(E i n e N o v e l l e.)
(Fortsetzung.)
Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die h
e i l i g e S t a d t hatte immer einen Überfluß von Leuten, die in
der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.
Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der g u t e n L e
u t e (von andern Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu
tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische
mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders in
Städten wie Rom unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t
e r L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die
Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um
dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein
in: Erste Klasse, mit dem Prädikat r e c h t g u t, solche, die
geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c.
Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten
unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der
Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken
und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat m i t t e l m ä ß i g
sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind
jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun
Ablaß verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen
einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der letzteren gibt es
übrigens in Rom wenige.
Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die
verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich
ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus
und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle
notwendig.
Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner
Memoiren von Interesse sein möchten.
Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche
spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm
durch die Missionäre in Frankreich und das Überhandnehmen der Jesuiten
drohte; da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mußte. Ich stand
stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker,
schöner junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein
Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, daß ich ihn vor wenigen
Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem
ewigen Juden einen ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war
jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme
Persönlichkeit mir damals ein so große Interesse eingeflößt hatten. Er
war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzählt hatte,
das ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
aufzuzeichnen.
Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes
und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so
drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich
beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jene interessante
Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst,
über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer
Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme
Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah, er
blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in
der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden
Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte,
was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man
weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glänzten,
ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen
röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt den
Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes
Wesen heranschweben.
Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf
der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch
Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine
solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues,
Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes,
wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum
ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge
beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche
Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
dieselbe sei.
Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte
den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine
freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe
des Mädchens sei er verstummt. Auch sie errötete, sie schlug die Augen
auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn,
hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm
angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er
langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
Ich ging ihm einige Straßen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus,
wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so
war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber bedeutungsvollen
Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein
glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
haben.
Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes
machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge
Herr saß in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine
Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden;
aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem
Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen
von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in
deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
Der bin ich," antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem
Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen
des Hauptes erwiderte.
Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so
glücklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu
genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten
Mitteilungen mir unvergeßlich machen."
Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend.
Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige
männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere
mich, ich mußte etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir
leider entfallen."
Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--"
Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
Sottisen zu sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?"
So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich
bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon
lange hier bekannt?"
Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. O ja, bin schon lange
hier bekannt," antwortete er düster. Ich war früher in Geschäften
hier, jetzt zu--meiner Erholung."
Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante;
mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie
erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit
einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch
seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon
zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein; ob Sie sich
mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schönen
Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhältnis
zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
sie passen."
Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es
schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventüre; er
blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
Ich erinnere mich," sagte er, daß wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden,
und die Tanten behaupteten, Sie hätten etwas Eigenes, Anziehendes, das
man nicht recht bezeichnen könne, Sie hätten einen höchst pikanten
Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben;
wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"
Ich sah ihn staunend an. Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
gesehen zu werden als an jenem Abend."
Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach
Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. Was wollen Sie nur immer
wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. Ich war seit jenem Abend
nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England.
Sehen Sie einmal in meinen Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser
Zeit gemacht habe!"
Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. Verzeihen Sie,
Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. Vergeben Sie,
ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante."--
Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"
Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich
meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub
verlassen habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie
wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber
nichts Verdächtiges an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen.
Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut
sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine
Schritte--"
Ist's möglich? Und warum denn dies alles?"
Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich
nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den
Spion. Vergeben Sie mir doch?"
Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, einmal, daß Sie mir
erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu
sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für
Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir,
wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit."
Den Schluß?" rief er und lachte bitter. Den Schluß? Ich wünschte, es
schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch
kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen
um diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob
man, nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat."
* * * * *
Ich folgte Otto v. S.--so hieß der junge Mann--unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf
und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut.
Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt," hub er lächelnd
an. Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht
und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es
ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien
Sie ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang
mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was
an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne
vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem
Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß
mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich
fühle auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber."
Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß
sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens,
wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht
der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen
gibt?"
Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein
Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise
von Palden bekannt wurde--"
Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum ersten Male. Sie
erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der
Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit
erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen
sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die
Stelle des Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten--"
Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.
Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte
endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um
das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. Sie
können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen
erging."
Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, mir selbst fiel die Ähnlichkeit
dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für
die große Ähnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man
Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Ähnlichkeit
war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte; der eine
starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.
[Fußnote: Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall,
der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen
zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen sich täuschend ähnlich. Der eine
tötete einen Mann und floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz
in einem österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mörder
wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ sich als
Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen
Zufall entdeckt wurde.]
Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; die
letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde
ihr wohl mit einem Male klar, daß es schon an jenem Abend nicht ihr
Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der Herr
mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in
schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen.
Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen
zu müssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
verleitet habe. Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und
seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. Sie selbst? Es ist ein
abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
ich will nicht stören.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so
süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit
aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie
ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen;
sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum
Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich
mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist
etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es
ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe,
das Zittern zärtlicher Angst und diese Tränen in den blauen Augen,
dieses Flüstern der süßesten Namen von den feinen Lippen und diese
Röte der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein
Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt."
Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form
wieder lieblicher schien, ich kenne das; so was Heiliges, so was
Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches,
kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?"
Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß sie
zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte sich
weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem
Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast
mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit
ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein
Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. Mein Herr,' sagte
ich, das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' Eines Mannes von
Ehre?' rief er, höhnisch lachend; so kann sich jeder Tropf nennen.'
Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht
weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße
zu, in welcher ich wohnte, und verließ ihn.
Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als
ich zu Haus über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen,
daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei dem
Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen. In welch
ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen!
Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor
sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses
unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
Und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war ein
Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam
behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora
Maria Campoco, dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo
sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses
Namens, ich fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von
welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser
Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich
entschloß mich, zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen
in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich
in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin
ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.
Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener
aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen
des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte,
erscholl das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich--aber nicht
meine Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat,
umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie
die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes
beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie
sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das
Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu
entschuldigen, gab mir eine Notlüge ein; ich fragte sie in so
miserablem Italienisch als mir nur möglich war, ob sie Französisch
oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der
italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine
Weile, sagte dann, ich könnte in i h r e r G e g e n w a r t mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.
Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt
fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen,
der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische
Leibwache der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer
Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich
errötete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet
hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.
Sie kam; sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligé lieblicher
als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen.
Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
führt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne
hörte; Sie müssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es,
daß die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es,
daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue
und schwieg.
Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich
erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus
Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz
daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, da
wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder e i n e r
Heimat nur e i n e große Familie sein sollten."
Eine gefährliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner,
indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute. Wie?
brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in
Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein solches
Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren
und Knechte, Norden und Süden, unsere Leute' nennen; aber
Deutschland? Bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt
ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im
Himmel oder in der Hölle treffen, so heißen sie nur Österreicher,
Preußen, Hechinger und fürstlich reußische Landeskinder!"
Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. Doch nötigte ihr meine
Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so
leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu
küssen. Doch ihre Blicke werden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur
zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß
dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für
den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und
vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber
gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte
dieses Mädchen s o von mir gesprochen!
Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war
betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei,
mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses
selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war
sie jetzt! Sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit
denen ihres Freundes, sie glaubte, große Ähnlichkeit zu finden, und
doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie
rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und
bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet
hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus
besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere
barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen,
ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig
ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
erfahren,--der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem
unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie
gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das
Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: Er
will zwar hier nicht gekannt sein und so zurückgezogen als möglich
leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte
so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt------und wohnt------'."
So etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann
den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm gerne
zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable
Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; aber
interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein
ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen,
seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich
unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er
mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er
mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte
er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. So muß
der Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!" rief er und wandte sich
unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn überall
haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.
Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen," gab er mir zur
Antwort, ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."
Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah
wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein
hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon
längst als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat g u t" auf
meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt mit
stolzer Würde; sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen
bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen konnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und
kräftig. Über das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen
eines Ende er in malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das
andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend,
sein Diener, ebenfalls ein Mönch, ein dürres, bleiches Geschöpf,
dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von
den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt würden.
Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
der ewigen Stadt".
Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer," flüsterte der junge
Mann, mit den Zähnen knirschend. Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum
Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen
erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß,
sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die
Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von
einem Türken beherrscht zu werden."
Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann?
Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern
zusammen?" Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte; denn er schaute
mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte
Verwünschungen wie ein Zauberer.
Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat
ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden
mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu; aber
trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"
Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte
dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß
sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe
trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt.
Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu
urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt
mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die
Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher
Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.
Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom,
sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen, und--stellen
Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere
Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe. Ich wandte
mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein
Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens
Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden
Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten
zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine
Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom
lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie?
Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie
lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante
Wesen etwas zu hören.
Sie erzählte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch
ihr schönes Äußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die
ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Umso
auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich
zwischen einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter
des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner
schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal
gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich
geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewußt,
das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war.
Man habe sich in ....th allgemein gefreut über die Art, wie sich
Fräulein von Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß
die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei,
sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt würden.
Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch
nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in
Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten.
Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber, und doch gab es einige
Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die
von einer Entführung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, daß
Herr ..., so hieß der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um
diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine
Römerin; das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung
der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug,
um ihr Verhältnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es
mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen;
oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht,
da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?
Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer
mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie
wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur
sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so
leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß
sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt."
Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
zu meinem großen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit
ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht
entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen,
ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten
schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder
Interesse einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören.
Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes
Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche
Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm
ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so
anziehender dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene
Hülle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten
in einem ästhetischen Tee zurückführte.
Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war
gekommen, aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien
ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie
schien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer
mußte es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen
durch keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen,
aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte
er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie
über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden
Bescheidenheit zurückzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an
ihrem Auge, in welchem eine Träne perlte, als sie weiter ging.
Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und
die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und
ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus,
sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf
die Resultate seiner Geschichte sieht: Es wiederholt sich alles im
Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner
kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte
Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich mit
ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist, senkt
sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum möge es
keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren
niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich viel
Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen
Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.--
Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die
freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte,
wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül
und wirkte selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf die
Menschen, daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm
jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich
setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine
Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes
Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame
mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein
französisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit
Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an
welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.
Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine
Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede
entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon über
die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre
beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas
nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte,
zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen
Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte
waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des
Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein
Doppelgänger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von
Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden
wollte!
Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?" hörte ich
die Dame sagen. Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen,
morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"
Mein Sohn," sprach der Kardinal, ich will nichts davon sagen, daß
Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige
Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan
spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen
Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen
Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget
mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche zur,
Verherrlichung Gottes."
Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes
Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er
blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an.
Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, mein
Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese
sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?"
Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine
Rückkehr, kein Übertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens.
Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die
Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den
Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?"
Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Überzeugung. Ich
müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen."
O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
Herr von Haller, auch geschämt? Schämen! Wie ein Heiliger würdet Ihr
dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der
treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu
verrichten? Es sei gegen Eure Überzeugung, saget Ihr? Da sieht man
wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen!
Zu was denn immer Überzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am
Glauben, daß er von selbst wirkt ohne Überzeugung. Gesetzt, Ihr wäret
krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit. Ihr seid nicht überzeugt, daß er der alleinige wahre
Arzt ist; aber Ihr laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und
siehe, sie wirken auf Euren Körper ohne Überzeugung, gerade wie uns er
Glaube auf die Seele."
Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, teurer Otto! Siehe,
wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte,
ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und
bedenke die schöne Villa an der Tiber und das köstliche Haus neben dem
Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?"
Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann
mit dem roten Hute fort, nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im
Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit
selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein
großes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
zu tun, bietet sich Euch dar!"
Wozu doch diese Öffentlichkeit?" fragte Otto. Ich hasse dieses
Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer
Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und
offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es tötet sie, wenn sie es
hört!"
Elender!" rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. Sind das
deine Schwüre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert,
und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich
nieder in ihre Fesseln; aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze!
Über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott
erbarmen!"
Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr
nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken
wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem
strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?"
Welch einfältiges Märchen!" rief der junge Mann. Was wollet Ihr auch
den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf,
dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
betrog!"
Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst
ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo
geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle
seine Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der
höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen.
Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Geständnis
über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin
Rücksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,"
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete.
Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller
derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer,
insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!"
Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche
bemerkte, welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des
heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der
Andacht.
Nicht wahr," fuhr Rocco fort, da stehen wohlklingende Namen?
Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich, diese Leute können nicht
so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht
auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im
H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure
barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich
erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen
tüchtigen Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in
Frankreich, selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht
erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name, wie der Eurige,
leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere
heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"
Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche
abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer
Heimlichkeit. Sie gelten von außen für echte Lutheraner, und was haben
sie davon, daß sie von innen römisch sind?"
O Einfalt! Es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert
habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne
an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die alleinseligmachende; daß
sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine
Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen
Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unserigen
lange im Fegefeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne
Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebensoviele
im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer verfluchten
Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn
Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig.
O, wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!" sagte Ines mit
zauberischem Lächeln. Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist
nicht möglich!"
Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, euer Erzketzer in
Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen
prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese
müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der
Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegefeuer
zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
können ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken.
Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegefeuer hundertundzwanzig
Millionen faßt und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig
Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine
etwas liederliche Seele."
Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet
mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz
kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife
nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja
Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab
öffentlich verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt _à la_
Mahomed; die Kerls würden sich schlagen wie der Teufel; denn sie
wüßten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im
Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste
werfen, sie ist mir tröstlicher; denn es stehen ganz vernünftige
Männer dort."
O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht
hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische
Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns,
und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhandnehmen,
dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer,
Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172,
Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen
Dunkel, daß sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht.
Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn
ihr eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie
hättet--die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret
wenigstens schon lange wieder zurückgekehrt."
Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein
Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der
die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen
Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein
schönes Weib haben schon andere geangelt als diesen.
Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer
seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines
Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte,
während sie über das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die
Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen
strahlte und den Abend schwül zu machen schien. Sie reichte dem
geliebten Ketzer ihre schöne Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit
einem so bedeutungsvollen Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr
seine transmontanische Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte,
mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten
Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende
Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend,
erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es
kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehöriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und
seine Dame schlugen einen Fußpfad ein und gingen der Stadt zu.
Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.
Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist
einer der besten Füße des Heiligen Stuhls! Alle Abende fährt er in
meiner Barke auf dem Fluß."
Und die Dame?"
Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. Sie fährt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder
ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des
Teufels."
So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"
Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da
würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
ihr Geliebter."
So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, die Dame wohnt
nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
Er ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man
hört sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann
flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die
Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd
aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden
Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie faßt ihn
unter der Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die
umherstehen. Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn; und
dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem
losbricht."
Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, und hat er sie noch nie
totgestochen im Zorn?"
Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. Aber krank ist sie schon
oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch
gute Seelen, diese Deutschen!"
So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
ein schönes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester
den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er
ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die
Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän
einflüsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich
sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen
konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner
wieder aufzusuchen.
Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich
mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut,
wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir
vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner
Geschichte zuvor desto ungestörter zu vernehmen.
Von allem Unglück, das die Erde trägt," fuhr er zu erzählen fort,
scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender als jener
stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen
zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken,
den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu
öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in
weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der häusliche
Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der
Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drückend
wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der
Stunden, wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der
Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz
den Schlag der Glocke übertönt!
Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald
erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich
zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten
Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen
fremden Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es;
sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus
einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir
sprach, weil ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich
auffallend von allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung
huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--"
Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene
Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?"
Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich
gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich
gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte--"
Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr
Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"
Der Berliner stutzte. Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. Wer
hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?"
Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich;
sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?"
Sie haben recht;--nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen auf
eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich
machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich
ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören
könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz
mit dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte;
sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän
seine Verhältnisse hierherriefen; sie gestand, daß er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar
führen werde.
Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines
Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in
Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von
Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.
Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?' fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.
Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur
Antwort.
Nun, so flüchtig muß es doch nicht sein,' entgegnete er mir, da Sie
ein Duell mit ihm gehabt.'
Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich
gleichgültigen Sache; es sei aber alles gütlich beigelegt worden.
Dennoch war es mir auffällig, woher der Gesandte diesen Streit
erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem
Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte.
Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; doch möchte ich
Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu
vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen,
besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.'
Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst,
sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame
sagte, zweideutige Person'! Und doch saß gerade diese Person als
Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es
deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr
auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen
aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes
sehen ließ. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken; ich
bat ihn höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht
mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so
entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar
nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen
Ausdrücken von seinen Gästen spreche.
Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht
begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der
Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine
Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah,
daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von
Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. Verzeihen Sie,'
rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitäns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu
müssen.'
Und wenn dies nun dennoch wäre?' fragte ich. Kennen Sie denn die
Geliebte des Kapitäns?'
Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. Nein, ich glaube, er hat
schon selbst genug an seiner Spanierin.'
Ich staunte von neuem. Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame
liebt!'
Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort;
wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und
ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für
nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber--jeder
Mann von Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.'
Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier
eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein
schreckliches Geheimnis und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens
Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.
Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche,
die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel
schuldig zu sein. Dieser Kapitän West ist ein Sachse,' erzählte er;
er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer
diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die
Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern
im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich
zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man
erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen
jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten
Engländer verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schloß und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.
Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam,
bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar
aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
Ärger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers
mit ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen,
spurlos verschwunden; denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen
und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den
Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten
und verhört werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als
er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber
aus, daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und
bekräftigte mit einem Eide, daß er von diesem Schritt der Donna nichts
wisse.
Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen
zusammenzutreffen.
Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und
ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses
Kapitäns West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem
Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit
annehmen lassen, daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von
Spanien aus sich an die päpstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man
wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr
zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die
nötigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, daß jener Verdacht
bestätigt sähen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren,
ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und
erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte Antwort, man möchte
diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem
Engländer wahrscheinlich für ungültig erklärt werde.'
Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus
besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt
habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im
Karneval mit jenem wegen einer Dame' gehabt habe.
Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner
Erzählung empfand, und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand
ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft
zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen; das Warum
versprach ich ihm ein andermal.
Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
übersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
Anblick! Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen
Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
blaues Auge glänzte, vielleicht von der Erwartung einer schönen
Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der
Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte
ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie
war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück;
denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
süße Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
Horizont schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter
verkündeten, hingen sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das
Unglück, das Luisen drohte?
Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, ob
ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung.
Doch, war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte,
ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit
meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen,
ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur einen Ausweg glaubte ich
offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr
verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich zu
machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
Unglück zu mildern suchen."
Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, über diese romantischen
Ideen unwillkürlich lächelnd, wie konnten Sie glauben, Freund, daß
ein Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben
werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'
Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. Ich dachte,
wie ich, muß jeder fühlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitäns West.
Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen
schönen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
lehrte. Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
begrüßen. Ei, Papa,' rief der Kleine, wie sieht dir dieser Herr so
ähnlich!'
Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem
Zimmer. Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von
diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?'
Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn
zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.
Er gehört wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse
Gewissen sich kundtut; er erblaßte, seine Augen glänzten wie die einer
Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
das Fräulein nicht völlig unglücklich, zu machen.
Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
um Luise von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte ich
ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin
erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen
unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu
entfernen.
Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere
unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er
verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben.
Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
zu retten; er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe,
das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche
der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu
können. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort möge
entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden könnte.
Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und
Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch
gemangelt zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand
ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
Ausdrücke waren gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreißen, so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
Dritten, während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prüfen, und
erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken.
Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer
gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprächen
von einem Dritten.
Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der
ersten Häuser der Stadt, für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem
Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis
ungerne. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf
seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
Kapitäns war, was ihn zu einer Härte stimmte, welche die Liebe eines
Mädchens wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich
jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
wenn sie je mit dem Kapitän sich verbinde.