1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HÔTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.

Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man

meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie

feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im

Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier

Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in

Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag

hat sogar acht bis zehn.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren

Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am

Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die

immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten,

das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: „Ob man am

Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d

c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu

fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall

gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger

als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: „Ob

die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"

Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen

Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in

einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu

Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten

Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,

diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut

wohnte, an der großen _Table d'hôte_ in angenehmer Gesellschaft

trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem

Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das

aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte

deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen

und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und

dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für

die Schule nicht mächtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte

ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?

„Nun," antwortete er, „das ist der stille Herr." „Der stille Herr?

Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?"

„Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den

Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und

wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

„Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so

kläglich winselt?"

„Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, „aber seit dem zweiten Tag,

daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und

ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu

Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er

ganz stille und trinkt Kapwein."

„Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, „setzen Sie mich

doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich

lauschte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai," hörte ich ihn

stöhnen, „Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87

3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und

gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!

Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit

im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu

sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald

jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,

die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf

herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte

ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die

Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal

trat, auf einen Stuhl: „Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,"

flüsterte er, „zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich,

ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich täuschen kann! Ich

hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen

erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft,

etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der

Ourika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick wie

einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das

Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit

frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben

Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen

weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht

paßte.

Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,

einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er

antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem

halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl

die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen

scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf

seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem

Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine

Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon

etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes

Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase

deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, der er haben

mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast

mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete

ein ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die

zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine

sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den

zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er

seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen

Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der

abgestorbenen, knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und

süßlich dazu lächelte, die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten

Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch

anzusehen war.

Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen maß,

konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars

düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das

Kaninchen an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen,

den Rücken auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen

nach uns herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: „Noch immer

so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf

meine Wenigkeit?"

An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr

auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen

zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen.

Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: „Eifersüchtig, Herr

Graf?--Auf S i e in keinem Fall."

Graf Rebs--so hörte ich ihn später nennen--faltete sein Mäulchen zu

einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf

komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes,

knöchernes Kinn und kicherte:

„Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht

eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend

noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und

schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes

Ragout bitten, mein Herr?"

„Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater

und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen

Blicken."

„Herr Oberkellner," lispelte der Graf, „Sie haben die Trüffeln

gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich

hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit

melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein

von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke

heute lieber roten Ingelheimer, ein Fläschchen--ja, wollte ich sagen--

das ist mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht

es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des

Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch

abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als

daß er nicht weiter geforscht hätte. „Nun, auch Fräulein von

Rothschild hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaussah?" fragte er,

indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen

suchte; „freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--".

„Richtig, das war es," erwiderte Rebs, „das war es; ja, als ich auf

Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug

sie mich mit ihrem Jocofächer auf die Hand und nannte mich einen

Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich

noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich

noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in

die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem

grimmigen Blicke an. Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem

angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf

dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r

noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: „Werter Monsieur

Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jocofächer keine argen

Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _façon de parler_ unter

Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange

man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog

und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,

„zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen.

Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben

Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit

drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

„Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

„O, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier,

einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes,

ich möchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter

uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte

es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich

darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens

hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können, nein, es ist

wirklich auffallend, in drei Tagen ..."

„Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen

Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblicke

anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die

Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts

nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie;

dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den

Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den

abgelebten Knöcheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch

einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben,

bis er endlich hervorbrachte: „Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;

ich kann es Ihnen nicht übelnehmen; auch mir wollte es anfangs

sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren

Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

„Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. „Wo Sie nur

hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese

Engländerin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide

Partie--"

„Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, „es

ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem

Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich

schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen dürfen

Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht

eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen--Sie verstehen mich schon--

das wird sich bald geben; ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich

geliebt hat."

„Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in

welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand

auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er

während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem

unglücklichen Seufzer.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 · 第 9 / 22 题