Der Schmerz über Juliens Verlust, ergriff mich in den ersten Augenblicken
nicht so heftig, allein er nagt an meinem Herzen, und Trauer hat mein Wesen
umzogen. Wir hangen doch unaussprechlich an den Freunden unsrer ersten
Jugend. Alle die frohen Tage der Unbefangenheit, nach denen man sich nicht
zurücksehnt, weil sie so wenig glücklich als unglücklich waren, aber auf
die man mit sanfter Rührung hinabblickt, schlingen mit frommen Kinderhänden
unauflösliche Bande um die Herzen. Mit Julien ist mir das letzte Leben
aus jenen Tagen versunken, gebannt in die Vergangenheit, das Gebiet meiner
Freuden. O sehr oft muß ich mich dorthin retten, dort Trost schöpfen, denn
alles ist trüb und dumpf um mich her; was mich gefreut hat und beglückt,
ist verwandelt.
Es ist ein trauriges Gefühl zu bemerken, wie das Leben fortgeht, seine
Freuden sich immer ferner und ferner zeigen, und keine neue mehr die alten
gewohnten ersetzen. Diese Empfindung ist so lebendig in mir, ohnerachtet
meiner Jugend; wie mag dem Alter seyn, das alle seine Freuden sterben sah,
und nichts mehr wünschet und hofft, nichts vor sich sieht, als den Tod, und
immer klagt: es war. Ich höre mit herzlicher Theilnahme, wenn Greise zu
mir von ihrer Vergangenheit sprechen. Das höchste Liebesglück ist die wahre
Jugend unseres Lebens; wer im vierzigsten Jahr zum erstenmal glücklich
liebt, lebt dann erst seine Jugend: wer nie glücklich geliebt hat, hat sie
nie gekannt. O der goldenen Zeit! wird sie zurück kehren? wird mein Leben,
wie jene seltenen Rosen, noch eine Blume aus der Blume treiben? Es ist, als
sagte eine dunkle Ahnung mir: hoffe nicht. O kehre zurück, mein Geliebter!
an deinem starken Herzen ist Ruhe; aber er hört mich nicht, und ich bleibe
allein mit meinem Gram.