XVI.

Es giebt kein süßeres Gefühl als die Bande, womit die Liebe zu ihm mich an

diejenigen fesselt, die ihm theuer sind; keinen holderen Schmerz, als die

Theilnahme an Leiden, die ihn einst gekränket. Wie lieb ich seine Aeltern

habe, die ich doch nicht kenne, seine Geschwister, seine Untergebene,

die großen Schaaren die sein Geist anführt. Unser Gespräch bringt uns oft

zurück in die Vergangenheit, mit stiller Wehmuth blicken wir aus unsrer

schönen Gegenwart darauf hin. Die Erinnerungen verlebten Kummers,

verklungener Freuden gehen an uns vorüber, wie liebe traurige Freunde. Er

hat eine Freundin verloren, und sprach von ihr mit besiegtem, unvergessenem

Schmerz. Es war mir als wären wir mit einander erwachsen, als hätten

wir von Kindheit auf mit einander gelebt. Mein Herz zitterte, da wir uns

trennten. Ich warf mich an mein Fenster, und badete die glühende Brust

in der Nachtluft. Meine Phantasie wandelte die fliehenden Wolken, in die

Gebirge seines Vaterlandes, und zeigte mir bald diese, bald jene Scene

aus seiner Kindheit. Ach! alle meine eignen Gedanken ketten mich

unaussprechlicher an ihn.

Wie ich so lag, hörte ich Schritte über meinem Haupte, die zum Fenster

eilten. Es war sein Tritt. Er stahl sich aus der Männergesellschaft, zu

welcher er bei Juliens Gemahl geladen war, in die Einsamkeit, den Schein

der Kerzen aus meinem Gemach auf den nächtlichen Rasen zu erblicken.

Die Natur schwieg, Sterne traten aus den zerrissenen Wolken, ich hörte das

Geräusch seiner Bewegung in dem Fenster über dem Meinen; der Baum verbarg

mir die dunklen Umrisse seiner Gestalt, aber ich fühlte seine Nähe; ich

wagte nicht ihm zuzurufen; ein kleines Gedicht fiel mir ein, das ich einst

irgendwo gelesen, ich sang mit leiser Stimme: »nur bei Dir weilt meine

Seele!« Er vernahm mich, er flüsterte meinen Namen durch die Aeste. Da

hörte ich Schritte die zu ihm traten, eine fremde Stimme, und lauter

vernahm ich die seine, in einem ernsten Gespräch.

O welch ein Entzücken, seine Rede zu belauschen! könnte ich ihn unsichtbar

umschweben, welch ein Glück! Ich hätte gewünscht zu sterben: beklagt, von

ihm beklagt zu werden, und um ihn zu schweben, ein waltender Geist!

Heloise : ein kleiner Roman · 第 17 / 48 题