XXXIV.

Der Schmerz über Juliens Verlust, ergriff mich in den ersten Augenblicken

nicht so heftig, allein er nagt an meinem Herzen, und Trauer hat mein Wesen

umzogen. Wir hangen doch unaussprechlich an den Freunden unsrer ersten

Jugend. Alle die frohen Tage der Unbefangenheit, nach denen man sich nicht

zurücksehnt, weil sie so wenig glücklich als unglücklich waren, aber auf

die man mit sanfter Rührung hinabblickt, schlingen mit frommen Kinderhänden

unauflösliche Bande um die Herzen. Mit Julien ist mir das letzte Leben

aus jenen Tagen versunken, gebannt in die Vergangenheit, das Gebiet meiner

Freuden. O sehr oft muß ich mich dorthin retten, dort Trost schöpfen, denn

alles ist trüb und dumpf um mich her; was mich gefreut hat und beglückt,

ist verwandelt.

Es ist ein trauriges Gefühl zu bemerken, wie das Leben fortgeht, seine

Freuden sich immer ferner und ferner zeigen, und keine neue mehr die alten

gewohnten ersetzen. Diese Empfindung ist so lebendig in mir, ohnerachtet

meiner Jugend; wie mag dem Alter seyn, das alle seine Freuden sterben sah,

und nichts mehr wünschet und hofft, nichts vor sich sieht, als den Tod, und

immer klagt: es war. Ich höre mit herzlicher Theilnahme, wenn Greise zu

mir von ihrer Vergangenheit sprechen. Das höchste Liebesglück ist die wahre

Jugend unseres Lebens; wer im vierzigsten Jahr zum erstenmal glücklich

liebt, lebt dann erst seine Jugend: wer nie glücklich geliebt hat, hat sie

nie gekannt. O der goldenen Zeit! wird sie zurück kehren? wird mein Leben,

wie jene seltenen Rosen, noch eine Blume aus der Blume treiben? Es ist, als

sagte eine dunkle Ahnung mir: hoffe nicht. O kehre zurück, mein Geliebter!

an deinem starken Herzen ist Ruhe; aber er hört mich nicht, und ich bleibe

allein mit meinem Gram.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 35 / 48 题