XXXVIII.

So oft habe ich gewünscht, daß unsre Geister, von _einer_ Vorstellung

erfüllet, auf einen Punkt mit all' ihren Kräften gebannt, sich losringen

könnten von den Banden des Körpers, und dahin eilen, wohin die Sehnsucht

sie zieht.

War es ein Spiel der erhitzten Phantasie, war es eine Täuschung, welche

mir die Gewährung dieses süßen Wunsches vorspiegelte? Es war die schönste

Sommernacht; Glühwürmchen schimmerten im dunklen Grase, als wären Sterne

dem Boden entblüht: dämmernd schwamm das Mondlicht um die Büsche; ein

kühler Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, trug auf seinen Luftwellen

die Düfte der Orangerie, der blühenden Gewächse zu mir herein, und wogte

wie ein Liebesmeer um meine Brust. Die Flammen der Kerzen wankten, die

Vorhänge bewegten sich leise, draußen neigten sich die Wipfel, und lindes

Leben regte jeden Gegenstand umher, regte sich auch in meiner Brust. Ein

reines Gefühl des Daseyns hatte sich meiner Lebensgeister bemächtigt, die

Gegenwart umfing mich mit stillem Zauber. Da rauschte es lauter außen in

den Büschen; eine dunkle Gestalt wallte im Mondlicht an meinem Fenster

vorüber. Er! er! schlug mein Herz. Eine Sekunde blickte sie mich an;

ich stürzte zum Fenster; alles war ruhig, unbeseelt von der Spur eines

lebendigen Wesens lag die stumme Nacht. O Geliebter! war es dein Geist, der

die Liebende grüßte?

Heloise : ein kleiner Roman · 第 39 / 48 题