unablässig trachtete er danach, seine Idee von

einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfäffischen

Genie, welches kein Mittel verschmähte, gelang es auch.

Kaum war er Papst, so behauptete er: die ganze Welt sei ein Lehen des

Päpstlichen Stuhls. Mehrere Fürsten waren so töricht, dieser Ansicht

beizupflichten und ihre Reiche von ihm zu Lehen zu nehmen. Diejenigen

Fürsten, bei denen all seine nichtswürdigen Künste und Lügen nichts

fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein

solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter König war

nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Würde entsetzt und alle

Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich

bereits daran gewöhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu

betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit

seinen Anmaßungen Geltung zu verschaffen.

Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor für nötig, die

Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der

bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte

kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und

Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflussreichsten

Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei

Geistlichen auszurotten.

Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester

oder des Zölibats.

Wer die Süßigkeit und den Segen des Familienlebens kennt kann sich wohl

vorstellen, dass die Geistlichen dem Papst hierin den größten Widerstand

leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei

Jahrhunderte; endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich

weitläufiger über diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme

Fanatismus der Völker die Päpste mächtig unterstützte, wie auch über die

verderblichen Folgen, welche das Zölibat für die menschliche

Gesellschaft hatte.

Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zwecks tat, war

die Vernichtung des Investiturrechtes.

Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern

überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und

Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren

Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der

Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der

Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts.

Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuss seiner Würde eingesetzt,

bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt

wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem

Landesfürsten zusammenhingen.

Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt

über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075)

erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes

ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt

Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe

bei Strafe des Banns zu erteilen.

Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen

Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wusste jedoch

sehr wohl, was er wagen konnte; er mühte sich nicht mit den kleineren

Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den

angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete.

Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner.

Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der

Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den

Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte!

Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über

diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher

Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde.

Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen

Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der

Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren

ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in

Freiheit.

Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit,

dass er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die

Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich

überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz

Deutschland und bearbeiteten das Volk.

Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn

im Schreien waren die Deutschen schon damals groß; aber Heinrichs Gegner

handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die

Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von

Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem

Wege.

Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und

erklärten hier dem Kaiser: "dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich

nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreie!"

Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt

verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm - entschloss sich der

deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der

Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. - In der

strengsten Kälte, in einem armseligen Aufzug ging er über die Alpen. Die

Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines

Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen, aber die

Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin

schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade

erflehen.

Dieser ließ sich nichts weniger träumen als das. Er war auf einer Reise

nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er

die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schloss

Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von

Toskana, gehörte.

Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Büßerhemd, bloßen

Haupts, barfuß stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des

Schlosses, - drei Tage und drei Nächte lang, mitten im Januar, zitternd

vor Frost und matt vor Hunger und Durst!

Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner

Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so

sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen

zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar

Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den

Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. "Bin ich der Verbrechen

schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast", redete er ihn an, "so

mag Gott der Herr meine Unschuld bewähren oder mich durch einen

plötzlichen Tod strafen!" - Dann nahm er die Hälfte der Hostie. Gregor

war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben.

Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten

Bedingungen. "Wirst du dich", sagte Gregor, "auf dem zusammenzurufenden

Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir

gehorsam und untertänig sein."

Nach Deutschland zurückgekehrt, richtete der von Kummer aller Art

betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu

Speyer und sagte zu seinem alten Freund, dem Bischof: "Siehe, ich habe

Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfründe, ich kann lesen und

singen." Der Bischof antwortete: "Bei der Mutter Gottes! das tue ich

nicht." -

Die lombardischen Städte und Fürsten waren empört über die Demütigung

Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der

niedergedrückte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn

versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Fürsten

aber erwählten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser.

Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war;

als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem

Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der

Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. Über Heinrich wurde

aufs Neue der grässliche Bannfluch ausgesprochen.

Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode

setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde

als Clemens III. zum Papst erwählt. Gregor versuchte seine alten Künste.

Er gab den Rebellen die Versicherung, dass noch in demselben Jahr vor

dem Petersfest ein falscher König sterben werde. Um seine Prophezeiung

an Heinrich zu erfüllen, sandte er einige Meuchelmörder aus; aber des

Papstes böse Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni 1080

schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht

erhaltenen Wunde.

Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure

Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in

der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche

damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor

musste vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den

Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben.

Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, dass

von nun an nur einer Papst heißen solle in der Christenheit, denn bisher

nannten sich alle Bischöfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt

schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslästerlich als

den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen.

Gregor wollte Kaiser und Könige zu seinen Untergebenen machen und keine

andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er

an Heriman, Bischof von Metz: "Der Teufel hat die Monarchie erfunden."

Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, dass

beim Gottesdienst überall die römischen Gebräuche befolgt und die

lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen

Kirchen hatte das schon der Römerknecht Bonifazius eingeführt.

In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundsätze

niedergelegt. (Anm.d.A. Man hat hin und wieder an der Echtheit dieses

Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Gründe.)

Es sind 27, aber ich will nur einige anführen:

Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. - Alle Fürsten

müssen dem Papst den Fuß küssen und dürfen dieses Zeichen der Ehre außer

ihm keinem anderen erweisen. - Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser

abzusetzen. - Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoßen werden, er

aber kann aller Menschen Urteil umstoßen. - Die römische Kirche hat nie

geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. - Derjenige ist

kein Katholik, der es nicht mit der römischen Kirche hält. - Der Papst

kann die Untertanen vom Eid der Treue lossprechen, den sie einem bösen

Fürsten geleistet haben. -

Es scheint mir nicht nötig, noch einige Bemerkungen über Gregor

hinzuzufügen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: "Sein Leben klagt

ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnäckige Bosheit verflucht

ihn."

Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der

Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren und ich muss

mich darauf beschränken, aus jedem Jahrhundert einige Päpste

biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach

strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der

Universalmonarchie zur Ausführung zu bringen und fest zu begründen. Alle

gefielen sich in der Vorstellung: "Sich als Christus, die weltlichen

Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfüllen

zu betrachten." - Die Eselin ist unterdessen gestorben, aber das

Eselsfüllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich

reiten lässt.

Im elften Jahrhundert trennt sich die griechische Kirche vollends von

der abendländischen, indem die griechische behauptete, dass weder die

Lehren noch die Disziplin der Letzteren mit der Heiligen Schrift und den

heiligen Überlieferungen übereinstimmten, also ketzerisch seien. Die

Oberherrschaft des Päpstlichen Stuhls verwarf sie als eine

antichristliche Einrichtung.

Unter Hadrian IV., der 1153 den "Apostolischen Stuhl" bestieg, begann

der Kampf der Päpste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlecht der

Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaßungen des Papstes

kräftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm

verlangte, machte er lächerlich, selbst indem er sie gewährte. Friedrich

hielt dem Papst den Steigbügel - so weit war es bereits mit den Kaisern

gekommen -, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der

Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians

darüber: "Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen."

Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159-1181). Es

war dies einer der mutigsten und klügsten Päpste, der niemals im Unglück

verzagte oder im Glück übermütig wurde; aber stets darauf bedacht war,

die Errungenschaften seiner Vorgänger zu behaupten. Der große Kaiser

Friedrich kam 1177 zum ersten Mal mit ihm in Venedig zusammen und -

küsste ihm den Pantoffel.

Die Pfaffenlegende erzählt, dass der Papst bei diesem Kuss den Fuß auf

des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: "Auf Schlangen und Ottern

mögest du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen." Aber Alexander

war gewiss viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbürtigen Kaiser durch

solche unnütze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich

dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, dass der

Kaiser beim Pantoffelkuss sagte: "Nicht dir gilt es, sondern Petrus",

und Alexander antwortete: "Mir und Petrus."

Auch der kräftige König Heinrich II. von England musste sich vor dem

Wort des mächtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling,

Thomas Becket, mit Gnaden überschüttet und endlich zum Erzbischof von

Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem

Papst gegen seinen Herrn und Wohltäter, dem er durch pfäffische

Niederträchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmut rief

einst der geplagte König aus: "Wie unglücklich bin ich, dass ich in

meinem Königreiche vor einem einzigen Priester nicht Frieden haben kann!

Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?"

