Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen
Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. Findet er wirklich bei
den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?"
Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf
aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. Ein alter
Junggeselle von fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber.
Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein
anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein--"
Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der
Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?" Ja,
wenn die Damen dächten, wie Sie, wertgeschätzter Herr! Aber so
lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so--
oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."
Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den
Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka--setzen Sie sich
doch gefälligst aufs Sofa--auf das Fräulein sollte er auch Eindruck
gemacht haben, dieser Gliedermann?"
Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern
mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu
sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden; vielleicht,
wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen solidern Geschmack."
Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?"
Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von
Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."
Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?"
Ja," erwiderte er ärgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen
erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich
heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn
Simon zu treten und sagen zu können: Herr, wir wollen ein kleines
Geschäft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus
Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube
ich nun so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente
höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."
Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß S i e gewinnen?"
Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm
anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das
Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst
ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus."
Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?"
Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,"
erwiderte er seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau
machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines
hat."
Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld;
woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?"
Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel,
um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber
Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht; werter Herr! Ist von einem
angenehmen, liebenswürdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie
steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er
in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß."
Und Rebekka denkt auch so?"
Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
Judenstraße? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der
Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele
Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands
Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis=Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht wehr würdig, um sie zu
freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr
Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne,
daß die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald
denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn
von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi soviel
Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!"
Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?" fragte ich.
Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
seiner Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er.
Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was
Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine
kühn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe,
etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
man solches Geschöpf nicht lieben?"
Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"
O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr
Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles
nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter
Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten
hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: Ißßt es möglich?' oder:
Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"
Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem
Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten
Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die
Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade
gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf
Kirchweihen oder sonstigen Plätzen sich amüsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin
der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger
empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie
sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann
weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der
Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit
Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß
einer von sich sagte: Kaufmann oder Bänderkrämer", sondern: Ich
reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragt
man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie
ganz bescheiden antworten zu hören: Knöpfe, Haften und Haken, Tabak,
Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie
nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so
darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre
sehr interessante Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim
Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und
unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen usw. ein
Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der
Geliebten enthält.
Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukömmt, mit
eingelegter Lanze _à la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit
zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist
euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Kontorspekulationen,
Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien
nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte
ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von
Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H ö c h s t oder von
L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n
Nachrichten kommen zu
lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann,
warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld
ebensogut ist als das des großen Makkabäers?
Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen. Doch die
Nuancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.
Ich bin," sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaßen
Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre
bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."
Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. Als ich in Dessau war,
ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?"
Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der
etwas wagen will, muß s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."
Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt
niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von
Metternich. Wie meinen Sie denn?"
Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das
Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine
Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil können Sie
durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere
steigen?"
Gewiß, gewiß," seufzte er. Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--"
Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
und dem g r o ß e n P o r t i e r ein Stück Geld in die Hand gedrückt
hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und
fährt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?"
Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!"
Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu
sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--"
Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Rußland sei plötzlich--"
Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute
glauben! Unwahrscheinliches, Überraschendes muß auf der Börse
wirken!"--
Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden, habe dem Islam
geschworen?"
Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die
Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige
Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so
kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
Papiere mit Gewinn ab."
Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, das
wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für
einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von
Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."
Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."
Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das
Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele
Häuser können fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und
das wäre dann meine Schuld!"
So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen
Seele. So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was
man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie
nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben
Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie,
eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im Weißen Schwanen
wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem
Grafen Rebs, grollt?"
Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, ich weiß gar
nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme
erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?"
Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
Antwort. Übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das
Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--"
Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die
meine--"
Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
Geist--"
Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte
und verstohlen nach dem Spiegel blickte. Es ist wahr, man hat mir
schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar
versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße
aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von
England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen."
Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen,
so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem
mutigen Auge zu finden!"
Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrücken und einen
Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"
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