Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die
Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,
wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür
wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon
in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an
dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem
Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor
dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen
verstand.
Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,
mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die
noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt
alle Stämme Israels versammelt habe.
Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war
jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht
mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte
er sagen: Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der
Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in
der neuen Judenstraße!"
Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die
zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter
Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien,
wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da
saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit
funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich
plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter
den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte
Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke
verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung
und das Geld!
Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen
Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen
mußten, wenn man ihnen zurief: Jude, sei artig, mach' dein
Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat
der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt
anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die
Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die
spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,
suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn
von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich
sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die
Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit
blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen
geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte
Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist
Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?
Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
Arm; schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der
mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr
ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau
rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft
zu separieren nach und nach."
Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"
Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?"
Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur
Antwort, reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."
Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den
Hut gegriffen hatte, Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß
Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu
machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar
tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich
ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in
dero Visage."
Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
nützlich sein zu können."
Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor
dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote
Herzkirsche. Die Tante, das neidische Gewölk", erhob sich, und nun
ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.--Sie
hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur
Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.
Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. Haben da
ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er
wohlgefällig lächelnd; habe immer eine Inklination für die Diplomatik
gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!
Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für
Geschäfte machen!"
Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher."
Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
nehme ich es auch noch auf. Zeviel?" sagte er. Ich für meinen Teil
kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine
lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr
Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem
Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."
Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"
Gut, _très bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _à propos_,
wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde
verfänglicher.
Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es
gibt Fälle--"
Wie?" rief er erschrocken. Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?"
Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des
zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. Doch kein Unglück?
Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"
Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem
Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich
holter nicht recht verstanden."
Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den
erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!" lispelte sie. Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
und wären melancholisch jewesen?"
Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als das Gewölke" ein wenig im
Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und
gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die
Metalliques und die .... um drei Prozente steigen würden.
Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch
nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"
Es gibt Affären," fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen muß. Über
das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen
wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten
Vertrauen--"
Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, so
ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
Tochter das Geringste--"
Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich
Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a
n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,
doch Herr von Zwerner--"
V o n Zwerner?"
Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war
ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders
richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien
bekommen."
Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer,
hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.
Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen
darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"
Ja."
Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?"
Mein Herr Simon, ich bitte--"
O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"
Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen
Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei
und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu
beobachten."
Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß
sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der
Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab
dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm
seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
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