Diese Worte hörten vier Ritter, welche dem König treu ergeben waren; sie

eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm

geschändeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum

Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stallleute des Königs hatten

einst dem Pferd des Erzbischofs den Schwanz abgehauen und für diesen

Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder - mit Schwänzen!

Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte

mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen

wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst über ihn verhängte.

Der König schwor feierlich, dass er den Mord des Erzbischofs nicht

gewollt habe; es half ihm nichts. Er musste barfuß zum Grabe des neuen

Heiligen wallen, sich hier andächtig nieder werfen und - von achtzig

Geistlichen geißeln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe - macht

zweihundertundvierzig.

Mit Kaisern und Königen gingen jetzt die Päpste oft wie mit Hunden um.

Als Coelestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palästina gestorbenen

Friedrich I., Heinrich VI., gekrönt hatte und dieser ihm den Pantoffel

küsste, stieß er dem Kaiser mit dem Fuße die Krone vom Kopfe, zum

Zeichen, dass er sie ihm geben und nehmen könne.

Der mächtigste Papst aller Päpste war Innozenz III. (1198 bis 1215).

Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, übte dieser mächtige

Papst wirklich aus. Als er den Päpstlichen Stuhl bestieg, war er in

seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Könige

zitterten vor ihm, wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen

gab er seine Rute zu fühlen. Johann von England rief einst beim Anblick

eines sehr feisten Hirsches aus: "Welches dicke und feiste Tier, und

doch hat es nie Messen gelesen!" Aber auch dieser Spötter über das

Pfaffentum kroch demütig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom

die apostolischen Zähne wies.

Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der

Transsubstantiation, das heißt von der Lehre: dass sich durch die

Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in

Fleisch und Blut Christi verwandeln.

Hierbei fällt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der

Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, fragte: "Wie

viele Götter gibt es?" - "Gar keine", antwortete der Indianer, "denn du

hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben." Dem rohen Menschen war das

Mysterium dieser sublimen Gottfleischfresserei nicht offenbart worden.

Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer

Bauer. Der Herr Pastor war ein großer Whistspieler, und durch Zufall war

eine weiße, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten

auf den Hostienteller geraten. "Nehmet und esset, denn dies ist mein

Leib", sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglückliche Marke

in den Mund. Der Bauer biss herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht

klein bekommen konnte, rief er: "Wies der Dübel, Herr Pastor, ick mut

'nen Knoken derwischt hebben!"

Innozenz III. führte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon früher

geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitläufiger

reden werde; ferner das scheußlichste Tribunal, welches jemals die

Menschheit schändete - die Inquisition.

Der gefährlichste Feind des Papsttums kam mit dem großen Hohenstaufen

Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend

unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er

keineswegs ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religiöse

Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Hätte ihn das Volk

unterstützt, dann wären vielleicht damals schon dem Papsttum die Flügel

gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: "Lass lärmen und dräuen und die

Esel schreien." Sein Kanzler Petrus de Vinea unterstützte ihn wacker und

schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes.

Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX.

(1227-1241). Dieser tat ihn einmal über das andere in den Bann und legte

ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer

brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben: Die

Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, wovon zwei in Ehren

gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. -

Ferner habe er darüber gelacht, dass der allmächtige Herr des Himmels

und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geäußert, dass

man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen

werden könne. Freilich eine ebenso schändliche als schädliche Lehre, da

sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen würde, wenn sie zur

Geltung käme.

Diese letzte Äußerung sah übrigens dem Kaiser sehr ähnlich, der aus dem

Morgenland, wohin er einen Kreuzzug unternehmen musste, sehr freie

Ansichten über die Religion mitgebracht hatte. Einst äußerte er: Wenn

der Gott der Juden Neapel gesehen hätte, würde er gewiss nicht Palästina

auserwählt haben; und beim Anblick einer Hostie rief er: "Wie lange wird

dieser Betrug noch dauern!?" Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt

er sein Gefolge vor demselben zurück und sagte: "Achtung, hier wachsen

unsere Götter." Die Hostie wird nämlich aus Weizenmehl gebacken.

