West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung

zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der

Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die

Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als

er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten

zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare

Vorschläge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können;

er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich

bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte

auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinwegzukommen. Er

erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie

er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei

plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern

geflüchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie

heiraten.

Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von

dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten

und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte

sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte er

die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen

können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu

heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem

ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hätte?

Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in

welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater

Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es werde ernstlich an

der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt

angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde.

‚Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; ‚dies alles

beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre

einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht

fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem

Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen überstiegen; er

könne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt

tun.

‚Im Augenblicke heißt hier nie,' erwiderte ich ihm. ‚Sie werden sich

aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand

losmachen können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luise

nicht noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel

Ihrer Bestrebungen sein?'

Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch

er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es

sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede

Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte

Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu

mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß

gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von

Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der

schöne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte."

„Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte

ich; „jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?"

„Ja und nein," antwortete er trübe; „sie schien meine Liebe zu

übersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, daß sie

ängstlicher werde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre

Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit

oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er

hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in

Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten

arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben

wollte, man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche

mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein,

wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht

für möglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der

schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr

alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir möglich, ihre himmlische

Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich

gewußt hätte?

Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war

bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und

sprechen konnte. ‚Jetzt ist alles aus,' rief er; ‚sie stirbt, sie muß

sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, daß Donna

Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten;

ihr schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal

hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein

gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann,

der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten

zurückzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist, ich erkannte,

daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von

diesem Tage wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän

in kalter Wut zur Türe hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf

und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora

Campoco zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen

Kardinal sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater

Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich

setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf

ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln

die Türe vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich

ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch in

dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine

Aufträge, und bald hatte ich die heilige--unglückselige Stadt im

Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine

Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann

tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht

verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,

die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch

es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage

zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont

zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich

dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause

meiner Tante erzählt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene

Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn

in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an

jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner

Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und

ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner

ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.

Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines,

intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon

viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir als Menschenkenner

etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden

Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie

sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach

moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Körper, welcher abwärts

gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei

Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er

war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war

schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitän liebte er

wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht

lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre

vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger

geworden; ein zweiter wäre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer

entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen

lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein

dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne

Sächsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben

Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten

waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen

Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,

Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten

Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines

heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend

vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeigte, so

machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich

beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen

zu hetzen.

Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von

S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß

das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine

Stimme heiterer. „Der Engel!" rief er aus. „Sie will mich dennoch

sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,

indem er mir den Brief reichte; „müssen solche Zeilen nicht

beglücken?"

Ich las: „Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu

sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis

Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es

eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie

wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der

Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!

daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen

dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich

nicht ertragen kann. L. v. P.

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt

wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun

könnten."

„Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,"

sagte ich; „doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das

Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg

kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich;

denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien

genau bekannt."

Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können.

„Das ist trefflich!" rief er. „Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben

zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die

Verhältnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

„In Berlin," erzählte er, „hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte

niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte

Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustande, der

beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der sächsische

Gesandte: Der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West

erklärt, man spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Übertritt

des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle. In demselben Briefe

erwähnte er mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr

angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,

sehr gefährlich krank sei, die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht

entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß alles, was

ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge

haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte,

jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück,

und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert,

mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so

plötzlich wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es

mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit

einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu

verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wieder fand!

Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West

zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle.

Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre

Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter

einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr

zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis

ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde,--

oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute

geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist

zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen

zu denken ist."

„Aber der Fromme," fragte ich; „soll wohl der seine Bekehrung

übernehmen?"

„Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist ein

deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu

bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich

erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des

Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein

Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch,

auch dies kömmt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch

kümmern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden.

Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse

eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon

lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,

als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur

eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt;

ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie

mußte dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die

Heilung des Kapitäns West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich

empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in

ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat

ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren

Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie

einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer.

Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten

Neigen des Hauptes und antwortete: „Gegrüßet seist du mit dem Gruße

des Friedens!"

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute

sind eine wahre Augenweide für den Teufel, er weiß, wie es in ihrem

Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als

Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und

wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit

neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.

Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn

sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist

ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die

Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden

mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre

eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man

glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.

Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen

kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, „Ja, ja, nein, nein". Auf

weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind

die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lärm für sich;

doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre

Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kömmt es,

daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich

öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen

ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen

jeder andere sein Auge beschämt wegwenden würde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie

gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien

von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert

worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen

näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle

kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen

mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1

und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Äußern; denn sie sind

Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. „Ihr seid ein

Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruß, „Ihr seid ein

Deutscher?"

„Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott," antwortete er; „aber

die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

„Da habt Ihr recht," erwiderte ich, „besonders wenn sie in einer engen

Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser

gotteslästerlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: „O welche Freude hat

mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist

der erste, der mir hier sagt, daß dies die Stadt der babylonischen H---,

der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne

von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen großen

Götzentempeln und nennen alles ‚heiliges Land', selbst wenn sie

Protestanten sind; aber diese sind oft die Ärgsten."

„Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere

Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer

Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme

Seelen sein."

„Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;

man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so

etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch

ihn ist dieses Übel in die Welt gekommen. Zu was denn diese

Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie führen zum Unglauben. Die

Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h

gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie

erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der

gelehrteste Doktor."

„Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; „und ich war in meinem

Leben in der Seele nicht vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn

ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort

verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so

hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren

zerknirscht. Doch sage mir, wie kömmst du ins Haus dieser Gottlosen?"

„Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete

gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein

Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus

wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam

in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin

aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr

ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Sünder.

Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich

abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zähneklappern. Ich sprach ihr zu,

sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum

Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Manne, den der

Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat

mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in

mir wohnet. Und darum bin ich hier."

Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit

dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich

mit der Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich

bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab

ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

„Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun,

der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon

davon gesagt, und es kömmt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines

solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."

„Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in

geistlichen Kämpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr

nützlich sein können."

„Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich

verdrehend, „es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich

will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf

zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich

fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brüder, lasset

uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"

„Gehen wir!" sagte der Berliner. „Seien Sie versichert, Luise, daß

Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung

dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft;

die Zeit bringt Rosen."

Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem

wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich

in der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist, vom

Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und

verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der

Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und

ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen

Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte

nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu

entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich

ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung

und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige

Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am

besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch den Kapitän

West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn

noch von der Spanierin werde losmachen können.

Auf dem Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er

hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!

Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus

einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen

Likör enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn

kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer

Begeisterung sprechen.

Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner

stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste

getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und

sprach: „Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat

dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben

willst, daß du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der

Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie

heißt es Sirach am 9. im dritten Vers? He? ‚Fliehe die Buhlerin, daß

du nicht in ihre Stricke fallest.'"

„Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitän

gereizt. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer

Sottisen zu sagen."

„Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,

besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie

übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."

„Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe; denn--"

„Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,"

schrie der Pietist. „Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm,

und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden

lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Laß dich nicht bewegen

von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es

ein Ende nehmen wird.--Wisse, daß du unter den Stricken wandelst und

gehest auf eitel hohen Spitzen!"'

„Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht

selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"

„Nein! Aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit

einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem

Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."

„Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme

Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. „Auf,

ihr Brüder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied

singen, vielleicht hilft es." Er drückte die Augen zu und fing an, mit

näselnder, zitternder Stimme zu singen:

„Herr, schütz' uns vor dem Antichrist,

Und laß uns doch nicht fallen;

Es streckt der Papst mit Hinterlist

Nach uns die langen Krallen;

Und laß dich erbitten,

Vor den Jesuiten

Und den argen Missionaren

Wollest gnädig uns bewahren.

Sie sind des Teufels Knechte all,

Nur wir sind fromme Seelen;

Wir kommen in des Himmels Stall,

Uns kann es gar nicht fehlen;

Denn nach kurzem Schlafe

Ziehn wir frommen Schafe

In den Pferch für uns bereitet,

Wo der Hirt die Schäflein weidet;

Dort scheidet er die Böcke aus--"

Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang;

aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben,

dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselte Scham und Zorn,

und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses

Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne

erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers

anhub, ging die Türe auf, und die hohe, majestätische, Gestalt des

Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,

faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern

herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns mit

gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte

vielleicht den ehrerbietigen Kuß eines Gläubigen erwarten.

Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der

Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn

erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu

sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S.

erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem

Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: „Das ist wohl der Teufel,

den du im Traume gesehen?"

Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen Leib

zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem

Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der fromme

Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder

erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfürsten;

doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu

dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer protestantisch=

mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden

Predigerton auf italienisch an: „Siehe da, ein Sohn der babylonischen

H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und

Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"

„Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er näher trat

und den Prediger ruhig und groß anschaute. „Piccolo, merke dir diesen

Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."

Der Pietist geriet in Wut. „Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!"

schrie er. „Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kömmt der Geist

erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich

will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine

ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur

ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem

Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! Das sind die

eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt;

in Sack und Asche mußt du Buße tun."

Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,

seine Wangen glühten. „Jetzt sehe ich, Kapitän," rief er, „was Euch

solange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen

wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha! bei

der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekränkt."

„Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. „Ich bitte, uns

nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in

sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran

verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen;

denn Ew. Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die

Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle

Welt über schwemmt."

Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es,

sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen.

„Herr v. S.," sagte ich, „der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein

Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schließt

mich mein Bewußtsein von den ‚wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache

keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer

werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen

können--"

„Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. „Bruder, Mann

Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu

rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer; aber es wäre ihm besser,

ein Mühlstein hänge an seinem Hals, und er würde ertränket, wo es am

tiefsten ist."

„Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort,

und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß die Beschämung,

vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die

Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kämpften.

„Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. „Diesen

Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er

will, denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber über

diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von

Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S.

besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen

wollen."

Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte

er ihn nur noch mehr auf; doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben,

und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. „Ja, ich habe

mich freilich höchlich geirrt," sagte er lächelnd, „und bitte um

Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse

Gegenstände; doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind,

was Sie herführt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän

wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen?

Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, ist ihm

gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano,

daß Sie sich von demselben Manne zurückführen lassen, der Sie so

geschickt aus dem Sattel hob!"

Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die

Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle

Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer

sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von

einem römischen Priester so verhöhnt zu werden. „Die Achtung, Signore

Rocco," sagte er, „die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt

mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über mich gesagt

haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und

wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mühe geben

wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob,

werde ich folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner

Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht

in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott

noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein

andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate

ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im

Schoße der Kirche ist."

Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein

seidenes Gewand. „Geben Sie sich keine Mühe," entgegnete er, „mir zu

beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.

Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West

zu bekehren--"

„Wir kennen diese schönen Zwecke," rief der Berliner mit sehr

überflüssigem Protestantismus; „Ihre Pläne sind freilich nicht auf

einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie

möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was

noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber

Sie kommen hundert Jahre zu spät oder zu früh; noch gibt es, Gott sei

Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein

wollen, als den heiligen Stuhl anbeten."

„Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen.

„Ihnen, mein Herr v. S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns

an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der

Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann

Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England

über kurz über lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann

werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.

Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Züge des

Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so

sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich

gut aus der Sache gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater

Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines

Talars und, mit Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus

dem Zimmer.

Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist

murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert; denn der

Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem

Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen,

der babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem

Paradiesgärtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.

Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.

Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem

Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen

sonnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen

würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der

Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein

Leichtsinn verleitet; denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn

daraus entstehen könnten,--er hätte sich von falscher Scham nicht so

blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser

Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens

Besitz nicht ausgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da

sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän

nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch

wissen wollte; ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt

worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühte;

und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das

Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.

„Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, „ich sehe ein, daß

ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir

Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu

erbitten?"

„Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt," antwortete

der junge Mann etwas verstimmt und finster; „ich glaube nicht, daß

nach diesen Vorgängen--"

„O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, „ich kenne Luisens gutes

Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben.

Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der

Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu

kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen

sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort

von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel

zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!"

„Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe

nach Fassung rang. „Soll ich Ihnen Antwort bringen?"

„Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr

als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber."

* * * * *

Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das

Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse; seine Gestalt, sein Gesicht,

zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück;

es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen,

er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden

heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so

sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue,

den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem

armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen

Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen

Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!

Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß

sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie

hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu

begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne.

Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in

den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? Ich

forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitän suche, und er

sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen

Schuldschein auf fünftausend Scudi zu überreichen habe, die jener

zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. „Wertester Frater Piccolo,"

erwiderte ich ihm, „das sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr

in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort

werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch." Er dankte und ging

weiter; daß er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna

Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu dürfen. „Fünftausend

Scudi, zwölf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. „Ich will doch

sehen, wie er sich heraushilft!"

Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu

fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur

dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte, er fürchtete, Luise

werde nicht auf die Dauer glücklich werden. „Dieser West!" rief er.

„Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr

zurückführt! Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn

kommt, die Spanierin so unglücklich gemacht zu haben--wie leicht ist

es möglich, daß er auch Luise wieder verläßt!"

Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht

zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht

und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Künste

anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch

gemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und

ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der

gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!

Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora

Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm

unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause

des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere

Leitung, gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche

zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren

wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln

auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie

habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten

zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine

sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie

befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den Fluch

ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer

verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so

kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des

Geliebten dennoch nicht glücklich zu werden.

Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das

weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er

lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco

empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß

sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger hören

könne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend,

mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht,

trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster,

ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue

Schuld lesen, die er zu der alten gefügt.

Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das

schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing

ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,

und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefühlt, wie die

höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war

diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung

davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine

Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger

langweilen dürfte: „Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der

Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der

Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die

Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen

Krieg nicht." So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben,

aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,

nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergötzte ich, mich mehr an der Erwartung als an

der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater

Piccolo durch die Bäume herbei käme, um seinen Wechsel honorieren zu

lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welch es

Staunen, welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei

dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit

vielen Worten nichts sagten--da hörte ich auf einmal das Plätschern

von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um

welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre!--

Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher. Weder die

Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur

noch das Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans

Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte

Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten

auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der

Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein

Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem

schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu

begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurück,

indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen

verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah

also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich

um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe

musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,

die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.

„Schändlich!" hob Ines an. „So muß ich dich treffen? Bei deiner

deutschen Buhlerin verweilst du und vergißt, was du deinem Weibe

schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen,

durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen

Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in

den Armen einer andern?"

„Folget uns, Kapitän West!" sagte der Kardinal sehr strenge. „Es ist

Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke

wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische

Gesellschaft."

„Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm

schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. „Schicke diese Leute

fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du

zauderst? Monsignore, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in

diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich, mit dieser Dame zu

entfernen."

„Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. „Diese

ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird

sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen."

„Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend,

Signora Campoco; „wie möget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten

ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

„Nicht gezaudert, Kapitän!" rief der Kardinal. „Werfet den Satan

zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die

Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll ich,"

fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „soll ich Euch etwa dies Papier

vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den

fünftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache

abholen lassen?"

„Fünftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. „Ich leiste

Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft"--

„Mitnichten!" antwortete er mit großer Ruhe. „Ihr seid ein Ketzer;

_haeretico non servanda fides_. Ihr könntet leicht ebenso denken

und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen

der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

„Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Tränen

entstürzten. „Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz

übergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein

ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,

als Ihr fordert"--

„Meinst du, schlechtes Geschöpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede,

„meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele

verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat, er hat

mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat

mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche

Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten

kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen

Würmern, den Vater!"

„Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut

bewegt. „Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte

schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so

tief möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst,

ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir

gebrochen!"

„Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal;

„sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit

einem andern, der hier neben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere

nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt

nicht folgst, wirst du sehen, was es heißt, den heiligen Vater zu

verhöhnen!"

Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig

Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch mußte es zu

einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:

„Wie? Was ist das für ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt.

„Es wird doch kein Unglück geben?"

„Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. „O, weinet nur, ihr armen

Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich

gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein

Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!"

Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fräulein faßte

ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie

Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst

war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß

ausführen wolle, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie

einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem

Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als

sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze

Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.

Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig

zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last

nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen; er wollte

vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte

heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen

Mannes, um den seinigen unterzuschieben.

Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,

die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. „Fort mit dir!" rief er.

„Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du

hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken,

mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal

entreißen, Hinweg mit dir, du Ehrloser!"

„Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitän schäumend, es mochte in der

Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender

war. „Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan?

Erklären Sie sich deutlicher!"

„Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da

hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder

ich schlage dich nieder!"

„Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich

fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen

Mannes.--In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen

Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu

lassen, in die Knie.

„Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch," war mein Gedanke,

als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; „jetzt wird er sich

bergen im Schoße der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn

willenlos ließ, sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen,

und die Barke stieß vom Lande.

* * * * *

Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an

welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle

Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch

nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben

und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also wenig

Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob

vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um

den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen

zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel

der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpf en, da ihre Seelen

doch einmal verloren seien.

An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders die

Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man

drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach dem

Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl

herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle

schlagen an die Brust und sprechen. „Wohl mir, daß ich nicht bin wie

dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz

besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen

Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer

ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser

Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß

es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er

Obrist, und wenn man am Donnerstag frühe ein schönes Kind auf der

Straße anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man

auf die Antwort rechnen: „Ei, wisset Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes

ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird wie

ich und Ihr?"

Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht

erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach

der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen,

Bitten, Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er

einwilligte, besonders da er durch den Übertritt nicht nur Absolution

für seine Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch

Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der

Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein

Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.

Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an

mir vorüber kommen mußte. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mönchen,

Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran. Ihre

halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie

zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Römer um

mich her aufmerksamer. „_Ecco, ecco lo_!" flüsterte es von allen

Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche

bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren

Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen

vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Sch ritten.

„Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hörte ich die

Weiber um mich her sagen. „Welch ein frommer Soldat!"

„Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele

entrissen wird!"--

„Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"

„Vorher," antwortete ein schöne schwarzlockiges Mädchen, „vorher; denn

nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn

ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."--

„Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, „der Papst kann alles,

was er will, so oder so."

„Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lächelnd; „nicht

alles!"

„Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. „Er kann alles; was

sollte er denn nicht können?"

„Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der

Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.

„Was? Du versündigst dich, Mädchen?" schrie er. „Welche unheiligen

Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst

heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."

Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen, und auch ich

folgte dorthin. Es ist eine lächerlich materielle Idee, wenn die

Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche

kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior,

Balthasar) über ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland

werden sich bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.

Ich drängte mich so weit als möglich vor, um die Zeremonien dieser

Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues

Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des

Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der

ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,

der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem

ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit

aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen

Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je,

und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte

dem Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und

einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ.

Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit

einer Hand an eine Säule, und ich glaubte, sie wäre ohne diese Hilfe

auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.

Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch

sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester

den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs

hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,

übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar

über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft

hinwegführt.

Die Priester sangen. Jetzt fing der Täufling an, sein

Glaubensbekenntnis zu sprechen.

„Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; „er hat

auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!"

Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher

gelebt.

„Gib Frieden seiner Seele," flüsterte sie; „wir alle irren, so lange

wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß

ihn Frieden finden, o Herr!"

Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen

schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm

vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete

ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu.

„Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner

Seite, „daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich

werden!"

Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloß die Taufe, und der

Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als

ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu

und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln

ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi

führte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen

Stufen hinan und las die Messe.

Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles

sah; ihre Knie fingen an zu wanken. „Wer Ihr auch seid, mein Herr,"

flüsterte sie mir plötzlich zu, „seid so barmherzig und führt mich aus

der Kirche; ich fühle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und

die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet

vom Teufel.

Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine

Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr

den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen

Schleier zurück; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die

bleichen, schönen Züge Luisens. „Ich danke, Herr!" sagte sie. „Ihr

habt mir einen großen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der

meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter

und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den

Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich

habe sie--nie wieder gesehen.

* * * * *

Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,

welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich

an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine

Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten

Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht

erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen

Alliierten seien. Von .... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich

war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich

verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant

geworden waren.

Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche

Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien,

Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als

Stobelberg zu ihm. „Lieber Bruder," sagte ich, „es scheint, du willst

Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"

„Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan," war seine Antwort;

„und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal

anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume

unterweisen wollte."

Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die

Polizei hatte, ich weiß nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch

einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den

Pietisten gefragt, was es enthalte. „Geistliche Bücher," antwortete

er. Man glaubte aber nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes

Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges

einige Scudi von ihm nehmen.

„Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. „Eine fromme Seele sollte nach

nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als

nach dem Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit

dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt

es nicht: ‚Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem

allem fragen die Heiden?'"

„Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, „Bruder,

bei dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du

einem Mann von so felsenfestem Glauben, daß du mir solche Fragen

vorlegst. Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ‚Was werden wir

essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen

habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller

gefüllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es

geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir

eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, ihr Brut des

Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen

Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen Dukaten und lasset

mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der

Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!"

Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestärkt, daß

diese christlichen Pharisäer schlimmer sind als die Kinder der Welt.

Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straße begegnete

mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien

sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo

nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch

wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend,

seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief

auf dem Ohr.

„Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb

stehen. „Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir

uns nicht schon irgendwo gesehen?"

„O ja, und ich, hoffe noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte

die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."

„Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,

woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben

Paares."

Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die

spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und

Piccolo mußte ihn jetzt führen. „Ihr waret wohl recht vergnügt?"

fragte ich ihn. „Es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän

endlich doch noch überwunden hat?"

„Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lächelnd. „Mein Werk ist

es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was

wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich hätte die Donna

gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom

befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt

worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was

zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von

seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stände

alles noch wie zuvor."

„Es ist erstaunlich!"

„Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch

rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben soviel Ihr wollt, gegen

ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen

köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische,

reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr

Ehren und Würden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen

Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi

kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer

barbarischen Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben

dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?"

„Der Vorschlag ist nicht übel," erwiderte ich. „Ihr seid nobel in

Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst

katholisch machen?"

„_Anathema sit! anathema sit!_ Es wäre uns übrigens nicht

schwer," antwortete der Kardinal. „Wir können ihn von seinen

zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann taufen. Überdies ist

er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer

überlisten lassen!"

„Wisset Ihr das so gewiß?"

„Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er

mit einem Franziskaner gehabt?"

„Nein, ich bitte Euch, erzählet!"

„Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.

Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß

ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie _in majorem

dei gloriam_ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan

vor, sie wollten würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln

werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein

falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner

aus. Doch dieser ließ sich, nicht irre machen. Er nahm die Würfel und

warf--neunzehn. Und die Seele war sein."

„Herr, das ist erlogen," rief ich, „wie kann er mit drei Würfeln

neunzehn werfen?"

„Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein

Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann

den Unterricht beginnen."

Er gab mir den Segen und wankte weiter. „Nein, Freund Rocco!" dachte

ich. „Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan

nicht überlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners

zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen

Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor

Nacht nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute

noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich

befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für

sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit,

ihn heute noch zu sehen; denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu

finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit

jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt

durchstreifen.

Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn

dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde

nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern

einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht der

Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen

Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren

Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die

gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen

Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle

Gestalten schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein

leiser Wind die Gesträuche bewegte und ihren Schatten hin und wieder

zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches

Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht

der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese

Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen

diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes

Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Stätte lebte.

Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk

der Cäsaren und--d i e s e r römische Hof und d i e s e Römer!

Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand

jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, daß

ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts

auf dem gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher hin,--es war

Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich

schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich

redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er

richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,

weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend sank er an meine

Brust.

„Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. „Sie sind

noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!"

Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem

armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?

„Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen," fuhr ich fort.

„Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich

so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen

Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus

dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie

werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf

diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen

persönlich einführen!"

Er schwieg, er weinte stille.

„Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie

abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?"

„Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.

„Ist's möglich! Höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?"

„Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben."

Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch

die Ruinen des Kolosseums.

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 · 第 22 / 22 题