Gregor hatte den deutschen Ritterorden so sehr lieb gewonnen, und da ihm

ja die ganze Erde gehörte, so schenkte er demselben Preußen. Die Ritter

zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Päpstlichen Stuhl

und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Großmeister, Reuß von Plauen,

sagte: "Man muss den Geistlichen keine Güter geben, sondern nur

Besoldung, wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den

schlichten Text des Evangeliums halten." Der Hochmeister Wallenrode

äußerte: "Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muss man einsperren

und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll."

Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war

ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen

wegen der Wahl seines Freundes beglückwünschte, antwortete Friedrich:

"Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst

ist Ghibelline" nämlich (liberal).

Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den

Friedrich anfing, als seinen natürlichen Zustand zu betrachten. Er war

keineswegs zerknirscht, sondern rückte dem Papst zu Leibe, und der

Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54

italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft

zu entgehen.

Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der

Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kämpfte wie

ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm überall

die Hände. Besonders die deutschen Fürsten zeigten sich dem edlen großen

Kaiser gegenüber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte.

Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt.

Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zürich hielten

zu ihm bis zuletzt.

Kaiser Friedrich starb an päpstlichem Gift. Innozenz jubelte; nun stand

ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den

Lyonesern für die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich

beim Papst zu bedanken, denn Kardinal Hugo sagt in seinem

Abschiedsschreiben mit echt päffischer, zynischer Unverschämtheit: "Wir

haben Euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen

wohltätigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei

bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen überlassen wir Euch ein

einziges Hurenhaus, welches sich vom östlichen bis zum westlichen Tor

durch die ganze Stadt verbreitet." Lyon hatte demnach Ähnlichkeit mit

einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr König dasselbe

sagte und welche Papst Pius VI. "Deutsch Rom" nannte.

Innozenz IV. verlieh den Kardinälen als Auszeichnung rote Hüte. Auf ihn

folgte eine Reihe unbedeutender Päpste. Urban IV., der Sohn eines

Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder

vielmehr des Abendmahls. Eine verrückte Nonne hatte ein Loch im Mond

gesehen, und das flickte der päpstliche Schuhflicker mit einem neuen

Kirchenfest aus.

Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er

wünschte, "dass Deutschland ein großer Teich, die Deutschen lauter

Fische und er ein Hecht sein möchte, der sie auffresse wie der Storch

die Frösche".

Die Hohenstaufen erlagen im Kampf mit dem Papsttum. Die Habsburger

nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit

ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volk vereinigt das Fell

über die Ohren. Aus diesem Grund werden auch beide gleiche Dauer haben.

Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewählt wurde. Sein

Vorgänger Gregor X. hatte nämlich befohlen, dass nach seinem Tod

sämtliche Kardinäle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches

für jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum

Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer

durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewählt war. War dies

nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinäle in den

folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot,

Wein und Wasser. Diese Hungerkur beförderte merklich den Verkehr mit dem

Heiligen Geist!

Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte über

Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen

gehörig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in

den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: "Ich bin nicht

der Angreifer, sondern meine Bischöfe, die keine Hirten, sondern Wölfe

sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in

die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe

Christi? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: 'Gebet ihnen den Rock';

sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Türken und

Tataren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es genügt ihnen

nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie."

Coelestin V. wurde aus einem einfältigen Eremiten ein noch einfältigerer

Papst, und als Kardinal Caetani eines Nachts durch ein versteckt

angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: "Coelestin,

Coelestin, Coelestin! - lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu

schwer", glaubte der Dummkopf, der liebe Gott würdige ihn einer

persönlichen Unterredung, und dankte ab.

Kardinal Caetani trat als Bonifazius VIII. (1295-1303) an seine Stelle.

Auf einem kostbar aufgezäumten Schimmel, der von den Königen von Apulien

und von Ungarn geführt wurde, ritt er zur Krönung. Nach der Rückkehr aus

der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedränge selig

gedrückt wurden, tafelte er öffentlich, und die beiden Könige standen

als Bediente hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf.

Den neuen Papst verdross es sehr, dass viele die Abdankung Coelestins

als ungültig betrachteten, der überall als Heiliger angestaunt wurde. Um

der Sache ein Ende zu machen, ließ ihn Bonifaz einfangen. Der arme

heilige Waldesel bat fußfällig, ihn doch wieder in seine Höhle

zurückkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf

dem festen Schloss Fumone in ein enges Behältnis eingesperrt, wo er so

wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so dass er kläglich

verhungerte.

Dieser Bonifazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In

einer Bulle von 1294 sagte er: "Wir erklären, sagen, bestimmen und

entscheiden hiermit, dass alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen

sei und dass man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben."

Dieser ungemessene Stolz musste ihn sehr bald in feindselige Berührung

mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV. der Schöne, von

Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der König

war kein Heinrich IV., seine Großen keine Deutschen und der Papst kein

Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: "Bischof Bonifaz an Philipp,

König von Frankreich. Fürchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst

hiermit wissen, dass du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen

bist. - Wer anders glaubt, den halten wir für einen Ketzer."

Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker unterstützte

Philipp: "Philipp, von Gottes Gnaden, König von Frankreich an Bonifaz,

der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst

wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), dass wir in weltlichen Dingen

niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für Pinsel und

Wahnwitzige."

Wie jämmerlich erscheint dagegen König Erich von Dänemark, welcher, mit

Bann und Interdikt bedroht, schreibt: "Erbarmen, Erbarmen! Was haben

meine Schafe getan? Alles was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich

tragen. - Rede, dein Knecht höret."

Der stolze "Erzpinsel" wurde aber bitter gedemütigt. Philipps

Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen

Familie der Papst die unerhörtesten Grausamkeiten begangen hatte,

überfielen ihn in seinem Schloss Anagni und nahmen ihn gefangen. "Willst

du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?" schnob ihn der wütende

Colonna an. Bonifaz antwortete hochmütig. Da loderte der Zorn des schwer

misshandelten römischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins

Gesicht und schrie: "Willst du das Maul halten, Höllensohn! alter

Sünder!" Mit Mühe hielt Nogaret den Wütenden zurück, dass er seine Rache

nicht vollends befriedigte und dem sechsundachtzig jährigen Bösewicht,

der Seelenstärke genug hatte, Colonna zuzurufen: "Hier ist der Hals und

hier das Haupt!"

Darauf setzte man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das

Gesicht dem Schwanz zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefängnis,

wo er, aus Furcht vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nächte lang

nichts genoss, als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes

Mütterchen zusteckte. - Man möchte Mitleid haben mit dem alten Manne;

aber er war ein alter Bösewicht, und man denke an den armen Coelestin,

den er verhungern ließ.

Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom.

Aber die erlittene Demütigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig

gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloss sich

in seinem Zimmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weißes Haar war

mit Blut befleckt; vor seinem Mund stand Schaum, und der Stock, den er

in der Hand hielt, war von seinen Zähnen zernagt.

So endet Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: "Er wird sich

einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe und sterben wie ein

Hund."

Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklärte öffentlich,

dass Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Sünde sei, weil Gott Weiber

und Männer dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und

mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und missbrauchte seine Pagen zu

unnatürlicher Wollust, so dass sich diese untereinander die "Huren des

Papstes" nannten.

Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden

Äußerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse

es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen frage ich nicht so

viel, als nach einer Bohne. - Die Tiere haben so gut Seelen wie die

Menschen. - Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott

zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den

Sohn so wenig als an ein Eselsfüllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine

Mutter eine war. - Sakramente sind Possen usw.

Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon

öfters ausgesprochen; allein im Mund eines Papstes klingen sie umso

seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer

Ausdrücke verbrennen ließ. - Clemens V. erklärte Bonifaz jedoch für

einen frommen, katholischen Christen und nun wissen wir doch, wie ein

solcher beschaffen sein muss, um den Päpsten zu gefallen.

Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war

auch der erste Papst, der ein Wappen führte und der auf die Tiara oder

päpstliche Mütze eine zweite Krone setzte. Früher trugen die römischen

Bischöfe die sogenannte phrygische Mütze der Priester der Kybele, Mitra

genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von König Chlodwig erhaltene

Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit

Benedikt XII. auf die päpstliche Narrenkappe.

Der Pfaffenspiegel Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche · 第 14 / 20 题